Die moralische Wirkung unseres abyssinischen Feldzuges war eine
ungeheure, soweit civilisierte und halbcivilisierte Völker die Kunde
davon empfingen. Wir selber hatten uns heilsame Folgen davon versprochen
insofern, als wir voraussahen, daß die vor aller Welt abgelegte
glänzende Kraftprobe unseren Widersachern Vorsicht und größere
Geneigtheit beibringen werde, auf unsere gerechten Wünsche einzugehen.
Doch der Erfolg übertraf unsere kühnsten Erwartungen weitaus. Nicht
eingeschüchtert, sondern bekehrt wurden die bisherigen Gegner der
wirtschaftlichen Gerechtigkeit, was indessen mehr uns Freiländer, als
unsere auswärtigen Freunde zu überraschen schien. Wir vermochten nicht
recht zu begreifen, warum Leute, die Jahrzehnte lang unsere socialen und
wirtschaftlichen Bestrebungen für thöricht oder verwerflich gehalten
hatten, aus der Thatsache, daß unsere jungen Leute sich als treffliche
Krieger erwiesen, urplötzlich die Schlußfolgerung zogen, es sei möglich
und nützlich, jedem Arbeitenden den vollen Ertrag seines Fleißes
zuzuwenden. Uns, die wir unter der Herrschaft der Vernunft und
Gerechtigkeit lebten, wollte der Zusammenhang zwischen Letzterem und der
Wirkung unserer Gewehre und Geschütze nicht einleuchten; außerhalb
Freilands jedoch, wo immer noch physische Gewalt die letzte Quelle allen
Rechtes war, hielt es ersichtlich Jedermann -- selbst der prinzipielle
Anhänger unserer Ideen -- für selbstverständlich, daß die blitzartig
zerschmetternden Schläge, unter deren elementarer Gewalt der Negus von
Abyssinien erlegen, das untrüglichste _Argumentum ad hominem_ für die
Vorzüglichkeit unserer gesamten Einrichtungen seien. Insbesondere das
urplötzliche siegreiche Auftreten unserer Flotte wirkte da draußen
gleichwie ein entscheidendes Beweismittel dafür, daß die wirtschaftliche
Gerechtigkeit keine wesenlose Utopie, sondern sehr reelle Wirklichkeit
sei -- kurzum, unsere kriegerischen Erfolge gestalteten sich zu einem
Triumphe unserer socialen Einrichtungen. Eine gewaltige fieberhafte
Bewegung ergriff alle Geister, und mit _einem_ Schlage wollte man nun
überall verwirklichen, was bis dahin bloß von verhältnismäßig Wenigen
schüchtern als dereinst zu erreichendes Ideal aufgestellt, von Vielen
mit Abneigung betrachtet, von den großen Massen aber zumeist gänzlich
ignoriert worden war.
Und dabei erwies sich -- was uns nun allerdings wieder _nicht_
überraschte -- daß die Ungeduld und das Revolutionsfieber desto heftiger
waren, je weniger man sich zuvor mit unseren Ideen beschäftigt hatte.
Die fortgeschrittensten freisinnigsten Völker, deren leitende
Staatsmänner auch zuvor schon mit uns sympathisiert und gutgemeinte,
wenn auch zusammenhanglose Versuche unternommen hatten, ihre arbeitenden
Massen zu wirtschaftlicher Freiheit heranzuziehen, schickten sich in
verhältnismäßiger Ruhe an, die große ökonomische und sociale Revolution
unter möglichster Wahrung aller bestehenden Interessen einzuleiten.
England, Frankreich und Italien, die schon vor Ausbruch des
abyssinischen Krieges bereit gewesen waren, unsere Einrichtungen -- wenn
auch vorläufig bloß in ihren ostafrikanischen Besitzungen -- zuzulassen,
beschlossen nunmehr, ohne daß dazu besondere politische Umwälzungen bei
ihnen notwendig gewesen wären, sich wegen Überführung ihrer bestehenden
Institutionen in den unsrigen ähnliche, mit Freiland ins Einvernehmen zu
setzen, und mehrere andere europäische Staaten, sowie ganz Amerika und
Australien schlossen sich ihnen unmittelbar an. Dieses Ereignis war in
den betreffenden Staaten allenthalben von stürmischen Ausbrüchen der
Volksbegeisterung begleitet; aber mit Ausnahme einiger Fensterscheiben
litt Niemand Schaden dabei. Gewaltthätiger schon ging es in den
»konservativen« Staaten Europas und in einzelnen Ländern Asiens her;
dort kam es zu heftigen Krawallen, ernstlichen Verfolgungen verhaßter
Staatsmänner, die vergebens beteuerten, daß nunmehr auch sie gegen die
wirtschaftliche Gleichberechtigung nichts einzuwenden hätten,
stellenweise zu Blutvergießen und Vermögenskonfiskationen. Die
arbeitenden Massen mißtrauten dort den besitzenden Ständen, waren aber
selber uneinig über den einzuschlagenden Weg, so daß drohender stets und
gehässiger die Parteien einander entgegentraten. Vollends schlimm aber
gestalteten sich die Ereignisse dort, wo die Regierungen früher wirklich
und bewußt volksfeindlich gehandelt, die Besitzenden gegen die Massen
ausgespielt und Letztere vorsätzlich in Unwissenheit und Verkommenheit
darniedergehalten hatten. Dort gab es keine intelligente Volksklasse,
die genügenden Einfluß besessen hätte, sich den Ausbrüchen wütenden und
unvernünftigen Hasses entgegenzuwerfen; dort wurden Grausamkeiten und
Scheußlichkeiten aller Art begangen, die einstigen Unterdrücker
massenhaft abgeschlachtet und es wäre kein Ende der sinn- und zwecklosen
Gräuel abzusehen gewesen, wenn nicht zum Glücke auch für diese Länder
unser Ansehen und unsere Autorität schließlich die wütenden Massen
beruhigt und die Bewegung in geregelte Bahnen geleitet hätte. Nachdem
eine der in diesen Gebieten sich ohne ersichtliches Ziel zerfleischenden
Parteien auf den Gedanken geraten war, unsere Intervention anzurufen,
fand dieses Beispiel allgemeine Nachahmung. Allenthalben aus dem Osten
Europas, aus Asien und aus einigen afrikanischen Staaten richteten die
der Anarchie Verfallenen die Bitte an uns, ihnen Kommissäre zu senden,
denen man unumschränkte Gewalt einräumen wolle. Wir willfahrteten dem
natürlich aufs bereitwilligste und diese freiländischen Kommissäre
begegneten thatsächlich allenthalben jenem ungeteilten Vertrauen, das
zur Herstellung der Ruhe erforderlich war.
Inzwischen hatten sich aber auch jene Staaten, die von Anbeginn besonnen
vorgegangen waren, freiländische Vertrauensmänner erbeten, die ihren
Regierungen bei Anbahnung der beabsichtigten Reformen mit Rat und That
behülflich sein sollten. Wir sagen nicht ohne Grund: mit Rat und _That_,
denn das freiländische Volk hatte, sowie es erkannt, daß man seine
Mitwirkung in Anspruch nehmen werde, den Beschluß gefaßt, seinen
Delegierten -- sie mochten nun als beratende Mitglieder einer fremden
Regierung oder als mit unumschränkter Gewalt ausgerüstete Kommissäre
auftreten, das Verfügungsrecht über die materiellen Hülfsquellen
Freilands zu Gunsten der sie berufenden Völker einzuräumen, denen diese
Summen übrigens nicht schenkungs-, sondern leihweise zufließen sollten.
Der Edenthaler Centralverwaltung wurde zwar formell das Recht
vorbehalten, von Fall zu Fall über die von diesen Delegierten
angemeldeten Geldforderungen zu entscheiden; da jedoch als Prinzip
aufgestellt war, daß jede notwendige Hülfe zu gewähren sei, über die
Notwendigkeit der Hülfeleistung aber zumeist doch nur die an Ort und
Stelle Befindlichen urteilen konnten, so lag thatsächlich in Händen
dieser Kommissäre und Vertrauensmänner das diskretionäre Verfügungsrecht
über die flüssig gemachten Kapitalien.
Daß wir aber in der Lage waren, einem solchen, binnen wenigen Monaten
nahe an 2 Milliarden Pfd. Sterling erreichenden Bedarfe sofort zu
entsprechen, erklärt sich daraus, daß unsere freiländische
Versicherungsabteilung ungefähr den fünften Teil ihrer derzeit 10
Milliarden überschreitenden Reserven in allezeit flüssiger Form zur
Disposition hatte. Die anderen vier Fünftel waren arbeitend angelegt, d.
h. den Associationen sowohl als dem Gemeinwesen zu mannigfaltigen
Investitionen leihweise überlassen; ein Fünftel aber wurde als für alle
Fälle bereiter Stock in den Magazinen der Bank zurückgelegt und konnte
jetzt dem plötzlich aufgetauchten Kapitalbedarfe dienen.
Selbstverständlich ist, daß diese Reserve nicht in Form von Gold oder
Silber hinterlegt war, da sie sich in diesem Falle als unbrauchbar in
der Stunde eines eventuellen Bedarfs erwiesen hätte. Nicht Gold oder
Silber, sondern ganz andere Dinge sind es, die in Zeiten der Not
gefordert werden; die Edelmetalle können bloß als geeignete Mittel
dienen, um diese eigentlich benötigten Dinge sich zu verschaffen; damit
Letzteres jedoch geschehen könne, wird vorausgesetzt, daß sie in
entsprechender Menge überhaupt irgendwo vorhanden seien, was bei einem
plötzlich auftretenden Bedarfe von außergewöhnlichem Umfange eben
_nicht_ angenommen werden darf. Wer plötzlich Waren im Gesamtwerte von
Milliarden braucht, der wird dieselben nirgend _kaufen_ können, weil sie
nirgend vorrätig sein werden; will er auch im Falle solchen Bedarfes vor
Not geschützt sein, so muß er nicht das Geld zum Einkaufe, sondern die
voraussichtlich erforderlichen Güter selber vorrätig halten. Was hätte
es z. B. den Russen, welche die Getreidespeicher ihrer Gutsherren, die
Warenmagazine ihrer Kaufleute, die Maschinen in ihren Fabriken verbrannt
und zerstört hatten, genützt, wenn wir ihnen die Milliarden Rubel, deren
sie zur Ersetzung sowohl als zur Vermehrung dieser vernichteten Dinge
bedurften, in Form von Geld zur Verfügung gestellt hätten? Nirgend gab
es entbehrliche Vorräte, die sie hätten kaufen können; wären sie mit
unserem Gelde auf den Märkten erschienen, so hätte dies zum
ausschließlichen Erfolge gehabt, daß alle Preise gestiegen und ihre Not
sich allen Nachbarvölkern mitgeteilt hätte. Und ebenso bedurften auch
alle andere Nationen, die wir in ihrem Bestreben unterstützen wollten,
möglichst rasch aus ihrem bisherigen Elend zu einem dem unsrigen
ähnlichen Reichtume zu gelangen, nicht vermehrter Geldmittel, sondern
vermehrter Nahrungsmittel, Rohstoffe, Werkzeuge. Und in Form solcher
Dinge hatten wir denn auch unsere Reserven angelegt. Ungefähr die Hälfte
derselben bestand stets aus Getreide, die andere Hälfte aus
verschiedenen Rohmaterialien, insbesondere Webestoffen und Metallen. Als
daher unser Kommissär in Rußland successive 285 Millionen Pfund
forderte, erhielt er von uns nicht einen Heller Geld, wohl aber 3040
Schiffsladungen Weizen, Wolle, Eisen, Kupfer, Hölzer u. dgl. zugesendet,
was zur Folge hatte, daß das verwüstete Land an nichts Mangel litt,
vielmehr schon wenige Monate nachher -- allerdings weniger infolge
dieser ihm dargeliehenen Schätze, als vielmehr der in freiländischem
Geiste durchgeführten Verwendung derselben -- sich eines Wohlstandes
erfreute, den man dort noch vor kurzem kaum im Traume für möglich
gehalten hätte. In ähnlicher Weise machten wir auch anderen Nationen der
Erde unsere Vorräte nutzbar und waren für den Fall, als diese nicht
genügen sollten, entschlossen, aus den Erträgen der kommenden Jahre das
Fehlende zu ersetzen.
Doch gedachten wir keineswegs diese uns zugefallene Rolle der
ökonomischen und socialen Vorsehung der Brudervölker länger als
unumgänglich notwendig zu bewahren. Nicht weil wir die Verantwortung
oder Last scheuten, sondern weil wir es in jeder Beziehung und im
allseitigen Interesse für das Beste hielten, wenn der soziale
Umgestaltungsprozeß, welchem nunmehr die gesamte Menschheit
entgegenging, von dieser auch mit gesammelten Kräften nach gemeinsam
wohl erwogenem Plane ins Werk gesetzt werde, beschlossen wir, ungesäumt
die Nationen der Erde zu einer Beratung nach Edenthal einzuladen, in
welcher erörtert werden solle, was nunmehr zu geschehen habe. Unsere
Meinung dabei war nicht, daß dieser Kongreß bindende Beschlüsse zu
fassen hätte; es möge, so beantragten wir, jedem Volke unbenommen
bleiben, aus den Beratungen des Kongresses die ihm beliebigen
Konsequenzen zu ziehen; nützlich aber, das war unsere Ansicht, würde es
für alle Fälle sein, zu wissen, wie die Gesamtheit über die im Zuge
befindliche Bewegung dächte.
Auf ernstlichen Widerstand stieß diese Anregung nirgend. Insbesondere
bei den zurückgebliebeneren Völkern des Ostens machte sich zwar eine
starke dahingehende Strömung geltend, man möge die Zeit nicht mit
nutzlosen Reden vertrödeln, sondern einfach thun, was wir Freiländer
vorschlagen würden; sie ihrerseits, so thaten uns die konstituierenden
Versammlungen mehrerer -- und nicht gerade der kleinsten -- Nationen zu
wissen, würden doch nur auf uns hören, der Kongreß möge sagen, was er
wolle. Doch bedurfte es bloß des Hinweises darauf, daß wir, um ihnen zu
raten, sie doch auch hören müßten und daß uns hierzu der Kongreß das
geeignetste Forum scheine, um sie zu dessen Beschickung zu veranlassen.
Auch konnten wir nicht verhindern, daß viele von den nach Edenthal
entsendeten Delegierten die bindende Instruktion auf den Weg erhielten,
bei allen Abstimmungen unbedingt mit uns Freiländern zu gehen, welche
Instruktion sich jedoch insofern gegenstandlos erwies, als der Kongreß
überhaupt nur über Formfragen abstimmte, sonst aber bloß beriet, es
Jedermann anheimgebend, sich die Diskussionsresultate selber zu bilden.
Dagegen hatte sich gerade inmitten der vorgeschrittensten Länder eine,
wenn auch der Zahl nach geringe, Opposition wiedereingestellt, die zwar
das Prinzip der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit
anerkannte, jedoch eine ganze Reihe angeblich »praktischer« Bedenken
gegen dessen durchgreifende Verwirklichung geltend machte. Diese
Opposition hätte, auf ihre eigenen Kräfte angewiesen, nirgend vermocht,
ein Mandat für den Welt-Kongreß zu erlangen; sie fand aber allerorten
kräftige Fürsprecher -- in den freiländischen Vertrauensmännern und
Kommissären, die, durchaus im Einklang mit der öffentlichen Meinung
Freilands, das Bestreben verfolgten, wo möglich jeder namhafteren
Parteirichtung eine Vertretung zu sichern, damit selbst die etwa
vorhandenen offenen Anhänger der überlebten, alten Wirtschaftsordnung
kein Recht hätten, darüber Klage zu führen, daß man sie nicht hätte zu
Worte kommen lassen. 68 Nationen waren zur Teilnahme am Kongresse
geladen worden; die Anzahl der zu entsendenden Delegierten blieb dem
Belieben der Geladenen überlassen, nur wurde gebeten, die Zahl von je
zehn Abgesandten nicht zu überschreiten; thatsächlich wählten die 68
Länder insgesamt 425 Delegierte, was mit den 12 am Kongresse gleichfalls
teilnehmenden Chefs der freiländischen Verwaltung eine Gesamtzahl von
437 Kongreßmitgliedern ergab.
Am 3. März des 26. Jahres nach der Gründung von Freiland versammelte
sich der Kongreß im großen Saale des Edenthaler Volkspalastes. Auf der
Rechten saßen die Zweifler an der allgemeinen Durchführbarkeit der im
Zuge befindlichen Reformen, im Centrum die Anhänger Freilands, auf der
Linken die Radikalen, denen die gewaltsamsten Mittel die besten
schienen. Den Vorsitz führte der Chef der freiländischen
Präsidialabteilung, welches Amt seit Gründung des Gemeinwesens
ununterbrochen Dr. Strahl verwaltet hatte. Wir lassen nunmehr den
Verlauf der fünftägigen Diskussion auszugsweise an der Hand der
Sitzungsprotokolle folgen.
Erster Verhandlungstag.
Der _Vorsitzende_ begrüßt namens des freiländischen Volkes die auf
dessen Einladung herbeigeeilten Abgesandten der sämtlichen
Brudernationen der Erde und fährt dann fort:
»Um einiges, wenn auch nicht gerade strenges und starres System in den
Gang der Beratungen zu bringen, schlage ich vor, daß wir von Anbeginn
eine gewisse Reihenfolge der zu behandelnden Fragen feststellen;
Abschweifungen von dieser Reihenfolge werden allerdings nicht immer zu
vermeiden sein; aber als nützlich dürfte es sich für alle Fälle
erweisen, wenn die Redner zum mindesten das Bestreben zeigen, möglichst
nur zu dem gerade in Verhandlung stehenden Gegenstande zu sprechen. Um
die Diskussion dieser Formfrage abzukürzen, hat die freiländische
Verwaltung sich erlaubt, eine Art Tagesordnung auszuarbeiten, die Sie
annehmen, amendieren oder auch verwerfen können; die in diese
Tagesordnung aufgenommenen Diskussionsstoffe sind jedoch, wie ich sofort
bemerken will, nicht unserer hierortigen Initiative entsprungen, sondern
wurden uns von den Führern der verschiedenen ausländischen Parteien als
näherer Aufklärung bedürftig bezeichnet; wir unserseits begnügten uns
damit, System in diese uns vorgelegten Fragen zu bringen. Wir schlagen
also folgende Reihenfolge der Verhandlungsgegenstände vor:
1. Wie erklärt sich die Thatsache, daß es im geschichtlichen Verlaufe
vor Gründung Freilands noch niemals gelungen ist, ein Gemeinwesen auf
den Prinzipien der wirtschaftlichen Gerechtigkeit und Freiheit
einzurichten?
2. Ist der Erfolg der freiländischen Institutionen nicht etwa bloß auf
das ausnahmsweise und daher vielleicht vorübergehende Zusammenwirken
besonders günstiger Verhältnisse zurückzuführen oder beruhen dieselben
auf überall vorhandenen, in der menschlichen Natur begründeten
Voraussetzungen?
3. Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und müßte nicht
Übervölkerung eintreten, wenn es vorübergehend gelänge, das Elend
allgemein zu beseitigen?
4. Ist es möglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
überall unter Schonung der erworbenen Rechte und überkommener Interessen
zur Durchführung zu bringen; und wenn dies möglich ist, welches sind die
geeigneten Mittel hierzu?
Hat jemand zu diesem unserem Vorschlage eine Bemerkung zu machen? Es ist
nicht der Fall. Ich setze also Punkt 1 auf die Tagesordnung und erteile
dem Abgeordneten Erasmus Kraft das Wort.
_Erasmus Kraft_ (Rechte). Wir schicken uns allenthalben, so weit
denkende Menschen den Erdball bewohnen, an, den Zustand der Knechtschaft
und des Elends, in welchem, so weit menschliche Erinnerung zurückreicht,
unsere Rasse gefangen war, mit einer glücklicheren Ordnung der Dinge zu
vertauschen. Das leuchtende Beispiel, welches wir hier in Freiland vor
Augen haben, scheint dafür zu sprechen, daß der Versuch gelingen werde,
gelingen müsse. Doch je deutlicher sich diese Perspektive uns darstellt,
desto dringender, unabweislicher wird die Frage, warum das, was sich
jetzt vollziehen soll, nicht schon längst geschehen, warum der Genius
der Menschlichkeit so lange geschlafen, ehe er sich zur Vollbringung
dieses segensreichen Werkes aufraffte. Wir sehen, daß es genügt,
Jedermann den vollen Genuß dessen, was er erzeugt, zu gönnen, um
Jedermann Überfluß zu verschaffen, und trotzdem hat man ungezählte
Jahrtausende hindurch grenzenloses Elend mit all seinem Gefolge von
Jammer und Verbrechen geduldig ertragen, als wären sie unabweisliche
Naturnotwendigkeiten. Woran liegt das? Sind wir klüger, weiser,
gerechter als alle unsere Vorfahren, oder befinden wir uns trotz all der
scheinbar untrüglichen Beweise, die für das Gelingen unseres Werkes
sprechen, nicht vielleicht doch im Irrtume? Die zum größten, wichtigsten
Teile allerdings in das Dunkel der Urzeit gehüllte Geschichte der
Menschheit ist so alt, daß schwerlich anzunehmen ist, eine so wichtige,
dem brennendsten Wunsche jeglicher Kreatur entsprechende Bestrebung, wie
diejenige nach materiellem Wohlbefinden aller, trete jetzt zum ersten
Male in die Erscheinung; sie muß nicht _einmal_, wiederholt schon
hervorgetreten sein, auch wenn keinerlei Überlieferung uns darüber
Verläßliches erzählt. Wo aber sind ihre Erfolge? Oder waren vielleicht
solche Erfolge vorhanden, auch wenn wir nichts davon wissen, ist die
Erzählung vom goldenen Zeitalter mehr als eine fromme Fabel und sind wir
etwa im Begriffe, neuerdings ein solches heraufzubeschwören? Dann aber
taucht wieder die Frage auf, von welcher Dauer dieses Zeitalter sein, ob
ihm nicht abermals das eherne und eiserne folgen werden -- vielleicht in
traurigerer schrecklicherer Gestalt als jenes gezeigt, von welchem
Abschied zu nehmen wir uns eben anschicken. Ich will es, dem Winke des
verehrten Vorsitzenden gehorchend, vermeiden, jetzt schon die möglichen
Ursachen eines solchen Rückfalls in verdoppeltes Elend zu untersuchen,
da dies das Thema des dritten Punktes der Tagesordnung sein wird; auch
glaube ich, daß, bevor wir an die Klarlegung aller denkbaren
Konsequenzen eines Gelingens unserer Bestrebungen schreiten, sehr
zweckentsprechend zunächst festgestellt werden sollte, _ob_ diese denn
auch wirklich und in vollem Umfange gelingen werden, zu welchem Behufe
hinwieder die Klarlegung der Frage ersprießlich ist, warum dieselbe
bisher niemals gelungen, ja vielleicht niemals versucht worden sind.
_Christian Castor_ (Centrum). Der Vorredner irrt, wenn er behauptet, im
geschichtlichen Verlaufe der letzten Jahrtausende sei es zu keinerlei
ernsthaftem Versuche einer Verwirklichung des Prinzips der
wirtschaftlichen Gerechtigkeit gekommen. Einer der großartigsten
Versuche dieser Art ist das Christentum. Wer die Evangelien kennt, muß
wissen, daß Christus und seine Apostel die Ausbeutung des Menschen durch
den Menschen verdammen; das Wort der Schrift: »Wehe dem, der sich mästet
vom Schweiße seines Bruders« enthält schon im Keime den ganzen Kodex des
freiländischen Rechts und alles, was wir nunmehr ins Werk zu setzen
bestrebt sind. Daß das offizielle Christentum späterhin seine sociale
Befreiungsarbeit fallen ließ, ist allerdings richtig, aber einzelne
Kirchenväter haben immer und immer wieder, gestützt auf die heiligen
Texte, die ursprünglichen Absichten Christi zu verwirklichen gestrebt.
Und daß es im ganzen Verlaufe des Mittelalters wie später in der Neuzeit
an zum Teil sehr energischen Versuchen zur Verwirklichung des
christlichen Ideals niemals gefehlt hat, ist gleichfalls bekannt. Das
wollte ich zunächst hervorheben. Die Beleuchtung der Frage, warum alle
diese Versuche Schiffbruch litten, überlasse ich anderen bewährteren
Kräften.
_Wladimir Ossip_ (Linke). Fern sei es von mir, den edlen Stifter des
Christentums mit dem, was später aus seiner Lehre gemacht wurde, zu
verwechseln; aber unser Freund aus der amerikanischen Union geht meines
Erachtens doch zu weit, wenn er ihn und seine Nachfolger als _unsere_
Vorgänger hinstellen will. Wir verkünden das Glück und die Freiheit,
Christus predigte Entsagung und Demut; wir wollen den Reichtum, er die
Armut Aller; wir beschäftigen uns mit den Dingen dieser Erde, er hat das
Jenseits vor Augen; wir sind -- um es kurz zu sagen -- Revolutionäre,
wenn auch friedliche, er ist ein Religionsstifter. Lassen wir die
Religion; ich glaube, es kann zu nichts führen, sich in Fragen des Mein
und Dein auf das Christentum zu berufen.
_Lionel Acosta_ (Centrum). Ich bin diesfalls durchaus anderer Meinung
als mein geehrter Herr Vorredner und schließe mich dem Kollegen aus
Nordamerika an. Die Lehre Christi ist die reinste, edelste, wenn auch
über Mittel und Ziele noch nicht klar bewußte Verkündigung der socialen
Freiheit, die bisher gehört worden ist, und diese Verkündigung der
socialen Befreiung, nicht religiöse Neuerungen, sind der Inhalt der
»guten Botschaft«; Christus für einen Religionsstifter statt für einen
socialen Reformator auszugeben, eine Lehre, die im Fluge die Herzen der
unterdrückten Massen gewonnen, weil sie ihnen Abhülfe ihrer Leiden
versprach, zu einem Einschläferungsmittel ihrer erwachenden Energie zu
gebrauchen, war das Meisterstück der Verknechtungskunst. Christus hat
sich mit Religion gar nicht beschäftigt, keine Zeile der Evangelien
enthält auch nur eine Spur davon, daß er an den alten religiösen
Satzungen seines Landes rüttelte; der frömmste, eifrigste Jude kann
seinen Kindern unbedenklich die Evangelien zu lesen geben, sie werden
nichts darin finden, was ihr religiöses Gefühl verletzt. (Eine Stimme:
Warum wurde aber dann Christus ans Kreuz geschlagen?) Man fragt mich,
warum Christus von den Juden gekreuzigt wurde, wenn er nichts gegen das
mosaische Gesetz unternommen hatte. Ja mordet man denn _bloß_ aus
religiösen Gründen? Christus wurde zum Tode geschleift, weil er ein
_socialer_, nicht weil er ein religiöser Neuerer war, und nicht die
Frommen, sondern die Mächtigen unter den Juden haben seinen Tod
gefordert. Darüber auch nur ein Wort zu verlieren ist in den Augen all
jener durchaus überflüssig, welche die weltbewegenden Begebenheiten
jener traurigsten und doch zugleich glorreichsten Tage Israels, in denen
der edelste seiner Söhne den freiwillig gesuchten Märtyrertod fand,
unbefangen betrachten. Zunächst ist es eine wohlbeglaubigte
geschichtliche Thatsache, daß im Judäa der damaligen Zeit für religiöse
Sektirerei ebenso wenig auf Tod erkannt wurde, wie etwa in Europa des
letzten Jahrhunderts. Zum zweiten spricht die Art der Hinrichtung, das
den Juden ganz unbekannte Kreuz, dafür, daß Christus nach römischem,
nicht nach jüdischem Recht gerichtet wurde; die Römer, dieses in
religiöser Beziehung toleranteste aller Völker, hätten aber erst recht
wegen religiöser Neuerungen Niemand zum Tode gebracht; sie hätten die
Hinrichtung keineswegs geduldet, geschweige denn selber das Urteil
gesprochen und in ihrer Art vollzogen; das Kreuz war bei ihnen die
Strafe _aufrührerischer Sklaven_ oder ihrer _Verführer_.
Ich sage das nicht, um die Verantwortung für Christi Tod von Juda
abzuwälzen; es ist jedes Volkes trauriges Privilegium, der Henker seiner
Edelsten zu sein, und gleichwie Niemand anders als die Athener Sokrates
tötete, so hat auch Niemand anders als die Juden Christus getötet; der
Römer war nur das Werkzeug des jüdischen Hasses, doch wohlverstanden des
Hasses der um ihre Besitztümer zitternden Reichen unter den damaligen
Juden, die den »Verführer des Volkes« dem Statthalter denunzierten. Ja,
es ist auch durchaus glaubhaft, daß dieser letztere sich nicht
bereitwillig zeigte, auf die Wünsche der geängstigten Denunzianten
einzugehen, denn er, der Römer, der im niemals erschütterten Glauben an
seine starre Eigentumsordnung Aufgewachsene, verstand die Bedeutung und
Tragweite der socialen Lehre Christi gar nicht. Er hielt ihn -- die
Evangelien lassen darüber kaum einen Zweifel und es wäre im Grunde
genommen anders auch schwer zu begreifen -- für einen harmlosen
Schwärmer, den man mit ein paar Rutenstreichen laufen lassen könnte.
Generationen mußten vergehen, bis die _römische_ Welt erkennen lernte,
was die Lehre Christi eigentlich zu bedeuten habe -- dann aber fiel sie
auch mit einer Wut sonder gleichen über ihre Anhänger her, kreuzigte
sie, warf sie den Bestien vor, kurz that alles, was Rom niemals gegen
abweichende Religionen, stets aber gegen die Feinde seiner Rechts- und
Eigentumsordnung that. Anders die _jüdische_ Aristokratie; diese begriff
Sinn und Tragweite der christlichen Propaganda sofort, denn im
Pentateuch wie in den Lehren der früheren Propheten hatte sie längst
schon die Keime dieser socialen Forderungen kennen gelernt. Das
Jubeljahr, welches neuerliche Grundverteilung nach je 49 Jahren
forderte, die Bestimmung, daß alle Knechte im siebenten Jahre
freizulassen seien, was waren sie anderes, als die Vorläufer der von
Christus verlangten allgemeinen Gleichheit. Ob all diese in den heiligen
Schriften des alten Juda niedergelegten socialen Gedanken jemals zu
praktischer Durchführung gelangt waren, ist mehr als zweifelhaft, aber
bekannt und geläufig waren sie längst jedem Juden, und als Christus
daher den Versuch machte, sie ins praktische Leben einzuführen, als er
in gewaltigen, hinreißenden Reden Wehe über den Reichen rief, der sich
vom Schweiße seines Bruders mäste, da erkannten die Mächtigen in
Jerusalem sofort die ihren Interessen drohende Gefahr, welche ihren
nicht jüdischen Standesgenossen erst viel später klar wurde. Es
unterliegt auch nicht dem geringsten Zweifel, daß sie dem römischen
Statthalter gegenüber aus der wahren Beschaffenheit ihrer Besorgnisse
kein Hehl machten, denn nicht als Sektierer, als Aufwiegler wurde
Christus hingerichtet.
Dem Volke aber konnte ebenso selbstverständlich nicht gesagt werden, daß
man den Tod Christi fordere, weil er die in den heiligen Büchern
niedergelegte und von den Propheten oft genug geforderte Gleichheit
praktisch verwirklichen wolle; diesem mußte das Märlein von den
religiösen Ketzereien des Nazareners aufgetischt werden, welches Märlein
indessen -- abgesehen von dem bei der Hinrichtung zusammengelaufenen
urteilslosen Pöbel -- lange Zeit nirgend Glauben fand. Als gut jüdisch
galten die ersten Christengemeinden allenthalben in Israel, als »judaei«
werden sie uns von allen römischen Schriftstellern genannt, in denen
ihrer Erwähnung geschieht. Was sie wirklich waren, wodurch allein sie
sich von den anderen Judengemeinden unterschieden, darüber ist -- trotz
aller anfangs aus leicht begreiflichen Gründen beobachteten Vorsicht und
trotz der später, aus ebenso begreiflichen Gründen geübten Fälschungen
-- in den Apostelgeschichten Genügendes auf uns gekommen. Socialisten,
ja zum Teil Kommunisten waren sie; absolute wirtschaftliche Gleichheit,
Gütergemeinschaft wurde in ihnen geübt. Später erst, als die christliche
Kirche unter Preisgebung ihres socialen Inhalts Frieden mit der
Staatsgewalt geschlossen, aus einer grausam verfolgten Märtyrerin der
Gleichheit, sich in ein Werkzeug der Herrschaft und zwar vielleicht
gerade wegen dieses Renegatentums, doppelt verfolgungssüchtiger
Herrschaft, umgewandelt hatte, erst von da ab suchte sie selber die
tückische Verleumdung ihrer einstigen Ankläger hervor, spielte sich
selber als neue Religion aus -- was sie seither in der That auch
geworden ist. Und daß es ihr gelang, durch länger als anderthalb
Jahrtausende diese ihre neue Rolle mit dem Namen Christi in Verbindung
zu erhalten, ist zum weitaus überwiegenden Teile allerdings die Schuld
des jüdischen Stammes, der durch die blutigen Verfolgungen, die unter
Berufung auf den milden Dulder von Golgata gegen ihn verübt wurden, sich
zu blindem, thörichtem Hasse gegen diesen seinen größten und edelsten
Sohn verleiten ließ.
Aber deshalb bleibt es nicht minder wahr, daß Christus für die Idee der
socialen Gerechtigkeit und nur für diese den Tod erlitten, ja daß diese
Idee schon vor ihm dem Judentume nicht unbekannt war. Und ebenso wahr
ist, daß trotz aller nachträglichen Verdunkelung und Fälschung dieser
welterlösenden Idee, die Propaganda der wirtschaftlichen Befreiung
niemals wieder völlig erstickt werden konnte. Vergebens untersagte die
Kirche der Laienwelt die Lektüre jener Bücher, welche angeblich nichts
anderes, als ihre, der Kirche, Lehren enthalten sollten; immer und immer
wieder holten sich die in tiefster Erniedrigung schmachtenden
europäischen Völker aus diesen verfehmten Schriften Mut und Begeisterung
zu Versuchen der Befreiung.
_Darja-Sing_ (Centrum). Ich möchte das soeben Gehörte dahin ergänzen,
daß auch noch ein anderes Volk und zwar 600 Jahre vor Christus, die Idee
der Freiheit und Gerechtigkeit aus sich gebar -- es ist das indische.
Der eigentliche Kern auch des Buddhismus ist die Lehre von der
Gleichheit aller Menschen und von der Sündhaftigkeit der Unterdrückung
und Ausbeutung. Ja, ich wage sogar die Vermutung zu äußern, daß die
bereits erwähnten socialen Freiheitsgedanken des Pentateuch wie der
Propheten und folglich mittelbar auch die Christi, auf indische Anregung
zurückzuführen sind. Das scheint auf den ersten Blick ein arger
Anachronismus zu sein, denn Buddha lebte wie gesagt 600 Jahre vor
Christus, während die jüdische Legende die Abfassung der fünf Bücher in
das 14. Jahrhundert v. Chr. verlegt. Allein es ist mir bekannt, daß
neuere Forschungen mit nahezu absoluter Sicherheit festgestellt haben,
daß diese angeblichen Bücher Mosis frühestens im sechsten Jahrhundert,
und jedenfalls erst nach der Rückkehr aus der sogenannten babylonischen
Gefangenschaft verfaßt wurden. Gerade zur Zeit aber, als die Elite des
damaligen Juda nach Babylon verpflanzt war, sandte Buddha seine Apostel
durch ganz Asien, und daß die »an den Wassern Babels Weinenden« gegen
solche Lehren damals besonders empfänglich gewesen sein mußten, liegt
auf der Hand.
Wenn also einige germanische Schriftsteller die Behauptung aufstellten,
das Christentum sei ein fremder Blutstropfen im Körper des arischen
Volkstums, so haben sie insofern allerdings Recht, als ihnen das
Christentum thatsächlich als Semitismus, nämlich dem Judentum
entsprossen, zukam; nichtsdestoweniger kann die arische Welt den
Grundgedanken des Christentums für sich reklamieren, da
höchstwahrscheinlich sie es war, welche die ersten Keime hierzu dem
Semitentume übergab. Ich sage das nicht, um das Verdienst des großen
semitischen Freiheitsmärtyrers zu schmälern. Ich kann leider nicht
leugnen, daß wir Arier mit dem unserem Schoße entsprossenen göttlichen
Gedanken aus eigener Kraft nichts anzufangen verstanden. Gleichwie es
wahrscheinlich ist, daß gerade die Scheußlichkeit des indischen
Kastenwesens, jener schändlichsten Blüte, die jemals dem blut- und
thränengedüngten Boden der Knechtschaft entsprossen, Ursache gewesen,
daß in Indien zuerst die geistige Reaktion gegen diese Geißel der
Menschheit sich zeigte, ebenso sicher ist es auf der anderen Seite, daß
das nämliche Kastenwesen die Spannkraft unseres indischen Volkes
allzusehr gebrochen, als daß dieses die empfangene Anregung selber hätte
fruchtbringend verarbeiten können. Der Buddhismus erlosch in Indien und
wurde außerhalb Indiens sehr bald seines socialen Inhalts gänzlich
entkleidet. Jene transcendenten Spekulationen, auf welche man auch im
Abendlande das Christentum zu beschränken _versuchte_, sie sind im Osten
Asiens thatsächlich der einzige Effekt des Buddhismus gewesen. Ja schon
im Geiste der Stifter gestaltet sich der Freiheitsgedanke anders bei
dem, trotz aller Erhabenheit doch den Stempel seines Volkstumes
tragenden »Avatar« Indiens und anders bei dem Messias in Juda, der
inmitten eines von nie gebändigtem Gleichheitsdrange durchglühten Volkes
das Licht der Welt erblickte. Buddha konnte sich die Freiheit wirklich
nur in Form jener hoffnungslosen Entsagung vorstellen, die dem
christlichen Freiheitsgedanken bloß fälschlich von Jenen untergeschoben
wurde, die durch fremde Ansprüche im eigenen Genusse nicht gestört zu
werden wünschten.
Ja ich bin überzeugt, daß auch unsere kräftigeren, nach dem Westen
ausgewanderten Verwandten den Freiheits- und Gleichheitsgedanken nicht
hätten verwerten können, wenn wir -- die indische Welt -- ihnen
denselben unverändert, wie wir ihn schufen, übergeben hätten. Denn auch
ihnen steckte, als sie nach Europa kamen und noch ein Jahrtausend
später, das Kastengefühl im Blute; daß alle Menschen gleich, wirklich
schon hier auf Erden gleich seien, wäre dem germanischen Edeling sowohl,
als dem germanischen Knechte ebenso unfaßbar geblieben, als es dem
indischen Paria oder Sudra und dem Brahmanen oder Ksatrija unfaßbar
geblieben ist. Dieser Gedanke mußte zuerst von dem streng demokratisch
gesinnten kleinen semitischen Volksstamme an den Ufern des Jordan in
feste, fürderhin nicht mehr zu verdunkelnde Formen gebracht und von der
freien nüchternen Forschung Roms und Griechenlands in grelle -- wenn
auch vorläufig ablehnende -- Untersuchung gezogen worden sein, ehe er,
zu rein arischen Volksstämmen verpflanzt, Früchte zu tragen vermochte.
Nahmen doch die bekehrten germanischen Könige das Christentum ganz
ersichtlich nur an, weil sie es für ein passendes Werkzeug der
Herrschaft hielten. Was die neue Lehre den Knechten etwa sagen mochte,
war ihnen vorerst gleichgiltig, denn der Knecht, der in scheuer
Ehrfurcht zu den »Abkömmlingen der Asen«, seinen Herren, emporsah,
erschien für alle Ewigkeit ungefährlich; gegen wen es sich zu wappnen
galt, das waren die Mitherren, die Großen und Edlen, die bisher nur der
faktischen Macht, nicht dem Wesen nach, von den Königen verschieden
waren. Das Herrenrecht kam -- nach arischer Anschauung -- von Gott, sehr
wohl; aber das des kleinsten Edeln in der nämlichen Weise, wie das des
Königs; sie alle stammten von den Göttern ab. In Christus nun fanden die
Könige den _einen_ obersten Herrn, der ihnen, ihnen allein, die Macht
verliehen hatte; abermals besaßen sie eine göttliche Quelle des
Herrenrechts, aber für sich allein und deshalb erzählt uns die
Geschichte überall, daß die Könige gegen den -- oft verzweifelten --
Widerstand der Großen das Christentum einführten, nirgends, daß die
Großen ohne, oder gar gegen den Willen der Könige sich bekehrt hätten.
Die Volksmassen, die Knechte -- wo werden diese jemals überhaupt
gefragt? Sie haben zu thun und zu glauben, was die Herren für gut finden
-- und sie thun es ausnahmslos, ohne den geringsten Widerstand, lassen
sich gleich den Schafen herdenweise zur Taufe ins Wasser treiben und
glauben nunmehr auf Befehl, daß alle Macht von _einem_ Gotte komme, der
sie _einem_ Herrn verliehen. Denn der arische Knecht ist eine willenlose
Sache, die zu eigenem Denken erst erzogen werden muß. Dieses
Erziehungswerk nun hat allerdings ziemlich lange gedauert, aber wie der
Vorredner richtig bemerkte, geschlafen hat der Gedanke der Freiheit
nicht.
_Erich Holm_ (Rechte). Ich glaube, es läßt sich gegen den Nachweis, daß
der Gedanke der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit
schon Jahrtausende alt ist und niemals vollständig entschlief, nichts
stichhaltiges sagen. Aber es fragt sich, ob denn dieser allgemeine
Gleichberechtigungs- und Freiheitsgedanke mit jenem speciellen, an
dessen Verwirklichung wir jetzt schreiten, viel des Gemeinsamen hat,
nicht vielleicht in manchen Stücken das Gegenteil desselben besagt; und
zum zweiten muß nun erst recht Bedenken erregen, daß dieser, wie wir
gehört haben, 2½ Jahrtausende alte Gedanke bisher noch nie und nirgend
verwirklicht werden konnte.
Ersteres anlangend muß ich zugeben, daß Christus -- im Gegensatze zu
Buddha -- die Gleichheit nicht transcendent und metaphysisch, sondern
sehr materiell und buchstäblich verstanden hat. Er pries zwar auch die
Armen an Geist selig, aber unter den Reichen, die ihm zufolge schwerer
ins Himmelreich eingehen sollen, als ein Schiffsseil aus Kamelhaaren
durch ein Nadelöhr, verstand er ganz gewiß nicht die Reichen im Geiste,
sondern die an irdischen Gütern Reichen. Auch ist es richtig, daß er
sagte, »mein Reich ist nicht von dieser Welt« und dem Kaiser geben hieß,
was des Kaisers sei; allein, wer diese Stellen nicht aus dem
Zusammenhange reißt, kann unmöglich übersehen, daß er damit lediglich
jede Einmischung in die politischen Angelegenheiten ablehnt, nicht um
politischer, sondern um transcendenter _Zwecke_, um der ewigen Seligkeit
willen, der socialen Gerechtigkeit zum Siege verhelfen will. Ob Rom oder
Israel herrscht, ist ihm gleichgiltig, wenn nur Gerechtigkeit geübt
wird; doch daß er diese nicht erst im Jenseits, sondern schon hinieden
geübt wissen will, kann nur fromme Beschränktheit leugnen. Aber ist das,
was Christus unter Gerechtigkeit versteht, wirklich dasselbe, was wir
darunter meinen? Zwar das von ihm gleich anderen jüdischen Lehrern
verkündete »Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst« wäre eine sinnlose
Phrase, wenn es nicht wirtschaftliche Gleichberechtigung zur
Voraussetzung hätte. Den Menschen, den man ausbeutet, liebt man wie sein
Haustier, nicht aber wie sich selbst; wahrhaft »christliche
Nächstenliebe« in einer ausbeuterischen Gesellschaft verlangen, wäre
einfach albern, und was dabei herauskommen kann, haben wir bisher
sattsam erfahren. Im übrigen nimmt uns ja der Apostel hierüber den
letzten Rest von Zweifel, denn er verdammt ausdrücklich, sich vom
Schweiße des Nächsten zu mästen, d. h. ihn auszubeuten. Insoweit also
wären wir mit Christus vollkommen eines Strebens. Aber er verdammt
ebenso ausdrücklich den Reichtum, preist die Armut, während wir den
Reichtum zum Gemeingute Aller machen, also alle unsere Mitmenschen in
einen Zustand versetzen wollen, in dem sie -- um mit Christus zu reden
-- schwerer als ein Schiffstau durchs Nadelöhr, ins Himmelreich eingehen
könnten. Hier ist ein Gegensatz, dessen Überbrückung mir schwer möglich
erscheint. Wir halten das Elend, Christus den Reichtum für die Quelle
des Lasters, der Sünde; unsere Gleichheit ist die des Reichtums, die
seinige die der Armut; das bitte ich fürs erste festzuhalten.
Zum zweiten aber hat ja Christus -- trotz des, wie man zugeben wird,
viel bescheidenen Zieles, welches er sich steckte, dasselbe _nicht_
erreicht. Ist sohin die Berufung auf diesen erhabensten aller Geister,
statt uns in Verfolgung unserer Ziele zu stärken, nicht vielmehr
geeignet, uns zu entmutigen?
_Emilio Lerma_ (Freiland). Die Verbindung, in welche der Vorredner die
von Christus gepriesene und geforderte Armut mit dem -- angeblichen --
Mißlingen seines Befreiungswerkes gebracht hat, ist eine verfehlte.
Nicht trotzdem, sondern _weil_ Christus die Gleichheit auf Grundlage der
Armut herstellen wollte, ist dies fürs erste mißlungen. Die Gleichheit
der Armut läßt sich nicht herstellen, denn sie wäre gleichbedeutend mit
Stillstand der Kultur; wohl aber ist es nicht bloß möglich, sondern
notwendig, die Gleichheit des Reichtums ins Werk zu setzen -- sowie die
Voraussetzungen dafür vorhanden sind -- weil dies mit Fortschritt der
Kultur gleichbedeutend ist. Allerdings -- so werden Sie sagen -- so
verhält es sich nach unserer Auffassung; nach derjenigen Christi aber
ist der Reichtum ein Übel. Sehr wahr. Nur kann uns bei unbefangenem
Eingehen in die Sache unmöglich entgehen, _daß Christus den Reichtum nur
verwarf, weil er seine Quelle in der Ausbeutung hatte_. Nichts im ganzen
Laufe des Lebens Jesu deutet darauf hin, daß er jener finstere Ascet
gewesen, der er hätte sein müssen, wenn er den Reichtum als solchen für
sündhaft gehalten hätte; zahllose Stellen der Evangelien legen
unzweideutiges Zeugnis für das Gegenteil ab. Christi Bedürfnisse waren
allerdings einfach; aber er genoß stets mit Behagen, was ihm etwaiger
Reichtum seiner Anhänger bot und sah nirgends ein Übles darin, vom Leben
soviel anzunehmen, als sich mit der Gerechtigkeit verträgt. Auch der
Haß, mit welchem ihn die Reichen Jerusalems verfolgen, änderte diese
seine Anschauung nicht, wie denn überhaupt das oft citierte
Verdammungsurteil gegen die Reichen etwas geradezu verletzendes, dem
Geiste der Evangelien zuwiderlaufendes hat, wenn wir es außer
Zusammenhang halten mit dem »Wehe, wer sich mästet vom Schweiße seines
Bruders«. Im Reichtum verdammt Christus bloß dessen Quelle; nur weil
Reichtum anders, als durch Ausnützung des Schweißes der Brüder nicht
erworben werden konnte, deshalb und nur deshalb allein war ihm das
Himmelreich verschlossen. Kein Zweifel, daß Christus gleich uns sich mit
dem Reichtume versöhnt hätte, wäre damals wie zu unserer Zeit Reichtum
auch ohne Ausbeutung, ja ohne diese erst recht möglich gewesen. Aus
welchen Gründen dies zu Christi Zeiten und noch viele Jahrhunderte
nachher unmöglich war, darüber werden wir uns noch ausführlich zu
verbreiten haben; vorläufig sei bloß konstatiert, _daß_ es unmöglich
war, daß die Wahl bloß zwischen Armut oder Reichtum durch Ausbeutung
stand.
Diese Alternative schärfer als je zuvor ein Anderer erkannt und sich mit
hinreißender Glut gegen die Ausbeutung gewendet zu haben, ist eben die
unsterbliche That Christi. Er mußte dafür am Kreuze sterben, denn im
Gegensatze von Gerechtigkeit und Kulturnotwendigkeit wird stets die
erstere unterliegen; er mußte sterben, weil er nahezu zwei Jahrtausende
zu früh das Banner wahrer Menschenliebe, Freiheit und Gleichheit, kurz
aller edelsten Gefühle des menschlichen Herzens entrollte -- zu früh,
wohlverstanden für ihn, nicht für uns, denn die träge Menschheit
bedurfte dieser zwei Jahrtausende, um voll zu begreifen, was ihr
Märtyrer gemeint, für _sie_ starb er keinen Tag zu früh. Es gibt also
keinen Gegensatz der christlichen Ideen mit unseren Bestrebungen; der
Unterschied beider liegt bloß darin, daß jene, die erste Verkündigung
des Gedankens der Gleichheit, in eine Zeit fallen, wo die materiellen
Voraussetzungen der Verwirklichung dieser göttlichen Idee noch nicht
vorhanden waren, während diese die »Fleischwerdung des Wortes« zu
bedeuten haben, die Frucht des damals in den Geist der Menschheit
niedergelegten Samenkorns. Auch von einem wirklichen »Mißlingen« des
christlichen Befreiungswerkes kann daher eigentlich nicht die Rede sein:
es liegen bloß zwei Jahrtausende zwischen dem Beginn und dem Abschluß
des von Christus unternommenen Werkes.
Hiermit schloß der vorgerückten Stunde halber der Präsident die Sitzung,
die Erledigung der auf der Tagesordnung stehenden Frage auf den morgigen
Tag verschiebend.