Massaua, 25. September.
Wenn ich mich recht entsinne, sind es genau ein Monat und ein Tag, daß
ich mein letztes Schreiben an Dich sandte; binnen dieser kurzen Frist
haben sich Ereignisse abgespielt, welche Euch drüben im alten Europa gar
mancherlei Überraschungen gebracht haben dürften und die -- täusche ich
mich über die Absichten meiner neuen Landsleute nicht -- in ihren
mittelbaren Konsequenzen für die ganze bewohnte Erde von entscheidender
Tragweite sein werden. Die Freiheit der Welt ist es -- so glaube ich --
die auf den Schlachtfeldern des Roten Meeres und der Gallaländer gesiegt
hat -- nicht bloß über den unseligen Johannes von Abyssinien, sondern
auch über gar mancherlei Tyrannei, die inmitten Euerer sogen.
civilisierten Welt geknechtete Völker darniederhält. Doch wozu sich in
Vermutungen ergehen über Dinge, welche die nächste Zukunft schon zur
Entscheidung bringen muß; mein heutiger Brief dient dem Zwecke, Dich
meines ungetrübten Wohlbefindens zu versichern und Dir den
freiländisch-abyssinischen Feldzug zu schildern, den ich vom ersten bis
zum letzten Kanonenschusse mitgemacht.
Am 25. August, also zwei Tage, nachdem der erste Kampf stattgefunden,
erhielt die Edenthaler Zentralbehörde das Ultimatum des Negus, in
welchem dieser erklärte, daß er gegen Freiland nichts Böses im Schilde
führe, sondern die Waffen nur deshalb ergriffen habe, um sich und --
Freiland gegen eine europäische Invasion zu schützen, die diesem, wie er
erfahren habe, aufgenötigt worden sei. Da wir nicht die Macht besäßen,
seine Feinde von unseren Grenzen fernzuhalten, so gebiete ihm die
Pflicht der Selbsterhaltung, von uns die Auslieferung einiger
strategisch wichtiger Punkte zu verlangen. Fügten wir uns diesem
Begehren, so wolle er unsere Freiheiten und Rechte im übrigen schonen,
auch den seinen Schiffen bei Ungama zugefügten Schaden verzeihen;
widersetzten wir uns, so werde er uns mit Krieg überziehen, und da er
dafür gesorgt, daß uns so rasch keine Hilfe aus Europa zu erreichen
vermöge, so könne der Ausgang wohl nicht zweifelhaft sein. Er habe sich
mit einem Occupationsheere von 300000 Mann bereits in Bewegung gegen
unsere Nordgrenze gesetzt und werde längstens binnen Wochenfrist an
derselben eintreffen; an uns sei es, ob wir ihn als Freund oder Feind
empfangen wollten.
Die Antwort an den Negus lautete dahin, daß er sich zwar in seiner
Voraussetzung, daß Freiland fremde Truppen aufzunehmen gedachte,
täusche, da dieses den Engländern, Franzosen und Italienern ebensowenig
als ihm zu kriegerischen Zwecken die Grenzen offen zu halten gesonnen
sei; in Frieden mit ihm könnten wir jedoch trotzdem nur dann leben, wenn
er sich entschließe, auch den genannten europäischen Mächten gegenüber
Frieden zu halten, und für das ihnen zugefügte Unrecht volle Sühne zu
leisten. Nicht verschweigen wolle man nämlich, daß Freiland im Begriffe
sei, mit dessen europäischen Staaten einen Freundschaftsvertrag zu
schließen, in dessen Sinne es sich dann verpflichtet halten würde, die
Feinde seiner Freunde auch als die seinigen anzusehen. Man warne ihn,
Freilands stets an den Tag gelegte Friedfertigkeit als Mutlosigkeit oder
Schwäche auszulegen. Eine Woche Frist solle ihm gelassen werden, um
seine drohende Haltung aufzugeben und Bürgschaften des Friedens und der
Sühne zu stellen. Sollten diese bis dahin nicht geboten worden sein, so
würde Freiland ihn angreifen, wo immer es ihn fände.
Selbstverständlich gab sich niemand über den Erfolg dieses Notenwechsels
einer Täuschung hin und mit aller Beschleunigung wurden die Rüstungen
zum Kriege betrieben.
Kaum daß Telegraph und Zeitungen die erste Kunde von dem abyssinischen
Überfalle durch Freiland getragen, trafen von allen Seiten Meldungen und
Anfragen bei der Zentralverwaltung ein, die Jedermann den vollgültigen
Beweis lieferten, daß die Bevölkerung des ganzen Landes nicht bloß
sofort begriffen hatte, ein Krieg sei bevorstehend, sondern daß sich
auch unmittelbar ohne jeden bevormundenden Eingriff von oben, alle jene
Faktoren des Widerstandes ganz von selbst in Aktion setzten, welche eine
auf den Krieg jederzeit gerüstete Militärverwaltung nur immer hätte
aufbieten können. Freiland mobilisierte sich selber und es erwies sich,
daß diese selbstdenkende Thätigkeit von Millionen intelligenter, dabei
aber an durchgreifendes Zusammenwirken gewohnter Köpfe, vollkommenere
Ergebnisse lieferte, als durch einen noch so weislich erwogenen und
vorbereiteten behördlichen Mobilisierungsplan auch nur entfernt möglich
gewesen wäre. Von allen Tausendschaften des Landes langten schon im
Laufe des ersten Tages Anfragen ein, ob die Zentralstelle ihre
Mitwirkung für wünschenswert hielte; die Tausendschaften erster Klasse
aus den zwölf Nord- und Nordostdistrikten, die Baringoländer und
Leikipia umfassend, zeigten zugleich an, daß sie schon am nächsten Tage
vollzählig -- bis auf die zufällig verreisten Mitglieder -- versammelt
sein würden, da sie von der Voraussetzung ausgingen, daß die Ausfechtung
des Kampfes mit Abyssinien zunächst ihre Sache sein werde. Man war
nämlich ziemlich allgemein in Freiland der Ansicht, daß zur Bekämpfung
der Abyssinier zwischen 40000 und 50000 Mann vollauf genügen würden, und
da die Norddistrikte bekanntermaßen 85 der aus den Distriktsübungen als
Sieger hervorgegangene Tausendschaften besaßen, so war von Anbeginn
Niemand in Zweifel darüber, daß diesen allein die Kriegsarbeit zufallen
würde. Zwar regte sich sicherlich in der Brust gar manchen Jünglings
auch in den anderen Landesteilen der Thatendrang, aber nirgend zeigte
sich das Gelüste, durch dessen Geltendmachung dem Lande mehr als nötig
Arbeitskräfte zu entziehen oder unter Störung des naturgemäßen
Mobilisierungsplanes entferntere Tausendschaften in den Vordergrund zu
schieben. Und eben so bereitwillig, als die anderen zurücktraten, als
ebenso selbstverständlich erachteten es die Norddistrikte, daß sie in
Aktion zu treten hätten. Nur jene Tausendschaften, die während der
letzten Jahre bei den großen Aberdarespielen Sieger gewesen waren,
äußerten, auch sofern sie nicht zu den mobilisierenden Distrikten
gehörten, den Wunsch, in die Mobilisierung mit einbezogen zu werden;
ebenso ersuchten alle Sieger in den Einzelübungen der letztjährigen
Distrikts- und Landesspiele um die Vergünstigung, in die mobilisierten
Tausendschaften eingeteilt zu werden. Beides wurde bewilligt und es
vermehrte sich solcherart das zur Verfügung gestellte Material um vier
Tausendschaften und 960 Einzelne. Damit wären insgesamt 90000 Mann
verfügbar gewesen, der im Lande herrschenden Ansicht zufolge ungefähr
doppelt so viel als erforderlich war. Doch auch darauf nahmen die
betreffenden Tausendschaften sofort aus eigener Initiative Bedacht,
indem sie sich durch Vermittlung der Zentralverwaltung schon am nächsten
Tage darüber einigten, bloß die vier letzten Jahrgänge zwischen 22 und
26 Jahren und in diesen bloß die Unverheirateten ins Feld zu stellen.
Dadurch reducierte sich der Mannschaftsstand auf 48000 Mann -- darunter
9500 Berittene -- und 180 Geschütze; letzteren wurden nachträglich noch
80 Stücke aus dem oberen Naiwaschadistrikt hinzugefügt.
Diese Truppe besaß von Haus aus schon ihre Anführer bis zum Range der
Tausendführer. Zwar waren zahlreiche dieser Offiziere verheiratet, doch
wurde übereinstimmend beschlossen, sie nichtsdestoweniger beizubehalten.
Die Wahlen der Oberoffiziere fanden, nachdem auch die Hundert- und
Tausendführer der vier auswärtigen Tausendschaften in dem zu diesem
Behufe bestimmten Vereinigungspunkte Nordleikipias eingetroffen waren,
am 23. August statt. Das Oberkommando trugen die versammelten
Offiziere keinem aus ihrer Mitte, sondern einem als Chef der
Ukerewebaugesellschaft in Ripon lebenden jungen Ingenieur Namens Arago
an, der selbstverständlich annahm, sich aber einen der Oberbeamten des
Verkehrsressorts der Centralverwaltung als Generalstabschef ausbat. An
diesen wandte ich mich, aus Ungama direkt nach Nordleikipia geeilt, mit
der Bitte um Aufnahme in den Generalstab, die mir, da ich mich über die
entsprechenden Kenntnisse auszuweisen vermochte, mit Rücksicht auf meine
erst kürzlich aufgegebene italienische Staatsbürgerschaft bereitwillig
zugestanden wurde. Gleichzeitig mit mir war auch David eingetroffen, der
mir die zärtlichsten Grüße und die freudige Zustimmung meiner Braut zu
meinem Entschlusse brachte, und zugleich erklärte, daß er während des
Feldzuges nicht von meiner Seite weichen werde.
Mit Waffen und Munition waren alle Tausendschaften ohnehin reichlich
versehen; ebensowenig fehlte es an gut eingerittenen und geschulten
Pferden.
Die Verpflegung des Heeres wurde den Approvisionierungsgesellschaften
von Edenthal und Danastadt übergeben. Den technischen Dienst --
Pionierwesen, Brückenbau, Feldtelegraphie u. dergl. -- übernahmen zwei
Associationen aus Central- und Ostbaringo, den Transportdienst endlich
besorgte die freiländische Centralstelle für diesen Verwaltungszweig.
Innerhalb der Grenzen Freilands konnte bei der hohen Vollendung des
Kommunikationsnetzes die Beförderung und Verpflegung einer so kleinen
Armee natürlich nicht die geringsten Schwierigkeiten machen. Da man
jedoch keineswegs gesonnen war, die Abyssinier zu erwarten, sondern den
Krieg in die Gallaländer und nach Habesch hinüberzuspielen gedachte, so
wurden 5000 Elefanten, 8000 Kamele, 20000 Pferde und 15000 Büffelochsen
für den Lastendienst aufgebracht. Zelte, Feldkochgeräte, Konserven u.
dergl. mußten herbeigeschafft, kurzum Vorsorge getroffen werden, daß die
Armee auch in den unwirtlichen Gegenden außerhalb Freilands an nichts
Mangel leide.
Alle diese Vorbereitungen waren am 29. August vollendet; schon zwei Tage
vorher hatte Arago 4000 Reiter mit 28 Geschützen über den Konsopaß ins
benachbarte Wakwafiland gesendet, mit dem Auftrage, sich fächerförmig
ausbreitend, Fühlung mit den Abyssiniern zu suchen, deren Anzug wir auf
dieser Seite erwarteten. Um für alle Eventualitäten gesichert zu sein,
sandte er kleinere Streifkorps von 1200 und 900 Mann mit je 8 und 4
Geschützen zur Bewachung der sich nordöstlich und nordwestlich von
dieser seiner Operationslinie erstreckenden Gebirgszüge von Endika und
Silali. Am Konsopaß hinterließ er des ferneren eine Reserve von 6000
Mann und 20 Geschützen und überschritt am 30. August mit 36000 Mann und
200 Geschützen die Gallagrenze. Um möglichst große Marschleistungen zu
erzielen und die Mannschaft trotzdem zu schonen, war das Handgepäck aufs
äußerste reduciert. Es bestand außer den Waffen -- Repetiergewehr,
Repetierpistole und kurzem, auch als Haubajonett zu gebrauchendem
Schwert -- nur aus 80 Patronen, einer Feldflasche und kleinem, zur
Aufnahme _einer_ Mahlzeit bestimmten Ranzen. Alle anderen Gepäckstücke
trugen Handpferde, die den Marschkolonnen unmittelbar folgten und deren
auf jede Hundertschaft 25 kamen. Dieser der Mannschaft jederzeit zur
Verfügung stehende sehr bewegliche Train führte wasserdichte Zelte,
komplette Anzüge und Schuhwerk zum wechseln, Regenmäntel, Konserven und
Getränke für einige Tage, und eine Patronenreserve für 200 Schuß per
Mann mit sich. Unsere jungen Leute waren solcherart mit allem Nötigen
versehen, ohne selber überlastet zu sein und sie legten daher an
einzelnen Tagen bis zu 40 Kilometer zurück, ohne daß es Marode gegeben
hätte.
Die freiländische Centralverwaltung hatte der Armee einen Kommissar
beigegeben, dessen Amt es war, etwaige Wünsche der Heeresleitung, soweit
deren Erfüllung Sache der Centralstelle sein sollte, entgegenzunehmen;
ferner für den Fall, als der Negus sich zu Friedensverhandlungen geneigt
zeigen sollte, dieselben zu führen; schließlich für Sicherheit und
Bequemlichkeit der fremden Militärbevollmächtigten und Zeitungsreporter
Sorge zu tragen, die unseren Kriegszug mitmachten. Ein Teil dieser
Herren begleitete uns zu Pferde, ein anderer Teil war auf Elefanten
bequem untergebracht; die meisten folgten dem Hauptquartier, welches
dieselben über alle Vorkommnisse auf dem Laufenden erhielt.
Am dritten Marschtage, dem zweiten September, verständigte uns unsere
vorausschwärmende Reiterei, daß sie auf den Feind gestoßen sei. Da
Arago, bevor er einen entscheidenden Kampf annahm, zuvor praktisch
erproben wollte, ob er und wir alle nicht etwa doch in einer
verhängnisvollen Täuschung bezüglich der vorausgesetzten Überlegenheit
unserer Mannschaften über die feindlichen befangen wären, gab er der
Vorhut Auftrag, eine forcierte Rekognoscierung vorzunehmen, d. h. den
Gegner zu möglichst vollständiger Entfaltung seiner Kräfte zu nötigen
und erst zurückzuweichen, wenn über die Marschrichtung der feindlichen
Hauptmacht Sicherheit erlangt sei.
Am 3. September bei grauendem Morgen griffen wir -- ich war nämlich auf
meinen Wunsch dieser Truppe beigegeben worden -- die abyssinische Vorhut
bei Ardeb im Flußthale des Dschub an. Diese, der unsrigen nicht stark an
Zahl überlegen, wurde im ersten Anlauf über den Haufen gerannt, ihr
sämtliches Geschütz -- 36 Stücke -- nebst 1800 Gefangenen abgenommen,
ohne daß die Unsrigen mehr als fünf Mann verloren. Die ganze Affaire
dauerte kaum 40 Minuten. Unsere Artillerie war der schon auf 6000 Meter
Distanz ein wirkungsloses Feuer gegen unsere sich entwickelnden Linien
eröffnenden abyssinischen ohne einen Schuß abzugeben bis auf 2500 Meter
entgegengefahren, hatte sie von hier aus mit wenigen Salven zum
Schweigen gebracht, 19 Stücke demontiert und die übrigen zum Rückzuge
genötigt. Sich hierauf gegen die tollkühn heransprengende feindliche
Kavallerie wendend, hatte sie diese durch einige wohlgezielte
Granatschüsse auseinander gesprengt, so daß unsere Eskadronen nurmehr
die in regelloser Flucht Davoneilenden zu verfolgen und die schwache,
von der eigenen flüchtenden Kavallerie ohnehin schon in heillose
Unordnung gebrachte Infanterie niederzureiten hatten. Der Rest war dann
Verfolgung und Einbringung der von panischem Schreck gejagten Gegner,
deren Verluste an Toten und Verwundeten, wenn auch die unserigen namhaft
überragend, im Ganzen verhältnismäßig doch nur gering waren.
Doch damit war bloß das Vorspiel des blutigen Dramas zu Ende. Unsere
Reiter hatten sich eben gesammelt, und die Gefangenen mitsamt den
erbeuteten Geschützen unter geringer Bedeckung dem Hauptquartiere
zugesandt, als sich in der Ferne dichte und immer dichtere Massen des
Feindes zeigten. Es war dies der gesamte, 65000 Mann mit 120 Kanonen
zählende, linke Flügel der Abyssinier. Zwanzig von unseren Kanonen waren
auf einer kleinen, die Marschlinie des Feindes dominierenden Höhe
aufgefahren und gaben von dort um 7 Uhr morgens den ersten Schuß auf den
Gegner ab. Alsbald sah man die feindlichen Infanteriemassen seitlich
abbiegen, während unserer Artillerie gegenüber successive 90 der
abyssinischen Geschütze auffuhren. Der sich nun entspinnende Kampf der
Kanonen währte eine Stunde, ohne unserer Artillerie sonderlichen Schaden
zuzufügen, denn die abyssinischen Artilleristen trafen auf so große
Distanz -- es waren gut 5000 Meter -- nur sehr schlecht, während die
Granaten der unserigen nach und nach 34 feindliche Stücke zum Schweigen
brachten. Zweimal versuchten es die Abyssinier, näher an unsere Position
heranzufahren, mußten aber beidemal schon nach wenigen Minuten wieder
zurückweichen, so mörderisch räumten unsere Geschosse bei dieser
Annäherung unter ihnen auf. Da es so nicht ging, versuchte der Feind
unsere Position zu stürmen. Seine Infanterie- und Kavalleriemassen
hatten sich längs unserer ganzen, sehr dünn gestreckten Front entwickelt
und kurze Zeit nach 8 Uhr setzte sich die gesamte kolossale Übermacht
gegen uns in Bewegung.
Was sich nunmehr abspielte, hätte ich nimmermehr für möglich gehalten,
trotzdem ich über die Waffengewandtheit der freiländischen
Elite-Tausendschaften schon so Manches vernommen und auch der spielend
erfochtene Sieg über die feindliche Vorhut zu hochgespannten Erwartungen
berechtigte. Ich gestehe, daß ich es für unverantwortlichen Leichtsinn
und für eine gänzliche Verkennung der ihm vom Oberkommando zugeteilten
Aufgabe hielt, daß Oberst Ruppert, der Führer unserer kleinen Schar, den
Kampf annahm und zwar nicht etwa in Form eines Rückzugsgefechtes,
sondern als regelrechte Schlacht, die, wenn verloren, unfehlbar mit der
Vernichtung seiner 4000 Mann enden mußte. Denn in einer fünf Kilometer
umfassenden, die feindlichen Linien sogar um ein Geringes überflügelnden
dünnen Aufstellung mit nur schwachen Reserven im Rücken, hatte er seine
Reiter -- sie waren sämtlich abgesessen und schossen mit ihren
vortrefflichen Karabinern -- entwickelt und erwartete die Abyssinier,
als ob diese als Tirailleure und nicht in kompakten Sturmkolonnen
heranrückten. Und diese Sturmkolonnen kannte ich sehr wohl, sie hatten
bei Erdeb und vor Obok die ihnen an Zahl gleichen indischen Veteranen
Englands, die bretonischen Grenadiere Frankreichs und die Bersaglieri
Italiens geworfen, ihre Waffen waren den Freiländischen gleichwertig,
ihre militärische Disziplin mußte ich der meiner gegenwärtigen
Kampfgenossen überlegen halten; wie sollte unsere dünne Linie dem
Ansturme dieser, uns an Zahl sechzehnfach überlegenen kampfgewohnten
Krieger widerstehen? Sie mußte -- das war meine felsenfeste Überzeugung
-- in der nächsten Viertelstunde zerreißen, wie ein Bindfaden, der einer
Lokomotive den Weg versperren will; und dann, das konnte jedes Kind
sehen, war nach einem Gemetzel von wenigen Minuten alles vorbei. Ich
nahm im Geiste Abschied von der fernen Geliebten, vom Vater -- und auch
Deiner, mein Luigi, gedachte ich in dieser Stunde, die für meine letzte
zu halten ich damals vollen Grund zu haben wähnte.
Und was mich am meisten Wunder nahm: die Freiländer schienen insgesamt
meine Empfindungen zu teilen; nichts von jener wilden Kampflust war in
ihren Mienen zu finden, die man doch bei denjenigen voraussetzen sollte,
die -- überflüssiger Weise -- Einer gegen sechzehn den Kampf aufnehmen.
Tiefen, düsteren Ernst, ja Widerwillen und Schrecken las ich in den
sonst so klaren, heiteren Augen dieser freiländischen Jünglinge und
Männer; es war als sähen sie allesamt gleich mir sicherem Tode entgegen.
Auch die Offiziere, ja selbst der kommandierende Oberst, teilten
sichtlich diese unerfreulichen Gefühle -- warum um des Himmelswillen
nahmen sie dann die Schlacht an? Wenn sie Übles vorher sahen, warum
zogen sie sich nicht rechtzeitig zurück? Wie sehr aber hatte ich diesen
Männern Unrecht gethan, wie gründlich Anlaß und Richtung ihrer
Besorgnisse verkannt! So unglaublich es klingen mag: meine
Kriegskameraden waren nicht für ihre, sondern für des Gegners Haut
besorgt, ihnen graute vor dem Gemetzel, das -- nicht ihnen, den Feinden
bevorstand. Der Gedanke, daß sie, die freien Männer, von armseligen
Knechten besiegt werden könnten, lag ihnen so fern, als etwa dem Jäger
der Gedanke, die Hasen könnten ihm gefährlich werden; aber sie sahen
sich vor der Notwendigkeit, Tausende dieser Bejammernswerten kaltblütig
niederschießen zu müssen und das erregte ihnen, denen der Mensch das
Heiligste und Höchste ist, unsäglichen Widerwillen. Hätte man mir das
_vor_ der Schlacht gesagt, ich hätte es nicht begriffen und jedenfalls
für Renommisterei gehalten; jetzt, nach dem was ich schaudernd mit
erlebt, finde ich es begreiflich. Denn, daß ich es nur gleich sage: eine
gegen freiländische Linien anstürmende und von deren Feuer zerrissene
Kolonne bietet einen Anblick, der selbst an Massenmord einigermaßen
gewöhnten Männern, wie mir, das Blut zu Eis gerinnen macht. Ich habe den
Würgengel des Schlachtfeldes einigemal an der Arbeit gesehen und durfte
mich daher gegen dessen Schrecken gefeit halten. Hier aber ...
Doch ich will ja nicht meine Gefühle, sondern die Ereignisse schildern.
Als die Abyssinier uns auf etwa 1½ Kilometer nahe gekommen waren,
sprengten ein letztesmal Rupperts Adjutanten die Front entlang und
riefen den Unseren die Losung zu: Schonung! keinen Schuß, sobald sie
weichen! Dann war es bei uns totenstill, während von jenseits stets
lauter der Klang der Trommeln und einer wilden Musik, unterbrochen
zeitweilig von dem gellenden Schlachtrufe der Abyssinier, herübertönte.
Als die Feinde bis auf 700 Meter etwa herangerückt waren, gab unsere
Schützenlinie eine einzige Salve ab; als ob ein Pesthauch in sie
gefahren wäre, so brach die Stirnlinie des Feindes zusammen, seine
Reihen wankten und mußten sich neu formieren. Kein Schuß wurde
inzwischen von den Freiländern abgefeuert; als aber die Abyssinier unter
wildem Schlachtgeschrei abermals, jetzt im Laufschritte vorrückten,
donnerte eine zweite und da die todeskühnen braunen Krieger diesmal über
ihr zerschmettertes erstes Glied hinweg den Ansturm fortsetzten, eine
dritte Salve über das Feld. Mit dieser aber hatten Jene einstweilen
genug; sie wandten sich zu wilder Flucht, und hielten erst, als sie sich
außerhalb unserer Schußweite wußten. Auch jetzt hörte unser Feuer
augenblicklich auf, sowie der Feind sich gewandt hatte, aber es war auch
hohe Zeit gewesen. Nicht als ob die geringste Gefahr für unsere
Stellungen aus einer Fortsetzung des Sturmes hätte entstehen können; die
Abyssinier hatten kaum 100 Meter gewonnen gehabt, waren also immer noch
gute 600 Meter entfernt gewesen und die Gewißheit, daß Keiner von ihnen
unsere Front erreicht hätte, erwies sich als augenscheinlich; aber
gerade diese eigene, jede eigentliche Kampfeserregung ausschließende
Unnahbarkeit ließ die Gräßlichkeit des unter den Gegnern wütenden
Gemetzels mit so elementarer Gewalt hervortreten, daß mehr als
menschliche Nerven dazu gehört hätten, dies Schauspiel längere Zeit zu
ertragen. Nahe an 1000 Abyssinier waren binnen wenigen Minuten tot oder
verwundet gefallen und zahlreiche der freiländischen Schützen erklärten
mir später, sie hätten beim Anblicke der reihenweise zusammenbrechenden
und am Boden zuckenden Feinde Ohnmachtsanfälle gehabt -- was ich
vollkommen begreife, da auch mir ernstlich übel dabei wurde.
Die freiländischen Ärzte und Sanitätstruppen waren eben an der Arbeit,
die verwundeten Gegner vom Schlachtfelde aufzulesen, als die
abyssinische Artillerie neuerlich den Kampf aufnahm und alsbald auch die
Infanterie ein rasendes Schnellfeuer eröffnete. Da Letztere sich jedoch
diesmal vorsichtig in der respektablen Entfernung von ungefähr 2000
Metern hielt, so war ihr Feuer anfangs ganz ungefährlich und wurde daher
von den Unseren nicht erwidert; nachgerade aber verirrte sich doch die
eine oder andere Kugel in unsere Reihen und Oberst Ruppert gab daher
Befehl, die Zehntführer möchten den Feinden deutlich sichtbar mehrere
Schritte aus der Front hervortreten und eine Salve abgeben. Dieser Wink
wurde drüben verstanden; das feindliche Infanteriefeuer hörte sofort
auf, da die Abyssinier aus der Wirkung dieser einen kleinen Salve
ersahen, daß die freiländischen Schützen auch auf so große Distanz allzu
unangenehm werden könnten, als daß es rätlich wäre, sie durch ohnehin
wirkungsloses Feuer zum Antworten herauszufordern. Die zähen Burschen,
die offenbar den Gedanken nicht zu ertragen vermochten, vor einer so
kleinen Minderzahl das Feld zu räumen, formierten nun neuerlich einige
Sturmkolonnen, diesmal mit schmaler Front und von beträchtlicher Tiefe.
Doch auch diesen ging es nicht besser als ihren Vorgängern, nur daß
gegen sie etwas rascheres Feuer abgegeben werden mußte; sie wurden mit
einem neuerlichen Verluste von 800 Mann nach wenigen Minuten zum Weichen
gebracht und waren nunmehr zu abermaligem Vorgehen nicht mehr zu
bewegen. Um die verwundeten Abyssinier, die in freiländischer
Verpflegung weitaus besser versorgt waren, als in der ihrer Landsleute,
zu bergen, ließ jetzt Ruppert einen Vorstoß bewerkstelligen, vor welchem
sich der Gegner eilfertig zurückzog, so daß wir unbestritten Herren des
Schlachtfeldes blieben. Unsere Verluste betrugen 8 Tote und 47
Verwundete; die Abyssinier hatten 360 Tote, 1480 Verwundete und 39
Kanonen zurückgelassen. Die erste Sorge der Unseren war, die Verwundeten
-- Freund und Feind mit gleich liebevoller Sorgfalt -- in den reichlich
vorhandenen und mit sinnreichstem Komfort ausgestatteten Sanitätswagen
unterzubringen und nach Freiland zu in Bewegung zu setzen. Dann wurden
die Geschütze und sonstigen erbeuteten Waffen geborgen, die Toten
begraben.
Letztere Arbeit war eben vollendet und der Rückzug aufs Hauptquartier
sollte angetreten werden, als von Westen starke abyssinische Heersäulen
auftauchten, während gleichzeitig auch der nach Norden abgezogene linke
Flügel des Feindes wieder sichtbar wurde. Ruppert ließ sich dadurch in
seiner Absicht nicht beirren. Feindliche Kavalleriemassen machten einen
stürmischen Versuch, uns zu verfolgen, wurden aber von unserer
Artillerie rasch zurückgeworfen, und fernerhin unbehelligt
bewerkstelligten wir unseren Rückzug auf das Hauptkorps.
Wir wußten nun aus Erfahrung, daß die von uns vorausgesetzte
Überlegenheit freiländischer Männer über Gegner welcher Art immer eine
Thatsache sei. Die Abyssinier hatten sich gegen uns so brav geschlagen,
als je zuvor gegen europäische Truppen; ihre Bewaffnung, Disziplin und
Schulung, das vieljährige Werk eines ausschließlich diesem Zwecke
gewidmeten rücksichtslosen Despotismus, ließ -- nach europäischen
Begriffen -- nichts zu wünschen übrig und thatsächlich hatten diese
braunen Soldaten sich gleichstarken abendländischen Heeren im offenen
Felde stets ebenbürtig gezeigt. Wir aber hatten eine sechzehnfache
Übermacht zum Weichen gebracht, ohne daß dabei das Zünglein der Wage
auch nur einen Moment geschwankt hätte. Daß der Kampf überhaupt so lange
währte und nicht viel früher schon mit vollständiger Niederlage der
Abyssinier endete, lag nur daran, daß der Führer der Vorhut sich an die
Ordre hielt: den Feind zur Entfaltung seiner Kräfte zu nötigen. Hätte er
sich statt dessen mit voller Wucht sofort auf den Gegner geworfen, ihm
_nicht_ Zeit zur Entwicklung gelassen, und jeden erlangten Vorteil
energisch ausgebeutet, so wären die 65000 Mann des linken Flügels der
Feinde längst zersprengt gewesen, bevor das Zentrum in die Aktion
eingreifen konnte. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß Oberst Ruppert
Unrecht that, den Kampf hinhaltend und mehr defensiv zu führen. Ganz
abgesehen davon, daß doch auch ihm erst im Laufe des Gefechtes der bis
dahin bloß vermutete hohe Grad freiländischer Überlegenheit zur
absoluten Gewißheit werden konnte, war es, je zweifelloser der
schließliche Sieg unserer Sache erschien, desto entschiedener die
Pflicht jedes gewissenhaften Führers, das Blut unserer freiländischen
Jünglinge nicht überflüssigerweise um eines Heldenstückleins willen zu
vergießen. Er mußte gleich uns allen annehmen, daß diese erste Lektion
vollkommen genügen werde, den Negus darüber aufzuklären, daß eine
Fortsetzung des Kampfes seinerseits Thorheit wäre.
Wir hatten aber unsere Rechnung ohne Rücksicht auf den Dünkel eines
barbarischen Despoten gemacht. Als der dem Hauptquartier folgende
Kommissär der Centralverwaltung am nächsten Tage Parlamentäre ins
abyssinische Hauptquartier sandte, um Johannes erklären zu lassen, daß
Freiland gegen Rückgabe der überrumpelten Festungen und Schiffe und
gegen Leistung zu vereinbarender Friedensbürgschaften noch immer bereit
sei, sich mit ihm zu vertragen, empfing dieser die Abgesandten hochmütig
mit der Frage, ob sie gekommen seien, Unterwerfung anzubieten. Weil
unsere Vorhut sich schließlich zurückgezogen, gab er die Affaire des
gestrigen Tages für einen abyssinischen Sieg aus. Die Offiziere der
zurückgeworfenen 5 Brigaden seines Heeres seien Feiglinge, meinte er,
wir sollten sehen, wie _er_ sich schlagen werde -- kurzum der
Verblendete wollte von Nachgiebigkeit nichts hören.
Am 8. September griffen wir die am Dschubflusse verschanzte abyssinische
Hauptarmee an. Nach zweistündigem Kampfe war der Feind geschlagen,
167000 Mann streckten die Waffen, der Rest eilte in wilder, regelloser
Flucht den abyssinischen Bergen zu. 10 Tage später lagen wir vor den
Mauern Massauas, in welche sich der Negus mit den Trümmern seines Heeres
geworfen.
Die Zentralverwaltung von Freiland hatte unmittelbar nachdem sie die
Nachricht von der Wegnahme der Küstenfestungen und der Schiffe erhalten,
den Bau einer Flotte beschlossen und keine Stunde mit der Verwirklichung
gezögert. Eine Panzerflotte herzustellen, dazu fehlte allerdings die
Zeit; sie hielt aber dafür, einer solchen nicht zu bedürfen. Was sie
plante, war die Konstruktion sehr schnellfahrender Fahrzeuge mit so weit
tragenden Geschützen, daß ihre Geschosse die fremden Panzerschiffe
zerstören könnten, ohne daß die Geschosse der Letzteren unsere Schiffe
zu erreichen vermöchten. Dabei rechnete sie allerdings nicht bloß auf
die größere Schnelligkeit der Fahrzeuge und die weitere Flugbahn der
Geschosse, sondern hauptsächlich auf die Überlegenheit unserer
Artilleristen. Wenn unsere Schiffsmaschinen den Feind immer nur auf die
uns passend erscheinende Distanz heranließen, so mußte -- das war der
Kalkül -- den Unseren gelingen, das stärkste feindliche Schiff zu
vernichten, ehe unsere Fahrzeuge auch nur getroffen werden könnten. Um
Schiffe von 2000 bis 3500 Tonnen -- so groß sollten unsere Kanonenbote
sein -- in beliebiger Zahl binnen wenigen Wochen vollkommen auszurüsten,
dazu genügten, wenn nur mit entsprechender Energie daran gegangen wurde
und alles gehörig ineinander griff, die freiländischen Rhedereien und
sonstigen Industrien vollkommen. Schon am 23. August wurde daher in
Ungama der Kiel zu 36 Schiffen gelegt; Schiffsmaschinen zwischen 2000
und 3000 Pferdekräften -- von denen die größeren Kriegsdampfer bis zu
vieren erhalten sollten -- waren genügend in den Maschinenwerkstätten
Ungamas vorrätig. Aus allen freiländischen Schießplätzen wurden die
vorzüglichsten und größten Geschütze herbeigezogen, 24 neue, alles
bisher Erreichte in den Schatten stellende Ungetüme in den
Gußstahlwerkstätten von Danastadt konstruiert und solchergestalt
ermöglicht, daß binnen 22 Tagen der letzte Hammerschlag und Feilenstrich
an der letzten der 36 schwimmenden Kriegsmaschinen gethan werden konnte.
Die Eleganz der Ausstattung ließ in einzelnen Punkten zu wünschen übrig;
die Vollkommenheit der technischen Ausführung aber war tadellos. Die
Fahrzeuge, ziemlich flachbordig um den feindlichen Kugeln ein möglichst
geringes Ziel zu bieten, waren in wasserdichte Kammern geteilt, um
selbst durch einige unter der Wasserlinie einschlagende Granaten nicht
zum Sinken gebracht zu werden; da jedes Schiff mindestens zwei
vollkommen unabhängig funktionierende Maschinen besaß, so war auch eine
Lähmung seiner Beweglichkeit nicht so leicht zu besorgen; gepanzert, und
zwar mit Platten der stärksten Art, waren bloß die Pulverkammern. Die
verwendeten, durchwegs frei beweglich an Deck angebrachten Geschütze
wogen zwischen 95 und 245 Tonnen, und waren den einzelnen Schiffen teils
einzeln, teils zu zweien und dreien zugeteilt; insgesamt besaßen die 36
Fahrzeuge deren 78. Das Maximum der Fahrgeschwindigkeit betrug bei den
verschiedenen Schiffen zwischen 23 und 27 Knoten in der Stunde.
Da wir den Westmächten versprochen hatten, die den Suezkanal sperrende
Flotte vor Eintreffen der europäischen Expeditionskorps unschädlich zu
machen, so mußte geeilt werden, dieses gegebene Wort einzulösen. Am 19.
September abends bekamen unsere Schiffe eine bei Bab-el-Mandeb kreuzende
abyssinische Eskadre von 5 Panzern in Sicht. Diese, die scharfgebauten
Schiffe für Passagierdampfer nehmend, machte sofort Jagd auf sie und
wunderte sich nicht wenig, daß die so harmlos aussehenden Fahrzeuge
ihren Kurs unbeirrt fortsetzten. Erst als die Abyssinier sich auf 14000
Meter Distanz genähert und nunmehr einige der gröbsten Brocken aus
unseren Feuerschlünden zu kosten bekamen, erkannten sie ihren Irrtum und
machten augenblicklich kehrt. Das Gros unserer Flotte hielt sich auch
mit ihrer Verfolgung nicht auf, sondern setzte die Fahrt ins Rote Meer
fort; bloß 6 unserer größten und zugleich als schnellste Fahrer
geltenden Kriegsdampfer eilten den Fliehenden nach, brachten deren zwei
durch eine Reihe wohlgezielter Schüsse, die von den Abyssiniern der
großen Distanz halber wirksam gar nicht erwidert werden konnten, zum
Sinken, und jagten die andern auf den Strand. Unsere Schaluppen nahmen
von den im Wasser treibenden Mannschaften auf, so viel sie nur immer
erreichen konnten und setzten dann -- die Affaire mit der
Bab-el-Mandeb-Eskadre hatte bloß 2½ Stunden beansprucht -- den Weg nach
Suez fort.
An Massaua dampfte das Gros unserer Flotte in der Nacht vom 19. und 20.
unbemerkt vorbei; die nachfolgenden 6 Schiffe aber wurden im
Morgengrauen von einem feindlichen Kreuzer gesehen und verfolgt. Da es
weder in der Absicht der Unseren lag, sich vor Massaua jetzt schon
aufzuhalten, noch die dort liegenden abyssinischen Schiffe durch eine,
ihrem Kreuzer im Vorbeifahren erteilte Lektion vorzeitig zu warnen, so
beantworteten sie dessen Schüsse nicht, trotzdem einige derselben
trafen, sondern suchten bloß so rasch als möglich an ihm vorbei zu
kommen, was auch ohne ernstlichen Schaden gelang. Wie wir später
erfuhren, wurden sie in Massaua gleichfalls für Postschiffe gehalten,
die unbegreiflicherweise den Suez bewachenden Kreuzern in die Hände
liefen. Alles, was der Negus that, war, daß er in den nächsten Nächten
vor Massaua fleißig kreuzen ließ, um die vermeintlichen 6 Postdampfer,
wenn sie vor Suez etwa rechtzeitig kehrt machen sollten, diesmal nicht
entschlüpfen zu lassen.
Am 22. nachmittags erschien unsere Flotte vor Suez, griff die den Kanal
bewachenden abyssinischen Schiffe unverzüglich an und bohrte drei
derselben nach kurzem Gefechte in den Grund. Die anderen, darunter drei
Panzerfregatten, liefen auf den Strand, wo die Bemannung von den
ägyptischen Truppen gefangen genommen wurde. Denselben Ägyptern lieferte
unser Admiral auch die aufgefischten abyssinischen Matrosen und
Seesoldaten provisorisch aus, wandte sich sofort wieder nach Süden und
langte am 24. September vor Massaua an.
Dort waren wir inzwischen unthätig geblieben; wir wußten, daß das
Eingreifen unserer Schiffe genügen werde, die Feste in kurzem Wege zu
Falle zu bringen. Als diese auf der Höhe von Massaua erschienen,
näherten sich ihnen einige kleinere abyssinische Kriegsfahrzeuge. Wenige
Schüsse jagten sie in die Flucht und nun erst begriff der Negus die
Situation. Zwar hoffte er noch immer, mit unseren Schiffen fertig zu
werden; die schreckliche Wirkung der ersten Lagen aus unseren
Riesengeschützen belehrte ihn und seine Admiralität eines Besseren. Vor
den herandampfenden schwerfälligen Panzerkolossen stetig zurückweichend
gaben unsere unerreichbaren Vernichtungsmaschinen ihre Geschosse ab und
zwei der Fregatten sanken in die Tiefe, bevor nur _eine_ abyssinische
Kugel ein freiländisches Schiff getroffen hätte. Nun wandten sich die
Abyssinier zum Rückzuge, aber die Unseren blieben ihnen -- stets in der
gleichen unnahbaren Distanz -- auf den Fersen und bevor die feindliche
Flotte den Hafen erreicht hatte, fuhr ein drittes Panzerschiff zu
Grunde. Doch im Hafen fanden sie so wenig Sicherheit, als auf offenem
Meere; die schrecklichen Panzerzerschmetterer sandten Kugel auf Kugel
hinein; ein viertes Schiff versank und ein fünftes; gleichzeitig
hämmerten unsere Riesengeschosse zermalmend an den Steinquadern der
Hafenbastionen -- wir erwarteten jeden Moment die weiße Fahne, das
Zeichen der Ergebung, in Massaua flattern zu sehen. Statt dessen machte
der Negus, die Unhaltbarkeit der Feste einsehend, von uns jedoch keine
Gnade erwartend, plötzlich einen verzweifelten Ausfall, um sich in die
Berge durchzuschlagen. Doch nur unsere äußerste Vorpostenkette gelang es
ihm zu durchbrechen; vor der ersten freiländischen Linie angelangt,
brachten einige Salven den Ansturm der Seinen zum Stehen, ihm aber den
Tod. Die Abyssinier warfen die Waffen weg, der Krieg war beendet.
* * * * *
Hiermit schließen die freiländischen Briefe unseres neuen Landsmannes
Carlo Falieri an seinen Freund, den Architekten Luigi Cavalotti. Die
beiden Freunde haben inzwischen den Aufenthalt getauscht; Cavalotti ist
zu uns nach Freiland übersiedelt, Falieri dagegen wurde, kaum daß er mit
seinem jungen Weibe einige Wochen seligster Zurückgezogenheit auf einer
der paradiesischen Ukerewe-Inseln genossen, uns zeitweilig wieder
entführt. Er folgte einem Rufe seines Geburtslandes, welches seiner zu
Durchführung jener Reformen zu bedürfen glaubte, die in Konsequenz der
soeben von ihm geschilderten und der diesen folgenden Ereignisse dort
wie fast überall in der bewohnten Welt ins Werk gesetzt werden sollen.
Seine Gattin begleitet ihn auf dieser Mission, zu deren Durchführung ihm
seitens unserer Centralverwaltung die unbegrenzten Hülfsquellen
Freilands zur Verfügung gestellt sind. Doch damit geraten wir schon in
den Bereich jener Begebenheiten, deren Darstellung das folgende Buch
gewidmet sein soll.
Viertes Buch.