Es war bereits ziemlich spät, als man von diesem, mit Erlaubniß des

Capitains unternommenen Ausfluge zurückkehrte und Capitain Hansen donnerte

und fluchte schon über das allzulange Ausbleiben. Er besänftigte sich

indessen, als er William, den er schon gar nicht mehr entbehren konnte, mit

zurückkehren sah. Er hatte sich nämlich selbst Vorwürfe darüber gemacht,

daß er diesem erlaubt hatte, mit den Andern ans Land zu gehen, da er

fürchten mußte, daß der auf so hinterlistige Weise Angeworbene ihm

entfliehen und Schutz bei der Behörde gegen ihn suchen würde; er war daher

herzlich froh, als er ihn wiederkommen sah. An dergleichen dachte aber

Williams redliche, arglose Seele nicht einmal; auch hatte er sich jetzt

bereits an das Seeleben gewöhnt, um so mehr, da Capitain Hansen ihn wider

seine sonstige Gewohnheit ziemlich gut behandelte.

Für einen jungen, strebsamen Menschen, der sich gern in der Welt umsieht

und auf Alles merkt, muß eine Reise in so entfernte Gegenden auch immer

einen großen Reiz haben. Jeden Tag, ja jede Stunde, gab es da etwas Neues

und die Quelle der Belehrung versiegte keinen Augenblick. Bald war es ein

Delphin, der neben dem Schiffe herschwamm, bald ein fliegender Fisch,

der sich in seinem silbernen Schuppenkleide aus der grünen Tiefe

emporschnellte; bald ein gräulicher Hayfisch, der seinen gestachelten

Rachen weit öffnete, um seine Beute zu erhaschen, der seine Aufmerksamkeit

und Wißbegierde auf sich zog. Bald sah man in großer Entfernung graue,

gezackte Nebelwölkchen am Horizonte aufsteigen und die erfahrenen Seeleute

erklärten ihm, daß es die Berge der entfernten Küste wären, die er

erblickte, bald ließ sich ein Wandervogel, ermüdet von der weiten Reise

über das unendliche Meer, auf die Spitze des Mastes nieder, um auszuruhen

und wurde mit lautem Jubel von der Mannschaft begrüßt; bald warf man, bei

Windstille, Netze und Angelhacken aus, um die Bewohner der kühlen Tiefe zum

leckern Mahle zu fangen; bald schwammen die Trümmer gescheiterter

Schiffe an ihnen vorüber und gaben reichlichen Stoff zu Erzählungen von

Schiffbrüchen und andern Unfällen zur See; bald endlich theilte der

alte Jakob, der ein lebendiges Magazin von Sagen und Mährchen war, der

aufmerksamen ihm zuhörenden Mannschaft die allerschönsten Sagen mit; kurz,

es fehlte weder an Unterhaltung, noch an Abwechslung an Bord, und so gefiel

sich endlich unser William gar sehr in seinen neuen Verhältnissen; ja,

hätte der Gedanke an den großen Kummer, den seine gute Mutter erdulden

würde, seine Heiterkeit nicht oft getrübt, so würde er sich vielleicht

vollkommen glücklich gefühlt haben.

Sechstes Kapitel.

Nach dem ersten glücklich abgelaufenen Versuche, den der Capitain mit

unserm William gemacht hatte, stand er nicht an, diesem ebensowohl als der

übrigen Mannschaft die Erlaubniß zu ertheilen, die sogenannte Capstadt zu

besuchen. Hier bekam unser junger Freund viel Merkwürdiges zu sehen, unter

andern sah er dort auch die _Hottentotten_, wie die Holländer diese, an der

Südspitze Afrika's lebende Nation nennen, die sich selbst _Quanquis_ nennt.

Die gelbbraune Farbe derselben, ihr der Wolle ähnliches, schwarzes Haar,

ihre großen Mäuler und eingedrückten Nasen, mehr aber noch ihre höchst

seltsame Sprache, die mehr einem Schnalzen, denn einer menschlichen Sprache

glich, waren für unsern Neuling so auffallende Dinge, daß er sich nicht

satt daran sehen konnte und oft vor Verwunderung außer sich war. Von ihrem

Schmutze, der selbst den der Grönländer noch übersteigt, von ihren höchst

seltsamen Sitten und Gebräuchen, wußte man ihm viel zu erzählen und er

hörte dem Erzähler mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu. Dieses Volk ist

übrigens gutmüthig und friedlich, mit Ausnahme eines Stammes, den man die

Buschmänner nennt, weil sie in einer waldigen Gegend wohnen. Diese sind

tückisch, räuberisch und oft sogar grausam; sie machen auf die europäischen

Ansiedler oder Colonisten förmlich Jagd, wie wir auf wilde Thiere, und wehe

dem, der in ihre Hände fällt!

Sie treiben durchaus keinen Ackerbau, sondern leben fast nur von der Jagd

und dem Raube; sie berauben aber nicht blos die Europäer, die sie mit

Recht als ihre Feinde ansehen, sondern die ihnen verwandten Stämme der

Hottentotten und _Kaffern_, wie eine andere, gleichfalls in der Nähe der

Südspitze von Afrika wohnende Nation heißt. Wie die Thiere, denken die

Buschmänner nicht an den folgenden Tag, sorgen auch niemals für die

Vermehrung ihres Viehstandes. So wie sie ein Stück Vieh geraubt und

in Sicherheit gebracht haben, schlachten sie es und verzehren es,

größtentheils roh, auf der Stelle; sie haben so wenig Eckel, daß sie selbst

die Eingeweide zur Nahrung nicht einmal verschmähen. Haben sie sich recht

satt gegessen, so legen sie sich hin und schlafen, bis der Hunger sie

wieder weckt und zu neuen Raubzügen anspornt. Können sie nichts erhaschen

und quält der Hunger sie allzusehr, so schnallen sie sich mit breiten

Lederstreifen den Magen und Unterleib ein und sollen dann sehr lange

hungern können.

Sie sind überaus wild, grausam und rachsüchtig und vergiften die Spitzen

ihrer Pfeile mit dem Safte von nur ihnen bekannten giftigen Pflanzen, so

daß jede Wunde, die sie damit beibringen, sogleich tödtlich wird.

Dieser Buschmänner werden aber immer weniger, da die Colonisten

genöthigt sind, Militär gegen sie auszusenden und gegen sie eine Art von

Vertilgungskrieg zu führen. Wie schrecklich! daß Mensch gegen Mensch auf

diese Weise verfährt.

Von allen diesen, für unsern William fast unglaublichen Dingen hörte er in

der Capstadt erzählen und konnte nicht satt werden, sich davon erzählen zu

lassen. Ja, er trug sogar kein geringes, wenn gleich mit Furcht gemischtes

Verlangen, einmal einen Buschmann von Angesicht zu Angesicht zu sehen, was

ihm freilich wohl sehr übel bekommen seyn würde.

Endlich hatte Capitain Hansen die nöthigen Vorräthe eingenommen und

wartete nur noch auf einen günstigen Wind, um wieder unter Segel und seinem

Bestimmungsorte, der, wie schon gesagt, die den Holländern gehörige Insel

_Java_ war, entgegen zu gehen.

Dieser mit so großer Sehnsucht erwartete günstige Wind stellte sich endlich

ein und die _Hoffnung_ verließ mit geblähten Segeln den Hafen. Bald schwamm

das Schiff jetzt im großen indischen Weltmeere und steuerte den sogenannten

_Sunda-Inseln_, wovon Java eine ist, zu; die drei andern zu dieser großen

Inselgruppe gehörigen Inseln heißen _Borneo_, _Sumatra_ und _Celebes_;

außer diesen vier großen Sunda-Inseln gibt es noch eine Menge kleinerer,

mit deren Aufzählung ich Euch aber nicht belästigen will.

Die Fruchtbarkeit dieser Inseln ist außerordentlich groß und der Handel

derselben beträchtlich. Die edelsten und von den Europäern am meisten

gesuchten Produkte wachsen dort und werden durch die Handelsschiffe nach

allen bewohnten Theilen der Erde ausgeführt. Aus Java, besonders aus

der Hauptstadt _Batavia_, erhält man Reis, Kaffee, Tabak, etwas Indigo,

Baumwolle und Gewürze. Hier, wo so viele treffliche und nützliche Produkte

wachsen, findet man aber auch den so vielbesprochenen Giftbaum, den

_Bohan-Uzas_, von dem ich Euch, da Ihr wohl schon oft davon gehört haben

werdet, etwas Näheres mittheilen will. Er wächst in waldigen, nicht zu hoch

gelegenen Gegenden auf den Sunda- und _Philippinischen_ Inseln, die in der

Nähe der erstern liegen, besonders aber auf Java. Er wird an hundert Fuß

oder fünfzig Ellen hoch und hat einen geraden Stamm, mit knochenartigen

Auswüchsen. Die Blüten sind gelb mit grüner Blütendecke; die Blätter

oval-länglich mit feinen Härchen besetzt. Man hat diesem, allerdings

überaus giftigen Baum doch weit mehr Böses nachgesagt, als er verdient,

wie z. B. daß darüber hinfliegende Vögel, von den Ausdünstungen des Uzas

berührt, sogleich todt aus der Luft zur Erde niederfielen und Menschen

und andere Säugethiere, die sich in seine Nähe wagten, dasselbe Schicksal

erlitten; ja, man nannte ein Thal auf Java, wo ein solcher Bohan-Uzas

stand, sogar das _Thal des Todes_, weil von den giftigen Ausdünstungen

desselben sogleich alles Leben ersterben sollte. Dieses alles gehört nicht

der Wahrheit, sondern allein der Fabel an. Der Baum ist allerdings sehr

giftig; aber die Wilden gewinnen das Gift für ihre tödtlichen Pfeile allein

dadurch, daß sie den Stamm des Bohan-Uzas mit einem Messer oder scharfen

Steine ritzen, woraus ein milchiger Saft aus der Rinde hervorquillt, der

schnell zu einem Gummi-Harze gerinnt. Diesen Saft vermischen die noch

wilden Javanensen mit andern giftigen Substanzen und tauchen ihre

Pfeilspitzen hinein, worauf jede damit gemachte Wunde auf der Stelle

tödtlich wird. Der giftreiche Uzas hat übrigens ein sehr schönes Ansehen

und ist ein kräftiger Baum mit einer wohlgewachsenen, herrlichen Krone. Er

trägt eine steinigte Frucht. So viel von dem Uzas.

Auf Java, und überhaupt auf den Sunda-Inseln, besonders auf Borneo, findet

man auch das dem Menschen so ähnliche Thier, den _Urang-Utang_, den die

Ureinwohner für einen wirklichen Menschen halten, der aus Trägheit

weder sprechen noch arbeiten wolle; man nennt den Urang-Utang auch den

_Waldmenschen_. Er geht, wie Euch schon bekannt sein wird, aufrecht und

hat oft einen Knittel als Spazierstock oder als Waffe in einer seiner

Vorderhände; denn daß die Affen vier Hände haben, werdet Ihr schon

wissen. Wenn er angegriffen wird, vertheidigt er sich wacker und soll ein

gefährlicher Feind sein, wenn man ihm allein begegnet.

Unser William würde, wenn er nach Java gekommen wäre, dieses Alles und noch

viel Merkwürdiges gesehen haben; allein das Schicksal wollte es anders und

er sah diese Insel nur aus weiter Ferne, ohne sie je zu erreichen, wie ich

Euch nachstehend in dieser wahrhaften Geschichte erzählen werde.

Wind und Wetter blieben zu Anfang der Fahrt vom Cap der guten Hoffnung ins

indische Weltmeer hinein durchaus günstig, und wie ein großer Vogel mit

seinen weitausgebreiteten Schwingen die blaue Luft durchschneidet, so

durchschnitt die mit schönen weißen Segeln bespannte _Hoffnung_ den Ocean.

Stolz und herrlich mußte sich das Schiff ausnehmen, indem es so sicher

durch die bewegte Wasserfläche hinglitt. Wie lustig flatterten nicht die

hochrothen Wimpel, die schöne Flagge mit dem königlichen Wappen im Winde!

Wie glänzte und schimmerte Alles am Bord, wo eine wahrhaft musterhafte

Reinlichkeit und Ordnung herrschte; denn das mußte man dem Capitain Hansen,

trotz seiner sonstigen üblen Eigenschaften, lassen, er war ein ganzer

Seemann und hielt in allen Dingen auf die strengste Ordnung; nicht ein

einziges Endchen Tau durfte am unrechten Orte umherliegen und die erste

Putzdame konnte nicht eifersüchtiger über ihren Staat wachen, als unser

Capitain über die Sauberkeit seiner schönen _Hoffnung_.

Endlich an einem Morgen, als es eben Tag zu werden begann, rief der

Matrose, der oben im Mastkorbe saß, mit lauter und freudiger Stimme »Land!«

aufs Verdeck hinunter. Der Capitain kam auf diesen Ruf schnell aus der

Kajüte hervor und befahl William, der ihm gefolgt war, das prächtige,

weitsehende Fernrohr zu bringen, damit er untersuchen könne, ob der sich

im Nord-Ost am fernen Rande des Horizontes zeigende, graue Nebelstreif

wirklich Land, und, wie er vermuthen durfte, die Küste von Java sei. Er

richtete lange das Fernrohr, das er auf Williams Schulter gelegt hatte, auf

den grauen Streif; denn die Entfernung war noch so groß, daß man nur mit

Mühe unterscheiden konnte, ob man wirklich Land oder nur eine Wolkenschicht

vor sich habe. So wie aber die Sonne etwas höher gestiegen war, unterschied

er mit dem Fernrohr deutlich die hohen Bergspitzen Java's und sagte jetzt

freudig: »Es ist wirklich Land und bald werden wir am Ziele sein.«

Dieser Ausspruch erfreute die Herzen Aller, die ihn hörten. Wenn man so

lange auf der See geschwommen und nichts als Himmel über, als Wasser unter

sich gehabt hat, dann sehnt man sich endlich doch wohl nach einem

festen, grünen Boden unter seinen Füßen, und wenn man so lange nichts als

gepöckeltes Fleisch und trockene Hülsenfrüchte, wenn es hoch kömmt, eine

Mehlspeise oder Fische gegessen hat, nach frischem Fleische und grünem,

saftigem Gemüße.

Es herrschte also über diesen Ausspruch des Capitains große Freude am Bord:

wußte man doch, daß man sich auf ihn verlassen konnte, besonders, da es

nicht das erste Mal war, daß er diese Reise machte. Eine so glückliche,

ungetrübte Fahrt, wie diese, hatte man noch nicht gemacht; so behauptete

selbst der älteste Matrose am Bord, der alte Jakob, der von seinem

fünfzehnten, bis zu seinem fünfzigsten Jahre fast immer auf der See gewesen

war.

Indeß sollte die große Freude der Mannschaft und des Capitains bald getrübt

werden. Die bisher so ruhige, gleichsam spiegelglatte See fing an, sich zu

kräuseln; es tauchten immer größere Wellen, als ob das Meer unten koche,

aus der Tiefe empor; zwar verspürte man auf dem Schiffe noch keinen Wind,

vielmehr schwieg dieser gänzlich, als wolle eine Windstille eintreten;

allein das Meer braus'te hohl und gab ein Getöse von sich, wie wenn in

weiter Ferne der Donner rollt.

Die Mannschaft kannte so etwas und Alles wurde still, als sich diese Boten

eines herannahenden Sturmes kund thaten. Je größer die vorhergehende Stille

gewesen war, je mehr hatte man von jenem zu fürchten. Ein anderes, Allen

wohlbekanntes übles Zeichen waren die über das Schiff hinfliegenden großen

Wandervögel, die ein klägliches Geschrei in der Luft erhoben und statt

sich zum Ausruhen auf die Masten und Segelstangen nieder zu lassen, im

schnellsten Fluge vorüberschossen. Das thaten sie, um wo möglich noch vor

dem ausbrechenden Orkane das Festland zu erreichen.

Die See färbte sich immer dunkler; die Wellen wurden mit jeder Stunde

größer und begränzten sich mit schneeweißen Rändern von Schaum. Der

Capitain verließ das Verdeck nicht und schaute sich mit ernster Miene

und ohne ein Wort zu sagen nach allen Seiten um, ob er nicht noch andere

Zeichen des nahenden Sturmes entdecke. Endlich erblickte er, gerade in

der Richtung, von welcher der Wind herkam, ein kleines dunkles Wölkchen am

Himmel, und sich an den Steuermann wendend, sagte er:

»Jetzt kommt es! Aufgepaßt!«

Er ertheilte dann der Mannschaft die nöthigen Befehle, um auf das Kommende

bereit zu sein, ließ einen Theil der Segel einziehen und befahl die

größeste Vor- und Umsicht.

»Das Wetter wird wahrscheinlich sehr schlimm werden und wir haben uns zu

früh über die glückliche Fahrt gefreut,« sagte er mit bedenklicher Miene.

»Von Glück werden wir zu sagen haben, wenn wir mit leidlichem Schaden davon

kommen. Habt ihr das dunkle Wölkchen da unten,« -- er zeigte gen Westen

mit der Hand -- »wohl gesehen?« wandte er sich an den neben ihm stehenden

Untersteuermann; »das bedeutet nichts Gutes und wird schnell genug, Tod

und Verderben in seinem Schooße tragend, heraufkommen. Dazu wird es bereits

Abend; es darf Keiner diese Nacht zu Bett gehen, denn wenn uns das Unwetter

im Schlafe überraschte, könnte das Unheil groß werden. Daher aufgepaßt!

sage ich nochmals und keiner verlasse seinen Posten!«

William, der neben dem Capitain stand und jedes seiner Worte vernahm, hatte

denn doch ganz seltsame Empfindungen in seiner Brust, als er von Sturm

und Unwetter reden hörte und, wie es sehr wahrscheinlich war, sie selbst

mitbestehen sollte. Er hatte bereits oft von Schiffbrüchen und andern

Unfällen zur See gehört oder gelesen; das aber erfüllte ihn nur mit einem

gewissermaßen angenehmen Grausen und stachelte blos seine Neugierde auf

den Ausgang der Sache; jetzt aber, wo er selbst daran und eine mitspielende

Person in dem großen Drama sein sollte, war ihm ganz anders zu Muthe und

trotz der drückenden Schwüle des Abends rieselte ihm von Zeit zu Zeit ein

kalter Schauder durch die Glieder.

Indeß begriff er doch noch nicht, wie das bezeichnete kleine dunkle

Wölkchen am fernsten Rande des westlichen Horizontes so verderblich für

Schiff und Mannschaft werden könne; war es doch noch so fern und kaum

wenig größer, als daß er es mit seinen beiden ausgebreiteten Händen hätte

bedecken können. Er wagte es mit einiger Schüchternheit, seine bescheidenen

Zweifel nicht gegen den Capitain selbst, wohl aber gegen den ihm

befreundeten Obersteuermann zu äußern; dieser aber belehrte ihn eines

Bessern, indem er zu ihm sagte:

»Die Wolke da drüben _scheint_ nur klein, ist es aber nicht. Nur die

außerordentlich große Entfernung und der große unermeßliche Raum, in dem

sie schwimmt, läßt sie unsern Blicken so unbedeutend erscheinen. Du wirst

schon selbst bemerkt haben, lieber William, wie sehr die Entfernung zur

scheinbaren Verkleinerung der Gegenstände beiträgt. Wenn man z. B. auf

einem Berge, auf einem hohen Thurme oder auch nur auf dem Dache eines

Hauses steht, erscheinen die unten wandelnden Menschen und Thiere uns in

fast zwerghafter Gestalt. Eben so ist es mit den Gegenständen, die wir am

Horizont erblicken. Nimm nur einmal die Sonne oder den Mond, deren Scheibe

man fast mit der Hand bedecken kann, und doch ist die erstere 113 Mal

großer als unsere Erde, obgleich diese eine Masse von 2659 Millionen 310190

kubischen Meilen hat; eine kubische Meile ist aber eine, die eine Meile

lang, breit und hoch ist. Bedenke, wie groß also die um 113 Mal so große

Sonne sein muß und doch macht die außerordentliche Entfernung, daß sie

uns nicht größer _erscheint_, wie der innere Theil eines mäßigen Tellers.

Hiernach wirst Du schließen können, daß auch jene, jetzt so klein

scheinende Wolke sehr groß sei und uns, wenn sie sich über uns ausbreiten

sollte, Gefahr und Verderben bringen könnte. Alles wird für uns davon

abhängen, ob der Wind in seiner jetzigen Richtung bleibt, oder davon

abspringt; ist das letztere der Fall, so dürfte die Gefahr minder groß

werden.«

William, der dem unterrichteten Manne mit der gespanntesten Aufmerksamkeit

zugehört hatte, dankte für die ihm ertheilte Belehrung und richtete jetzt

auch seine Blicke fast unausgesetzt auf die kleine dunkle Wolke.

Siebentes Kapitel.

Der Wind stand indeß noch immer aus Westen und die Wolke, von ihm

getrieben, kam immer näher und näher; so wie sie aber heraneilte, wurde

sie größer. Noch hohler als früher schon ging die See; die Wellen schlugen

gegen die Seitenwände des Schiffs, als wollten sie sie zerschellen; der

Schaum spritzte, so wie der Kiel die Wogen durchschnitt, so hoch empor, daß

er auf's Verdeck niederfiel. Jetzt ließen sich auch bereits einzelne,

noch in ziemlich großen Pausen kommende Windstöße verspüren; die freien

Zwischenräume wurden immer kürzer, die Stöße selbst anhaltender. Endlich

war der vollständigste Orcan da. Der Himmel hatte sich schwarz bezogen; es

donnerte aus den Wolken; Blitze zuckten, die ganze Natur schien in Aufruhr

zu sein. Die Wellen gingen so hoch, daß sie über das Verdeck stürzten

und von demselben Manches mit sich in die Tiefe hinabrissen. Dazu kam die

Nacht, die das Grausenhafte der Scene noch vermehrte.

Der Capitain war dem Anscheine nach ruhig, aber sehr bleich; ein Beben

seiner Stimme, so oft er einen Befehl ertheilte, verrieth, daß er seine

innere Furcht nur bemeisterte, vielleicht, um die Mannschaft nicht zu

erschrecken: war diese doch ohnehin, trotz ihres Muthes, schon erschrocken

genug, indem sich kaum einer erinnerte, je einen solchen Orkan erlebt zu

haben.

Die ältesten und verwegensten Matrosen, Männer, denen sonst immer, nach

der schlechten Gewohnheit der Soldaten und Seeleute, Flüche auf den Lippen

schwebten, ließen alle Augenblicke ein: »Gott steh' uns bei!« oder:

»Gott sei uns armen Menschen gnädig!« hören. Man vernahm weder mehr ein

fröhliches Singen noch Pfeifen am Bord; Alles verrichtete seine Arbeit

still; nur die Stimme des Capitains wurde von Zeit zu Zeit, Befehle

ertheilend, gehört; oft übertobte der Sturm sie.

Die Gewalt desselben nahm mit jedem Augenblick zu, und obgleich die

meisten Segel eingerefft waren, wurde das Schiff doch pfeilschnell vorwärts

getrieben. Der Steuermann vermochte das Steuer nicht mehr zu regieren,

sondern mußte das Schiff dem Winde und den Wellen fast gänzlich überlassen.

Menschenmacht und Menschenhülfe vermochte nichts mehr: man mußte sich in

Gottes Hand geben und glaubte dem Ende seiner Tage nahe zu sein.

Um das Unheil zu vermehren, brach endlich auch noch das Steuer entzwei,

indem eine Stoßwelle dagegen schlug; jetzt gab es keine Lenkung des

Schiffes mehr, und Luft und Wasser hatten freies Spiel.

Selbst dem Capitain entsank der Muth; bis dahin hatte er einen wirklich

bewunderungswürdigen gezeigt. Sein Ansehen hatte etwas Furchtbares; sein

Gesicht war todtenbleich, und sein krauses Haar sträubte sich auf dem

Haupte empor; in seinen Mienen lagen Furcht und Entsetzen; allein kein

Wort, das Furcht verrathen hätte, entfuhr seinen Lippen. Nur als er an

William vorüberging, der in der Kajüte auf seinen Knieen lag und, wie seine

fromme Mutter es ihm im Glück und Unglück gelehrt hatte, zu Gott um Rettung

emporflehte, sagte Capitain Hansen wie vor sich hin:

»Armer Junge! Dein Leben habe ich auf dem Gewissen! Ich beging ein schweres

Unrecht, das ich vor Gott zu verantworten haben werde, indem ich Dich

Deiner Heimath und einer minder gefahrvollen Beschäftigung entriß.«

Obgleich nun die Gefahr mit jedem Augenblick höher stieg und Alle sich

ihres Lebens begaben, war doch durch das Gebet eine größere Ruhe über das

Herz des armen William gekommen. Wie oft hatte er seine gute Mutter in

Augenblicken der Noth die Worte sagen hören:

»Nicht wie ich, sondern wie mein Vater im Himmel will?« und dieser sich

jetzt erinnernd, sagte er sie auch, wodurch eine wahrhaft himmlische Ruhe

über sein Herz kam. Zwar erfüllte ihn der Gedanke mit Betrübniß, schon so

jung, so fern von der theuren Mutter und der geliebten Heimath sterben zu

sollen, in die grausenvolle Tiefe des Meeres hinabsinken zu müssen; allein

Schrecken oder wohl gar Entsetzen flößte er ihm nicht ein: wußte er doch,

daß es nach diesem Leben noch ein anderes, wie die heilige Schrift verhieß,

_besseres_ geben würde; wie hätte er sich also wohl vor dem Tode fürchten

sollen? Daß er aber zu leben _wünschte_, wie natürlich war das nicht?

So beschämte dieser Knabe in seiner durch wahrhafte Frömmigkeit und

Gottergebenheit hervorgegangenen Ruhe die ältern Männer. Trotz derselben

ließ er aber doch die Hände nicht in den Schoos sinken, sondern verrichtete

mit Kraft und Besonnenheit die ihm aufgetragenen Geschäfte.

Die grauenvolle Nacht ging endlich vorüber und der Himmel klärte sich

etwas auf. Von Zeit zu Zeit fiel ein Sonnenstrahl durch den dunklen

Wolkenschleier, womit er überzogen war; aber der Sturm legte sich nicht

und trieb das Schiff wie ein Spielwerk vor sich her. Wo man war, wußte man

nicht, da eine Sturzwelle den Kompaß über Bord gerissen hatte, folglich

der Capitain seine Beobachtungen nicht anstellen konnte; gelenkt konnte das

Schiff auch nicht mehr werden, weil das Steuer zerbrochen war. Man sah kein

Land mehr, nichts als das Wasser unter, den Himmel über sich.

Dies war, obwohl an sich schrecklich genug, doch gewissermaßen ein Trost

für die armen Schiffbrüchigen, indem die größeste Gefahr ihnen von der Nähe

des Landes kommen mußte. In dieser Nähe ist nämlich das Meer gewöhnlich

mit verborgenen oder offenbaren Klippen und Felsenriffen besät, an denen

steuerlose Schiffe unfehlbar scheitern müssen, wenn der Wind sie gegen

dieselben treibt. Daher war es für unsere Seefahrer tröstlich, daß sie

nirgends Land zu erspähen vermochten. Legte sich der Orcan nur bald,

so durfte man sogar noch auf Rettung hoffen: das Schadhafte konnte

ausgebessert, die zerrissenen Segel konnten geflickt werden und man,

wenn gleich nur nothdürftig und mit großer Anstrengung, doch noch einen

rettenden Hafen erreichen.

So betete jetzt Alles am Bord, ganz im Gegensatze zu früher: »Nur kein

Land! Nur kein Land!« Der Sturm konnte, _mußte_ sich ja endlich doch

legen; wenn aber das Schiff auf Klippen stieß, dann war keine Rettung mehr

möglich.

Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder · 第 3 / 16 段