Da zahlreiche Congreßmitglieder den Wunsch geäußert hatten, sich
eingehender davon zu überzeugen, daß thatsächlich die anscheinend so
wunderbare harmonische Organisation des gesamten wirtschaftlichen
Getriebes in Freiland nichts anderes, als das selbstverständliche
Ergebnis wohlberatenen und wahrhaft freien Eigennutzes sei, wurden die
Sitzungen des Congresses für zwei Tage unterbrochen und diese dazu
benützt, um eine Reihe größerer Edenthaler und Danastädter
Etablissements zu besichtigen und bei diesem Anlasse im Wege des
Gedankenaustausches mit den sich zu diesem Behufe bereitwilligst zur
Verfügung der fremden Gäste stellenden Direktoren der fraglichen
Anstalten sowohl, als des Leiters der freiländischen Centralbank alle
etwa auftauchenden Zweifel gründlich zu erörtern.
Das erste Bedenken, welches geltend gemacht wurde, betraf die Frage,
woher denn all die zahllosen Arbeiter allesamt die erforderliche
Sachkenntnis und Intelligenz hernähmen, um jederzeit genau beurteilen zu
können, wo man ihrer gerade am nötigsten bedürfe. »Sie haben,« so meinte
einer der Besucher, »eine allumfassende, pünktliche Statistik, die jede
Regung Ihres wirtschaftlichen Lebens mit peinlichster Genauigkeit
verzeichnet -- sehr wohl; aber welch hohes Verständnis gehört dazu, um
sich in einer solchen Statistik zu orientieren!«
»Dazu gehört in Wahrheit ein überaus bescheidenes Maß von Verständnis,
kein höheres, als es bei jedem vernünftigen Menschen ohne weiteres
vorausgesetzt werden kann,« war die Antwort. »Denn kein Arbeiter braucht
sich um anderes zu kümmern, als lediglich um den auf die einzelne Stunde
seiner Arbeit entfallenden Ertrag. Hätten wir keinen freien Markt, auf
welchem Angebot und Nachfrage die Preise regeln, so wäre es allerdings
eine nicht bloß schwierige, sondern eine in Wahrheit ganz und gar
unlösliche Aufgabe, herauszufinden, nach welcherlei Produkten jeweilig
stärkerer oder geringerer Bedarf vorhanden und wo dementsprechend
vermehrte Zuwendung von Arbeitskraft wünschenswert sei. Da sich aber bei
uns jede Veränderung der Verhältnisse zwischen Angebot und Nachfrage, im
Preise der Produkte ausdrückt, so ist es ganz selbstverständlich, daß
der in Gemäßheit dieser Preise auf die einzelne Arbeitsstunde
entfallende Nettoertrag in untrüglichster Weise anzeigt, ob der
Produktionszweig oder das einzelne Etablissement, um welches es sich
handelt, im Vergleiche zu anderen Produktionszweigen oder Etablissements
einer Vermehrung oder Verminderung der Arbeitskraft bedarf. Daß z. B.
die Maschinenfabrik, in deren Räumen wir uns momentan befinden, ihren
Betrieb ausdehnen soll, ist in letzter Linie allerdings darauf
zurückzuführen, daß deren Erzeugnisse derzeit besonders gesucht sind,
eine Thatsache, die an und für sich zu konstatieren in der That höchst
kompliziert und schwierig wäre; da aber diese gesteigerte Nachfrage nach
hier erzeugten Maschinen insolange, als die Produktion ihr nicht
vollkommen nachgefolgt ist, notwendiger Weise das Erträgnis aller hier
beschäftigten Arbeiter entsprechend vermehrt, so genügt es vollkommen,
letzteren Umstand zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, damit das im
Interesse der Consumenten gelegene Ergebnis, nämlich der vermehrte
Zufluß von Arbeitern, sich ganz von selbst einstelle.«
»Aber ist nicht auch diese Ergründung des überall in jedem
gegebenen Momente vorhandenen Erträgnisses eine für gewöhnliche
Durchschnittsarbeiter allzu schwierige Aufgabe?« lautete die fernere
Frage.
»Durchaus nicht,« erklärte der Direktor der freiländischen Centralbank.
»Sich in dem von all den tausenden Associationen vorgelegten, von
unserer Centralstelle ergänzten und bearbeiteten Urmateriale
zurechtzufinden, ist allerdings nicht Jedermanns Sache. Aber solch
eingehender Untersuchung unterziehen sich auch nur Diejenigen, die sich
für statistische Studien um ihrer selbst willen interessieren. Der
gewöhnliche Arbeiter, der nichts anderes wissen will, als den Ort, wo er
die seinen Fähigkeiten entsprechende höchste Rente findet, begnügt sich
mit jenen übersichtlich geordneten Zusammenstellungen, welche die
statistische Centralstelle zu seinem Gebrauche bietet, und welche die
zahlreichen Fachzeitungen zudem mit Erläuterungen aller Art begleiten.
Die geistige Arbeit, die von ihm dabei verlangt wird, besteht in nichts
anderem, als in der Entscheidung der Frage z. B., ob er sich mit dem am
Orte seiner augenblicklichen Arbeit gebotenen Stundenertrage von 8
Schilling begnügen, oder wegen des bei einem anderen verwandten
Etablissement winkenden, um 15 Pfennige per Stunde höheren Ertrages sich
diesem, oder etwa zeitweilig einer jener Bodenassociationen zuwenden
soll, die vorübergehend -- während der Erntezeit nämlich -- bis zu 10
Schilling für die Arbeitsstunde zu bieten pflegen. Er muß mit sich
darüber ins Reine kommen, ob solche Gewinnsteigerung ihm genügenden
Ersatz gewährt für die mit dem Ortswechsel möglicherweise verknüpften
materiellen oder gemütlichen Nachteile, für die Beschwerden und
Unannehmlichkeiten des Umzuges, für die anstrengendere Arbeit u. dergl.;
im übrigen aber wird von ihm weder irgendwelches Verständnis
verwickelter wirtschaftlicher Vorgänge, noch irgendwelches Interesse für
anderes, als für den eigenen Vorteil gefordert.«
»Wie aber verhüten Sie,« so fragte ein anderer der Herren, »daß bei
einer irgendwo eintretenden stärkeren Steigerung der Erträge der Zuzug
der Arbeitskräfte allzu massenhaft ausfalle? Da keinerlei Behörde
ordnend eingreift und bestimmt, wer und wie viele herbeieilen sollen, so
ist doch immerhin möglich, daß statt der gewünschten Hunderte sich
Tausende einstellen.«
»Das könnte nur geschehen« -- so lautete die Erklärung -- »wenn
Telegraph und Druckerpresse bei uns unbekannt wären, oder wenn wir uns
ihrer nicht zu bedienen verstünden. Um welchen Teilbetrag die Rente
sinkt, wenn das Angebot von Arbeitskraft wächst, läßt sich natürlich
überall mit großer Genauigkeit berechnen, und da nun niemand so thöricht
ist, einer irgendwo auftauchenden höheren Gewinnziffer nachzulaufen,
ohne sich vorher zu vergewissern, daß er diese höhere Gewinnziffer, am
Orte seiner neuen Bestimmung angelangt, noch vorfinden werde, so ist es
bei uns selbstverständliche Übung, daß die Arbeiter ihre Absicht den
Leitungen der Associationen rechtzeitig anzeigen, daß diese Anmeldungen
fortlaufend publiziert werden und daß demnach Jedermann, noch bevor er
sich auf den Weg macht, vollkommen darüber beruhigt sein muß, an seinem
zukünftigen Arbeitsorte auch wirklich noch vonnöten zu sein.«
Einen zweiten Anlaß zu eingehenderen Erörterungen boten die in
zahlreichen der besichtigten Etablissements vorhandenen
Versuchsanstalten und wissenschaftlichen Laboratorien, die von den dort
beschäftigten Technikern und Chemikern dazu benutzt werden, um die
mannigfaltigsten Experimente behufs Erzielung von Verbesserungen des
Betriebs anzustellen. Der hohe praktische Wert dieser Einrichtung
leuchtete den Gästen natürlich sofort ein, weniger einleuchtend aber
erschien den meisten derselben der erläuternde Zusatz eines der
Direktoren -- es war das zufällig in der Danastädter Chemikalienfabrik
-- daß man die gewonnenen Erfahrungen »selbstverständlich« jederzeit
publiziere, auf besonders nützlich erscheinende die anderen
Associationen wohl auch ausdrücklich aufmerksam mache und dafür ebenso
selbstverständlich von diesen über alle in deren Versuchsanstalten
gemachten Funde pünktlichst auf dem Laufenden erhalten werde.
»Wenn das hierzulande selbstverständlich ist, dann müßt Ihr
freiländischen Industriellen uneigennützig wie die Engel sein,« meinte
einer der Besucher. Und sich direkt an den Direktor wendend, fügte er
hinzu: »Es scheint also doch, daß nicht alle Eure Einrichtungen sich
sofort zu uns Abendländern übertragen lassen, denn bei uns, dessen kann
ich Sie versichern, würde Niemand freiwillig von ihm ersonnene
Produktionsverbesserungen zur Kenntnis seiner Concurrenten bringen, und
am allerwenigsten könnte er sich darauf verlassen, daß diese ihm die
ihrigen preisgeben.«
»Sie haben ganz recht,« war die Antwort, »das würde Niemand bei Ihnen
thun, so lange Sie an Ihren bisherigen Einrichtungen festhalten; sowie
Sie jedoch die unserigen acceptieren, versteht sich all das, was Ihnen
so wunderbar uneigennützig vorkommt, ganz von selbst, als unabweisliches
Gebot gerade des Eigennutzes. Denn damit z. B. wir hier in Danastadt uns
des Vorteils einer von uns ersonnenen Verbesserung möglichst vollständig
erfreuen, ist durchaus notwendig, daß alle chemischen Fabriken des
ganzen Landes die gleiche Verbesserung thunlichst rasch auch bei sich
einführen. Wären wir so thöricht, unsere Entdeckungen geheim zu halten
-- ein Versuch, der nebenbei bemerkt angesichts der Öffentlichkeit all
unserer geschäftlichen Vorgänge an und für sich ziemlich aussichtslos
bliebe -- so wäre das einzig mögliche Ergebnis, daß aus allen
concurrierenden Associationen insolange Arbeitskräfte zu uns
einwanderten, bis der Ertrag unserer Arbeit -- umgerechnet auf die
einzelne Arbeitsstunde -- wieder auf das Niveau der anderwärts in
Freiland erzielbaren Erträge herabgedrückt würde, wir also von unserer
Entdeckung oder Erfindung so gut als keinen Vorteil behielten. Um das zu
vermeiden, bleibt uns schlechterdings kein anderes Auskunftsmittel, als
auch den Anderen Allen unsere Errungenschaft mitzuteilen; dadurch allein
erzielen wir, daß die Arbeit auch anderwärts ertragreicher wird und daß
also Niemand ein Interesse hat, sich behufs Mitgenusses unserer
Produktionsvorteile an uns heranzudrängen. Gerade so verhält es sich
natürlich mit den in anderen Associationen gemachten Verbesserungen; wir
können mit absoluter Sicherheit darauf rechnen, daß wir sofort von
denselben verständigt werden, da auch die Anderen Alle das gleiche
Interesse haben wie wir, nämlich unsere Produktionserträge zu steigern,
damit sie selber den Vorteil der ihrerseits erzielten Verbesserungen
möglichst vollständig genießen.«
Gegen dieses Raisonnement konnte nichts Stichhaltiges eingewendet
werden. Aber jetzt machte sich die Besorgnis geltend, ob es denn nicht
doch möglich sei, dieses Anrecht der Gesamtheit an den Ergebnissen jedes
irgend erzielten Produktionsvorteils auf Umwegen zu durchkreuzen.
»Was geschähe« -- so wurde einer der anwesenden Direktoren gefragt --
»wenn beispielsweise Sie als Leiter der Bodenassociation von
Nordleikipia, dazu aufgefordert durch -- selbstverständlich geheimen --
Beschluß der die Majorität bildenden alten Mitglieder, es versuchen
wollten, neue Zuwanderer vom Mitgenusse irgendwelcher besonderer
Produktionsvorteile im Wege schlechter unfreundlicher Behandlung
fernzuhalten; wer schützt in solchem Falle diese Neulinge gegen Ihre,
von der Majorität Ihrer Associationsmitglieder nicht bloß gebilligte,
sondern geradezu in deren Interesse geübte Willkür? Die Mißhandelten
haben die Freiheit, fortzuziehen; aber das ist es ja eben, was -- Sie
entschuldigen wohl die, bloß um der prinzipiellen Aufklärung willen
vorgebrachte Unterstellung -- erreicht werden will und was doch verhütet
werden muß, soll darüber nicht Ihre ganze Gleichberechtigung in die
Brüche gehen. Oder die Majorität kann sich zu gleichem Zwecke ein so
hohes Präcipuum votieren, daß das damit geübte Unrecht alle Zuwanderung
abhält. Wo liegt der Schutz gegen derartige Ausschreitungen des
Eigennutzes in einem Gemeinwesen, welches keinerlei Einengung des
individuellen Eigennutzes kennt und kennen will?«
»Abermals in der freien Concurrenz,« entgegnete lächelnd der Direktor.
»Derartige Ausschreitungen wären bei uns nur möglich, wenn sie im
geheimen geübt werden könnten, d. h. wohlverstanden, wenn nicht bloß die
darauf abzielenden Beschlüsse, sondern auch deren Ausführung der
Aufmerksamkeit des ganzen Landes vollständig entginge. Ich müßte nicht
bloß den geheimen Auftrag von meinen Associationsmitgliedern erhalten,
alle Zuwanderer hinauszuchikanieren, ich müßte auch das Kunststück
zuwege bringen, diesen Auftrag derart im Verborgenen zu vollstrecken,
daß Niemand, am allerwenigsten die Opfer desselben, das Geringste davon
merkten. Denn mit dem Momente, wo meine Praktiken ruchbar würden, wäre
ich -- darauf können Sie sich verlassen -- zum längsten Direktor, meine
Auftraggeber wären zum längsten Majorität der Bodenassociation von
Nordleikipia gewesen. Und genau ebenso verhielte es sich, sowie unser
Beschluß, den alten Mitgliedern ein ungebührliches Präcipuum zuzuwenden,
bekannt würde. Denn wie Sie leichtlich ermessen können, ist die
öffentliche Meinung Freilands in keinem Punkte wachsamer und
eifersüchtiger, als gerade in diesem, ihren Lebensnerv berührenden, das
individuelle Interesse Aller gleichmäßig bedrohenden; und da die
schrankenlose Freizügigkeit allen Arbeitern des ganzen Landes jederzeit
gestattet, welcher Association immer beizutreten, so gehört keine
sonderliche Phantasie dazu, um sich das mit unfehlbarer Sicherheit
Kommende genau auszumalen. Der erste Arbeiter, den meine planmäßigen
Chikanen zum Verlassen unserer Association zwängen, würde vielleicht
selber noch keine böse Absicht bemerken; der zweite vielleicht schon
Lärm, aber vorerst noch vergeblichen schlagen; beim dritten und vierten
dürfte bereits das öffentliche Mißtrauen rege werden, und ehe ich meine
Künste am zehnten Opfer zu üben vermöchte, wäre durch einen aus allen
Gauen herbeiströmenden Zufluß neuer Mitglieder die übelwollende
Majorität und ich natürlich mit ihr unschädlich gemacht.«
Diese Darlegung wirkte so schlagend, daß fernerhin kein Zweifel gegen
die im Wege wahrhaft freier Concurrenz bewirkte Harmonie der
wirtschaftlichen Interessen laut wurde. Die Congreßmitglieder hatten
zwar noch wiederholt Anlaß, über gar Manches, was sie sahen und hörten,
in Erstaunen zu geraten; daß jedoch Freiheit und Gleichberechtigung die
unfehlbaren Zauberformeln seien, auf deren Ruf die nämlichen Wunder
allüberall auch außerhalb Freilands in die Erscheinung treten müßten,
war ihnen zur Gewißheit geworden.
* * * * *
Nach Ablauf der zweitägigen Pause wurden die Beratungen des Congresses
wieder aufgenommen. Zur Discussion gelangte Punkt 3 der Tagesordnung:
_Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und müßte nicht
Übervölkerung eintreten, wenn es vorübergehend gelänge, das Elend
allgemein zu beseitigen?_ Als erster Redner war vorgemerkt
_Robert Murchison_ (Rechte): Ich muß zuvörderst Namens meiner bisher die
Durchführbarkeit des socialen Reformwerkes bezweifelnden
Gesinnungsgenossen die formelle Erklärung abgeben, daß wir nunmehr nicht
allein von der Durchführbarkeit, sondern von der naturgesetzlichen
Unvermeidlichkeit desselben durchaus überzeugt sind. Auch die fernere
Hoffnung hat das bisherige Ergebnis der Verhandlungen gezeitigt, daß es
der geehrten Gegenpartei gelingen werde, unsere noch vorhandenen
Bedenken eben so siegreich zu zerstreuen; einstweilen kann ich mich
derselben noch nicht entschlagen und fühle mich daher im Interesse
allseitiger Aufklärung verpflichtet, dieselben nach Kräften zu
begründen.
Das weitaus gewichtigste dieser Bedenken, welches unabhängig von allen
bisher erörterten Fragen noch ungebrochen aufrecht steht, ist das
nunmehr zur Diskussion gelangende. Es richtet sich nicht gegen die
Durchführbarkeit des allgemeinen Freiheits- und Wohlfahrtswerkes. Die
wirtschaftliche Gerechtigkeit muß und wird zur Wahrheit werden, das
wissen wir nun; wissen wir damit aber auch schon, daß sie sich wird
behaupten können? Die wirtschaftliche Gerechtigkeit wird Reichtum für
alle Lebenden zur Folge haben. Not und Elend mit ihrem Gefolge
zerstörender Laster werden vom Erdboden verschwinden. Mit diesen aber
werden zugleich jene Hemmnisse verschwunden sein, welche bisher der
schrankenlosen Vermehrung des Menschengeschlechts Grenzen zogen. Mehr
und mehr wird die Menge der Bevölkerung anwachsen, bis endlich -- der
Tag mag noch so ferne sein -- die Erde ihre Bewohner nicht mehr zu
ernähren im Stande sein wird.
Ich will Sie mit ausführlicher Wiederholung und Begründung des bekannten
Lehrsatzes meines berühmten Landsmannes Malthus nicht ermüden. Viel
wurde gegen denselben gesagt, Stichhaltiges, Überzeugendes bisher nicht.
Daß die Vermehrung der lebenden Individuen keine andere natürliche
Schranke als den Nahrungsmangel kennt, ist ein Naturgesetz, dem nicht
bloß der Mensch, sondern jedes lebende Wesen erbarmungslos unterworfen
bleiben muß. Gleichwie die Heringe, wenn sie sich frei vermehren
könnten, endlich im Weltmeere nicht mehr Raum hätten, so müßte auch der
Mensch, wenn die Zunahme seiner Zahl nicht auf das Hindernis des
Nahrungsmangels stieße, endlich keinen Raum mehr auf der Erdoberfläche
finden. Auch bestätigt die Erfahrung aller Zeiten und aller Völker diese
grausame Wahrheit; überall sehen wir, daß es der Nahrungsmangel, die Not
mit ihrem Gefolge ist, was die Menge der Lebenden innerhalb gewisser
Grenzen hält. Das wird auch in alle Zukunft so bleiben. Die
wirtschaftliche Gerechtigkeit kann diese traurige Grenze weit, sehr weit
hinausrücken, völlig beseitigen kann sie sie nicht. Zehnfach und
hundertfach größer kann unter ihrem Walten der Nahrungsspielraum werden,
ins Unendliche kann er sich nicht ausdehnen. Und ist einmal das
Unvermeidliche eingetreten, was dann? Mehr und mehr wird dann der
Reichtum den Entbehrungen und schließlich bitterster Not weichen und
zwar einer Not, die um so schrecklicher, hoffnungsloser sein wird, weil
es aus ihrem alle Kultur erdrückenden Bannkreise kein Entrinnen geben
wird, nicht einmal jenes teilweise, welches früher die Ausbeutung zum
mindesten einer Minderzahl geboten hatte. Wird dann die Menschheit,
nachdem sie den Kreislauf vom Kannibalismus zur Ausbeutung und von
dieser zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit vollendet, wieder umkehren zur
Ausbeutung, vielleicht gar zum Kannibalismus? Wer könnte es sagen? Klar
scheint nur, daß die wirtschaftliche Gerechtigkeit keine
Entwickelungsphase ist, deren sich unser Geschlecht längere Zeit
hindurch erfreuen könnte.
Zwar hat Malthus und haben Andere nach ihm vorbeugende Maßregeln zur
Verhütung der Übervölkerung vorgeschlagen, um dem rückwirkenden
Einflusse des Elends zuvorzukommen. Aber alle diese auf künstliche,
planmäßige Unterdrückung der Volksvermehrung abzielenden Mittel und
Mittelchen sind -- wenn sie sich überhaupt durchgreifend in Anwendung
bringen lassen, nur denkbar in einer armen, vor den äußersten
Konsequenzen des Elends zitternden Bevölkerung; wie in Überfluß und Muße
lebende, zudem vollkommenster Freiheit sich erfreuende Menschen dahin
gebracht werden sollten, sich geschlechtlichen Einschränkungen zu
unterwerfen, vermag ich nicht abzusehen. Diese Art Vorbeugung könnte
meines Erachtens in der freien Gesellschaft günstigsten Falles erst dann
Platz greifen, wenn die Not der Übervölkerung schon einen hohen Grad
erreicht, den einstigen Wohlstand und mit diesem vielleicht auch das
individuelle Freiheitsgefühl bedenklich vermindert hätte. Das sind, ganz
abgesehen von der ethischen Widerwärtigkeit all dieser gewaltsamen
Eingriffe in das -- gerade unter dem Walten der wirtschaftlichen
Gerechtigkeit so überaus zart sich gestaltende -- Verhältnis der
Geschlechter, sehr wenig erfreuliche Perspektiven. Sie zeigen uns im
Hintergrunde der Ereignisse ein Bild, welches gar traurig absticht von
der überschwenglichen Entfaltung des ersten Anfanges. Glauben die Männer
von Freiland ihre Schöpfung auch gegen diese Gefahren wappnen zu können?
_Franzisko Espero_ (Linke): Der Mensch unterscheidet sich dadurch von
den anderen lebenden Wesen, daß er sich seine Nahrungsmittel selber
bereitet, und zwar desto leichter bereitet, je dichter mit
fortschreitender Kultur die Bevölkerung wird. Das hat ein großer
amerikanischer Volkswirt (Carey) seinerzeit bewiesen und damit gezeigt,
daß das im übrigen unangefochten geltende Naturgesetz des notwendigen
Zurückbleibens des Nahrungsspielraums hinter der Vermehrung der Arten,
auf den Menschen keine Anwendung findet. Daß trotzdem Not und Elend
bisher stets als Hemmnisse der Volksvermehrung wirksam waren, hat nicht
in einem Naturgesetze, sondern in der Ausbeutung seinen Grund. Die Erde
hätte genug für Alle hervorgebracht, wenn man nur Allen gestattet hätte,
freien Gebrauch von ihren Kräften zu machen. Die Ausbeutung aber ist
eine Einrichtung der Menschen, nicht der Natur, wie wir gesehen haben.
Beseitiget sie, und Ihr habt für immer das Gespenst des Hungers verjagt.
_Stefan Való_ (Freiland): Ich halte es für nützlich, den freiländischen
Standpunkt in der bisher aufgetauchten Kontroverse sofort zu
konstatieren. Das geehrte Kongreßmitglied aus Brasilien (Espero) hat
recht, wenn es das thatsächliche Elend der Menschheit in der Epoche der
Ausbeutung statt mit dem Walten natürlicher Kräfte, mit menschlichen
Einrichtungen in Zusammenhang bringt. Die Massen litten Mangel, weil sie
in Knechtschaft darniedergehalten waren, nicht weil die Erde sie
reichlicher zu ernähren unvermögend gewesen wäre. Ich will übrigens
hinzufügen, daß dieses thatsächliche Elend die Massen niemals hinderte,
sich zu vermehren in dem Maße, als dies durch andere, auf die
Bevölkerungsbewegung entscheidend einwirkende Faktoren bedingt war, ja
daß sich in der Regel das Elend sogar als Ansporn zur Volksvermehrung
erwies. Im Unrecht aber befindet sich unser Freund aus Brasilien, wenn
er, gestützt auf die hohlen Redensarten Carey's, leugnet, daß die
Volksvermehrung, könnte sie ins Unbegrenzte fortschreiten, endlich zu
Nahrungsmangel führen müßte. Der erste der heutigen Redner hat ganz
richtig bemerkt, daß es in diesem Falle schließlich dahin käme, daß den
Menschen der Raum auf Erden mangelte. Man wird doch nicht annehmen, daß
ein Zustand denkbar ist, bei welchem unsere Rasse die Erdoberfläche
bedeckte gleich den Heuschrecken ein von ihnen heimgesuchtes Feld? Ja,
in letzter Linie müßte bei wirklich schrankenlos fortschreitender
Vermehrung der Menschenmenge nicht bloß die Oberfläche, sondern sogar
der stoffliche Inhalt unseres Planeten zu klein werden, um die Elemente
für die sich häufenden Menschenleiber herzugeben. Die Volkszunahme -- in
so weit hat Malthus mitsamt seinen Anhängern Recht, _muß_ also irgend
eine Grenze haben. Ob diese Grenze aber gerade im sog. Nahrungsspielraum
zu suchen sei, das ist denn doch eine andere Frage, eine Frage, die
vernünftiger Weise erst dann bejaht werden dürfte, wenn festgestellt,
oder auch nur plausibel gemacht werden könnte, daß nicht früher schon,
lange bevor Nahrungsmangel sich einstellt, andere Faktoren in Aktion
treten, deren Zusammenwirken dann zur Folge hätte, daß die Grenzen des
Nahrungsspielraums, von ganz außergewöhnlichen Fällen abgesehen, niemals
auch nur annähernd erreicht, geschweige denn überschritten werden
könnten.
_Arthur French_ (Rechte): Das soeben Gehörte erfüllt mich mit maßlosem
Erstaunen. Wie, das Mitglied der freiländischen Verwaltung gibt zu --
was allerdings vernünftiger Weise nicht geleugnet werden kann -- daß
unbegrenzte Vermehrung eine Unmöglichkeit sei, und bestreitet dennoch,
daß Nahrungsmangel eben die gesuchte Grenze der Vermehrung wäre? Daß
Malthus geirrt, als er dieses natürliche Hemmnis auch bisher schon als
in der menschlichen Gesellschaft wirksam hinstellte, kann ja ohne
weiteres zugegeben werden. Die Menschen litten bisher Hunger, weil ihnen
verwehrt war, sich zu sättigen, nicht weil die Erde unvermögend gewesen
wäre, sie allesamt reichlich, oder zum mindesten reichlicher, zu
ernähren; die Ausbeutung erwies sich also wirklich als ein schon vor
Erreichung des Nahrungsspielraums wirksam gewesenes Hemmnis der
Volksvermehrung, gleichsam als eine Hungerkur, die der Mensch sich
selber auferlegte, noch bevor die Natur ihn zu einer solchen verurteilt
hatte. Schon minder verständlich ist mir, was Redner darunter meint,
wenn er behauptet, das durch die Ausbeutung künstlich hervorgerufene
Elend habe sich mitunter nicht als Hindernis, vielmehr als
Beförderungsmittel der Volkszunahme erwiesen. Insbesondere aber möchte
ich näheres über jene anderen, entscheidenden Faktoren hören, welche
dies angeblich bewirkt haben sollen und von denen Redner offenbar auch
in Zukunft die Regulierung der Bevölkerungszahl erwartet. Diese anderen
Faktoren sollen des ferneren den wunderbaren Effekt haben, die
Bevölkerung gar niemals den Grenzen des Nahrungsspielraums auch nur nahe
kommen zu lassen. Künstliche, willkürlich zur Anwendung gelangende
Mittel können das nicht sein, sonst würde ein Mitglied der
freiländischen Verwaltung, dieses auf schrankenloser Freiheit
gegründeten Gemeinwesens, nicht so zuversichtlich von ihnen sprechen.
Doch abgesehen von all dem -- wie kann die Wirksamkeit eines so
elementaren Hemmnisses der Vermehrung, wie es der Nahrungsmangel ist,
gerade in der menschlichen Gesellschaft in Zweifel gezogen werden,
während dieselbe doch so ersichtlich in der ganzen organischen Natur
hervortritt? Ist etwa der Mensch allein unter allen lebenden Wesen
diesem Naturgesetze nicht unterworfen oder kennt man vielleicht in
Freiland sogar ein Mittel, welches z. B. die Heringe nötigen würde, bei
ihrem Fortpflanzungsgeschäfte den Grenzen ihres Nahrungsspielraums
niemals nahe zu kommen, sich vielmehr bei demselben auf jenes
vernünftige Maß zu beschränken, welches den Rücksichten auf das
gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entspräche?«
Mächtige Erregung herrschte nach dieser mit schneidiger Schärfe
vorgebrachten Rede im Saale. Gesteigert wurde das Gefühl
erwartungsvoller Spannung noch dadurch, daß mehrere Mitglieder der
freiländischen Verwaltung -- unter diesen auch der frühere Redner Stefan
Való -- zum Präsidenten eilten und demselben ersichtlich nahe legten,
sich zum Worte zu melden. Der ganzen Versammlung bemächtigte sich die
Empfindung, daß die Debatte -- nicht bloß die heutige, sondern die des
Kongresses überhaupt -- an ihren entscheidenden Wendepunkt gelangt sei.
Vermochten die Wortführer der wirtschaftlichen Gerechtigkeit auch
diesmal die Bedenken der Gegner siegreich zu widerlegen, als irrig und
gegenstandlos nachzuweisen, so war die große Geistesschlacht endgiltig
gewonnen; was dann noch folgen mochte, konnte fürderhin nicht mehr der
Frage gelten, _ob_, sondern bloß derjenigen, _wie_ die neue sociale
Ordnung gedeihlich und dauernd ins Werk zu setzen sei. Erlahmte aber an
diesem Punkte die Kraft der freiländischen Beweisführung, gelang es ihr
nicht abermals, das Gebäude der gegnerischen Argumentation umzublasen,
gleich einem Kartenhause, so waren alle bisherigen Erfolge vergebens.
Das Elend der Gegenwart zu beseitigen, um damit der Zukunft nur desto
hoffnungsloseres Elend zu bereiten, das war es nicht, wofür man sich
begeistert hatte; blieb auch nur ein Schatten dieser Gefahr bestehen, so
war der wirtschaftlichen Gerechtigkeit das Todesurteil gesprochen.
Unter atemloser Spannung ergriff endlich Dr. _Strahl_ das Wort, nachdem
er den Vorsitz an seinen Kollegen Ney aus der freiländischen Verwaltung
abgegeben hatte:
»Unser Freund von der Rechten«, so begann er seine Rede, »hat den an uns
gerichteten Appell mit der Frage geschlossen, ob wir in Freiland das
Mittel kennten, welches die Heringe nötigen würde, sich bei ihrem
Fortpflanzungsgeschäfte innerhalb jener Schranken zu halten, die den
Rücksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe
entsprächen. Meine Antwort darauf lautet kurz und bündig: Jawohl, wir
kennen dieses Mittel. (Bewegung.) Sie erstaunen? Mit Unrecht, lieben
Freunde, denn Sie kennen es in Wahrheit so gut wie wir, und nur jene
eigenartige geistige Kurzsichtigkeit, die den Menschen hindert, noch so
bekannte Dinge wahrzunehmen, sowie es sich um deren Nutzanwendung auf
einen Gegenstand handelt, bezüglich dessen die mit der Muttermilch
eingesogenen Vorurteile ihm verbieten, von seinen Sinnen und seinem
Urteilvermögen Gebrauch zu machen, nur diese ist es, die Sie glauben
macht, Sie kennten es nicht. Also, ich behaupte, daß Sie Alle das
fragliche Mittel so gut wüßten, wie wir. Aber damit will ich keineswegs
sagen, wie Sie anzunehmen scheinen, daß wir oder Sie imstande wären, den
Heringen diese vorsorgliche Rücksicht erst beizubringen, was in der That
ziemlich schwer durchführbar wäre; ich behaupte vielmehr, daß unsere
gemeinsame Kenntnis des Mittels nicht in unserer Erfindungs-, sondern in
unserer Beobachtungsgabe ihre Quelle hat, mit anderen Worten, daß die
Heringe von jeher üben, wozu sie nach der Meinung des Fragestellers erst
durch unseren Witz angeleitet werden müßten und daß wir daher, um zur
Kenntnis des fraglichen Vorganges zu gelangen, bloß nötig hatten:
erstlich, die Augen zu öffnen, um zu sehen, _was_ in der Natur vorgeht
und sodann unseren Verstand einigermaßen zu gebrauchen, um auch hinter
das _Wie_ dieses Naturvorganges zu gelangen.
Öffnen wir also zunächst unsere Augen, d. h. entfernen wir die Binde,
die ererbte ökonomische Vorurteile um dieselben gelegt haben. Um Ihnen
dieses zu erleichtern, meine Freunde, bitte ich Sie, ein beliebiges
Naturwesen, also beispielsweise den Hering ins Auge zu fassen, ohne
dabei an dessen mögliche Beziehungen zur Bevölkerungsfrage innerhalb der
menschlichen Gesellschaft zu denken, d. h. suchen Sie beim Hering keinen
Erklärungsgrund des menschlichen Elends, sondern betrachten Sie
denselben einfach als einen der vielen Kostgänger am Tische der Natur.
Unmöglich wird Ihnen dann entgehen, daß diese Tierspecies zwar in sehr
zahlreichen Exemplaren vertreten ist, daß aber noch unendlich
zahlreichere an besagtem Tische reichlich Platz fänden. Ja ich behaupte,
daß Sie sich -- immer vorausgesetzt, daß Sie dabei nur den Hering und
nicht zugleich im Hintergrunde das menschliche Elend im Auge haben --
selber verlachen würden, käme Ihnen auch nur entfernt der Gedanke, die
Heringe könnten, wenn ihrer etwas mehr wären, keine Nahrung im Weltmeere
finden, es seien ihrer gerade so viel vorhanden, als dort satt zu
werden vermöchten. Oder nehmen wir eine andere Tierart, deren
Ernährungsverhältnisse wir nicht wie bei den Heringen bloß durch
unbefangenes Nachdenken, sondern erforderlichen Falls leicht durch
wirklichen Augenschein zu erkennen vermögen, also z. B. den Elefanten,
den Malthus ja auch speziell namhaft gemacht und für den er gleichfalls
berechnet hat, in welcher Frist ein einzelnes Pärchen den ganzen
Erdkreis mit seinen Nachkommen erfüllen müßte, um daraus die
Schlußfolgerung zu ziehen, daß es der Nahrungsmangel sei, was dieser
schrankenlosen Vermehrung das Ziel setze. Lehrt Sie nicht der erste,
oberflächlichste Blick, daß nirgends auf Erden auch nur entfernt so viel
Elefanten sind, als reichlich und in Fülle Nahrung fänden? Würden Sie
nicht jeden für einen Faselanten halten, der Ihnen das Gegenteil weis
machen wollte?
Sie wissen also insgesamt -- das bitte ich zunächst festzuhalten -- daß
jede Tierart, sie mag nun selten oder zahlreich, mehr oder minder
fruchtbar sein, sich mit ihrer Vermehrung regelmäßig innerhalb solcher
Schranken hält, die von den Grenzen des sogenannten Nahrungsspielraums
weit, unendlich weit entfernt sind. Ich gehe weiter; Sie wissen nicht
bloß, daß es so ist, Sie wissen auch, daß und warum es so sein _muß_.
Die unbefangene Beobachtung der Naturvorgänge sagt Ihnen nämlich bei nur
einigem Nachdenken, daß eine Art, die sich wirklich regelmäßig bis an
die Grenzen des Nahrungsspielraums vermehrte, also regelmäßig dem Hunger
und den Entbehrungen ausgesetzt wäre, notwendiger Weise verkümmern
müßte.
Sie wissen also, daß jener unerschöpfliche Überfluß, der im Gegensatze
zum Elend der menschlichen Gesellschaft allenthalben in der Natur
herrscht und den dieses Gegensatzes halber die Denker und Dichter aller
Zeiten besprochen und besungen haben, kein Werk des Zufalls, sondern der
Notwendigkeit ist und es erübrigt nur mehr die Ergründung jenes
Naturprozesses, jenes causalen Zusammenhanges, kraft dessen sich diese
Notwendigkeit vollzieht. In diesem Punkte war man zur Zeit, als Malthus
schrieb, allerdings auf allgemeine Redensarten angewiesen. Das Dunkel,
welches die Entwickelungsgeschichte der organischen Welt verhüllt, war
damals noch nicht erhellt; man mußte sich also damit begnügen, alle
Vorgänge im Tier- und Pflanzenreiche aus dem Walten der Vorsehung oder
der sogenannten Lebenskraft zu erklären -- was natürlich auch damals
niemand hinderte, die Thatsache sowohl, als die Notwendigkeit dieses
einstweilen unerklärlichen Naturvorganges zu sehen und zu begreifen. Sie
aber -- im Jahrhundert nach Darwin lebend -- können auch über diesen
letzten Punkt keinen Augenblick im Zweifel sein. Sie wissen, daß es der
Kampf ums Dasein ist, in welchem sich die lebenden Wesen zu dem
entwickeln, was sie sind, daß Eigenschaften, die sich als nützlich und
notwendig zum Gedeihen einer Art erweisen, durch diesen Kampf
hervorgelockt, ausgebildet und festgehalten, Eigenschaften dagegen, die
sich als schädlich für das Gedeihen der Art erweisen, unterdrückt und
beseitigt werden. Da nun die Eigenschaft, sich niemals bis an die
Grenzen des Nahrungsspielraums zu vermehren, zum Gedeihen, ja zur
Existenz jeglicher Art nicht bloß nützlich, sondern durchaus notwendig
ist, so muß eben auch sie durch den Daseinskampf hervorgerufen,
ausgebildet und als bleibender Artcharakter festgehalten worden sein.
Das alles haben Sie gewußt, meine Freunde, bevor ich es Ihnen sagte; nur
war Ihnen dieses Ihr Wissen bloß in jenen Fällen auch bewußt, zum
Gebrauche beim Denkprozesse gegenwärtig, wo es sich um rein botanische
oder zoologische Fragen handelte; sowie in Ihrem Denkapparate die Saite
der socialen oder ökonomischen Probleme berührt wurde, senkte sich
augenblicklich ein dichter, undurchdringlicher Schleier über diese
soeben noch so klaren Erkenntnisse; die Welt stellte sich Ihnen jetzt
nicht mehr so dar, wie sie ist, sondern wie sie sich durch besagten
Schleier -- seine Fäden heißen anerzogene Vorurteile und
Wahnvorstellungen -- ansieht, und Ihr Urteilsvermögen funktionierte nun
nicht mehr nach jenen allgemeinen Gesetzen, die sonst unter dem Namen
>Logik< sich Ihrer Achtung erfreuen, sondern machte ganz eigenartige
Kapriolen, die -- läge besagter Schleier nicht auf Ihren Sinnen --
unmöglich ohne Wirkung auf Ihre Lachmuskeln bleiben könnten. Ja, so
gründlich haben Sie sich daran gewöhnt, die Bilder, die Ihnen dieser
Schleier zeigt, für die wirkliche Welt zu halten, daß Sie sich von
denselben nicht zu befreien vermögen, auch nachdem Sie sich dazu
aufgerafft, den Schleier selber zu zerreißen.
Die Wahnvorstellungen und Trugschlüsse der Malthus'schen Theorie sind
doch eigentlich nur dadurch entstanden, daß ihr Autor nach Gründen für
das Elend der Menschheit suchte, den wahren Grund aber nicht zu
entdecken vermochte. Warum hungert der irische Bauer und der ägyptische
Fellache, so fragte er sich; und da er -- gehindert durch den bewußten
Schleier -- nicht zu sehen vermochte, daß sie hungerten, weil ihnen der
Ertrag ihrer Arbeit weggenommen wird, ja weil man ihnen gar nicht
gestattet, zu arbeiten, dabei aber bemerkte, daß die Massen überall und
allezeit hungerten, örtlich und zeitlich etwas minder empfindlich als zu
anderen Zeiten und Orten, aber schließlich doch hungerten, hungerten,
hungerten, trotz aller Plage und allen Fleißes, soweit menschliche
Erinnerung zurückreicht -- so geriet er endlich auf den Ausweg, diesen
allgemeinen Hunger für die Folge eines Naturgesetzes zu halten. Jetzt
wußte er es; der Fellache hungert und der irische Bauer hungert und die
Völker aller Weltteile und aller Zeiten hungern, weil sie zu zahlreich
sind, und sie sind zu zahlreich, weil nur der Hunger sie hindert, noch
zahlreicher zu werden. Daß die vom Rätsel des Elends gepeinigte Welt
_das_ glaubte, ist schließlich zu begreifen, denn einen Grund muß das
Elend doch haben und Mangels der richtigen haben noch allezeit falsche
Erklärungsgründe herhalten müssen; Sie aber, meine Freunde, die Sie die
Ursache des Elends in der Ausbeutung und Knechtschaft erkannt haben, Sie
glauben merkwürdiger Weise noch immer an jenes seltsame Naturgesetz,
welches doch Malthus nur ersann, um obigen Notbehelf aus ihm zu
konstruieren; das macht: Sie haben den Schleier zwar zerrissen,
durchlöchert, aber seine Fetzen umhüllen Ihnen noch immer Haupt und
Sinne. Warum der Fellache und der irische Bauer _heute_ hungert, das zu
sehen, dazu haben Sie sich aufgerafft; aber für unsere Nachkommen
zittern Sie noch immer vor Übervölkerung, den Hering sehen Sie noch
immer von Nahrungssorgen verfolgt, und der Elefant durchstreift für Sie
immer noch mit knurrendem Magen die kahlgefressenen Waldungen Hindostans
oder Afrikas -- sowie Sie von Hering und Elefant weiter hinaus denken an
diese unsere armen, der Übervölkerung verfallenen Nachkommen.«
Jubelnder Applaus, untermengt mit Ausbrüchen lauter Heiterkeit
durchbrauste den Saal, nachdem Dr. Strahl geschlossen. Auf seinem Wege
von der Rednerbühne zum Präsidentensitze erwarteten ihn neben den
Freunden, die herbeigeeilt waren, ihm die Hand zu drücken, auch die
Wortführer der Opposition, die freudig und rückhaltlos den vollkommenen
Sieg anerkannten.
(Schluß des vierten Verhandlungstages.)