25. Kapitel.

Dritter Verhandlungstag.

(Fortsetzung der Debatte über Punkt 2 der Tagesordnung.)

_James Brown_ (Rechte). Unser Kollege aus Ungarn hat gestern die wahre

Beschaffenheit des Eigennutzes und des Eigentums in der ausbeuterischen

Gesellschaft mit so markigen Worten gekennzeichnet, daß davon fürderhin

wohl nicht mehr die Rede sein wird. Aber wenn es auch richtig ist, daß

erst die wirtschaftliche Gerechtigkeit diese beiden Triebfedern der

Arbeit in ihr Recht einzusetzen vermöchte, so muß immer noch gefragt

werden, ob der einzige Weg, der zu diesem Ziele führt, nämlich die

Organisation freier, selbstherrlicher, unausgebeuteter Arbeit sich

überall und ausnahmslos praktikabel erweisen wird. Mit der noch so

feierlichen Proklamierung des Grundsatzes, daß jeder Arbeitende sein

eigener Herr sei und mit noch so vollständiger Einräumung des

Verfügungsrechtes über die Produktionsmittel an alle Arbeitenden, wäre

wenig gewonnen, wenn letztere sich unfähig erweisen sollten, von diesen

Rechten den entsprechenden Gebrauch zu machen. Worauf es in letzter

Linie ankommt, das ist also die Frage, ob die Arbeiter der Zukunft

allezeit und überall jene Disciplin, jene Mäßigung und Weisheit an den

Tag legen werden, die zur Organisierung wahrhaft fruchtbringender,

fortschrittlicher Produktion erforderlich sind? Die ausbeuterische

Wirtschaft hat eine vieltausendjährige Routine hinter sich; wie es

anzustellen sei, um eine Schar zu stummem Gehorsam gezwungener Knechte

in Ordnung zu erhalten, das sagt dem Arbeitgeber nach altem Rechte die

gesammelte Erfahrung unzähliger Generationen. Trotzdem begeht auch er

häufig Mißgriffe und nur zu oft scheitern seine Pläne an der

Widersetzlichkeit der Untergebenen. Die Leiter der Arbeiterassociationen

der Zukunft haben so gut wie keinerlei Erfahrungen hinter sich, wenn es

sich um die Organisationsformen handelt, welche sie anzuwenden haben;

sie werden diejenigen zu Herren erhalten, denen sie befehlen sollen --

und trotzdem, so sagt man uns, kann ihnen der Erfolg nicht fehlen, ja er

darf nicht fehlen, soll die associierte freie Gesellschaft nicht in

ihren Grundfesten erschüttert werden. Denn während die ausbeuterische

Gesellschaft die Verantwortlichkeit für das Schicksal der einzelnen

Unternehmungen ausschließlich diesen Unternehmungen selber überläßt,

hängt vermöge der so oft hervorgehobenen Interessensolidarität der

freien Gesellschaft das Wohl und Wehe der Gesamtheit aufs unlöslichste

mit dem jeder einzelnen Unternehmung zusammen. Ich will mich gern eines

Besseren belehren lassen; aber insolange dies nicht geschehen ist, kann

ich nicht umhin, in dem soeben Gesagten Bedenken zu erblicken, welche

durch die bisherigen Erfahrungen Freilands mit nichten völlig zerstreut

sind. Die freiländischen Arbeiter haben es verstanden, sich zu

disciplinieren; folgt daraus, daß dies die Arbeiter überall verstehen

werden?

_Miguel Spada_ (Linke). Ich beschränke mich darauf, eine kurze Antwort

auf jene Frage zu erteilen, mit welcher der Vorredner geschlossen. Nein,

sicherlich, daraus, daß den Freiländern die Organisierung und

Disciplinierung der Arbeit ohne herrische Arbeitgeber gelungen ist und

daraus, daß sie ganz unfraglich noch zahlreichen anderen Völkern

gelingen wird, folgt mit nichten, daß sie _allen_ Völkern

notwendigerweise gelingen muß. Möglich, ja sagen wir immerhin

wahrscheinlich, daß einzelne Völker sich unfähig erweisen werden, von

dieser höchsten Art des Selbstbestimmungsrechtes Gebrauch zu machen; um

so schlimmer für diese. Aber daraus, das will ich hoffen, wird doch

Niemand die Folgerung ableiten, daß auch jene Völker, und befänden sie

sich selbst in der Minderzahl, denen diese Fähigkeit nicht abgeht, auf

die Anwendung derselben verzichten sollen. Diese Fähigeren werden dann

die Lehrmeister der Unfähigeren werden. Sollten sich aber diese nicht

nur unfähig, sondern auch als ungelehrig erweisen -- je nun, dann werden

sie eben so von dem Erdboden verschwinden, wie ungelehrige Kannibalen

verschwinden müssen, wo sie mit Kulturnationen in Berührung treten. Daß

die Nation, welcher der Fragesteller angehört, diesen unfähigen Nationen

_nicht_ beigezählt werden muß, darauf mag er sich getrost verlassen.

_Wladimir Tonof_ (Freiland). Das geehrte Mitglied aus England (Brown)

hat eine unrichtige Vorstellung sowohl von den Schwierigkeiten der hier

in Frage kommenden Organisation und Disciplin, als von der Bedeutung

eventueller Mißerfolge einzelner Unternehmungen in einem freien

Gemeinwesen. Erstere anlangend will ich darauf hinweisen, daß in der

Organisation associierter Kapitalien, die bekanntlich Jahrhunderte alt

ist, eine keineswegs zu verachtende Vorschule der Arbeitsassociation

gegeben ist, soweit es sich um die dabei zu wählenden Formen der Leitung

und Überwachung handelt. Zwar giebt es Verschiedenheiten

tiefeingreifender Art, die wohl beachtet sein wollen; es liegt aber im

Wesen der Sache, daß die Unterschiede alle zu Gunsten der

Arbeitsassociation sich geltend machen. Bei diesen sind nämlich die

Hauptgebrechen der Kapitalsassociation, das sind Unkenntnis und

Gleichgiltigkeit der Genossen den Aufgaben des Unternehmens gegenüber,

nicht zu besorgen und es ist daher hier auch jener peinliche, die

Aktionsfreiheit der Leitung lähmende und trotzdem nutzlose

Kontrollapparat, welcher den Statuten der Kapitalsvergesellschaftungen

als Ballast anhaftet, vollkommen entbehrlich. Der einzelne Aktionär

versteht in der Regel nichts von den Geschäften seiner Gesellschaft und

hat ebenso in der Regel gar nicht die Absicht, sich um den Geschäftsgang

anders, als durch Empfangnahme der Dividenden zu kümmern. Trotzdem ist

_er_ der Herr des Unternehmens, von seinem Votum hängt dessen Schicksal

in letzter Linie ab; welche Umsicht ist daher vonnöten,

um diesen Aktionär vor den möglichen Folgen der eigenen

Unkenntnis, Leichtgläubigkeit und Nachlässigkeit zu schützen! Die

vergesellschafteten Arbeiter dagegen sind mit dem Wesen ihres

Unternehmens sehr wohl vertraut, dessen Gedeihen ist ihr vornehmstes

materielles Interesse und wird von ihnen auch ausnahmslos als solches

erkannt. Das sind ausschlaggebende Vorteile. Oder will man darin eine

besondere Schwierigkeit sehen, daß die Arbeiter sich der Leitung von

Personen unterwerfen sollen, deren Stellung von ihrem, der zu Leitenden,

Votum abhängt? Dann könnte man mit demselben Rechte die Autorität aller

aus Wahl hervorgehenden politischen und sonstigen Behörden anzweifeln.

Den Leitern fehlt jegliches Mittel, Gehorsam zu _erzwingen_? Falsch; es

fehlt ihnen nur eines, das Recht, den Unbotmäßigen willkürlich zu

entlassen. Aber dieses Recht fehlte auch gar mancher anderen, auf

Disciplin und vernünftige Fügsamkeit der Mitglieder angewiesenen

Körperschaft, die nichtsdestoweniger, oder gerade deshalb weitaus

bessere Disciplin hielt, als jene Vereinigungen, deren Gehorsam durch

die weitestgehenden Zwangsmittel gewährleistet war. Zwar kann, wo der

äußere Zwang fehlt, die Disciplin schwerer in Tyrannei ausarten, aber

das ist doch wahrlich kein Übel. Zudem steht den Leitern freier

Arbeitervergesellschaftungen ein Zwangsmittel der Disciplin zur

Verfügung, dessen Gewalt schrankenloser und unbedingter ist, als die der

schonungslosesten Tyrannei: die alles umfassende gegenseitige Kontrolle

der Genossen, deren Einfluß selbst der Hartnäckigste auf die Dauer nicht

widerstehen kann. Allerdings ist zu all dem unerläßlich, daß die

Arbeitenden insgesamt, oder doch zu weitaus überwiegendem Teile

vernünftige Männer seien, deren Intelligenz zu nüchterner Abwägung des

eigenen Vorteils ausreicht. Allein das ist ja ganz im Allgemeinen die

erste und oberste Voraussetzung der Etablierung wirtschaftlicher

Gerechtigkeit. Daß diese -- das Endergebnis des bisherigen

Entwicklungsganges der Menschheit -- nur für Menschen paßt, die sich aus

dem untersten Stadium der Brutalität herausgearbeitet haben, unterliegt

in keinem Betracht einer Frage. Daraus folgt, daß Völker und Individuen,

welche diese Stufe der Entwicklung noch nicht erreicht haben, zu

derselben erzogen werden müssen, welches Erziehungswerk bei nur einigem

guten Willen durchaus nicht schwer ist. Daß es, ernstlich in Angriff

genommen, irgendwo gänzlich mißlingen könnte, bezweifeln wir.

Und nun besehen wir uns die zweite Seite der aufgeworfenen Frage. Ist es

richtig, daß vermöge der im freien Gemeinwesen waltenden

Interessensolidarität das Wohl und Wehe der Gesamtheit unlöslich mit dem

jeder einzelnen Unternehmung zusammenhänge? Versteht man darunter, daß

in einem solchen Gemeinwesen Jedermann an Jedermanns Wohl, also auch am

Gedeihen jeder Unternehmung interessirt ist, so entspricht dies

vollkommen dem Sachverhalte; soll aber -- und das war ersichtlich die

Meinung des geehrten Redners -- damit gesagt sein, daß das Wohl eines

solchen Gemeinwesens vom Gedeihen jedes einzelnen Unternehmens seiner

Angehörigen abhänge, so ist dies durchaus grundlos. Geht es einem

Unternehmen schlecht, so verlassen es seine Mitglieder und wenden sich

einem besser gedeihenden zu, das ist alles. Wohl aber schützt umgekehrt

diese mit der Interessensolidarität verknüpfte Beweglichkeit der

Arbeitskräfte das freie Gemeinwesen vor tiefergehenden Folgen etwa

wirklich begangener Mißgriffe. Kommt es irgendwo zu übelberatenen

Wahlen, so können die ungeschickten Geschäftsleiter verhältnismäßig

geringes Unheil stiften; sie sehen sich, d. h. das von ihnen geleitete

Unternehmen, sehr rasch von Arbeitern verlassen, die Verluste bleiben

bedeutungslos, weil auf einen kleinen Kreis beschränkt. Ja, diese

Beweglichkeit erweist sich in letzter Linie als wirksamstes Korrektiv

aller wie immer gearteten Fehler, als das Mittel, welches überall die

mangelhaften Organisationsformen und schwachen Intelligenzen verdrängt

und gleichsam automatisch durch tüchtigere ersetzt. Denn die aus welchem

Grunde immer schlecht gedeihenden Unternehmungen werden stets in

verhältnismäßig kurzer Zeit von den besseren aufgesogen, ohne daß dies,

wie in der ausbeuterischen Gesellschaft, zum Ruine der bei ersteren

Beteiligten führen könnte. Es ist daher auch nicht nötig, daß diese

freien Organisationen überall gleich im ersten Anlaufe das Beste

treffen, damit schließlich allenthalben Ordnung und Tüchtigkeit

herrsche; denn im friedlichen Wettbewerbe verschwindet das Mangelhafte

rasch vom Schauplatze, indem es in die als tüchtig erprobten

Unternehmungen aufgeht, die dann allein das Feld behaupten.

_Miguel-Diego_ (Rechte). Wir wissen nunmehr, daß die neue Ordnung alle

natürlichen Erfordernisse des Gelingens in sich vereinigt; daß ihre

Einführung ein Erfordernis des Kulturfortschrittes sei, wurde früher

schon nachgewiesen. Wie kommt es trotz alledem, daß dieselbe nicht als

das Ergebnis des Zusammenwirkens elementarer, gleichsam automatisch

eintretender geschichtlicher Vorgänge, sondern vielmehr als eine Art

Kunstprodukt, als planmäßig eingeleitetes Resultat der Bestrebungen

einzelner Männer ihren Einzug in die Welt hielt? Wie, wenn die

»Internationale freie Gesellschaft« sich nicht gebildet hätte, oder wenn

ihr Aufruf erfolglos geblieben, wenn ihr Werk gleich im Keime gewaltsam

erstickt worden, oder wenn es aus irgend einem anderen Grunde

fehlgeschlagen wäre? Man wird zugeben, daß dies immerhin denkbare

Eventualitäten sind. Wie stände es um die wirtschaftliche Gerechtigkeit,

wenn eine dieser Möglichkeiten Thatsache geworden wäre? Wenn die

Socialreform in Wahrheit eine unvermeidliche Notwendigkeit ist, dann

müßte sie sich schließlich auch gegen den Widerstand einer ganzen Welt

durchsetzen, dann müßte sich zeigen lassen, daß und kraft welcher

unlöslich mit ihr verknüpften Gewalten, sie den Sieg über Vorurteil,

bösen Willen und Mißgeschick davongetragen hätte. Erst damit wäre der

Beweis erbracht, daß das Werk, um welches wir uns bemühen, mehr ist, als

die ephemere Frucht unsicheren Menschenwitzes, daß vielmehr jene Männer,

die den ersten Anlaß dazu gaben und seine Entwickelung überwachten,

damit lediglich als Werkzeuge jenes Weltgeistes handelten, der -- hätten

_sie_ ihm versagt -- um andere Werkzeuge und Wege zu dem unvermeidlichen

Ziele nicht verlegen gewesen wäre.

_Henri Ney_ (Freiland). In der That, wenn die wirtschaftliche

Gerechtigkeit auf unser, der Gründer von Freiland, Eingreifen angewiesen

wäre, um Thatsache zu werden, dann stünde es schlecht nicht bloß um ihre

Notwendigkeit, sondern auch um ihre Sicherheit. Denn was einzelne

Menschen schaffen, können demnächst andere Menschen wieder rückgängig

machen. Zwar sind äußerlich betrachtet alle geschichtlichen Vorgänge

Menschenwerk; aber die großen geschichtlichen Notwendigkeiten

unterscheiden sich dadurch von den bloß zufälligen Ereignissen, daß sich

bei ihnen allemal erkennen läßt, ihre Akteure seien lediglich die

Werkzeuge des Schicksals, Werkzeuge, die der Genius der Menschheit

hervorbringt, wenn er ihrer bedarf. Wir wissen nicht, wer die Sprache,

das erste Werkzeug, die Schrift, erfunden hat; aber wer es auch sei, wir

wissen, daß er in dem Sinne ein bloßes Werkzeug des Fortschritts

gewesen, als wir mit der nämlichen Sicherheit, mit welcher wir irgend

ein anderes Naturgesetz aussprechen, die Behauptung wagen können,

Sprache, Werkzeug, Schrift wären erfunden worden, auch wenn ihre

zufälligen Erfinder niemals das Licht der Welt erblickt hätten. Das

nämliche nun gilt auch von der wirtschaftlichen Freiheit; sie wäre

gefunden worden, auch wenn keiner von uns, die wir sie thatsächlich

zuerst fanden, existiert hätte. Nur freilich wäre in diesem Falle die

Form ihres Eintritts in die Welt der geschichtlichen Thatsachen

wahrscheinlich eine andere geworden, vielleicht eine friedlichere,

erfreulichere noch, als jene, deren Zeugen wir sind, vielleicht aber

auch eine gewaltthätige und schreckliche.

Um das in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise zu zeigen, muß

zunächst erwiesen werden, daß der Fortbestand der modernen Gesellschaft,

so wie sie sich im Laufe des letzten Jahrhunderts entwickelt hat, ein

Ding innerer Unmöglichkeit ist. Zu diesem Behufe werden Sie mir

gestatten, etwas weiter auszuholen.

In der ursprünglichen barbarischen Gesellschaft, wo die Ergiebigkeit der

Arbeit so gering war, daß der Schwächere durch den Stärkeren nicht

ausgebeutet und das eigene Gedeihen nur durch Verdrängung und

Vernichtung der Mitkonkurrenten gefördert werden konnte, waren Blutgier,

Grausamkeit, Hinterlist, durchaus erforderlich nicht bloß zum Fortkommen

des Individuums, sondern sie dienten auch ersichtlich zum Vorteile jener

Gesellschaft, der das Individuum angehörte. Sie waren deshalb nicht bloß

allgemein verbreitet, sondern galten ganz offenbar als Tugenden. Der

erfolgreichste, erbarmungsloseste Menschenschlächter war der

geehrteste seiner Horde und wurde sicherlich in Wort und Lied als

nachahmenswürdiges Beispiel gepriesen.

Als dann die Ergiebigkeit der Arbeit wuchs, verloren diese »Tugenden«

zwar viel von ihrer ursprünglichen Bedeutung, in ihr Gegenteil aber

verkehrten sie sich erst, als die Sklaverei erfunden wurde und nunmehr

die Möglichkeit sich einstellte, statt des Fleisches die Arbeitskraft

des besiegten Konkurrenten sich und der eigenen Gemeinschaft nutzbar zu

machen. Nun erst wurde blutgierige Grausamkeit, die bis dahin immer noch

nützlich gewesen, schädlich, denn sie beraubte um eines vorübergehenden

Genusses -- des Menschenfleischgenusses -- willen das siegende

Individuum sowohl, als die Gesellschaft, welcher es angehörte, des

dauernden Vorteils vermehrten Wohlstandes und gewachsener Macht. Die

bestialische Blutgier mußte daher in der neuen Form des Daseinskampfes

allmählich schwinden, aus einer bewunderten und gehegten Tugend zu einer

mehr und mehr der allgemeinen Mißbilligung unterworfenen Eigenschaft, d.

i. also zu einem Laster werden. Sie _mußte_ dazu werden, weil nur jene

Horden, in denen dieser moralische Umwandlungsproceß Platz griff, der

Vorteile der neuen Formen der Arbeit und der neuen socialen Institution

-- der Sklaverei -- in vollem Maße teilhaft werden konnten, dadurch an

Kultur und Macht zunahmen und ihre gewachsene Macht dann dazu benützten,

die auf ihren alten kannibalischen Sitten beharrenden Stämme auszurotten

oder sich zu unterwerfen. Eine neue Moral setzte sich solcherart im

Laufe der Jahrtausende unter den Menschen fest, eine Moral, die in ihren

Grundzügen sich bis auf unsere Tage erhalten hat, die der Ausbeutung.

Eine der seltsamsten Täuschungen aber ist es, diese Ethik

»Menschenliebe« zu nennen. Zwar der wilde, blutdürstige Haß gegen den

Nebenmenschen war milderen Gefühlen gewichen, aber von diesen bis zu

wirklicher Menschenliebe, unter welcher wir die Wertschätzung des

Nebenmenschen als _Unseresgleichen_ verstehen, zum Unterschiede von

jenem kalten Wohlwollen, welches wir allenfalls auch dem Tiere

entgegenbringen, ist noch ein weiter Schritt. Wirkliche Menschenliebe

verträgt sich mit der Ausbeutung so wenig, als mit dem Kannibalismus.

Denn die neue Form des Daseinskampfes verdammt zwar das Töten des

Besiegten, macht aber an dessen Statt die Unterdrückung und

Vergewaltigung des Nebenmenschen zu einem gebieterischen Erfordernisse

des eigenen Gedeihens. Und man verstehe wohl: wahre, vollkommene

Menschenliebe kann bei jener Art des Daseinskampfes, wie ihn die

ausbeuterische Gesellschaft führt, nicht bloß nicht gefördert werden,

sie erweist sich als geradezu schädlich und vermag -- als allgemein

verbreiteter Gattungsinstinkt -- gar nicht zu bestehen. Einzelne

Individuen mögen immerhin den Nebenmenschen als Ihresgleichen lieben;

sie bleiben, solange die Ausbeutung in Kraft ist, seltene und von der

öffentlichen Meinung keineswegs geschätzte Sonderlinge. Nur Heuchelei

oder grobe Selbsttäuschung werden das in Zweifel ziehen. Allerdings

haben die sogenannten civilisierten Nationen des Abendlandes seit länger

als einem Jahrtausend das Wort: »Liebe Deinen Nächsten _wie dich

selbst_« auf ihre Fahnen geschrieben und ohne Scheu behauptet, sich an

dasselbe zu halten, oder doch zum mindesten bestrebt zu sein, diesem

Worte nachzuleben. In Wahrheit aber liebten sie den Nebenmenschen --

bestenfalls -- wie ein nützliches Haustier, zogen ohne den geringsten

Skrupel Vorteil aus seiner Plage, seiner Marter, und schreckten auch vor

dessen kaltblütiger Tötung nicht entfernt zurück, wenn ihr wirklicher

oder vermeintlicher Vorteil sie dazu antrieb. Und das waren nicht etwa

die Gesinnungen und Gefühle einzelner, besonders hartherziger

Individuen, sondern die der Gesellschaft als solcher; sie wurden von der

öffentlichen Meinung nicht mißbilligt, sondern gebieterisch gefordert,

unter allerlei wohlklingenden Namen als Tugenden gepriesen, und ihr

Widerspiel, die wirkliche Menschenliebe, galt, sowie statt leerer

Phrasen Thaten in Frage kamen, günstigenfalls als bemitleidenswerte

Thorheit, in der Regel aber als todeswürdiges Verbrechen. Er, der jenes

Wort gesprochen und zu dem sie in ihren Kirchen beteten, wäre von ihnen

allen abermals ans Kreuz geschlagen, verbrannt, gerädert, gehängt -- in

der jüngsten Vergangenheit vielleicht bloß eingekerkert worden, hätte er

es abermals, wie vor neunzehn Jahrhunderten, gewagt, auf offenem Markte

und in zündender, nicht mißzuverstehender, lebendiger Rede zu predigen,

was ihr blödes Auge und ihr durch Jahrtausende alten Selbstbetrug

verwirrter Sinn in den Schriften seiner Jünger wohl las, aber nicht

begriff.

Und das Entscheidende dabei ist, daß die Menschheit in der Epoche der

Ausbeutung anders gar nicht fühlen und denken, geschweige denn handeln

konnte. Sie _mußte_ auf der Ausbeutung beharren, solange diese eine

Kulturnotwendigkeit war, sie _konnte_ daher keine Menschenliebe

empfinden und üben, denn diese verträgt sich mit Ausbeutung so wenig,

als Widerwille vor dem Totschlag mit Kannibalismus. Gleichwie in der

ersten barbarischen Menschheitsepoche schon das, was die Ausbeutung

»Humanität« nennt, ein Nachteil im Daseinskampfe gewesen wäre, so hätte

späterhin das, was _wir_ Humanität nennen, die wahre Menschenliebe, jede

davon befallene Nation in Nachteil versetzt. Fressen oder gefressen

werden -- das war die Alternative in der Epoche des Kannibalismus;

unterdrücken oder unterdrückt werden, in der Epoche der Ausbeutung.

Nun hat sich ein neuerlicher Wandel in der Form und Ergiebigkeit der

Arbeit vollzogen; die socialen Einrichtungen sowohl, als die moralischen

Empfindungen der Menschheit können davon nicht unberührt bleiben. Aber

-- und damit bin ich zum letzten entscheidenden Punkte gekommen -- es

sind dabei allerdings mehrere Formen der Entwickelung denkbar. Die erste

ist diejenige, mit welcher wir uns bisher ausschließlich beschäftigt

haben: die socialen Einrichtungen unterziehen sich dem durch die neue

Arbeitsform bedingten Wandel, und entsprechend der damit bewirkten

Änderung des Daseinskampfes vollzieht sich auch der Umschwung in den

moralischen Gefühlen; friedlicher Wettbewerb, vollkommene

Interessensolidarität löst die wechselseitige Ausnutzung, vollkommene

Menschenliebe die Menschennutzung aus.

Wollen wir nun den letzten Zweifel über die bedingungslose Notwendigkeit

dieses Entwickelungsganges ein für allemal beseitigen, so setzen wir den

Fall, daß es anders käme: die Anpassung der socialen Einrichtungen an

die geänderte Arbeitsform vollziehe sich _nicht_. _Denken_ läßt sich

eine solche Möglichkeit immerhin, und ich halte es -- bis zu diesem

Punkte der Beweisführung gediehen -- auch für ganz überflüssig, die

Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit derselben abzuwägen; wir

nehmen einfach an, daß sie sich verwirkliche. Unsinnig und undenkbar

aber wäre in diesem Falle die fernere Annahme, daß dieses Beharren der

socialen Einrichtungen auf den alten Formen stattfinden könne, ohne daß

sehr wesentliche Rückwirkungen sowohl auf die Formen der Arbeit als die

moralischen Instinkte der Menschheit die notwendige Folge wären. Jene

überaus orthodoxen, aber nicht minder gedankenlosen Socialpolitiker, die

solches annehmen, halten es für möglich, daß eine Ursache von so

überwältigender Tragweite, wie es die bis zur Möglichkeit des

Überflusses und der Muße für alle Menschen gediehene Produktivität der

Arbeit ist, überhaupt ohne irgend welche, wie immer geartete Wirkung auf

den Entwickelungsgang der Menschheit bleiben könne. Sie übersehen, daß

der Daseinskampf innerhalb der menschlichen Gesellschaft sich unter dem

Einflusse dieses Faktors für alle Fälle ändern muß, gleichviel, ob die

socialen Einrichtungen sich einer entsprechenden Anpassung unterziehen

oder nicht, und daß demnach ebenso für alle Fälle untersucht werden muß,

welche Rückwirkung diese geänderte Form des Daseinskampfes auf die

Gesamtheit der menschlichen Institutionen äußern könne oder müsse.

Und worin besteht nun die Änderung des Daseinskampfes für den oben

gekennzeichneten Fall? _Ganz einfach in einem teilweisen Rückfalle in

die Kampfesformen der ersten, der kannibalischen Menschheitsepoche!_

Wir haben gesehen, daß die Ausbeutung den früher auf Vernichtung des

Konkurrenten abzielenden Kampf in einen auf Unterjochung desselben

gerichteten umgewandelt hat; nun denn, mit dem Momente, wo die

Produktivität der Arbeit so groß wird, daß der -- durch die Ausbeutung

darniedergehaltene -- Konsum ihr nicht mehr zu folgen vermag, wird

abermals die Verdrängung, die -- wenn auch nicht physische, so doch

wirtschaftliche -- Vernichtung des Konkurrenten zu einer Voraussetzung

des eigenen Gedeihens, der Daseinskampf muß die Formen der Unterjochung

und Vernichtung zugleich annehmen. Wenig nützt nunmehr auf

wirtschaftlichem Gebiete die noch so schonungslose Herrschaft über noch

so zahlreiche menschliche Ausbeutungsobjekte; sofern es dem Ausbeuter

nicht gelingt, den Mitausbeuter vom Markte zu verdrängen, muß er im

Daseinskampfe unterliegen. Und ebenso haben nunmehr die Ausgebeuteten

sich nicht bloß der Härten ihrer Zwingherren zu erwehren, sie müssen,

wollen sie dem Hunger entgehen, sich gegenseitig die unzureichend

gewordenen Stellen an den Futterkrippen des »Arbeitsmarktes« mit Zähnen

und Klauen streitig machen.

Ist es nun denkbar, daß eine so fürchterliche Änderung der Grundlagen

des Daseinskampfes ohne Wirkung auf die Moral der Menschheit bleibe? Die

gleiche Ursache _muß_ von der gleichen Wirkung begleitet sein, die Ethik

der kannibalischen Epoche _muß_ ihre siegreiche Wiederkehr feiern. Zwar

den veränderten Modalitäten des Vernichtungskampfes entsprechend werden

auch die einstigen grausamen, bösartigen Instinkte eine Modifikation

erleiden, aber die Grundstimmung, die schonungslose Feindseligkeit gegen

den Nebenmenschen, muß wiederkehren. In den Jahrtausenden, in denen der

Kampf nur der Ausnützung des Nächsten galt, war, insbesondere wenn der

Ausgenützte sich gewöhnt hatte, im Ausbeuter ein höheres Wesen zu

verehren, zwischen Herr und Knecht zum mindesten jener Grad der

Anhänglichkeit möglich, wie er zwischen Mensch und Haustier besteht.

Herren oder Knechte unter sich hatten vollends keinen notwendigen Anlaß

einander zu hassen. Wechselseitige Schonung, Großmut, Milde, Dankbarkeit

konnten als -- allerdings sehr kärgliche -- Surrogate der Menschenliebe

bei einem solchen Zustande gedeihen. Nunmehr jedoch, wo Ausbeutung und

Verdrängung zugleich die Losung des Kampfes sind, müssen sich die

obgenannten Tugenden mehr und mehr als verderbliche Hindernisse

erfolgreichen Daseinskampfes erweisen, sie müssen folglich verschwinden

und der Erbarmungslosigkeit, Hinterlist, Grausamkeit, Tücke Platz

machen. Und wohlverstanden, all diese schändlichen Eigenschaften müssen

nicht bloß allgemein verbreitet, sie müssen auch allgemein geschätzt,

aus dem Inbegriffe schmählichster Niedertracht zum Inbegriffe der

»Tugend« werden. Ebenso wenig, als ein »humaner« Menschenfresser oder

ein von wirklicher Menschenliebe erfüllter Ausbeuter denkbar sind,

ebenso wenig läßt sich ein großmütiger, im bisherigen Sinne tugendhafter

Ausbeuter unter dem Alpdrucke der Überproduktion auf die Dauer auch nur

denken; und ebenso sicher, als die kannibalische Gesellschaft tückische

Mordgier als preiswürdigste aller Tugenden anerkennen mußte, ebenso

sicher müßte die von Überproduktion heimgesuchte ausbeuterische

Gesellschaft dahin gelangen, den hinterlistigsten Betrüger als ihr

Tugendideal zu verehren.

Aber, so wird man einwenden, das widerspricht denn doch, trotz aller

logischen Unanfechtbarkeit, den Thatsachen allzusehr, als daß es richtig

sein könnte. Die Überproduktion, der Zwiespalt zwischen der

Produktivität der Arbeit und der durch die socialen Einrichtungen

bedingten Konsumtionsfähigkeit, bestehen thatsächlich seit Generationen

und trotzdem wäre es zum mindesten eine arge Übertreibung, wollte man

behaupten, daß die moralischen Empfindungen der civilisierten Menschheit

die im obigen gekennzeichnete schreckliche Verschlimmerung erfahren

hätten. Daß mancherlei Nichtswürdigkeit infolge des stets schonungsloser

sich gestaltenden wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes mehr und mehr an

Verbreitung gewinne, ja daß allgemach eine gewisse Verwirrung sich der

öffentlichen Meinung zu bemächtigen beginne, die den Unterschied

zwischen wahrem Verdienst und erfolgreicher Schurkerei nicht überall

mehr festzuhalten vermöge, sei allerdings wahr; ebenso wahr aber

umgekehrt, daß niemals zuvor Humanität in allen Formen so hoch geschätzt

und stark verbreitet gewesen, wie eben in der Gegenwart.

Diese unleugbaren Thatsachen aber besagen nicht, daß Überproduktion auf

die Dauer zu anderen, als den oben gekennzeichneten Ergebnissen führen

könnte -- sie zeigen nur, daß einerseits diese schreckliche

Krankheitserscheinung im wirtschaftlichen Getriebe der Menschheit noch

nicht lange genug wirksam ist, um ihre Früchte schon voll gezeitigt zu

haben, und daß anderseits der moralische Instinkt der Menschheit den

richtigen Ausweg aus dem ökonomischen Zwiespalte geahnt hat, lange bevor

die menschliche Erkenntnis ihn zu betreten vermochte. Bloß wenige

Generationen ist es her, daß das Mißverhältnis zwischen Produktivität

und Konsum äußerlich in die Erscheinung getreten; was aber sind einige

Generationen im Leben der Menschheit? Auch die Ethik der Ausbeutung

bedurfte sicherlich sehr vieler Jahrhunderte, ehe sie diejenige des

Kannibalismus überwand; warum sollte der Rückfall in die kannibalische

Ethik sich um so vieles rascher vollziehen? Die instinktive Ahnung aber,

daß wachsende Kultur nicht mit socialem Stillstande und moralischem

Rückschritte, sondern mit dem Fortschritte beider verknüpft sein werde,

diese der abendländischen Menschheit trotz aller Thorheiten und aller

Greuel, in denen sie sich zwischenzeitig erging, unausrottbar

eingeimpfte Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sie

ist eben jener »fremde Blutstropfen im Körper der europäischen

Völkerfamilie«, der semitisch-christliche Sauerteig, der sie, als die

Zeit der Knechtschaft um war, davor bewahrte, auch nur vorübergehend dem

Verwesungsprozeß von Knechtschaft und Barbarei zugleich zu verfallen.

Die Dinge werden eben die zuletzt gekennzeichnete Entwickelung _nicht_

nehmen, die Ausbeutung wird sich neben der gesteigerten Produktivität

_nicht_ erhalten, und das ist der Grund, warum auch die gekennzeichneten

moralischen Folgen nicht hervortraten. Wollte man aber materiellen

Fortschritt und Ausbeutung zugleich als das zukünftige Los der

Menschheit voraussetzen, so ließe sich dies logischer Weise anders, als

verknüpft mit vollständigem moralischen Rückfalle gar nicht denken.

Und noch eine dritte Entwickelungsform ließe sich als denkbar

hinstellen: in dem Zwiespalte, in welchen die Produktivität der Arbeit

mit dem geltenden socialen Rechte geraten, könnte erstere, die neue Form

der Arbeit, unterliegen; vor die Unmöglichkeit gestellt, von den

erlangten wirtschaftlichen Fähigkeiten den vollen Gebrauch zu machen,

könnte die Menschheit diese Fähigkeiten wieder verlieren. In diesem

Falle wäre der Einklang zwischen Produktivität und Konsum, Arbeit und

Recht, auf der alten Grundlage zurückgewonnen und dem entsprechend

könnte auch die Moral der Menschheit im alten Geleise verharren. Der

Fortschritt zu wahrer Menschenliebe müßte zwar unterbleiben, denn nach

wie vor würde der Kampf ums Dasein auf Unterdrückung des Nebenmenschen

beruhen, aber die Notwendigkeit des Vernichtungskampfes wäre vermieden.

Auch die Ahnung der Möglichkeit einer solchen Entwickelung war der

abendländischen Menschheit nicht fremd; es hat, insbesondere während der

jüngsten Generationen, an teils bewußten, teils unbewußten Versuchen

nicht gefehlt, sie in diese Richtung hinüberzuleiten. Von der würgenden

Umklammerung der Überproduktion geängstigt, dem Wahnsinne nahe gebracht,

rüttelten zeitweise ganze Nationen an den Grundpfeilern der

Produktivität, suchten die Quelle der Arbeitsergiebigkeit zu verschütten

und verfolgten mit verbissenem Hasse den Kulturfortschritt, dessen

Früchte zeitweise so bitter waren. Die Angriffe gegen die Volksbildung,

gegen die unterschiedlichen Arten der Arbeitsteilung, gegen das

Maschinenwesen, sind nicht anders zu verstehen, als eben durch dieses

zeitweilige Bestreben, den Zwiespalt, in welchen die Gütererzeugung zur

Güterverteilung geraten, durch Zurückschraubung ersterer zu überwinden.

Daß solcherart auch die Moral vor einer Ausartung bewahrt werden sollte,

deren eigentlich treibende Ursache diese Sorte von Reformatoren

allerdings nicht begriff, die aber als düstere Ahnung vor ihrem

geistigen Auge schwebte, läßt sich desgleichen nicht verkennen.

Und nun, nachdem wir alle drei überhaupt denkbaren Entwickelungsformen

der Reihe nach betrachtet: 1. die Anpassung des socialen Rechts an die

neue, höhere Arbeitsform und dem entsprechende Entwickelung einer neuen,

höheren Moral; 2. den dauernden Gegensatz zwischen Arbeitsform und Recht

und dem entsprechende Rückbildung der Moral; 3. die Anpassung der

Arbeitsform an das bisherige sociale Recht durch Preisgebung der höheren

Produktivität und dem entsprechenden Fortbestand der bisherigen Moral --

nunmehr fragen wir uns, ob im Kampfe dieser drei Richtungen eine andere

als die erste Siegerin sein kann. Denkbar sind sie, wie gesagt, alle

drei; ist aber auch denkbar, daß materieller oder moralischer Verfall

sich neben moralischem zugleich und materiellem Fortschritt behaupten,

oder vollends über diesen endgültig triumphieren würden? Möglich, sagen

wir sogar wahrscheinlich, daß ohne unser vor 25 Jahren erfolgreich

durchgeführtes Unternehmen die Menschheit zunächst noch längere Zeit

hindurch sich vorwiegend auf den Bahnen der sittlichen Verwilderung

einerseits, der Attentate gegen den Fortschritt anderseits fortbewegt

hätte; an Versuchen nach der Richtung der socialen Befreiung hin hätte

es deshalb doch niemals gänzlich gefehlt, und der schließliche Triumph

derselben konnte stets nur eine Zeitfrage sein. Nein, die Menschheit ist

uns nichts schuldig, was sie nicht auch ohne uns für alle Fälle erlangt

hätte; wenn wir ein Verdienst beanspruchen, so beschränkt es sich

darauf, das, was kommen mußte, rascher und wahrscheinlich unblutiger

herbeigeführt zu haben, als ohne uns geschehen wäre. (Stürmischer, lang

andauernder Applaus und jubelnde Zurufe von allen Bänken. Die Wortführer

der Opposition drücken der Reihe nach dem Redner die Hände und

versichern ihn ihrer Zustimmung.)

(Schluß des dritten Verhandlungstages.)

Freiland: Ein sociales Zukunftsbild · 第 26 / 29 题