Allein auch die letzte Hoffnung sollte zu Trümmern gehen. Nachdem das

Schiff noch einige Stunden, vom Sturme gepeitscht, gegen Osten getrieben

worden war, erblickte man ganz deutlich, und bereits mit bloßem Auge, den

bewußten grauen Streif am Himmel, der auf Land deutete, und der Wind trieb

das Schiff in gerader Richtung darauf zu.

Jetzt verstummte Alles vor Schrecken; der Capitain selbst bewahrte seine

äußere Fassung nicht mehr und sagte der erschrockenen Mannschaft geradezu

heraus, daß sie ihre Seele Gott befehlen möchten.

Immer deutlicher trat die Küste hervor -- ob es eine Insel oder ein

Festland sei, vermochte man nicht zu entscheiden, da man nicht wußte, wo

man sich befand -- und um den Schrecken noch zu vermehren, sah man, daß

sie bergig war. Wenn sich aber Berge am Lande befanden, so durfte man

schließen, daß sie bis ins Meer hinein sich erstrecken würden. Die

Erfahrung lehrt nämlich, daß jedes Gebirge drei Abstufungen hat: das

höchste oder Hauptgebirge; das Mittel- und endlich das Vorgebirge, welches

letztere gewöhnlich sich in Klippen und Felsenriffen im Meere endigt.

Letztere hatte man also jetzt auch an der Küste zu erwarten, auf die das

steuerlose Schiff zugetrieben wurde.

Der Capitain ertheilte jetzt keine Befehle mehr; denn wie hätte man sie

ausführen sollen? Die Mannschaft arbeitete nicht mehr; denn wozu konnte die

Arbeit noch nützen? Eine tiefe, lautlose Stille herrschte am Bord; nur

von Zeit zu Zeit stieg der Schiffszimmermann mit einer Laterne in den Raum

hinab, um nachzusehen, ob auch kein Leck entstanden sei und das Schiff

Wasser schöpfe. In dieser Hinsicht brachte er immer tröstliche Nachrichten

mit herauf: der Boden des Schiffes war noch fest und kein Leck zu

entdecken.

Da, als eben der Zimmermann wieder die Leiter hinan stieg, um sich aufs

Verdeck zu begeben, erhielt die _Hoffnung_, Allen unerwartet, einen

furchtbaren Stoß, so daß ihre eichenen Rippen erkrachten und Diejenigen,

welche standen, in Gefahr waren umzufallen.

»Nun ist das Unglück da!« rief der Capitain aufspringend. »Es kann nicht

fehlen, der Stoß muß einen Leck gegeben haben. Schnell hinab, Zimmermann!«

herrschte er diesen an, »schnell hinab und nachgesehen, was es da unten

gibt.«

Er hatte kaum diese Worte ausgesprochen, so erfolgte ein zweiter, noch

weit heftigerer Stoß; dann stand das eben noch pfeilschnell dahinschießende

Schiff plötzlich still, woraus man schloß, daß es sich zwischen zweien im

Meere verborgenen Felsenriffen festgeklemmt habe.

Achtes Kapitel.

Die Blässe des Todes hatte alle Gesichter überzogen, so wie das Schiff

plötzlich still stand; es war, als wäre das eben noch so lebendige zur

Leiche geworden. Die tiefste Stille herrschte an Bord; dann brachen einige

in laute Klagen aus, die der Capitain dadurch zu beschwichtigen suchte, daß

er zu ihnen sagte:

»Was hilft das Wimmern und Klagen? Es steht nun einmal im Buche des

Schicksals geschrieben, daß wir in der salzigen Fluth unsern Untergang

finden sollen, und dabei ist es denn doch einigermaßen ein Trost, daß wir

auf ächt seemännische Weise umkommen. Der Tod wird hier wahrscheinlich nur

ein Augenblick sein; wären wir am Lande gestorben, so hätte es vielleicht

länger gedauert, bis wir damit durch gewesen wären.«

Dieser Trost wollte aber bei Keinem Eingang finden; mehrere der Matrosen

waren noch jung und liebten das Leben und selbst die älteren unter ihnen

mochten nicht an den Tod denken.

In der Seele unsers Williams gingen seltsame Dinge vor, als er den Capitain

also reden hörte und die hellen Thränen schossen ihm aus den Augen,

indem er an die theure Mutter und ihren Schmerz, an die Heimath und seine

Gespielen dachte, die er nun wahrscheinlich nicht wieder sehen sollte.

Dieser Schmerz war so natürlich und er hatte sich seiner nicht zu schämen,

um so weniger, da er noch ein Knabe und kein gereifter Mann war.

Der tiefen Betrübniß und dem thatenlosen Schrecken der Mannschaft folgte

bald ein anderer Zustand und die Hoffnung, daß dennoch vielleicht Rettung

möglich sei, blitzte in vielen Herzen, gleich einem Stern in dunkler Nacht,

auf. Die Thätigkeit erwachte wieder: man sah sich nach Rettungsmitteln

um; das große Boot war noch da; man konnte sich, wenn das Schiff wirklich

sinken oder in Trümmer gehen sollte, zum Theil auf diesem, zum Theil durch

Befestigen an den Schiffstrümmern vielleicht noch retten.

Der in den Raum hinabgestiegene Schiffszimmermann kam wieder herauf; seine

Miene verkündete nichts Gutes; die Blicke Aller richteten sich ängstlich

und erwartungsvoll auf ihn.

»Es sind schon sechs Fuß Wasser im Raume,« sagte er mit fast tonloser

Stimme, »und es wächst mit jeder Minute; ein großes Leck muß da sein: wo

aber? vermag ich nicht zu entdecken, da das Wasser schon so hoch gestiegen

ist.«

»An die Pumpen! An die Pumpen!« erscholl es jetzt aus dem Munde der

Matrosen und Alle stürzten, ohne erst den Befehl des Capitains abzuwarten,

in den Raum hinab, um die Arbeit zu beginnen.

»Arme Jungens!« sagte der Schiffszimmermann mit einem schmerzlichen Lächeln

um den bleichen Mund, »arme Jungens, es wird Euch nichts helfen: das Leck

ist zu groß und Eure Kräfte werden nicht ausreichen, das Wasser im Raume zu

bewältigen.«

»Ist das Eure feste Ueberzeugung, Meister?« fragte ihn der Capitain, der

aus einem dumpfen Dahinbrüten plötzlich zu erwachen schien.

»Ja,« versetzte der Gefragte, »und wenn ihrer zweimal so viele wären, so

würden sie nicht Herr des Wassers werden.«

»So sollen sie die Zeit nicht mit unnützer Arbeit verlieren,« sagte der

Capitain und ließ einen Ruf erschallen, auf den Alle wieder auf's Verdeck

kamen.

»Meister Steffen sagt,« nahm der Capitain das Wort, als die Matrosen ihn

umstanden, »daß es mit dem Pumpen nichts sei und wir eine wahrscheinlich

sehr kostbare Zeit nur damit verlieren würden. Wir dürfen seinem Worte

vertrauen, da er ein geschickter, vielerfahrner Mann ist und sich schon

oft den Wind um die Nase hat wehen lassen. Denken wir also auf eine andere

Rettung. Laßt das Boot ins Meer hinab; vielleicht legt sich der Sturm in

Kurzem und wir können mit dem Boote See halten. Die Küste kann nicht fern

sein! Gott könnte sich unser erbarmen und uns an dieselbe führen. Wendet

also Eure Kräfte darauf, das Boot ins Meer hinabzulassen und sobald sich

der Sturm nur in Etwas legen sollte, wollen wir es besteigen.«

Gehorsam diesem Befehle machten sich die Matrosen an die Arbeit und schon

nach Verlauf weniger Minuten schauckelte sich das Boot auf den bewegten

Wellen. Nur kurz dauerte aber die Freude: eine ungeheure Sturzwelle kam

und riß in ihrem Anprall das Boot mit sich fort; ihre Kraft war so groß

gewesen, daß sie das starke Tau zerrissen hatte, als wäre das Fahrzeug an

einem Zwirnsfaden befestigt gewesen.

Ein Schrei des Entsetzens entfuhr bei diesem Anblick dem Munde Aller; der

Capitain aber sagte, wie vor sich hin, mit dumpfem Tone:

»Nun ist's aus! Gott erbarme sich unser!«

In dem Augenblicke fing das eben noch ganz fest liegende Schiff an, eine

schwankende Bewegung zu machen, ein Krachen, wie vom Einsturz eines großen

Gebäudes, ließ sich vernehmen und zugleich stieg das Wasser von unten

herauf aufs Verdeck. Das Schiff war geborsten und bestand nur noch aus

Trümmern.

Jeder wußte jetzt, was es galt und griff nach einer rettenden Planke. Der

große Mast, der bereits geknickt gewesen war, begrub in seinem Umsturze

zwei Matrosen, die in der Richtung standen, in der er fiel. Ob sie dadurch

getödtet wurden, oder erst in den Wellen ihr Ende fanden, ist nicht zu

bestimmen, denn Jeder dachte in dem Augenblick nur an sich und an die

eigene Rettung.

Unser William, noch ein Neuling auf dem Meere, wußte nicht, was er thun,

was er beginnen sollte. Er stand neben dem Capitain, rang die Hände und

schickte Gebete für seine Rettung zum Himmel empor. Zufällig fiel der Blick

des Capitains auf den armen Knaben und, trotz der eigenen Noth und Gefahr,

jammerte sein Schicksal ihn; es war sein Gewissen, das ihm Theilnahme und

Mitleid für ihn einflößte.

»Komm,« sagte er zu unserm William, indem er ihm die Hand reichte; »komm,

wir wollen zusammen unser Heil versuchen, und sollten wir untergehen, so

vergib mir Deinen Tod, an dem ich schuld bin.«

Er zog ihn mit sich fort, zum großen Maste hin, der bereits auf dem Verdeck

im Wasser schwamm, denn so hoch war dieses bereits gestiegen, ergriff ein

starkes Tau und befestigte mit diesem den halbtodten Knaben an den Mast.

Darauf suchte er ein zweites Tau, umschlang sich damit und befestigte es

gleichfalls daran. Kaum war dies geschehen, so schwamm der Mast von den

Schiffstrümmern ins Meer hinab und die Wogen schossen darüber hin.

Was weiter mit ihm vorging, vermochte unser William nicht zu sagen: die

Sinne hatten ihn verlassen und er hing wie schon todt an dem Maste, der,

der Richtung des Windes folgend, an eine unbekannte Küste trieb, wo er, von

einer ungeheuren Welle hoch aufs Land hinaufgeworfen, am Ufer liegen blieb.

Der Ton einer Stimme erweckte William aus seiner Betäubung; er erkannte die

des Capitains, aber sie war so schwach, daß er sie kaum zu unterscheiden

vermochte.

»Lebst Du noch?« fragte diese Stimme.

William riß die Augen auf und sah sich um.

»Was gibts? und wo sind wir?« fragte er verwundert.

»Am Lande,« versetzte der Capitain, »und vielleicht gerettet,« fügte er

hinzu, »wenn Du nämlich noch so viele Kraft hast, Dein Messer nehmen und

erst Dich, dann mich losschneiden zu können, damit wir uns vor der nächsten

Sturzwelle höher auf das Ufer hinauf retten. Bleiben wir aber hier, so

führt sie uns wohl wieder ins Meer hinab und dann Ade, Leben!«

William hatte jetzt seine volle Besinnung wieder und da seine Arme frei

waren, zog er das große, an einem Bande um seinen Hals hängende Messer

aus seinem Busen hervor, öffnete es mühsam mit seinen vom Wasser ganz

erstarrten Händen, schnitt die ihn an den Mast befestigenden Stricke

entzwei und machte den Versuch, sich zu erheben. Allein er war wie ein

Betrunkener und taumelte gleich wieder zur Erde nieder.

»Mach schnell oder wir sind verloren!« rief der Capitain mit schon

ersterbender Stimme. »Ich kann mich nicht rühren,« fügte er hinzu, »und

habe wahrscheinlich etwas an meinem Leibe zerbrochen, auch strömt mir das

helle Blut über das Gesicht.«

William raffte jetzt den letzten Rest seiner Kräfte zusammen und taumelte

zu seinem Leidensgenossen hin. Der Anblick desselben war ein entsetzlicher.

Das Blut rieselte, wie aus einer Quelle, aus einer großen Kopfwunde hervor

und hatte sowohl sein Gesicht, als seine Kleidung überströmt. Ein Schrei

des Entsetzens entfuhr bei dem Anblick den Lippen des Knaben; aber trotz

dem verließ ihn seine Geistesgegenwart nicht. Er ging zu dem Kapitän,

zerschnitt die Bande womit er an dem Maste befestigt war, und zog ihn, da

er erklärte, nicht gehen zu können, höher auf den Strand hinauf, um ihn

vor den Sturzwellen in Sicherheit zu bringen. Es war die höchste Zeit damit

gewesen, denn keine halbe Minute verging, so riß eine mächtige Welle den

rettenden Mast wieder in das Meer hinab und würde folglich auch unsere

Beiden mit sich fortgerissen haben, wenn sie sich nicht zuvor weiter

entfernt hätten.

Schrecklich war es anzuhören, wie der Capitain ächzte und stöhnte, als

William ihn fortzog; der Unglückliche hatte den Schenkel zerbrochen und war

überdies mit Wunden bedeckt, worunter die große Kopfwunde die gefährlichste

war. Er hatte diese schrecklichen Verwundungen dadurch erlitten, daß das

Ende des Mastes, an das er sich befestigt hatte durch die Gewalt der Wellen

gegen ein Korallenriff getrieben wurde, und der Stoß war so heftig gewesen,

daß er ihm das Bein zerbrach; überdieß hatten die spitzig hervorragenden

Zacken des Riffs ihm mehrere Wunden beigebracht, die alle stark bluteten.

Der Anblick dieses unglücklichen Mannes preßte William heiße Thränen aus

und ließ ihn sein eigenes Unglück vergessen. Wie es uns in Augenblicken

großer Gefahr zu ergehen pflegt, erging es auch unserm William: Gott hatte

ihm größere geistige Kräfte, denn je zuvor verliehen und diese machten es

möglich, daß er mit Besonnenheit handeln und überlegen konnte, was er zu

thun habe, um die Leiden und Schmerzen seines Genossen zu lindern.

Dieser redete schon nicht mehr und lag mit festgeschlossenen Augen da; der

letzte Rest seiner Kräfte hatte ihn verlassen und er schien bereits eine

Beute des Todes zu sein.

Trotz dem gab William den Versuch seiner Rettung nicht auf. Er entkleidete

sich und zog sein Hemd aus, um durch Zerreißen desselben die nöthige

Leinwand zum Verbinden der großen Kopfwunde zu erhalten. Er machte aus

diesem Hemde, das natürlich vom Seewasser ganz durchdrungen war, ein

starkes Polster und eine Binde, legte das erstere auf die Wunde und

befestigte es mit der letztern um den Kopf. Kaum aber berührte das mit

salzigem Wasser getränkte Polster die Wunde, so schrie der arme Verwundete

vor Schmerz laut auf und fuhr mit der Hand nach dem Haupte, um es wieder

abzureißen.

Trotz dem, daß der Schrei und die heftige Bewegung des Leidenden ihn

erschreckten, freute er sich doch über dieses neue Lebenszeichen, denn er

hatte den Capitain schon todt oder doch im Sterben begriffen geglaubt.

»Was machst Du? und weßhalb thust Du mir weh?« rief der Capitain, ihn mit

zornigen Blicken anstarrend.

»Lieber Herr Capitain,« antwortete ihm der zitternde Knabe, »ich wollte

Ihre schwere Wunde verbinden und bin vielleicht nicht vorsichtig genug

gewesen. Ach wie leid thut es mir, Ihnen wider meinen Willen wehe gethan zu

haben,« fügte er, vor Angst und Wehmuth schluchzend, hinzu.

»Laß es gut sein,« sagte der Capitain mit bereits ersterbender Stimme, »laß

es gut sein und mache mir keine Schmerzen mehr. Mit mir ist es aus, und

ich bin ein Mann des Todes,« fügte er mit einem schweren Seufzer hinzu, der

fast wie Aechzen klang.

»Das wolle Gott verhüten!« versetzte William; »sind wir doch am Ufer und

gerettet!«

»Ja, Du bist, dem Himmel sei gedankt! wahrscheinlich gerettet,« erwiederte

ihm der Capitain; »aber ich werde nicht mit dem Leben davon kommen; rieselt

es mir doch schon wie Todesschauer durch Mark und Bein und umflort sich

mein Blick, so daß ich Deine Gesichtszüge kaum mehr unterscheiden kann. Das

ist, wie ich glaube, der Tod,« fügte er mit ersterbender Stimme hinzu.

William, der selbst glaubte, daß es bald mit dem armen Manne aus sein

würde, konnte ihm vor Weinen nicht antworten. Sein Schmerz war so groß, als

aufrichtig, und er dachte in diesem Augenblick nicht mehr daran, wie

dieser Mann gegen ihn gehandelt, und daß er ihm sein trauriges Schicksal zu

verdanken hatte.

Nach einigen Minuten, während welcher William weinend neben ihm kniete,

öffnete der Capitain wieder die Lippen und schien sprechen zu wollen;

allein seine Kraft war dahin, und nur wie ein leiser Hauch ertönte

das Wort: »Wasser!« von seinem blassen Munde. William, der sich zu ihm

niedergebeugt hatte, vernahm es und erhob sich, um das Verlangte zu holen.

Jetzt aber fiel plötzlich der Gedanke seiner Hülflosigkeit und seiner

ganzen schrecklichen Lage auf sein Herz. Großer Gott! woher Wasser nehmen?

und wenn er auch wirklich welches fände, in welchem Gefäße es schöpfen und

zu dem vor Durst Verschmachtenden bringen?

Er stand wie erstarrt da und wußte sich weder zu rathen noch zu helfen.

»Wasser! Wasser! Ich verbrenne!« rief jetzt der Sterbende mit der letzten

Anstrengung seiner Kräfte, und William stürzte, ohne zu wissen, was er

that, von ihm fort, tiefer in das Land hinein.

Bald betrat er einen grünen, mit starkem, in großen einzelnen Büscheln

stehenden Grase bedeckten Boden und schaute umher. Hie und da erhob sich

ein Baum aus dem Erdreiche, dessen seltsam geformtes, unserm Farrenkraute

ähnliches Laub ihm aufgefallen sein würde, wenn seine Gedanken nicht

gänzlich darauf gerichtet gewesen wären, Wasser zu finden. Dieses

aber zeigte sich seinen Blicken nicht, so ängstlich sie auch darnach

umherspähten. Fast eine Viertelstunde war er gelaufen und seine nur noch

so schwachen, vom heißen Sonnenbrande noch mehr aufgezehrten Kräfte drohten

bereits zu erliegen, als er den Boden unter sich weich werden fühlte. Er

bückte sich und faßte mit der Hand darnach, und, o Freude! er war feucht!

Wo sich aber ein feuchter Boden zeigte, da mußte auch Wasser in der Nähe

sein.

Dieser Gedanke stärkte und ermuthigte ihn und er schritt vorwärts. Es

dauerte auch nicht lange, so vernahm sein sorgsam lauschendes Ohr

ein leises Rieseln; er stand still, um zu horchen und vernahm dieses

erfreuliche Geräusch jetzt ganz deutlich in der nächsten Nähe. Ein in

dichteren Büscheln stehendes Gras, dessen Farbe überdies frischer, als die

des übrigen Grases war, fiel ihm auf; er bückte sich darnach nieder, bog es

auseinander und, o Entzücken! ein schmaler Silberstreif des allerhellsten

Wassers zeigte sich zwischen dem saftigeren Grase.

»Worin es aber schöpfen, um es dem armen Verschmachtenden zu bringen?«

werdet Ihr, meine Geliebten, jetzt gewiß fragen.

Unser William, den ich Euch als einen klugen und sinnreichen Knaben

geschildert habe, wußte das bereits: er hatte seine _Tasche_ zum

Wassergefäße ausersehen.

»Seine Tasche?« werdet Ihr wieder rufen; »seine Tasche? Du willst uns wohl

zum Besten haben, liebe Amalie? Wissen wir denn nicht, daß Leinwand eben

so gut wie ein Sieb ist und die Flüssigkeit hindurch laufen läßt? Da würde

also der arme Verwundete keinen Tropfen erhalten und vollends verschmachten

müssen, um so mehr, da der William fast eine halbe Stunde zu laufen hatte,

bevor er wieder zu ihm gelangte.«

Ganz recht, meine lieben Kinder; aber unser William brachte trotz dem das

Wasser in seiner Tasche zu dem armen Sterbenden und erquickte ihn damit.

Diese Tasche war aber nicht von Leinewand, sondern, wie es bei den Matrosen

Sitte ist, von _Leder_, das, wie Ihr wissen werdet, so leicht das Wasser

nicht hindurch läßt. Der gescheidte Knabe hatte sich dieses Umstandes

erinnert, und auf dem Wege bereits diese lederne Tasche aus seiner Hose

geschnitten, um sie, sobald er Wasser fände, als Schlauch zu gebrauchen.

Auf diesen Gedanken war er gekommen, weil er sich erinnerte, in einer

Reisebeschreibung gelesen zu haben, daß die Spanier ihren Wein zum Theil

in Schläuchen von Ziegenleder aufbewahren. Hieraus könnt ihr ersehen, wie

förderlich es ist, wenn man beim Lesen guter Bücher auf Alles merkt und das

Gelesene seinem Gedächtnisse einzuprägen sucht.

William hatte jetzt also nicht nur helles, kühles, köstliches Wasser,

sondern auch, Dank seiner Aufmerksamkeit und Besonnenheit, ein Gefäß, um

es zu schöpfen und fortzutragen. Er schöpfte es aber nicht ohne weiteres in

seinen ledernen Schlauch oder vielmehr Beutel, sondern reinigte die Tasche

erst gehörig von dem salzigen Seewasser, von dem sie fast durchdrungen war;

dann löschte er erst selbst seinen brennenden Durst und als er fand, daß

das Wasser in seinem Beutel völlig geschmacklos war, schöpfte er ihn wieder

voll und kehrte zum Strande zurück, wo der arme Verwundete nach einem

kühlenden Trunke schmachtete. Die Menschenliebe, dieses wahrhaft göttliche

Gefühl, verlieh ihm eine ungewöhnliche Kraft, und schneller als er selbst

gedacht hatte, langte er bei dem Sterbenden an.

Dieser lag mit todtenbleichem Antlitze und festgeschlossenen Augen da;

William glaubte, daß er bereits verschieden sei und wollte sich eben

weinend neben ihn niedersetzen, als ein Seufzer den Lippen des Sterbenden

entfuhr und wieder glaubte William das Flehen um Wasser zu hören.

»Hier ist Wasser, Gott sei gedankt!« rief er laut und mit freudig bewegter

Stimme.

Der Sterbende vermochte ihm nicht zu antworten; aber er öffnete, zum

Zeichen, daß er ihn verstanden habe, die Lippen, als begehre er zu trinken.

William flößte ihm mit der größesten Vorsicht einige Tropfen Wasser ein.

Diese brachten eine so große Wirkung auf den Capitain hervor, daß er schon

nach wenigen Minuten die Augen aufschlug und seinen jungen Wohlthäter mit

dankbaren Blicken ansah.

William, welcher bemerkte, daß der Leidende sehr schlecht und unbequem

mit dem Kopfe lag, was ihm noch mehr Schmerzen verursachen mußte, sann auf

Mittel, ihm eine bequemere Lage zu geben, ohne seinen armen zerschlagenen

Körper zu bewegen. Bald hatte sein erfinderischer Geist das Nöthige

erfunden: er erinnerte sich des hohen Grases, womit der Boden in einiger

Entfernung vom Strande bedeckt war, eilte fort und schnitt mit seinem

Taschenmesser so viel davon ab, als er mit beiden Armen zu fassen

vermochte. Dies gab ein weiches, kühles und köstliches Kopfkissen ab, indem

er es behutsam unter das Haupt des Verwundeten schob.

Dieser schien jetzt, nachdem er sich gehörig an dem köstlichen,

krystallhellen Wasser gelabt, völlig wieder zur Besinnung gekommen zu sein.

Reden konnte er zwar noch nicht; allein er schaute seinen jungen Wohlthäter

mit liebevollen Blicken an und drückte ihm von Zeit zu Zeit die Hand, zum

Zeichen seiner Dankbarkeit; William bemerkte, daß ihm dabei die hellen

Thränen über die Wangen liefen.

Obgleich selbst entkräftet und fast todtmüde, dachte der gute Junge doch

nicht an sich und seine eigenen Leiden und Entbehrungen, sondern allein

an den armen Mann, der tausendmal größere Schmerzen zu erdulden hatte.

Er dachte auch nicht daran, daß eben dieser sein Feind die Ursache seines

gegenwärtigen Mißgeschicks war, sondern allein daran, wie er ihm helfen,

auf welche Weise er seine Leiden lindern könne.

Nur einige wenige Minuten ruhte er aus, nachdem er ihm das weichere Lager

für sein Haupt bereitet hatte, dann erhob er sich wieder, um einen Schutz

gegen die sengenden Sonnenstrahlen für seinen lieben Kranken zu suchen. Auf

diesem Wege fielen ihm die Bäume mit dem farrenkrautartigen Laube auf. Er

eilte auf sie zu und schnitt eine Menge von den über eine Elle langen und

halb so breiten Blättern ab, die er auf einen Haufen legte, bis er eine

gehörige Menge von Stöcken geschnitten haben würde, von denen er eine Art

von Hütte aufbauen und diese mit dem breiten Laube des Farrenkraut-Baumes

bedecken wollte. Denn Ihr müßt wissen, geliebte Kinder, daß die Pflanze,

welche bei uns an feuchten und schattigen Stellen niedrig am Boden wächst

und kaum eine Höhe von einem Fuße erreicht, in Australien zum stattlichen,

überaus schönen Baume gedeiht. Solche Farrenkraut-Bäume hatte nun unser

William vor sich; da er aber von der Pflanzenkunde wenig oder gar nichts

wußte, konnte er diese herrliche Pflanze nicht benennen; nur so viel sagte

er sich, daß sie zu dem beabsichtigten Zwecke ganz vortrefflich passe.

Vermittelst seines starken und zum Glücke sehr scharfen Messers -- es war

ein Geschenk von dem armen alten Jakob, der wohl jetzt tief im Meeresgrunde

lag und den ewigen Schlaf schlief -- schnitt er eine Menge Stecken ab

und trug sie zum Strande, wo er sie ziemlich tief in den sandigen Boden

einsteckte und über dem Körper des Verwundeten eine Art von Gerüst davon

aufbaute. Er hatte zwar weder Hammer, Bohrer noch Nägel, um die Stöcke

aneinander zu befestigen; allein er wußte sich trotz dem zu helfen. Er

hatte nämlich bemerkt, daß die Frucht tragenden Halme des Grases, wovon er

für seinen lieben Kranken ein Lager für das Haupt gemacht hatte, sehr stark

und zäh waren, und so bediente er sich derselben statt der Stricke, um

die Stäbe aneinander zu binden. Dabei kam ihm wieder die Aufmerksamkeit zu

statten, die er von jeher allen ihm begegnenden Dingen und Sachen schenkte.

Seine Mutter war früher mehrere Male um die Erndtezeit mit ihm ins Feld

gegangen und da hatte er bemerkt, daß die Garbenbinderinnen eine Handvoll

Stroh zusammendrehten, um damit die Garben zu binden. Ebenso verfuhr er

mit den ziemlich langen und sehr zähen Grashalmen, die auf solche Weise

behandelt, die ihm fehlenden Stricke vollkommen ersetzten.

Als sein Gerüst aufgebaut war, holte er das Farrenkraut und bedeckte seinen

Bau mit den breiten Blättern desselben. Es nahm sich fast so aus, wie die

Lauberhütten der Israeliten und gewährte nicht nur dem Leidenden

Schutz gegen die brennenden Sonnenstrahlen, sondern auch, als die Sonne

untergegangen war, gegen die eintretende Kühle der Nacht.

Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder · 第 4 / 16 段