26. Kapitel.

Da zahlreiche Congreßmitglieder den Wunsch geäußert hatten, sich

eingehender davon zu überzeugen, daß thatsächlich die anscheinend so

wunderbare harmonische Organisation des gesamten wirtschaftlichen

Getriebes in Freiland nichts anderes, als das selbstverständliche

Ergebnis wohlberatenen und wahrhaft freien Eigennutzes sei, wurden die

Sitzungen des Congresses für zwei Tage unterbrochen und diese dazu

benützt, um eine Reihe größerer Edenthaler und Danastädter

Etablissements zu besichtigen und bei diesem Anlasse im Wege des

Gedankenaustausches mit den sich zu diesem Behufe bereitwilligst zur

Verfügung der fremden Gäste stellenden Direktoren der fraglichen

Anstalten sowohl, als des Leiters der freiländischen Centralbank alle

etwa auftauchenden Zweifel gründlich zu erörtern.

Das erste Bedenken, welches geltend gemacht wurde, betraf die Frage,

woher denn all die zahllosen Arbeiter allesamt die erforderliche

Sachkenntnis und Intelligenz hernähmen, um jederzeit genau beurteilen zu

können, wo man ihrer gerade am nötigsten bedürfe. »Sie haben,« so meinte

einer der Besucher, »eine allumfassende, pünktliche Statistik, die jede

Regung Ihres wirtschaftlichen Lebens mit peinlichster Genauigkeit

verzeichnet -- sehr wohl; aber welch hohes Verständnis gehört dazu, um

sich in einer solchen Statistik zu orientieren!«

»Dazu gehört in Wahrheit ein überaus bescheidenes Maß von Verständnis,

kein höheres, als es bei jedem vernünftigen Menschen ohne weiteres

vorausgesetzt werden kann,« war die Antwort. »Denn kein Arbeiter braucht

sich um anderes zu kümmern, als lediglich um den auf die einzelne Stunde

seiner Arbeit entfallenden Ertrag. Hätten wir keinen freien Markt, auf

welchem Angebot und Nachfrage die Preise regeln, so wäre es allerdings

eine nicht bloß schwierige, sondern eine in Wahrheit ganz und gar

unlösliche Aufgabe, herauszufinden, nach welcherlei Produkten jeweilig

stärkerer oder geringerer Bedarf vorhanden und wo dementsprechend

vermehrte Zuwendung von Arbeitskraft wünschenswert sei. Da sich aber bei

uns jede Veränderung der Verhältnisse zwischen Angebot und Nachfrage, im

Preise der Produkte ausdrückt, so ist es ganz selbstverständlich, daß

der in Gemäßheit dieser Preise auf die einzelne Arbeitsstunde

entfallende Nettoertrag in untrüglichster Weise anzeigt, ob der

Produktionszweig oder das einzelne Etablissement, um welches es sich

handelt, im Vergleiche zu anderen Produktionszweigen oder Etablissements

einer Vermehrung oder Verminderung der Arbeitskraft bedarf. Daß z. B.

die Maschinenfabrik, in deren Räumen wir uns momentan befinden, ihren

Betrieb ausdehnen soll, ist in letzter Linie allerdings darauf

zurückzuführen, daß deren Erzeugnisse derzeit besonders gesucht sind,

eine Thatsache, die an und für sich zu konstatieren in der That höchst

kompliziert und schwierig wäre; da aber diese gesteigerte Nachfrage nach

hier erzeugten Maschinen insolange, als die Produktion ihr nicht

vollkommen nachgefolgt ist, notwendiger Weise das Erträgnis aller hier

beschäftigten Arbeiter entsprechend vermehrt, so genügt es vollkommen,

letzteren Umstand zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, damit das im

Interesse der Consumenten gelegene Ergebnis, nämlich der vermehrte

Zufluß von Arbeitern, sich ganz von selbst einstelle.«

»Aber ist nicht auch diese Ergründung des überall in jedem

gegebenen Momente vorhandenen Erträgnisses eine für gewöhnliche

Durchschnittsarbeiter allzu schwierige Aufgabe?« lautete die fernere

Frage.

»Durchaus nicht,« erklärte der Direktor der freiländischen Centralbank.

»Sich in dem von all den tausenden Associationen vorgelegten, von

unserer Centralstelle ergänzten und bearbeiteten Urmateriale

zurechtzufinden, ist allerdings nicht Jedermanns Sache. Aber solch

eingehender Untersuchung unterziehen sich auch nur Diejenigen, die sich

für statistische Studien um ihrer selbst willen interessieren. Der

gewöhnliche Arbeiter, der nichts anderes wissen will, als den Ort, wo er

die seinen Fähigkeiten entsprechende höchste Rente findet, begnügt sich

mit jenen übersichtlich geordneten Zusammenstellungen, welche die

statistische Centralstelle zu seinem Gebrauche bietet, und welche die

zahlreichen Fachzeitungen zudem mit Erläuterungen aller Art begleiten.

Die geistige Arbeit, die von ihm dabei verlangt wird, besteht in nichts

anderem, als in der Entscheidung der Frage z. B., ob er sich mit dem am

Orte seiner augenblicklichen Arbeit gebotenen Stundenertrage von 8

Schilling begnügen, oder wegen des bei einem anderen verwandten

Etablissement winkenden, um 15 Pfennige per Stunde höheren Ertrages sich

diesem, oder etwa zeitweilig einer jener Bodenassociationen zuwenden

soll, die vorübergehend -- während der Erntezeit nämlich -- bis zu 10

Schilling für die Arbeitsstunde zu bieten pflegen. Er muß mit sich

darüber ins Reine kommen, ob solche Gewinnsteigerung ihm genügenden

Ersatz gewährt für die mit dem Ortswechsel möglicherweise verknüpften

materiellen oder gemütlichen Nachteile, für die Beschwerden und

Unannehmlichkeiten des Umzuges, für die anstrengendere Arbeit u. dergl.;

im übrigen aber wird von ihm weder irgendwelches Verständnis

verwickelter wirtschaftlicher Vorgänge, noch irgendwelches Interesse für

anderes, als für den eigenen Vorteil gefordert.«

»Wie aber verhüten Sie,« so fragte ein anderer der Herren, »daß bei

einer irgendwo eintretenden stärkeren Steigerung der Erträge der Zuzug

der Arbeitskräfte allzu massenhaft ausfalle? Da keinerlei Behörde

ordnend eingreift und bestimmt, wer und wie viele herbeieilen sollen, so

ist doch immerhin möglich, daß statt der gewünschten Hunderte sich

Tausende einstellen.«

»Das könnte nur geschehen« -- so lautete die Erklärung -- »wenn

Telegraph und Druckerpresse bei uns unbekannt wären, oder wenn wir uns

ihrer nicht zu bedienen verstünden. Um welchen Teilbetrag die Rente

sinkt, wenn das Angebot von Arbeitskraft wächst, läßt sich natürlich

überall mit großer Genauigkeit berechnen, und da nun niemand so thöricht

ist, einer irgendwo auftauchenden höheren Gewinnziffer nachzulaufen,

ohne sich vorher zu vergewissern, daß er diese höhere Gewinnziffer, am

Orte seiner neuen Bestimmung angelangt, noch vorfinden werde, so ist es

bei uns selbstverständliche Übung, daß die Arbeiter ihre Absicht den

Leitungen der Associationen rechtzeitig anzeigen, daß diese Anmeldungen

fortlaufend publiziert werden und daß demnach Jedermann, noch bevor er

sich auf den Weg macht, vollkommen darüber beruhigt sein muß, an seinem

zukünftigen Arbeitsorte auch wirklich noch vonnöten zu sein.«

Einen zweiten Anlaß zu eingehenderen Erörterungen boten die in

zahlreichen der besichtigten Etablissements vorhandenen

Versuchsanstalten und wissenschaftlichen Laboratorien, die von den dort

beschäftigten Technikern und Chemikern dazu benutzt werden, um die

mannigfaltigsten Experimente behufs Erzielung von Verbesserungen des

Betriebs anzustellen. Der hohe praktische Wert dieser Einrichtung

leuchtete den Gästen natürlich sofort ein, weniger einleuchtend aber

erschien den meisten derselben der erläuternde Zusatz eines der

Direktoren -- es war das zufällig in der Danastädter Chemikalienfabrik

-- daß man die gewonnenen Erfahrungen »selbstverständlich« jederzeit

publiziere, auf besonders nützlich erscheinende die anderen

Associationen wohl auch ausdrücklich aufmerksam mache und dafür ebenso

selbstverständlich von diesen über alle in deren Versuchsanstalten

gemachten Funde pünktlichst auf dem Laufenden erhalten werde.

»Wenn das hierzulande selbstverständlich ist, dann müßt Ihr

freiländischen Industriellen uneigennützig wie die Engel sein,« meinte

einer der Besucher. Und sich direkt an den Direktor wendend, fügte er

hinzu: »Es scheint also doch, daß nicht alle Eure Einrichtungen sich

sofort zu uns Abendländern übertragen lassen, denn bei uns, dessen kann

ich Sie versichern, würde Niemand freiwillig von ihm ersonnene

Produktionsverbesserungen zur Kenntnis seiner Concurrenten bringen, und

am allerwenigsten könnte er sich darauf verlassen, daß diese ihm die

ihrigen preisgeben.«

»Sie haben ganz recht,« war die Antwort, »das würde Niemand bei Ihnen

thun, so lange Sie an Ihren bisherigen Einrichtungen festhalten; sowie

Sie jedoch die unserigen acceptieren, versteht sich all das, was Ihnen

so wunderbar uneigennützig vorkommt, ganz von selbst, als unabweisliches

Gebot gerade des Eigennutzes. Denn damit z. B. wir hier in Danastadt uns

des Vorteils einer von uns ersonnenen Verbesserung möglichst vollständig

erfreuen, ist durchaus notwendig, daß alle chemischen Fabriken des

ganzen Landes die gleiche Verbesserung thunlichst rasch auch bei sich

einführen. Wären wir so thöricht, unsere Entdeckungen geheim zu halten

-- ein Versuch, der nebenbei bemerkt angesichts der Öffentlichkeit all

unserer geschäftlichen Vorgänge an und für sich ziemlich aussichtslos

bliebe -- so wäre das einzig mögliche Ergebnis, daß aus allen

concurrierenden Associationen insolange Arbeitskräfte zu uns

einwanderten, bis der Ertrag unserer Arbeit -- umgerechnet auf die

einzelne Arbeitsstunde -- wieder auf das Niveau der anderwärts in

Freiland erzielbaren Erträge herabgedrückt würde, wir also von unserer

Entdeckung oder Erfindung so gut als keinen Vorteil behielten. Um das zu

vermeiden, bleibt uns schlechterdings kein anderes Auskunftsmittel, als

auch den Anderen Allen unsere Errungenschaft mitzuteilen; dadurch allein

erzielen wir, daß die Arbeit auch anderwärts ertragreicher wird und daß

also Niemand ein Interesse hat, sich behufs Mitgenusses unserer

Produktionsvorteile an uns heranzudrängen. Gerade so verhält es sich

natürlich mit den in anderen Associationen gemachten Verbesserungen; wir

können mit absoluter Sicherheit darauf rechnen, daß wir sofort von

denselben verständigt werden, da auch die Anderen Alle das gleiche

Interesse haben wie wir, nämlich unsere Produktionserträge zu steigern,

damit sie selber den Vorteil der ihrerseits erzielten Verbesserungen

möglichst vollständig genießen.«

Gegen dieses Raisonnement konnte nichts Stichhaltiges eingewendet

werden. Aber jetzt machte sich die Besorgnis geltend, ob es denn nicht

doch möglich sei, dieses Anrecht der Gesamtheit an den Ergebnissen jedes

irgend erzielten Produktionsvorteils auf Umwegen zu durchkreuzen.

»Was geschähe« -- so wurde einer der anwesenden Direktoren gefragt --

»wenn beispielsweise Sie als Leiter der Bodenassociation von

Nordleikipia, dazu aufgefordert durch -- selbstverständlich geheimen --

Beschluß der die Majorität bildenden alten Mitglieder, es versuchen

wollten, neue Zuwanderer vom Mitgenusse irgendwelcher besonderer

Produktionsvorteile im Wege schlechter unfreundlicher Behandlung

fernzuhalten; wer schützt in solchem Falle diese Neulinge gegen Ihre,

von der Majorität Ihrer Associationsmitglieder nicht bloß gebilligte,

sondern geradezu in deren Interesse geübte Willkür? Die Mißhandelten

haben die Freiheit, fortzuziehen; aber das ist es ja eben, was -- Sie

entschuldigen wohl die, bloß um der prinzipiellen Aufklärung willen

vorgebrachte Unterstellung -- erreicht werden will und was doch verhütet

werden muß, soll darüber nicht Ihre ganze Gleichberechtigung in die

Brüche gehen. Oder die Majorität kann sich zu gleichem Zwecke ein so

hohes Präcipuum votieren, daß das damit geübte Unrecht alle Zuwanderung

abhält. Wo liegt der Schutz gegen derartige Ausschreitungen des

Eigennutzes in einem Gemeinwesen, welches keinerlei Einengung des

individuellen Eigennutzes kennt und kennen will?«

»Abermals in der freien Concurrenz,« entgegnete lächelnd der Direktor.

»Derartige Ausschreitungen wären bei uns nur möglich, wenn sie im

geheimen geübt werden könnten, d. h. wohlverstanden, wenn nicht bloß die

darauf abzielenden Beschlüsse, sondern auch deren Ausführung der

Aufmerksamkeit des ganzen Landes vollständig entginge. Ich müßte nicht

bloß den geheimen Auftrag von meinen Associationsmitgliedern erhalten,

alle Zuwanderer hinauszuchikanieren, ich müßte auch das Kunststück

zuwege bringen, diesen Auftrag derart im Verborgenen zu vollstrecken,

daß Niemand, am allerwenigsten die Opfer desselben, das Geringste davon

merkten. Denn mit dem Momente, wo meine Praktiken ruchbar würden, wäre

ich -- darauf können Sie sich verlassen -- zum längsten Direktor, meine

Auftraggeber wären zum längsten Majorität der Bodenassociation von

Nordleikipia gewesen. Und genau ebenso verhielte es sich, sowie unser

Beschluß, den alten Mitgliedern ein ungebührliches Präcipuum zuzuwenden,

bekannt würde. Denn wie Sie leichtlich ermessen können, ist die

öffentliche Meinung Freilands in keinem Punkte wachsamer und

eifersüchtiger, als gerade in diesem, ihren Lebensnerv berührenden, das

individuelle Interesse Aller gleichmäßig bedrohenden; und da die

schrankenlose Freizügigkeit allen Arbeitern des ganzen Landes jederzeit

gestattet, welcher Association immer beizutreten, so gehört keine

sonderliche Phantasie dazu, um sich das mit unfehlbarer Sicherheit

Kommende genau auszumalen. Der erste Arbeiter, den meine planmäßigen

Chikanen zum Verlassen unserer Association zwängen, würde vielleicht

selber noch keine böse Absicht bemerken; der zweite vielleicht schon

Lärm, aber vorerst noch vergeblichen schlagen; beim dritten und vierten

dürfte bereits das öffentliche Mißtrauen rege werden, und ehe ich meine

Künste am zehnten Opfer zu üben vermöchte, wäre durch einen aus allen

Gauen herbeiströmenden Zufluß neuer Mitglieder die übelwollende

Majorität und ich natürlich mit ihr unschädlich gemacht.«

Diese Darlegung wirkte so schlagend, daß fernerhin kein Zweifel gegen

die im Wege wahrhaft freier Concurrenz bewirkte Harmonie der

wirtschaftlichen Interessen laut wurde. Die Congreßmitglieder hatten

zwar noch wiederholt Anlaß, über gar Manches, was sie sahen und hörten,

in Erstaunen zu geraten; daß jedoch Freiheit und Gleichberechtigung die

unfehlbaren Zauberformeln seien, auf deren Ruf die nämlichen Wunder

allüberall auch außerhalb Freilands in die Erscheinung treten müßten,

war ihnen zur Gewißheit geworden.

* * * * *

Nach Ablauf der zweitägigen Pause wurden die Beratungen des Congresses

wieder aufgenommen. Zur Discussion gelangte Punkt 3 der Tagesordnung:

_Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und müßte nicht

Übervölkerung eintreten, wenn es vorübergehend gelänge, das Elend

allgemein zu beseitigen?_ Als erster Redner war vorgemerkt

_Robert Murchison_ (Rechte): Ich muß zuvörderst Namens meiner bisher die

Durchführbarkeit des socialen Reformwerkes bezweifelnden

Gesinnungsgenossen die formelle Erklärung abgeben, daß wir nunmehr nicht

allein von der Durchführbarkeit, sondern von der naturgesetzlichen

Unvermeidlichkeit desselben durchaus überzeugt sind. Auch die fernere

Hoffnung hat das bisherige Ergebnis der Verhandlungen gezeitigt, daß es

der geehrten Gegenpartei gelingen werde, unsere noch vorhandenen

Bedenken eben so siegreich zu zerstreuen; einstweilen kann ich mich

derselben noch nicht entschlagen und fühle mich daher im Interesse

allseitiger Aufklärung verpflichtet, dieselben nach Kräften zu

begründen.

Das weitaus gewichtigste dieser Bedenken, welches unabhängig von allen

bisher erörterten Fragen noch ungebrochen aufrecht steht, ist das

nunmehr zur Diskussion gelangende. Es richtet sich nicht gegen die

Durchführbarkeit des allgemeinen Freiheits- und Wohlfahrtswerkes. Die

wirtschaftliche Gerechtigkeit muß und wird zur Wahrheit werden, das

wissen wir nun; wissen wir damit aber auch schon, daß sie sich wird

behaupten können? Die wirtschaftliche Gerechtigkeit wird Reichtum für

alle Lebenden zur Folge haben. Not und Elend mit ihrem Gefolge

zerstörender Laster werden vom Erdboden verschwinden. Mit diesen aber

werden zugleich jene Hemmnisse verschwunden sein, welche bisher der

schrankenlosen Vermehrung des Menschengeschlechts Grenzen zogen. Mehr

und mehr wird die Menge der Bevölkerung anwachsen, bis endlich -- der

Tag mag noch so ferne sein -- die Erde ihre Bewohner nicht mehr zu

ernähren im Stande sein wird.

Ich will Sie mit ausführlicher Wiederholung und Begründung des bekannten

Lehrsatzes meines berühmten Landsmannes Malthus nicht ermüden. Viel

wurde gegen denselben gesagt, Stichhaltiges, Überzeugendes bisher nicht.

Daß die Vermehrung der lebenden Individuen keine andere natürliche

Schranke als den Nahrungsmangel kennt, ist ein Naturgesetz, dem nicht

bloß der Mensch, sondern jedes lebende Wesen erbarmungslos unterworfen

bleiben muß. Gleichwie die Heringe, wenn sie sich frei vermehren

könnten, endlich im Weltmeere nicht mehr Raum hätten, so müßte auch der

Mensch, wenn die Zunahme seiner Zahl nicht auf das Hindernis des

Nahrungsmangels stieße, endlich keinen Raum mehr auf der Erdoberfläche

finden. Auch bestätigt die Erfahrung aller Zeiten und aller Völker diese

grausame Wahrheit; überall sehen wir, daß es der Nahrungsmangel, die Not

mit ihrem Gefolge ist, was die Menge der Lebenden innerhalb gewisser

Grenzen hält. Das wird auch in alle Zukunft so bleiben. Die

wirtschaftliche Gerechtigkeit kann diese traurige Grenze weit, sehr weit

hinausrücken, völlig beseitigen kann sie sie nicht. Zehnfach und

hundertfach größer kann unter ihrem Walten der Nahrungsspielraum werden,

ins Unendliche kann er sich nicht ausdehnen. Und ist einmal das

Unvermeidliche eingetreten, was dann? Mehr und mehr wird dann der

Reichtum den Entbehrungen und schließlich bitterster Not weichen und

zwar einer Not, die um so schrecklicher, hoffnungsloser sein wird, weil

es aus ihrem alle Kultur erdrückenden Bannkreise kein Entrinnen geben

wird, nicht einmal jenes teilweise, welches früher die Ausbeutung zum

mindesten einer Minderzahl geboten hatte. Wird dann die Menschheit,

nachdem sie den Kreislauf vom Kannibalismus zur Ausbeutung und von

dieser zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit vollendet, wieder umkehren zur

Ausbeutung, vielleicht gar zum Kannibalismus? Wer könnte es sagen? Klar

scheint nur, daß die wirtschaftliche Gerechtigkeit keine

Entwickelungsphase ist, deren sich unser Geschlecht längere Zeit

hindurch erfreuen könnte.

Zwar hat Malthus und haben Andere nach ihm vorbeugende Maßregeln zur

Verhütung der Übervölkerung vorgeschlagen, um dem rückwirkenden

Einflusse des Elends zuvorzukommen. Aber alle diese auf künstliche,

planmäßige Unterdrückung der Volksvermehrung abzielenden Mittel und

Mittelchen sind -- wenn sie sich überhaupt durchgreifend in Anwendung

bringen lassen, nur denkbar in einer armen, vor den äußersten

Konsequenzen des Elends zitternden Bevölkerung; wie in Überfluß und Muße

lebende, zudem vollkommenster Freiheit sich erfreuende Menschen dahin

gebracht werden sollten, sich geschlechtlichen Einschränkungen zu

unterwerfen, vermag ich nicht abzusehen. Diese Art Vorbeugung könnte

meines Erachtens in der freien Gesellschaft günstigsten Falles erst dann

Platz greifen, wenn die Not der Übervölkerung schon einen hohen Grad

erreicht, den einstigen Wohlstand und mit diesem vielleicht auch das

individuelle Freiheitsgefühl bedenklich vermindert hätte. Das sind, ganz

abgesehen von der ethischen Widerwärtigkeit all dieser gewaltsamen

Eingriffe in das -- gerade unter dem Walten der wirtschaftlichen

Gerechtigkeit so überaus zart sich gestaltende -- Verhältnis der

Geschlechter, sehr wenig erfreuliche Perspektiven. Sie zeigen uns im

Hintergrunde der Ereignisse ein Bild, welches gar traurig absticht von

der überschwenglichen Entfaltung des ersten Anfanges. Glauben die Männer

von Freiland ihre Schöpfung auch gegen diese Gefahren wappnen zu können?

_Franzisko Espero_ (Linke): Der Mensch unterscheidet sich dadurch von

den anderen lebenden Wesen, daß er sich seine Nahrungsmittel selber

bereitet, und zwar desto leichter bereitet, je dichter mit

fortschreitender Kultur die Bevölkerung wird. Das hat ein großer

amerikanischer Volkswirt (Carey) seinerzeit bewiesen und damit gezeigt,

daß das im übrigen unangefochten geltende Naturgesetz des notwendigen

Zurückbleibens des Nahrungsspielraums hinter der Vermehrung der Arten,

auf den Menschen keine Anwendung findet. Daß trotzdem Not und Elend

bisher stets als Hemmnisse der Volksvermehrung wirksam waren, hat nicht

in einem Naturgesetze, sondern in der Ausbeutung seinen Grund. Die Erde

hätte genug für Alle hervorgebracht, wenn man nur Allen gestattet hätte,

freien Gebrauch von ihren Kräften zu machen. Die Ausbeutung aber ist

eine Einrichtung der Menschen, nicht der Natur, wie wir gesehen haben.

Beseitiget sie, und Ihr habt für immer das Gespenst des Hungers verjagt.

_Stefan Való_ (Freiland): Ich halte es für nützlich, den freiländischen

Standpunkt in der bisher aufgetauchten Kontroverse sofort zu

konstatieren. Das geehrte Kongreßmitglied aus Brasilien (Espero) hat

recht, wenn es das thatsächliche Elend der Menschheit in der Epoche der

Ausbeutung statt mit dem Walten natürlicher Kräfte, mit menschlichen

Einrichtungen in Zusammenhang bringt. Die Massen litten Mangel, weil sie

in Knechtschaft darniedergehalten waren, nicht weil die Erde sie

reichlicher zu ernähren unvermögend gewesen wäre. Ich will übrigens

hinzufügen, daß dieses thatsächliche Elend die Massen niemals hinderte,

sich zu vermehren in dem Maße, als dies durch andere, auf die

Bevölkerungsbewegung entscheidend einwirkende Faktoren bedingt war, ja

daß sich in der Regel das Elend sogar als Ansporn zur Volksvermehrung

erwies. Im Unrecht aber befindet sich unser Freund aus Brasilien, wenn

er, gestützt auf die hohlen Redensarten Carey's, leugnet, daß die

Volksvermehrung, könnte sie ins Unbegrenzte fortschreiten, endlich zu

Nahrungsmangel führen müßte. Der erste der heutigen Redner hat ganz

richtig bemerkt, daß es in diesem Falle schließlich dahin käme, daß den

Menschen der Raum auf Erden mangelte. Man wird doch nicht annehmen, daß

ein Zustand denkbar ist, bei welchem unsere Rasse die Erdoberfläche

bedeckte gleich den Heuschrecken ein von ihnen heimgesuchtes Feld? Ja,

in letzter Linie müßte bei wirklich schrankenlos fortschreitender

Vermehrung der Menschenmenge nicht bloß die Oberfläche, sondern sogar

der stoffliche Inhalt unseres Planeten zu klein werden, um die Elemente

für die sich häufenden Menschenleiber herzugeben. Die Volkszunahme -- in

so weit hat Malthus mitsamt seinen Anhängern Recht, _muß_ also irgend

eine Grenze haben. Ob diese Grenze aber gerade im sog. Nahrungsspielraum

zu suchen sei, das ist denn doch eine andere Frage, eine Frage, die

vernünftiger Weise erst dann bejaht werden dürfte, wenn festgestellt,

oder auch nur plausibel gemacht werden könnte, daß nicht früher schon,

lange bevor Nahrungsmangel sich einstellt, andere Faktoren in Aktion

treten, deren Zusammenwirken dann zur Folge hätte, daß die Grenzen des

Nahrungsspielraums, von ganz außergewöhnlichen Fällen abgesehen, niemals

auch nur annähernd erreicht, geschweige denn überschritten werden

könnten.

_Arthur French_ (Rechte): Das soeben Gehörte erfüllt mich mit maßlosem

Erstaunen. Wie, das Mitglied der freiländischen Verwaltung gibt zu --

was allerdings vernünftiger Weise nicht geleugnet werden kann -- daß

unbegrenzte Vermehrung eine Unmöglichkeit sei, und bestreitet dennoch,

daß Nahrungsmangel eben die gesuchte Grenze der Vermehrung wäre? Daß

Malthus geirrt, als er dieses natürliche Hemmnis auch bisher schon als

in der menschlichen Gesellschaft wirksam hinstellte, kann ja ohne

weiteres zugegeben werden. Die Menschen litten bisher Hunger, weil ihnen

verwehrt war, sich zu sättigen, nicht weil die Erde unvermögend gewesen

wäre, sie allesamt reichlich, oder zum mindesten reichlicher, zu

ernähren; die Ausbeutung erwies sich also wirklich als ein schon vor

Erreichung des Nahrungsspielraums wirksam gewesenes Hemmnis der

Volksvermehrung, gleichsam als eine Hungerkur, die der Mensch sich

selber auferlegte, noch bevor die Natur ihn zu einer solchen verurteilt

hatte. Schon minder verständlich ist mir, was Redner darunter meint,

wenn er behauptet, das durch die Ausbeutung künstlich hervorgerufene

Elend habe sich mitunter nicht als Hindernis, vielmehr als

Beförderungsmittel der Volkszunahme erwiesen. Insbesondere aber möchte

ich näheres über jene anderen, entscheidenden Faktoren hören, welche

dies angeblich bewirkt haben sollen und von denen Redner offenbar auch

in Zukunft die Regulierung der Bevölkerungszahl erwartet. Diese anderen

Faktoren sollen des ferneren den wunderbaren Effekt haben, die

Bevölkerung gar niemals den Grenzen des Nahrungsspielraums auch nur nahe

kommen zu lassen. Künstliche, willkürlich zur Anwendung gelangende

Mittel können das nicht sein, sonst würde ein Mitglied der

freiländischen Verwaltung, dieses auf schrankenloser Freiheit

gegründeten Gemeinwesens, nicht so zuversichtlich von ihnen sprechen.

Doch abgesehen von all dem -- wie kann die Wirksamkeit eines so

elementaren Hemmnisses der Vermehrung, wie es der Nahrungsmangel ist,

gerade in der menschlichen Gesellschaft in Zweifel gezogen werden,

während dieselbe doch so ersichtlich in der ganzen organischen Natur

hervortritt? Ist etwa der Mensch allein unter allen lebenden Wesen

diesem Naturgesetze nicht unterworfen oder kennt man vielleicht in

Freiland sogar ein Mittel, welches z. B. die Heringe nötigen würde, bei

ihrem Fortpflanzungsgeschäfte den Grenzen ihres Nahrungsspielraums

niemals nahe zu kommen, sich vielmehr bei demselben auf jenes

vernünftige Maß zu beschränken, welches den Rücksichten auf das

gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entspräche?«

Mächtige Erregung herrschte nach dieser mit schneidiger Schärfe

vorgebrachten Rede im Saale. Gesteigert wurde das Gefühl

erwartungsvoller Spannung noch dadurch, daß mehrere Mitglieder der

freiländischen Verwaltung -- unter diesen auch der frühere Redner Stefan

Való -- zum Präsidenten eilten und demselben ersichtlich nahe legten,

sich zum Worte zu melden. Der ganzen Versammlung bemächtigte sich die

Empfindung, daß die Debatte -- nicht bloß die heutige, sondern die des

Kongresses überhaupt -- an ihren entscheidenden Wendepunkt gelangt sei.

Vermochten die Wortführer der wirtschaftlichen Gerechtigkeit auch

diesmal die Bedenken der Gegner siegreich zu widerlegen, als irrig und

gegenstandlos nachzuweisen, so war die große Geistesschlacht endgiltig

gewonnen; was dann noch folgen mochte, konnte fürderhin nicht mehr der

Frage gelten, _ob_, sondern bloß derjenigen, _wie_ die neue sociale

Ordnung gedeihlich und dauernd ins Werk zu setzen sei. Erlahmte aber an

diesem Punkte die Kraft der freiländischen Beweisführung, gelang es ihr

nicht abermals, das Gebäude der gegnerischen Argumentation umzublasen,

gleich einem Kartenhause, so waren alle bisherigen Erfolge vergebens.

Das Elend der Gegenwart zu beseitigen, um damit der Zukunft nur desto

hoffnungsloseres Elend zu bereiten, das war es nicht, wofür man sich

begeistert hatte; blieb auch nur ein Schatten dieser Gefahr bestehen, so

war der wirtschaftlichen Gerechtigkeit das Todesurteil gesprochen.

Unter atemloser Spannung ergriff endlich Dr. _Strahl_ das Wort, nachdem

er den Vorsitz an seinen Kollegen Ney aus der freiländischen Verwaltung

abgegeben hatte:

»Unser Freund von der Rechten«, so begann er seine Rede, »hat den an uns

gerichteten Appell mit der Frage geschlossen, ob wir in Freiland das

Mittel kennten, welches die Heringe nötigen würde, sich bei ihrem

Fortpflanzungsgeschäfte innerhalb jener Schranken zu halten, die den

Rücksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe

entsprächen. Meine Antwort darauf lautet kurz und bündig: Jawohl, wir

kennen dieses Mittel. (Bewegung.) Sie erstaunen? Mit Unrecht, lieben

Freunde, denn Sie kennen es in Wahrheit so gut wie wir, und nur jene

eigenartige geistige Kurzsichtigkeit, die den Menschen hindert, noch so

bekannte Dinge wahrzunehmen, sowie es sich um deren Nutzanwendung auf

einen Gegenstand handelt, bezüglich dessen die mit der Muttermilch

eingesogenen Vorurteile ihm verbieten, von seinen Sinnen und seinem

Urteilvermögen Gebrauch zu machen, nur diese ist es, die Sie glauben

macht, Sie kennten es nicht. Also, ich behaupte, daß Sie Alle das

fragliche Mittel so gut wüßten, wie wir. Aber damit will ich keineswegs

sagen, wie Sie anzunehmen scheinen, daß wir oder Sie imstande wären, den

Heringen diese vorsorgliche Rücksicht erst beizubringen, was in der That

ziemlich schwer durchführbar wäre; ich behaupte vielmehr, daß unsere

gemeinsame Kenntnis des Mittels nicht in unserer Erfindungs-, sondern in

unserer Beobachtungsgabe ihre Quelle hat, mit anderen Worten, daß die

Heringe von jeher üben, wozu sie nach der Meinung des Fragestellers erst

durch unseren Witz angeleitet werden müßten und daß wir daher, um zur

Kenntnis des fraglichen Vorganges zu gelangen, bloß nötig hatten:

erstlich, die Augen zu öffnen, um zu sehen, _was_ in der Natur vorgeht

und sodann unseren Verstand einigermaßen zu gebrauchen, um auch hinter

das _Wie_ dieses Naturvorganges zu gelangen.

Öffnen wir also zunächst unsere Augen, d. h. entfernen wir die Binde,

die ererbte ökonomische Vorurteile um dieselben gelegt haben. Um Ihnen

dieses zu erleichtern, meine Freunde, bitte ich Sie, ein beliebiges

Naturwesen, also beispielsweise den Hering ins Auge zu fassen, ohne

dabei an dessen mögliche Beziehungen zur Bevölkerungsfrage innerhalb der

menschlichen Gesellschaft zu denken, d. h. suchen Sie beim Hering keinen

Erklärungsgrund des menschlichen Elends, sondern betrachten Sie

denselben einfach als einen der vielen Kostgänger am Tische der Natur.

Unmöglich wird Ihnen dann entgehen, daß diese Tierspecies zwar in sehr

zahlreichen Exemplaren vertreten ist, daß aber noch unendlich

zahlreichere an besagtem Tische reichlich Platz fänden. Ja ich behaupte,

daß Sie sich -- immer vorausgesetzt, daß Sie dabei nur den Hering und

nicht zugleich im Hintergrunde das menschliche Elend im Auge haben --

selber verlachen würden, käme Ihnen auch nur entfernt der Gedanke, die

Heringe könnten, wenn ihrer etwas mehr wären, keine Nahrung im Weltmeere

finden, es seien ihrer gerade so viel vorhanden, als dort satt zu

werden vermöchten. Oder nehmen wir eine andere Tierart, deren

Ernährungsverhältnisse wir nicht wie bei den Heringen bloß durch

unbefangenes Nachdenken, sondern erforderlichen Falls leicht durch

wirklichen Augenschein zu erkennen vermögen, also z. B. den Elefanten,

den Malthus ja auch speziell namhaft gemacht und für den er gleichfalls

berechnet hat, in welcher Frist ein einzelnes Pärchen den ganzen

Erdkreis mit seinen Nachkommen erfüllen müßte, um daraus die

Schlußfolgerung zu ziehen, daß es der Nahrungsmangel sei, was dieser

schrankenlosen Vermehrung das Ziel setze. Lehrt Sie nicht der erste,

oberflächlichste Blick, daß nirgends auf Erden auch nur entfernt so viel

Elefanten sind, als reichlich und in Fülle Nahrung fänden? Würden Sie

nicht jeden für einen Faselanten halten, der Ihnen das Gegenteil weis

machen wollte?

Sie wissen also insgesamt -- das bitte ich zunächst festzuhalten -- daß

jede Tierart, sie mag nun selten oder zahlreich, mehr oder minder

fruchtbar sein, sich mit ihrer Vermehrung regelmäßig innerhalb solcher

Schranken hält, die von den Grenzen des sogenannten Nahrungsspielraums

weit, unendlich weit entfernt sind. Ich gehe weiter; Sie wissen nicht

bloß, daß es so ist, Sie wissen auch, daß und warum es so sein _muß_.

Die unbefangene Beobachtung der Naturvorgänge sagt Ihnen nämlich bei nur

einigem Nachdenken, daß eine Art, die sich wirklich regelmäßig bis an

die Grenzen des Nahrungsspielraums vermehrte, also regelmäßig dem Hunger

und den Entbehrungen ausgesetzt wäre, notwendiger Weise verkümmern

müßte.

Sie wissen also, daß jener unerschöpfliche Überfluß, der im Gegensatze

zum Elend der menschlichen Gesellschaft allenthalben in der Natur

herrscht und den dieses Gegensatzes halber die Denker und Dichter aller

Zeiten besprochen und besungen haben, kein Werk des Zufalls, sondern der

Notwendigkeit ist und es erübrigt nur mehr die Ergründung jenes

Naturprozesses, jenes causalen Zusammenhanges, kraft dessen sich diese

Notwendigkeit vollzieht. In diesem Punkte war man zur Zeit, als Malthus

schrieb, allerdings auf allgemeine Redensarten angewiesen. Das Dunkel,

welches die Entwickelungsgeschichte der organischen Welt verhüllt, war

damals noch nicht erhellt; man mußte sich also damit begnügen, alle

Vorgänge im Tier- und Pflanzenreiche aus dem Walten der Vorsehung oder

der sogenannten Lebenskraft zu erklären -- was natürlich auch damals

niemand hinderte, die Thatsache sowohl, als die Notwendigkeit dieses

einstweilen unerklärlichen Naturvorganges zu sehen und zu begreifen. Sie

aber -- im Jahrhundert nach Darwin lebend -- können auch über diesen

letzten Punkt keinen Augenblick im Zweifel sein. Sie wissen, daß es der

Kampf ums Dasein ist, in welchem sich die lebenden Wesen zu dem

entwickeln, was sie sind, daß Eigenschaften, die sich als nützlich und

notwendig zum Gedeihen einer Art erweisen, durch diesen Kampf

hervorgelockt, ausgebildet und festgehalten, Eigenschaften dagegen, die

sich als schädlich für das Gedeihen der Art erweisen, unterdrückt und

beseitigt werden. Da nun die Eigenschaft, sich niemals bis an die

Grenzen des Nahrungsspielraums zu vermehren, zum Gedeihen, ja zur

Existenz jeglicher Art nicht bloß nützlich, sondern durchaus notwendig

ist, so muß eben auch sie durch den Daseinskampf hervorgerufen,

ausgebildet und als bleibender Artcharakter festgehalten worden sein.

Das alles haben Sie gewußt, meine Freunde, bevor ich es Ihnen sagte; nur

war Ihnen dieses Ihr Wissen bloß in jenen Fällen auch bewußt, zum

Gebrauche beim Denkprozesse gegenwärtig, wo es sich um rein botanische

oder zoologische Fragen handelte; sowie in Ihrem Denkapparate die Saite

der socialen oder ökonomischen Probleme berührt wurde, senkte sich

augenblicklich ein dichter, undurchdringlicher Schleier über diese

soeben noch so klaren Erkenntnisse; die Welt stellte sich Ihnen jetzt

nicht mehr so dar, wie sie ist, sondern wie sie sich durch besagten

Schleier -- seine Fäden heißen anerzogene Vorurteile und

Wahnvorstellungen -- ansieht, und Ihr Urteilsvermögen funktionierte nun

nicht mehr nach jenen allgemeinen Gesetzen, die sonst unter dem Namen

>Logik< sich Ihrer Achtung erfreuen, sondern machte ganz eigenartige

Kapriolen, die -- läge besagter Schleier nicht auf Ihren Sinnen --

unmöglich ohne Wirkung auf Ihre Lachmuskeln bleiben könnten. Ja, so

gründlich haben Sie sich daran gewöhnt, die Bilder, die Ihnen dieser

Schleier zeigt, für die wirkliche Welt zu halten, daß Sie sich von

denselben nicht zu befreien vermögen, auch nachdem Sie sich dazu

aufgerafft, den Schleier selber zu zerreißen.

Die Wahnvorstellungen und Trugschlüsse der Malthus'schen Theorie sind

doch eigentlich nur dadurch entstanden, daß ihr Autor nach Gründen für

das Elend der Menschheit suchte, den wahren Grund aber nicht zu

entdecken vermochte. Warum hungert der irische Bauer und der ägyptische

Fellache, so fragte er sich; und da er -- gehindert durch den bewußten

Schleier -- nicht zu sehen vermochte, daß sie hungerten, weil ihnen der

Ertrag ihrer Arbeit weggenommen wird, ja weil man ihnen gar nicht

gestattet, zu arbeiten, dabei aber bemerkte, daß die Massen überall und

allezeit hungerten, örtlich und zeitlich etwas minder empfindlich als zu

anderen Zeiten und Orten, aber schließlich doch hungerten, hungerten,

hungerten, trotz aller Plage und allen Fleißes, soweit menschliche

Erinnerung zurückreicht -- so geriet er endlich auf den Ausweg, diesen

allgemeinen Hunger für die Folge eines Naturgesetzes zu halten. Jetzt

wußte er es; der Fellache hungert und der irische Bauer hungert und die

Völker aller Weltteile und aller Zeiten hungern, weil sie zu zahlreich

sind, und sie sind zu zahlreich, weil nur der Hunger sie hindert, noch

zahlreicher zu werden. Daß die vom Rätsel des Elends gepeinigte Welt

_das_ glaubte, ist schließlich zu begreifen, denn einen Grund muß das

Elend doch haben und Mangels der richtigen haben noch allezeit falsche

Erklärungsgründe herhalten müssen; Sie aber, meine Freunde, die Sie die

Ursache des Elends in der Ausbeutung und Knechtschaft erkannt haben, Sie

glauben merkwürdiger Weise noch immer an jenes seltsame Naturgesetz,

welches doch Malthus nur ersann, um obigen Notbehelf aus ihm zu

konstruieren; das macht: Sie haben den Schleier zwar zerrissen,

durchlöchert, aber seine Fetzen umhüllen Ihnen noch immer Haupt und

Sinne. Warum der Fellache und der irische Bauer _heute_ hungert, das zu

sehen, dazu haben Sie sich aufgerafft; aber für unsere Nachkommen

zittern Sie noch immer vor Übervölkerung, den Hering sehen Sie noch

immer von Nahrungssorgen verfolgt, und der Elefant durchstreift für Sie

immer noch mit knurrendem Magen die kahlgefressenen Waldungen Hindostans

oder Afrikas -- sowie Sie von Hering und Elefant weiter hinaus denken an

diese unsere armen, der Übervölkerung verfallenen Nachkommen.«

Jubelnder Applaus, untermengt mit Ausbrüchen lauter Heiterkeit

durchbrauste den Saal, nachdem Dr. Strahl geschlossen. Auf seinem Wege

von der Rednerbühne zum Präsidentensitze erwarteten ihn neben den

Freunden, die herbeigeeilt waren, ihm die Hand zu drücken, auch die

Wortführer der Opposition, die freudig und rückhaltlos den vollkommenen

Sieg anerkannten.

(Schluß des vierten Verhandlungstages.)

Freiland: Ein sociales Zukunftsbild · 第 27 / 29 题