Edenthal, den 28. Juli.
Ich konnte mein Versprechen, Dir bald zu schreiben, nicht halten, weil
die vergangene Woche einer Reihe kürzerer oder längerer Ausflüge
gewidmet war, die ich mit David teils zu Pferde oder mittels
automatischer Draisinen in die unmittelbare Umgebung Edenthals und der
benachbarten Danastadt, teils mit der Eisenbahn bis an die Ufer des
Ukerewe unternahm. Ich lernte solcherart eine ziemliche Anzahl
freiländischer Städte und ebenso mehrere zerstreute Industrie- und
Ackerbaukolonien kennen. Ich sah die lieblichen, in schattigen Wäldern
eingebetteten Orte des Aberdaregebirges mit ihrer gewaltigen
Metallindustrie; Naiwaschacity, das Emporium der Lederindustrieen und
des Fleischexports, dessen Villenreihen den ganzen Naiwaschasee in einer
Längenausdehnung von 64 Kilometern umrahmen; die Ansiedelungen in den
Bergen nördlich vom Baringosee mit ihren zahllosen Herden edler Pferde,
Rinder, Schweine, Schafe, zahmer Elefanten, Büffel, Zebras, mit ihren
Gold- und Silberbergwerken, und Ripon, das Centrum der Mühlenindustrie
und des Ukerwehandels. In allen Städten fand ich dem Wesen nach die
nämlichen Einrichtungen wie in Edenthal; elektrische Eisenbahnen in den
Hauptstraßen, elektrische Beleuchtung und Beheizung, Bibliotheken,
Theater u. s. w. Was mich jedoch zumeist überraschte, war, daß auch die
ländlichen Ansiedelungen mit sehr geringen Ausnahmen eines
hochentwickelten städtischen Comforts nicht entbehrten. Elektrische
Bahnen zogen auch an ihnen vorüber und setzten sie mit den
Hauptverkehrslinien in Verbindung; wo nur 5-6 Villen -- denn der
Villenstil herrscht ausnahmslos durch ganz Freiland -- nebeneinander
standen, fanden sich elektrische Beleuchtung und Beheizung; Telegraph
und Telephon fehlten selbst dem entlegensten Gebirgsthale nicht, ebenso
keinem Hause das Bad; und wo einige hundert Villen in nicht gar zu
großer Entfernung zerstreut lagen, war sicherlich ein Theater für sie
gebaut, in welchem abwechselnd Schauspiele, Concerte, Vorträge
abgehalten wurden. An Schulen gab es allenthalben Überfluß, und wo
irgend ein Ansiedler sich allzu einsam angebaut hatte, als daß die
Kinder eine in der Nähe gelegene Schule hätten besuchen können, dort
waren diese bei befreundeten Familien untergebracht, denn der
Jugendunterricht darf in Freiland unter keinen Umständen leiden.
Daß ich die Gelegenheit nicht versäumte, mir das freiländische Volk an
seiner Arbeit -- auf dem Felde und in der Fabrik -- zu betrachten, ist
selbstverständlich. Hier wurde mir die Größe Freilands erst offenbar.
Ungeheuer, überwältigend war, was ich allenthalben sah. Von der
Großartigkeit der maschinellen Einrichtungen, von der unermeßlichen
Kraftfülle, welche die gebändigten Elemente hier dem Menschen zur
Verfügung stellen, kann sich der Abendländer ebensowenig eine
Vorstellung machen, als von dem raffinierten, ich möchte fast sagen
aristokratischen Komfort, mit welchem die Arbeit überall umgeben ist.
Keine schmutzige, aufreibende Handlangung verrichtet der Mensch; die
sinnreichsten Apparate entheben ihn jedes wirklich unangenehmen
Geschäftes; er hat der Hauptsache nach bloß seine unermüdlichen eisernen
Sklaven zu überwachen. Und nicht einmal durch ihr Klappern, Stöhnen und
Rasseln dürfen diese überall geschäftigen Diener das Ohr ihrer Herren
beleidigen. Ich bewegte mich in den Stampfwerken von Leikipia, die den
mineralischen Dünger für die dortige Bodenassociation bereiten, zwischen
Steinzermalmern von tausenden Centnern Stoßkraft, und kein lästiges
Geräusch war zu hören, kein Atom Staub zu sehen. Ich durchschritt
Eisenwerke, in denen Stahlhämmer bis zu 3000 Tonnen Fallgewicht
verwendet werden; die gleiche Ruhe herrschte in den lichten freundlichen
Fabriksälen, kein Ruß auf Händen oder Gesichtern der Arbeiter störte den
Eindruck, daß man es mit Gentlemen zu thun habe, die sich dazu
herbeilassen, die Schmiedearbeit der Elemente zu überwachen. Ich sah auf
den Feldern ackern und säen -- wieder dieselbe Erscheinung des Herrn der
Schöpfung, der durch den Druck eines Fingers die Riesen »Dampf« oder
»Elektricität« nach seinem Willen lenkt, wohin und wozu es ihm nützlich
dünkt. Ich war _unter_ der Erde in den Kohlengruben und in den
Eisenminen; auch dort fand ich es nicht anders: keinen Schmutz, keine
aufreibende Plage für den Menschen, der in vornehmer Ruhe zusieht, wie
seine gehorsamen Geschöpfe aus Stahl und Eisen für ihn schaffen ohne zu
ermüden und zu murren, von ihm nichts anderes verlangend, als daß er sie
lenke.
Während der nämlichen Ausflüge lernte ich auch eine Reihe besonderer in
Freiland üblicher Vergnügungen näher kennen; ich besuchte mit David die
mannigfaltigen entzückenden Aussichtspunkte des Kenia und der
Aberdareberge, auf denen es allsonntäglich Gesang und Tanz der jungen
Leute gibt, gewürzt in der Regel durch eine Überraschung, welche die
Vergnügungskomitees -- eine ständige Institution in jedem freiländischen
Orte -- zur Feier eines beliebigen Anlasses veranstalten. Mir waren die
Eisfeste auf dem großen Eislaufteiche am Keniagletscher das
Überraschendste. Dort hatten vor fünf Jahren die vereinigten
Vergnügungskomitees von Edenthal, Danastadt und Oberleikipia ein 2400
Hektaren messendes, 4250 Meter über dem Meeresspiegel gelegenes Plateau
in einen Teich verwandeln lassen, der von den Wässern der unmittelbar
daran grenzenden großen Eisfelder gespeist wird. Von Ende Mai bis Mitte
August gibt es nun in dieser Höhe stets sehr empfindliche Nachtfröste,
die das ohnehin dem Gefrierpunkte nahe Gletscherwasser des Teiches sehr
rasch in eine solide Eisbahn verwandeln. Nachdem hierauf dieser
großartige Eislaufplatz seinem ganzen Umfange nach mit luxuriösen
heizbaren Warte-, Toilette und Speise-Sälen umgeben, des ferneren
mittels einer leistungsfähigen Zahnradbahn mit dem Fuße des Berges in
Verbindung gebracht worden war, übergaben die vereinigten Komitees ihr
Werk der Öffentlichkeit zur unentgeltlichen Benutzung. Die, wie sich
denken läßt, sehr beträchtlichen Anlagekosten waren mit Leichtigkeit im
Wege freiwilliger Subskriptionen aufgebracht worden, und ebenso decken
sich die Erfordernisse der Instandhaltung überreichlich durch
freiwillige Beiträge der zahlreichen Besucher. Denn die ganze kühle
Jahreszeit hindurch ist die Riesenfläche des Eisteiches von
Schlittschuhläufern und insbesondere von Schlittschuhläuferinnen nicht
bloß aus der Umgebung des Kenia auf hundert Kilometer in der Runde,
sondern aus allen Teilen Freilands bedeckt. Selbst von den Gestaden des
indischen Ozeans und der großen Seen kommen Freunde und Freundinnen
dieses gesunden Sports hierher, um an den zeitweilig veranstalteten
glänzenden Eisfesten teilzunehmen. Gegenwärtig beschäftigt man sich mit
dem Plane, unmittelbar am Eislaufplatze ein großartiges Hotel zu
errichten, das besonders ausdauernden Verehrern dieser ebenso graziösen
als gesunden Leibesübung Gelegenheit geben soll, in 4200 Meter Seehöhe
zu übernachten. Des ferneren hat die große Beliebtheit des
Kenia-Eisteiches den Anlaß gegeben, auch am Kilima-Ndscharo, und zwar
dort in einer noch um 500 Meter höheren Lage ein ähnliches Unternehmen
ins Werk zu setzen, welches gegenwärtig seiner Vollendung nahe ist; ein
drittes, in den Mondbergen am Albertsee, hat einstweilen das
Versuchsstadium nicht überschritten, da dem dortigen Komitee die
Auffindung eines zu solchem Zwecke genügend hoch gelegenen und dabei
ausreichend großen Platzes bisher nicht recht gelungen sein soll.
Mehr als all' diese Vergnügungseinrichtungen aber erregte die
ungetrübte, im besten Sinne des Wortes kindliche Lust und Fröhlichkeit
meine Bewunderung, mit denen nicht bloß diese Veranstaltungen, sondern
das ganze Leben in Freiland genossen werden. Man gewinnt durchaus den
Eindruck, als ob die Sorge hierzulande unbekannt wäre. Jene unbefangene
Heiterkeit, die bei uns in Europa der beneidenswerte Vorzug bloß der
ersten Jugendjahre ist, thront hier auf jeder Stirne, strahlt aus
Jedermanns Auge. Durchwandere welches civilisierte Land der Welt immer,
Du wirst selten, ja ich möchte fast behaupten niemals, einen Erwachsenen
finden, auf dessen Antlitz behagliches Glück, ungetrübter Lebensgenuß zu
lesen wäre; mit sorgenschweren, meist sogar kummervollen Mienen hasten
oder schleichen bei uns daheim die Menschen aneinander vorüber, und
zeigt sich irgendwo wirkliche, nicht bloß erkünstelte Fröhlichkeit, so
ist es beinahe ausnahmslos die der Gedankenlosigkeit. Glücklich sind bei
uns höchstens die »Armen an Geist«; die Reflexion scheint uns nur
gegeben, um über des Lebens Not und Qual nachzudenken. Hier zum
erstenmale finde ich Menschengesichter, die den Stempel bewußten Denkens
und unbefangenen Glückes zugleich zur Schau tragen. Und dieses
Schauspiel allgemein glücklicher Zufriedenheit ist für mich erhebender
als alles, was wir hier zu sehen bekamen; freier und wohliger atmet die
Brust; es ist, als ob ich zum erstenmale aus der beängstigenden
Atmosphäre eines mit erstickenden Dünsten geschwängerten Kerkers
hinausgelangt wäre in die freie Natur, wo balsamische reine Lüfte mich
umfächeln. »Woher kommt Euch allen, allen dieser Abglanz sonniger
Heiterkeit?« fragte ich David.
»Sie ist das naturgemäße Ergebnis der heiteren Sorglosigkeit, in der wir
alle leben«, war seine Antwort. »Denn es scheint nicht bloß, es ist
wirklich an dem, daß die Sorge hierzulande unbekannt ist, zum mindesten
jene häßlichste, erniedrigendste aller Sorgen, die um das tägliche Brot.
Nicht daß wir reicher sind, und auch nicht, daß wir es alle sind, ist
diesbezüglich das Entscheidende, sondern daß wir, und zwar
wohlverstanden jeder Einzelne unter uns, die absolute Sicherheit
besitzen, es stets zu bleiben. Hier _kann_ niemand verarmen, denn
unveräußerlich ist ihm sein Anteil am unermeßlichen Vermögen der
Gesamtheit. Heiter und lachend liegt das »Morgen« vor uns; es kann uns
nichts Schlimmes bringen, denn Gewähr und Sicherheit für das Wohlergehen
auch des Letzten unter uns ist eine Macht, so stark und dauerhaft, wie
der Bestand unserer Rasse auf diesem Planeten, die Macht des
menschlichen Fortschritts. Wir gleichen in diesem Punkte wirklich den
Kindern, denen Schirm und Hort des elterlichen Hauses jede materielle
Sorge fernhält.«
»Und befürchtet Ihr nicht« -- so warf ich ein -- »daß diese
Sorglosigkeit schließlich gerade dem ein Ende bereiten wird, worauf sie
sich stützt, dem Fortschritte nämlich? Bisher zum mindesten waren noch
stets Not und Sorge die besten Triebfedern menschlicher Betriebsamkeit;
erlahmen diese beiden, hat die quälende Angst um das Morgen ihr Ende, so
wird auch der Fortschritt erlahmen, Stillstand, dann Rückschritt werden
ihm folgen und zugleich mit der dadurch notwendigerweise eintretenden
Verarmung werden auch Not und Sorge wieder ihren Einzug halten. Daß
bisher unter Euch nichts von alledem zu bemerken ist, muß ich zugeben;
aber es kann mich dies nicht beruhigen. Denn einstweilen genießt Ihr in
Freiland noch die Früchte des Fortschritts Anderer. Was unter Not und
Qual ungezählter Jahrtausende ersonnen und erfunden wurde, unter Not und
Qual ungezählter Millionen außerhalb der Grenzen Eures Landes auch heute
noch ersonnen und erfunden wird, das ist's, was Euer Glück einstweilen
ermöglicht. Wie aber dann, wenn dereinst -- was Ihr ja offenbar anstrebt
-- die _ganze_ Menschheit sich zu Euren Prinzipien bekehrt? Glaubt Ihr,
daß die Not gänzlich von der Erdoberfläche verschwinden kann, ohne den
Fortschritt mit sich zu nehmen?«
»Das glauben wir nicht bloß« -- war seine Antwort -- »wir wissen es, und
jedermann, der unbeirrt durch überkommene Vorurteile die Thatsachen
prüft, muß unsere Erkenntnis teilen. Kampf ums Dasein ist das
unerbittliche Gebot, an welches die Natur den Fortschritt, ja die
Existenz jeglichen lebenden Wesens geknüpft hat -- das begreifen wir
besser, als irgend jemand da draußen. Aber daß dieser Kampf gerade durch
den Hunger gestachelt werden muß, leugnen wir, und ebenso, daß er
notwendigerweise als ein gegenseitiger Kampf der Individuen der
nämlichen Art aufzufassen ist. Auch wir kämpfen den Kampf ums Dasein,
denn mühe- und arbeitslos fällt auch uns der Genuß nicht in den Schoß.
Aber nicht _gegeneinander_, sondern _miteinander_ stehen wir in unserem
Streben, und gerade deshalb ist uns der Erfolg desselben niemals
zweifelhaft. Wir könnten uns, wenn auf das Beispiel des in der Tierwelt
herrschenden Kampfes verwiesen wird, darauf berufen, daß der Mensch, dem
andere Kampfmittel zu Gebote stehen, als seinen niedriger stehenden
animalischen Vettern, den Entwickelungskampf auch in anderer Weise
auszutragen vermöchte, als diese; aber das wäre eine ebenso schlechte,
als überflüssige Ausflucht. Denn in Wahrheit verhält sich die Sache
umgekehrt; Not und materielle Sorge sind -- von höchst vereinzelten
Ausnahmen abgesehen -- keine natürlichen Kampfmittel im Mitbewerbe ums
Dasein; die weitaus überwiegende Mehrzahl aller Tiere leidet niemals
Mangel, sorgt niemals und in keinerlei wie immer gearteter Form um das
Morgen, und ist trotzdem von Uranfang aller Dinge dem großen
ausnahmslosen Gesetze des Fortschritts unterworfen gewesen. Am
allerwenigsten aber ist im Tierreiche gegenseitiger Kampf der
Angehörigen der nämlichen Art die Regel; die Individuen der gleichen Art
leben friedlich und der Hauptsache nach kampflos untereinander, ihre
Waffen sind nach außen gekehrt, gegen andersgeartete Feinde. Gegen den
Löwen und den Panther ficht die Gazelle den Daseinskampf durch
Wachsamkeit und Schnelligkeit, nicht gegen ihresgleichen; gegen die
Gazelle und den Büffel, Löwe und Panther den ihrigen durch List und
Stärke, nicht aber gegen Mit-Löwen und Mit-Panther. Der Kampf unter uns
und gegen uns selber war und ist unser, der menschlichen Rasse,
Privilegium gewesen. Entsprungen aber ist dies traurige Privilegium
allerdings einer Kulturnotwendigkeit; um uns zu dem zu entwickeln, was
wir geworden sind, mußten wir von der Natur mehr verlangen, als sie
freiwillig zu bieten in der Lage ist; um es zu erlangen, blieb lange
Jahrtausende hindurch kein anderer Ausweg, als das zur Befriedigung
unserer höheren Bedürfnisse Erforderliche uns gegenseitig abzujagen und
abzupressen. Und dadurch erst gestaltete sich die Not zu einem
Kampfmittel im menschlichen Daseinskampfe. Also wohlgemerkt, daß der
Mensch gegen den Menschen kämpfte, und daß in diesem Kampfe die
materielle Sorge den empfindlichsten Stachel bildete, war und ist nicht
die einfache Übertragung eines in der ganzen belebten Natur geltenden
Gesetzes auf die menschliche Gesellschaft, sondern eine ausnahmsweise
Verzerrung dieses großen Naturgesetzes unter dem Einflusse einer
menschlichen Entwickelungsphase. Wir litten Not, nicht weil die Natur es
durchaus so verlangt, sondern weil wir uns gegenseitig beraubten, und
wir beraubten uns gegenseitig, weil mit der beginnenden Kultur ein
Mißverhältnis unserer Bedürfnisse und unserer natürlichen Mittel zur
Befriedigung derselben entstand. Jetzt aber hat die bis zur Herrschaft
über die Naturkräfte gediehene Kultur dieses Mißverhältnis wieder
ausgeglichen; um Überfluß und Muße zu genießen, müssen wir uns fürderhin
nicht mehr gegenseitig ausbeuten, und wenn nunmehr der Kampf des
Menschen gegen den Menschen, und damit zugleich die materielle Not ihr
Ende finden, so bedeutet das nicht die Abwendung von den natürlichen
Formen des Daseinskampfes, sondern in Wahrheit Rückkehr zu denselben.
Nicht der Kampf ist damit zu Ende, sondern bloß die unnatürliche Form
desselben. In ihrem Ringen, sich über die rein tierische Natur zu
erheben, geriet die Menschheit in einen Jahrtausende währenden
Widerstreit mit der Natur selber, und dieser Widerstreit war die Quelle
all der unsäglichen Marter und Pein, der Verbrechen und
Scheußlichkeiten, deren ununterbrochene Kette die Geschichte unserer
ganzen Rasse ist, von den ersten Anfängen ihrer beginnenden Kultur bis
zur Gegenwart. Jetzt aber ist der schreckliche Widerstreit durch den
glorreichsten Sieg beendet, wir sind geworden, was wir Jahrtausende
hindurch erstrebten, ein Geschlecht, das der Natur Überfluß und Muße
für alle seine Angehörigen abzugewinnen vermag und gerade
durch diese wiedererlangte Harmonie unserer Bedürfnisse und
Bedürfnisbefriedigungsmittel haben wir den Einklang mit der Natur wieder
hergestellt. Unterworfen bleiben wir ihrem unwandelbaren Gesetze des
Kampfes ums Dasein, aber wir werden diesen Kampf hinfort in der
nämlichen Weise führen, wie alle anderen Naturwesen, nach außen, nicht
nach innen gegen die Genossen der eigenen Art, und entledigt des
Stachels materieller Not.«
»Was aber« -- so fragte ich -- »soll hinfort den Menschen zu ferneren
Kämpfen im Dienste des Fortschritts anspornen, wenn die Not ihren
Stachel verloren hat?«
»Sonderbare Frage! Sie zeigt so recht deutlich, wie schwer es ist, Dinge
zu sehen, die jenen Anschauungen widersprechen, die wir mit der
Muttermilch eingesogen haben und die wir als Grundpfeiler der Ordnung
und Gesittung anzusehen uns gewöhnt haben, auch wenn diese Anschauungen
den offenbarsten Thatsachen aufs augenscheinlichste widersprechen. Als
ob jemals Not die ausschließliche, oder auch nur die vornehmste
Triebfeder menschlichen Fortschrittes gewesen wäre! Der Widerstreit zur
Natur, in welchen das Mißverhältnis zwischen Kulturbedürfnissen und
Kulturkräften die Menschheit in den Jahrtausenden des Übergangs von
Barbarei zu wirklich menschenwürdiger Kultur brachte, hatte zwar zur
Folge, daß der Kampf ums Dasein neben seinen natürlichen auch
widernatürliche, der tiefinnersten Eigenart der meisten Naturwesen Hohn
sprechende Formen annahm; doch zur Alleinherrschaft gelangten diese
niemals, ja die Natur erwies sich in der Regel doch mächtiger, als die
ihr widerstrebenden Menschensatzungen, und alle Epochen der
Kulturgeschichte hindurch haben wir die besten Errungenschaften des
menschlichen Geistes nicht der Not, sondern jenen anderen Impulsen zu
verdanken, die unserer Rasse eigentümlich sind und bleiben werden, so
lange sie als herrschende die Erde bevölkert. Dreimal blind, wer dies
nicht sehen will! Die großen Denker, Erfinder und Entdecker aller Zeiten
und aller Nationen, sie wurden nicht durch Hunger angespornt, ja man
kann in der Mehrzahl der Fälle behaupten, daß sie sannen und dachten,
forschten und fanden, nicht _weil_, sondern _trotzdem_ sie hungerten.
»Doch« -- so könnte man einwenden -- »das waren eben die wenigen
Erlesenen unseres Geschlechts; die große Masse der Alltagsmenschen aber
kann nur durch gemeinen, prosaischen Hunger angespornt werden, nach
besten Kräften zu gebrauchen, was jene fanden und ersannen.« Wer so
urteilt, geht abermals von einem höchst merkwürdigen Übersehen aus.
Welche Voreingenommenheit gehört dazu, sich der Thatsache zu
verschließen, daß es gerade die Besitzenden sind, die Nichthungernden,
die am emsigsten vorwärts streben. Der Hunger ist zwar ein Stachel zur
Arbeit, aber ein entnervender, verderblicher, und wer triumphierend auf
jene Elenden weist, die thatsächlich nur durch bitterste Not zur
Thätigkeit angespornt werden können und sofort wieder in träge Apathie
versinken, sowie der nagendste Hunger gestillt ist, der vergißt, daß es
eben das Elend ist, was Schuld an dieser Entartung trägt. Der
Kulturmensch, der höhere Bedürfnisse einmal kennen gelernt, wird desto
emsiger deren Befriedigung anstreben, je weniger ihm entwürdigende Not
die Spannkraft des Geistes und Körpers gebrochen hat und je zweifelloser
der Erfolg seines Strebens ist. Denn nicht in der hoffnungslosen Not,
sondern im vernünftigen, auf ein sicheres Ziel fröhlich zusteuernden
Eigennutze muß jeder Unbefangene den wirksamsten Sporn der
Betriebsamkeit erkennen. Diesen Eigennutz aber hat _unsere_ sociale
Ordnung -- weit entfernt, ihn abzustumpfen -- in Wahrheit erst zu voller
Entfaltung gebracht. Du kannst also vollkommen beruhigt darüber sein:
was Du bisher bei uns wahrzunehmen Gelegenheit hattest, daß wir nämlich
an Erfindungskraft und geistiger Regsamkeit den anderen Nationen
voranschreiten, es ist kein zufälliges Ergebnis irgendwelcher
vorübergehender Einflüsse, sondern die notwendige Konsequenz unserer
Institutionen, und jedes Volk, welches diese letztere nachahmt, wird die
gleichen Konsequenzen verspüren. So wenig als wir der quälenden Not
bedürfen, um Erfindungen und Verbesserungen zu ersinnen, welche die
Menge und Mannigfaltigkeit unserer materiellen wie geistigen Genüsse zu
vermehren geeignet sind, ebensowenig wird bei irgend einem anderen Volke
der Fortschritt aus dem Grunde erlahmen, weil dieses Volk gleich uns in
die glückliche Lage gerät, die Früchte des Fortschritts zu genießen.«
Ich konnte mich nicht enthalten dem gleich einem begeisterten Seher
sprechenden Freunde um den Hals zu fallen. »Wenn ich es bei Lichte
betrachte« -- erklärte ich -- »so läuft die gegenteilige Auffassung
darauf hinaus, als ob der Fortschritt nur dort gedeihen könne, wo er der
Hauptsache nach nutzlos ist. Denn der fundamentale Unterschied zwischen
Euch Freiländern und uns anderen liegt doch darin, daß Ihr die Früchte
jeden Fortschritts genießet, während wir mit demselben eigentlich bloß
in das Danaidenfaß der Überproduktion schöpfen. Niemand bezweifelt, daß
Stuart Mill Recht hatte, als er beklagte, daß alle Entdeckungen und
Erfindungen bisher nicht vermochten, die Plage und Not auch nur _eines_
arbeitenden Menschen zu lindern; welch schrecklicher Wahnsinn jedoch, zu
glauben, daß gerade _das_ notwendig sei, damit fernerhin entdeckt und
erfunden werde!«
»Doch, um wieder auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen«, fuhr ich
fort, »so ist mir mit alledem die geradezu wunderbare, herzerquickende
Heiterkeit, die alles hier in diesem Lande der Glücklichen atmet, noch
immer nicht ganz erklärlich. Not und materielle Sorge sind hier
unbekannt, zugegeben. Aber es gibt ja auch außerhalb Freilands
Hunderttausende und Millionen, die jeder drückenden Sorge enthoben sind;
warum fehlt diesen die wirkliche Heiterkeit? Vergleiche doch einmal
unsere beiderseitigen Väter. Der meinige ist unstreitig der reichere,
und doch, welch' tiefe Furchen hat die Sorge in seine Stirn gegraben,
welch' herben Zug schmerzlicher Reflexion um seine Mundwinkel; und
welch' froher Glanz ewiger Jugend leuchtet aus jedem Zuge Deines Vaters.
Ich möchte beinahe vermuten, daß die Luft, die man in diesem Lande
atmet, sehr wesentlich mit im Spiele ist; denn die Falten und Furchen in
Vaters Zügen, von denen ich soeben sprach, haben sich schon in den zwei
Wochen unseres Aufenthaltes hier merklich geglättet, und ich selber
fühle mich heiterer, glücklicher als jemals zuvor.«
»Du hast«, entgegnete mir David, »das Wichtigste vergessen, den Einfluß
des Gesamtgefühls auf das Gefühl des Einzelnen. Der Mensch ist ein
geselliges Wesen, das seine Gedanken und Empfindungen nur zum Teile dem
eigenen Kopfe und dem eigenen Herzen entnimmt, während ein anderer,
nicht minder wichtiger Teil, ich möchte sagen die Grundstimmung, die den
individuellen Geistes- und Gemütsregungen Farbe und Inhalt verleiht, in
der jeweilig existierenden Gesamtgesellschaft ihren Ursprung hat. Jeder
Einzelne steht mit seinen Mitlebenden nicht bloß äußerlich, sondern
ebenso auch innerlich in unlöslicher Berührung; er glaubt zu denken, zu
fühlen und zu handeln, bloß wie seine Individualität es erheischt,
fühlt, denkt und handelt aber der Hauptsache nach unter dem
unentrinnbaren Banne einer alle Köpfe, Herzen und Handlungen
umschlingenden Zeitströmung. Der aufgeklärte, humane Freidenker der
Gegenwart hätte -- wäre er drei Jahrhunderte früher geboren worden,
um der kleinlichsten, ihm heute lächerlich erscheinenden
Glaubensdifferenzen willen Andersdenkende mit demselben grimmigen Hasse
verfolgt, wie dazumal alle anderen Lebenden auch; und hätte er noch um
einige Jahrhunderte früher, etwa unter den heidnischen Sachsen zur Zeit
Karls des Großen das Sonnenlicht gesehen, so wären ihm Menschenopfer so
wenig ein Greuel gewesen, als den andern Verehrern der Göttin Hertha.
Derselbe Mann aber, welcher als heidnischer Sachse in den Wäldern der
Weser und Elbe aufgewachsen, Ruhm und Preis darin gefunden hätte, das
Blut geschlachteter Gefangener vom Herthastein gen Himmel dampfen zu
lassen, wäre dazumal schon von unüberwindlichem Grauen vor solchem Thun
geschüttelt worden, wenn ihn -- begabt mit genau den nämlichen
individuellen Anlagen -- der Zufall im kaiserlichen Byzanz, statt unter
germanischen Barbaren hätte geboren werden lassen; hier dagegen hätte er
skrupellos Lug und Verrat geübt, während er -- im übrigen vom Wirbel bis
zur Zehe derselbe Mann -- umgeben von den trotzigen Germanenhelden,
solch weichlicher Laster ganz und gar unfähig geblieben wäre. Da dem
aber so ist, da die Tugenden und Laster, die Gedanken und Gefühle jener
unserer Zeitgenossen, in deren Mitte wir geboren und erzogen worden, die
Grundstimmung unseres eigenen Wesens bilden, so ist es schlechterdings
unmöglich, daß der Angehörige einer von wahnsinnigster Angst vor dem
Hunger bis ins innerste Mark gerüttelten Gesellschaft, jemals in
ungetrübter Sorglosigkeit seines Lebens sich freue. Wo die ungeheure
Mehrzahl der Zeitgenossen niemals weiß, was der morgige Tag bringen mag,
ob eine fernere Fristung des jammervollen Daseins oder den völligen
wirtschaftlichen Untergang, unter dem Obwalten einer socialen Ordnung,
die den eigenen Erfolg im Daseinskampfe davon abhängig macht, daß es uns
gelinge, dem gierig nach unserem Brote lechzenden, gleich uns von
fiebernder Angst gerüttelten Konkurrenten sein Brot aus den Zähnen zu
reißen; in einer Gesellschaft, wo jedermann jedermanns Feind ist, von
wirklich heiterem Lebensgenusse zu sprechen, ist der Gipfel des Unsinns.
Kein individueller Reichtum gewährt Schutz gegen den zermalmenden Jammer
der Gesamtheit aller Mitlebenden. Dem hundertfachen Millionär, der nicht
den hundertsten Teil der Zinsen seiner Zinsen in Wirklichkeit verzehren
kann, ihm greift das schreckliche Hungergespenst mit ebenso scharfen
Krallen ins Gemüt, wie dem elendesten der Elenden, der obdachlos,
frierend und hungernd durch die Straßen Eurer Großstädte irrt. Der
Unterschied zwischen beiden liegt nicht im Hirn und im Herzen, sondern
lediglich in den Magennerven; der zweite empfindet auch physisch, was
der erste bloß seelisch und geistig empfindet. Die seelischen und
geistigen Leiden aber sind die dauernden und deshalb wirksameren.
Betrachtet ihn doch, Eueren vom wahnwitzigen Hungerfieber besessenen
Krösus, wie er atemlos nach immer neuem und neuem Erwerbe hastet, wie er
sich und der Seinen Glück und Ehre, Genuß und Frieden dem Götzen
schlachtet, von welchem er sich Hilfe in der allgemeinen Not erwartet,
dem Götzen des Mammons. Denn nicht besitzt er seinen Reichtum, er ist
von ihm besessen. Besitz auf Besitz will er häufen, vermeinend, daß er
hoch oben auf dem schwindelnden Gipfel zahlloser Millionen Sicherheit
erlangen könnte gegen das Meer von Elend, das ihn grauenerregend rings
umbrandet; ja, so verblendet ist der Thor, daß er nicht einmal bemerkt,
wie nur dieser Ozean des allgemeinen Elends es ist, was ihm Grauen
einjagt, vielmehr des traurigen Wahnes lebt, seine Angst werde sich
mindern, wenn nur der Abgrund da unten noch tiefer und schauerlicher
sich abhebt von seinem schwindelnden Sitze da oben. Und man glaube nicht
etwa, daß unter dieser abergläubischen Angst vor dem Hunger bloß die
Thorheit Einzelner gemeint sei. Das ganze Zeitalter ist davon besessen,
und gerade die besten Naturen am meisten. Denn je empfänglicher Kopf und
Herz sind, zu desto schrankenloserer Vorherrschaft gelangt das
Gemeingefühl der allgemeinen Not dem vorübergehenden individuellen
Behagen gegenüber; bloß vollkommen kaltherzige Egoisten oder vollendete
Idioten machen hie und da eine Ausnahme; bloß sie können sich, unbeirrt
durch das Hungergespenst, welches die Millionen ihrer Brüder würgt, mit
wirklichem Behagen ihres Reichtums freuen.
»Das ist's, o mein Karlo, was Euch allen den hippokratischen Leidenszug
ins Antlitz prägt; Ihr könnt Euch unbefangenem Lebensgenusse nimmermehr
hingeben, so lange Ihr inmitten einer Atmosphäre des Elends, des Jammers
und der Angst atmet. Und das ist's auch, dieses Gemeingefühl, welches
jeden Menschen mit seiner Umgebung verbindet, was Euch hier, kaum
angelangt inmitten einer Gesellschaft, der dieses Elend, dieser Jammer,
diese Angst gänzlich unbekannt sind, zu jener Heiterkeit des Denkens und
Empfindens erwachen läßt, die jedem gesunden Naturwesen ureigentümlich
ist. Und vollends wir, die wir seit einem Menschenalter uns inmitten
dieser, des Elends sowohl als der Furcht vor dem Elend entledigten
Gesellschaft bewegen, wir haben die düstere Auffassung des
Menschenschicksals, von welcher auch wir befangen waren, solange die
alte Welt mit ihrem selbstauferlegten Martyrium uns umfing, beinahe
vollständig überwunden. Ich gebrauche das einschränkende »beinahe« für
diejenigen unter uns, die erst im Mannesalter Freiländer geworden sind.
Wir jüngeren, die wir hier im Lande geboren und aufgewachsen sind, ohne
das Elend jemals gesehen zu haben, unterscheiden uns in diesem Punkte
nicht unerheblich von den älteren, die in ihrer Jugend das Medusenhaupt
der Knechtschaft von Angesicht zu Angesicht geschaut. Fünfundzwanzig
Jahre sind es her, daß mein Vater und meine Mutter, die beide unter den
ersten hier am Kenia anlangten, der Stickluft des Massenelends, der
Entwürdigung des Menschen durch den Menschen entrückt sind; aber die
Erinnerung des Entsetzlichen, das sie vorher miterlebt, dessen
Teilnehmer sie gewesen, ohne es hindern zu können, sie wird bis zu ihrem
Ende nicht gänzlich aus ihrem Gemüte schwinden und nimmermehr kann jene
göttergleiche Ruhe und Heiterkeit völlig von ihrem Herzen Besitz
ergreifen, die das selbstverständliche Erbteil ihrer Kinder ist, an
deren Händen niemals Schweiß und Mark geknechteter Menschen haftete, die
um zu genießen, niemals die Früchte fremder Arbeit sich aneigneten,
niemals vor der grausamen Alternative standen, Hammer oder Ambos im
Daseinskampfe zu sein.«
Damit schloß David für diesmal seine Belehrungen und ich will es ihm
nachthun.