Fünfter Verhandlungstag.
Zur Diskussion gelangt der vierte und letzte Punkt der Tagesordnung:
_Ist es möglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
überall unter Schonung der erworbenen Rechte und überkommenen Interessen
zur Durchführung zu bringen; und wenn dies möglich ist, welches sind die
geeigneten Mittel hierzu?_
_Der Vorsitzende._ Ich glaube dem Wunsche der Versammlung zu
entsprechen, wenn ich den heute Morgen in Edenthal eingetroffenen
Spezialgesandten des amerikanischen Kongresses, _William Stuart_, bitte,
sich seines Auftrages zu entledigen und uns Bericht zu erstatten über
jene Vorschläge, welche das mit Ausarbeitung der Übergangsbestimmungen
in das Regime der wirtschaftlichen Gleichberechtigung betraute Komitee
dem Kongresse seines Landes unterbreitet hat.
_William Stuart._ Im Auftrage der Vertreter des amerikanischen Volkes
erbitte ich mir die Wohlmeinung dieser hochansehnlichen Versammlung über
eine Reihe von gesetzlichen Verfügungen, die bestimmt sein sollen, uns
mit jener Energie, die nun einmal unseren Gewohnheiten entspricht,
zugleich aber unter vollkommener Schonung aller bestehenden Rechte, aus
dem bisherigen wirtschaftlichen Zustande in denjenigen der
wirtschaftlichen Gleichberechtigung hinüberzuleiten. Meine Auftraggeber
sahen sich zu diesem Schritte durch den Umstand veranlaßt, daß unsere
Nation unter allen Nationen außerhalb Freilands die erste ist, welche --
unseres Wissens zum mindesten -- über das Stadium der Vorberatungen
hinaus gediehen, unmittelbar vor der zur Durchführung des Werkes
führenden Aktion steht. Die Institutionen der wirtschaftlichen
Gerechtigkeit selber sind nichts Neues mehr; wir konnten uns
diesbezüglich auf ein bewährtes Präcedenz, das Beispiel Freilands,
stützen, was denn auch -- mit einigen höchst unwesentlichen, der
Eigenart des amerikanischen Volkscharakters und Landes entsprechenden
Abweichungen -- durchweg geschehen wird. Dagegen fehlt es für die
Übergangsbestimmungen an jeglicher Erfahrung, und da wir, ungeachtet der
bekannten Raschheit unseres Handelns, guten Rat -- insbesondere in so
wichtiger Sache -- lieber vor als nach der That einholen, so bin ich
hergesandt, Ihre Meinung zu hören und dieselbe dann im amerikanischen
Kongresse zu vertreten, bevor die Vorschläge des Komitees Gesetzeskraft
erlangen.
Es ist beantragt, allen im Gebiete der Union gelegenen Boden für
herrenlos zu erklären, die bisherigen Besitzer aber mit dem vollen
Katasterwerte zu entschädigen. Um denjenigen, die sich dabei verkürzt
erachten sollten, die Möglichkeit der Abhilfe zu gewähren, sollen
besondere Sachverständigenkommissionen zur Prüfung allfälliger
Reklamationen niedergesetzt werden und die öffentliche Meinung der Union
geht dahin, daß diesen Kommissionen ein möglichst rücksichtsvolles
Verfahren zur Richtschnur empfohlen werden sollte. Der gleiche Vorgang
ist bei Gebäuden beantragt, mit der Maßgabe jedoch, daß zum eigenen
Gebrauche des Besitzers dienende Wohnhäuser auf dessen Wunsch von der
Ablösung ausgenommen werden können. Die solcherart erhobenen und
festgestellten Ablösungsbeträge sollen je nach Wunsch der Berechtigten
entweder sofort oder in Raten zur Auszahlung gelangen, mit der Maßgabe,
daß für jede Erstreckung der Raten um je ein Jahr eine Prämie von 1/5
Prozent gewährt wird, welche Prämie der Berechtigte in Form von
Zuschlagsraten nach erfolgter Abtragung des eigentlichen Kaufpreises
ausgezahlt erhält. Auf länger als fünfzig Jahre wird die Abzahlung nicht
erstreckt. Gesetzt also den Fall, eine Liegenschaft sei mit 10000
Dollars bewertet worden, so erhält der Besitzer, falls er sofortige
Auszahlung der ganzen Summe verlangt, seine 10000 Dollars, mit denen er
dann anfangen mag, was ihm beliebt; verlangt er beispielsweise zehn
Jahresrenten _à_ 1000 Dollars, so hat er das Anrecht auf zehn Prämien
von je 20 Dollars, die ihm gesammelt als elfte Jahresrate von 200
Dollars zugezählt werden. Verlangt er Abzahlung in fünfzig Raten _à_ 200
Dollars, so erwächst ihm ein Prämienanspruch von fünfzigmal 20, d. i.
also von 1000 Dollars, die er in Form fünf fernerer Jahressraten _à_ 200
Dollars einkassiert. Dieselben Rückzahlungsmodalitäten gelten für die
gesamte, sofort zu kündigende Nationalschuld.
Die bestehenden Kredit- und Schuldverhältnisse der Privaten
bleiben aufrecht; doch soll der Schuldner, gleichviel welche
Abzahlungsbedingungen ursprünglich vereinbart waren, das _Recht_
unmittelbarer Rückerstattung des entliehenen Kapitals haben. Die
Beistellung der zum Betriebe welcher Produktion immer erforderlichen
Kapitalien abseitens des Gemeinwesens wird die Privatschuldner in den
Stand setzen, von diesem ihrem Rechte Gebrauch zu machen; nur soll nach
dem Antrage der Kommission das Gemeinwesen bis auf weiteres die nämliche
Prämie, die es seinen Gläubigern gewährt, auch von seinen Schuldnern
verlangen. Der Zweck letzterer Maßregel liegt auf der Hand; sie soll
verhüten, daß -- Mangels jedes ihnen eingeräumten Vorteils -- die
Privatgläubiger ihre Kapitalien aus dem Verkehre ziehen und tot liegen
lassen. Bekämen die Kapitalbedürftigen anfangs ihren Bedarf gänzlich
kostenlos, lediglich gegen die Verpflichtung allmählicher Rückerstattung
des entliehenen Kapitals, so würden sie sich zu keinerlei Vergütung
ihren alten Gläubigern gegenüber verstehen, während sie, wird der
Vorschlag der Kommission angenommen, jene Prämie, die das Gemeinwesen
von ihnen verlangt, auch jenen zu bewilligen bereit sein werden.
Zu bemerken wäre noch, daß, dank dem schon bei Gelegenheit der
Wahlagitationen für den konstituierenden Kongreß allenthalben zum
Ausdrucke gebrachten Grundsatze, alle erworbenen Rechte peinlichst zu
achten, die produktive Thätigkeit in der Übergangszeit nicht allein
keinerlei Störung erlitten, sondern einen, vorher niemals noch erlebten
Aufschwung erfahren hat. Die in Bildung begriffenen freien Associationen
zwingen die alten Unternehmer, sich durch ausgiebige Lohnerhöhungen die
zum provisorischen Fortbetriebe erforderlichen Arbeitskräfte zu
erhalten, und da gerade diese Lohnerhöhungen den Bedarf nach allen
Produkten sprunghaft steigern, so wächst damit zugleich das Interesse
der Unternehmer, ihre Produktion vor jeder Stockung zu bewahren. Diese
beiden Strömungen steigern sich gegenseitig in solchem Maße, daß im
Momente der Minimallohn drei Dollars per Tag übersteigt, und daß
fieberhafter Unternehmungsgeist sich der gesamten Geschäftswelt
bemächtigt hat. Insbesondere die Maschinenindustrie entfaltet eine
Regsamkeit, die aller bisherigen Vorstellungen spottet. Die Furcht vor
Überproduktion ist zur Mythe geworden, und da die Unternehmer darauf
rechnen können, in den Associationen demnächst schon bereitwillige
Abnehmer für guteingerichtete Anlagen zu finden, so hält sie nichts ab,
den letzten Moment, der ihrer Privatthätigkeit noch gelassen ist,
thunlichst auszunützen. Auch die Landbesitzer finden dabei ihre
Rechnung, denn selbstverständlich ist der Bodenwert infolge der so rapid
gewachsenen Nachfrage nach Bodenprodukten aller Art sehr namhaft
gestiegen. Kurzum, alles berechtigt uns zu der Annahme, daß sich der
Übergang in die neue Ordnung der Dinge bei uns nicht bloß leicht und
glatt, sondern auch zu vollster Befriedigung _aller_ Teile unseres
Volkes vollziehen werde.
Der _Vorsitzende_ fragt die Versammlung, ob sie sofort in die Diskussion
der soeben gehörten Botschaft des amerikanischen Kongresses, respektive
in die Debatte über Punkt vier der Tagesordnung eingehen, oder zuvor
noch den Bericht entgegennehmen wolle, welchen der freiländische
Kommissär in Rußland durch einen soeben in Edenthal eingetroffenen
Abgesandten zu erstatten beabsichtige. Da sich der Kongreß für letzteres
entschied, nahm
_Demeter Nowikof_ (Abgesandter des freiländischen Kommissars für
Rußland) das Wort: Als wir, auf Wunsch des russischen Volkes von der
freiländischen Centralverwaltung delegierten Kommissäre, in Moskau
eingetroffen waren, fanden wir die Ruhe wenigstens äußerlich insoweit
hergestellt, als die einander bis dahin mit schonungsloser Wut
zerfleischenden Fraktionen auf die Nachricht unserer Ankunft vorderhand
Waffenstillstand geschlossen hatten. Nicht bloß die Kanonen und Gewehre,
auch die Guillotine und der Galgen feierten. Radoslajew, unser
bevollmächtigter Kommissär, berief sofort die sämtlichen Parteihäupter
zu sich, bewog sie, die Waffen vollends niederzulegen, die Gefangenen
freizugeben, die sieben verschiedenen, sich bis dahin sämtlich als
ausschließliche Vertreter des russischen Volkes geberdenden Parlamente
heimzusenden, und schrieb dann, nachdem er sich für die Zwischenzeit mit
einem Rate von Vertrauensmännern der verschiedenen Parteien umgeben, mit
thunlichster Beschleunigung allgemeine Neuwahlen für eine
konstituierende Versammlung aus.
Da Produktion und Verkehr beinahe gänzlich stille standen, so war das
Elend grenzenlos. Die Arbeitgeberschaft war von einigen der extremsten
Parteien als todeswürdiges Verbrechen verfolgt worden, niemand wagte es
daher, Arbeiter zu beschäftigen; sich selber zu organisieren, dazu waren
in den meisten Teilen des Reiches die unwissenden, in knechtischem
Gehorsam darniedergehalten gewesenen Massen gänzlich außer Stande, und
da zum Überfluß die radikalsten unter den Nihilisten auch die
Organisatoren freier Associationen als »maskierte Herren« zu
guillotinieren begonnen hatten, so schien es fast, als ob gegenseitiges
Todschlagen die einzige Thätigkeit sei, der man hinfort in Rußland
obliegen könne.
Die Proklamation, mit welcher Radoslajew die Wahlen ausschrieb,
beruhigte zwar die Gemüter, genügte aber nicht zu rascher Inaugurierung
ersprießlicher produktiver Thätigkeit. Als daher die neugewählte
konstituierende Versammlung zusammengetreten war, schlug ihr Radoslajew
als Übergangsstadium in das Regime der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
ein gemischtes System vor, in welchem neben den Keimen der
anzustrebenden freien Gesellschaft und neben allfälligen Resten alter
Einzelwirtschaft eine Art von Übergangs-Kommunismus Platz finden sollte.
Zunächst aber mußte Ordnung in die bestehenden Rechtsverhältnisse
gebracht werden. Während der unserer Ankunft vorhergehenden
Schreckensherrschaft war aller immobile Besitz zu Nationaleigentum
erklärt worden, ohne daß die früheren Eigentümer irgendwelche
Entschädigung erhalten hatten; alle bestehenden Schuldverhältnisse waren
einfach annulliert und es galt nun, nachträglich diese Gewaltakte
gutzumachen, soweit es irgend noch anging. Doch in diesem Punkte erwies
sich anfangs auch die neue Nationalversammlung untraitabel. Der Haß
gegen die alte Ordnung war ein so allgemein verbreiteter und tiefer, daß
selbst die Depossedierten es nicht wagten, auf unsere Absichten
einzugehen. Das aus der Epoche der Ausbeutung herrührende Privateigentum
galt schlechthin als Raub und Diebstahl, die Inanspruchnahme von
Entschädigungen als schimpflich derart, daß eine Deputation früherer
Großgrundbesitzer und Fabrikanten, an ihrer Spitze zwei ehemalige
Großfürsten, Radoslajew beschwor, von seiner Forderung abzustehen, damit
der kaum entschlafene nihilistische Fanatismus nicht neuerlich gereizt
werde. Nichtsdestoweniger beharrte dieser, nachdem er sich mit uns, den
ihm beigegebenen Freiländern, beraten, auf seiner Forderung. Er erklärte
der Nationalversammlung, daß es uns natürlich fern liege, dem russischen
Volke unsere Anschauungen aufzunötigen, daß anderseits aber auch Rußland
von uns nicht verlangen könne, uns an einem Werke zu beteiligen, dessen
Grundlage -- in unseren Augen -- Raub wäre; und diese Drohung mit
unserem Rücktritte wirkte endlich. Die Nationalversammlung machte noch
den Versuch, sich der Votierung einer ihr verhaßten Maßregel dadurch zu
entziehen, daß sie Radoslajew für die Zeit des Überganges die Diktatur
anbot; nachdem er jedoch auch dieses Ansinnen abgelehnt hatte, fügte sie
sich und ging widerwillig in die Beratung des Entschädigungsgesetzes
ein. Im Sinne des von Radoslajew vorgelegten Entwurfes sollte den
früheren Eigentümern der volle Wert in Raten bezahlt werden, ebenso
sollten die früheren Schuldverhältnisse voll reaktiviert und gleichfalls
in Raten abgetragen werden; die unveränderte Annahme dieses Gesetzes
konnte Radoslajew jedoch nicht durchsetzen. Die Nationalversammlung
votierte einstimmig eine Klausel, nach welcher kein einzelner
Entschädigungsanspruch die Höhe von 100000 Rubel überschreiten durfte;
hatte der Eigentümer Schulden, so wurde deren Betrag in Anrechnung
gebracht, doch durfte auch der Ersatzanspruch aus dem Titel von
Schuldforderungen keines einzelnen Gläubigers 100000 Rubel übersteigen.
Ebenso wurde für verwüstetes Eigentum eine auf das gleiche Maximum
beschränkte Entschädigung gewährt.
Inzwischen hatten wir alle Anstalten getroffen, um die Produktion auf
den neuen Grundlagen zu organisieren. Privatunternehmer wagten sich,
trotzdem ihnen das Feld freigegeben war, nicht hervor; dagegen begannen
sich insbesondere in den westlichen Gouvernements auf Grund unserer zum
Muster genommenen freiländischen Statuten, freie Arbeiterassociationen
zu bilden. Die große Masse der arbeitenden Bevölkerung erwies sich
jedoch hiezu noch unfähig, und notgedrungen mußte daher die
Regierungsgewalt organisierend eingreifen. Zwanzig verantwortliche
Komitees wurden für zwanzig verschiedene Produktionszweige geschaffen
und diese Komitees nahmen mit Hülfe der sich bereitwillig zur Verfügung
stellenden Intelligenz die Produktion in die Hand. Der Freiheit ist
insoweit Rechnung getragen, als niemand zwangsweise zur Arbeit verhalten
wird. Derzeit sind 83000 solcher Unternehmungen mit 12½ Millionen
Arbeitern im Betriebe. Bezüglich der Verteilung des Ertrages herrscht in
denselben ein aus freier Vergesellschaftung und Kommunismus gemischtes
System. Die Hälfte des erzielten Nettoertrages gelangt unter den
gesamten 12½ Millionen Arbeitern zur gleichmäßigen Verteilung; die
andere Hälfte verteilen die einzelnen Unternehmungen für sich unter die
ihnen angehörigen Arbeiter. Wir glauben solcher Art jede Unternehmung
einerseits gegen die äußersten Konsequenzen eines allfälligen
Mißerfolges ihrer Produktion sichergestellt, anderseits aber auch das
Interesse der Beteiligten am Gedeihen der einzelnen Produktion
wachgerufen zu haben. Die Leiter dieser Produktivkörperschaften erhalten
nach dem gleichen gemischten Systeme Zahlung.
Die Arbeitszeit ist auf 36 Stunden wöchentlich fixiert. Außerdem ist ein
zweistündiger täglicher Unterricht für Erwachsene eingerichtet, welchen
Unterricht gegenwärtig 65000 Wanderlehrer, deren Zahl jedoch stetig
vermehrt wird, zu besorgen haben. Desgleichen sind bisher 120000
Volksbibliotheken errichtet, zu deren Versorgung mit den notwendigsten
Büchern eine Anzahl großer Druckereien in Rußland selber gegründet,
außerdem aber die bedeutenderen Druckereien des Auslandes beschäftigt
sind; die freiländischen Druckereien allein haben bisher 28 Millionen
Bände geliefert. Da auch der Jugendunterricht mit aller erdenklichen
Energie gefördert wird -- 780 Lehrerseminare sind teils gegründet, teils
in Gründung begriffen, vom slawischen Auslande, insbesondere aus Böhmen,
sind massenhaft Lehrkräfte herangezogen worden, und dergleichen mehr --
so hoffen wir den Bildungsgrad der Massen sich binnen wenigen Jahren so
weit heben zu sehen, daß mit den Resten des Kommunismus wird aufgeräumt
werden können.
Inzwischen wird die provisorisch geübte Bevormundung den sich derselben
freiwillig unterwerfenden Massen gegenüber auch zur Hebung und Veredlung
ihrer Gewohnheiten und Bedürfnisse ausgenutzt. Geistige Getränke,
insbesondere Branntwein, werden nur in begrenzten Dosen ausgeschenkt,
die elenden Lehmhütten und Arbeiterhöhlen werden successive
niedergerissen und durch nette, mit kleinen Gärten versehene
Familienhäuser ersetzt; monatlich mindestens einmal werden
Volksfeste veranstaltet, bei denen leichte zwar, aber gute Musik,
Theatervorstellungen und populäre Vorträge den ästhetischen, eine
rationelle feinere Küche den materiellen Geschmack der Teilnehmer zu
heben bestimmt sind. Besondere Sorgfalt wird der Erziehung der Frauen
gewidmet. Nahe an 80000 Wanderlehrerinnen durchziehen heute schon das
Land, unterrichten die -- von jeder groben Arbeit befreiten -- Weiber in
den Elementen der Wissenschaft sowohl, als civilisierterer
Haushaltungskunst, suchen ihr Selbstgefühl und ihren Geschmack zu heben,
sie über ihre neuen Rechte und Pflichten aufzuklären und insbesondere
der bis dahin herrschend gewesenen häuslichen Brutalität zu steuern. Da
diese Apostel höherer Weiblichkeit -- wie überhaupt alle Lehrkräfte --
die volle Autorität der Behörden hinter sich haben und sich ihrem Berufe
mit hingebender Begeisterung widmen, so lassen sich derzeit schon nicht
unerhebliche Erfolge ihres Wirkens feststellen. Die Weiber der
arbeitenden Klassen, bis dahin schmutzige, mißhandelte, störrige
Lasttiere, beginnen allgemach für ihre Würde als Menschen sowohl wie als
Frauen Verständnis zu zeigen. Sie lassen sich von ihren Männern nicht
mehr prügeln, halten diese, sich selber, die Kinder und ihr Haus
reinlich und wetteifern untereinander in Erwerbung von allerlei
nützlichen Kenntnissen. Ein ganz unglaublicher Fortschritt, ja eine
Revolution hat -- Dank dem sofort eingeführten Versorgungsanspruche der
Frauen -- in den Sittlichkeitsverhältnissen stattgefunden. Während
früher, insbesondere unter dem städtischen Proletariate, geschlechtliche
Zügellosigkeit und Käuflichkeit allgemein verbreitet waren, sind jetzt
geschlechtliche Fehltritte eine unerhörte Seltenheit geworden. Dabei ist
es insbesondere interessant, den Unterschied zu beobachten, welchen die
Meinung des Volkes zwischen derlei Sünden aus früherer Zeit und zwischen
denen der Gegenwart macht. Während über jene ganz allgemein der Mantel
der Vergessenheit gebreitet wird, kennt die öffentliche Meinung für
diese keine Nachsicht. »Die sich früher verkaufte, war eine
Unglückliche, die es jetzt thäte, wäre eine Verworfene,« so spricht und
handelt in diesem Punkte das Volk. Die öffentliche Dirne von ehemals
trägt die Stirne hoch und frei, sofern sie jetzt nur tadellos ist, und
sieht mit stolzer Verachtung herab auf das Mädchen oder die Frau, die
sich nunmehr, »seitdem wir Weiber uns nicht mehr verkaufen müssen, um
Brot zu haben,« auch nur das Geringste zu Schulden kommen läßt.«
Es wird nunmehr in die Debatte über Punkt 4 der Tagesordnung
eingegangen.
_Ibrahim el Melek_ (Rechte). Die überaus lehrreichen Berichte aus
Amerika und Rußland liefern den drastischen Beweis dafür, daß der
Übergang zu dem Systeme der wirtschaftlichen Gerechtigkeit sich nicht
bloß im allgemeinen desto leichter, sondern insbesondere auch unter
desto annehmlicheren Formen für die besitzenden Klassen vollziehe, je
entwickelter und vorgeschrittener zuvor die arbeitenden Klassen gewesen.
Unter diesem Gesichtspunkte darf es also nicht Wunder nehmen, daß auch
wir in Ägypten den Systemwechsel voraussichtlich nicht ohne schwere
Erschütterungen werden durchmachen können. Die Nähe Freilands und das
rasche Eintreffen seiner von den aus Rand und Band geratenen Fellachim
mit nahezu göttlichen Ehren empfangenen Kommissäre hat uns zwar vor
ähnlichen Greuelscenen bewahrt, wie sie Rußland Wochen hindurch
zerfleischten; es sind keinerlei Mordthaten und nur geringe Zerstörungen
von Eigentum vorgekommen; aber die von den freiländischen Kommissären
einberufene ägyptische Nationalversammlung zeigt sich noch weit
abgeneigter als ihre russische Kollegin, die Entschädigungsansprüche der
früheren Besitzer anzuerkennen. Ich sehe darin eine Fügung des
Schicksals, gegen die sich nichts machen läßt und die man daher mit
Resignation hinnehmen muß. Von Verschulden aber möchte ich die so schwer
Betroffenen freisprechen. Ohne daß es ausdrücklich gesagt worden ist,
habe ich doch das deutliche Empfinden, daß die große Majorität dieser
Versammlung von dem Gedanken ausgeht, die ehemals herrschend gewesenen
Klassen erführen nunmehr überall das Los, welches sie sich selber
bereiteten; dem gegenüber möchte ich fragen, ob denn etwa die
amerikanischen, australischen und west-europäischen Grundherren,
Kapitalisten und Arbeitgeber früher die Vorteile ihrer Stellung minder
schonungslos ausbeuteten, als die russischen oder ägyptischen? Daß sie
ihren arbeitenden Klassen nicht so übel mitzuspielen vermochten, als die
letzteren, hat in der größeren Energie des Volkscharakters, in der
größeren Widerstandskraft der Massen, nicht aber in ihrer, der
Herrschenden, Gutmütigkeit seinen Grund. Ich vermag also keine
Gerechtigkeit darin zu sehen, wenn der russische Edelmann oder der
ägyptische Bey sein Vermögen verliert, während der amerikanische
Spekulant, der französische Kapitalist oder der englische Lord aus dem
Umschwunge vielleicht sogar mit Gewinn hervorgeht.
_Lionel Spencer_ (Centrum). Der Herr Vorredner dürfte mit seiner
Vermutung, daß auch die besitzenden Klassen Englands gleich denen
Amerikas ohne Verlust aus der im Zuge befindlichen Revolution
hervorgehen werden, voraussichtlich Recht behalten; daß den Besitzenden
nichts genommen werden dürfe, was ihnen nicht zum vollen Werte bezahlt
wird, kann bei uns in England so gut als z. B. in Frankreich und noch in
einigen anderen demokratisch verwaltet gewesenen Ländern nicht dem
geringsten Zweifel unterliegen. Ein Spiel des blinden Fatums aber vermag
ich darin nicht zu erblicken. Bemerken Sie, daß die Opfer der socialen
Revolution überall im umgekehrten Verhältnisse des bis dahin üblich
gewesenen Arbeitslohnes stehen, dessen Höhe in erster Reihe bestimmend
ist für das Durchschnittsniveau der geistigen Bildung des Volkes. Wo die
Massen in tierischem Elend schmachteten, dort darf man sich nicht
wundern, daß sie, als ihre Ketten brachen, sich auch mit tierischer Wut
auf ihre Zwingherrn stürzten. Die Höhe des Arbeitslohnes hinwieder ist
überall abhängig von dem Ausmaße politischer und socialer Freiheit,
welches die Besitzenden den Massen gönnen. Mag immerhin der russische
Edelmann oder der ägyptische Bey persönlich sogar gutmütiger sein, als
der amerikanische Spekulant oder der englische Landlord; der essentielle
Unterschied liegt darin, daß das Schicksal der Massen in Amerika und
England vom persönlichen Belieben der Reichen unabhängiger war als in
Rußland und Ägypten. Die Besitzenden waren dort -- wenn auch vielleicht
im Privatverkehr noch härter -- politisch klüger, maßvoller, als hier
und die Früchte dieser politischen Klugheit nun sind es, die sie ernten.
Mag auch sein, daß sie selbst zu dieser Klugheit sich bloß gezwungen
bekannt hatten -- sie _thaten_ es eben und nur die Thaten, nicht die
Gesinnungen richtet die Geschichte. Die herrschend gewesenen Klassen der
zurückgebliebenen Länder büßen jetzt für das Übermaß ihres
Herrenbewußtseins; sie zahlen gleichsam nachträglich jene Differenzen
des Arbeitslohnes, welche sie früher noch an dem, ohnehin kärglich genug
bemessenen, allgemeinen Durchschnitt der ausbeuterischen Ordnung
abgezwackt hatten.
_Tei-Fu_ (Rechte). Der Herr Vorredner übersieht, daß die Bestimmung des
Arbeitslohnes nicht vom Belieben der Arbeitgeber, sondern von Angebot
und Nachfrage abhängt. Daß Hungerlöhne zum Tiere herabdrücken, ist ja
leider richtig und die Blutbäder, mit denen die zur Verzweiflung
getriebenen Massen auch meines Vaterlandes allenthalben das
Befreiungswerk einleiteten, sind gleich den Ereignissen in Rußland
beredte Beweise dieser Wahrheit; aber wie hätte alle politische Klugheit
der Herrschenden dem vorbeugen können? Der Arbeitsmarkt in China war
eben überfüllt, das Händeangebot zu groß; keine Macht der Erde konnte
den Lohn erhöhen.
_Alexander Ming-Li_ (Freiland). Mein Bruder Tei-Fu glaubt, daß der
Arbeitslohn von Angebot und Nachfrage abhänge; es ist das kein in
unserem gemeinsamen Geburtslande erdachtes Axiom, sondern ein der
Nationalökonomie des Westens entlehnter Satz, der aber deshalb in
gewissem Sinne nicht minder richtig ist. Er gilt schließlich von jeder
Ware, also auch von menschlicher Arbeitskraft, so lange sie als Ware
feilgeboten werden muß. Aber daneben hängt der Preis auch noch von zwei
anderen Dingen ab, nämlich von den Produktionskosten und vom Nutzwerte
der Ware, ja diese beiden letztgenannten Faktoren sind es, die auf die
Dauer den Preis regulieren, während die Schwankungen von Angebot und
Nachfrage auch bloß Schwankungen innerhalb der von Produktionskosten und
Nutzwert gezogenen Grenzen herbeizuführen vermögen. Man muß auf die
Dauer für jedes Ding so viel bezahlen, als seine Herstellung kostet und
man kann auf die Dauer nicht mehr für dasselbe erhalten, als sein
Gebrauch wert ist. Das ist alles auch längst bekannt, nur hat man es
sonderbarer Weise niemals vollständig auf die Frage des Arbeitslohnes
angewendet. Was kostet die Herstellung der Arbeitskraft? Nun offenbar so
viel, als der Arbeiter an Mitteln des Unterhalts braucht, um bei Kräften
zu bleiben. Und was ist der Nutzwert der menschlichen Arbeit? Nun ebenso
offenbar der Wert des durch sie zu erzielenden Produkts. Was heißt das
also in seiner Anwendung auf den Arbeitsmarkt? Wie mir scheint, nichts
anderes, als daß die Höhe des Arbeitslohnes -- unbeschadet der
Fluktuationen durch Angebot und Nachfrage -- auf die Dauer bestimmt wird
durch die Lebensgewohnheiten der Arbeiter einerseits und durch die
Produktivität ihrer Arbeit anderseits. Ersteres Moment ist bestimmend
für die Forderungen der Arbeiter, letzteres für die Zugeständnisse der
Arbeitgeber.
Nun aber bitte ich meinen geehrten Landsmann wohl Acht zu geben. Die
Lebensgewohnheiten der Massen sind nichts unabänderlich gegebenes; jedes
menschliche Wesen hat das natürliche Bestreben, möglichst gut zu leben,
und wenn auch zugegeben werden muß, daß Sitte und Gewohnheit häufig
dieser natürlichen Expansionstendenz der Bedürfnisse einige Zeit
hindurch hemmend entgegentreten können, so darf ich doch mit gutem
Gewissen behaupten, daß unsere unglücklichen Brüder im blumigen Lande
der Mitte nicht aus unüberwindlicher Abneigung gegen ausreichende Kost
und Kleidung hungerten und halbnackt umherliefen, sondern sehr gern
bereit gewesen wären, sich höhere Gewohnheiten anzueignen, wenn nur die
vorsorgliche Weisheit aller chinesischen Regierungen dem nicht jederzeit
dadurch entgegengetreten wäre, daß sie alle Versuche der Arbeiter, sich
behufs wirksamer Geltendmachung ihrer Forderungen zu verabreden und zu
vereinigen, mit den härtesten Strafen verfolgte. Verbündete Arbeiter
wurden nicht anders behandelt, denn als Rebellen und die Besitzenden
Chinas -- das ist ihre Thorheit und ihre Schuld -- haben dieser
verbrecherischen Thorheit der chinesischen Regierung stets Beifall
gespendet.
Thorheit sowohl als Verbrechen nenne ich dies Beginnen, weil es nicht
bloß gegen die Gerechtigkeit und Menschlichkeit, sondern auch gegen den
eigenen Vorteil der also Handelnden und der ihnen Beifall Spendenden in
gröblichster Weise verstieß. Die Regierung anlangend sollte man meinen,
daß dieser das Aberwitzige und Selbstmörderische ihres Beginnens ganz
von selbst auch ohne tieferes Nachdenken längst hätte einleuchten
sollen. Mußte doch ein Blinder sehen, daß sie ihre finanzielle sowohl
als ihre militärische Kraft in dem Maße ruinierte, in welchem ihre
Maßregeln gegen die unteren Volksklassen von Erfolg begleitet waren. Der
Konsum der Massen ist wie allerorten so auch in China die hauptsächliche
Quelle der Staatseinnahmen, die physische Gesundheit der Bevölkerung die
Stütze der militärischen Kraft gewesen. Was sollten aber Chinas Zölle
und Accisen einbringen, wenn das Volk nichts verzehren konnte und wie
sollten seine aus dem elendesten Proletariate rekrutierten Soldaten Mut
und Kraft vor dem Feinde beweisen? Ebenso schädigte diese
Darniederhaltung der Massen auch die Interessen der Besitzenden. Weil
das chinesische Volk wenig konsumierte, vermochte es auch nicht zu höher
produktiver Arbeit überzugehen, d. h. seine Arbeitskraft hatte, gerade
weil ihre Herstellungskosten so jämmerlich wenig beanspruchten, auch
jämmerlich wenig Nutzwert.
Der chinesische Arbeitgeber konnte also wirklich nicht viel für die
Arbeit zahlen, aber nur aus dem Grunde, weil dem Arbeiter verwehrt war,
in wirksamer, d. h. nicht bloß den einzelnen Arbeitgeber, sondern den
Arbeitsmarkt beeinflussender Weise, viel zu verlangen. Der einzelne
Unternehmer hätte freilich den Forderungen seiner Arbeiter nur in
beschränktem Maße nachgeben können, da er als Einzelner das Mehr an Lohn
an seinem Gewinne eingebüßt hätte; wäre aber in ganz China der
Arbeitslohn gestiegen, so hätte dies den Bedarf in solchem Maße erhöht,
daß die gesamte chinesische Arbeit ergiebiger geworden wäre, d. h. mit
besseren Produktionsmitteln hätte ausgestattet werden können; nicht aus
ihrem Gewinne, sondern aus dem gesteigerten Ertrage hätten die
Arbeitgeber die Lohnaufbesserung gedeckt, ja ihr Gewinn wäre sogar
gewachsen, ihr Reichtum, dargestellt durch die in ihrem Besitze
befindlichen kapitalistischen Arbeitsmittel, hätte sich vermehrt. Das
schließt natürlich nicht aus, daß einzelne Produktionszweige unter
diesem Umschwunge gelitten hätten, denn die Zunahme des Konsums infolge
verbesserter Löhne erstreckt sich nicht gleichmäßig auf alle
Bedarfsartikel. Der Konsum kann sich im Durchschnitt verzehnfacht haben
und trotzdem die Nachfrage nach einem einzelnen Gute ziemlich stationär
bleiben, ja vielleicht sogar zurückgehen; dafür aber wird in diesem
Falle ganz gewiß die Nachfrage nach gewissen anderen Gütern sich mehr
als verzehnfachen, den Einbußen einzelner Arbeitgeber stehen sicherlich
desto größere Gewinne anderer Arbeitgeber gegenüber und als allgemeine
Regel kann überall gelten, daß der Reichtum der Besitzenden im geraden
Verhältnisse mit dem Arbeitslohne wächst, den sie bezahlen müssen. Es
ist dies ja anders auch gar nicht möglich, da dieser Reichtum der
besitzenden Klassen der Hauptsache nach in gar nichts anderem besteht,
als in den Produktionsmitteln, die zur Herstellung der Bedarfsgüter des
ganzen Volkes dienen.
Und sollte mein geehrter Landsmann vielleicht meinen, daß man sich mit
der Frage der Lohnerhöhung in einem Zirkel bewege, indem einerseits die
Ergiebigkeit der Arbeit, d. i. der Nutzwert der Arbeitskraft allerdings
nicht verbessert werden könne, so lange der Volksgebrauch, d. i. der
Selbstkostenbetrag der Arbeitskraft, sich nicht steigere, anderseits
aber auch letztere Steigerung undurchführbar sei, so lange erstere nicht
zur Thatsache geworden; so sage ich ihm, daß dies eben der
verhängnisvolle Aberglaube ist, den die besitzenden Klassen und die
Machthaber so manchen Landes nun so grausam zu büßen haben. Da der
Arbeits_lohn_ in der ausbeuterischen Welt immer nur einen Teil und dazu
in der Regel noch einen sehr geringen des Arbeits_ertrages_
beanspruchte, so waren -- von höchst vereinzelten Ausnahmen abgesehen --
die Arbeitgeber sehr wohl in der Lage, Lohnerhöhungen zu gewähren, noch
bevor die, allerdings erst als Folge _allgemeiner_ Lohnerhöhung zu
gewärtigende Steigerung der Erträge faktisch eingetreten war; ich sage
ihm, daß speciell in China durchschnittlich selbst der dreifache und
vierfache Lohn noch immer nicht den ganzen -- wohlverstanden nicht
einmal den alten, von der Erhöhung der Erträge noch unbeeinflußten --
Gewinn verschlungen hätte. Die Arbeitgeber _konnten_ also mehr zahlen,
sie _wollten_ bloß nicht. Letzteres war vom Standpunkte des Einzelnen
betrachtet auch ganz begreiflich; Jeder sorgt bloß für den eigenen
Vorteil, und dieser verlangt, daß man vom erzielten Nutzen so viel als
möglich für sich behalte, so wenig als möglich anderen abtrete. In
diesem Punkte waren die amerikanischen Spekulanten, die französischen
Kapitalisten und die englischen Landlords nicht um ein Gran besser als
unsere chinesischen Mandarinen. Anders aber handelten Jene und anders
Diese als Gesamtheit. Trotzdem der Unsinn, daß man den Arbeitslohn nicht
erhöhen _könne_, eigentlich im Westen erfunden und von allen Lehrkanzeln
verkündet worden ist, hat der richtigere Volksinstinkt der westlichen
Völker diese doch seit einigen Menschenaltern veranlaßt, in ihrer
Politik so zu handeln, als ob sie das Gegenteil erkannt hätten. In der
Theorie beharrten sie dabei, der Lohn könne nicht wachsen; in der Praxis
aber begünstigten sie mehr und mehr die Lohnforderungen ihrer
arbeitenden Massen, mit deren unleugbaren Erfolgen sich dann hinterher
die Theorie abfand, so gut oder so schlecht es eben ging. Ihr, meine
chinesischen Brüder dagegen, habt Euch in der Politik strikte an die
Lehren dieser Theorie gehalten; Ihr habt Euere arbeitenden Massen
zunächst durch die Erkenntnis, daß der Staat ihr Feind sei, in
Verzweiflung gebracht und jede Ausschreitung der Verzweifelten dann
sofort dazu benützt, »Ordnung« in Eurem Sinne zu machen. Euere Hand war
stets gegen die Schwächeren erhoben -- wundert Euch nicht, daß diese
einen fürwahr nur geringen Teil der ihnen zugefügten Leiden vergelten,
nachdem sie die Stärkeren geworden.
Das hindert natürlich nicht, daß wir in Freiland -- wie ja unsere Thaten
beweisen -- auch das den ehemaligen Unterdrückern zugefügte Unrecht
beklagen und so viel an uns liegt, gutzumachen bestrebt sind. Wir halten
dafür, daß auch das Volk von Rußland, Ägypten und China, kurzum, daß
alle Welt am besten thäte, das von der amerikanischen Union gegebene
Beispiel nachzuahmen; wir glauben dies schon aus dem Grunde, weil diese
weise Großmut sich nicht bloß für die Besitzenden, sondern auch für die
Arbeitenden als vorteilhaft erweisen wird. Es liegt jedoch leider nicht
in unserer Macht, dem russischen Muschik, dem ägyptischen Fellah oder
dem chinesischen Kuli sofort Anschauungen beizubringen, wie sie den
Arbeitern des vorgeschrittenen Westens natürlich sind. Die
Weltgeschichte ist das Weltgericht; in ihr wird schließlich Jedem
zugemessen, was er sich selber verdient hat.«
Da kein fernerer Redner vorgemerkt war, schloß der Präsident die Debatte
über diesen Punkt der Tagesordnung, und damit zugleich die Beratungen
des Kongresses.
Schlußwort.
Die Geschichte von »Freiland« ist zu Ende. Ich könnte zwar, den Faden
der Erzählung weiter spinnend, das Befreiungswerk der Menschheit, wie es
meinem geistigen Auge sich darstellt, in seinen Einzelheiten ausmalen;
aber wozu sollte dies dienen? Wer aus dem Bisherigen nicht die
Überzeugung geschöpft hat, daß wir an der Schwelle eines neuen,
glücklicheren Zeitalters stehen und daß es nur von unserer Einsicht und
unserem Willen abhängt, dieselbe sofort zu überschreiten, den werden
auch Dutzende folgender Bände nicht überführen.
Denn nicht die wesenlose Schöpfung einer ausschweifenden Phantasie ist
dieses Buch, sondern das Ergebnis ernsten, nüchternen Nachdenkens,
gründlicher, wissenschaftlicher Forschung. Alles, was ich als
thatsächlich geschehen erzähle, es _könnte_ geschehen, wenn sich
Menschen fänden, die erfüllt gleich mir von der Unhaltbarkeit der
bestehenden Zustände, sich zu dem Entschlusse aufrafften, zu handeln,
statt zu klagen. Gedankenlosigkeit und Trägheit sind in Wahrheit annoch
die einzigen Stützen der bestehenden wirtschaftlichen und socialen
Ordnung. Was einst notwendig und deshalb unvermeidlich gewesen, es ist
schädlich und überflüssig geworden; nichts zwingt uns fürderhin, das
Elend einer überlebten Weltordnung zu ertragen, nichts hindert uns,
jenes Glück und jenen Überfluß zu genießen, zu deren Bereitung uns die
vorhandenen Kulturmittel befähigen würden, nichts, als unsere eigene
Thorheit.
»So sprachen und schrieben seit des Thomas Morus Zeiten schon zahllose
Weltverbesserer, und stets hat sich als Utopie erwiesen, was sie der
Menschheit als Universalmittel gegen alle Leiden empfahlen« -- wird man
mir vielleicht entgegenhalten; und gestehen will ich, daß die Furcht,
mit der Legion von Verfassern utopischer Staatsromane vermengt zu
werden, mir anfangs nicht geringe Bedenken gegen die von mir gewählte
Form des Buches einflößte. Aber bei reiflichem Erwägen entschied ich
mich doch dafür, statt trockener Abstraktionen ein möglichst
lebensvolles Bild zu bieten, das in anschaulichen Vorstellungen deutlich
mache, was bloße Begriffe doch nur in schattenhaften Umrissen darstellen
können. Der Leser, der den Unterschied zwischen jenen Werken der
Phantasie und dem vorliegenden nicht selber herausfindet, ist für mich
ohnehin verloren; ihm bliebe ich der »unpraktische Schwärmer«, auch wenn
ich mich noch so trockener Systematik befleißigte, denn ihm genügt, daß
ich an eine Änderung des Bestehenden glaube, um mich dafür zu halten. In
welcher Gestalt ich meine Beweise vorbringe, ist für diese Art Leser
schon aus dem Grunde einerlei, weil sie -- gleich den Frommen in Sachen
der Religion -- schlechterdings außer stande sind, Beweise zu prüfen,
die ihre Spitze gegen das Bestehende kehren.
Den unbefangenen Leser dagegen wird die erzählende Form nicht hindern,
nüchternen Sinnes zu untersuchen, ob meine Ausführungen innerlich wahr
oder falsch sind. Sollte auch er finden, daß ich -- und sei es nur in
_einem_ wesentlichen Punkte -- von irrigen Voraussetzungen ausgegangen,
daß die von mir dargestellte Ordnung der Freiheit und Gerechtigkeit
irgendwie den natürlichen und allgemein anerkannten Triebfedern
menschlicher Handlungsweise widerspreche, ja sollte er, nachdem er mein
Buch gelesen, nicht zu der unumstößlichen Überzeugung gelangt sein, daß
die Durchführung dieser neuen Ordnung -- von nebensächlichen Details
natürlich abgesehen -- ganz und gar unvermeidlich sei -- dann allerdings
müßte ich mich damit bescheiden, mit Morus, Fourier, Cabet und wie sie
alle heißen mögen, die auf socialem Gebiete ihre Wünsche der nüchternen
Wirklichkeit unterschoben, in _einen_ Topf geworfen zu werden.
Ausdrücklich hervorheben will ich zum Schluß, daß sich die innere
Wahrhaftigkeit meines Buches nicht bloß auf die der Handlung zugrunde
gelegten wirtschaftlichen und ethischen Prinzipien und Motive, sondern
auch auf den äußeren Schauplatz derselben erstreckt. Die Hochlande im
äquatorialen Afrika entsprechen durchaus dem im Vorstehenden entworfenen
Bilde. Wer dies bezweifelt, der kontrolliere meine Erzählung durch die
Reiseberichte Speekes, Grants, Livingstones, Bakers, Stanleys, Emin
Paschas, Thomsons, Johnstons, Fischers, kurz all Derer, welche jene
paradiesischen Gegenden besucht haben. Um »Freiland«, so wie ich es
darstelle, zur Thatsache werden zu lassen, bedarf es also in jeder
Hinsicht bloß einer genügenden Anzahl thatkräftiger Menschen. Werden
sich solche finden? Wird diesen Blättern die Kraft innewohnen, mir die
Genossen und Helfer zuzuführen, die zur Durchführung des großen Werkes
erforderlich sind?
_Wien_ 1890.
Theodor Hertzka.
Druck von Hallberg & Büchting, Leipzig.