Edenthal, 6. August.
Gestern besichtigten wir in Begleitung der beiden englischen
Geschäftsträger die freiländische Centralbank, deren allumfassendes und
gerade wegen dieser seiner Allgemeinheit verhältnismäßig so überaus
einfaches Clearingsystem die höchste Bewunderung der sachverständigen
beiden Herren erntete. Die Erkenntnis, mit wie verschwindend geringen
Barbeträgen sich hier die Ausgleichung des gesamten riesigen Umsatzes
vollzog, regte Lord Elgin zu der Frage an, wozu Freiland überhaupt das
Gold als Wertmesser beibehalte; er sprach die Meinung aus, es wäre, da
man ohnehin die wichtigsten Leistungen nach dem Werte der Arbeitszeit
berechne, das Einfachste, diese Rechnungsmethode zu verallgemeinern, d.
h. die Arbeitsstunde als Wertmesser, als Geldeinheit zu gebrauchen. Dies
würde -- so glaube er -- auch der gesamten socialen Ordnung Freilands
weit besser entsprechen, in welcher doch die Arbeit Quelle und Grundlage
allen Wertes sei.
»Das ist«, entgegnete der Direktor des Instituts, Herr Clark, »eine von
Fremden wiederholt schon geteilte Anschauung, sie beruht aber lediglich
auf einer Verwechslung des _Wertmaßes_ mit der _Quelle_ des
_Einkommens_. Wir in Freiland haben der Arbeit das Recht auf den ganzen
mit ihrer Hülfe hervorgebrachten Ertrag gesichert; wir begründen dies
aber nicht durch die unwahre Behauptung, daß Arbeit die einzige Quelle
des Wertes dieser Erträge sei, sondern dadurch, daß wir behaupten, der
Arbeitende habe auch auf jene anderweitigen Faktoren, nämlich Kapital
und Naturstoffe oder -Kräfte, die zur Wertbildung erforderlich sind, den
gleichen Anspruch wie auf seine Arbeitskraft selber. Doch das nur
nebenbei. Selbst wenn Arbeit die einzige Wert_quelle_ und der einzige
Wert_bestandteil_ wäre, ist sie doch der denkbar schlechteste
Wert_maßstab_, denn sie ist unter allen Dingen, die überhaupt Wert
besitzen, jenes, dessen Wert den größten Veränderungen ausgesetzt ist.
Mit jedem Fortschritte menschlicher Kunstfertigkeit und Betriebsamkeit
wächst ihr Wert, d. h. ein Arbeitstag oder eine Arbeitsstunde setzt sich
fortlaufend in eine größere Menge aller erdenklichen anderen Werte um.
Daß der Wert des Arbeitsproduktes verschieden ist, je nachdem die
Arbeitskraft gut oder schlecht ausgerüstet, gut oder schlecht angewendet
wird, kann gar keinem Zweifel unterliegen und wurde auch niemals
ernstlich in Zweifel gezogen. Nun ist bei uns in Freiland allerdings
_alle_ Arbeitskraft möglichst gut ausgerüstet und verwendet, weil eben
die vollkommene und schrankenlose Freiheit, sich der jeweilig besten, d.
h. die höchsten Werte erzeugenden Arbeitsgelegenheit zuzuwenden, diese
wenn auch nicht absolute, so doch relative Gleichartigkeit zuwege
bringt; aber damit sie zuwege gebracht werde, ist eben ein fester und
verläßlicher Maßstab erst recht vonnöten, an welchem der Wert der durch
Arbeit erzeugten Dinge gemessen werden kann. Daß die auf Schuhwaren und
auf Gespinste, auf Getreide und auf Eisenwaren gewendete Arbeit bei uns
gleichwertig ist, zeigt sich ja erst dadurch, daß die in der gleichen
Zeit erzeugten Schuhe, Gespinste, Körnerfrüchte und Eisenwaren gleichen
Wert besitzen, welch letzteren Umstand aber nimmermehr die Vergleichung
mit der aufgewendeten Arbeitszeit, sondern bloß die mit einer an sich
wertbeständigen Sache anzeigen kann. Würden wir die in gleicher Zeit
erzeugten Dinge schon deshalb allein für gleichwertig halten, weil sie
eben in gleicher Zeit erzeugt sind, so würden wir sehr bald dahin
gelangen, Schuhe zu erzeugen, die Niemand braucht, dafür aber Mangel an
Gespinst zu leiden, und wir könnten unbekümmert um die Überfülle von
Eisenwaren deren Erzeugung steigern, während vielleicht alle verfügbaren
Hände erforderlich wären, um empfindlichem Getreidemangel abzuhelfen.
Mit dem Arbeitstage als Wertmaß vermöchte -- wenn er aus anderen Gründen
nicht unmöglich wäre -- nur der Kommunismus zu wirtschaften, der die
Herstellung des richtigen Wechselverhältnisses zwischen Angebot und
Nachfrage nicht dem freien Verkehre überläßt, sondern von
Obrigkeitswegen bewerkstelligt, dies aber selbstverständlich nur in der
Weise zu Wege bringt, daß er Niemand fragt, was er genießen und was er
arbeiten will, vielmehr Genuß und Arbeit Jedermann von Obrigkeitswegen
vorschreibt.
»Wir in Freiland dagegen, die wir das Gegenteil des Kommunismus, nämlich
absolute individuelle Freiheit, verwirklicht haben, wir brauchen
notwendiger als irgendwer ein möglichst genaues, verläßliches Wertmaß,
das ist ein solches, dessen Tauschkraft allen anderen Dingen gegenüber
möglichst geringen Abweichungen und Schwankungen ausgesetzt ist. Dieses
möglichst beste, möglichst wertkonstante Maß nun hat die Kulturwelt mit
Recht seit jeher im Golde erblickt. Diese Thatsache ist nicht etwa das
Ergebnis irgend einer geheimnisvollen Eigenschaft dieses Metalles,
sondern das seiner hochgradigen Dauerbarkeit, in deren Folge im Laufe
der Jahrhunderte und Jahrtausende Goldmengen aufgestapelt und der
Nachfrage zur Verfügung gehalten wurden, im Vergleiche zu welchen die
gewaltigsten Veränderungen der jeweiligen Produktion gar nicht in die
Wagschale fallen. Während eine gute oder schlechte Weizenernte von
ausschlaggebender Bedeutung für den jeweiligen Weizenwert ist, weil die
alten Weizenvorräte im Verhältnis zum Ergebnisse der neuen Ernte nur von
nebensächlicher Bedeutung sind, bleibt der Goldwert von noch so großen
Schwankungen selbst mehrerer Produktionsjahre verhältnismäßig unberührt,
weil die alten Goldvorräte für alle Fälle ganz außerordentlich größer
sind, als das Ergebnis selbst der reichsten Ausbeute eines einzelnen
Jahres. Alle Goldminen der Welt könnten mit einem Schlage vollständig
versiegen, ohne daß dies auf die Menge des verfügbaren Goldes sofort von
sonderlichem Einflusse wäre, während eine einzige allgemeine
Getreidemißernte fürchterlichsten Getreidemangel zur sofortigen und
unvermeidlichen Folge hätte. Dies also ist der Grund, warum Gold der
bestmögliche, wenn auch keineswegs ein absolut guter Wertmaßstab ist.
Die Arbeitszeit aber wäre unter allen denkbaren der schlechteste
Wertmaßstab, denn weder sind zwei gleiche Arbeitszeiten notwendig
wertgleich, noch behält die Arbeitszeit im allgemeinen unveränderten
Wert, vielmehr wächst ihre Tauschkraft allen anderen Dingen gegenüber
mit jedem zur Geltung gelangenden Fortschritte der Arbeitsmethoden.«
Wir waren alle überzeugt; nur konnte Lord Elgin die Bemerkung nicht
unterdrücken, daß die Freiländer denn doch eine Reihe von Leistungen
nach Arbeitsäquivalenten berechneten. Sofort erhielt er aber von meinem
Vater die treffende Antwort, daß dies nach allem bisher Gehörten nur
dort geschehe, wo eine mit der Steigerung des Wertes der Arbeit parallel
laufende Erhöhung einer Zahlung geradezu beabsichtigt sei. Gehalte und
Versorgungsansprüche _sollen_ steigen, wenn der Ertrag von Arbeit und
damit der allgemeine Verbrauch steige, und zwar genau im selben Maße,
wie diese, und nur weil dies beabsichtigt ist, kann man sie nach
Arbeitsäquivalenten bemessen.
Herr Clark machte uns jetzt darauf aufmerksam, welch' weitgehende, alles
durchdringende Offenheit und Übersichtlichkeit zufolge der durch die
Bank geübten Klarstellung aller Verkehrs- und Erwerbsverhältnisse in
allen pekuniären Angelegenheiten Freilands herrsche. Niemand kann weder
sich noch andere über seine Mittel täuschen und eine der in socialer
Beziehung wichtigsten Folgen davon ist, daß es Niemand beifällt, durch
ungehörigen Aufwand glänzen zu wollen. Die Verschwendung entspringt nur
zu häufig dem Bestreben, sich in den Augen der Welt als reicher
darzustellen, als man thatsächlich ist; ein solcher Versuch könnte hier
zu Lande nur Lächeln erwecken. Doch auch wer aus übertriebenem Hange zu
Luxus mehr ausgeben wollte, als er einnimmt, vermöchte dies nicht, da
die Bank zu solchen Zwecken natürlich keine Kredite gewährt, und ohne
diese der Verschwender geradezu auf die Mildthätigkeit seiner Mitbürger
angewiesen wäre, um seinem Hange zu fröhnen. Die Höhe aller Einnahmen
und Ausgaben liegt klar zu Tage, alle Welt weiß, was jedermann hat und
woher er es hat. Und da es zudem jedermann freisteht, jeden beliebigen
Erwerbszweig zu ergreifen, so können Unterschiede des Einkommens auch
Niemandes Neid erwecken.
Nun warf aber Lord Elgin die Frage auf, ob sich aus den bei Feststellung
von Honoraren unterschiedlicher Art, z. B. von Beamtengehalten,
unvermeidlichen Willkür keinerlei Widerspruch zu dem sonst geltenden
Prinzipe der unbeschränkten freien Berufswahl und dem gerade aus dieser
Freiheit hervorgehenden Gleichgewichte der verschiedenen Arbeitserträge
ergebe. »Wenn der Ertrag aus Wollenweberei aus irgendwelchem Grunde
höher ist, als der aus Getreidebau, so werden neue Arbeitskräfte
insolange zur Weberei übergehen, bis der beiderseitige Ertrag sich ins
Gleichgewicht gesetzt hat; sollte sich etwa ein dauernder Mehrertrag bei
einem dieser beiden Produktionszweige zeigen, so kann dies angesichts
Ihrer Institutionen offenbar nur daher rühren, daß die Arbeit in diesem
ertragreicheren die unangenehmere, anstrengendere, eventuell auch die
höhere, seltenere Kenntnisse oder Fähigkeiten erfordernde ist; Niemand
kann sich über die geringste Benachteiligung beklagen und insofern ist
die im Wege der Freiheit hergestellte Harmonie geradezu
bewunderungswürdig. Aber sowie es sich um Ernennungen und Gehalte
handelt, muß doch diese Gleichheit aufhören. Sie als Chef eines
Verwaltungszweiges verdienen 1400, Ihr Nachbar Handarbeiter bloß 600
Pfund; woher wissen Sie, daß letzterer sich darob nicht benachteiligt
fühlt?«
»Wenn Sie, Mylord«, -- meinte lächelnd Herr Clark -- »darunter
verstehen, woher ich wisse, ob sich mein Nachbar nicht dadurch _von der
Natur_ benachteiligt fühlt, daß er außer stande ist, gleich mir 1400
Pfund jährlich zu verdienen, so muß ich Ihnen antworten, daß ich darüber
thatsächlich bloß Vermutungen, aber keine sichere Wissenschaft besitze;
wenn Sie aber meinen, daß dieser mein Nachbar oder sonst jemand in
Freiland in diesem meinem höheren Gehalte einen mir durch behördliche
Willkür oder Gunst der Wähler zugewendeten, möglicherweise auch
überflüssigen Vorteil erblicken könnte, so kann ich dies entschieden
bestreiten. Denn mein Gehalt ist in letzter Auflösung gerade so das
Ergebnis der freien Konkurrenz, wie der Arbeitsertrag meines fraglichen
Nachbars. Ob ich der richtige Mann auf meinem Posten sei, darüber
entscheidet allerdings die freie, durch keinerlei automatisch wirkende
Einrichtung zu ersetzende oder zu kontrollierende Meinung jener
Körperschaften, von denen meine Wahl abhängt; mit welchem Gehalte jedoch
mein Amt bedacht werden muß, damit geeignete, oder sagen wir als
geeignet geltende Männer für dasselbe sich finden, das regelt sich genau
nach den nämlichen automatischen Gesetzen, wie der Arbeitsertrag eines
Webers oder Landbauers. Und zwar gilt dies vom Gehalte des jüngsten
Postbeamten angefangen bis hinauf zu uns Chefs der freiländischen
Verwaltungszweige. Die Ernennungen hängen überall vom freien Ermessen
der Vorgesetzten oder der Wahlkollegien ab; aber diese Vorgesetzten und
Wahlkollegien müssen die Gehalte so bestimmen, daß jederzeit eine
genügende Anzahl geeignet befundener Bewerber vorhanden sei. Natürlich
kann es dabei auf ein Pfund mehr oder weniger im Jahre nicht ankommen;
es gilt als Grundsatz, daß die Gehalte stets so bemessen sein müssen,
daß eher ein kleiner Überfluß als ein Mangel an Bewerbern sich
einstelle; aber wenn der Überfluß ein gewisses Maß übersteigt, so
reduziert man eben die Gehalte, während bei drohendem Mangel an
Bewerbern mit Gehalterhöhungen vorgegangen würde. Als selbstverständlich
will ich hier bloß einschalten, daß unter abgewiesenen Bewerbern in
Freiland nicht brotlose Aspiranten zu verstehen sind; Ernennung oder
Ablehnung sind niemals Existenz-, sondern bloß Neigungs-, allenfalls
auch Eitelkeitsfragen. Ebenso verläßt man ein Amt, wenn anderwärts
lohnendere oder angenehmere Beschäftigung winkt. Die Staatsämter werden
auch nicht in jedem Dienstzweige gleich hoch bezahlt; besonders
anstrengende, oder besondere Kenntnisse verlangende Arbeit setzt auch
hier höheren Ertrag voraus, gerade wie bei den unterschiedlichen
Gewerben. Und während der Arbeitsertrag gewöhnlicher Handarbeit das
Richtmaß der niederen Beamtengehalte ist, wirken die Honorare der
unterschiedlichen Associationsleiter bestimmend auf die Gehalte der
oberen Stellen zurück. Dabei hat sich die auch bei Ihnen gemachte
Erfahrung wiederholt, daß der Reiz mit öffentlicher Thätigkeit
verbundener Stellungen die Gehalte von Verwaltungsbeamten, Professoren
u. dergl. nicht unerheblich unter das Niveau jener Bezüge hinabdrückt,
welche in den leitenden Stellen der Associationen zu erlangen sind.
Im allgemeinen macht sich mit steigender Intelligenz ein
_verhältnismäßiges_ -- beileibe kein absolutes -- Sinken der obersten
Gehalte überall geltend. Aber während die Direktoren einzelner großer
Associationen noch immer bis zu 5000 Stundenwerte im Jahre beziehen,
erhalten die obersten Chefs der freiländischen Centralverwaltung derzeit
nur mehr 3600, und auch das nur, weil die Parlamente der von uns
unablässig beantragten Ermäßigung der oberen Gehalte ebenso unablässig
zähen Widerstand entgegensetzen und sich nur zögernd und widerwillig
dazu verstehen. Um gerecht zu sein, muß man übrigens hinzufügen, daß
sich bei den Associationen das nämliche Spiel wiederholt. Die Direktoren
würden sich mit weit geringeren Gehalten begnügen, und von oben
ausgehende Anträge auf Gehaltsreduktion sind, insbesondere in den
letzten zehn Jahren, seitdem der Wert der Stundenäquivalente so sehr
gestiegen ist, in den meisten Generalversammlungen geradezu stehende
Formeln geworden. Ich wiederhole, daß diese Reduktion immer nur
verhältnismäßig, d. h. mit Bezug auf den Ansatz in Stundenäquivalenten
zu verstehen ist; der Wert der Arbeitsstunde hat sich binnen 20 Jahren
vervierfacht; wer also, wie z. B. wir öffentlichen Verwaltungschefs, um
28 Procent weniger Stundenwerte erhält, als ursprünglich, dessen
Einkommen hat sich, in Geld berechnet, doch nahezu verdreifacht. Die
Associationen aber wollen in der Regel auch von einer so verstandenen
Gehaltermäßigung nichts wissen. Sie besorgen, daß trotz aller von ihren
Direktoren an den Tag gelegten Geneigtheit, sich mit geringeren Bezügen
zu begnügen, denn doch der eine oder andere sich von einer
konkurrierenden, höhere Bezüge zahlenden Gesellschaft ihnen werde
abspenstig machen lassen, und da thatsächlich angesichts der
Riesensummen, die solch eine große Association im Jahre umsetzt, einige
hundert Pfund auf oder ab gar nicht der Rede wert sind, so geht es bei
den Associationen mit der Gehaltsreduktion nur langsam vorwärts.
Trotzdem gleicht sich der Abstand zwischen höchstem und geringstem
Verdienste durchweg immer mehr aus, da wir in Folge der steigenden
allgemeinen Bildung dem Gleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage
auch in den höheren, besondere Fähigkeiten voraussetzenden Berufen stets
näher kommen. Sollte dies Gleichgewicht dereinst vollkommen erreicht
werden, was mit der Ausdehnung unserer Institutionen auf die gesamte
Menschheit und dem damit verknüpften gänzlichen Verschwinden
ungebildeter Massen unzweifelhaft stattfinden dürfte, so ist es unsere
Meinung, daß auch die Unterschiede der Gehalte gänzlich verschwinden,
oder doch auf ein Minimum sinken werden.«
Lord Elgin dankte für diese Aufklärung. Jetzt aber trat Sir Bartelet mit
einer weitaus wichtigeren Frage hervor. »Was mir bei Besichtigung des
bewältigenden Getriebes Ihrer Centralbank neuerlich und ganz besonders
aufgefallen ist«, meinte er, »und worüber ich mir noch immer keine volle
Rechenschaft zu geben vermag, das ist die Frage, wie es ohne Willkür und
kommunistische Einrichtungen möglich ist, Kapitalien und zwar so
ungeheure Kapitalien, wie sie bei Ihnen erforderlich sind, aufzubringen,
ohne daß Kapitalzins gezahlt oder berechnet wird. Daß der Zins die
notwendige und gerechte Belohnung des Kapitalisten für die
»Entbehrungen« sei, die er sich auferlegte, glaube ich zwar nicht; aber
ich hielt ihn für den Tribut, den man dem Sparer dafür zahlen müsse, daß
seine freiwillige Sparsamkeit die Gesellschaft der Notwendigkeit
ungerechten Sparzwanges enthebt, der sonst von Obrigkeitswegen ausgeübt
werden müßte. Was ich nun endlich wissen möchte, wäre eine genaue
Darlegung der Gründe, die Sie veranlaßten, den Kapitalzins zu verbieten.
Oder teilen Sie in Freiland die Ansicht, daß es Unrecht sei, dem Sparer
einen Anteil an den Früchten seiner Sparsamkeit zu gönnen?«
»Diese Ansicht teilen wir nicht«, war des Direktors Antwort. »Aber
zunächst muß ich konstatieren, daß Sie von einer ganz falschen
Voraussetzung ausgehen. Wir _verbieten_ den Kapitalzins ebenso wenig,
als wir den Gewinn des Arbeitgebers oder die Grundrente »verbieten«.
Diese drei Einkommenzweige existieren hier zu Lande bloß aus dem Grunde
nicht, weil Niemand in der Notlage ist, sie bezahlen zu müssen. Niemand
wird Sie hindern, wenn Sie hier eine Fabrik eröffnen und zu deren
Betrieb Lohnarbeiter anwerben wollen; nur allerdings müßten Sie diesen
erstlich mindestens so viel bieten, als durchschnittlich in Freiland die
Arbeit trägt, und zum zweiten würde es trotzdem fraglich sein, ob Sie
überhaupt Leute fänden, die sich Ihrem Kommando unterordnen. Ähnlich
verhält es sich mit der Grundrente. Bei uns ist der Boden -- sofern er
nicht zu Wohnstätten, sondern als Produktionsmittel dient -- gänzlich
herrenlos, frei gleich der Luft; er gehört weder Einzelnen, noch Vielen;
Jedermann, der Boden bebauen will, steht es frei, dies zu thun, wo ihm
beliebt, und seinen Anteil am Ertrage einzuheimsen. Damit entfällt
natürlich alle Grundrente, die nichts anderes ist, als der Herrenzins
für die Benutzung des Bodens; aber ein »Verbot« wird man hier vergeblich
suchen. Darin, daß ich kein Recht habe, anderen etwas zu verbieten,
liegt doch wahrlich kein Verbot; man kann nicht einmal sagen, daß mir
»verboten« ist, etwas zu verbieten; mag ich es doch immerhin thun,
Niemand wird mich hindern, nur auslachen wird mich alle Welt, genau so
auslachen, als ob ich den Leuten das Atmen verbieten wollte, behauptend,
die atmosphärische Luft sei mein Eigentum. Wo die Macht zur Durchsetzung
solcher Prätensionen fehlt, braucht Niemand dieselben zu verbieten; sie
dürfen nur nicht künstlich hervorgerufen und unterstützt werden, dann
unterbleiben sie ganz von selbst. Diese Macht aber besitzt in Freiland
Niemand, weil hier Niemand dazu gebraucht wird, den Boden mit Beschlag
zu belegen, damit er bebaut werden könne. Das Zaubermittel aber, welches
uns dazu verhalf, herrenlosen Boden zu kultivieren, ohne uns darob in
die Haare zu geraten, ist das nämliche, welches uns auch zur Produktion
ohne Arbeitgeber befähigte: die freie Association.
»Ebenso wenig aber verbieten wir den Kapitalzins. Niemand wird Sie in
Freiland hindern, so hohe Kapitalzinsen zu fordern, als Ihnen nur immer
beliebt; nur werden Sie allerdings Niemand finden, der sie Ihnen zahlt,
weil Jedermann zinsloses Kapital in Hülle zur Verfügung steht. Nun
fragen Sie aber, ob in dieser Verfügung über die Ersparnisse der
Gesamtheit zu Gunsten der Kapitalbedürftigen kein Unrecht liege? Ob das
nicht Kommunismus sei? Und zugeben will ich, daß hier die Sache nicht so
einfach liegt, wie bei Unternehmergewinn und Grundrente. Der Kapitalzins
wird nämlich für eine wirkliche greifbare Leistung entrichtet, die sich
von derjenigen des Arbeitgebers und Grundrentners sehr wesentlich
unterscheidet. Während nämlich die wirtschaftliche Leistung der beiden
Letzteren in nichts anderem, als in der Geltendmachung eines
Herrschaftsverhältnisses besteht, welches überflüssig wird in dem
Momente, wo sich die arbeitenden Massen aus erzwungen gehorchenden
Knechten in frei vergesellschaftete Männer verwandelt haben, bietet der
Kapitalist dem Arbeiter ein Instrument, welches unter allen Umständen
dessen Thätigkeit befruchtet. Und während ohne weiteres ersichtlich ist,
daß mit der Etablierung der wirtschaftlichen Freiheit Arbeitgeber und
Grundrentner nicht bloß überflüssig, sondern geradezu gegenstandlos
werden, könnte bezüglich des Kapitalisten, des Besitzers von
Ersparnissen, sogar behauptet werden, daß gerade die freie Gesellschaft
in unendlich höherem Maße auf ihn angewiesen sei, als die geknechtete,
weil sie viel mehr Kapital verwenden könne und müsse, als diese. Die zur
Aufbringung der Kapitalien dienenden Abgaben werden nun gleichmäßig auf
alle Produzenten verteilt; der Kapitalbedarf dagegen ist ein sehr
ungleicher; wie kamen wir nun dazu, aus den Abgaben von Leuten, die
vielleicht wenig Kapital brauchen, die Produktion anderer auszustatten,
die zufällig starken Kapitalbedarf haben? Welchen Vorteil boten wir
ersteren für die ihnen aufgenötigte Sparsamkeit?
»Und doch liegt die Antwort nahe genug. _In der ausbeuterischen
Gesellschaft hat allerdings der Gläubiger nicht den geringsten Vorteil
von der, kraft seiner Ersparnisse durch den Schuldner bewerkstelligten
Verbesserung der Produktion; in der auf socialer Freiheit und
Gerechtigkeit beruhenden dagegen genau den nämlichen wie dieser._ Wo --
wie bei uns -- jeder Produktionsvorteil sich gleichmäßig auf Alle
verteilen muß, erledigt sich die Frage nach dem Anteil des Sparers am
Nutzen seines Kapitals ganz von selbst. Der Maschinenschlosser oder
Weber, dessen Abgabe beispielsweise zur Anschaffung oder Vervollkommnung
landwirtschaftlicher Maschinen verwendet wird, hat davon -- bei uns --
genau den nämlichen Vorteil wie der betreffende Landwirt, denn Dank
unseren Institutionen überträgt sich die in welcher Produktion immer
erzielte Ertragssteigerung mittelbar auf alle Produktionsorte und
Produktionsarten.
»Sollte man aber fragen, mit welchem Rechte ein den Kommunismus
verwerfendes, auf freier Selbstbestimmung des Individuums gegründetes
Gemeinwesen seine Mitglieder überhaupt zur Sparsamkeit zwingen könne, so
ist die Antwort, daß solcher Zwang in Wahrheit gar nicht geübt wird. Die
Abgabe, aus welcher die Kapitalisation bestritten wird, zahlt doch
Jedermann nur nach Maßgabe seiner Arbeitsleistung. Zur Arbeit wird nun
Niemand gezwungen; so weit er aber thatsächlich arbeitet, nimmt er ja
die Kapitalien selbst in Anspruch; es wird von ihm nur verlangt und zwar
genau proportional verlangt, was er selber gebraucht; der Gerechtigkeit
sowohl als dem Selbstbestimmungsrechte geschieht also in jedem Punkte
volles Genüge.
»Sie sehen, es gilt vom Kapitalzinse genau das nämliche, was bezüglich
des Unternehmergewinnes und der Grundrente steht: die erlangte Fähigkeit
der Association enthebt den Arbeitenden der Notwendigkeit, unter welchem
Titel immer irgend einen Teil des Ertrages seiner Produktion an dritte
Personen abzutreten. Der Zins verschwindet ganz von selbst, wie Gewinn
und Rente, aus dem allein entscheidenden Grunde, weil der frei
vergesellschaftete Arbeiter sein eigener Kapitalist so gut, wie sein
eigener Arbeitgeber und Grundherr wird. Oder wenn man so will: _Zins,
Gewinn und Rente bleiben, sie verlieren nur ihr vom Arbeitslohne
losgelöstes Sonderdasein; sie verschmelzen mit diesem zum einigen und
unteilbaren Arbeitsertrage._«
Und damit gute Nacht für heute.