19. Kapitel.

Edenthal, den 11. August.

Die Mitteilungen und Aufklärungen des Direktors der freiländischen

Centralbank beschäftigten meinen Vater und mich noch lange aufs

lebhafteste. Da dieser zu den Intimen des Ney'schen Hauses zählende hohe

Funktionär für den nächsten Tag dort speiste, so bewegte sich das

Tischgespräch um verwandte Themata. Zunächst wurde von meinem Vater die

Frage aufgeworfen, in welcher Weise das freiländische Gemeinwesen der

Gefahr von _Krisen_ begegnet, die seines Erachtens hier viel

verhängnisvoller sein müßten als irgend anderwärts.

»Krisen welcher Art immer -- war die Antwort -- müßten allerdings den

ganzen Komplex der freiländischen Institutionen geradezu in die Luft

sprengen; aber sie sind hierzulande eben unmöglich, die Quelle, aus

welcher sie anderwärts entspringen, ist verschüttet. Denn die Ursache

aller Krisen, sie mögen nun Produktions- oder Kapitalkrisen heißen,

liegt einzig in der Überproduktion, d. h. in dem Mißverhältnisse

zwischen Produktiv- und Konsumtionskraft und dieses Mißverhältnis

existiert bei uns nicht. Allerdings behaupteten auch in der alten,

ausbeuterischen Welt die Nationalökonomen, es gebe gar keine wirkliche

Überproduktion, d. h. keine allgemeine Unverwendbarkeit von Produkten,

denn, so führten sie aus, der Mensch arbeitet nur, sofern ihn irgend ein

Bedürfnis dazu antreibt und es ist daher der Natur der Sache nach

ausgeschlossen, daß jemals mehr Güter erzeugt, als gebraucht werden

könnten. Das ist auch, unter einer Voraussetzung, auf die ich sofort zu

sprechen kommen werde, vollkommen richtig. Jedermann will das, was er

erzeugt, zur Deckung irgend eines Bedarfs gebrauchen; er will sein

Produkt entweder selber verwenden oder gegen das Erzeugnis eines anderen

Produzenten austauschen; was dieses andere Erzeugnis sei, ist

gleichgültig, irgend ein Produkt ist es jedenfalls, und es sollte daher

niemals die Frage sein, ob überhaupt, sondern allemal nur, welche Art

von Produkten gerade gesucht wird. Nehmen wir an, die Weizenproduktion

habe eine Verbesserung erfahren, so ist es allerdings möglich, daß damit

der Weizenbedarf noch immer nicht, oder doch nicht gerade im

Verhältnisse der gebotenen Möglichkeit der Produktionssteigerung wachse,

denn daß die Weizenproduzenten ihren Mehrertrag gerade zu Mehrgebrauch

von Weizen benutzen werden, ist allerdings nicht notwendig; aber dann

sollte, so scheint es, die Nachfrage nach etwas anderem entsprechend

zunehmen, z. B. nach Kleidern oder nach Werkzeugen, und wenn man dies

nur allemal rechtzeitig vorher wüßte und die Produktion darauf

einrichten könnte, so sollte es niemals eine Störung des

Tauschverhältnisses der einzelnen Güterarten geben. Also nicht aus einem

Zuviel von Produkten im allgemeinen, nicht aus einem Mißverhältnisse

zwischen Produktivkraft und Verbrauch schlechthin, sondern aus

vorübergehenden Störungen des richtigen Verhältnisses zwischen den

einzelnen Produktionen erklärt die orthodoxe Doktrin die Krisen, indem

sie noch hinzufügt, daß angesichts des in der ganzen Welt herrschenden

Elends von mangelndem Bedarf zu reden, geradezu widersinnig sei.

»Bei dieser, im übrigen schlechthin unanfechtbaren Gedankenkette, ist

nur _Eines_ vergessen worden, nämlich die Grundeinrichtung der gesamten

ausbeuterischen Gesellschaft. Allerdings ist es ein grauenerregender

Widersinn, angesichts des grenzenlosen Elends von allgemein mangelndem

Bedarfe reden zu müssen; wo aber die ungeheure Majorität der Menschen

kein Anrecht auf die Früchte ihrer Arbeit besitzt, da erlangt dieser

Widersinn eine fürchterliche Bedeutung. Was nützt es dem darbenden

Arbeiter, daß er ganz vortreffliche und überaus dringende Verwendung für

jene Produkte wüßte, die er hervorgebracht, wenn diese nicht ihm

gehören? Bleiben wir bei dem Beispiel mit der durch verbesserte

Kulturmethoden gesteigerten Weizenproduktion. Wenn es die

landwirtschaftlichen Arbeiter wären, denen das Verfügungsrecht über das

mehr erzeugte Getreide zustünde, so würden sie allerdings mehr oder

feineres Brot essen, also einen Teil des Mehrprodukts selber verzehren;

mit einem anderen Teile würden sie verstärkte Nachfrage nach Kleidern,

mit einem dritten Teile ebenso verstärkte Nachfrage nach Werkzeugen

hervorrufen, die ja notwendig wären, um das Mehr an Getreide und

Kleidungsstoffen zu erzeugen. Hier würde es sich wirklich bloß darum

handeln, das richtige Verhältnis zwischen Weizen-, Kleider- und

Werkzeugproduktion, welches durch eine, lediglich bei Weizen eintretende

Vermehrung allerdings gestört wäre, wieder herzustellen, und vermehrte

Produktion, gesteigerter Wohlstand für Alle, wäre nach vorübergehenden

Schwankungen die unvermeidliche Folge. Da aber der Mehrertrag von

Weizenproduktion nicht den Arbeitern gehört, da diese für alle Fälle nur

das zur Fristung ihres Lebens Erforderliche erhalten, so können sie

infolge des auf ihrem Produktionsgebiete eingetretenen Fortschritts

weder mehr Getreide, noch mehr Kleidungsstücke verbrauchen, und da dies

nicht der Fall ist, so kann auch kein verstärkter Bedarf nach Werkzeugen

zur Erzeugung von Weizen und Geweben entstehen.«

»Aber -- so wendete ich ein -- damit, daß den Arbeitern der Mehrertrag

der Produktion vorenthalten bleibt, ist doch dieser Mehrertrag nicht

herrenlos; er gehört den Arbeitgebern und diese sind doch auch Menschen,

die ihren Gewinn zur Deckung irgend eines Bedürfnisses verwenden wollen;

die Arbeitgeber werden ihren Gebrauch steigern, und abermals -- so

sollte man meinen -- wird es unmöglich sein, daß ein allgemeines

Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage einträte. Nur werden es

allerdings andere Bedarfsartikel sein, auf welche sich die Produktion

werfen muß, um das gestörte Gleichgewicht der einzelnen Arbeitszweige

herzustellen. Gehörte der Mehrertrag den Arbeitern, so würde man mehr

Getreide, ordinäre Gewebe und Werkzeuge brauchen; da er den wenigen

Arbeitgebern gehört, so wird sich die Nachfrage bloß bei feinen

Leckerbissen, Spitzen, Equipagen und bei Werkzeugen steigern, die zur

Erzeugung dieser Luxuswaren erforderlich sind.«

»Vortrefflich!« mengte sich hier David in das Gespräch, »nur daß die

Arbeitgeber keineswegs gewillt sind, die Überschüsse, welche ihnen der

Mehrertrag ihrer Produktion liefert, in sonderlichem Maße zur Steigerung

ihres Luxuskonsums zu verwenden, sondern der Hauptsache nach

kapitalisieren, d. h. den Mehrertrag in Werkzeugen der Produktion

anlegen wollen. Ja, unter Umständen ist der »Arbeitgeber«, wie wir

gestern schon gehört, gar kein Mensch, der menschliche Bedürfnisse

besitzt, sondern ein Popanz, der nichts genießt und alles

kapitalisiert.«

»Desto besser!« meinte ich, »desto rascher kann der Reichtum zunehmen,

denn rasch wachsende Kapitalien bedeuten rasch wachsende Produktion und

diese ist an sich gleichbedeutend mit rasch wachsendem Reichtume.«

»Herrlich!« rief David. »Also weil die arbeitenden Massen ihren Konsum

nicht steigern können, die Arbeitgeber den ihrigen nicht entsprechend

steigern wollen, weil man demnach von keinerlei menschlichen

Bedarfsartikeln mehr gebrauchen kann, als zuvor, so benützt man die

überschüssige Produktivkraft zur Vermehrung der Produktionsmittel. D. h.

mit anderen Worten: Niemand braucht mehr Getreide -- folglich bauen wir

neue Pflüge; niemand braucht mehr Gewebe -- folglich errichten wir neue

Spinnereien und Webereien! Ermissest du noch nicht den Gipfel des

Unsinnes, zu welchem Eure Doktrin führt?«

Ich glaube, Luigi, Du wirst gleich mir zugeben, daß sich gegen dieses

ebenso einfache als überzeugende Raisonnement schlechterdings nichts

einwenden ließ. Eine Wirtschaftsordnung, die den Produkten des

menschlichen Fleißes und Erfindungsgeistes die einzige Verwendung, der

sie in letzter Linie alle dienen, nämlich die bessere Befriedigung

irgendwelcher menschlicher Bedürfnisse, abschneidet und sich dann

wundert, daß dieselben nicht verwendet werden können, ist thatsächlich

an der Grenze des Blödsinns angelangt. Und daß die Dinge bei uns in

Europa und Amerika wirklich so liegen, muß schließlich jedermann

einleuchten.

»Aber was geschieht -- um des Himmels willen -- mit der solcherart bei

uns unverwendbar gewordenen Produktivkraft?« fragte ich weiter. »Wir

sind der Hauptsache nach in Künsten, Wissenschaften und technischen

Fertigkeiten so vorgeschritten, als Ihr in Freiland; ich muß also

glauben, daß wir, besäßen wir nur Verwendung für alle Erträge unserer

Produktion, so reich, oder doch annähernd so reich sein könnten, wie

Ihr. Nun besitzen wir aber thatsächlich lange nicht den zehnten Teil

Eures Reichtums und trotzdem wird bei uns ungefähr doppelt so

angestrengt gearbeitet, als hier. Denn wenn auch bei Euch alles

arbeitet, während es bei uns einige Müssiggänger gibt, die lediglich von

fremder Arbeit leben, so fällt dies doch angesichts des Umstandes, daß

unsere arbeitenden Massen acht bis zehn Stunden und darüber ins Joch

gespannt sind, während hier durchschnittlich bloß fünf Stunden lang

gearbeitet wird, gar nicht ins Gewicht. Es gibt bei uns zahlreiche

Millionen feiernder Arbeiter, allerdings; aber auch das wird

überreichlich aufgewogen durch Weiber- und Kinderarbeit, die Ihr nicht

kennt; wo also -- ich wiederhole es -- liegt der unermeßliche

Unterschied in der Ausnutzung unserer und Eurer Produktivkräfte?«

»In der _Ausrüstung_ der Arbeitskräfte«, war die Antwort. »Wir

Freiländer arbeiten weniger angestrengt als Ihr, aber wir benutzen dazu

alle Behelfe der Wissenschaft und Technik in vollstem Umfange, während

Ihr dies nur ausnahmsweise und nirgends so vollkommen als wir, vermögt.

Alle Erfindungen und Entdeckungen der großen Geister der Menschheit sind

Euch so gut bekannt, als uns; in allgemeinem Gebrauche aber stehen sie

nur bei uns. Da Euch Eure herrlichen socialen Einrichtungen den Genuß

jener Dinge verwehren, zu deren erleichterter Erzeugung doch all jene

Erfindung einzig dienen -- nun so bedient Ihr Euch ihrer eben nicht,

oder doch nur entsprechend jenem geringen Maße, in welchem Eure

Einrichtungen Euch den Genuß zumessen.«

Selbst mein Vater war von dieser vernichtenden Beleuchtung eines

Systems, das als höchsten Ausfluß ewiger Weisheit zu verehren er von

jeher gewöhnt gewesen, aufs tiefste erschüttert. »Unglaublich!

Schrecklich!« murmelte er, nur mir verständlich.

Herr Clark aber fuhr fort: »Bei uns hingegen ist der Lehrsatz der sog.

klassischen Ökonomie, daß ein allgemeines Zuviel an Produkten unmöglich

sei, allerdings zur Wahrheit geworden, denn in Freiland decken sich

Konsum und Produktivität thatsächlich aufs vollkommenste. Hier könnte es

also wirklich bloß geschehen, daß vorübergehend zu viel von _einzelnen_

Dingen erzeugt, d. h. daß das Gleichgewicht der verschiedenen

Produktionsarten zeitweilig gestört würde. Doch auch diese, an sich

geringfügige Gefahr brauchen wir nicht zu fürchten. Der durch unsere

Einrichtungen bewerkstelligte innige Zusammenhang aller

Produktionsinteressen gewährleistet von vornherein das Gleichgewicht

aller Produktionserträge. Genauer besehen ist ganz Freiland eine einzige

große Produktionsgenossenschaft, deren einzelne Mitglieder unabhängig

von einander sind in allen Dingen, in einem Punkte jedoch

zusammenhängen, im Ertrage ihrer Arbeit nämlich. Gerade weil jedermann

arbeiten kann wo und was ihm beliebt, jedermanns Arbeit aber in dem

einen Zwecke der Erzielung möglichst hohen Nutzens zusammenläuft, so ist

es, von vorübergehenden nebensächlichen Irrungen abgesehen, anders gar

nicht möglich, als daß der bei gleicher Arbeit erzielbare Nutzen überall

der gleiche sei. Alle unsere Einrichtungen gipfeln in diesem _einen_

Punkte. Anfangs, so lange unser Gemeinwesen noch im Werden begriffen

war, kam es vor, daß ziemlich bedeutende Ungleichheiten erst

nachträglich ausgeglichen werden konnten; die Produzenten wußten oft

erst nach Abschluß der Jahresbilanzen, was sie und was andere verdient

hatten. Das ist ein längst überwundenes Stadium der Kindheit; heute weiß

jeder Freiländer bis auf geringfügige, durch unvorhergesehene kleinere

Zufälle herbeigeführte Abweichungen ganz genau, was er und alle anderen

nicht bloß verdient haben, sondern was sie aller Voraussicht nach in

nächster Zukunft verdienen werden; er wartet nicht erst, bis

Ungleichheiten eingetreten sind, um sie dann auszugleichen, sondern er

sorgt dafür, daß Ungleichheiten gar nicht eintreten. Da unsere Statistik

jederzeit mit untrüglicher Sicherheit angibt, was in jedem

Produktionszweige jeweilig erzeugt wird und der Bedarf sowohl, als

dessen Einfluß auf die Preise überall aus sorgfältiger Beobachtung

früherer Jahre genau bekannt ist, so läßt sich die Rentabilität nicht

bloß jedes Produktionszweiges, sondern jedes einzelnen Etablissements so

verläßlich vorherberechnen, daß namhaftere Irrtümer nur im Falle

elementarer Katastrophen möglich sind. Ereignen sich solche, nun dann

greift eben die wechselseitige Versicherung helfend ein; im übrigen

giebt es hierzulande nicht bloß keine Krisen, sondern nicht einmal

sonderliche Ertragsschwankungen der verschiedenen Produktionen.

Unser statistisches Amt veröffentlicht ununterbrochen genaue

Zusammenstellungen, aus denen jederzeit zu ersehen ist, wo in nächster

Zukunft Bedarf, wo Überfluß an Arbeitskraft herrschen wird; nach diesen

Ausweisen richtet sich unser Arbeiternachwuchs und das genügt, von

höchst seltenen Ausnahmen abgesehen, vollkommen zur Erhaltung des

Gleichgewichts der Erträge. Daß da oder dort ein neueingerichtetes

Etablissement verunglückt, kommt manchmal, insbesondere bei der

Minenindustrie vor. Aber dieses Verunglücken darf man sich nicht etwa

als Bankerott vorstellen -- wie sollen Unternehmer bankerottieren, die

weder Grundrente, noch Kapitalzins, noch Arbeitslohn zu bezahlen haben

und denen für alle Fälle ihre hochwertige Arbeitskraft bleibt -- sondern

schlimmstenfalls als getäuschte Erwartung. Und verliert in einem ganz

besonderen Falle das Gemeinwesen oder irgend eine Association durch den

vorzeitigen Tod eines Schuldners wirklich die dargeliehene Summe -- was

kann das angesichts der gefahrlos umgesetzten Riesensummen unseres

Verkehrs zu bedeuten haben? Sollte man zur Deckung solcher Verluste ein

Delcredere einheben, es würde kaum Tausendteile eines Prozents betragen

und wäre die seinetwegen verspritzte Tinte nicht wert.«

»Und stören auswärtige Katastrophen nicht zeitweilig den ruhigen

Gleichgang Ihrer freiländischen Produktion? Werden Ihre Märkte nicht

durch ausländische Überproduktion mit Waren überflutet, für die

entsprechende Verwendung fehlt?« fragte ich.

»Daß die durch die anarchische Gestaltung der ausbeuterischen

Produktionsverhältnisse so häufig eintretenden heftigen

Preisschwankungen der Welthandelsgüter nicht auch für uns mit

empfindlichen Unannehmlichkeiten verknüpft wären, kann allerdings nicht

behauptet werden. Wir sehen uns dadurch nur zu oft genötigt, einzelne

Produktionen einzuschränken und die damit frei werdenden Arbeitskräfte

anderen Erzeugungsarten zuzuwenden, ohne daß ein wirklicher Wechsel in

den Produktionskosten oder in den Bedarfsverhältnissen dies begründen

würde. Thatsächlich sind diese fremden, plötzlichen und unberechenbaren

Einflüsse bisweilen Schuld daran, daß zur Erhaltung des Gleichgewichts

der Erträge wirkliche Auswanderung von Arbeitskräften aus einer

Produktion in die andere notwendig wird, während zu Ausgleichung der aus

natürlichen Gründen eintretenden Verschiebungen des Angebots und der

Nachfrage fast immer die planmäßige Zu- oder Ableitung des

Arbeiternachwuchses genügt. Eine tiefergehende Erschütterung unserer

Erwerbsverhältnisse aber vermögen auch diese sprunghaften ausländischen

Ereignisse nicht herbeizuführen. Gleichwie es unmöglich ist, eine

Flüssigkeit, die jedem Drucke oder Stoße nachgibt und ausweicht, aus dem

Gleichgewichte zu bringen, so kann auch unsere Wirtschaft, gerade wegen

ihrer absoluten freien Beweglichkeit, nie ihr Gleichgewicht verlieren.

In unnütze, störende Bewegung mag sie gebracht werden, aber die

natürliche Schwerkraft stellt sofort das Gleichmaß aller Verhältnisse

wieder her.«

Nach beendeter Mahlzeit lud uns Herr Ney ein, ihn in den Volkspalast zu

begleiten, wo heute das Fachparlament für öffentliche Arbeiten eine

Nachtsitzung halten werde, um über ein von ihm vorgelegtes großes

Kanalprojekt sich schlüssig zu machen. Er glaube, daß der Gegenstand

auch uns interessieren werde. Wir nahmen mit Dank an.

Das Fachparlament für öffentliche Arbeiten besteht aus 120 Mitgliedern;

die meisten derselben sind, wie mir David, der mit von der Partie war,

erklärte, Direktoren großer Associationen, insbesondere der das

Baugewerbe betreibenden; doch sitzen auch Professoren technischer

Hochschulen und andere Fachmänner in demselben. Laien, die von

öffentlichen Arbeiten nichts verstehen, giebt es in dieser Körperschaft

nicht, und ohne weiteres kann behauptet werden, daß dieselbe die Blüte

und Quintessenz des technischen Wissens und Könnens von ganz Freiland in

sich schließt.

Das Projekt, welches gegenwärtig vorlag, war vor Jahresfrist seitens der

Direktoren der Wasser- und Hochbau-Associationen von Edenthal,

Nordbaringo, Ripon und Strahlstadt, in Verbindung mit zwei Professoren

der technischen Hochschule von Ripon angeregt worden. Es handelte sich

bei demselben um nichts geringeres, als um die Herstellung einer für

Schiffe bis zu 2000 Tonnen fahrbaren Wasserstraße vom Tanganika über den

Muta-Nzige und Albert-Njanza unter Benutzung des Nillaufes bis an das

Mittelländische Meer einerseits und von der Kongomündung den Kongo

aufwärts über den Aruwhimi in den Albertsee, von dort unter Benützung

einiger kleinerer Ströme über den Baringosee an den Unterlauf des Dana

und von hier an den indischen Ocean. Es waren das also zwei Wasserwege,

deren einer die großen centralafrikanischen Seen mit dem Mittelmeere,

der andere, quer durch den ganzen Weltteil, den atlantischen mit dem

indischen Ocean verbinden sollte. Da ein Teil der zu diesem Behufe

erforderlichen gewaltigen Arbeiten auf fremdem Gebiete -- dem des

Kongostaates und Ägyptens -- durchgeführt werden mußte, so waren

Verträge mit diesen Staaten abgeschlossen worden, die Freiland alle

notwendigen Rechte einräumten. Die Bereitwilligkeit der fremden

Regierungen, auf die Wünsche der Edenthaler Verwaltung einzugehen, wird

man begreiflich finden, wenn man erwägt, daß Freiland keinerlei Gebühr

für die Benutzung seiner Kanäle einzuheben, den Nachbarn also ein freies

Geschenk mit seinen kolossalen Arbeiten zu machen gedachte. Im

Zusammenhange mit diesem Projekte stand auch das auf Erwerbung des

Suez-Kanals, der zu doppelter Breite und Tiefe ausgebaggert und dem

Verkehre gleichfalls zu unentgeltlicher Benutzung übergeben werden

sollte. Die englische Regierung, welcher der größte Teil der Kanalaktien

gehörte, war den Freiländern mit weitgehender Liberalität

entgegengekommen; sie überließ ihnen ihre Aktien zu einem sehr mäßigen

Preise, so daß diese es nur mit den kleineren Aktionären zu thun hatten,

welche allerdings die Situation weidlich auszunützen verstanden. Die

britische Regierung verlangte Sicherheit für die unantastbare

Neutralität des Kanals und förderte im übrigen das Unternehmen nach

Kräften.

Die präliminierten Kosten waren die folgenden:

Süd-Nordkanal (Gesamtlänge 6250 Kilometer) 385 Mill. Pfund,

Ost-Westkanal (Gesamtlänge 5460 Kilometer) 412 Mill. Pfund,

Suez-Kanal (für Ankauf und Erweiterung) 280 Mill. Pfund.

Zusammen 1077 Mill. Pfund.

Die Bauzeit war mit 6 Jahren in Aussicht genommen, so daß im

Jahresdurchschnitt rund 180 Millionen erforderlich schienen. Nach den

bisherigen Erfahrungen glaubte die freiländische Verwaltung darauf

rechnen zu dürfen, daß die jährlichen Gesamteinkünfte des Landes sich im

Laufe der nächsten sechs Jahre von 7 Milliarden -- ihrem vorjährigen

Stande -- successive auf mindestens 10½ Milliarden steigern und 8½

Milliarden im Durchschnitte der sechs Jahre betragen würden; der

Bauaufwand beanspruchte also bloß 2-1/8 Prozent des zu erwartenden

Nationaleinkommens und konnte gedeckt werden, ohne daß eine Erhöhung der

auf dieses Einkommen gelegten öffentlichen Abgaben über ihr

normales Maß erforderlich gewesen wäre. Dem Kostenvoranschlage

waren die detaillierten Baupläne beigelegt, desgleichen eine

Rentabilitätsberechnung, nach welcher die Kanäle schon im ersten Jahre

ihrer Inbetriebsetzung eine voraussichtliche Transportkostenersparnis

von 32 Millionen Pfund im Gefolge haben, also schon dadurch allein und

unter Berücksichtigung der voraussichtlichen Frachtenzunahme in ungefähr

30 Jahren sich bezahlt machen würden; außerdem aber sollten diese

künstlichen Wasserstraßen teilweise auch als Be- und Entwässerungskanäle

dienen und der hieraus sich ergebende Nutzen war mit 45 Millionen Pfund

im Jahresdurchschnitte berechnet, so daß die Kosten der sämtlichen

Anlagen binnen längstens 14 Jahren getilgt sein mußten, wobei überall

bloß der auf Freiland entfallende, nicht aber der dem Auslande mit

eingeräumte Nutzen in Rechnung gestellt war.

Da die sämtlichen Vorlagen schon seit einigen Wochen in Händen des

Fachparlamentes und von diesem sorgfältig studiert worden waren, so ging

dasselbe unmittelbar in die Beratung derselben ein. Prinzipieller

Widerspruch wurde von keiner Seite erhoben; die Verhandlung bewegte sich

der Hauptsache nach bloß um zwei Fragen: erstlich, ob es nicht möglich

wäre, die Bauzeit zu verkürzen, zweitens, ob nicht eine gleichfalls

tracierte und mit allen Detailplänen vorgelegte Alternativlinie der von

der Verwaltung empfohlenen vorzuziehen wäre. In ersterer Beziehung

stellte sich heraus, daß durch ein von gewiegten Fachmännern

vorgeschlagenes, ganz neues System der Baggerung thatsächlich ein halbes

Jahr Bauzeit erspart werden könnte; es wurde also beschlossen, dem

entsprechend vorzugehen; bezüglich der zu wählenden Trace dagegen

entschied sich die Versammlung infolge der von Herrn Ney geltend

gemachten Gründe einstimmig für den Plan der Centralverwaltung. Die

ganze Debatte währte keine drei Stunden; nach Verlauf derselben hatte

die Verwaltung die Ermächtigung, 1077 Millionen Pfund Sterling, etwas

mehr als die Anlagekosten sämtlicher Kanäle der übrigen civilisierten

Welt betragen, binnen 5½ Jahren zu dem Zwecke auszugeben, damit

Oceandampfer den afrikanischen Kontinent von Ost nach West durchqueren,

aus dem Mittelmeere bis 10 Breitengrade südlich vom Äquator eindringen

und den Weg vom Mittelmeere ins rote Meer gebührenfrei und ohne jeden

Aufenthalt zurücklegen könnten.

Ich war von all dem geradezu konsterniert. »Wenn ich mir nicht

vorgenommen hätte, das Wort >unmöglich< hier aus meinem Wörtervorrate zu

streichen, so würde ich es jetzt anwenden«, meinte ich auf dem Heimwege

Herrn Ney gegenüber. Bemerken will ich noch, daß in den freiländischen

Parlamenten alle Vorlagen auch unter das anwesende Publikum verteilt

werden, so daß ich Gelegenheit gehabt hatte, die Details des soeben zur

Annahme gelangten Projektes oberflächlich einzusehen. Du weißt, daß ich

von derlei Dingen Einiges verstehe und so war ich denn in der Lage, den

Plänen zu entnehmen, daß die beiden Binnenschiffahrtkanäle mehrere

Wasserscheiden passieren. Eine dieser Wasserscheiden kenne ich nun

zufällig ziemlich genau, da wir sie teils auf unserer Reise, teils bei

unseren Ausflügen erst kürzlich passiert hatten; sie erhebt sich meiner

Schätzung nach mindestens 500 Meter über die Kanalsohle; ich fragte nun

Herrn Ney, ob er denn wirklich mit einem Wasserwege für

Zweitausendtonnen-Schiffe 500 Meter auf- und abwärts klimmen wolle; das

sei doch bau- und betriebstechnisch gleich unausführbar.

»Natürlich!« gab dieser lächelnd zu. »Wenn Sie jedoch die Detailpläne

genauer einsehen wollen, so werden Sie finden, daß wir solche

Wasserscheiden nicht vermittels zahlreicher Schleußen _übersteigen_,

sondern vermittels eines oder mehrerer Tunnels _unterfahren_.«

Jetzt blickte ich ihn aber erst recht ungläubig an und auch mein Vater

machte ein nicht minder erstauntes Gesicht.

»Was finden Sie daran gar so merkwürdiges, meine werten Gäste? Warum

soll bei Kanälen unpraktisch sein, was bei Eisenbahnen, die doch immer

noch viel leichter _über_ Berg und Thal zu führen wären, schon so lange

und in so ausgedehntem Maße geübt wird?« fragte Herr Ney. »Unsere

Kanaltunnels sind sehr teuer, das gebe ich Ihnen zu; da sie uns aber

beim Betriebe das kostbarste von allen Dingen, d. i. menschliche Arbeit,

ersparen, so sind sie für unsere Verhältnisse überaus praktisch. Zudem

hatten wir ja in zahlreichen Fällen keine andere Wahl, als die Kanäle

fallen zu lassen, oder Tunnels zu bauen. Die Wasserscheide, von der Sie

sprachen, ist gar nicht die bedeutendste von allen; unser größter

Durchbruch -- er verknüpft das Flußgebiet des Ukerewe mit dem des

Indischen Oceans -- geht in einer Länge von 17 Kilometern 1200 Meter

unter der Wasserscheide, und alles in allem haben wir in diesem neuen

Projekte nicht weniger als 132 Kilometer Tunnelbauten. Dieselben sind

übrigens durchaus nichts ganz neues; auch in Frankreich giebt es -- wie

Sie wissen -- einige, wenn auch sehr kurze Wassertunnels; wir besitzen

deren schon in unserem alten Kanalsysteme mehrere ganz respektable, nur

können sie sich allerdings weder an Längenentwicklung noch an

Mächtigkeit mit diesen neuen vergleichen, auf denen große Oceanfahrer --

mit zurückgelegten Masten natürlich -- durch die Eingeweide ganzer

Gebirgszüge hindurchdampfen werden. Das kostet Riesensummen, aber

bedenken Sie doch, daß jede Stunde Zeitgewinn eines freiländischen

Matrosen heute schon ihre 8 Schilling wert ist und von Jahr zu Jahr an

Wert gewinnt.«

»Unbegreiflich aber bleibt mir trotz alledem die Raschheit, ich möchte

fast sagen die Nonchalance, mit welcher diese Milliarde Ihnen votiert

wurde, als handle es sich um die nächstbeste Kleinigkeit«, meinte mein

Vater. »Ich will der Ehrenhaftigkeit sämtlicher Mitglieder Ihres

Fachparlamentes für öffentliche Bauten beileibe nicht nahe treten; aber

verschweigen kann ich nicht, daß mir die ganze Versammlung den Eindruck

machte, als verspräche sie sich den größten persönlichen Vorteil aus der

möglichst raschen und großartigen Durchführung des Werkes.«

»Dieser Eindruck war auch ganz der richtige«, gab Herr Ney zur Antwort.

»Doch bitte ich hinzuzufügen, daß jeder Bewohner Freilands genau den

nämlichen persönlichen Gewinn aus der Verwirklichung dieses

Kanalprojekts ziehen muß und wird. Nur weil dem so ist, weil bei uns

jene Solidarität der Interessen Wahrheit ist, von welcher man außerhalb

Freilands fälschlich spricht, nur deshalb können wir so ungeheure Summen

für jede Anlage ausgeben, von welcher nachzuweisen ist, daß ihr Nutzen

den Kostenaufwand überragt. Wird bei Ihnen ein Kanal gebaut, der die

Ertragsfähigkeit weiter Landstrecken erhöht, so dociert Ihre

Schulökonomie zwar auch, daß er den Wohlstand Aller befördere; richtig

ist dies aber nur für die Besitzer der betreffenden Grundstücke, während

den großen Massen der Bevölkerung solch ein Kanal nicht das geringste

nützt, den Besitzern anderer, konkurrierender Grundstücke vielleicht

geradezu schadet. Die Ermäßigung der Getreidepreise -- so behaupten Ihre

Staatswirte -- komme den nichtbesitzenden Massen zu statten; sie

vergessen dabei die Kleinigkeit, daß der >Arbeitslohn< sich auf die

Dauer nicht zu behaupten pflegt, wenn die Getreidepreise sinken. Dem

steht allerdings als Trost auf der andren Seite gegenüber, daß die

nichtbesitzenden Massen auch durch die Abgabenerhöhung, welche solche

öffentliche Bauten beanspruchen, nicht dauernd geschädigt werden können;

denn wer nicht mehr Lohn bezieht, als zur Lebensfristung notwendig ist,

dem kann auf die Dauer auch nicht viel entzogen werden; ihm auferlegte

Abgaben müssen also in letzter Linie auf den Arbeitgeber oder den

Consumenten abgewälzt werden. Der Streit um solche Anlagen ist daher bei

Ihnen zu Hause ein Interessenkonflikt, einzelner Grundeigentümer und

Arbeitgeber, von denen ein Teil gewinnt, während andere leer ausgehen

oder geradezu geschädigt werden. Bei uns dagegen ist jedermann

gleichmäßig nach Maßgabe seiner Arbeitsleistung am Nutzen

fruchtbringender Investitionen interessiert, und da ebenso jedermann

gleichmäßig nach Maßgabe seiner Arbeitsleistungen zur Kostendeckung

herangezogen wird, so ist hier ein Interessenkonflikt, oder auch nur

eine Unverhältnismäßigkeit des Vorteils schlechterdings ausgeschlossen.

7 Millionen Hektaren Landes werden durch die neuen Kanäle aus Sümpfen in

fruchtbaren Ackerboden verwandelt werden; wer wird den Vorteil davon

haben, wenn dieser jungfräuliche, dicht an so vortrefflicher

Wasserstraße gelegene Boden um etliche Pfd. Sterling pro Hektar jährlich

mehr trägt, als anderer? Nun offenbar jedermann in Freiland und zwar

jedermann gleichmäßig, er mag Landbauer, Industrieller, Professor oder

Beamter sein. Wer zieht Gewinn aus der Ermäßigung der Frachten? Etwa

bloß die Associationen und Arbeiter, welche die neuen Wasserstraßen zum

Transporte thatsächlich benutzen? Keineswegs; denn jeden Vorteil,

welchen sie solcherart erlangen, müssen sie, Dank der unbeschränkten

Beweglichkeit unserer Arbeitskräfte, mit jedermann in ganz Freiland

teilen. Wir überlassen daher mit der größten Seelenruhe die Entscheidung

über derlei Fragen jenen, die dabei am unmittelbarsten interessiert

sind. Diese wissen am besten, was ihnen nützt, und da ihr Nutzen sich

vollkommen mit jedermanns Nutzen deckt, so steht ihnen jedermanns, d. h.

des Gemeinwesens, Kasse so weit und frei geöffnet, wie nur immer ihre

eigene. Mögen sie nur hineingreifen -- je tiefer, desto besser! Wir

haben nicht zu untersuchen, _wem_ die Investition nützt, sondern bloß,

_ob_ sie überhaupt nützlich ist, d. h. Arbeitskraft erspart.«

»Wunderbar, aber wahr!« mußte mein Vater zugeben. »Da dem aber so ist,

da hierzulande wirklich die vollkommenste Interessensolidarität besteht,

so ist mir hinwieder unerklärlich, warum sie die Rückzahlung jener

Kapitalien verlangen, die das Gemeinwesen den einzelnen Associationen

vorstreckt.«

»Weil das Gegenteil der Kommunismus mit allen seinen unvermeidlichen

Konsequenzen wäre«, war die Antwort. »Der eventuelle Vorteil aus

derartiger unentgeltlicher Kapitalzuwendung käme zwar auch hier Allen

gleichmäßig zugute, wer aber könnte in diesem Falle dafür einstehen,

_ob_ solche Kapitalanlagen vorteilhaft oder schädlich wären. Denn

vorteilhaft ist eine Kapitalanlage doch nur in dem Falle, wenn mit deren

Hilfe mehr Arbeit erspart wird, als die Herstellung der Kapitalien

selber kostet. Eine Maschine, die mehr Arbeit fordert, als hereinbringt,

ist schädlich. Derzeit nun sind wir gegen solche Vergeudung, zum

mindesten gegen absichtliche Vergeudung von Kapitalien gesichert. Das

Gemeinwesen sowohl, als die Einzelnen können sich in ihren Berechnungen

täuschen, sie können eine Anlage für rentabel halten, die sich

nachträglich als unrentabel erweist, d. h. die auf ihre Herstellung

verwendete Arbeit nicht hereinbringt; die _Absicht_ bei allen Anlagen

jedoch kann immer nur auf Kraftersparnisse gerichtet sein, denn das

Gemeinwesen sowohl als die Einzelnen müssen ein jeder seine Anlagen

bezahlen. Wenn aber das Gemeinwesen auch für die Kapitalanlagen der

Einzelnen, respektive der Associationen, aufzukommen hätte, dann läge

für die einzelne Association kein Grund vor, nicht auch solche

Einrichtungen zu fordern, die weniger Kraft ersparen, als zu ihrer

Herstellung beanspruchen; die notwendige Ergänzung dieser Liberalität

des Gemeinwesens wäre daher, daß sich dieses ein Recht der Überwachung

und Bevormundung den Kapitalbedürftigen gegenüber herausnähme, welches

mit Freiheit und Fortschritt unvereinbar wäre. Alles Gefühl der

Selbstverantwortung ginge verloren, das Gemeinwesen müßte sich in

Verhältnisse mengen, denen es nicht gewachsen ist, und Verluste wären

trotz aller beengenden Willkür von Oben unvermeidlich.«

»Das ist wieder so einleuchtend und einfach, als nur immer möglich«,

meinte mein Vater. »Ich erbitte mir aber für einen ferneren Punkt nähere

Erklärung. Kraft der bei Ihnen herrschenden Interessensolidarität nimmt

jedermann an den Vorteilen aller wo immer eintretenden Verbesserungen

teil; dies geschieht in der Weise, daß jedermann das Recht hat, einen

minderergiebigen Produktionszweig oder Produktionsort mit einem sich

ergiebiger erweisenden zu vertauschen. Welches Interesse hat also der

_einzelne_ Produzent, respektive die _einzelne_ Association,

Verbesserungen einzuführen, da es doch viel einfacher, bequemer und

gefahrloser erscheinen muß, Andere vorangehen zu lassen und sich ihnen

erst anzuschließen, wenn der Erfolg gesichert ist? Nun sehe ich aber,

daß es ihren Associationen an Regsamkeit und Unternehmungsgeist

keineswegs fehlt; wie erklärt sich dies? was veranlaßt Ihre Produzenten,

sich Gefahren -- sie mögen noch so gering sein -- auszusetzen, wenn der

damit erreichte Gewinn so rasch mit aller Welt geteilt werden muß?«

»Sie übersehen erstlich«, entgegnete Herr Ney, »daß die Höhe des zu

erzielenden Gewinnes denn doch nicht der alleinige Beweggrund ist, von

welchem sich arbeitende Menschen, insbesondere aber unsere

freiländischen Arbeiter, leiten lassen. Der Ehrgeiz, das Etablissement,

an welchem man beteiligt ist, an der Spitze und nicht im Nachtrabe aller

anderen einherschreiten zu sehen, darf bei intelligenten, von starkem

Gemeingeiste beseelten Menschen nicht eben unterschätzt werden. Aber

abgesehen davon, bitte ich Sie zu bedenken, daß die an den Associationen

Beteiligten auch sehr lebhafte _materielle_ Interessen am Gedeihen

gerade ihrer speciellen Unternehmung haben. Freiländische Arbeiter

besitzen ausnahmslos recht behagliche, ja luxuriöse Heimstätten --

naturgemäß meist in der Nähe der von ihnen gewählten Arbeitsstätten; sie

sind in Gefahr, dieselben verlassen zu müssen, falls ihr Unternehmen

sich nicht auf gleicher Höhe mit anderen erhält. Zum zweiten genießen

die älteren, d. h. durch längere Zeit bei einem Unternehmen beteiligten

Arbeiter ein stetig wachsendes Präcipium; ihre Arbeitszeit wird ihnen um

einige Prozente höher angerechnet, als den Neueintretenden.

Die Mitglieder jeder Association müssen also trotz aller

Interessensolidarität sehr lebhaft darauf bedacht sein, daß ihr

Etablissement nicht überflügelt werde, und da das Risiko neuer

Verbesserungen ein verschwindend geringes ist, so regt sich der

Erfindungs- und Unternehmungsgeist nirgends in der Welt so kühn und

mächtig, wie bei uns. Die Associationen wetteifern aufs lebhafteste um

den Vorrang, nur daß dies allerdings ein friedlicher Wettbewerb, kein

ingrimmiger, auf gegenseitige Schädigung abzielender Konkurrenzkampf

ist.«

Es war inzwischen sehr spät geworden; mein Vater und ich hätten

allerdings gerne noch längere Zeit den hochinteressanten Aufklärungen

unseres freundlichen Wirtes gelauscht; doch wir durften die

Liebenswürdigkeit unserer Gastfreunde nicht mißbrauchen und so trennten

wir uns -- was mir denn auch Anlaß giebt, von Dir, mein Luigi, für heute

Abschied zu nehmen.

Freiland: Ein sociales Zukunftsbild · 第 20 / 29 题