Die Sonne hatte bereits ihre Laufbahn vollendet und war am westlichen Rande
des Horizonts ins Meer hinabgesunken. Der Verwundete lag in einer Art von
Halbschlummer, aus dem er aber von Zeit zu Zeit erwachte, um Wasser zu
fordern. Daß er dem Schmachtenden dieses immer geben könne, auch dafür
hatte unser William auf eine sinnreiche Weise gesorgt, indem er an seiner
Ledertasche einen Stiel befestigte; er hatte nämlich oben am Rande zwei
Löcher hineingebohrt, durch die er einen ziemlich langen Stecken schob, und
indem er das untere Ende des Steckens schräg in die Erde steckte, erhielt
sich sein Wassergefäß schwebend, so daß kein Tropfen verloren ging.
Auf diese Weise hatte unser Freund nun freilich für das nächste Bedürfniß
seines lieben Verwundeten gesorgt; allein wer sorgte für das seinige? Es
meldete sich nämlich bald ein böser Gast bei ihm: der Hunger, und er hatte
nichts, um ihn zu befriedigen. An einer reichlich besetzten Tafel ist der
Hunger ein höchst willkommener Genosse, der alle Speisen würzt; allein in
der Einöde, wo es an allen Mitteln fehlt, ihn zu befriedigen, da macht er
sich nicht wenig unangenehm.
Dies empfand unser William jetzt, und er faßte oft an seinen armen Magen,
der anfing, gewaltig zu knurren.
»Ach!« seufzte er, den Blick auf das schöne Gras werfend, welches in
reichster Fülle rund umher stand, »wie glücklich, wer doch hier ein Pferd
wäre!«
Es war indeß schon zu spät, noch auf die Entdeckung eines menschlichen
Nahrungsmittels auszugehen und so legte er sich mit dem frommen Spruche:
»der liebe Vater im Himmel wird schon helfen!« auf den Sand neben seinen
Kranken nieder und schlief bald ein.
[Illustration: ~Seite 71.~]
Neuntes Kapitel.
Nicht lange konnte unser junger Freund schlafen, indem ein immer stärker
werdendes Aechzen des neben ihm ruhenden Capitains ihn weckte. Er fuhr
empor, rieb sich die Augen und sah sich nach allen Seiten um. Die erst
anbrechende Morgendämmerung ließ ihn die ihn umgebenden Gegenstände kaum
noch erkennen und ein angenehmer Traum hatte überdies seine Gedanken
verwirrt. Ihm träumte nämlich, daß er wieder in der geliebten Heimath, im
Arme seiner theuren Mutter sei, die ihn unter Freudenthränen willkommen
hieß, und ihm das Versprechen abnahm, daß er sie nicht wieder verlassen
wolle. Auch er hatte im Traume Thränen der Freude und Rührung vergossen,
und seine Augen waren beim Erwachen noch feucht davon.
Das immer lauter und schmerzlicher werdende Aechzen des armen Leidenden
neben ihm entriß ihn bald seinen angenehmen Vorstellungen und machte ihn
darauf aufmerksam, wo er sich befinde. Er sprang schnell auf und trat zu
der über dem Körper des Capitains gemachten Laubhütte, außerhalb deren er
geschlafen hatte, weil nur Raum für _eine_ Person darin war. Er machte
sich die bittersten Vorwürfe, daß er hatte schlafen können, während
ein menschliches Wesen so entsetzlich neben ihm litt, und doch war es,
besonders bei seinem Alter, so natürlich, daß er nach den gehabten großen
Anstrengungen in Schlaf verfiel.
»Wie ist Ihnen, Herr Capitain?« fragte er mit vor Mitleid bebender Stimme,
»und kann ich Ihnen mit irgend Etwas zu Hülfe kommen?« Er vergaß in dem
Augenblick seine gänzliche Hülfslosigkeit und daß er dem Leidenden nichts
zu bieten habe, als höchstens einen Trunk Wasser aus der entdeckten Quelle.
Er erhielt längere Zeit keine Antwort auf seine Frage; dann sagte der
Capitain mit kaum vernehmbarer Stimme:
»Laß mich in Ruhe sterben! -- Es ist der Tod, mit dem ich kämpfe -- und er
ist bitter -- bitter, wenn man nicht so gelebt hat, wie man gesollt hätte.
O meine arme Frau! -- mein liebes Kind! -- und auch Du, armer Junge!« Er
konnte nicht weiter reden; ein lautes Schluchzen unterbrach seine Worte,
und auch William, dem sich das Herz in der Brust krampfhaft zusammenzog,
vermochte kein Wort hervorzubringen.
»Ja! Ja!« fuhr der Capitain nach einer ziemlich langen Pause fort; »ja, nun
kömmt's! Ich wollte in meinem wüsten Leben immer nicht daran glauben, daß
eine Stunde kommen würde, wo ich mit Abscheu auf mich selbst, mit Zittern
in die Zukunft blicken würde, und nun ist sie doch da! und nun greift die
Furcht vor dem unbestechbaren Richter da oben, vor den Strafen, die mich
Jenseits erwarten, nach meinem Herzen und ich zittere wie ein armer Sünder,
den man zum Hochgerichte führt. -- Ich verspottete früher das Alles -- ich
glaubte weder an Gott, noch an Tugend! ich sprach der letztern Hohn und
fröhnte unbedachtsam meinen wilden Trieben; ich spottete über die, die es
anders, besser machten, und nun ist die Hölle in meinem Herzen, und nun, wo
ich nichts mehr gut machen, mich nicht mehr bessern, reinigen kann, nun
muß ich verzweifeln!« Er verzerrte bei den letztern Worten so grausam die
Mienen seines Gesichts, daß William, der in Thränen zerfließend neben ihm
kniete, entsetzt aufsprang und gern weit, weit weg geflohen wäre.
Der Sterbende wurde jetzt still und William trat ihm schüchtern wieder
näher. Mit andächtig gefalteten Händen stand er neben dem Verzweifelnden
und schickte heiße Gebete für sein Seelenheil zum Himmel empor.
Nach einer ziemlich langen Pause rief der Capitain, indem er die Augen weit
aufriß und William damit anstarrte.
»Wo bist Du? Ich sehe Dich ja nicht mehr? Hast auch Du mich verlassen, und
willst mir in meiner Sterbestunde nicht beistehen?«
»Ich bin hier, Herr Capitain,« antwortete ihm William schluchzend; »ich
habe Sie nicht verlassen und werde nicht von Ihnen weichen. O könnte ich
doch mit meinem armen Leben das Ihrige retten!« fügte er mit dem Tone der
Wahrheit hinzu.
»Guter Knabe!« erwiederte ihm der Sterbende mit einer Stimme, die vor
Rührung brach; »guter Knabe, ich habe so viele Liebe und Treue nicht von
Dir verdient. Ich handelte auch gegen Dich schlecht -- ich war hart, war
grausam gegen Dich; das kleinste Versehen brachte mich in Zorn und zog Dir
Strafe zu -- O!«
»Nein!« rief William, indem er mit seiner heißen Hand nach der bereits
erkaltenden des Capitains griff, »nein, Herr Capitain, Sie sind so hart
nicht gegen mich gewesen, wie Sie selbst sich jetzt anklagen! Erinnern Sie
sich noch, wie Sie mir eins von Ihren Hemden gaben, als Sie entdeckten,
daß ich nur das einzige habe, was ich auf dem Leibe hatte? O, das war eine
große Wohlthat, die Sie mir erwiesen, und so lange ich lebe, werde ich
derselben dankbar gedenken.«
»Das ist ein kleiner Trost,« versetzte der Sterbende; »ich war also doch
nicht allzu hart auch gegen Dich? Ich hinterlasse doch ein Herz, das nicht
in Haß gegen mich schlägt, sondern mir vielmehr dankbare Gefühle weiht? O,
wie süß muß es sein, sich in der Sterbestunde sagen zu können: ich that
so viel Gutes, als ich vermochte; ich entpreßte keinem Auge Schmerzens-,
vielen aber Freudenthränen; ich freute mich mit den Glücklichen, weinte mit
den Kummervollen; ich handelte nach dem Gebot des Evangeliums und war ein
guter Christ und Mensch! -- Könnte ich nur noch einmal von vorne anfangen,
wie ganz anders sollte es werden, welch ein gottgefälliges Leben wollte ich
führen!« fügte er nach einer langen Pause hinzu. »Aber nun ist es aus --
das Ziel, von dem es keine Umkehr mehr gibt, ist erreicht -- ich muß
vor meinen Richter da oben treten und die Handlungen meines Lebens
verantworten! O!« -- --
Seine Stimme brach und Thränen schossen ihm aus den Augen hervor, in denen
die Sehkraft bereits erloschen war. Ein Mitleid, wie William es in seinem
Leben noch nicht empfunden hatte, ergriff sein Herz; er erfaßte die bereits
gänzlich erstarrte Hand des Sterbenden und sagte schluchzend:
»Bedenken Sie, lieber Herr Capitain, daß unsere heilige Religion unsern
Gott nicht blos einen gerechten, sondern auch _gnädigen_ Gott nennt
und sagt, daß der bereuende Sünder Gnade vor seinen Augen finden werde.
Vertrauen Sie diesen tröstenden Worten und sterben Sie in Frieden.«
»Dank! Dank! Dir für diesen tröstlichen Zuspruch,« versetzte der Sterbende;
»und nun reiche mir Deine Hand, die ich noch fühlen werde, wenn schon mein
Auge Dich nicht mehr sehen kann, weil der herannahende Tod seine Sehkraft
gelähmt hat; reiche mir Deine Hand und gib mir auch noch den Trost mit auf
die große Reise, daß Du mir vergeben hast, was ich an Dir frevelte; dies
wird mir den sonst so schweren Tod doch in Etwas erleichtern.«
»Sterben Sie meinetwegen in Frieden,« versetzte William, indem er seine
Hand innig drückte, »und möge Gott Ihnen nicht mehr zürnen, als ich es
thue.«
»Du bist ein guter Knabe;« war die gerührte Antwort des Sterbenden;
»bleibe wie Du bist, werde immer besser und gedenke so lange Du lebst
der Sterbestunde und der Verzweiflung eines sündhaften Menschen. Wenn Du
kannst, so sage mir ein Gebet oder ein frommes Lied her, unter dem meine
Seele hinüberschlummere in das bessere Jenseits.«
William besann sich einige Augenblicke auf ein passendes Gebet oder ein
tröstendes Lied; endlich fiel ihm das herrliche Gedicht von einem großen
deutschen Dichter, _Klopstock_, ein, welches so anfängt:
»Auferstehn, ja auferstehn
»Wirst Du
»Mein Staub nach kurzer Ruh!
»Unsterblich Leben
»Wird der Dich schuf
»Dir geben:
»Gelobt sei Gott!«
und da er es gänzlich auswendig wußte, sagte er es mit gerührter Stimme
her. Die eben noch so schmerzlich verzerrten Züge des Sterbenden nahmen
nach und nach einen mildern, freundlichern Ausdruck an; die bisher starr
vor sich hinsehenden, bereits gebrochenen Augen schlossen sich und die
Lippen bewegten sich leise, indem sie das herrliche Gedicht nachsprachen.
Es war ein großer, feierlicher Augenblick. Die Sonne ging blutroth am
fernsten östlichen Rande des Horizontes auf und bestreute die Meereswellen
mit Gold und Purpur. Die feierlichste Stille herrschte rings umher und
nichts wurde gehört, als das Rauschen der Wellen, die, nachdem sich der
Sturm gelegt, wie spielend an das Ufer kamen und sich an den Steinen und
Muscheln des Strandes brachen.
Endlich war William mit dem Hersagen seines Gedichts und der arme Capitain
mit dem Leben fertig: er hatte ausgelitten und es blieb jetzt nichts mehr
von dem vor Kurzem noch so thatkräftigen Manne übrig, als eine leblose
Hülle. Wohl ihm, wenn der Ruf der Tugend und Frömmigkeit, wenn gute, edle
Thaten ihn überlebt hätten! Wie fröhlich und getrost hätte er dann
eingehen können in das Reich Gottes, wie zuversichtlich vor den Thron des
unbestechlichen Richters treten!
William wußte nicht, daß er todt sei und hielt den Todesschlaf für einen
gewöhnlichen Schlummer. Zwar fiel ihm die große Veränderung auf, die mit
den Gesichtszügen des Sterbenden seit einigen Minuten vorgegangen war;
allein er, der noch niemals einen Todten gesehen hatte, wußte nicht, was
dieses zu bedeuten habe, und da er den vermeintlich Schlafenden nicht
stören wollte, sich auch das Bedürfniß des Hungers wieder mächtig bei ihm
meldete, stand er leise vom Boden auf und entfernte sich von der Leiche,
um, wo möglich, irgend einen Gegenstand zu suchen, durch den er sich
sättigen könnte.
Er schlug den ihm bereits bekannten Weg zur Quelle wieder ein und kam
endlich zu einer Gruppe von Bäumen, die ihm schon aus der Ferne bekannt
vorgekommen waren; als er ihnen näher kam, sah er, daß er sich in seiner
Voraussetzung nicht geirrt habe: es waren _Akazien_, die er erblickte.
»Akazien?« höre ich Euch, meine Geliebten, rufen. »So war das Schiff durch
den Sturm wohl wieder nach Europa verschlagen worden? Denn in unsern Gärten
stehen Akazien und erfüllen im Frühlinge die Luft mit dem Dufte ihrer
herrlichen schneeweißen Blüten.«
»Allerdings,« antworte ich Euch auf Eure Frage, »haben wir die Akazie in
unsern Gärten; allein sie sind nicht heimisch bei uns, sondern aus andern
Welttheilen, namentlich aus Australien, dem fünften Welttheile zu uns
herübergebracht. Wir haben auf diese Weise uns eine Menge von Bäumen
und schönen Zierpflanzen angeeignet, unter andern auch die segensreichen
Fruchtbäume, die größtentheils aus Asien herstammen. Die Akazie verpflanzte
man nun zwar nicht ihrer labenden Früchte wegen auf unsern Boden, sondern
weil sie ein überaus schönes Ansehen, einen hohen, schlanken Wuchs, eine
schön gebildete Krone und ein überaus anmuthig geformtes, hellgrünes,
gefiedertes Laub, vor allen Dingen aber köstlich duftende Blüten hat. Sie
ist eine Zierde unserer Gärten und öffentlichen Plätze, obgleich sie bei
uns die Schönheit und Pracht nicht erreicht, die sie in ihrem heimathlichen
Lande zur Schau trägt.«
William war nicht wenig erfreut, auf so gute Bekannte in einer so
entfernten Gegend zu stoßen und sah die prächtigen Bäume mit wahrem
Entzücken an, obschon er glaubte, daß sie ihm keine Nahrung darbieten
würden. Darin aber hatte er sich geirrt, denn als er die vor ihm
stehenden Bäume genauer betrachtete, sah er, daß fast aus jedem Zweige ein
krystallhelles Gummi hervorgeschwitzt war, das vollkommen dem arabischen
glich, und da er sich erinnerte, gehört zu haben, daß ein solches Gummi
sehr vielen Nahrungsstoff enthalte, bog er einige Zweige zu sich herab und
sammelte eine Handvoll Gummi, das ohne allen Geschmack war und ihm sehr
leicht auf der Zunge verging. Zwar konnte er sich an diesem Nahrungsmittel
nicht vollkommen sättigen; allein schon nach wenigen Minuten ließen die
Schmerzen in seinem völlig ausgehungerten Magen nach und ein Gefühl von
Wohlbehagen trat an die Stelle desselben, das noch vermehrt wurde, als
er vermittelst seines mitgenommenen Beutels einen frischen Trunk aus der
schönen Quelle geschöpft hatte.
Jetzt, wo sein dringendstes Bedürfniß wenigstens einigermaßen gestillt war,
dachte er wieder an seinen lieben Kranken und in der Hoffnung, daß auch
ihm vielleicht beim Erwachen mit einem Nahrungsmittel gedient sein dürfte,
sammelte er noch eine gute Handvoll von dem Gummi, füllte seine Ledertasche
mit Wasser an und wanderte dem Strande wieder zu.
Zehntes Kapitel.
Der Capitain lag noch, als er bei demselben anlangte, ganz in der Stellung,
in der er ihn verlassen hatte. Sein Gesicht war aber wachsbleich geworden
und seine leichtgekrümmten, über der Brust liegenden Finger hatten dieselbe
Farbe angenommen. Einen höchst widerwärtigen Eindruck machte es auf ihn,
daß eine Menge geflügelter Insekten seinen armen Freund umflogen und
sich mit Gier auf die verwundeten Stellen seines Kopfs und Gesichts
niederließen, von denen sie das Blut zu saugen schienen. Er verjagte sie
mit einem breiten und langen Blatte des Farrenkraut-Baumes, das er vom
Dache der Hütte abgenommen hatte; allein sie ließen sich nicht vertreiben
und kamen immer und immer wieder. Der Capitain aber ließ alles mit sich
geschehen, und rührte kein Glied, zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern.
»Ach!« sagte jetzt William, nachdem er ihn lange mit Aufmerksamkeit
betrachtet hatte, mit schmerzlich bewegter Stimme: »ich glaube, er ist
todt!«
Um sich zu überzeugen, ob er es sei, knieete er neben ihm nieder und faßte
nach seiner Hand; sie war eiskalt und steif; die Arme und Finger hatten
ihre Beweglichkeit verloren; die Brust hob sich nicht mehr wie beim Athmen;
die Augen waren fest geschlossen und der Mund stand etwas offen.
»Ja, er hat ausgelitten, er ist todt!« rief jetzt William, dem ein Strom
von Thränen über die Wangen schoß; »er ist wirklich todt und ich bin jetzt
ganz allein auf der großen, weiten Erde!«
Der Gedanke hatte etwas so Entsetzliches für ihn, daß seine Thränen heißer
strömten und er in laute Klagen ausbrach. Niemand trocknete diese Thränen
von seinen Wangen; keine menschliche Stimme redete Worte des Trostes
zu ihm: er war allein, verlassen von aller Welt; Keiner theilte seinen
Schmerz, Keiner würde sich seiner Freude freuen.
Zum ersten Male im Leben begriff er, welche Wohlthat Gott uns Menschen
schon allein dadurch erzeigt hat, daß er uns in der Gesellschaft Anderer
aufwachsen läßt; daß er uns Eltern, Geschwister, Genossen gab. Er hatte
daran nie zuvor gedacht und, wenn gleich Gott für sehr viel Gutes, doch
dafür niemals aus der Fülle der Seele gedankt.
Der Anblick der Leiche erfüllte ihn endlich mit einem Gefühle von Grauen,
über das er nicht Herr zu werden vermochte. Aber wohin mit ihm? wie ihn,
da er kein anderes Geräth, als sein Taschenmesser besaß, ein Grab bereiten?
Sie unbestattet am Strande liegen, sie die Beute habsüchtiger Insekten
werden zu lassen, dagegen sträubte sich sein Gefühl. Er konnte freilich
von dannen, tiefer in das Land hineingehen und für die Folgezeit diesen
traurigen Ort vermeiden; allein das würde ihn nicht beruhigt haben; er
mußte, um sich zufrieden geben zu können, die Leiche dem heiligen Schooße
der Erde anvertrauen, damit sie, wie es in der Schrift heißt, wieder zur
Erde würde.
Bald hatte sein erfinderischer Geist ein Hülfsmittel ersonnen. Es bedurfte
jetzt, da sein armer Genosse todt war, keiner Hütte zu seinem Schutze mehr;
er riß also einen der stärkern Stäbe, die das Laubdach stützten, aus
dem Boden und bediente sich seiner statt einer Schaufel. Die Arbeit war,
besonders bei dem heißen Sonnenbrande -- denn es war in Australien Sommer,
während in Europa noch Schnee und Eis zu sehen war -- sehr mühsam und ging
nur langsam von statten, da der Stecken eine Schaufel oder ein Grabscheit
nur sehr unvollkommen ersetzte, allein seine Ausdauer überwand alle
Schwierigkeiten und der überaus lockere, so nahe am Meere sandige Boden
unterstützte ihn bei der Arbeit, so daß gegen Abend ein Loch bereitet war,
in das er den Körper des Verstorbenen zu senken vermochte. Er bedeckte
diesen dann nothdürftig mit der ausgeworfenen Erde und zum Ueberflusse auch
noch mit den Stäben und Blättern, die seither zur Hütte gedient hatten.
Als das Grab fertig und diese heilige Pflicht von ihm erfüllt war, machte
er, zur Bezeichnung der Stätte, wo die irdischen Uebereste des Capitains
ruhten, aus zwei kreuzweis zusammengebundenen Stäben ein Kreuz und pflanzte
es neben dem Grabe in den Boden.
Seine Kräfte waren völlig erschöpft, als er mit dieser mühsamen Arbeit
endlich fertig war. Zwar hatte er sich dadurch zu stärken und den Hunger
vom Leibe zu halten gesucht, daß er von Zeit zu Zeit ein Stück von dem
mitgenommenen Gummi in den Mund nahm und dazu einen Schluck Wasser trank;
allein dieses leichte Nahrungsmittel reichte für die Länge nicht aus,
besonders bei so schwerer Arbeit nicht, und sein Magen zeigte ein
dringendes Verlangen nach einer nahrhafteren, festeren Speiße. Woher
sie aber nehmen? wo sie aufsuchen? Das wußte er sich nicht zu sagen
und wünschte sich jetzt den ledernen Riemen der Kaffern, von dem er am
Vorgebirge der guten Hoffnung erzählen gehört hatte, um sich den bellenden
Magen damit zusammen zu schnüren. Er verzweifelte zwar nicht daran, daß er
noch so glücklich sein würde, eine consistentere Nahrung, und wenn es auch
nur eine eßbare Wurzel wäre, zu finden; allein seine gänzlich erschöpften
Kräfte und die wenige Zeit, die ihm noch bis zum völligen Anbruche der
Nacht übrig blieb, reichten nicht dazu aus, sie zu suchen: hatte er doch
kaum noch so viele Kraft, den Ort, wo die Leiche ruhte, zu verlassen und
den Platz unter den Akazien zu erreichen, wo er die Nacht zuzubringen
beschlossen hatte.
Der Boden war hier hart, da, wie schon gesagt, das ziemlich hohe Gras nicht
wie bei uns dicht neben einander, sondern in einzelnen Büscheln stand; auch
bedeckten weiche Moose den Boden nicht, wie in Europa an schattigen Orten;
denn bis jetzt hat man, so viel mir bekannt, noch keine Moose in Australien
entdeckt; aber trotz dem verfiel unser Freund bald in einen tiefen Schlaf;
denn dem Müden ist leicht gebettet und hätte der Hunger und die auf sein
Gesicht fallenden Sonnenstrahlen ihn nicht früh geweckt, so würde er wohl
bis zum hellen Mittage auf seinem harten Lager geschlafen haben.
Sein erstes Geschäft nach dem Erwachen war, Gott für den ihm in der Nacht
gewährten Schutz und guten Schlaf zu danken. So hatte seine Mutter es
ihn gelehrt, und obgleich er jetzt durch mehrere tausend Meilen von ihr
getrennt war, so behielt er diesen frommen Gebrauch doch bei. Nachdem er
gebetet hatte, ging er zur Quelle, erfrischte sich durch einen Trunk daraus
und wusch sich dann Gesicht und Hände in der krystallhellen Fluth. Ihm
war so wohl und leicht dadurch geworden, daß er aller schweren Sorgen sich
entschlug und seinem Vater im Himmel gänzlich vertraute.
Der Morgen war so schön, wie man sich ihn nur denken kann. Die Sonne stand
an einem hohen, tiefblauen, völlig wolkenlosen Himmel; die Erde war mit
köstlichem Grün und einer Menge noch nie zuvor gesehener Blumen bedeckt;
die durch die Nachtluft erfrischten Bäume hauchten einen winzigen Duft aus
und bunte Vögel schüttelten ihr Gefieder in den Zweigen derselben, indem
sie zugleich ihr Morgenlied zum Lobe des Schöpfers aller Dinge erschallen
ließen.
William hatte, da ihn nichts an den Platz unter den Akazien fesselte, seine
Wanderung wieder angetreten und ging, in der Hoffnung, irgend etwas Eßbares
zu finden, tiefer ins Land hinein; konnte es ihm doch gleichviel sein,
wohin er wanderte.
Auf dieser Wanderung fiel es ihm nicht wenig auf, daß er die Stämme
mehrerer ihm unbekannten Bäume völlig von ihrer Rinde entblößt erblickte.
Diese lag, wie von der Hand eines Baumschänders abgeschält, unter den
Bäumen. Noch auffallender aber war es ihm, daß trotz dem die Krone der
Bäume so frisch und grün war, als wäre dem Stamme nichts geschehen. Er
wußte, daß bei uns Bäume absterben, deren Stamm man frevelhafter Weise
abgeschält hat, und staunte so nicht wenig, hier das Gegentheil zu finden.
Unser Freund wußte damals noch nicht -- in der Folge erfuhr er es durch
angestellte Beobachtungen -- daß in Australien die meisten Bäume gegen den
dortigen Frühling, der um die Zeit unseres Herbstes fällt, die Rinde von
selbst abstreifen, sich also gleichsam wie unsere Krebse und Schlangen
_häuten_, und daß unter der alten, abgestorbenen Rinde schon eine neue,
zarte, dem Auge kaum bemerkbare sitzt.
Indem seine Blicke nun überall sorgfältig umher spähten, um wo möglich ein
Nahrungsmittel zu entdecken, fiel ihm ein anderer Baum auf, dessen Wuchs
dem unserer Kirsche glich und der bei ganz ähnlichen Blättern auch eine
ähnliche, hochrothe Frucht trug, nur mit dem Unterschiede, daß der Kern,
oder wie wir die holzige Hülle des Kerns nennen, der _Stein_, statt im
Innern der Frucht, an der Seite nach _außen_ saß. Dies fiel ihm so auf,
daß er lange in Betrachtung dieser wunderbaren Erscheinung stehen blieb.
Endlich wagte er es, auf die Gefahr hin, vielleicht eine giftige Frucht
zu genießen, denn das war leicht möglich, da er sie nicht kannte, eine
Handvoll davon zu pflücken und sie zu verzehren. Sie hatte allerdings im
Geschmacke einige Aehnlichkeit mit unserer Kirsche, allein sie war herber
und nicht eben angenehm: trotz dem erfrischte sie ihn und da er, nachdem
er einige Zeit unter dem Baume ausgeruht hatte, keine üble Wirkung davon
verspürte, wagte er es, sich völlig satt an diesen Kirschen zu essen. Der
Baum war allerdings die _australische Kirsche_.