Edenthal, den 20. August.
Du schreibst in Deinem Letzten, es komme Dir nicht ganz geheuer vor, daß
in meinen Briefen so gar keine Rede mehr von den jungen Damen sei, mit
denen ich seit nunmehr sechs Wochen unter einem Dache weile. Wenn ein
junger Italiener -- so argumentiert Deine unerbittliche Logik -- von
schönen Mädchen, mit denen er verkehrt, darunter eines, dessen erster
Anblick ihn -- eigenem Geständnis zufolge -- »geradezu verwirrt« habe,
nichts zu erzählen wisse, so habe er sich entweder einen Korb von der
bewußten Einen geholt oder sei doch im Begriffe, es darauf ankommen zu
lassen. Die Logik hat Recht, Luigi; ich bin verliebt, d. h. ich war es
vom ersten Blicke an, und zwar in Bertha, meines David herrliches
Schwesterlein, und auch mit dem Korbe hätte es um ein Kleines seine
Richtigkeit gehabt. Nicht, daß die Geliebte meine Gefühle unerwidert
gelassen hätte; Bertha gestand mir mit jener unbefangenen Offenheit, die
ihr -- richtiger, die allen Freiländerinnen -- so entzückend steht, beim
ersten Anlasse, wo ich mir zu einem Geständnisse den Mut faßte, daß auch
sie mich sofort in ihr Herz geschlossen, daß sie noch am ersten Abend
unseres Beisammenseins gewußt, mir oder niemand werde sie als Gattin
angehören -- und trotzdem bekam ich auf meine Werbung zunächst ein
»Nein« zu hören, das an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig ließ.
Bertha vermochte sich nämlich nicht zu entschließen, italienische
Herzogin zu werden, und mein Vater, der -- höre und staune --
den Brautwerber für mich machte, hatte von ihr als etwas
selbstverständliches gefordert, sie solle mir nach Italien auf unsere
dortigen fürstlichen Besitzungen folgen, das Herzogsdiadem in ihre
Locken -- sie sind von einem entzückenden Blond -- flechten und im
Vereine mit mir die Fortpflanzung des erlauchten Geschlechts der Falieri
zu ihrer Lebensaufgabe zu machen. Meinen Wunsch, mich als Freiländer in
Freiland anzusiedeln, betrachtete mein Vater als überspannte Narrheit.
Du kennst seine Anschauungen, die ein seltsames Gemengsel von
aufrichtigem Freisinn und aristokratischem Stolze sind, richtiger waren;
hier in Freiland hatte die demokratische Seite seiner Anschauungen sich
allgemach gewaltig ins Breite und Tiefe entwickelt; er begann sogar aufs
feurigste für die freiländischen Institutionen zu schwärmen; wenn es
einen anderen Zweig der Falieri gäbe, dem man die Erhaltung der
fürstlichen Familientraditionen hätte anvertrauen können -- _per baccho_
-- mein Vater hätte mich sofort gewähren lassen. Aber um einer -- und
sei es auch noch so edlen -- Schwärmerei willen, die Axt an den
Stammbaum eines Hauses zu legen, dessen Ahnen unter den ersten
Kreuzfahrern gekämpft und späterhin als italienische Duodez-Fürsten die
Welt mit ihren (Schand-) Thaten erfüllt -- das war mehr, als er mir zu
gewähren vermochte. Gegen die Liebe zu Bertha aber hatte er nichts
einzuwenden; wirklich und wahrhaftig, lieber Freund, nicht das
geringste. Im Gegenteil, er war ordentlich stolz auf mich, als ich ihm
die Frage, ob ich denn der Gegenliebe des Mädchens sicher sei, mit einem
zuversichtlichen »Ja« beantworten konnte. »Blitzjunge« rief er, »dieses
Prachtgeschöpf so im Handumdrehen erobern! Das soll uns Falieris jemand
nachmachen!« Bertha hatte es meinem Vater geradeso angethan, wie mir,
und da dieser ganz im allgemeinen vor den freiländischen Frauen den
größten Respekt empfindet, so war ihm die »bürgerliche« Schwiegertochter
ganz recht. Aber nur unter der Bedingung, daß ich den »tollen« Gedanken
des Hierbleibens aufgebe. »Das Mädchen ist im kleinen Finger klüger als
Du«, rief er; »sie würde sich schön bedanken, wenn ihr der Bräutigam die
Herzogskrone zerbrochen vor die Füße würfe. Freiländerin sein ist recht
schön -- aber, glaube mir, Fürstin zu sein, ist noch schöner. Zudem kann
man ja diese beiden Vorteile recht wohl vereinigen. Den Winter und
Frühling verbringt Ihr in unseren Palästen in Rom und Venedig; Sommer
und Herbst hindurch könnt Ihr dann -- wenn es Euch recht ist, in meiner
Begleitung -- hier an Euren Seen und in Euren Bergen die Freiheit
genießen. Also es bleibt dabei; ich werbe für Dich um Bertha -- aber von
dauernder Ansiedelung hier kein Wort weiter!«
Mir gefiel die Sache nicht; den Vorsatz, Freiländer zu werden, hatte ich
-- Du darfst es mir glauben -- nicht der Geliebten halber gefaßt, aber
deren Lichtgestalt vermochte ich mir nun einmal weder mit dem
Fürstendiadem, noch in den Prunkgemächern unserer Schlösser zu denken.
Indessen mußte ich mich dem Willen des Vaters einstweilen fügen und so
brachte nun dieser seine Werbung an den Mann, indem er in meinem und
Berthas Beisein deren Eltern um die Hand ihrer Tochter für seinen Sohn,
den Prinzen Carlo Falieri bat, hinzufügend, daß er sofort nach
vollzogener Heirat die Güter in der Romagna, im Toskanischen und
Venetianischen, sowie die Paläste in Rom, Florenz, Mailand, Verona und
Venedig an mich übergeben und sich bloß unsere sicilianischen
Besitzungen -- als »Altenteil«, wie er scherzend meinte -- vorbehalten
werde. Die alten Neys nahmen diese grandiosen Zusagen mit einer nichts
Gutes verkündenden eisigen Zurückhaltung entgegen; nach minutenlangem
Schweigen und nachdem er auf Gattin und Tochter einen langen, prüfenden,
auf mich aber einen vorwurfsvollen Blick geworfen, erklärte Herr Ney:
»Wir Freiländer sind nicht die Tyrannen, bloß die Berater unserer
Töchter; in _diesem_ Falle aber bedarf unser Kind des Rates nicht; wenn
Bertha Ihnen als Fürstin Falieri nach Italien folgen will, wir werden es
ihr nicht verwehren.«
Hochaufgerichtet, einem erzürnten Cherub vergleichbar, wandte sich nun
Bertha an meinen Vater: »Niemals! Niemals!« rief sie mit zuckenden
Lippen. »Mehr als mein Leben liebe ich Ihren Sohn; ich werde sterben,
wenn er, um Ihnen zu gehorchen, mir entsagt; aber Freiland verlassen,
als _Fürstin_ verlassen? Niemals! Niemals! Lieber tausendmal den Tod!«
»Aber unseliges Kind,« entgegnete ganz entsetzt über diesen unerwarteten
Effekt seines Antrages mein Vater, »Sie sprechen ja das Wort >Fürstin<
aus, als wäre es für Sie der Inbegriff des Schrecklichen. Jawohl,
Fürstin sollen Sie werden, eine der reichsten, stolzesten Fürstinnen
Europas, d. h. Sie sollen fürderhin keinen Wunsch haben, den zu erfüllen
nicht Tausende wetteifern würden; Sie sollen Gelegenheit und Macht
erlangen, Tausende zu beglücken; Millionen werden Sie beneiden«
»und verfluchen und hassen« -- unterbrach ihn mit bebenden Lippen
Bertha. »Wie, sechs Wochen leben Sie unter uns und begreifen nicht, was
eine freie Tochter Freilands empfinden muß bei dem Ansinnen, diese
glücklichen Gefilde, die Heimstätte der Gerechtigkeit und der
Menschenliebe zu verlassen, um fern in Ihrem traurigen Vaterlande --
nicht etwa die Thränen Unterdrückter zu stillen, sondern zu erpressen,
nicht etwa die Scheußlichkeiten Ihrer Sklaverei zu bekämpfen, sondern
sie selber zu üben? Ich liebe Carlo so über alle Maßen, daß ich bereit
wäre, an seiner Seite dies Land des Glückes mit dem des Elends zu
vertauschen, wenn irgend eine unlösliche Pflicht ihn dahin riefe; aber
nur unter der Bedingung, daß seine und meine Hand frei bliebe von
fremdem Gute, daß wir in ehrlicher Arbeit selber verdienten, was wir zum
Leben brauchen; aber _Fürstin_ soll ich werden, _Fürstin_! Tausende von
Knechten sollen das Mark ihrer Knochen hergeben, damit ich im Überfluß
schwelge, tausende von Flüchen zu Tode gequälter Menschen sollen haften
an der Speise, die ich genieße, an der Kleidung, die meine Glieder
umhüllt! (Bei diesen Worten verbarg sie ihr Antlitz schaudernd in den
Händen; dann aber, sich gewaltsam aufraffend, fuhr sie fort): Bedenken
Sie doch, wenn Sie eine Tochter hätten und man würde von ihr verlangen,
unter die menschenfressenden Njam-Njam zu gehen, um dort Königin zu
werden, und der Vater des Bräutigams würde ihr versprechen, es sollten
ihr recht zahlreiche und fette Sklaven geschlachtet werden -- was würde
das arme Kind, das unüberwindliches Grauen vor Menschenfleisch mit der
Muttermilch eingesogen hat, dazu sagen? Nun, sehen Sie, wir in Freiland
empfinden Grauen vor Menschenfleisch, auch wenn das Schlachtopfer ohne
Blutvergießen, Zoll um Zoll und Glied um Glied langsam getötet wird, uns
flößt das allmähliche Aussaugen und Verzehren eines Nebenmenschen nicht
minderes Entsetzen ein, als Ihnen das buchstäbliche Auffressen
desselben, und so wenig Sie an den Mahlzeiten der Kannibalen Teil zu
nehmen im Stande sind, so unmöglich ist es uns, von der Ausbeutung
geknechteter Mitmenschen zu leben. Ich _kann_ nicht Fürstin werden, ich
kann nicht! O, trennen Sie mich nicht von Carlo, denn wir werden beide
darüber zu Grunde gehen, und -- das weiß ich nicht erst seit heute --
Sie lieben nicht nur ihn, sondern auch mich.«
Dieser Appell, verbunden mit den rührendsten Blicken und einem sanften
Erfassen seiner Hände, war mehr, als mein Vater -- aus solchem Munde --
ungerührt zu ertragen vermochte. »Mädchen, Du hast mir ja ordentlich
Entsetzen vor mir selber eingejagt! Also Menschenfresser sind wir, mit
dem Unterschiede bloß von Euern liebenswürdigen Njam-Njam, daß wir
unsere Schlachtopfer nicht mit _einem_ herzhaften Keulenschlage erlegen
und dann sofort verschlingen, sondern stückweise, Zoll um Zoll uns zu
Gemüte führen! Nun, Du magst so Unrecht nicht haben und keineswegs will
ich Dich zu den Freuden einer Fürstlichkeit zwingen, bezüglich deren Du
solche Anschauungen hegst. Auch mein entarteter Sohn scheint in diesem
Punkte mehr Deiner als meiner -- bisherigen Geschmacksrichtung zu
huldigen. Nehmt einander also und werdet glücklich nach Eurer Façon. Was
mich anlangt, so werde ich über Mittel und Wege nachsinnen, um mich in
den Augen meines neuen Töchterchens einigermaßen vom Geruche des
Kannibalismus zu befreien.«
Meine Bertha flog jetzt zuerst mir, dann meinem Vater, dann der Reihe
nach ihren Eltern und Geschwistern, dann aber wieder meinem Vater an den
Hals. Das Küssen und Umarmen des Schwiegerpapas geriet so begeistert und
stürmisch, daß ich um ein Haar eifersüchtig geworden wäre. Mein Vater
aber war nun derart Feuer und Flamme für unsere bevorstehende
Verbindung, daß er Neys aufforderte, sofort alle erforderlichen
Formalitäten dieses erfreulichen Aktes einzuleiten. Binnen Monatsfrist
ungefähr glaube er -- vorübergehend -- nach Europa zurückkehren zu
müssen, und es wäre ihm eine große Freude, uns bis dahin schon vereint
zu wissen. So wurde nun festgestellt, daß unsere Vermählung nach Ablauf
von 14 Tagen, d. i. am 3. September stattfinden solle.
Ungama, den 24. August.
»Zwischen Lipp' und Bechers Rand ........«
Als ich vor vier Tagen meinen Brief geschlossen hatte und zum Zwecke
eines Nachtrags, den Bertha hinzufügen wollte (sie erklärte sich
verpflichtet, »meinem besten Freunde« einige Worte der Entschuldigung ob
des Raubes zu sagen, den sie an ihm begangen), einstweilen noch
zurückbehielt -- da ahnte ich nicht, daß gewaltige Ereignisse sich
zwischen mich und die sofortige Erfüllung meiner glühenden Wünsche
drängen könnten. Der Krieg, dem wir entgegengehen, läßt zwar mein neues
Vaterland merkwürdig ruhig, und befände ich mich nicht in Ungama, so
würde nichts verraten, daß es den Kampf mit einem Gegner gilt, der
mehreren der mächtigsten kriegsgeübten Staaten Europas wiederholt schon
schwere Sorge bereitet; aber ich bin noch nicht lange genug Freiländer,
um die bittere Schmach und das schwere Unglück, von welchen mein
Geburtsland neuerlich betroffen wurde, nicht schmerzlich zu empfinden,
und für alle Fälle -- in meiner Eigenschaft sowohl als ehemaliger
Italiener, wie als gegenwärtiger Freiländer -- halte ich es für meine
Pflicht, den Kampf persönlich mitzumachen; bis dieser beendet ist, kann
ich an Hochzeit und Ehe natürlich nicht denken. Einstweilen hat mich das
Würfelspiel des Krieges von Edenthal weg, hierher, an die Küste des
indischen Oceans verschlagen. Doch laß mich ordnungsgemäß der Reihe nach
berichten.
Zunächst also wisse, daß -- es ist dies ja jetzt kein »diplomatisches
Geheimnis« mehr -- meines Vaters und seiner englischen wie französischen
Kollegen Bemühungen, für 300000 bis 350000 Mann anglo-franco-italischer
Truppen Durchzug durch Freiland zu erlangen, von vollständigstem
Mißerfolge begleitet waren. Freiland lebe mit Abyssinien in Frieden, so
erklärten die Edenthaler Regenten und habe vorerst kein Recht, sich in
dessen Händel mit den Westmächten zu mischen. Anders stünden allerdings
die Sachen, wenn letztere sich entschließen wollten, auf ihren
afrikanischen Territorien freiländisches Recht einzuführen, in welchem
Falle diese als freiländisches Gebiet angesehen und als solches dann
selbstverständlich von Freiland geschützt werden müßten. Aber dann wäre
die geforderte Militärkonvention erst recht überflüssig, denn in diesem
Falle würde Freiland jeden Angriff auf seine Verbündeten als _casus
belli_ für sich selber auffassen und Abyssinien aus eigenen Kräften zur
Ruhe bringen. Darüber nun flossen die Verhandlungen seit Wochen
resultatlos hin und wider. Sichtlich nahmen die Kabinette von London,
Paris und Rom letztere Zusage Freilands nicht recht ernst, trotzdem ihre
Gesandten, insbesondere mein Vater, redlich das ihre thaten, ihnen mehr
Vertrauen in die kriegerische Kraft Freilands einzuflößen; die
europäischen Mächte waren nicht abgeneigt, die von Freiland als
Bedingung eines Bündnisses geforderte Anerkennung des freiländischen
Rechts für die Kolonien am roten und indischen Meere zuzugestehen,
beharrten aber trotzdem auf der Forderung nach Abschluß einer
Militärkonvention, worauf jedoch Freiland nicht eingehen wollte. So
standen die Sachen bis in die letzten Tage.
Am Morgen nach meiner Verlobung saßen wir eben beim Frühstück, als für
meinen Vater eine chiffrierte Depesche aus Ungama -- dem großen
Hafenplatze Freilands am indischen Ocean -- eintraf, nach deren
Entzifferung derselbe, von seiner gewohnten diplomatischen Ruhe gänzlich
im Stiche gelassen, totenbleich aufsprang und Papa Ney bat, sofort eine
Sitzung der sämtlichen Regenten der freiländischen Centralverwaltung
einzuberufen, er habe eine Mitteilung von entscheidender Bedeutung zu
machen. Den teilnahmsvollen Schrecken unserer Freunde bemerkend,
erklärte mein Vater: »Geheimnis kann die Sache ohnehin nicht bleiben, so
erfahret denn aus meinem Munde die Unglücksbotschaft. Die mir von
Commodore Cialdini, dem Kapitän eines unserer in Massaua stationiert
gewesenen Panzerschiffe zugekommene Depesche lautet: »Ungama, den 21.
August 8 Uhr Morgens. Bin soeben mit Panzerfregatte Erebus und zwei
Avisodampfern -- einem eigenen und einem französischen --
schwerbeschädigt und flüchtig aus Massaua hier eingetroffen. Johannes
von Abyssinien hat vorgestern Nachts unter Bruch des bestehenden
Friedens Massaua verräterisch überfallen und fast ohne Schwertstreich
eingenommen. Unsere im Hafen liegenden und ebenso die englischen und
französischen Schiffe, 17 an der Zahl, wurden gleichfalls überrumpelt
und genommen, nur mir und den zwei Avisos gelang es zu entkommen. Die
kleineren Küstenfestungen, an denen wir vorbeikamen, sind auch sämtlich
in den Händen der Abyssinier. Da uns der Cours nach Aden durch mehrere
uns verfolgende feindliche Dampfer abgeschnitten wurde und der Erebus
kampfunfähig ist, suchten wir Zuflucht in Ungama, um unsere Havarien
auszubessern. Finden uns hier die Abyssinier, so sprenge ich unsere
Schiffe in die Luft.«
Das war in der That eine üble Botschaft, nicht bloß für die Verbündeten,
sondern auch für Freiland, denn sie bedeutete Krieg mit Abyssinien, den
man hier zu vermeiden gehofft hatte. Zwar war man -- wie gesagt -- von
Anbeginn gefaßt darauf gewesen, den europäischen Mächten als präsumtiven
Bundesbrüdern, Ruhe vor Abyssinien zu verschaffen, aber man hatte sich
-- im Vertrauen auf die hohe Achtung, welche Freiland bei allen
Nachbarvölkern genoß -- mit der Erwartung geschmeichelt, dem trotzigen
Halbbarbaren durch festes Auftreten imponieren und ihn in friedlichem
Wege zur Ruhe verhalten zu können. Der verräterische Überfall gerade zu
einer Zeit, wo die Unterhändler der Angegriffenen eben in Edenthal
weilten, zerstörte jedoch diese Hoffnung.
Im Volkspalaste fanden wir die freiländischen Verwaltungschefs schon
vollzählig versammelt, und bald nach uns trafen auch die englischen und
französischen Bevollmächtigten ein. Den Franzosen sahen wir es sofort an
den verstörten Mienen an, daß ihnen die Unglücksbotschaft schon
zugekommen war; die Engländer erhielten erst einige Stunden später
direkte Nachricht, als ihre Panzerkorvette »Nelson«, die unterwegs mit
zweien der in abyssinische Hände gefallenen Schiffe ein mörderisches
Gefecht bestanden und eines derselben in den Grund gebohrt hatte, als
halbes Wrack ebenfalls in Ungama anlangte. Inzwischen waren aber auch an
das freiländische auswärtige Amt aus verschiedenen Küstenorten nähere
und ausführliche Nachrichten eingetroffen, die das Unglück seinem ganzen
Umfange nach bestätigten. Der mit sehr überlegener Macht unternommene
und offenbar von Verrat begünstigte Überfall war den Abyssiniern
vollständig gelungen. Da der Frieden mit Abyssinien noch mehrere Wochen
zu gelten hatte, so waren die Garnisonen der meist ungesunden Küstenorte
weder sehr zahlreich, noch sonderlich wachsam gewesen; die Abyssinier
hatten zur nämlichen Stunde -- gegen 2 Uhr nach Mitternacht -- Massaua,
Arkiko und Obok, die Hauptfestungen der Italiener, Engländer und
Franzosen, und sämtliche acht Küstenforts derselben erstiegen, die im
Schlafe überraschten Garnisonen teils niedergemetzelt, teils gefangen
genommen und sich gleichzeitig auch der in den Häfen liegenden Schiffe
bis auf die schon erwähnten vier bemächtigt. Daß sie einige derselben
schon am nächsten Morgen segelfertig machen und mit ihnen in See stechen
konnten, erklärt sich aus den früher schon erwähnten Matrosenwerbungen
des Negus, welch letztere aber auch ein bezeichnendes Licht darauf
werfen, wie lange geplant und wohlvorbereitet der Überfall gewesen. So
vortrefflich funktionierte das Getriebe des Verrats, daß die vier
geretteten Schiffe wenige Minuten nachdem der Überfall auf die anderen
gelungen war, aus Schiffsgeschützen sehr wirksam und heftig beschossen
werden konnten. Die den Abyssiniern in den sämtlichen drei Häfen in die
Hände gefallenen Fahrzeuge waren 7 englische, 5 französische und 4
italienische Panzerschiffe, darunter mehrere erster Größe, und 11
englische, 8 französische und 4 italienische Kanonenbote und Avisos; die
in den Festungen und Schiffen gefangenen oder gefallenen Truppen
betrugen in runder Zahl 24000 Mann.
Die Bevollmächtigten aller drei Mächte hatten sofort, nachdem sie die
Hiobsbotschaften empfangen, an ihre Regierungen telegraphiert und um
Verhaltungsmaßregeln gebeten. Der freiländischen Verwaltung gegenüber
erklärten sie, daß nunmehr aller Wahrscheinlichkeit nach mit größter
Energie auf dem Abschluß der Militärkonvention bestanden werden dürfte.
Jetzt, da die Festungen gefallen, wäre es vollends unmöglich, an den
unwirtlichen Küsten des roten Meeres ein so großes Heer zu sammeln, wie
es gegen den Negus nun erst recht notwendig sei. In der That war das
auch die ziemlich kategorisch lautende, noch im Laufe des nämlichen
Tages einlangende Kollektivforderung der drei Mächte. Ebenso kategorisch
aber war die Ablehnung, begleitet von der Erklärung, daß man den, aller
Voraussicht nach für Freiland allerdings unvermeidlichen Krieg mit
Abyssinien allein auszufechten gedenke. Im übrigen, so gab man den
Alliierten zu bedenken, kämen doch ihre Armeen ohnehin viel zu spät.
Wäre der Suezkanal für ihre Truppensendungen auch praktikabel, so
könnten ihre 350000 Mann -- für so viel lautete die nun geforderte
Durchzugsbewilligung -- frühestens binnen 2 Monaten bei uns konzentriert
sein, und es hieße fürwahr dem Negus Johannes sehr wenig zutrauen,
wollte man sich darauf verlassen, daß er bis dahin nicht längst schon
versucht haben sollte, sich in den Besitz aller strategischen Positionen
Freilands zu setzen. Nunmehr vollends, wo die den Abyssiniern in die
Hände gefallenen Schiffe von diesen in erster Linie dazu benutzt werden
dürften, den Suezkanal zu sperren, kämen die Alliierten, selbst wenn man
sie rufen wollte, jedenfalls zu spät. Denn auch der Landweg über Ägypten
könne von den Abyssiniern so leicht verlegt werden, daß der zur
Operationsbasis zu wählen schlechthin unsinnig wäre. Bliebe also nur der
Weg ums Kap der guten Hoffnung, und wie lange es brauchen würde, bis von
dorther 350000 Mann Hülfstruppen bei uns einträfen, das möge man sich in
Paris, Rom und London doch selber beantworten. Unsere Freunde möchten im
übrigen vollkommen beruhigt sein; rascher als sie zu glauben schienen
und vollständiger sollte ihnen Genugthuung werden. Ehe man in England,
Frankreich und Italien auch nur mit der Ausrüstung eines so großen
Expeditionsheeres fertig sein könnte, würden wir mit dem Negus
abgerechnet haben. Inzwischen möchten die Alliierten ihre neuen, nach
den Küstenorten des roten und indischen Meeres bestimmten Garnisonen
segelfertig machen; sie könnten für dieselben ohne weiteres den
gewohnten Weg über den Suezkanal in Aussicht nehmen, denn bis ihre
Transportschiffe vor demselben angelangt sein dürften -- woran vor Ende
des nächsten Monats kaum zu denken sei -- würde Freiland den Abyssiniern
ihre gestohlene Flotte genommen oder vernichtet haben.
Insbesondere die letztere Zusage erregte in hohem Grade das Befremden
der verbündeten Regierungen und ihrer Gesandten, und ich muß gestehen,
daß auch ich nicht recht abzusehen vermochte, wie wir es, ohne auch nur
ein Kriegsfahrzeug zu besitzen, anstellen wollten, eine aus 16 der
besten Schlachtschiffe und 23 kleineren Fahrzeugen bestehende Flotte vom
Meere wegzublasen. Nicht ohne Bitterkeit meinten die Gesandten, statt so
großartige Pläne zu verfolgen, wäre es vielleicht praktischer, ihren im
Hafen von Ungama liegenden jämmerlich zugerichteten vier Schiffen dazu
zu verhelfen, daß sie ihre Schäden möglichst rasch ausbessern und dann
mit thunlichster Schnelligkeit das Weite suchen könnten. Beruhe doch die
Möglichkeit, sie vor der so unendlich überlegenen feindlichen Flotte zu
retten, angesichts der vollständigen Wehrlosigkeit Ungamas lediglich auf
der höchst unsicheren Hoffnung, daß der Feind nicht sofort auf den
Gedanken geraten werde, sie dort zu suchen.
»Für den Moment« -- so tröstete einer der Verwaltungschefs die
geängstigten Diplomaten -- »d. h. für wenige Stunden noch haben Sie
allerdings Recht. Wenn heute vor einbrechender Dunkelheit eine
abyssinische Übermacht vor Ungama erscheint und den Kampf mit Ihren
Schiffen sofort aufnimmt, sind diese allerdings menschlicher Voraussicht
nach verloren. Allein das gilt eben nur für heute. Zeigt sich morgen die
abyssinische Flotte, so haben wir einen Empfang vorbereitet, der sie
sicherlich nicht zur Wiederkehr einladen wird.«
»Wie das?« fragten jene wie aus einem Munde. »Was thaten Sie, was
konnten Sie thun zum Schutze der traurigen Überreste unserer kürzlich
noch so stolzen verbündeten Flotte?« Dabei hingen die Blicke dieser in
ihrem Patriotismus so tief verwundeten Männer mit ängstlicher Spannung
an den Zügen ihrer Gastfreunde, und trotz meiner jungen Zugehörigkeit
nach Freiland teilte ich nur zu sehr ihre Empfindungen. Du wirst
begreifen, daß es uns nicht um die paar Schiffe allein zu thun war; aber
endlich einen Punkt des Widerstandes gegen den frechen Barbaren gefunden
zu haben, die Unseren der fernern Notwendigkeit beschämender Flucht
enthoben zu wissen, das war es, was uns als süße Verheißung in den Ohren
klang. Man beeilte sich uns vollständige Aufklärung zu geben.
Wie ich Dir bereits erzählte, besitzt die freiländische
Unterrichtsverwaltung zum Gebrauche der Jugend eine stattliche Anzahl
von Geschützen verschiedensten Kalibers in allen Teilen des Landes. Die
größten derselben durchschlagen den stärksten der derzeit in Gebrauch
befindlichen Schiffspanzer wie ein Kartenblatt; 84 dieser
Riesengeschütze aus den zunächst der Seeküste gelegenen Distrikten hatte
man nun, sofort nachdem die ersten Nachrichten eingelaufen, nach Ungama
in Bewegung gesetzt. Da alle diese Ungetüme ohnehin auf Schienen laufen,
die mit dem freiländischen Eisenbahnnetze in Verbindung gesetzt sind, so
waren sie allesamt noch am gleichen Vormittage in Begleitung der mit
ihrer Behandlung vertrauten Jünglinge unterwegs nach ihrem
Bestimmungsorte und mußten dort successive am Abend und im Laufe der
Nacht eintreffen. Da ebenso in Ungama zu Zwecken des gewöhnlichen
Hafendienstes mehrere mit dem Eisenbahnnetze in Verbindung stehende
Schienenstränge längs der Seeküste hinlaufen, so können die anlangenden
Geschütze ohne weiteres sofort in die für sie bestimmten Stellungen
einfahren, die inzwischen -- gleichfalls noch im Laufe des nämlichen
Tages -- mit provisorischen Erdwerken versehen werden. Späterhin sollen
diese Werke auch Panzerdeckung erhalten; fürs erste aber, so rechnete
die Centralverwaltung, mußten 84 Geschütze erster Größe, denen die auf
ihnen eingeschossenen besten Kanoniere mitgegeben waren, auch ohne
sonderliche Deckung genügen, um von zusammengelaufenen Abenteurern
bemannte Panzerschiffe in respektvoller Entfernung zu halten.
Mich litt es nun nicht länger in Edenthal; nach kurzem Abschiede von
meinem Vater, nach etwas längerem von meiner Bertha, eilte ich nach
Ungama, und schon der zweitnächste Tag zeigte, daß die getroffenen
Schutzmaßregeln weder überflüssig noch ungenügend gewesen waren. Am 23.
August erschienen 5 abyssinische Panzerfregatten und 4 Kanonenboote vor
Ungama und versuchten, da sie den Ort für wehrlos hielten, ohne weiteres
in den Hafen einzulaufen, um die dort liegenden Wracks der Verbündeten
vollends zu zerstören. Ein auf sie aus 10000 Meter Entfernung
abgegebener scharfer Schuß des größten unserer Panzerbrecher, der einen
der Schornsteine der vordersten Panzerfregatte wegnahm, veranlaßte sie
zwar zu etwas größerer Vorsicht, hielt sie jedoch in ihrem Laufe nicht
auf. Jetzt ließen unsere jungen Kanoniere den einmal gewarnten Gegner
bis auf 7 Kilometer Distanz herandampfen, ohne ein Lebenszeichen von
sich zu geben; dann eröffneten sie aus 37 Geschützen zugleich das Feuer,
welches jedoch nur kurze Zeit währte. Schon die erste Salve brachte ein
Kanonenboot zum sofortigen Sinken und beschädigte die sämtlichen Schiffe
so stark, daß die ganze feindliche Schlachtlinie in sichtliche Unordnung
geriet. Einige Schiffe machten Miene, das Feuer der Unseren zu erwidern,
andere legten sofort eine sichtliche Neigung zum Stoppen und
Rückwärtsdampfen an den Tag. Zwei Minuten später fegte unsere zweite
Salve über die Wogen; deutlich konnte man verfolgen, daß diesmal keiner
der 37 Schüsse fehlgegangen war; alle feindlichen Schiffe zeigten
schwere Havarien und insgesamt hatten sie die Lust verloren, den
ungleichen Kampf weiterzuspinnen. Sie gaben Kontredampf und suchten mit
möglichster Beschleunigung das Weite. Eine dritte und vierte Salve wurde
ihnen nachgesandt, worauf ein zweites Kanonenboot und die größte der
Panzerfregatten sank; noch drei weitere Salven fügten dem fliehenden
Feinde zwar beträchtlichen ferneren Schaden zu, vermochten aber kein
Schiff mehr zu sofortigem Sinken zu bringen; nur erfuhren wir durch den
italienischen Aviso, der den abyssinischen Schiffen von weitem
nachfolgte, daß noch ein drittes Kanonenboot eine Stunde nach Abbruch
des Kampfes unterging, und daß eine der Panzerfregatten ins Schlepptau
genommen werden mußte, um den Kugeln unserer Strandbatterien zu
entgehen. Diese selbst hatten bloß zwei Mann verloren.
Mit dem Berichte dieser ersten freiländischen Waffenthat, an welcher ich
jedoch lediglich als staunender Zuschauer teilzunehmen vermochte,
schließe ich diesen Brief. Wann, wo -- und ob ich Dir einen nächsten
schreiben werde, weiß allein der Kriegsgott.