»sollte mein William, der bisher der zärtlichste, gehorsamste und beste
Sohn war, wider meinen ausdrücklichen Willen gehandelt und sich bei Ihrem
Manne als Kajütenwächter verdungen haben?«
»Ich weiß nichts davon, ob es mit oder gegen Ihren Willen geschah,«
versetzte die Gefragte sichtbar verlegen; »nur so viel kann ich Ihnen
sagen, daß ihr Sohn mit meinem Manne gegangen ist und jetzt wahrscheinlich
schon mehrere Meilen von hier auf der Elbe schwimmt.«
Wie ein Donnerschlag traf diese Nachricht die arme Mutter: sie gab in
diesem Augenblick ihr geliebtes Kind, ihr einziges Gut auf Erden, nicht
nur leiblich, sondern auch moralisch verloren; denn was durfte sie noch von
einem Sohne erwarten, der so lieblos gegen sie gehandelt, sie so getäuscht
hatte?
Ihr wurde dunkel vor den Augen; die Knie wankten unter ihr und sie wäre,
von einer Ohnmacht befangen, zu Boden gesunken, wenn die Frau Hansen ihren
Zustand nicht bemerkt hätte und ihr zur Hülfe gekommen wäre. Sie eilte auf
die Schwankende zu, unterstützte sie mit ihren Armen und führte sie zum
Sopha, wo sie dem Anscheine nach ohne Leben niedersank.
Die Frau Hansen war im ersten Augenblick so erschrocken, daß sie nicht
wußte, was sie thun, was beginnen solle. Dann lief sie zur Klingel und zog
diese mit Heftigkeit an, um ihre Magd herbei zu rufen, die sie, so wie sie
eingetreten war, zum nächsten Arzt schickte. So wie dieser den Zustand der
Frau Robinson untersucht hatte, erklärte er, daß die Krankheit nicht viel
zu bedeuten habe und gab ihr einige starke Sachen zu riechen, um sie aus
ihrer Ohnmacht zu erwecken. Unter diesen Bemühungen kam die Leidende bald
wieder zu sich und ihr Gefühl machte sich in einem Strome von Thränen Luft.
Frau Hansen weihte ihr die innigste Theilnahme, und hatte sie vorher schon
in ihrem Herzen die Handlungsweise ihres Mannes getadelt, so that sie es
jetzt, wo sie die arme Mutter einer so großen Betrübniß hingegeben sah,
doppelt; aber sie hatte trotz dem nicht den tugendhaften Muth, ihr die
Wahrheit zu sagen, obgleich sie ihren Kummer dadurch um die Hälfte hätte
vermindern können; denn immer und immer wieder rief Frau Robinson mit
schmerzlich bewegter Stimme:
»Das konnte mir ein Kind thun, welches ich mit so vieler Liebe groß gemacht
habe? Auf solche Weise konnte mein William mich hintergehen, er, den ich
für die Redlichkeit und Aufrichtigkeit selbst hielt?«
Weniger betrübte sie die Trennung von dem geliebten Sohne, als der Flecken,
der scheinbar durch dieselbe auf sein Gemüth und seinen Charakter fiel: und
durch ein einziges Wort hätte Frau Hansen sie hierüber beruhigen können.
Mußte sie aber nicht die schändliche Handlungsweise ihres Gatten zugleich
mit enthüllen? Dieser Gedanke verschloß ihr die Lippe und sie ließ die
Mutter mit der ganzen Last ihres Kummers von hinnen gehen. Dies war ein
großes, unverzeihliches Unrecht von der sonst so guten und gefühlvollen
Frau.
Viertes Kapitel.
Indeß schwamm die _Hoffnung_, von einem frischen Ostwinde getrieben,
majestätisch mit geblähten Segeln die Elbe hinunter und nahm bei
Cuxhafen die Lootsen ein. William schlief, von dem starken und ihm völlig
ungewohnten Wein benebelt, als wolle er nie mehr erwachen: hatte er
doch schon sonst einen festen gesunden Schlaf, wie er der lieben Jugend
eigenthümlich ist, und mußte am Morgen stets von der guten Mutter mehrere
Male geweckt werden, um die Schulstunden nicht zu versäumen. Das Geräusch
auf dem Verdecke störte ihn nicht, da er es in seiner Vaterstadt gewohnt
geworden war, bei einem solchen zu schlafen.
Hoch stand bereits, trotz der weit vorgerückten Jahreszeit, die liebe Sonne
am östlichen Himmel, als er endlich erwachte. Er setzte sich über Erde,
rieb sich die Augen, fühlte nach seinem Kopfe, der ihn sehr schmerzte,
wie es nach einem gehabten Rausche der Fall zu sein pflegt, und sah mit
verwirrten Augen umher. Alle ihn umgebenden Gegenstände waren ihm völlig
unbekannt und schon wollte er sich wieder zum Schlafe niederlegen, weil er
zu träumen glaubte, als er den Capitain zu sich eintreten sah.
»Nun, Jüngelchen,« sagte dieser lachend, »das nenne ich geschlafen!«
»Wo bin ich denn?« fragte William, indem er sich die Augen rieb.
»Wo Du bist?« fragte der Capitain gleichfalls. »Weißt Du denn nicht mehr,
daß Du Dich an Bord der _Hoffnung_ und schon mitten im Meere befindest?«
Bei diesen Worten sprang der arme Knabe vollends auf und sein eben noch vom
Schlafe geröthetes Gesicht wurde todtenbleich.
»So habe ich die Zeit verschlafen und das Schiff ist mit mir fortgesegelt?«
rief er mit dem Tone des höchsten Entsetzens aus. »Großer Gott! was soll
jetzt aus mir armen Knaben, was aus meiner unglücklichen Mutter werden? und
wird sie sich nicht gar zu Tode um mich grämen? Setzt mich, Herr Capitain,
ich flehe Euch darum um Gotteswillen an, setzt mich sobald als möglich an's
Land! Wenn es auch noch so weit ist, will ich gerne zu Fuße nach Hamburg
zurücklaufen; gute Menschen werden mir schon den Weg dahin zeigen; denn
es wäre doch gar zu traurig, wenn meine gute Mutter aus Kummer um mich
und meinen vermeinten Ungehorsam stürbe, oder sich ihre lieben, ohnehin so
kranken Augen blind weinte.«
»Närrchen,« versetzte der Capitain, dessen böses Herz sich an der Angst des
armen Knaben ergötzte, »Närrchen, vom Festlande wird nicht eher die Rede
sein, bis wir die Insel Java, bei Asien, erreicht haben: denn dahin steuern
wir, und Du mußt Dich schon auf dem Wasser zufrieden geben. Was aber
Deine Mutter anbetrifft, so wird sie sich schon bei meiner Frau nach Dir
erkundigen und von der hören, wie die Sachen stehen; Du aber denke von nun
an nur darauf, Deine Pflichten am Bord gehörig zu erfüllen, und mir keine
Gelegenheit zur Unzufriedenheit zu geben, denn sonst würde es Dir nicht gut
ergehen.«
Vergebens bat und beschwor William noch ferner den bösen Mann, ihn ans
Land setzen zu lassen, da er nicht wußte, daß dies unter den gegenwärtigen
Umständen völlig unmöglich sei; und wäre es auch möglich gewesen, so würde
Capitain Hansen doch nie darein gewilligt haben, seine Beute wieder fahren
zu lassen. Dem armen William blieb also nichts weiter übrig, als sich in
sein Schicksal zu ergeben, was er nach vielen vergossenen heißen Thränen
that.
Seiner Mutter wurde aber doch am folgenden Tage, als sie ihr Unglück den
theilnehmenden Nachbarn klagte, ein großer Trost. Auf dem Wege zu dem
Capitain war William nämlich einem seiner Schulgefährten, der gleichfalls
in der Nachbarschaft wohnte, begegnet, und diesem hatte er erzählt, daß er
zu dem Capitain Hansen gehe, um ihm im Namen seiner Mutter zu sagen, daß
diese nicht in seine Entfernung willige, und bei dieser Gelegenheit hatte
er gegen den Schulfreund geäußert: »Er würde um keinen Preis wider den
Willen seiner Mutter mit dem Capitain gehen, denn das würde eine große
Sünde sein.«
Diese Mittheilung beruhigte die gute Frau Robinson in Etwas und sie dachte
sich ungefähr den Zusammenhang der Sache. Eine große Last war ihr vom
Herzen genommen, als sie sich sagen mußte, daß ihr William an den ihr
bereiteten Schmerzen gewiß unschuldig sei; ihn schuldig, ungehorsam und
lieblos zu wissen, das war es, was sie so sehr zu Boden gedrückt hatte.
Ihre Thränen flossen also sanfter, und wie immer legte sie voll Vertrauen
ihr eigenes und das Geschick ihres theuren Kindes in die Hände ihres
himmlischen Vaters.
Der Wind blieb indeß günstig; er hatte sich gedreht, als man die Elbe
verließ und wehte jetzt so, daß man gar bald die hohe See und schon
nach einigen Tagen den Kanal erreichte. Man nennt die Meerenge zwischen
Frankreich und England so, wie diejenigen unter Euch Geliebten schon wissen
werden, die sich bereits etwas mit der eben so angenehmen als nützlichen
Wissenschaft der Erdbeschreibung oder Geographie vertraut gemacht haben.
Die Passage durch den Kanal, den die Franzosen =La Manche= nennen, wird
von den Seeleuten für eine gefährliche gehalten, der vielen Klippen und
Felsenriffe wegen, die an beiden Küsten, sowohl an der französischen als an
der englischen angetroffen werden. Indeß mußte man es dem Capitain Hansen
zum Ruhme nachsagen, daß er, wenn auch kein guter, gefühlvoller Mensch,
doch ein tüchtiger Seemann war, und da Wind und Wetter günstig blieben,
hatte man bald den gefährlichen Kanal hinter sich und steuerte in den
großen atlantischen Ocean hinein, der seine ungeheuren Wasserflächen
zwischen den beiden Welttheilen Europa und Amerika ausbreitet. Den großen
Weltmeeren, deren man in der Geographie fünfe zählt, gibt man aber den
Namen _Ocean_.
Ich bitte diejenigen unter Euch, die durch diesen »_neuen Robinson_« nicht
blos unterhalten, sondern zugleich auch belehrt sein wollen, und
deren werden hoffentlich recht viele sein, eine Weltcharte oder ein
_Planiglobium_ zur Hand zu nehmen und unserm jungen Reisenden auf derselben
zu folgen. Es ist eine schöne Fähigkeit, stets das Nützliche mit dem
Angenehmen zu verbinden, und ich ermahne Euch, sie zeitig zu üben. Ihr
werdet dadurch nach und nach eine Menge Kenntnisse erlangen, die Euch sonst
vielleicht fremd blieben. Jetzt aber zurück zu unserm Robinson, der
seinen, in England häufig vorkommenden Namen nicht vergebens führte, da das
Schicksal ihn dazu ausersehen hatte, ähnliche Begebenheiten zu erleben,
wie der, den Vater Campe, zum Ergötzen so vieler Kinder, in seinem
vielgelesenen Buche geschildert hat.
Unser William Robinson war also auf dem hohen Meere und fing bereits an,
sich mit seinem Schicksale auszusöhnen, da er einsehen gelernt hatte, daß
es ein unabänderliches sei. Zwar war Capitain Hansen ein strenger, ja sogar
böser und ungerechter Gebieter, der seine schlimme Laune stets an seiner
Umgebung ausließ; allein William hatte es doch besser bei ihm, als die
frühern Schiffsjungen, weil er sanft, geduldig und stets aufmerksam gegen
seinen Herrn, stets freundlich und dienstfertig gegen seine Mitmannschaft
war. Hatte der Capitain einmal seine böse Laune -- und diese trat allemal
ein, wenn Wind und Wetter der Fahrt nicht günstig waren, weßhalb die
Matrosen ihn unter sich immer nur die _Wetterfahne_ nannten -- so ging
William ihm klug aus dem Wege und verdoppelte seine Aufmerksamkeit gegen
ihn. Er trat dann so leise auf, daß man ihn kaum hören konnte, und sah
immer nach den Augen des See-Tyrannen, um jeden leisen Wunsch desselben
zu errathen, bevor er noch nöthig hatte, ihn auszusprechen. Sein von Natur
gutes Gedächtniß und die große Geschicklichkeit, welche er sich bei allen
Handhabungen durch frühzeitige Uebung erworben hatte, kamen ihm jetzt sehr
zu statten. Er führte pünktlich die ihm ertheilten Befehle aus, ließ weder
Teller, Tassen noch Gläser fallen, wie andere plumpe Schiffsjungen es
häufig gethan hatten, und hielt die Kajüte des Capitains so rein und
ordentlich, daß auch nicht ein Stäubchen darin zu entdecken war. Er dachte,
so lange sein Dienst dauerte, nicht an andere Dinge, sondern nur an seine
Pflichten und Obliegenheiten. Abends aber, wenn er sein hartes Lager
aufsuchen und die ermüdeten Glieder darauf ausstrecken durfte, dann
gedachte er der jetzt so fernen Heimath, der geliebten Mutter und ihrer
Zärtlichkeit für ihn, und manche Thräne floß aus seinen Augen und benetzte
sein hartes Kopfkissen von Seegras.
Es konnte nicht fehlen, daß ein Charakter, wie der unsers William, nicht
eine gewisse Gewalt auf das rohe, unfreundliche Gemüth des Capitains
ausüben mußte. Ohne daß dieser selbst einmal eine Ahnung davon hatte,
liebte er den stillen, freundlichen und behenden Knaben, und weil er
ihn liebte, ging er besser mit ihm um, als mit irgend einem Andern der
Mannschaft; Alle aber gönnten William diesen Vorzug von Herzen, weil er
gegen Jeden gut und gefällig war, auch nie die Vorliebe des Capitains dazu
mißbrauchte, die übrigen Matrosen bei ihm zu verklagen oder ihm von diesen
begangene kleinere oder größere Versehen mitzutheilen.
Die Neigung, welche Capitain Hansen nach und nach für William faßte, gab
sich nicht blos dadurch kund, daß er ihm von Zeit zu Zeit von den bessern
Speißen, die auf seine Tafel kamen, etwas mittheilte, sondern auch dadurch,
daß er in vielen andern Dingen für ihn sorgte. So war unser neuer Robinson
durch seine Kleidung nicht wenig in Verlegenheit gesetzt. War er doch wie
er ging und stand nur mit den Kleidern, die er anhatte, zur See gegangen
und hatte nicht einmal ein zweites Hemd zum Wechseln mitnehmen können. Man
kann sich vorstellen, wie schrecklich eine solche Entbehrung für den an
strenge Reinlichkeit gewöhnten William sein mußte, und seine Noth wurde
noch größer, als er sein schmutziges Hemd nicht mehr unter der Jacke
verbergen konnte, an der bald alle Knopflöcher ausgerissen waren, weil er
sie täglich und bei der schwersten Arbeit auf dem Leibe hatte. Er sah auch
bald einem schmutzigen, zerlumpten Bettler so ähnlich, wie _ein_ Ei dem
andern; nur Gesicht und Hände konnte er rein halten und das that er.
Endlich bemerkte der Capitain seinen üblen Zustand und sagte:
»Du siehst ja aber verteufelt zerlumpt aus! Hast Du denn nichts Anderes
anzuziehen?«
»Ach nein!« versetzte der arme Knabe, und dabei schossen ihm die hellen
Thränen über die Wangen.
Der Capitain, welcher nicht leiden konnte, daß Jemand weinte, wollte schon
auffahren, als er sich plötzlich besann und sagte:
»Daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht! Du bist ja ohne alle weitere
Kleidung, als die, welche Du am Leibe hattest, an Bord gekommen. Nun,«
fügte er freundlicher hinzu, »dem soll abgeholfen werden und zwar gleich.
Für's Erste will ich Dir eins von meinen Hemden geben, damit Du wechseln
und das waschen und ausbessern kannst, was Du bis jetzt getragen, und
Franz, der, wie ich gehört habe, einem Schneider aus der Lehre gelaufen
ist, um ein Seemann zu werden, -- woran er nach meinem Bedünken sehr gut
that -- Franz soll Dir sogleich von meinem abgesetzten Zeuge einen andern
Anzug machen, damit Du nicht länger wie eine Vogelscheuche unter uns umher
gehst.«
Gesagt, gethan! Capitain Hansen war gewohnt, das, was er wollte, schnell
ins Werk gerichtet zu sehen, und so vergingen nicht zwei Tage, als William
schon seinen neuen, netten Anzug hatte. In seinem ganzen Leben hatte er
sich noch nicht so über eine neue Kleidung gefreut, als über diese; er
kam sich so verändert darin vor, daß er sich einige Augenblicke mit
Wohlgefallen in dem sonst sorgfältig mit den Blicken vermiedenen Spiegel
betrachtete. Vor allen Dingen aber erfreute ihn das reine Hemd und er
konnte es nicht genug befühlen und betrachten. So lernen wir erst durch die
Erfahrung den hohen Werth mancher Güter kennen, die wir, eben weil sie
uns bisher nicht gefehlt haben, weil wir glaubten, sie _dürften_ uns nicht
fehlen, nicht gehörig zu schätzen wußten und sie ohne Dank gegen Gott und
Menschen hinnahmen. Auch unser William, so gut und dankbar er im Ganzen
war, hatte nie daran gedacht, seiner guten Mutter dafür zu danken, daß sie
stets für seine Kleidung und Wäsche eine so große Sorgfalt gehabt hatte;
jetzt aber dankte er ihr aus voller Seele dafür und Thränen der Rührung
traten ihm dabei in die Augen.
Fünftes Kapitel.
Um von Europa nach Asien zu kommen, muß man den ganzen atlantischen Ocean
durchschiffen und dann von diesem, indem man um das äußerste südliche
Vorgebirge Afrikas, das sogenannte Cap, biegt, in den großen indischen
Ocean übergehen. Am Cap oder, wie es auch genannt wird, dem _Vorgebirge der
guten Hoffnung_, mußte man anlegen, um Wasser und Lebensmittel einzunehmen,
weil die Vorräthe, die man von Hamburg mitgenommen, nicht weiter reichen
wollten.
Wie wohl that es unserm jungen Seemanne, als er, nachdem er so lange nur
das bewegliche Element des Wassers unter sich gehabt hatte, endlich den
festen Boden wieder betrat! Wie lange hatte er kein grünes Blatt gesehen,
keinen Vogelgesang gehört, in kein anderes Menschen-Antlitz geschaut, als
in das der Matrosen und des Capitains, die die Reise mit ihm gemacht! Wie
ein junges Füllen, das nach langen Wintertagen aus dem Stalle hervorgeholt,
zuerst die grüne Weide wieder betritt, sprang er am Ufer umher und jauchzte
laut auf vor Freude, als er den ersten, grünen Baum wieder erblickte.
Ueberdies bot dieser ihm einen ganz neuen, überraschenden Anblick dar, denn
es war eine Palme, die er zwar bereits in Abbildungen, aber noch nie in der
Natur gesehen hatte. Er lief in vollen Sprüngen auf den herrlichen Baum zu
und umfaßte den knotigen Stamm desselben mit seinen beiden Armen, wie er
sonst in der Freude seines Herzens oft bei seiner lieben Mutter gethan
hatte. Dabei liefen ihm die hellen Thränen über die Wangen; sie flossen
diesmal aber nicht dem Schmerze, sondern dem Entzücken.
Nachdem sich dieses einigermaßen gelegt hatte, sah er sich weiter um
und gewahrte in einiger Entfernung eine Gruppe von Bäumen, deren Kronen
ziemlich rund, wie die der in seiner Vaterstadt gesehenen Kugel-Akazien,
waren. Er eilte darauf zu und wurde schon aus der Ferne durch den
lieblichen, fast betäubenden Duft der schneeweißen Blüten auf die
Vermuthung gebracht, daß er Orangenbäume vor sich habe. Als er näher kam,
sah er an den goldgelben Früchten, womit diese Bäume bedeckt waren, daß er
sich in seiner Meinung nicht geirrt habe. Nicht nur die Zweige waren mit
Blüten und reifen und halbreifen duftigen Früchten bedeckt, sondern sie
lagen auch in Massen abgefallen am Boden, wie bei uns Aepfel und Birnen,
wenn der Sturm die Fruchtbäume im Herbste geschüttelt hat. Viele davon
waren noch frisch und gut, andere aber schon verfault, weil sich Keiner
darum zu bekümmern schien, sie aufzulesen. Unser William hatte zwar großen
Appetit, seinen brennenden Durst durch diese eben so duftigen als saftigen
Früchte zu löschen; da ihm aber seine Mutter die größeste Ehrfurcht vor dem
Eigenthume Anderer eingeflößt hatte, wagte er es doch nicht, sich zu bücken
und einige von den herrlichen, am Boden liegenden Orangen aufzuheben, bis
andere Matrosen von dem Schiffe sich zu ihm gesellten und, indem sie sich
die Taschen und Mützen mit Orangen füllten, ihm sagten: daß es hier Jedem
erlaubt sei, so viele Früchte zu nehmen, als ihm beliebe, indem sie wild
wächsen und Allen gleichsam zugehörten. Sie konnten das wissen, da sie
schon mehrere Male das Vorgebirge der guten Hoffnung besucht hatten und
hier eben so gut Bescheid wußten, wie in ihrer Heimath. Er ließ sich
das nicht zwei Mal sagen und erquickte sich jetzt auch an den duftigen
Früchten.
»Komm nur weiter mit uns,« sagte jetzt _Jakob_, ein bereits ziemlich alter
Matrose, dessen stark gebräuntes Gesicht verrieth, daß er schon lange zur
See gefahren; »komm nur, wir wollen Dir etwas noch Besseres zeigen, als
diese süßen Orangen. In dieser Gegend wächst eine Rebe, deren Früchte nicht
Ihresgleichen in der ganzen übrigen Welt hat. Der davon gewonnene Wein
wird, nach dem Weinberge, von dem man ihn erzielt, _Constanzia_ genannt und
so theuer in Europa verkauft wie kein anderer Wein; die Trauben aber sind
das Köstlichste, was der Mensch nur genießen kann.«
»Gehört denn auch dieser Weinberg Niemanden an und darf man auch von ihm
Trauben pflücken, ohne Jemanden nahe zu treten?« fragte William, als man
bei demselben angelangt war.
»Das nun wohl nicht,« versetzte Jakob, durch diese unerwartete Frage des
Knaben etwas in Verlegenheit gesetzt; »vielmehr würde der Besitzer, ein
Holländer, es sehr übel vermerken, wenn er uns dabei ertappte, daß wir
von seinen Trauben nähmen, aus denen er einen so großen Gewinn zu ziehen
versteht; wer aber würde sich wohl daran kehren, wo es etwas so Gutes zu
erhaschen gibt?« fügte er hinzu.
»Ich werde mich wohl daran kehren,« versetzte William; »fern sei es von
mir, mir das Geringste mit Unrecht anzueignen. So hat meine brave Mutter es
mir gelehrt und dabei will ich, so lange ich lebe, bleiben.«
»Thue das, mein Sohn!« ließ sich jetzt plötzlich eine Stimme vernehmen,
die, Allen ganz unerwartet, hinter einer dichten Hecke hervorkam, und zu
gleicher Zeit erhob sich ein menschliches Antlitz hinter derselben. Die
Andern, welche sich schuldig fühlten -- sie hatten ja stehlen wollen --
ergriffen erschrocken die Flucht; unser William, dessen Gewissen völlig
rein war, blieb aber stehen und sah den alten Mann, der ihr Gespräch
belauscht hatte, furchtlos an.
»Ich habe Alles gehört, mein Sohn,« sagte der Besitzer des Weinbergs --
denn er war es selbst -- »und freue mich, die Bekanntschaft eines so braven
jungen Menschen gemacht zu haben. Bleibe bei Deinen guten Grundsätzen und
es wird Dir stets wohl ergehen. Warte aber einen Augenblick: ich will Dich
für Deine Redlichkeit belohnen, indem ich Dir die sonst fest verschlossen
gehaltene Pforte meines Weinbergs öffne und Dich in denselben führe, damit
Du Dich nach Herzenslust an meinen guten Trauben sättigest; denn für einen
so braven, redlichen Burschen habe ich immer noch einige davon übrig.
Den andern aber würde es schlecht bekommen sein, wenn sie, über den Zaun
steigend, auf anderm Wege in meinen Weinberg gedrungen wären. Ich muß auf
solche ungeladene Gäste gefaßt sein, da Jeder, der hier landet, von meinen
weitberühmten Trauben naschen will, und würde wohl schwerlich eine
einzige davon in die Kelter bringen, wenn ich nicht die gehörige Vorsicht
angewendet hätte. Zu dem Ende ließ ich mir _Fußangeln_ aus Europa
herüberkommen und legte sie dicht an der Hecke rund um den Weinberg.
Von Zeit zu Zeit habe ich Warnungstafeln aufgestellt, auf denen in allen
lebenden Sprachen zu lesen ist, welches Unheil die häßlichen Näscher in
meinem Weinberge erwartet; denn ungewarnt sollten selbst diese nicht in ihr
Unglück gehen.«
Als er diese Worte geendet hatte, öffnete er mit einem schweren Schlüssel,
den er bei sich trug, die große und hohe eiserne Pforte und lud unsern
William zum Eintritt, zugleich aber auch zum Genusse seiner herrlichen
Trauben ein, wobei er ihm seine Lebensschicksale erzählte, die seltsam
genug waren. Als ein armer Knabe war er aus Holland, seinem Geburtslande,
auf einem großen Handelsschiffe nach dem Cap gekommen und Krankheits halber
daselbst zurückgeblieben. Ein Deutscher nahm sich des Verlassenen an,
weßhalb er auch die deutsche Sprache vollkommen gut sprach und verstand.
Durch Fleiß und Redlichkeit erwarb er sich im Laufe der Jahre einiges
Vermögen, kaufte darauf den Weinberg, dessen Werth man damals noch nicht
kannte, für eine geringe Summe an, kultivirte die üppig wachsenden Reben
desselben, grub und düngte den sehr steinigten, trockenen Boden gehörig und
sah sich nach einigen Jahren in dem Besitze eines Weinbergs, um den jeder
ihn beneidete und der ihn nach und nach durch seinen Ertrag zum reichen
Manne machte.
Dieses Alles erzählte der freundliche Greis unserm William, während dieser
sich, auf seine Einladung, an Trauben sättigte, von deren Köstlichkeit und
Würze man in Europa keinen Begriff haben kann. Als William nicht mehr zu
essen vermochte, füllte er ihm Mütze, Taschen und sein Sacktuch auch noch
mit Trauben an, ermahnte ihn dringend, auch ferner stets auf Gottes Wegen
zu gehen, und entließ ihn endlich mit seinem Segen.
Dieses Abentheuer war das angenehmste, das unser junger Freund noch in
seinem, freilich kurzen, Leben erlebt hatte und selbst noch als Greis
erinnerte er sich desselben mit großer Freude, indem er zugleich
behauptete, ihm habe nie wieder etwas so geschmeckt, wie diese ihm mit so
großer Liebe und Freundlichkeit geschenkten Trauben.
Als er endlich zu seinen, ihn in einiger Entfernung erwartenden Genossen
zurückkehrte, erzählte er ihnen, was ihm begegnet war und vertheilte die
ihm mitgegebenen Trauben an sie.
»Wetter!« rief der alte Jakob, als William ihm von den von dem Holländer
gelegten Fußangeln erzählte. »Da hätten wir schön ankommen und uns
vielleicht für unsere ganze Lebenszeit unglücklich machen können; denn mit
den Dingern ist nicht zu spassen und wer zufällig darauf tritt, wird leicht
zum Krüppel, weil sie tief in den Fuß eindringen und oft unheilbare Wunden
zurücklassen.«
Man hatte wirklich Gott für die Abwendung einer so großen Gefahr zu
danken; unser William ging für die Mittheilung seiner auf rechtlichem Wege
erworbenen Trauben auch nicht leer an Dank aus und Alle waren höchlichst
zufrieden.