17. Kapitel.

Edenthal, 2. August.

Längst schon hatte mich die Frage der hiesigen Jugenderziehung in hohem

Maße interessiert; der vorgestrige Tag nun war dem Studium dieses

Gegenstandes gewidmet. Zunächst besuchte ich in Davids Gesellschaft

einen der zahlreichen Kindergärten, die in Edenthal ziemlich gleichmäßig

über die Stadt verteilt sind. In einer teils aus sonnigen Grasmatten,

teils aus schattigen Baumpflanzungen gebildeten Anlage tummelten sich

hier unter der Leitung zweier Mädchen im Alter von 18-20 Jahren und

einer jungen Witwe etwa 50 Bübchen und Mädchen im Alter zwischen 4 und 6

Jahren. Es wurde gesungen, getanzt, allerlei Possen getrieben,

dazwischen Bilderbücher besehen und erklärt, Märchen abwechselnd mit

belehrenden Geschichten erzählt, Spiele gespielt, die gleicherweise

teils bloßer Unterhaltung, teils der Belehrung dienten. Unter dem

kleinen Volke, das sich königlich amüsierte, war ein ziemlich starkes

Kommen und Gehen; die eine Mutter brachte ihre Sprößlinge herbei, eine

andere holte die ihrigen ab. Im allgemeinen ziehen es nämlich die

freiländischen Mütter vor, ihre Kinder um sich zu haben; nur wenn sie

das Haus verlassen, um einen Besuch zu machen oder etwas zu besorgen,

werden die Kleinen dem nächsten Kindergarten übergeben und bei der

Heimkehr wieder abgeholt -- es sei denn, daß das junge Volk selber darum

bettelt, dortgelassen resp. dahin gebracht zu werden, und die Mutter den

Bitten zu willfahren geneigt ist. Doch das sind wie gesagt

Ausnahmefälle; in der Regel tummeln sich die Kinder daheim unter den

Augen der Eltern, und die Leitung der ersten Erziehung ist insbesondere

Sache der Mutter. Belehrung darüber, wie diese am besten anzustellen

sei, braucht eine freiländische Frau selten; im Bedarfsfalle ist

übrigens der benachbarte Kindergarten, später das Pädagogium zur Hand,

wo guter Rat jederzeit geholt werden kann. Als Thatsache wurde mir

mitgeteilt, daß jedes in Freiland aufgewachsene sechsjährige Kind des

Lesens, Kopfrechnens und einer ganz artigen Summe nützlichen Wissens

kundig sei, ohne bis dahin ein anderes als ein Bilderbuch gesehen zu

haben.

Nach dem Kindergarten kam die Elementarschule an die Reihe. Auch diese

Schulen sind möglichst gleichförmig über Edenthal zerstreut und liegen

gleicherweise in größeren Gärten. Sie sind vierklassig, und der

Unterricht wird Mädchen und Knaben gemeinsam erteilt. Das Lehramt liegt

durchweg in Händen junger Mädchen und Frauen; nur Turnen und Schwimmen

der Knaben leiten männliche Lehrer. Die beiden letzteren Übungen

beanspruchen bei Knaben und Mädchen täglich je eine Stunde; mindestens

dreimal wöchentlich werden unter Leitung je einer Lehrerin von jeder

Klasse mehrstündige Ausflüge in die benachbarten Wälder und Berge

unternommen, bei denen allerlei Anschauungsunterricht getrieben wird.

Ich beobachtete die Zöglinge beim Buche und am Turnplatz, in der

Schwimmschule und auf den Bergen und hatte dabei Gelegenheit, mich zu

überzeugen, daß die Kinder mindestens so viel und so systematisches

Wissen besaßen, als europäische Altersgenossen, dabei sich aber auf Reck

und Barren, Kletterstange und Hängeseil bewegten wie die Eichhörnchen,

im Wasser schwammen wie die Fische, und nach dreistündigem Marsche über

Berg und Thal so munter umhersprangen wie die Rehe.

Hierauf besuchten wir die Mittelschulen, in denen Knaben und Mädchen

gesondert vom 10. bis 16. Jahre unterrichtet wurden, erstere durch

männliche, letztere teilweise durch weibliche Lehrkräfte. Hier war den

Leibesübungen mannigfaltigster Art noch weit größere Beachtung

geschenkt, und um den hierfür erforderlichen Raum zu gewinnen, befanden

sich diese Schulen im Umkreise der Stadt, in der Nachbarschaft der diese

umgebenden Wälder. Ich hatte Gelegenheit, die Ausdauer, Kraft und Grazie

der Knaben und Mädchen im Turnen, Laufen, Springen, Tanzen und Reiten zu

bewundern, die ersteren überdies bei ihren Ring-, Fecht- und

Schießübungen zu sehen. Einige Gänge auf Stoßdegen und Säbel mit

verschiedenen der jungen Leute belehrten mich zu meinem Erstaunen, daß

dieselben mir nicht bloß ebenbürtig, sondern in manchen Punkten

überlegen seien, obwohl Dir bekannt ist, daß ich zu den besseren

Fechtern unseres in dieser Kunst so vielgepriesenen Italien gehöre. Die

beim Ringen und Turnen hervortretende Muskulatur der halbwüchsigen

Recken erregte in nicht minderem Grade meine Bewunderung, als die

spielende Leichtigkeit, mit welcher dieselben ein Pferd im vollen Galopp

einholten und sich auf dessen Rücken schwangen. Besonders überrascht

aber war ich von der Sicherheit, mit welcher die Knaben ihre Schußwaffen

handhabten. Auf 500 Meter Distanz wurde die kaum tellergroße Scheibe

selten verfehlt, und nicht wenige der jungen Schützen sandten Kugel auf

Kugel ins Schwarze. Alles in allem machten insbesondere die obersten

Klassen dieser Mittelschulen dem Äußeren der Zöglinge nach zu urteilen

den Eindruck einer Schar erlesener junger Athleten; dabei erwiesen sich

jedoch diese Athleten auch in allen Wissenszweigen wohlbewandert, die an

den besten europäischen Mittelschulen getrieben werden.

Bis dahin ist, wie ich erfuhr, der Unterricht für alle Kinder Freilands

der gleiche, mit dem alleinigen Unterschiede, daß bei den Mädchen etwas

geringerer Nachdruck auf die Leibesübungen, dafür desto größerer auf

musikalische Ausbildung gelegt wird. Von da ab jedoch trennen sich die

Berufe. Die jungen Mädchen bleiben entweder im elterlichen Hause, um

sich dort in jenen Künsten und Wissenszweigen, zu denen sie bis dahin

den Grundstein gelegt, weiter auszubilden, oder sie ziehen als

Ziehtöchter zu gleichem Zwecke in das Haus irgend einer als hochgebildet

und geistreich bekannten Frau. Ein anderer Teil bezieht die

pädagogischen Lehranstalten, um sich für das Lehramt auszubilden, hört

einen Kursus über Krankenpflege oder über Ästhetik, Kunstgeschichte u.

dergl.

Die Knaben dagegen zerstreuen sich insgesamt in die verschiedenen

höheren Lehranstalten. Die Mehrzahl besucht die gewerblichen und

geschäftlichen Fachschulen, in denen ein oder zwei Jahre hindurch

wissenschaftliche und praktische Anleitung zu den verschiedenartigsten

Geschäfts- und Produktionsarten erteilt wird. Durch eine dieser

Fachschulen geht jeder freiländische Arbeiter, er mag späterhin als

Landbauer, als Spinner, als Bergmann oder in welcher Eigenschaft immer

seinen Verdienst suchen. Dabei wird ein doppelter Zweck verfolgt:

erstens der, jeden Arbeiter ohne Unterschied in den Zusammenhang des

ganzen Getriebes seiner Produktion einzuweihen und zweitens, ihn in den

Stand zu setzen, seinen Erwerb nach Wahl auch in mehreren

Produktionszweigen zu suchen. Der simple Spinner, der nichts anderes zu

thun hat, als den Gang seiner Spindeln zu überwachen, weiß hier zu Lande

auch über die Einrichtung und den Betrieb der ganzen Spinnerei, über

Bezugsquellen und Absatzgebiete einigen Bescheid, was zur Folge hat, daß

solch ein Arbeiter, wenn es gilt die Leiter seiner Association zu

wählen, seine Stimme mit einer Sachkenntnis abgiebt, die Mißgriffe bei

der Auslese der geeignetsten Persönlichkeiten nahezu unmöglich macht.

Zum zweiten aber ist dieser einfache Spinner in Freiland kein Automat,

dessen Wissen und Können mit den Handgriffen und Kenntnissen seines

engeren Faches erschöpft wäre; er ist jedenfalls noch in einem oder

einigen anderen Erwerbszweigen zu Hause und das hat wieder zur Folge,

daß unser Mann jede in diesem anderen Erwerbszweige sich zeigende

günstige Konjunktur sofort ausnutzen, die Spinnmaschine mit dem Pfluge,

mit dem Hammer oder mit der Drehbank, wohl auch mit dem Schreibpulte

oder der Rechentafel zu vertauschen in der Lage ist, wodurch eben jenes

wundervolle Gleichgewicht der verschiedenartigsten Einkommenszweige

ermöglicht wird, welches die Grundlage der socialen Ordnung des Landes

ist.

Junge Leute, die Beruf zu höherer geistiger Thätigkeit in sich

verspüren, wenden sich den eigentlichen Hochschulen zu, in denen

Freilands Professoren, höhere Verwaltungsbeamte, Ärzte, Techniker u. s.

w. ausgebildet werden, oder den mit großartigen Mitteln ausgestatteten

verschiedenartigen Kunstakademien, aus denen die Architekten, Bildhauer,

Maler, Musiker des Landes hervorgehen. Doch auch in allen diesen

Unterrichtsanstalten wird fortlaufend neben der geistigen auf die

körperliche Fortbildung der größte Nachdruck gelegt. Die gewerblichen

und kaufmännischen Fachschulen haben ihre Turn-, Ring- und Reitbahnen,

ihre Schieß- und Fechtplätze so gut wie die Hochschulen und Akademien,

und da die Jünglinge, welche hier ihre Fortbildung suchen, nicht so

unmittelbar unter dem Einflusse ihrer Lehrer stehen, wie die Knaben der

Mittelschulen, so ist durch das Institut der öffentlichen Gau- und

Landesübungen dafür gesorgt, ihren Eifer für körperliche Ausbildung

nicht erlahmen zu lassen. Alle Jünglinge zwischen dem vollendeten 16.

und 22. Jahre sind nämlich je nach ihrem Wohnsitze in Tausendschaften

geteilt, die unter selbstgewählten Führern allmonatlich Übungen halten,

bei denen sie ihre körperlichen Kräfte und Fähigkeiten erproben. Einmal

im Jahre findet in jedem der 48 Distrikte, in welche zu

Verwaltungs-Zwecken ganz Freiland geteilt ist, vor einem

Preisrichterkollegium, welches aus den Siegern früherer Jahre gebildet

wird, eine große Preisübung statt, bei welcher erstlich von jeder

Tausendschaft gestellte Champions -- es sind das natürlich die

tüchtigsten Recken, über die jede Tausendschaft verfügt -- als

Einzel-Fechter, -Schützen, -Reiter, -Ringer und -Läufer sich messen;

sodann kämpfen die Tausendschaften als solche, d. h. in Gesamtübungen um

verschiedene Preise. Die Sieger bei diesen Gauübungen bewerben sich dann

bei dem wenige Wochen später in einem zu solchen Zwecken besonders

eingerichteten Thale des Aberdaregebirges stattfindenden Landesfeste um

die Ehre der Meisterschaft für ganz Freiland und man versicherte mir,

daß kein griechischer Jüngling aus der Blütezeit von Hellas in heißerem

Bemühen um den Ölzweig bei den Isthmischen Spielen warb, als die

freiländischen Jünglinge um die Ehrenpreise bei diesen Aberdarespielen,

obwohl auch hier die Preise in nichts anderem, als in schlichten

Blätterkronen, daneben aber allerdings in dem vom Indischen Ocean bis zu

den Mondbergen und vom Tanganika bis zum Baringosee wiederhallenden

Ruhmesfanfaren und in dem begeisterten Jubel jenes Gaues und jener Stadt

bestehen, die so glücklich sind, die Sieger die Ihren zu nennen.

Hunderttausende strömen aus allen Landesteilen zu diesen Preisübungen

zusammen und die Mutterstadt der Sieger, insbesondere die der siegenden

Tausendschaft, empfängt ausnahmslos die heimkehrenden Jünglinge mit

einer Reihe der erlesensten Feste.

Ich konnte mich, als mir dies berichtet wurde, der Bemerkung nicht

enthalten, daß mir solcher Enthusiasmus aus Anlaß eines bloßen Spieles

denn doch übertrieben erscheine; insbesondere äußerte ich darüber mein

Erstaunen, daß Freiland, die Heimat der socialen Gerechtigkeit, sich für

Leistungen zu begeistern vermöge, die im kriegerischen Hellas von

besonderem Werte erscheinen mochten, hier aber, wo alles

unverbrüchlichen Frieden atmet, keine andere Bedeutung haben könnten,

als die einer harmlosen Leibesübung.

»Sehr richtig« -- bemerkte David -- »nur daß die Tüchtigkeit in diesen

harmlosen Leibesübungen es eben ist, was uns Freiländern die

Unverbrüchlichkeit des Friedens verbürgt, dessen wir uns zu erfreuen

haben. Wir besitzen keinerlei militärische Einrichtungen und wären, wenn

wir uns nicht auf unsere Überlegenheiten in allem, was körperliche Kraft

und Gewandtheit betrifft, verlassen könnten, die leichte Beute jedes

Militärstaates, dem es nach unseren Reichtümern gelüstete.«

»Du glaubst doch nicht etwa« -- rief ich nicht ohne ein sarkastisches

Lächeln -- »mit euern fechtenden und schießenden Knaben und mit den

Siegern eurer Isthmischen Spiele einer großen Militärmacht gewachsen zu

sein, die es wirklich auf Euch abgesehen haben sollte? Meines Erachtens

liegt Euer Schutz in der gegenseitigen Eifersucht der europäischen

Staaten, die eine solche Beute keinem einzelnen gönnt, und mehr noch in

der weiten Entfernung, dem Meere und den Bergen, die Euch so gefährliche

Besuche vom Leibe halten. Für alle Fälle aber glaube ich, daß einige

militärische Vorsorge, etwa die Aufstellung einer tüchtigen Miliz und

insbesondere eine starke Flotte, deren Kosten doch bei Eurem Reichtume

gar nicht in Betracht kämen, sehr heilsam wäre.«

»Wir sind anderer Ansicht« -- erklärte David. »Nicht unsere Kampfspiele,

wohl aber die überlegene körperliche Tüchtigkeit, die in ihnen zu Tage

tritt, sichern uns unseres Dafürhaltens vollkommen gegen jeden, selbst

den mächtigsten Feind, der gegen unsere harmonisch ausgebildeten, im

Gebrauche jeglicher Waffe bis zur höchsten Vollendung geübten Jünglinge

und Männer doch nichts anderes ins Feld stellen könnte, als verkommene,

ihre Waffen kaum notdürftig handhabende Proletarier. Wir glauben, daß es

im Kriege weniger auf die Anzahl der Schüsse, als auf die Anzahl der

Treffer, weniger auf die Masse, als auf die Leistungsfähigkeit der

Kämpfenden ankommt. Wenn Du gleich mir Zeuge gewesen wärest, in welcher

Weise bei dem vorjährigen Landesfeste die siegende Tausendschaft ihren

Preis herausschoß, so würdest Du vielleicht zugeben, daß eine Truppe,

die aus solchen, oder doch annähernd solchen Schützen gebildet wäre,

keine europäische Armee zu fürchten brauchte.«

»Wie wollt Ihr Euch aber gegen die Kanonen europäischer Armeen

verteidigen?« fragte ich.

»Ei, eben auch durch Kanonen«, entgegnete David. »Da wir nun einmal mit

diesen Einrichtungen den Doppelzweck verfolgen, den Eifer für

körperliche Ausbildung zu fördern und zugleich Sicherheit gegen

feindliche Angriffe zu erlangen, so nehmen unter unseren Schießübungen

auch solche mit Kanonen des verschiedensten Kalibers einen ausgedehnten

Platz ein. Und zwar geschieht auch das schon von der Schule aus. Von der

vierten Mittelklasse an werden jene Knaben, die sich auf den anderen

Gebieten hervorgethan haben, zu Geschützübungen herangezogen -- was

sich, nebenbei bemerkt, als ganz besonderer Ansporn des Fleißes bewährt

hat. Daß Du diese Geschütze nicht zu Gesicht bekamst, hat seinen Grund

darin, daß der Schießplatz für dieselben ziemlich weit außerhalb des

Bannkreises der Stadt liegt, was um so notwendiger ist, als sich unter

diesen Übungskanonen Ungetüme bis zu 200 Tonnen Gewicht befinden, deren

Donner nur schlecht zur idyllischen Ruhe unseres Edenthals passen würde.

Die Jünglinge aber werden mit diesem artigen Spielzeug so vertraut und

zahlreiche bringen es nach eingehenderen ballistischen Studien zu so

großer Vollendung in Handhabung desselben, daß sie sich meines Erachtens

auch auf diesem Gebiete europäischen Gegnern ebenso überlegen erweisen

würden, wie auf demjenigen des Schützenwesens. Genau dasselbe gilt von

unseren Reitern. Kurzum, wir haben keine Armee, aber unsere Jünglinge

und Männer handhaben alle Waffen, deren eine Armee bedarf, unendlich

vollkommener, als die Soldaten welcher Armee immer, und da überdies zu

Zwecken der großen Preisspiele auch eine Organisation geschaffen ist,

kraft deren aus der Mitte 2½ Millionen waffengeübter Jünglinge und

Männer, welche Freiland zur Stunde besitzt, die gewandtesten und

tüchtigsten 2-300000 jederzeit verfügbar sind, so meinen wir, daß es uns

ein Leichtes wäre, die größte Invasionsarmee abzuwehren -- eine Gefahr,

die wir jedoch im Ernste keineswegs besorgen, denn wir bezweifeln, daß

irgend ein europäisches Volk dazu zu haben wäre, uns anzugreifen. Gegen

uns gesammelte Gewehre und Kanonen dürften sich, auch ohne daß wir etwas

dazu thun, sehr rasch wider diejenigen kehren, die Feindseliges gegen

uns sinnen.«

Dem stimmte ich zu. Wir besprachen hierauf noch einige andere

Gegenstände der Jugenderziehung, bei welcher Gelegenheit die Rede auf

das freiländische Erbrecht kam.

»Dürfte ich Dich fragen, wie Ihr es mit dem Erbrecht im allgemeinen und

mit dem Erbrecht an liegendem Besitz im besonderen haltet. Denn hier, im

Eigentum an Häusern, scheint mir eine Klippe zu liegen, an welcher Eure

allgemeinen Prinzipien über Grundbesitz Schiffbruch leiden können. Eine

der Grundlagen Eurer Organisation ist doch, daß Grund und Boden niemand

eigentümlich gehören dürfe; Häuser aber stehen -- wenn ich recht

unterrichtet bin -- im Privateigentum. Wie vereinbart sich das?«

»Jedermann«, so antwortete David, »verfügt für den Todesfall wie im

Leben vollkommen frei über sein gesamtes Eigentum. Die Testierfreiheit

ist eine unbedingte, nur ist dabei zu beachten, daß unter den Ehegatten

vollständige Gütergemeinschaft besteht, woraus hervorgeht, daß nur der

überlebende Teil über das gemeinsame Vermögen letztwillig verfügen kann.

Das Eigentum am Hause jedoch kann nicht geteilt werden und ebensowenig

ist es gestattet, auf einem Haus- resp. Gartengrunde mehr als _ein_

Wohnhaus zu errichten. Schließlich darf das Wohnhaus nur vom Eigentümer

bewohnt, nicht aber vermietet werden. Geschieht von diesen drei Dingen

eines, wird überhaupt der Hausgrund zu irgend einem anderen Zwecke, als

zu Errichtung der Wohnstätte des Eigentümers verwendet, so trifft den

Zuwiderhandelnden zwar keinerlei besondere Strafe und es wird auch

keinerlei besonderer Zwang gegen ihn geübt, die unmittelbare Folge aber

ist der Verlust des ausschließlichen Nutzungsanspruchs am Hausgrunde.

Die Baufläche wird damit zu Boden gewöhnlicher Art, an welchem es kein

Sonderrecht giebt, an welches jedermann das gleiche ungeteilte Anrecht

hat. Denn nach unseren Anschauungen giebt es überhaupt kein Eigentum am

Boden, also auch nicht am Baugrund des Hauses, und das Recht, solchen

Boden abzusondern und für sich allein zu benutzen, ist lediglich ein zu

bestimmten Zwecken eingeräumtes Nutznießungsrecht. Gleichwie z. B. der

Eisenbahnreisende ein Anrecht auf den Platz hat, den er zuerst

occupierte, jedoch nur zu dem Zwecke, um darauf zu sitzen, nicht aber,

um dort seine Gepäckstücke abzuladen oder um ihn gegen Entgelt an Andere

zu überlassen; so habe ich das Recht, den Platz auf Erden, auf welchem

ich mein Heim gründen will, durch bloße Occupation für mich zu

reservieren, und Niemand darf sich auf meinem Baugrunde neben mir

ansiedeln, so wenig, als es ihm gestattet ist, auf der Eisenbahn neben

mir auf meinem Sitze Platz zu nehmen, auch wenn im Notfalle Raum für

zwei vorhanden wäre. Aber es liegt auch nicht in meinem Belieben, auf

meinem Polster guten Freunden ein Plätzchen neben mir einzuräumen, denn

die Mitreisenden brauchen sich die dadurch für sie erwachsenden

Unbequemlichkeiten nicht gefallen zu lassen; sie können dagegen

protestieren, daß die Beine und Ellbogen meines Sitzpartners ihnen zu

nahe kommen und daß der nur für eine bestimmte Personenzahl berechnete

Luftraum des Wagens durch meine Eigenmacht zahlreicheren Lungen

zugeteilt werde. Ebenso brauchen es sich meine Hausnachbarn nicht

gefallen zu lassen, daß ihnen meine Mauern und Dachfirste zu nahe an den

Leib rücken und daß ich eigenmächtig den Luftraum einer Stadt dichter

fülle, als dem allgemeinen Übereinkommen entspricht.

»Nun habe ich aber in Ausübung meines mir auf eine bestimmte

Bodenparzelle eingeräumten Nutzungsrechtes diese Parzelle untrennbar mit

einem Dinge verbunden, auf welches mir nicht bloß Nutzungs-, sondern

Eigentumsrecht zusteht, dem Hause nämlich. Daraus ziehen wir die

Konsequenz, daß mein Nutzungsrecht auf denjenigen übergeht, dem ich --

sei es entgeltlich oder unentgeltlich -- das Eigentumsrecht an meinem

Hause überlasse. Ich kann daher mein Haus verkaufen, vererben,

verschenken, ohne daß ich daran durch den Umstand gehindert würde, daß

mir am Baugrunde des Hauses kein Eigentum zusteht.«

Freiland: Ein sociales Zukunftsbild · 第 18 / 29 题