15. Kapitel.

Edenthal, den 18. Juli.

Erst heute komme ich dazu, den vor Wochenfrist unterbrochenen Bericht

über unsere hiesigen Erlebnisse wieder aufzunehmen. Begreiflich wirst Du

finden, daß wir beide, mein Vater und ich, vor Begierde brannten, die

Stadt zu besichtigen, welchen Wunsch erratend, uns Herr Ney schon am

Morgen des ersten Tages einlud, unter seiner und seines Sohnes Führung

eine Rundfahrt durch Edenthal zu unternehmen. Der Wagen warte schon.

Es war das ein leicht und elegant gebautes Gefährte auf stählernen,

denen eines Velocipeds ähnlichen Rädern, mit zwei bequemen, für je zwei

Personen ausreichenden Sitzen. Da wir beide Davids zum Einsteigen

auffordernde Handbewegung mit betretenen Mienen aufnahmen und keine

Anstalt machten, der Einladung Folge zu leisten, bemerkte dieser erst,

daß wir die -- Pferde vermißten. Er sah sich also bemüßigt, uns zu

erklären, daß man hierzulande aus mancherlei Gründen im Wagenverkehr,

insbesondere im städtischen, die animalische Zugkraft durch mechanische

ersetzt habe. Das sei sicherer, reinlicher und nebenbei auch billiger.

Der Lenker dieser Gefährte, einer Art Draisinen, dessen Platz rechts auf

dem vorderen Sitze ist und dessen Amt keinerlei Kraftaufwand oder

besondere Kunstfertigkeit erfordert, setzt durch einen leichten Druck

nach abwärts auf eine zur rechten Hand angebrachte kleine Hebelstange

den Wagen in Bewegung, und zwar in desto raschere, je stärker gedrückt

wird; ein Druck nach aufwärts verlangsamt den Gang oder bringt das

Gefährte zum Stillstand; das Ausweichen oder Umlenken nach rechts oder

links wird durch entsprechende Drehbewegungen desselben Hebels

hervorgebracht. Die Kraft, welche die Räder in Bewegung setzt, ist weder

Dampf noch Elektricität, sondern die Elasticität einer Spiralfeder, die

jedoch nicht fix mit dem Wagen verbunden, sondern nach Bedarf

einzuschalten oder zu entfernen ist.

»Die oberhalb der vorderen Achse angebrachte, etwa ½ Meter lange und 20

Centimeter tiefe cylindrische Kapsel hier«, so demonstrierte mein Freund

-- »ist zur Aufnahme der Spiralfeder bestimmt. Vor dem Gebrauche wird

die Feder »aufgezogen«, d. h. in Spannung gebracht und zwar in sehr

hochgradige, ein Geschäft, welches Dampfmaschinen in den Ateliers der

»Association für Transportwesen« besorgen, und solcherart einen

entsprechenden Teil ihrer in Form von Dampfspannung vorhandenen

Arbeitsenergie in die Form von Federnspannung umwandeln. Dieses in den

Spiralen niedergelegte Quantum lebendiger Kraft genügt, um -- durch

einen sehr einfachen Mechanismus auf die Achse des Rades übertragen --

ein solches Rad zehntausend Umdrehungen machen zu lassen, auch wenn der

Wagen ziemlich schwer beladen ist, und da der Radumfang 2 Meter beträgt,

so reicht der Kraftvorrat der Spirale zur Durchmessung eines Weges von

20 Kilometern hin. Die Schnelligkeit der Fortbewegung hängt einerseits

von der Belastung des Wagens, anderseits von der mehr oder minder

vollständigen Auslösung der Hemmvorrichtung -- reguliert durch den Druck

des oben erwähnten Hebels -- ab; das zu erreichende Maximum bei mäßiger

Belastung und gutem Wege beträgt bei diesen gewöhnlichen Draisinen 2½

Radumdrehungen, d. i. eine Fortbewegung um 5 Meter in der Sekunde oder

18 Kilometer in der Stunde: doch besitzen wir auch sogenannte Rennwagen,

mit denen nahezu die doppelte Geschwindigkeit erreicht werden kann. Die

Kraft der Spirale ist erschöpft, sowie das Rad seine 10000 Umdrehungen

gemacht hat, was auch bei langsamerem Fahren binnen 1¼-1½ Stunden

eintritt; es muß daher bei länger dauernden oder rascheren Fahrten für

angemessene Reserven gesorgt werden, was in mannigfaltiger Weise

geschieht. Zunächst kann man eine oder mehrere aufgezogene Spiralen --

denn wenn die Hemmung geschlossen bleibt, bewahren dieselben Monate und

Jahre lang ihre Spannung -- für welche hinten im Wagen eigene

Reservebehälter angebracht sind, auf die Fahrt mitnehmen. Da jedoch jede

Spirale mindestens 35 Kilogramm wiegt, so hat auch diese Art

Kraftverlängerung ihre Grenzen; außerdem ist das Auswechseln der

Spiralen immerhin keine angenehme Arbeit; man zieht daher in der Regel

die zweite Methode der Kraftverlängerung vor, die darin besteht, daß man

nach Verlauf einer gewissen Zeit bei einer der zahlreichen, auch anderen

Zwecken dienenden Stationshäuschen der Transportassociation, die sich

auf allen belebteren Straßen finden und durch weithin sichtbare Flaggen

kenntlich sind, Halt macht und die Spirale wechseln läßt. Jede Station

besitzt jederzeit einen genügenden Vorrat gespannter Spiralen und so

kann man jede beliebige Zeit hindurch umherkutschieren, ohne stecken zu

bleiben, zumal wenn man die Vorsicht gebraucht, für den Fall des

Übersehens einer notwendig gewordenen Auswechslung eine Reservespirale

mit sich zu führen. Solche Auswechslungsstationen aber giebt es nicht

bloß in und um Edenthal, sondern in und um alle Städte Freilands und

außerdem auf allen belebteren Landstraßen, und da die unterschiedlichen

Associationen des gleichen Geschäftszweiges im ganzen Lande so klug

waren, überall Spiralen von genau den gleichen Maßen einzuführen, so

kann man das ganze Land bereisen und mit einiger Bestimmtheit darauf

rechnen, überall entsprechende Relais zu finden. Will man jedoch völlig

sicher gehen, so kann man sich durch seine Association die

Relaisspiralen für eine vorher angegebene Route eigens bestellen, in

welch letzterem Falle auch nichts hindert, die großen Straßen zu

verlassen und minder frequentierte Nebenwege einzuschlagen, sofern

dieselben nur nicht allzuschlecht und steil sind, was aber angesichts

der hohen Vollendung des freiländischen Straßennetzes nur bei ganz

entlegenen Gebirgswegen zu besorgen ist. Unsere Familie hat solcherart

vor zwei Jahren das ganze Aberdare- und Baringo-Gebiet bereist, dabei

1700 Kilometer zurückgelegt und zu der ganzen Reise in aller

Bequemlichkeit bloß 14 Tage gebraucht.«

Wir entschlossen uns endlich kopfschüttelnd, den automatischen Wagen zu

besteigen. Mein Vater mit Herrn Ney nahm den ersten, ich mit David den

zweiten Sitz ein; ein Druck Ney's auf den Leithebel, und geräuschlos

setzte sich die Maschine in Bewegung, unserem ersten Ziele, dem Edensee

zu. Dessen Ufer sind mit Ausnahme der Nordwestseite, wo in einer

Ausdehnung von 5 Kilometern die Quais für den Waarenverkehr sich

erstrecken, sämtlich von vierfachen Palmenreihen umsäumt und bestehen

teils aus breiten, bis zum Wasserspiegel hinabreichenden Marmorstufen,

teils aus in den See vorspringenden Molen, bedeckt von säulengetragenen

Wandelbahnen. An letzteren landen die zahlreichen, den See nach allen

Richtungen durchfurchenden Passagierdampfer, die jedoch, um die

balsamische Luft nicht zu verderben, mit vollkommen funktionierenden

Rauchverzehrern versehen sein müssen. Auch das mißtönige Pfeifen der

Dampfventile ist in Edenthal verpönt. Denn der Edensee ist nur nebenbei

Verkehrsstraße; seine hauptsächliche Bestimmung ist die eines gewaltigen

Zier- und Lustteiches. Ein großer Teil der Ufer wird von den luxuriös

ausgestatteten Badeanstalten eingenommen, die weit in den See

hineinreichen und zu jeder Tageszeit von tausenden Badender benützt

werden. Neben diesen, zumeist von schattigen Lusthainen umgebenen Bädern

haben sich auch die sämtlichen Theater-, Opern- und Konzerthäuser

Edenthals, im Ganzen 16 an der Zahl, angesiedelt, die wir jedoch

einstweilen nur von außen in Augenschein nahmen. Unsere Gastfreunde

machten uns darauf aufmerksam, daß der Edensee seine Hauptreize erst bei

Monden- oder Elektrodenschein entfalte, und daher an einem der nächsten

Abende von uns aufgesucht werden solle.

Wir wendeten den Wagen und bogen in eine der Radialstraßen, die vom See

zu den halbkreisförmig das Edenthal umgrenzenden Höhen führen. Hier

leuchtete uns sofort, wenn auch noch reichlich 3 Kilometer entfernt, ein

Riesenbau entgegen, der selbst den dieses Anblicks Gewohnten stets aufs

neue mit staunender Bewunderung erfüllen muß, uns Fremden aber geradezu

die Sinne verwirrte. Er ist ebenso unerreicht an Größe, wie

unvergleichlich an Ebenmaß und harmonischer Vollendung all seiner

Bestandteile. Er macht gleichzeitig den Eindruck des überwältigend

Majestätischen und des märchenhaft Lieblichen. Dieses, vor 5 Jahren

vollendete Wunderwerk ist der Volkspalast von Freiland, der Sitz der

zwölf obersten Verwaltungsbehörden und der zwölf Vertretungskörper. Er

ist durchwegs aus weißem und gelbem Marmor gebaut, übertrifft an

Flächenausdehnung den Vatikan, seine luftigen Kuppeln sind höher als der

Petersdom; daß er mit einem Kostenaufwande von 9½ Millionen Pfd.

Sterling hergestellt werden konnte, erklärt sich bloß dadurch, daß alle

Baugewerke wie nicht minder die hervorragendsten Künstler des Landes

sich dazu drängten, bei dem Baue irgendwie verwendet zu werden. Und --

so belehrte mich David -- das geschah nicht etwa aus patriotischer,

sondern aus rein künstlerischer Begeisterung. Freiland ist reich genug,

um sein Volkshaus wie hoch immer zu bezahlen; um den Bau billiger zu

gestalten, hätte sich also Niemand in Aufregung versetzt; aber die aus

dem Entwurfe hervorleuchtende eigenartige, überwältigende Schönheit des

Werkes hatte es allen Künstlern angethan. Er erinnere sich noch der

fieberhaften Erregung, mit der schon die Mitglieder jener

Prüfungskommission, welche über die vorgelegten Bauentwürfe zu

entscheiden hatte, allenthalben erzählten, es sei ein Plan eingelaufen,

von einem bis dahin unbekannten jungen Architekten, der Unsagbares

biete; eine neue Ära der Baukunst sei angebrochen, ein neuer Baustil

erfunden, der an Adel der Form die besten griechischen, an Großartigkeit

die gewaltigsten ägyptischen Denkmale erreiche. Und diese Begeisterung

teilte sich allen mit, die den Entwurf sahen; die Konkurrenten -- es

waren deren nicht weniger als 84, denn in Edenthal wurde damals schon

viel und schön gebaut -- zogen ausnahmslos ihre Entwürfe zurück, und

huldigten freiwillig dem neuaufgegangenen Stern am Kunsthimmel.

Wir waren sobald nicht dazu zu bewegen, uns der Besichtigung anderer

Bauwerke zuzuwenden. Endlich, nachdem wir dreimal die Runde um den

Volkspalast gemacht, willigten wir ein, demselben den Rücken zu kehren.

Mit der Aufzählung der zahllosen Prachtbauten, an denen wir flüchtig

vorbeirollten, will ich Dich verschonen; nur soviel lasse Dir sagen, daß

die Mannigfaltigkeit und Großartigkeit der den unterschiedlichen

wissenschaftlichen und künstlerischen Zwecken dienenden öffentlichen

Anstalten auf mich durchaus verblüffend wirkte. Die Akademien, Museen,

Laboratorien, Versuchsanstalten u. dergl. wollten gar kein Ende nehmen

und allen sah man es auf den ersten Blick an, daß sie mit

verschwenderischer Munifizenz ausgestattet seien.

Nachdem wir schon an zahllosen öffentlichen Gebäuden vorbeigefahren

waren, deren Bestimmung mir zum Teil nur schwer begreiflich gemacht

werden konnte, da unser »civilisiertes« Europa nichts ihnen Ähnliches

besitzt -- ich nenne Dir beispielsweise bloß das Institut für

»animalische Zuchtversuche«, welches den Zweck hat, durch Experiment und

Beobachtung festzustellen, welchen Einfluß Erblichkeit, Lebensweise,

Nahrung auf die Entwickelung des menschlichen Organismus äußern -- fiel

es mir auf, daß wir noch an keinem Spital vorbeigekommen. Da ich nun

begierig war zu sehen, wie die weltberühmte freiländische Humanität, die

seit Jahren mindestens die Hälfte aller Spitäler der Welt mit reichen

Mitteln ausstattet, daheim im eigenen Lande sich der armen Kranken

annehme, bat ich David, uns doch in ein solches zu führen. »Ich kann Dir

ebensowenig ein Spital, als einen Kerker oder eine Kaserne in Edenthal

zeigen, aus dem sehr einfachen Grunde, weil wir deren in ganz Freiland

keines besitzen«, war dessen Antwort.

»»Den Mangel von Kerker und Kaserne lasse ich gelten; man weiß ja, daß

Ihr Freiländer Euch ohne Kriminal- und Militärwesen behelft; aber -- so

meinte ich -- Krankheiten muß es doch auch hier geben, diese haben doch

mit Euren socialen Einrichtungen nichts zu thun!««

»Letzteres kann ich zwar nicht so unbedingt zugeben«, mengte sich hier

Herr Ney ins Gespräch; »auch die Krankheiten haben unter dem Einflusse

unserer socialen Institutionen abgenommen; aber verschwunden sind sie

allerdings nicht; wir haben Kranke auch in Freiland -- aber keine

_armen_ Kranken, weil wir eben keine Armen haben, weder kranke, noch

gesunde. Wir besitzen daher auch nicht jene Sammelstellen des

Massensiechtums, die man da draußen mit dem Namen »Spital« bezeichnet.

Anstalten, in denen sich Kranke unter besonderer Aufsicht gegen gute

Bezahlung verpflegen lassen können, haben wir allerdings und sie werden

insbesondere in Fällen schwierigerer chirurgischer Operationen häufig

aufgesucht; aber das sind Privatanstalten und sie gleichen in ihrer

Einrichtung wie in ihrem Gebaren durchwegs Ihren feinsten Sanatorien für

»distinguierte Patienten«.«

Wir waren inzwischen des Fahrens müde geworden, was nach nahezu

vierstündiger Rundfahrt trotz des sanften Ganges und der bequemen

Einrichtung der Wagen erklärlich erscheint. Neys machten daher den

Vorschlag, den automatischen Wagen heimzuschicken und den Rückweg zu

Fuße anzutreten, was von uns gern angenommen wurde. Wir hielten vor

einem der Stationshäuschen der Transportassociation, ließen dort das

Gefährte zurück und durchschritten die schattigen Alleen, von denen jede

Edenthaler Straße eingesäumt ist. Jetzt hatten wir Muße, die zierlichen

Privathäuser näher zu betrachten, die zwar alle den eigentümlichen, halb

an den maurischen, halb an den griechischen erinnernden Edenthaler

Baustil zeigen, im übrigen aber weder an Größe noch an Ausstattung

gleich sind. Den vornehmsten Reiz dieser Villen bilden deren

wunderliebliche Gärten mit ihren erlesenen Bäumen, ihrer unglaublichen

Blumenpracht, den weißen Marmorstatuen, Fontänen und den mannigfaltigen

zahmen Tieren -- insbesondere Äffchen, Papageien, Prachtfinken und

allerlei Singvögeln -- die sich in ihnen neben jauchzenden Kindern

tummeln. Des weiteren überraschte uns die außerordentliche Reinlichkeit

der Straßen, als deren Hauptgrund uns angegeben wurde, daß seit

Erfindung der automatischen Wagen keinerlei Zugtiere in den Straßen

freiländischer Städte Staub aufwühlen und Unrat hinterlassen.

»Giebt es also keinerlei Pferde hier?« fragte ich, worauf mir die

Erklärung ward, daß deren allerdings und zwar in bedeutender Anzahl und

von edelster Zucht vorhanden seien; dieselben würden jedoch nur

außerhalb des eigentlichen Weichbildes der Stadt zu Promenaderitten

durch die benachbarten Wiesen, Haine und Wälder benützt. »Das muß aber

hierzulande ein sehr teurer Luxus sein«, meinte ich. »Das Pferd selber

und was es frißt, mag billig sein; aber da Menschenkraft in Freiland das

teuerste von allen Dingen ist, so kann ich nicht begreifen, wie ein

freiländischer Haushalt die Kosten eines Pferdewärters zu erschwingen

vermag. Oder erhält diese Klasse Bediensteter hierzulande ausnahmsweise

geringeren Lohn?«

»Letzteres wäre bei uns wohl kaum möglich«, -- antwortete lächelnd Herr

Ney -- »denn wer würde dann in Freiland Pferdewärter sein wollen? Wir

müssen auch dem Stallpersonal denselben Durchschnittsverdienst gewähren,

wie anderen Arbeitern, und wenn ich für die sieben Reitpferde, die ich

zum Gebrauche meiner Familie in den Ställen der Transport-Association

halte, ein Wartepersonal nach abendländischem Zuschnitt bezahlen wollte,

so würden die Kosten mein gesamtes Einkommen überschreiten. Aber das

Rätsel löst sich sehr einfach dadurch, daß auch die Arbeit im

Pferdestall mit Hülfe von Maschinen verrichtet wird, derart, daß

durchschnittlich ein Mann für je 50 Tiere vollkommen genügt. Sie

schütteln ungläubig den Kopf? Wenn Sie gesehen haben werden, binnen wie

wenigen Minuten unsere durch mechanische Kraft in Rotation versetzten

riesigen cylinderförmigen Bürsten ein Pferd spiegelblank putzen; binnen

welch kurzer Zeit unsere Kehrmaschinen und Wasserleitungen den größten

Stall von Mist und jeglicher Unreinlichkeit säubern; wie das Futter den

Tieren automatisch zugeteilt wird: so dürfte Ihnen nicht bloß das,

sondern ebenso die Thatsache einleuchten, daß in Freiland auch die

»Stallknechte« gebildete Gentlemen sind, Geschäftsleute so ehrenwert und

geachtet, wie alle anderen«.

Unter solchen Gesprächen waren wir daheim angelangt, wo ein ausgiebiger

Imbiß genommen ward und einige Geschäfte Erledigung fanden. Nach dem

bereits letzthin geschilderten Diner fuhren wir mit unseren Gastfreunden

abermals zum Edensee und besuchten zunächst die große Oper, wo an diesem

Tage das Werk eines freiländischen Kompositeurs gegeben wurde. Dasselbe

war uns nicht neu, da es eines jener zahlreichen freiländischen Tonwerke

ist, die auch im Auslande großen Anklang finden und häufig aufgeführt

werden. Dagegen überraschte uns die eigenartige -- allen freiländischen

Theatern gemeinsame -- Anordnung des Zuschauerraums. Die Sitzreihen

bauen sich amphitheatralisch bis zu bedeutender Höhe auf; das Dach ruht

auf Säulen, durch welche die äußere Luft frei hereinstreichen kann. Bis

zu 10000 Personen finden solcherart in den größeren dieser Theater

bequem Platz, ohne daß jemals Hitze oder verdorbene Luft sich in

denselben ansammeln könnte.

Die Darstellung war eine vorzügliche, die Ausstattung in jeder Beziehung

glänzend; trotzdem waren die Preise der -- durch keinerlei Rangordnung

unterschiedenen -- Plätze nach abendländischen Begriffen lächerlich

mäßig. Der Sitz kostete einen halben Schilling -- doch wohlverstanden

bloß hier, in der großen Oper; die anderen Theater sind alle noch

wesentlich wohlfeiler. Unternehmer sind überall die städtischen

Kommunen, als deren Angestellte die ausübenden Künstler sowohl als das

Regiepersonal fungieren; als ökonomischer Grundsatz gilt dabei

allgemein, daß die Kosten des Baues und Unterhalts der Gebäude vom

allgemeinen Kommunalbudget zu tragen seien, und daß die Eintrittspreise

bloß die Gehalte und Tantiemen des angestellten Personals und die

Ausstattung zu decken haben.

Von David erfuhr ich, daß Edenthal außer der großen Oper noch eine

Spieloper und vier Schauspielhäuser besitze, ferner drei Konzerthäuser,

in denen allabendlich Orchester-, Kammermusik und Chöre sich hören

ließen. Als freiländische Specialität aber nannte er mir fünf

verschiedene »Lehrtheater«, in denen astronomische, archäologische,

geologische, paläontologische, physikalische, geschichtliche,

geographische, naturgeschichtliche, kurz alle erdenklichen

wissenschaftlichen Vorträge mit dem umfassendsten Aufwande plastischer

Darstellungskunst den Hörern vorgeführt werden. Die Vorträge sind von

den geistreichsten Gelehrten verfaßt, von den gewandtesten Rednern

vorgetragen, von den tüchtigsten Ingenieuren und Dekorateuren in Scene

gesetzt. Diese Art Theater seien die besuchtesten; in der Regel genügen

die vorhandenen Plätze nicht, so daß die Kommune kürzlich zwei neue

derartige Darstellungshäuser bauen ließ, die binnen wenigen Monaten

eröffnet werden dürften. Die Großartigkeit dieser Vorführungen, die ich

an den nächsten Abenden kennen lernte, ist in der That staunenerregend

und wenn auch die Jugend bei den meisten derselben den größeren Teil des

Auditoriums stellt, so werden dieselben doch von Erwachsenen sehr

fleißig besucht.

Nach dem Theater mieteten Neys am Ufer eine der zahllosen dort von einer

Association bereit gehaltenen Gondeln mit mechanischer Triebkraft (von

elastischen Federn getriebene Propellerschrauben) und wir steuerten in

den See hinaus. Derselbe war von gewaltigen, rings am Ufer in

beträchtlicher Höhe angebrachten elektrischen Reflektoren taghell

erleuchtet und es stand uns heute ein ganz besonderer Genuß bevor, denn

Walter, der berühmteste Liederkomponist Freilands, ließ an diesem Abend

eine neue Kantate durch die Mitglieder des Edenthaler Choralvereins zur

ersten Aufführung bringen. Dieser Verein, welcher zu seinen

allwöchentlichen Vorträgen in der Regel den Edensee als Schauplatz

wählt, verfügt zu solchen Zwecken über mehrere der großartigsten

Prachtbarken, deren bisweilen geradezu märchenhafte Ausstattung durch

freiwillige Beiträge seiner zahlreichen Mitglieder und Verehrer gedeckt

wird.

War es die Wirkung der ganz eigenartigen Scenerie, war es die Schönheit

des Tonstückes an sich -- der Effekt, den die Kantate auf mich machte,

war ein überwältigender. Als wir uns auf den Heimweg machten, gestand

ich David, daß mir niemals zuvor die gleichsam transcendentale Gewalt

der Töne so deutlich geworden, wie während dieser Vorstellung am See;

ich hatte durchaus den Eindruck, als ob der Weltgeist in diesen Klängen

zu meiner Seele spräche und als ob diese auch ganz genau seine Sprache

verstünde und nur unvermögend sei, dieselbe in gewöhnliches Italienisch

oder Englisch zu übersetzen. Zugleich aber äußerte ich mein Erstaunen

darüber, daß ein so junges Gemeinwesen, wie das freiländische, in allen

Kunstarten Anerkennenswertes, in zweien aber, in Architektur und

Tonkunst, den besten Vorbildern aller Zeiten Ebenbürtiges leiste.

Frau Ney gab hierüber ihre Meinung dahin ab, daß dies die schlechthin

notwendige Konsequenz der Gesamtrichtung des freiländischen Geistes sei.

Wo fröhlicher Lebensgenuß mit ruhiger Muße sich paarten, dort müßten die

Künste gedeihen, die ja in Wahrheit nichts anderes seien, als Produkte

des Reichtums und edler Muße. Und daß gerade Architektur und Musik den

Anfang der Kunstblüte machten, lasse sich ganz ungezwungen erklären.

Erstere mußte durch die, dem neuartigen großartigen Gemeinwesen

entsprungenen Bedürfnisse in erster Reihe mächtig angeregt werden; auch

der Einfluß der gewaltigen und doch lieblichen Natur des Landes sei hier

unverkennbar. Die Musik dagegen sei die unmittelbarste aller

Kunstformen, diejenige, deren sich der Genius der Menschheit stets in

erster Reihe bediene, wenn eine neue Ära künstlerischen Schaffens durch

neue Arten des Fühlens und Denkens eingeleitet worden sei.

»Bei dem so überaus regen Sinne Ihres Volkes für das Schöne« -- so

wandte sich mein Vater an Frau Ney -- »nimmt es mich nur Wunder, daß zum

Schmucke der schönsten Zierde Freilands, seiner königlich gearteten

Frauen nämlich, so wenig aufgewendet wird. Zwar die Tracht ist kleidsam,

und nirgend bisher habe ich noch so erlesenen Geschmack in der Wahl der

geeignetsten Formen und Farben getroffen; aber eigentliches Geschmeide

sieht man nicht. Hie und da Goldreifen im Haar, da und dort goldene oder

silberne Spangen an den Kleidern, das ist alles; Edelsteine und Perlen

scheinen bei den hiesigen Damen verpönt zu sein. Woran liegt das?«

»Der Grund liegt darin« -- so antwortete Frau Ney -- »daß uns

Freiländern jene ausschließliche Triebfeder fehlt, die den anderen

Völkern die Geschmeide eigentlich begehrenswert macht. Eitelkeit ist

auch hierzulande heimisch, unter Männern sowohl als Frauen; aber sie

findet in der Schaustellung von sogenannten »Kostbarkeiten«, deren

alleiniger Vorzug vor ähnlichen Dingen lediglich darin besteht, daß sie

teuer sind, kein Genüge. Glauben Sie wirklich, daß es die _Schönheit_

der Diamanten ist, was gar manche unserer bedauernswerten Schwestern da

draußen Glück und Ehre in die Schanze schlagen läßt, um in den Besitz

solch glitzernder Steinchen zu gelangen? Warum stieße dann dasselbe

Weib, welches sich um echter Steine willen verkaufte, unechte, die es in

Wahrheit von jenen gar nicht zu unterscheiden vermag, achtlos beiseite?

Und zweifeln Sie daran, daß auch der echte Diamant sofort zum

unbeachteten Kiesel würde, den keine »Dame von Geschmack« fernerhin

eines Blickes würdigte, sowie dieser Stein aus irgend einem Grunde

seinen hohen Preis verlöre? Die Geschmeide gefallen also nicht, weil sie

schön, sondern weil sie kostbar sind. Sie schmeicheln der Eitelkeit

nicht durch ihren Glanz, sondern durch das Bewußtsein, welches sie in

ihrem Eigner erwecken, in diesen unscheinbaren Dingerchen den Extrakt so

und so vieler Menschenleben zu besitzen. »»Seht her, hier an meinem

Halse trage ich einen Talisman, um den Hunderte von Knechten Jahre lang

ihr bestes Mark vergeuden mußten und dessen Gewalt auch Euch, die Ihr

die netten Dingerchen ehrfurchtsvoll anstaunt, mir als Sklaven zu Füßen

legen, allen meinen Launen dienstbar machen könnte! Seht her, ich bin

mehr als Ihr, ich bin die Herrin, die auf nichtigen Tand vergeuden kann,

wonach Ihr vergeblich giert um Euren Hunger zu stillen!«« Das etwa

ist's, was das Diamantenkollier aller Welt verkündet, und _darum_ hat

seine Besitzerin vielleicht sich und andere verraten, elend gemacht, um

es als ihr Eigen um den Nacken schlingen zu können. Denn beachten Sie

wohl, das Geschmeide schmückt nur, wenn es Eigentum des Trägers ist;

entliehenes Geschmeide zu tragen ist ignobel, gilt als unanständig, und

mit Recht, denn entliehenes Geschmeide lügt, es ist eine Krone, die

ihrem Träger den Schein einer Macht verleihen soll, die er in Wahrheit

nicht besitzt.

»Die Macht nun, deren legitimen Anspruch das Geschmeide zur Schau tragen

soll, die Macht über fremdes Leben und fremde Leiber existiert in

Freiland nicht. Zwar wer einen Diamanten von beispielsweise 600 Pfund

Wert besäße, der hätte damit auch hierzulande das Verfügungsrecht über

einjährigen Ertrag menschlicher Arbeit; aber wer ihn deshalb erwürbe und

zur Schau trüge, würde sich damit -- angesichts unserer Institutionen --

doch nur lächerlich machen; denn _seine eigene Arbeit_ wäre es, deren

Ertrag er solcherart festlegte, gleich gegen gleich müßte er mit Jedem,

dessen Arbeit er sich um den Stein dienstbar machen wollte, tauschen und

statt ehrfurchtsvollen Staunens könnte er bloß bedauerndes Mitleid

erwecken, Mitleid darüber, daß er sich bessere Genüsse versagt, oder

nutzlose Anstrengungen auferlegt, um den albernen Kiesel zu erwerben. Es

wäre das gleichsam, als ob der Besitzer des Diamanten aller Welt

verkünden wollte; »»Seht her, während Ihr genosset oder ruhtet, habe ich

gedarbt und gearbeitet, um den Tand zu gewinnen««! Nicht der Mächtigere,

der Thörichtere wäre er in Jedermanns Augen -- der Stein, dessen

fascinierende Kraft an die Vorstellung geknüpft ist, daß sein Besitzer

zu den Herren der Erde gehöre, die über fremde Arbeit verfügen und

_deshalb_ sich den Scherz erlauben dürfen, das Produkt so großen

Schweißes in nutzlosen Sächelchen anzulegen -- der Stein kann für ihn

keinen Reiz mehr haben. Wer ihn in Freiland kauft, der gliche Jenem, der

sein Leben an den Besitz einer Krone setzt, die aufgehört hat, das

Symbol der Herrschaft zu sein.«

»Sie sprechen also dem Geschmeide alle wirklich schmückende Kraft ab?

Sie leugnen, daß Perlen oder Diamanten geeignet sind, die Reize eines

schönen Körpers noch wesentlich hervorzuheben?« entgegnete mein Vater.

»Das thue ich allerdings«, war die Antwort. »Nicht daß ich die

dekorative Wirkung an sich überall bestreiten wollte; nur leugne ich,

daß sich nicht genau der nämliche, ja in der Regel ein weit besserer

Effekt durch andere Mittel auch erreichen läßt. Im allgemeinen aber

schmückt der, seiner ganzen Beschaffenheit nach gar nicht zum

menschlichen Körper passende Tand durchaus nicht, entstellt vielmehr in

neunundneunzig unter hundert Fällen den stolzen Besitzer. Daß ein

diamantengeschmücktes Weib Euch Herren da draußen besser gefällt, als

ein blumengeschmücktes, hat genau den nämlichen Grund, aus welchem Euch

-- Ihr mögt noch so starre Republikaner sein -- eine Königin schöner

erscheinen wird, als ihre vor dem Richterstuhle unbefangener Ästhetik

vielleicht schöneren Rivalinnen. Ein gewisses Etwas, ein eigentümlicher

Zauber umschwebt sie -- der Zauber -- Sie entschuldigen das harte Wort

-- des Knechtsinnes; dieser, nicht Euer ästhetisches Urteil ist es, was

Euch weismacht, das Diadem verleihe höheren Reiz, als der Kranz von

Rosen; lasset die Rose zum Symbol der Herrschaft werden, dessen sich nur

Königinnen bedienen dürfen, und Ihr werdet jetzt ohne Zweifel finden,

daß die Rosen es sind, die wahre Majestät zur Geltung bringen.«

»Eitel sind wir Freiländerinnen deshalb doch. Wir wollen nicht bloß

schön sein, sondern auch schön erscheinen und die Männer bestärken uns

nach Kräften in diesem Bestreben; nur bitte ich wohl im Auge zu

behalten: wir wollen nicht prunken, sondern gefallen. Deshalb sind Kleid

und Zierat einer Freiländerin nie Selbstzweck, sondern Mittel zum

Zwecke. Eine richtige Modedame in Europa entstellt sich oft in der

greulichsten Weise, weil es ihr weniger auf den Effekt ihrer Person, als

auf den ihrer Kleider, ihres Putzes ankommt; sie wählt nicht das Gewand,

welches ihre persönlichen Reize am günstigsten hervorhebt, sondern das

kostbarste, welches ihre Mittel ihr gestatten. Wir halten es anders;

schon unsere eigenen ästhetischen Anschauungen bewahren uns vor der

Thorheit, einem Kleiderkünstler zu Liebe andere Gewänder anzulegen, als

jene, von welchen wir vermuten oder wissen, daß sie unsere Gestalt am

vorteilhaftesten zur Geltung bringen. Außerdem aber steht uns

diesbezüglich jederzeit der Rat künstlerisch gebildeter Männer zur

Seite. Kein hervorragender Maler verschmäht es, jungen Damen Aufschluß

über die passendste Wahl ihrer Toilette zu gewähren, ja es werden

besondere Vorträge über diesen wichtigen Punkt gehalten. Natürlich kann

es eine strenge Mode bei uns nicht geben, da Zusammenstellung,

Faltenwurf und Farbe der Kleidung durchweg der Individualität der

Trägerin angepaßt sind; daß Hagere und Wohlbeleibte, Große und Kleine,

Blonde und Brünette, Imposante und Niedliche, sich nach der gleichen

Schablone tragen sollten, gälte hier zu Lande als Gipfel der

Abgeschmacktheit. Ebenso lächerlich aber fände es eine Freiländerin, die

gefallen will, mutete man ihr zu, ein Kleid, eine Haartracht, die sie

als für sich passend einmal erprobt, zu wechseln, bloß aus dem Grunde,

weil man sie in dieser Tracht schon zu oft gesehen. Wir begreifen es

nicht, daß man, um zu gefallen, am besten thue, sich möglichst

mannigfaltig zu entstellen; insbesondere aber halten wir, darin abermals

unterstützt von unseren Männern, zähe fest an dem Glauben, daß die

menschliche Gestalt durch das Kleid zwar bedeckt und verhüllt, aber

nicht verzerrt werden dürfe.«

Wir erklärten galant, diese Toiletteprinzipien durchaus zu billigen. Die

Wahrheit ist, daß der an die Excentricitäten abendländischer Moden

gewohnte Fremde in Freiland angelangt, die nach künstlerischen

Grundsätzen zusammengestellte hiesige Frauentracht anfangs etwas zu

einfach, dann aber die Rückkehr zu den abendländischen Zerrbildern

schlechterdings unerträglich findet. Du wirst Dich erinnern, daß David

uns in Rom versicherte, die europäischen Moden machten ihm genau den

nämlichen Eindruck, wie die der afrikanischen Wilden; nach kaum

einwöchentlichem Aufenthalte hier beginne ich diese Auffassung zu

teilen.

Doch ich sehe, daß ich abermals schließen muß, ohne meinen Bericht

erschöpft zu haben. Mit dem Versprechen, das Versäumte nachzuholen

Dein .....

.....

Freiland: Ein sociales Zukunftsbild · 第 16 / 29 题