Edenthal, den 16. August.
Du äußerst in Deinem letzten Briefe einige Verwunderung darüber, daß
unser Gastfreund aus seinem bloß 1440 Pfund betragenden Gehalte als
Regent von Freiland einen Hausstand gleich dem Dir beschriebenen zu
führen, eine elegante Villa mit zwölf Wohnräumen zu bewohnen, feine
Küche zu führen, Wagen und Reitpferde zu halten, kurzum einen Luxus zu
treiben vermöge, den sich bei uns daheim nur die Reichsten gönnen
dürfen. Die Erklärung liegt darin, daß Dank der wunderbaren Organisation
von Arbeit und Verkehr hier eben alles fabelhaft billig ist, ja
zahlreiche Dinge, die in Europa und Amerika recht viel Geld
verschlingen, den freiländischen Haushalt überhaupt nicht belasten, da
sie vom Gemeinwesen unentgeltlich beigestellt werden und ihre Deckung
schon in den vom Reineinkommen vorweg abgezogenen Steuern finden. So
erscheinen z. B. bei den Reisekosten die Fahrpreise auf Eisenbahnen und
Dampfschiffen auch nicht mit einem Heller, da, wie Du schon aus meinen
früheren Briefen entnommen haben kannst, das freiländische Gemeinwesen
den Personentransport unentgeltlich besorgt. Das Gleiche gilt, wie ich
ebenfalls schon erwähnt zu haben glaube, bei allen Telegraphen,
Telephonanstalten, Briefpost, elektrischer Beleuchtung, mechanischer
Kraftabgabe u. dergl. Beim Frachtentransporte zu Lande und Wasser
dagegen läßt sich die freiländische Verwaltung die Selbstkosten
ersetzen. Bemerken will ich bei diesem Anlasse noch, daß beinahe jede
freiländische Familie durchschnittlich zwei Monate des Jahres auf Reisen
wendet, die meist den wundervollen und mannigfaltigen Naturschönheiten
des eigenen Landes gelten, teils auch -- dies jedoch seltener -- bis ins
entfernte Ausland sich erstrecken. Jeder Freiländer nimmt alljährlich
mindestens sechs, bisweilen aber auch zehn Wochen Urlaub von allen
Geschäften und sucht während dieser Zeit Erholung, Vergnügen und
Belehrung als Tourist. Insbesondere in den Hochlanden des
Kilima-Ndscharo, Kenia und Elgon, des Aberdare und Mondgebirges, sowie
an den Gestaden der sämtlichen großen Seen wimmelt es mit Ausnahme der
beiden Regenepochen jederzeit von fahrenden, reitenden, wandernden,
rudernden und segelnden Männern, Frauen und Kindern, die in vollen Zügen
jegliche Lust des Reisens genießen.
Überhaupt gehört sinnige, herzliche Freude an der Natur und ihren
Schönheiten zu den charakteristischen Eigenschaften der Freiländer. Sie
sind eben allesamt Eigentümer ihres gesamten Landes, und inniges Behagen
an diesem ihrem köstlichsten Eigentum tritt überall zu Tage. So halte
ich es z. B. für bezeichnend, daß nirgend in Freiland Bäche und Flüsse
durch Abfallwässer vergiftet, nirgend malerische Berghänge durch wahllos
angebrachte Steinbrüche verunstaltet werden, oder sonst ein Frevel gegen
die landschaftliche Schönheit zu rügen ist. Warum auch sollten diese
selbstherrlichen Arbeiter um geringer Ersparnisse willen -- die sie
zudem sehr bald mit aller Welt teilen müßten -- sich selber eines so
wesentlichen Genusses berauben, wie es eine möglichst gesunde und schöne
Landschaft ist? Natürlich kommt diese verständige Pflege aller
landschaftlichen Reize auch den Reisenden zu gute. Allenthalben sind
Straßen sowohl als Eisenbahnen von mehrfachen Alleen prächtiger Palmen
eingesäumt, deren schlanke astlose Stämme nirgend die Aussicht
behindern, während ihre dichten Kronen erquickenden Schatten gewähren.
Man hat infolge dieser ebenso einfachen als wirksamen Einrichtung beim
Reisen hier unter dem Äquator von Hitze und Staub weit weniger zu
leiden, als im »gemäßigten« Europa, wo während der Sommermonate eine
mehrstündige Eisenbahn- oder Wagenfahrt häufig zur Tortur wird. An allen
schön und romantisch gelegenen Punkten haben die zahlreichen, mit den
gewaltigsten Mitteln arbeitenden Hôtel- und Vergnügungsassociationen
sowohl riesige Gasthöfe als eine Menge kleiner Villen angelegt, in denen
die Touristen und Sommerfrischler je nach Laune und Geschmack für
Stunden, Tage, Wochen oder Monate gemeinsam zu Hunderten und Tausenden
oder allein in ländlicher Zurückgezogenheit Unterkunft und allen
erdenklichen Comfort finden.
Wunderst Du Dich schon über den Luxus im Neyschen Hause, was wirst Du
erst sagen, wenn ich Dir erzähle, daß hierzulande dem Wesen nach jeder
einfache Arbeiter so lebt, wie unsere Gastfreunde. Die Villen haben
einige Wohnräume weniger, die Möbel sind einfacher, statt eigene
Reitpferde in den Ställen der Transportassociation zu halten, werden
Mietpferde benützt, auf Kunstgegenstände, Bücher und zu wohlthätigen
Zwecken wird weniger ausgegeben, das ist aber auch der ganze
Unterschied. Da ist z. B. unser Nachbar Moro. Derselbe, ein gewöhnlicher
Werkführer der Edenthaler Farbwarenassociation, gehört samt seiner
reizenden Frau zu den Intimen des Neyschen Hauses, und wir haben schon
einigemale vortrefflich in seinem netten und komfortabel eingerichteten
7 Wohnräume enthaltenden Heim gespeist. Ja selbst die »Ziehtöchter«
fehlen -- nebenbei bemerkt -- in seinem Hause nicht, denn auch seine
Gattin genießt -- und, wie ich hinzufügen will, nicht mit Unrecht -- den
Ruf einer hervorragenden Geistes- und Herzensbildung, und die
Ziehtöchter suchen, wie Du weißt, nicht das große Haus, sondern die
bedeutende Frau auf. Und sollte Dir besonders auffallend erscheinen, daß
solch ein Phönix von Frau Gattin eines gewöhnlichen Fabrikarbeiters ist,
so bedenke, daß freiländische Arbeiter etwas anderes sind, als
europäische. Gediegene Mittelschulbildung genießt hier alle Welt, und
daß ein junger Mann Handwerker und nicht Lehrer, Arzt, Ingenieur oder
dergl. wird, hat darin seinen Grund, daß er eben keinerlei
_hervorragende_ geistige Fähigkeiten in sich entdeckt oder vermutet.
Denn hierzulande kann sich den geistigen Berufszweigen nur ein geistig
hervorragend Befähigter mit Aussicht auf Erfolg zuwenden, da der
Minderbefähigte angesichts der Konkurrenz _aller_ wirklich Befähigten
unmöglich aufzukommen vermag. Bei uns da draußen, wo nur eine
verschwindende Minderzahl die materiellen Mittel zum Studium hat,
gewährt diese Mittellosigkeit einer ungeheuern Mehrzahl auch den
Dummköpfen unter den Bemittelten ein Privilegium. Die Reichen können
eben nicht alle talentiert sein -- so wenig als die Armen alle es sind;
da wir aber trotzdem unseren Bedarf an geistigen Arbeitern -- von
Ausnahmen, die ja überall vorkommen, muß dabei natürlich abgesehen
werden -- bloß aus der kleinen Menge von Söhnen reicher Familien decken,
so kommen bei uns -- günstig gerechnet -- auf je einen fähigen
Studierenden zehn Unfähige, von welchen Zehnen aber, da wir mit dem
einen Fähigen natürlich nicht den ganzen Bedarf decken können, höchstens
die zwei oder drei Allerdümmsten Schiffbruch leiden. Hier dagegen, wo
Jedermann die Mittel zum Studium hat, giebt es selbstverständlich
unendlich mehr befähigte Studierende, folglich brauchen die Freiländer
bei Deckung ihres geistigen Bedarfes lange nicht so tief zu greifen, als
wir. Ihre Tüchtigsten sind nicht notwendig tüchtiger, als die unsrigen,
aber unsere Unfähigsten -- unter den Studierenden -- sind viel, viel
unfähiger, als ihre überhaupt noch möglichen Unfähigsten. Was bei uns
noch mittelgut wäre, ist hier schon lange aussichtslos. Freund Moro z.
B. hätte es in Europa oder Amerika vielleicht auch zu keiner »Leuchte
der Wissenschaft« oder »Zierde des Barreau« gebracht, doch ein ganz
annehmbarer Durchschnittslehrer, Advokat oder Beamter wäre er immerhin
geworden. Hier aber mußte er -- nach absolvierten Mittelschulen --
gewissenhafter mit seinen geistigen Fähigkeiten zu Rate zu gehen und
gelangte dabei zu dem Resultate, daß es ersprießlicher für ihn sei, ein
tüchtiger Fabrikwerkführer, als ein mittelmäßiger Lehrer oder Beamter zu
werden. Und er konnte diesem Ratschlage strenger -- vielleicht
allzustrenger -- Selbstprüfung Folge geben, ohne sich gesellschaftlich
zu degradieren, denn in Freiland schändet Handarbeit wirklich nicht, zum
Unterschiede von Europa und Amerika, wo dies zwar auch behauptet wird,
jedoch lediglich eine der vielen konventionellen Lügen ist, mit denen
wir uns selber hinters Licht zu führen versuchen. Arbeit ist bei uns --
trotz aller demokratischen Redensarten -- ganz im Allgemeinen eine
Schande, denn der Arbeitende ist ein höriger Mann, ein ausgebeuteter
Knecht, er hat einen Herrn über sich, der ihn kommandiert, für sich
ausnützt gleich dem arbeitenden Tiere -- keine Moraltheorie der Welt
wird die Ehre des Knechtes der des Herrn gleichsetzen. Hier aber ist das
anders. Um dies voll zu ermessen, brauchst Du bloß einmal gesellige
Vereinigungen in Freiland besucht zu haben. Zwar liegt es in der Natur
der Sache, daß Personen des gleichen Interessenkreises sich zunächst
aufsuchen und anziehen, doch darf dies beileibe nicht so aufgefaßt
werden, als ob damit auch nur im entferntesten eine Sonderung
verschiedener Gesellschaftsschichten nach Berufen verbunden wäre. Das
allgemeine Bildungsniveau ist ein so hohes, das Interesse an den
erhabensten Problemen der Menschheit auch unter den Handarbeitern so
verbreitet, daß Gelehrte, Künstler, hohe Beamte die mannigfaltigsten
geistigen und gemütlichen Berührungspunkte auch mit Fabrik- oder
Feldarbeitern finden.
Dies ist umsomehr der Fall, als eigentlich eine Scheidung von Kopf- und
Handarbeitern sich hierzulande gar nicht streng durchführen läßt. Der
Handarbeiter von heute kann morgen durch die Wahl seiner Genossen
Betriebsleiter, also Kopfarbeiter werden, und umgekehrt gibt es unter
den Handarbeitern ungezählte Tausende, die ursprünglich einen anderen
Beruf gewählt und die für diesen erforderlichen höheren Studien
absolviert hatten, dann aber -- sei es, weil ihre geistigen Fähigkeiten
sich als nicht vollkommen ausreichend erwiesen, sei es, weil ihre
Geschmacksrichtung wechselte -- die Feder mit dem Werkzeug vertauschten.
So hat z. B. ein anderer Hausfreund der Familie Ney sein mehrere Jahre
hindurch zu allgemeiner Zufriedenheit verwaltetes Amt als Arzt
niedergelegt und sich der Gärtnerei gewidmet, weil er fand, daß dieser
ruhige Beruf ihn weniger von seinem Lieblingsstudium, der Astronomie
abziehe, als die ärztliche Thätigkeit. Um sich als Astronom zu ernähren,
dazu reichten seine Kenntnisse und Fähigkeiten nicht aus, und da ihm
einigemal widerfahren war, von interessanten Beobachtungen zu plötzlich
des Nachts erkrankten Kindern abberufen zu werden, so zog er es vor,
seinen Haushalt durch den Ertrag von Gartenarbeit zu decken und des
Nachts ungestört seinen lieben Sternen nachzuspüren. Ein anderer Mann,
den ich hier kennen gelernt, vertauschte seine Carrière als Bankbeamter
mit der Maschinenschlosserei, lediglich weil ihm auf die Dauer die
sitzende Thätigkeit nicht behagte; er wäre wiederholt schon von den
Mitgliedern seiner Association in die Oberleitung gewählt worden, lehnte
aber stets ab, da seine Abneigung gegen Bureauarbeiten noch immer nicht
überwunden ist. Insbesondere aber ist die Zahl derjenigen sehr groß, die
irgendwelche Handarbeit mit Kopfarbeit verbinden. So allgemein
verbreitet ist in Freiland die Abneigung gegen _ausschließliche_
Kopfarbeit, daß sich die sämtlichen höheren Berufe, ja sogar die
öffentlichen Ämter darauf einrichten mußten, ihren Angehörigen
zeitweilig körperliche Berufsthätigkeit zu gestatten. Die Buchhalter und
Korrespondenten der Associationen sowohl als der Centralbank, die
Lehrer, Beamten und sonstigen Angestellten welcher Art immer, haben das
Recht, außer den der Erholung gegönnten zweimonatlichen Ferien auch noch
beliebigen Urlaub von längerer oder kürzerer Dauer zu verlangen und die
Zeit desselben durch anderweitige Erwerbsthätigkeit auszufüllen.
Natürlich wird diese außerordentliche Urlaubszeit vom Gehalte in Abzug
gebracht, was jedoch die weitaus größere Hälfte all' dieser
Bureauarbeiter nicht hindert, in Zwischenpausen von zwei bis drei Jahren
je einige Monate hindurch als Fabrikarbeiter, Bergleute, Landbauer,
Gärtner u. dgl. sich vom Einerlei ihrer gewohnten Berufsthätigkeit zu
erholen. Ein mir bekannter Bureauchef der Centralverwaltung arbeitet
jedes zweite Jahr acht Wochen lang in einer anderen Mine des Aberdare-
oder Baringo-Distrikts; er hat -- wie er mir erzählte -- bis jetzt den
Kohlen-, Eisen-, Zinn-, Kupfer- und Schwefelbau praktisch durchgenommen
und freut sich jetzt auf den bevorstehenden Kursus in den Salzwerken von
Elmeteita.
Angesichts dieser allgemeinen und durchgängigen wechselseitigen
Durchdringung von gewöhnlichster körperlicher und höchster geistiger
Thätigkeit kann selbstverständlich von irgendwelchen Standes- oder
Klassenunterschieden nirgend die Rede sein. Die hiesigen Ackerbauer sind
gerade so geachtete, selbstbewußte Gentlemen, wie die Gelehrten,
Künstler oder hohen Beamten, und nichts steht dem im Wege, sie im Salon
als gute Kameraden zu behandeln, sofern die Charaktere und die
Geistesrichtungen harmonieren.
Insbesondere aber sind die Frauen -- anderwärts die hauptsächlichen
Vertreterinnen aristokratischer Absonderung -- hierzulande Förderinnen
vollständiger Verschmelzung aller Bevölkerungsschichten. Die
freiländische Frau steht beinahe ausnahmslos auf einer sehr hohen Stufe
ethischer und geistiger Bildung. Losgelöst von jeglicher materiellen
Sorge und Arbeit, ist es ihr alleiniger Beruf, sich zu veredeln, ihr
Verständnis für alles Gute und Erhabene zu schärfen. Da sie sich der
entwürdigenden Notwendigkeit enthoben sieht, im Manne einen Ernährer zu
suchen, mit ihrem Werte auf sich selber gestellt und nicht von der
äußeren Lebensstellung des Mannes abhängig ist, so fehlt ihr jener
exklusive Hochmut, der überall dort sich einfindet, wo wirkliche Vorzüge
fehlen. Sind doch die Frauen der sog. besseren Stände bei uns daheim
meist nur deshalb so schroff abweisend ihren vom Glücke minder
begünstigten Schwestern gegenüber, weil sie des instinktiven Gefühls
nicht ledig werden, daß diese sehr gut ihren Platz ausfüllen und sie
selber mitunter in deren dienende Stelle passen würden, wenn sie die
Ehegatten vertauscht hätten. Und auch, wenn dem nicht so ist, wenn die
europäische »Dame« wirklich höheren ethischen und geistigen Wert
besitzt, so muß sie sich doch sagen, daß ihre Stellung im Urteile der
Welt weniger von diesen ihren eigenen Eigenschaften, als von Rang und
Stellung des Mannes abhänge, also vom Werte eines Dritten, der ebensogut
jede Andere auf den erborgten Thron hätte setzen können. Schopenhauer
hat nicht ganz Unrecht: die Frauen betreiben zumeist das gleiche
Gewerbe: die Männerjagd, und Konkurrenzneid ist es, was ihrem Hochmut zu
Grunde liegt. Nur vergißt er hinzuzufügen, oder vielmehr er weiß wohl
selber nicht, daß dieses den Frauen gemeinsame, von ihm mit so herbem
Spotte gegeißelte Gewerbe mit all seinen häßlichen Folgeübeln ihnen
durch ihre Rechtlosigkeit aufgenötigt und keineswegs mit ihrer Natur
untrennbar verknüpft ist.
Die hiesigen Frauen, die frei und gleichberechtigt sind in der
höchsten Bedeutung des Wortes, kennen diesen Hochmut auf äußere
Lebensverhältnisse nicht. Selbst wenn Beruf oder Reichtum des Gatten
hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründen könnten, sie
würden dieselben niemals anerkennen, sondern sich in ihrem Umgange
lediglich von persönlichen Eigenschaften bestimmen lassen. Die
geistreichste, liebenswürdigste Frau ist es, deren Freundschaft von
ihnen am eifrigsten gesucht wird, gleichviel, welche Stellung der Gatte
einnehmen mag. Du begreifst also, daß Frau Moro ihren Mann wählen
konnte, ohne sich in der hiesigen »Gesellschaft« das Geringste zu
vergeben.
Da wir gerade mit diesem Thema beschäftigt sind, laß mich die
Gelegenheit benützen, einige Worte über das Wesen der hiesigen
Geselligkeit nachzutragen. Dieselbe ist überaus lebhaft; die bekannten
Familien versammeln sich beinahe jeden Abend in zwanglosen Cirkeln, in
denen geplaudert, musiciert, vom jungen Volke wohl auch getanzt wird.
Soweit wäre dabei nichts besonderes; ihren ganz eigentümlichen, dem
Fremden anfangs schier unbegreiflichen Reiz aber erhält diese
Geselligkeit durch den sie durchwehenden Ton höchster Freiheit im
Vereine mit reinstem Adel und tadelloser Feinheit. Nachdem ich sie
einigemale gekostet, dürstete ich förmlich nach den Freuden dieser
Zusammenkünfte, ohne mir anfangs Rechenschaft geben zu können über die
Natur des Zaubers, den sie auf mich übten. Schließlich bin ich zu der
Überzeugung gelangt, daß es in erster Linie jene Atmosphäre wahrer
Menschenliebe sein müsse, die in Freiland alles umfängt, was hier den
geselligen Verkehr zu einem so genußreichen gestaltet.
Europäische Gesellschaften sind im Grunde doch nichts anderes, als
Maskeraden, bei denen alle Welt sich gegenseitig belügt; Zusammenkünfte
von Feinden, die das Böse, das sie sich gegenseitig wünschen, unter
höflichen Grimassen zu verbergen suchen, ohne jedoch dadurch irgendwen
ernstlich zu täuschen. Und dies ist in einer ausbeuterischen
Gesellschaft anders gar nicht möglich, denn in dieser ist
Interessengegensatz die Regel, wahre Interessensolidarität eine höchst
seltene und bloß zufällige Ausnahme; seinen Nebenmenschen wirklich zu
lieben, ist bei uns eine Tugend, zu deren Übung ein nicht gerade
alltägliches Maß von Selbstverleugnung gehört, und Jedermann weiß daher,
daß neun Zehnteile dieser verbindlich grinsenden Masken sofort in
bitterem Hasse über einander herfallen würden, wenn die angeborene und
anerzogene Dressur der wohlanständigen Sitte sie auch nur einen Moment
im Stiche ließe. Man hat also inmitten solcher Gesellschaften stets ein
Gefühl, welches etwa dem der unterschiedlichen Bestien gleichen mag,
welche in den Menagerien zum Ergötzen des schaulustigen Publikums in
einen gemeinsamen Käfig gesperrt, sich wohl oder übel miteinander
vertragen müssen. Der Unterschied liegt bloß darin, daß die Dressur von
uns zweibeinigen Tigern, Panthern, Luchsen, Wölfen, Bären und Hyänen
vollkommener ist, als die unserer vierbeinigen Ebenbilder; diese
umschleichen einander, ingrimmig knurrend, ihre Rauf- und Mordlust
sichtlich nur mühsam unter scheuen Seitenblicken auf die Peitsche des
Tierbändigers unterdrückend; während wir den im Herzen lauernden bösen
Willen höchstens dem aufmerksamen Beobachter durch ein tückisches
Blinzeln des Auges oder sonst eine kaum zu bemerkende Kleinigkeit
verraten. Ja, so mächtig ist die Dressur von uns zweibeinigen
Raubtieren, daß wir uns durch dieselbe zeitweilig selber täuschen
lassen; die Hyäne unter uns hat Momente, wo sie allen Ernstes glaubt,
ihr verbindliches Grinsen dem Tiger gegenüber sei ehrlich gemeint, und
wo der Tiger sich einbildet, hinter seinem leisen Knurren verberge sich
eitel Liebe und Freundschaft mit seinen Mitbestien. Aber das sind eben
nur vorübergehende Momente holden Selbstbetrugs, und im allgemeinen wird
man der Empfindung nicht ledig, sich unter natürlichen Feinden zu
befinden, die nur äußerer Zwang hindert, uns des lieben Futters halber
an die Kehle zu springen. Die Freiländer dagegen sehen sich unter
wahren, aufrichtigen Freunden, wenn sie unter Menschen sind. Sie haben
einander nichts zu verbergen, sie wollen einander weder übervorteilen,
noch gegenseitig ausnützen. Wetteifer findet allerdings auch unter ihnen
statt, aber dieser kann das Gefühl kameradschaftlichen Wohlwollens nicht
beeinträchtigen, da der Erfolg des Siegers allemal auch dem Besiegten
gute Früchte trägt. Harmlose Offenheit, ein geradezu kindliches
Sichgehenlassen ist daher allenthalben unter ihnen heimisch und das in
Verbindung mit der heiteren Lebensanschauung und geistigen
Vielseitigkeit ist es, was der hiesigen Geselligkeit so wunderbaren Reiz
verleiht.
Doch jetzt laß mich fortfahren in meinen Berichten über unsere hiesigen
Erlebnisse. Gestern sahen wir hier den ersten -- Betrunkenen. Wir -- d.
h. mein Vater und ich -- hatten in Begleitung Davids nach dem Diner eine
kleine Promenade am Edensee gemacht, an dessen Ufern bekanntlich die
meisten der Edenthaler Hotels gelegen sind; eben als wir wieder
heimkehren wollten, begegnete uns ein Trunkener, der wankend auf uns
zukam und lallend nach einem der Gasthöfe fragte. Es war sichtlich ein
erst kürzlich eingetroffener Einwanderer. David bat uns, die wenigen
Schritte nach Hause allein zurückzulegen, nahm den Betrunkenen unter den
Arm und führte ihn nach seinem Gasthofe; ich schloß mich diesem
Liebeswerke an, während mein Vater heimkehrte. Als auch wir anlangten,
fanden wir ihn im lebhaftesten Gespräche mit Frau Ney über dieses kleine
Abenteuer. »Denke nur,« rief er mir zu, »Madame behauptet, wir könnten
uns rühmen, einer der in diesem Lande seltensten Sehenswürdigkeiten
begegnet zu sein; sie ihrerseits habe während der 25 Jahre ihres
Aufenthalts in Freiland bloß drei Trunkene bemerkt, und sie sei
überzeugt, daß Edenthal zur Stunde sicherlich keinen zweiten Menschen in
seinen Mauern beherberge, der jemals bis zur Sinnlosigkeit tränke! Ihr
Freiländer« -- so wandte er sich nun an David -- »seid doch sicherlich
keine Temperenzler; Euer Bier und Palmwein ist vorzüglich, Euere Weine
lassen nichts zu wünschen übrig, und Ihr scheint mir nicht die Leute,
diese guten Dinge bloß zum Gebrauche etwaiger Gäste in Bereitschaft zu
halten; sollte es Euch also wirklich niemals widerfahren, daß Ihr ein
klein wenig über den Durst tränket?«
»Und doch ist dem so, wie meine Mutter sagt. Wir trinken gern einen
guten Tropfen und gönnen uns einen solchen nicht gerade selten; auch
will ich nicht leugnen, daß bei festlichen Gelegenheiten die
Begeisterung des Weines hie und da in ziemlich hellen Flammen
emporschlägt; ein sinnlos trunkener Freiländer gehört aber trotzdem zu
den allerseltensten Erscheinungen. Wenn Sie das gar so sehr Wunder
nimmt, so werfen Sie sich doch die Frage auf, ob denn in Europa und
Amerika gesittete und gebildete Menschen sich zu betrinken pflegen. Das
geschieht, wie ich weiß, auch bei Ihnen bloß in den seltensten Fällen,
obwohl dort die öffentliche Meinung in diesem Punkte minder streng ist,
als hierzulande. In Freiland aber gibt es keinen Pöbel, der im Rausche
Vergessenheit seines Elendes suchen müßte, und das Beispiel dieses
Pöbels kann daher auch nicht dazu dienen, an den Anblick dieses
erniedrigendsten aller Laster zu gewöhnen.«
»Daß ihr Freiländer gegen dieses Laster gefeit seid, nimmt uns auch
nicht gar so sehr Wunder,« entgegnete mein Vater. »Aber ihre verehrte
Mama erklärte uns, daß auch unter den Eingewanderten Trunkenbolde so rar
sind, wie weiße Raben. Nun ist mir nicht bekannt, daß an den Grenzen
Ihres Landes Mäßigkeitsapostel Wache halten; die Einwanderer gehören zum
Teil jedenfalls solchen Rassen und Klassen an, die in ihrer alten Heimat
dem Trunke -- und zwar dem Trunke in seiner häßlichsten Bedeutung --
keineswegs abgeneigt sind; was veranlaßt diese Leute hier, sich solcher
Enthaltsamkeit zu befleißigen?«
»Zunächst der Wegfall jener Gründe, die in Europa und Amerika zum Trunke
verleiten. Ich habe mich gelegentlich meiner europäischen Studienreise,
die nicht bloß der Kunst, sondern auch dem Leben Ihres Landes gewidmet
war, in den Höhlen der Armut umgesehen und dort Verhältnisse gefunden,
die es geradezu wunderbar erscheinen ließen, wenn die inmitten derselben
Lebenden nicht in der Schnapsflasche Vergessenheit ihrer Marter, ihrer
Schmach, ihrer Entwürdigung gesucht hätten. Ich sah Menschen, die zu
zwanzig und dreißig -- alle Altersklassen und Geschlechter bunt
durcheinander gewürfelt -- in _einem_ Gemache schliefen, welches gerade
nur soviel Raum bot, daß die Insassen dichtgedrängt auf der eklen, den
Boden bedeckenden Streu Unterkunft fanden; Menschen, die tagsüber kein
anderes Heim hatten, als den Fabriksaal -- oder die Schenke. Und das
waren nicht etwa brotlose, sondern in regelmäßiger Arbeit stehende
Leute, und nicht vereinzelte Ausnahmen, sondern Typen der Arbeiterschaft
großer Landstriche. Daß solche Menschen in viehischer Betäubung Rettung
suchen gegen die Erinnerungen ihrer Entbehrungen, der Schande ihrer
Weiber und Töchter, daß sie das Bewußtsein ihrer Menschenwürde
verlieren, das hat mich niemals in Erstaunen und noch weniger in
Entrüstung versetzt; diese beiden Gefühle kehrten sich bloß gegen den
Unverstand, der solchen Jammer ruhig gewähren läßt, als wäre er in
Wahrheit der Ausfluß eines unwandelbaren Naturgesetzes. Und eben so
natürlich finde ich, daß diese selben Menschen hier, wo sie ihre Würde
und ihr Recht zurückerlangt haben, wo ihnen sorglose, schöne
Lebensfreude allenthalben entgegenlacht, zugleich mit dem Elend auch das
Laster des Elends abstreifen. Diese neuen Ankömmlinge stürzen sich alle
mit wollüstiger Gier in den Umgang mit uns; sie können es meist gar
nicht erwarten, ganz und vollständig unseresgleichen zu werden; je
elender, entwürdigter sie zuvor gewesen, desto grenzenloser ist ihr
Entzücken, ihr Dankgefühl, sich hier von Jedermann als Seinesgleichen
betrachtet zu sehen; um keinen Preis würden sie der Achtung ihrer neuen
Genossen verlustig werden, und da diese den Trunk allgemein meiden, so
trinken sie eben auch nicht.«
»Du hast uns erklärt, warum Ihr keine Trunkenbolde hierzulande habet« --
nahm nunmehr ich das Wort. »Aber noch um vieles wunderbarer erscheint
mir, daß Euer Grundsatz, jedem Arbeitsunfähigen -- er mag es aus welchem
Grunde immer sein -- einen Versorgungsanspruch einzuräumen, Euch nicht
mit Krüppeln und Greisen sonder Zahl überflutet. Oder gibt es
irgendwelche, uns noch unbekannte Einrichtungen, welche Euch gegen
solche Gäste schützen? Und in welcher Weise erwehrt Ihr Euch, ohne
peinlich inquisitorische Kontrolle, jener Trägen, die das
Versorgungsrecht der wirklich Arbeitsunfähigen erschleichen wollen, um
dem Müssiggange fröhnen zu können? Werden hinsichtlich der
Versorgungsansprüche vielleicht Unterschiede zwischen Einheimischen und
Eingewanderten gemacht, und was ist zur Geltendmachung eines solchen
Anspruches vonnöten?«
»Hinsichtlich der Versorgungsansprüche wird keinerlei Unterschied
gemacht, und zu deren Geltendmachung genügt das Krankheitszeugnis eines
unserer Ärzte, oder der Ausweis des zurückgelegten 60. Jahres. Bei
Ausstellung der Krankheitsatteste wird prinzipiell mit der größten
Liberalität vorgegangen, ja es hat Jedermann das Recht, für den Fall,
daß ihm der eine Arzt das Zeugnis verweigern sollte, sich nach Belieben
einen anderen auszusuchen, da wir es grundsätzlich vorziehen, lieber
zehn träge Simulanten zu füttern, als einen wirklich Kranken abzuweisen.
Trotzdem gibt es bei uns ebensowenig fremde, als einheimische
Müssiggänger von Beruf. Auch hier erweist sich der Einfluß unserer
Institutionen als genügend mächtig, um alle derartigen Gelüste im Keime
zu ersticken. Beachte vor allem, daß der Neueingewanderte den obersten
Ehrgeiz hat, Unseresgleichen zu werden, sich uns anzuschließen; zu
diesem Behufe muß er, ist er anders gesund und kräftig, an unseren
Geschäften teilnehmen. Der kennt die menschliche Natur schlecht, der da
glaubt, Proletarier, die sich noch einen Rest von Menschenwürde
gerettet, würden, wenn sie Gelegenheit haben, als gleichberechtigte,
selbstherrliche Männer in blühende, mächtige Geschäfte einzutreten,
darauf verzichten und es vorziehen, sich von Gesamtheitswegen füttern zu
lassen. Die Ankömmlinge _wollen_ an allem teilnehmen, was hierzulande zu
erlangen und zu leisten ist; es bedarf in neunundneunzig unter hundert
Fällen keines anderen Anreizes zur Arbeit für sie. Jene Wenigen aber,
denen dieser Sporn nicht genügt, finden sich, ist erst einmal die erste
Zeit des Schauens und Hörens vorbei, sehr rasch durch Langeweile und
Vereinsamung genötigt, irgend eine fruchtbare Thätigkeit zu wählen. Wir
haben hier kein Wirtshausleben im abendländischen Sinne, keine
Geselligkeit gewohnheitsmäßiger Müssiggänger; man _muß_ hier eben
arbeiten, um sich behaglich zu fühlen, und so arbeitet denn Alles, was
arbeitsfähig ist. Die verstockteste Trägheit und Indolenz kann höchstens
durch einige Wochen dem Zauber des Gedankens Stand halten, daß man, um
den Ersten des Landes als Seinesgleichen die Hand schütteln zu dürfen,
keines anderen Ehren- und Machttitels bedürfe, als einiger ehrlicher
Arbeit. Kräftige, gesunde Müssiggänger sind also auch unter den
Eingewanderten geradezu verschwindende Ausnahmen, die wir resigniert als
eine Art geistiger Krankheitsfälle über uns ergehen lassen. Darben aber
dürfen bei uns auch diese Trägen nicht. Sie erhalten, ohne daß ihnen ein
besonderes Recht eingeräumt wird, alles, was sie brauchen und zwar nach
europäischen Begriffen überreichlich.
»Was nun die Frage anlangt, ob das Institut der Versorgungsrechte nicht
geradezu alles ins Land locke, was die übrige Welt an körperlich und
geistig Invaliden, an Krüppeln und Greisen besitze, so kann ich darauf
nur antworten, daß Freiland Jedermann unwiderstehlich anlockt, der
nähere Kunde von seinen Einrichtungen erhalten hat, und daß daher das
Verhältnis zwischen arbeitstüchtigen und arbeitsuntüchtigen Einwanderern
lediglich davon abhängt, ob solche Kunde leichter und rascher zu
ersteren oder zu letzteren gelangt. Wir weisen niemand zurück und
befördern den lahmen Krüppel ebenso unentgeltlich in unser Land, wie den
rüstigsten Arbeiter; aber es liegt in der Natur der Sache, daß die
Tüchtigsten, Regsamsten sich in stärkerer Zahl melden, als die Armen an
Geist und Körper.
»Auf der Forderung, daß jeder Einwanderer des Lesens und Schreibens
kundig sein müsse, um all' unserer Rechte teilhaftig zu werden, bestehen
wir seit Gründung des Gemeinwesens. Freiheit und Gleichberechtigung
setzen ein gewisses Ausmaß von Kenntnissen voraus, welche wir niemand
erlassen _können_. Freilich bliebe uns der Ausweg, die Unwissenden zu
bevormunden; aber damit wäre den Behörden ein Wirkungskreis eingeräumt,
den wir für unvereinbar mit wahrer Freiheit halten, und wir behandeln
daher Einwanderer, die Analphabeten sind, als Fremdlinge, oder wenn man
so will, als Gäste, die nach Möglichkeit zu fördern jedermanns
Menschenpflicht ist, die in materieller Beziehung, sofern sie sich
leistungsfähig erweisen, den Einheimischen gegenüber keineswegs verkürzt
werden, die jedoch keinerlei politisches Recht auszuüben vermögen.«
»Wie aber«, so fragte mein Vater, »konstatieren Sie diese geistige
Beschaffenheit Ihrer unwissenden Landesgenossen? Existiert zu diesem
Behufe eine besondere Behörde, und ergeben sich keine Unzukömmlichkeiten
bei solcher Inquisition?«
»Wir inquirieren nicht, und keine Behörde kümmert sich um das Wissen der
Leute. Anfänglich übten wir, um nicht von fremder Unwissenheit
überflutet zu werden, die Vorsicht, Analphabeten von der unentgeltlichen
Beförderung nach Freiland auszuschließen; wir haben vor 19 Jahren auch
das fallen gelassen. Jedermann, ohne jegliche Ausnahme, wird seither
unentgeltlich bis an jeden ihm beliebigen Punkt Freilands befördert;
niemand befragt ihn auch hier um den Stand seines Wissens; es steht ihm
frei, von allen unseren Einrichtungen vollen Gebrauch zu machen, alle
unsere Rechte auszuüben -- nur muß er dies in derselben Weise thun, wie
wir -- und das ist dem Analphabeten eben unmöglich. Wohin er sich wenden
mag, bei der Centralbank, bei allen Associationen, in allen Wahlbureaus,
muß er lesen, schreiben -- und zwar der Natur der Sache nach meist mit
Verstand schreiben -- sich in Gedrucktem und Geschriebenem
zurechtfinden, kurz, ein gewisses Maß von Bildung haben, welches wir ihm
nicht erlassen könnten, auch wenn wir wollten.«
»Dann ist aber«, meinte mein Vater, »Ihre berühmte Gleichberechtigung
doch nur für einigermaßen gebildete Leute vorhanden?«
»Selbstverständlich« -- erklärte nun Frau Ney. »Oder glauben Sie
wirklich, daß vollkommen Unwissende die Fähigkeit besitzen, sich selber
zu regieren? Jawohl, wirkliche Freiheit und Gleichberechtigung hat einen
gewissen Grad von Civilisation zur unerläßlichen Voraussetzung. Die
Freiheit und Gleichberechtigung der Armut und Barbarei, diese allerdings
lassen sich auch von unwissenden Horden ins Werk setzen; Reichtum und
Muße aber sind Produkte hoher Kunst und Kultur, sie können nur von
wirklichen Kulturmenschen genossen werden. Wer die Menschen frei und
reich machen will, der muß ihnen zuvor Wissen beibringen -- das liegt
nun einmal in der Natur der Sache, und nicht unsere, sondern Euere
Schuld ist es, daß so Viele Eurer Volksgenossen zur Freiheit erst noch
erzogen werden müssen.«
»Da haben Sie abermals Recht«, seufzte mein Vater. »Nun, und welche
Erfahrungen machen Sie mit diesen eingewanderten Analphabeten?«
»Die Erfahrung, daß diese Ausschließung von vollkommener
Gleichberechtigung, gerade weil sie mit keinerlei materieller
Benachteiligung verknüpft ist, als schlechthin unwiderstehlicher Antrieb
zu möglichst raschem Nachholen des in der alten Heimat Versäumten wirkt.
Wir haben zu Nutz und Frommen solcher Einwanderer besondere Schulen für
Erwachsene eingerichtet; auch Nachbarn und gute Freunde nehmen sich
ihrer an und die Leute lernen mit geradezu rührendem Eifer. Sie begnügen
sich keineswegs mit der mechanischen Aneignung jenes Ausmaßes von
Kenntnissen, dessen sie zu Ausübung aller freiländischen Rechte gerade
bedürfen, sondern sind redlich bemüht, sich möglichst vollständiges
Wissen zu erwerben, und es sind wenige Fälle bekannt, wo aus solchen
Einwanderern in kurzer Zeit nicht ganz gebildete Menschen geworden
wären.«
»Und was schließlich die hier wirklich als Invaliden anlangenden
Einwanderer betrifft«, nahm jetzt wieder David das Wort, »so üben wir
diesen gegenüber die Versorgungspflicht in der nämlichen Weise, als ob
sie in freiländischen Werkstätten alt und schwach geworden wären. Eine
merkliche Belastung unseres Budgets haben wir davon nicht verspürt.
Charakteristisch ist übrigens, daß die invaliden Eingewanderten meist
nur unvollständigen Gebrauch von dem ihnen eingeräumten
Versorgungsrechte machen; diese Bedauernswerten gewöhnen sich in der
Regel nur allmählich an das sich ihnen hier bietende Ausmaß höherer
Genüsse, und sie wissen daher anfangs keine Verwendung für den auf sie
einstürmenden Reichtum.«
»Jetzt bitte ich Sie, noch _ein_ Bedenken zu zerstreuen, wie mir
scheint, das wichtigste. -- Was ist's mit Verbrechern, gegen deren
Einwanderung Sie doch auch nicht geschützt sind? Erscheint mir schon
höchst merkwürdig, daß Sie ohne Polizei und Strafeinrichtungen mit den
Millionen Ihrer freiländischen Bevölkerung auskommen, so kann ich
vollends nicht begreifen, wie Sie mit jenen Strolchen und Verbrechern
fertig werden wollen, welche durch die ihnen hier winkende Milde, die
auch den Verbrecher nicht strafen, bloß bessern will, doch angelockt
werden sollten, wie Wespen vom Honig. Nun haben Sie uns allerdings
erzählt, daß die zur Entscheidung der Civilstreitfälle eingesetzten
Friedensrichter auch in Criminalsachen als erste Instanz zu fungieren
haben, und daß von diesen der Appell an höhere Richterkollegien zulässig
sei; Sie fügten jedoch hinzu, daß diese Richter allesamt so gut wie
nichts zu thun haben und nur in höchst seltenen Ausnahmefällen das
hierzulande übliche Besserungsverfahren zu verhängen in die Lage kommen.
Wirken thatsächlich Ihre Institutionen so besänftigend auch auf
verstockte Verbrechergemüter?«
»Allerdings«, antwortete Frau Ney. »Und wenn Sie ruhig erwägen, welches
die eigentliche und letzte Quelle aller Verbrechen ist, so werden Sie
das auch ganz begreiflich finden. Vergessen Sie doch nicht, daß Recht
und Gesetz in der ausbeuterischen Gesellschaft Anforderungen an das
Individuum stellen, die der menschlichen Natur geradezu entgegenlaufen.
Der Hungernde und Frierende soll vorübergehen an fremdem Überflusse,
ohne sich davon anzueignen, wessen er zur Befriedigung seines
unabweislichen Bedürfnisses bedarf, ja ohne Neid und Mißgunst gegen die
Glücklicheren zu empfinden, die reichlich besitzen, was er so grausam
entbehrt! Er soll seinen Nebenmenschen lieben, trotzdem dieser gerade
auf jenem Gebiete, wo Interessenkonflikte am unversöhnlichsten sind,
weil sie die Grundlagen der ganzen Existenz berühren, sein Nebenbuhler,
sein Zwingherr oder sein Sklave, für alle Fälle aber sein Feind ist, aus
dessen Nachteil er Vorteil zieht und aus dessen Vorteil ihm Nachteil
erwächst! Daß all' dies Jahrtausende hindurch unerbittliche
Notwendigkeiten waren, läßt sich freilich nicht leugnen; aber thöricht
wäre es, zu übersehen, daß derselbe grausame Zusammenhang, welcher die
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, also das Unrecht, zur
Voraussetzung des Kulturfortschrittes machte, auch das Verbrechen, d. h.
die Auflehnung des gemarterten Individuums gegen die zum Wohle der
Gesamtheit unerläßliche schreckliche Ordnung, erst ins Leben rief. Die
ausbeuterische Weltordnung verlangt vom Individuum, daß es thue, was ihm
schadet, weil das Wohl der Gesamtheit es so erfordert, und sie verlangt
dies nicht etwa als besonders anerkennenswerte, hervorragende Leistung,
die bloß einzelnen edlen Naturen zugemutet werden dürfe, in denen der
Gemeinsinn jegliche Regung des Egoismus unterdrückt hat, sondern als
etwas bei jedermann stets und überall Selbstverständliches, dessen Übung
nicht Tugend, sondern dessen Unterlassung Verbrechen genannt wird. Auch
der Held, der sein Leben dem Vaterlande, der Menschheit opfert,
unterordnet sein Einzelinteresse dem Wohle einer höheren Gesamtheit, und
niemals wird die Menschheit auf solche Opferthaten verzichten können,
immer wird sie von ihren Edelsten verlangen, daß die Liebe zur Gattung
den Sieg davon trage über die Liebe zum eigenen kleinen Ich, ja es darf
ohne weiteres als logisches Ergebnis fortschreitender Kultur bezeichnet
werden, daß diese Forderung stets gebieterischer im Busen des Menschen
sich geltend machen und dort stets freudigeren Gehorsam finden wird.
Aber der Name dieses Gehorsams ist »Heroismus«, sein Mangel noch kein
Verbrechen; er kann nicht erzwungen werden, sondern ist ein freiwilliger
Liebestribut groß angelegter Naturen. Auf wirtschaftlichem Gebiete aber
wird ähnlicher, ja schwerer zu übender Heldenmut dem Letzten und
Elendesten, ja diesem in erster Reihe zugemutet, muß ihm, so lange
Ausbeutung die Grundlage der Gesellschaft ist, zugemutet werden, und
»Verbrecher« heißen dann alle Jene, die sich minder groß erweisen, als
ein Leonidas, Curtius oder Winkelried auf dem Schlachtfelde, oder als
jene meist ungenannten Heroen der Menschenliebe, die ihr Leben im Kampfe
gegen feindliche Naturmächte zaglos zum Opfer brachten, wenn die heilige
Stimme in ihnen, die Stimme der Nächstenliebe, es forderte.
»Wir in Freiland aber verlangen von niemand zwangsweise solchen
Heldenmut. Auf wirtschaftlichem Gebiete muten wir dem Individuum nichts
zu, was seinem eigenen Interesse widerspricht, es ist daher nur
selbstverständlich, daß es sich niemals gegen unsere Rechtsordnung
empört. Bei uns ist Wahrheit, was unter der Herrschaft der alten Ordnung
bloß selbstgefällige Gedankenlosigkeit behaupten konnte, daß nämlich
wirtschaftliche Moral nichts anderes sei, als vernünftiger Egoismus. Sie
werden es also begreiflich finden, daß _vernünftige_ Menschen unsere
Rechtsordnung nicht verletzen können. Wir haben einige Dutzend
unverbesserlicher Übelthäter im Lande, dieselben sind aber ohne Ausnahme
-- unheilbare Idioten.«
Nachdem auch dieser Punkt erledigt war, erbat sich mein Vater eine
letzte Aufklärung. Er erklärte, nunmehr vollständig zu begreifen, daß
die freiländischen Institutionen, gerade weil sie nichts anderes seien,
als die konsequente Durchführung des Prinzipes der wirtschaftlichen
Gerechtigkeit, durchaus geeignet wären, jeglichem billigen und
vernünftigen Anspruche zu genügen. Nichtsdestoweniger drückte er seine
Verwunderung über die sichtlich herrschende allgemeine und ausnahmslose
Zufriedenheit mit denselben aus. Ob denn _unvernünftige_ Parteiungen
Freiland keinerlei Schwierigkeiten bereiteten? Insbesondere wollte er
wissen, ob Kommunismus und Nihilismus, die in Europa stets drohender ihr
Haupt erheben, hierzulande gar nicht zu schaffen machten. »In den Augen
eines echten Kommunisten«, so rief er, »seid Ihr hier doch nichts
weiter, als arge Aristokraten. Von absoluter Gleichheit keine Spur bei
Euch! Welchen Wert kann Euere vielberühmte Gleich_berechtigung_ in den
Augen von Leuten haben, die von dem Grundsatze ausgehen, daß jeder
Bissen Brot, den einer dem andern gegenüber voraus hat, Diebstahl sei,
und die daher, damit niemand mehr besitze, als der andere, alles
Eigentum aufheben? Und dabei keine Polizei, keine Soldaten, um diese
Tollhäusler im Zaume zu halten! Teilt doch auch uns das Recept mit, nach
welchem sich der nihilistische und kommunistische Fanatismus so
unschädlich machen läßt!«
»Nichts leichter als das« -- antwortete Frau Ney. »Machen Sie, daß
jedermann satt werde, und niemand wird dem anderen die Bissen vorzählen
wollen. Die absolute Gleichheit ist eine Hallucination des
Hungerfiebers, weiter nichts. Die Menschen sind einander _nicht_ gleich,
weder in ihren Fähigkeiten, noch in ihren Bedürfnissen; Ihr Appetit ist
stärker, als der meinige; Sie lieben vielleicht hübsche Kleider -- ich
gebe keinen Heller für dieselben; dafür bin ich vielleicht ein
Leckermaul, während Sie grobe Kost vorziehen, und so fort ohne Ende.
Welcher Menschenverstand soll nun darin liegen, unsere beiderseitigen
Bedürfnisse über denselben Leisten zu schlagen! Ich will gar nicht
untersuchen, ob es möglich ist, ob über den davon unzertrennlichen Zwang
nicht Freiheit und Fortschritt zu Grunde gehen müßten; der Zweck an sich
ist so unsinnig, daß absolut unbegreiflich wäre, wie zurechnungsfähige
Menschen auf derartige Gedanken geraten können, wenn nicht _eines_
dazwischen träte, nämlich, daß der eine von uns weder seinen starken,
noch seinen schwachen Appetit, seine Vorliebe weder für feine noch für
ordinäre Kleidung, weder für leckere noch für gewöhnliche Speisen
befriedigen kann, sondern grimmiges, brutales Elend leidet. Kommt dazu
noch der Irrtum, daß mein Überfluß an Ihren Entbehrungen die Schuld
trägt, so wird es begreiflich, daß Sie und diejenigen, die Mitleid mit
Ihren Leiden haben, nach Teilung, nach vollkommen gleichmäßiger Teilung
rufen. Mit einem Worte, der Kommunismus hat keine andere Quelle, als die
Erkenntnis des grenzenlosen Elends der überwiegenden Mehrzahl aller
Menschen, verknüpft mit der falschen Anschauung, daß es der thatsächlich
vorhandene Reichtum Einzelner sei, aus welchem allein die Linderung
dieses Elends geschöpft werden könne. Diese letztere Meinung ist nun
allerdings eine unbegreifliche Thorheit, denn man braucht nur die Augen
zu öffnen, um zu sehen, welch kümmerlicher Gebrauch von den so reichlich
vorhandenen Fähigkeiten, Reichtümer zu erzeugen, gemacht wird; aber
nicht die Kommunisten sind es, welche diese Thorheit ausheckten; Euere
orthodoxe Ökonomie hat die Lehre in Umlauf gebracht, daß gesteigerte
Ergiebigkeit der Arbeit die vorhandenen Werte nicht zu vermehren
vermöge, sie, nicht der Kommunismus war es, was die Menschheit blind
machte gegen den wahren Zusammenhang der wirtschaftlichen Vorgänge;
Kommunisten sind in Wirklichkeit nichts anderes, als gläubige Anhänger
der sogenannten »Grundwahrheiten« orthodoxer Ökonomie und der einzige
Unterschied zwischen der bei Euch herrschenden Partei und ihnen liegt
lediglich darin, daß sie hungrig sind, während jene satt ist. Mit der
Erkenntnis, daß es nur der vollkommenen Gleich_berechtigung_ bedürfe,
_um Überfluß für alle zu schaffen_, verfliegt der Kommunismus ganz von
selbst wie ein böser, beängstigender Traum. Man kann verlangen -- wenn
auch nicht durchführen -- daß alle Menschen auf gleiche Brotrationen
gesetzt werden, so lange man glaubt, daß der gemeinsame Reichtum, von
dem wir alle zehren müssen, eben nicht weiter als fürs liebe Brot
reiche; denn satt werden wollen wir doch alle. Zu verlangen, daß jedem
die gleiche Sorte und Menge Braten, Backwerk und Konfekt aufgezwungen
werde, nachdem sich herausgestellt hat, daß genug für alle auch von
diesen guten Dingen vorhanden sein könnte, wäre schlechthin läppisch. Es
gibt daher bei uns keine Kommunisten und kann keine geben.
»Aber auch der Nihilismus ist aus dem gleichen Grunde in Freiland
unmöglich, denn auch er ist nichts anderes, als eine durch die
Verzweiflung des Hungers hervorgerufene Hallucination, die nur auf dem
Boden der orthodoxen Weltanschauung gedeihen kann. Ist der Kommunismus
die Nutzanwendung, welche der Hunger aus dem Lehrsatze zieht, daß die
Arbeit der Menschheit nicht ausreiche, um Überfluß für Alle zu erzeugen,
so kann man den Nihilismus als die Schlußfolgerung der Verzweiflung aus
jener anderen Lehre ziehen, daß Kultur und Civilisation unvereinbar
seien mit wirtschaftlicher Gleichberechtigung. Die Orthodoxie ist's,
welche auch dieses Dogma in Umlauf gebracht hat; allerdings hält sie,
als die Wortführerin der Satten, auch hier keine andere Schlußfolgerung
für denkbar, als diejenige, daß die auf ewig enterbten Massen sich im
Interesse der Civilisation resigniert in ihr Schicksal fügen müßten; die
Partei der Hungrigen aber wendet sich in wütendem Grimme gegen diese
Civilisation, von welcher selbst ihre Anhänger behaupten, daß sie der
ungeheuern Mehrzahl der Menschen niemals helfen könne und die deshalb
für diese keinen anderen Effekt hat, als den einer Steigerung der
_Empfindung_ des Elends. _Wir_ haben den Beweis erbracht, daß
Civilisation nicht bloß vereinbar, sondern geradezu die Voraussetzung
der wirtschaftlichen Gleichberechtigung ist -- auch der Nihilismus muß
also hierzulande unbekannt sein.«
»Sie glauben also«, nahm ich das Wort, »daß die Gleichheit des
thatsächlichen Einkommens mit der Gleich_berechtigung_ nichts zu thun
habe? Ich meinerseits muß gestehen, daß mir jene nutzlose Anhäufung
überflüssiger Reichtümer, die wir in unserer abendländischen
Gesellschaft zu beobachten Gelegenheit haben, an und für sich
widerwärtig geworden ist, auch wenn ich mich überzeugt habe, daß das
Elend der Massen weder in diesem Überflusse einer kleinen Minderzahl
seinen letzten Grund habe, noch sich durch Verteilung dieses Überflusses
wesentlich lindern ließe. Eine gesellschaftliche Ordnung, welche diese
geilen Überschüsse nicht beseitigt, wird in meinen Augen immer
unvollkommen bleiben, mag sie im übrigen noch so ausreichend für den
Wohlstand Aller Sorge tragen.«
»Auch ich kann dieses Gefühles nicht ganz Herr werden«, meinte mein
Vater. »Aber ich bin der Ansicht, daß in dieser Auflehnung gegen die
Ungleichheit an sich, denn doch nichts anderes zu suchen sein dürfte,
als die sittliche Empörung, welche in jedem unbefangen denkenden
Menschen gegen die bisherigen _Ursachen_ der Ungleichheit Wurzel
geschlagen hat. Wir sehen bei uns zu Hause, daß große Vermögen fast
niemals in hervorragenden individuellen Anlagen, sondern regelmäßig bloß
in der Ausbeutung der Nebenmenschen ihren Entstehungsgrund haben, und
daß sie ebenso regelmäßig zu neuer Ausbeutung benutzt werden. Das ist's,
was uns dagegen einnimmt. Könnten noch so große Vermögen bloß durch
hervorragende persönliche Fähigkeiten entstehen und vermöchte man sie zu
nichts anderem zu gebrauchen, als zur Steigerung der individuellen
Genüsse, wie dies in Freiland alles zutrifft, so würde auch die nicht
hinwegzuleugnende Abneigung gegen dieselben rasch aufhören. Was ist
übrigens die Meinung unserer liebenswürdigen Wirtin über diesen Punkt?«
»Der Widerwille gegen übergroße Vermögen« -- erklärte diese -- »ist
meines Erachtens nicht bloß in der ungerechten Quelle und Verwendung
derselben zu suchen, sondern liegt tiefer, in der Erkenntnis nämlich,
daß von sehr vereinzelten Ausnahmen abgesehen, die Verschiedenheiten in
den Fähigkeiten der Menschen nicht so einschneidend sind, um so
gewaltige Differenzen des Reichtums genügend zu rechtfertigen. Der
Reichtum einer hochkultivierten Gesellschaft besteht zu derart
überwiegendem Teile aus den Hinterlassenschaften der Vergangenheit und
zu verhältnismäßig so geringem Teile aus den ureigenen Leistungen der
einzelnen Individuen, daß ein gewisser Grad der Gleichheit -- nicht bloß
der Rechte, sondern auch der thatsächlichen Genüsse -- allerdings im
Wesen der Sache begründet und ein Gebot der Gerechtigkeit ist. Jeder
Fortschritt der Kultur ist gleichbedeutend mit fortschreitender
Ausgleichung der Differenzen der Leistungsfähigkeit. Denken Sie sich
zurück in den Urzustand, wo das Individuum den Kampf ums Dasein der
Hauptsache nach mit den ihm angeborenen Hilfsmitteln zu Ende führen
mußte, so werden Sie finden, daß die Unterschiede sehr groß waren: bloß
der Kräftige, Gewandte, Schlaue vermochte sich zu erhalten; der minder
Begabte mußte untergehen. Als dann späterhin wachsende Kultur die
Hilfsmittel der Menschen vermehrte, dermaßen, daß auch dem minder
Fähigen möglich wurde, das zur Lebensfristung erforderliche zu erzeugen,
blieb doch der Unterschied der individuellen Leistungen anfangs sehr
groß. Der geschickte Jäger wird um ein Vielfaches reichlichere Beute
haben, als der minder geschickte; der kräftige, gewandte Ackerbauer wird
mit dem Spaten vielfach mehr richten, als der schwächliche,
schwerfällige. Schon mit Erfindung des Pfluges verringert sich diese
Verschiedenheit der Leistungen sehr wesentlich, und sie wird -- was
körperliche Fähigkeiten anlangt -- mit der Erfindung der Kraftmaschinen
beinahe auf Null reduciert. Mehr und mehr ersetzt die Maschine die
Energie der menschlichen Muskeln, mehr und mehr aber gleichzeitig auch
Witz und Erfahrung der Vorfahren die individuelle Findigkeit. Zwar so
vollständig wie auf körperlichem Gebiete treten auf geistigem die
individuellen Unterschiede nicht in den Hintergrund, aber auch sie
rechtfertigen mit nichten jene kolossalen Differenzen des Reichtums, an
welche man zu denken pflegt, wenn von »großen Vermögen« die Rede ist.
Der Arbeiter am Dampfpfluge leistet -- er mag ein Riese oder ein
Schwächling sein -- so ziemlich das nämliche; Klugheit und Umsicht der
Leitung des Produktionsprozesses kann den Ertrag noch immer
vervielfachen; eine Leistung aber, die hundertfach und tausendfach den
Wert gewöhnlicher Durchschnittsleistung überträfe, ist heutzutage nur
mehr -- dem Genie möglich, und diesem allein würde sie dem entsprechend
auch unser Billigkeitsgefühl zuerkennen.«
Damit schloß dieses Gespräch, welches mir aus dem Grunde ewig denkwürdig
bleiben wird, weil es meinen Entschluß, Freiländer zu werden, zur Reife
gebracht hat.