Edenthal, den 12. Juli ..
Ich schreibe Dir diese Zeilen nach mehrmonatlichem Stillschweigen aus
der Hauptstadt von Freiland, die mich und meinen Vater seit einigen
Tagen beherbergt. Was uns ins Land der socialen Freiheit gebracht hat?
Du weißt, oder weißt vielleicht auch nicht, daß meine Chefs auf Monte
Citorio sich in letzter Zeit gegen den braunen Napoleon an der Ostküste
Afrikas, den Negus Johannes V. von Abyssinien, keinen Rat mehr wissen,
und da ihnen solcher von unseren guten Freunden in London und Paris, wo
man sich in gleichen Nöten befindet, auch nicht erteilt werden kann, so
einigten sich die drei westmächtlichen Kabinette schließlich dahin,
gegen die gemeinsame afrikanische Krankheit ein afrikanisches Heilmittel
zu suchen; diesem nachzuspüren sind wir nun hier, von seiten Englands
die Herren Lord Elgin und Sir Bartelet, von seiten Frankreichs Mrs.
Charles Delpart und Henri de Pons, von seiten unseres Italien Principe
Falieri und dessen Sohn, meine Wenigkeit nämlich. Beauftragt sind wir
insgesamt, den Freiländern nahezulegen, daß es in ihrem wie in unserem
gemeinsamen Besten gelegen wäre, wenn sie ihr Land zum Kriegsschauplatze
gegen Abyssinien hergeben wollten.
Der Negus nämlich, der uns Europäern, die wir Besitzungen an den
afrikanischen Küsten des Roten Meeres und südlich der Straße von
Bab-el-Mandeb unser eigen nennen, auch bisher schon viel zu schaffen
machte und gelegentlich des letzten Krieges die verbündeten
englisch-französisch-italienischen Armeen in Schach hielt, ja ohne die
Intervention unserer Flotten denselben um ein kleines das Schicksal
jenes ägyptischen Heeres bereitet hätte, welches nach biblischen
Berichten vor 3300 Jahren im Roten Meere ertränkt wurde, der Negus, sage
ich, hat den fünfjährigen, für uns nicht gerade rühmlichen Frieden --
offenbar mit Hülfe gewisser guter Freunde in Europa -- dazu benützt, um
seine auch vorher schon Achtung gebietende Armee vollkommen nach
abendländischem Muster zu organisieren. Er besitzt jetzt 300000 Mann,
durchweg mit Waffen bester, modernster Konstruktion versehen, eine
vorzügliche Kavallerie von mindestens 40000 Köpfen, und eine Artillerie
von 106 Batterien, die es, unseren Militärbevollmächtigten zufolge, mit
jeder europäischen an Tüchtigkeit aufnehmen soll. Die Absichten aber,
die Johannes mit diesen für das arme Abyssinien geradezu ungeheuerlichen
Rüstungen verfolgt, können -- insbesondere nach den Erfahrungen des
vergangenen Lustrums -- nicht zweifelhaft sein. Er will uns und den
Engländern die Küstenplätze am Roten Meere, den Franzosen ihr Gebiet
südlich von Bab-el-Mandeb abnehmen. Unsere Küstenfestungen und Flotten
werden dies auf die Dauer nicht verhindern, falls es uns nicht gelingt,
die Abyssinier in offener Feldschlacht zu schlagen. Wie aber Armeen, die
der reorganisierten abyssinischen gewachsen wären, an jenen unwirtlichen
Küsten erhalten, wie einen Feldzug mit dem Meere als einziger
Rückzugslinie gegen einen Feind wagen, dessen furchtbare Offensivkraft
wir auch bisher schon sattsam kennen gelernt haben? Und doch muß dem
Negus begegnet werden, koste es, was es wolle, da mit dem Preisgeben der
Küstenorte die Verbindung mit Ostasien und dem seit den letzten zwei
Dezennien in die erste Linie des Welthandels gerückten Ostafrika für
alle europäischen Mächte verloren wäre. Ist uns doch nur zu wohl
bekannt, daß Johannes V. sich diesbezüglich mit den weitestgehenden
Plänen trägt. Heute schon werben seine Agenten in Griechenland,
Dalmatien und selbst in Nordamerika Matrosen zu Tausenden, die offenbar
bestimmt sind, eine Kriegsflotte zu bemannen, sowie der Besitz der
Küstenpunkte es den Abyssiniern ermöglicht, eine solche zu halten. Ob er
diese Flotte im Auslande kaufen, oder selber bauen will, ist annoch ein
Rätsel. Wäre ersteres der Fall, so könnte es den Nachforschungen der von
dieser Zukunftsflotte bedrohten Mächte unmöglich entgehen; aber keine
der bekannten Schiffswerften der Welt hat derzeit Kriegsfahrzeuge
unbekannter Bestimmung in Bau. Soll die abyssinische Flotte aber am
Roten Meere gebaut werden, erst nachdem dessen Küsten in abyssinische
Gewalt geraten sind, wozu braucht der Negus jetzt schon die vielen
Matrosen? Keineswegs ist dieses Geheimnis geeignet, über die
Endabsichten Abyssiniens zu beruhigen -- kurzum, man hat in London,
Paris und Rom beschlossen, den Stier an den Hörnern zu fassen und gegen
den ostafrikanischen Eroberer offensiv vorzugehen. Die drei Kabinette
wollen gemeinsam ein Expeditionskorps von mindestens 300000 Mann
ausrüsten, und mit diesem sofort nach Ablauf des fünfjährigen Friedens
-- das wäre also Ende September dieses Jahres -- gegen Abyssinien
vorgehen. Als Operationsbasis aber sind diesmal nicht unsere eigenen
Küstenorte -- sondern Freiland ausersehen. Dieses würde den verbündeten
Armeen eine gesicherte Verpflegungs- und Rückzugslinie gewähren, und
Aufgabe von uns Diplomaten ist es nun, die freiländische Verwaltung für
dieses Projekt zu gewinnen. Wir verlangen nichts, als passive
Mitwirkung, d. h. freien Durchzug für unsere Truppen. Ob unsere
Instruktionen dahin gehen, diese passive Assistenz im Notfalle zu
erzwingen, weiß ich nicht, denn nicht ich, bloß mein Vater ist
eingeweiht in die letzten Hintergedanken der Leiter unserer auswärtigen
Politik, und wenn meine bekannte Schwärmerei für dies Land der
Socialisten unsere Regierung auch nicht hinderte, mich meinem Vater
beizugeben, so vermute ich doch, daß mir die intimeren Geheimnisse
unserer Diplomatie vorenthalten werden.
Du weißt also jetzt, Freund meiner Seele, _warum_ wir nach Freiland
reisten. Bist Du zu erfahren begierig, _wie_ wir die Reise
bewerkstelligten, so diene Dir, daß wir dazu von Brindisi bis
Alexandrien den »Uranus«, eines der Riesenschiffe benützten, die
Freiland zum Zwecke des Post- und Passagierdienstes auf allen Meeren
laufen läßt. Zugleich mit uns machten 2300 Einwanderer nach Freiland die
Seereise, und wenn diesen die neue Heimat nur einen Teil dessen hält,
was sie sich von ihr versprechen, so muß sie ein wahres Paradies sein.
Mein Vater, der anfangs einige Bedenken hegte, sich einem freiländischen
Dampfer anzuvertrauen, auf welchem keinerlei Überfahrtgebühr angenommen,
dafür aber auch, wie männiglich bekannt ist, keinerlei Unterschiede in
der Behandlung der Passagiere gemacht werden, gestand mir schon am
zweiten Tage der Fahrt, daß er nicht bereue, meinem Drängen nachgegeben
zu haben. Die Kabine, die wir erhielten, war nicht zu klein, komfortabel
und von peinlichster Sauberkeit, Küche und Verpflegung ließen nichts zu
wünschen übrig und -- was uns am meisten wunderte -- der Umgang mit den
buntzusammengewürfelten Auswanderern erwies sich als keineswegs
unangenehm. Zwar waren unter unseren 2300 Reisegenossen alle Stände und
Berufsklassen, vom Gelehrten bis zum Handarbeiter, vertreten; allein
auch die letzteren erwiesen sich von dem Bewußtsein, einer neuen Heimat
entgegenzueilen, in welcher unbedingte Gleichberechtigung aller Menschen
herrschen sollte, dermaßen gehoben, daß während der ganzen Fahrt
keinerlei Roheit oder gemeine Ausschreitung vorkam.
In Alexandrien benützten wir den nächsten nach dem Sudan abgehenden
Kurierzug, der jedoch bis Assuan, so lange nämlich ägyptische
Kondukteure und Maschinisten ihn führten, von einem solchen wenig mehr
als den Namen hatte. In Assuan nahm uns ein freiländischer Eisenbahnzug
auf, und nunmehr ging es mit einer Accuratesse und Raschheit vorwärts,
wie man sie sonst nur in England oder Amerika antrifft. Mit
raffiniertester Bequemlichkeit eingerichtete Schlaf-, Speise- und
Konversationswagen führten uns in rasendem Fluge den Nil aufwärts, den
Riesenstrom bis Dongola zweimal übersetzend. Charakteristisch ist, daß
von Assuan ab keinerlei Fahrtaxe berechnet wurde. Die im Speisewagen
oder auf den Stationen verzehrten Speisen und Getränke mußten zwar
bezahlt werden -- auf der Urania waren auch die Mahlzeiten unentgeltlich
gewesen -- die Beförderung aber besorgte das freiländische Gemeinwesen
unentgeltlich zu Land wie zu Wasser.
Die Schilderung von Land und Leuten in Ägypten und dessen Dependenzen
wirst Du mir erlassen; es hat sich zwar diesbezüglich im letzten
Decennium, und insbesondere seit Vollendung der freiländischen Nilbahn
einiges zum Besseren geändert; aber im großen Ganzen fand ich das Elend
der Fellachen noch sehr arg und nur dem Grade, nicht dem Wesen nach
verschieden von jenen Schilderungen, die den zahlreichen älteren
Reiseberichten über diese Gegenden zu entnehmen sind. Ein durchaus
anderes Bild bot sich dem Auge, sowie wir uns dem Albert-Njanza näherten
und freiländisches Gebiet erreichten. Ich traute meinen Sinnen kaum, als
ich am Morgen des fünften Tages der Eisenbahnreise erwachend, zum
Waggonfenster hinausblickte und statt der bisherigen Landschaft von
üppigen Gärten und lachenden Hainen anmutig unterbrochene endlose
Fruchtfelder erblickte, aus deren Mitte elegante Villen, teils
zerstreut, teils zu größeren Ortschaften vereinigt, hervorleuchteten.
Als der Zug bald darauf in einer Station -- sie hieß, ein freundliches
Omen für uns Italiener, Garibaldi -- hielt, sahen wir auch zum
erstenmale Freiländer in ihrer eigentümlichen und, wie ich auf den
ersten Blick erkannte, überaus zweckmäßig den Anforderungen des Klimas
angepaßten, ebenso einfachen als kleidsamen Tracht.
Diese ist der antik griechischen sehr ähnlich, selbst die Sandalen an
Stelle der Schuhe fehlten nicht, nur daß dieselben nicht auf bloßem
Fuße, sondern über Strümpfe getragen werden. Die Kleider der
Freiländerinnen sind zumeist farbenprächtiger, als jene der Männer, die
jedoch auch keineswegs jene düsteren monotonen Tinten zur Schau tragen,
wie die abendländische Männertracht. Insbesondere die freiländischen
Jünglinge lieben heitere, helle Farben, die jüngeren Damen bevorzugen
Weiß mit farbigen Ornamenten. Der Eindruck, den die Freiländer auf mich
machten, war ein geradezu blendender. Strotzend von Kraft und
Gesundheit, bewegten sie sich in heiterer Anmut unter den schattigen
Bäumen des Bahnhofgartens, mit einer vornehmen Sicherheit des Benehmens,
die mich anfangs glauben ließ, daß sich hier die Spitzen der
ortsansässigen Gesellschaft Stelldichein gegeben hätten. Diese Meinung
wurde noch verstärkt, als späterhin einige Freiländer den Zug bestiegen
und ich aus den Gesprächen während der Weiterfahrt entnahm, daß deren
Bildungsgrad durchaus dem äußeren Eindrucke entsprach; und doch waren es
gewöhnliche Landleute, Ackerbauer und Gärtner mit ihren Frauen, Söhnen
und Töchtern, mit denen wir es zu thun hatten.
Nicht minder überraschend war das Behagen der unter den Weißen zerstreut
auftretenden und mit diesen unbefangen verkehrenden Neger. Deren
Kleidung war zwar noch leichter und luftiger als die der Weißen -- meist
Baumwollzeuge an Stelle der von diesen ausschließlich benützten
Schafwolle; im übrigen aber machten diese Eingeborenen den Eindruck
durchaus civilisierter Menschen, und wie ich mich aus dem Gespräche mit
einem der den Zug gleichfalls zur Weiterfahrt benützenden Neger
überzeugen konnte, stand ihre Bildung auf einer ziemlich hohen Stufe,
jedenfalls auf einer weit höheren, als die der Landbevölkerung in den
meisten Gegenden Europas. Der Schwarze, mit dem ich mich unterhielt,
sprach ein fließendes, korrektes Englisch, hielt eine freiländische
Zeitung, in welcher er während der Fahrt eifrig las und erwies sich
nicht nur in den Angelegenheiten des eigenen Landes, sondern auch über
europäische Verhältnisse sehr gut unterrichtet.
Gegen Mittag erreichten wir mit der Station Baker den Albert-See, genau
an jener Stelle, wo ihm der weiße Nil entströmt. Hier erwartete mich
eine sehr angenehme Überraschung. Du wirst Dich noch David Neys, jenes
jungen freiländischen Bildhauers erinnern, mit welchem wir während des
letzten Herbstes in Rom zusammentrafen, und an welchen insbesondere ich
mich damals so innig anschloß, weil der herrliche Jüngling es mir durch
den Adel seiner äußeren Erscheinung sowohl, als seiner Gesinnung
angethan hatte. Was Du wahrscheinlich nicht weißt, ist, daß wir, nachdem
David nach Abschluß seiner Kunststudien Rom und Europa verlassen hatte,
wiederholt Briefe wechselten, so daß er von meiner bevorstehenden
Ankunft genau unterrichtet war. Mein Freund hatte nun die
dreißigstündige Reise von Edenthal, wo er bei seinen Eltern -- sein
Vater ist, wie Du weißt, einer der Regenten Freilands -- wohnt, an den
Albert-Njanza nicht gescheut, war mir bis Baker entgegen geeilt, und das
erste, was ich, in die Station eingefahren, bemerkte, war sein liebes,
mir freudig zulächelndes Antlitz. Er brachte meinem Vater und mir eine
Einladung der Seinen, während unseres Aufenthaltes in Edenthal ihre
Gäste zu sein. »Wenn Sie, Herr Herzog -- sagte er -- mit der Wohnung und
Bewirtung, die Ihnen ein Bürger von Freiland zu bieten vermag, zufrieden
sein wollen, würden Sie uns alle, insbesondere aber mich, dem damit das
Glück ungestörten Beisammenseins mit Ihrem Sohne zu teil würde, zu
höchstem Danke verpflichten. Den Glanz und die Pracht, an welche Sie
daheim gewöhnt sind, werden Sie allerdings in unserem Hause vermissen,
welches sich nur wenig von denen der einfachsten Arbeiter unseres Landes
unterscheidet; aber diese Entbehrung wäre Ihnen überall in Freiland
auferlegt, und ich glaube Ihnen versprechen zu können, daß Ihnen auch
bei uns keinerlei wirkliche Bequemlichkeit fehlen wird.« Zu meiner
großen Genugthuung acceptierte mein Vater nach kurzem Besinnen dieses
herzliche Anerbieten mit lebhaftem Danke.
Über das während der eineinhalbtägigen Fahrt vom Albert-See nach
Edenthal Gesehene will ich mich für heute kurz fassen, da ja noch
Gelegenheit sein wird, ausführlich darauf zurückzukommen, und schon
dieser erste meiner freiländischen Reisebriefe ohnehin zu ungebührlichem
Umfange anschwellen wird, wenn ich Dir über das mich zunächst
Interessierende, die Lebensweise der Freiländer nämlich, auch nur
oberflächlich Bericht abstatten will. Unser Kurierzug durchflog in
rasender Eile die von Saatfeldern und Plantagen bedeckten Ebenen Unjoros
und Hügellandschaften Ugandas, lief hierauf einige Stunden längs der
Ufer des mächtig brandenden Ukerewe durch liebliches, einem einzigen
Garten gleichendes Hügel- und Bergland; bei den Riponfällen den See
verlassend, wandten wir uns in das wildromantische Gebirgsland des Elgon
mit seinen zahllosen Herden und reichen Fabrikstädten, umkreisten den
gärtenumsäumten Baringo-See und drangen durch Leikipia in die
Alpenlandschaften des Kenia ein. Gegen 9 Uhr Abend des sechsten Tages
der Eisenbahnreise erreichten wir endlich Edenthal.
Es war eine herrliche Mondnacht, als wir, den Bahnhof verlassend, die
Stadt betraten; überdies glänzte diese im Scheine zahlloser mächtiger
elektrischer Bogenlampen, so daß dem neugierig forschenden Blicke nichts
entging. Selbst wenn ich es jetzt schon wollte, ich könnte Dir den
Eindruck, den diese erste freiländische Stadt, deren Inneres wir
betraten, auf mich machte, nicht im einzelnen schildern. Denke Dir einen
etwa hundert Quadratkilometer bedeckenden Feengarten, erfüllt von
zehntausenden reizender, geschmackvoller Häuschen und hunderten
märchenhaft prächtiger Paläste; dazu den berauschenden Duft aller
erdenklichen Blumenarten und den Gesang zahlloser Nachtigallen --
dieselben wurden in den ersten Jahren der Gründung des Gemeinwesens aus
Europa und Asien importiert, haben sich aber seither unglaublich
vermehrt -- und fasse all' das in den Rahmen einer Landschaft, wie sie
großartiger und pittoresker kein Teil der Erde aufweist -- so kannst Du
Dir, wenn Deine Phantasie lebendig ist, eine matte Vorstellung des
Entzückens machen, mit welchem mich diese Wunderstadt erfüllte, und je
länger ich sie kennen lerne, mehr und mehr erfüllt. Die Straßen und
Plätze, durch die wir kamen, waren ziemlich menschenleer, doch
versicherte uns David, daß rings um den Edensee allabendlich bis
Mitternacht reges Leben flute. Und auch in zahlreichen Häusern, an denen
wir vorbeifuhren, herrschte geräuschvolles, heiteres Treiben. Auf
breiten, luftigen Terrassen und in den Gärten rings um dieselben saßen
und lustwandelten die Bewohner, zu kleineren oder größeren
Gesellschaften vereint; Becherklang, Musik, silberhelles Lachen schlugen
an unser Ohr, kurzum, alles deutete darauf hin, daß hier die Abende
fröhlichster Geselligkeit geweiht seien.
Nach ungefähr halbstündiger rascher Fahrt langten wir bei der so
ziemlich im Centrum der Stadt, nicht weit vom Edensee gelegenen
Behausung unserer Gastfreunde an. Die Familie Ney empfing uns in der
herzlichsten, liebenswürdigsten Weise, trotzdem aber imponierte die
sichere Würde ihres Benehmens selbst meinem stolzen Vater aufs
Gründlichste. Insbesondere die Damen des Hauses glichen so sehr
verkleideten Prinzessinnen, daß mein Vater sich sofort in den galanten
Paladin von unerreichter Ritterlichkeit verwandelte, als welchen Du ihn
von den Hoffesten in Rom, London und Wien her kennst. Vater Ney verrät
auf den ersten Blick den tiefen, an ernste Arbeit gewöhnten Denker, dem
jedoch heitere Sicherheit des Benehmens keineswegs fehlt. Er dürfte,
nach seiner sechsundzwanzigjährigen Thätigkeit im Dienste des
freiländischen Gemeinwesens zu schließen, mindestens 50 Jahre zählen,
seinem Äußeren nach aber würdest Du ihm keine 40 geben. Der jüngere der
Söhne, Emanuel, Techniker von Beruf, ist Davids vollkommenes Ebenbild,
nur etwas dunkler und kräftiger noch als dieser, der, wie Du wissen
wirst, auch gerade kein Schwächling ist. Die Hausfrau, Ellen genannt,
eine geborene Amerikanerin, die mir, Dank offenbar den Berichten meines
David, sofort mit wahrhaft mütterlichem Wohlwollen begegnete, muß nach
dem Alter ihrer Kinder zu schließen, etwa 45 Jahre zählen, macht
indessen vermöge ihrer Jugendfrische mehr den Eindruck einer Schwester,
als einer Mutter ihrer Kinder. Sie ist von blendender Schönheit,
bezaubert aber insbesondere durch die Güte und Geisteshoheit, die ihren
Zügen aufgeprägt sind. Als ihre Töchter stellte sie uns drei junge Damen
im Alter zwischen 18 und 20 Jahren vor, von denen jedoch nur eine,
Bertha genannt, ihr und den Söhnen ähnlich ist. Diese, das verjüngte
Ebenbild ihrer Mutter, verwirrte mich geradezu durch den unsäglichen
Reiz ihrer Erscheinung, glich aber so wenig den beiden anderen, Leonore
und Klementine, daß ich mich einer Bemerkung hierüber vor David nicht
enthalten konnte. »Diese zwei sind auch nicht blutsverwandt mit uns,
sondern die Ziehtöchter meiner Mutter; was das zu bedeuten hat, erzähle
ich Dir später«, lautete die Antwort.
Da wir -- wie Du begreiflich finden wirst -- von der sechstägigen
Eisenbahnreise trotz allen Comforts freiländischer Waggons ziemlich
erschöpft waren, baten wir, nach kurzem Geplauder mit unseren herrlichen
Wirten, um die Erlaubnis, uns in die uns bestimmten Gemächer
zurückziehen zu dürfen. David machte unseren Führer. Nachdem wir von der
geräumigen Gartenterrasse aus, auf welcher wir bis dahin geweilt hatten,
einen mit einfachem, aber gediegenem Geschmack eingerichteten
Gesellschaftsraum und einen stattlichen Speisesaal durchschritten
hatten, an welchen sich, wie ich bemerkte, rechts ein großer als
Bibliothek dienender Saal und links zwei kleinere Gemächer anschlossen,
die, wie mir David auf Befragen mitteilte, seinen Eltern als
Arbeitsstuben dienten; betraten wir eine zierliche Vorhalle, von welcher
aus eine Treppe in das obere Stockwerk mit den Schlafräumen führte. Hier
wies uns unser Führer zwei Schlafzimmer mit gemeinsamem Empfangzimmer
an.
Dann ging es an eine kurze Erklärung der mannigfachen, zur
Bequemlichkeit der Bewohner dienenden Einrichtungen. »Ein Druck auf
diesen Knopf hier, rechter Hand neben dem Thürstock -- demonstrierte
David -- bringt den elekrischen Lustre zum Brennen, ein gleicher dort
neben dem Nachttischchen den Wandkandelaber oberhalb des Bettes. Hier
das Telephon No. 1 ist ausschließlich dem Verkehr im Hause selbst und
mit der benachbarten Wachtstube der »Association für persönliche
Dienstleistungen« bestimmt; bloßes Klingeln -- so, in diesem Rhythmus --
bedeutet, daß sich Jemand aus der Wachtstube herbemühen möge; alle diese
Knöpfe -- sie sind durch die eigentümliche Kerbung kenntlich -- hier und
dort an den Wänden, da am Schreibtische und dort neben den Betten,
stehen mit dieser Telephonklingel in Verbindung; Sie brauchen sich also
aus dem Lehnstuhl, den Sie jetzt inne haben, nachts oder morgens aus dem
Bette, in dem Sie ruhen, gar nicht zu erheben, wenn Sie ein Mitglied
dieser allezeit dienstbereiten Gesellschaft zu sich citieren wollen.
Jedes Telephon und jedes Läutewerk hat seine Nummer in der Wachtstube
sowohl, als an einer Tafel im Vestibul, das wir soeben verlassen haben;
längstens zwei Minuten, nachdem Sie geklingelt haben, steht der auf dem
Flügelrad herbeigeeilte Abgesandte der Gesellschaft zu Ihren Diensten.«
»Das ist eine wunderbare Einrichtung«, bemerkte ich, »die Euch die
Annehmlichkeit eines jeden Winkes gewärtigen Kammerdieners gewährt, ohne
daß Ihr den Ärger mit in den Kauf nehmen müßtet, den uns Abendländern
unsere Kammerdiener bereiten; nur dürfte dieser Luxus ziemlich
kostspielig und deshalb nicht allgemein üblich sein.«
»Die Kosten sind sehr bescheiden, gerade weil hier alle Welt Gebrauch
von diesen öffentlichen Dienstleistungen macht«, antwortete mein Freund.
»Für je 600 bis 800 Häuser ist je eine derartige Wachtstube mit je drei
Wachthabenden errichtet; es wird nun jede geforderte Dienstleistung nach
der Zeit bezahlt, richtiger gesagt, angerechnet, und zwar, wie dies nun
einmal bei uns üblich ist, nach Maßgabe des von unserer Centralbank am
Schlusse jedes Bilanzjahres veröffentlichten Durchschnittswertes der
Arbeitsstunde. Im abgelaufenen Jahre, wo der Stundenwert 8 Shilling
betrug, mußten wir für je 3 Minuten -- denn das ist die Einheit, nach
welcher diese Gesellschaft rechnet -- 40 Pfennige bezahlen; wer nun
häufig klingelt und die Association stark in Atem erhält, auf den
entfällt am Jahresschluß ein stärkerer, wer dies seltener thut, ein
geringerer Beitrag: für alle Fälle aber muß die Association auf ihre
Kosten, d. h. auf ihre Ausgaben kommen und auf den Verdienst für ihre 9
wachthabenden Mitglieder -- denn die drei Wächter wechseln morgens,
mittags und abends. Diese für je eine Wachtstube erforderliche Summe
berechnete sich im Vorjahre mit rund 6000 Pfd. Sterling, und da
beispielsweise die Zeitrechnungen der sämtlichen 720 Familien unseres
Rayons nicht ganz zwei Dritteile dieser Summe ergeben hatten, so wurden
die restlichen 2000 Pfd. Sterling nach Maßgabe des von jeder Familie
gemachten Gebrauches nachgetragen. Unsere Familie hat verhältnismäßig
geringen Bedarf nach den guten Diensten dieser Wachtstuben; wir zahlten
z. B. im Vorjahre alles in allem 6 Pfd. Sterling, nämlich 4 Pfd.
Sterling direkte Zeittaxen und 2 Pfd. Sterling nachträglichen Zuschlag,
denn wir hatten binnen Jahresfrist bloß zweihundertmal 3 Minuten der
fraglichen Dienste bedurft.«
»Warum« -- so fragte mein Vater -- »wird in Ihrem Hause verhältnismäßig
weniger geklingelt, als anderwärts?«
»Weil unser Haushalt beständig zwei oder drei junge Damen beherbergt,
die es sich zur angenehmen Pflicht machen, meinen Eltern all' jene
persönlichen Dienste zu leisten, die sich mit der Würde wohlerzogener,
gebildeter Frauenzimmer vertragen. Diese -- seit einem Jahre auch von
meiner Schwester unterstützten -- Mädchen sind junge Freiländerinnen,
wie man sie in jeder freiländischen Familie findet, wo die Hausfrau im
Rufe besonderer Intelligenz und feiner Sitte steht -- Sie entschuldigen,
daß ich meine Mutter so ohne weiteres zu diesen Auserwählten zähle.
Jedes junge Mädchen Freilands rechnet es sich zur besonderen Ehre und zu
großem Vorteile an, in einem solchen Hause mindestens für ein Jahr
Aufnahme zu erlangen, weil allgemein die Ansicht besteht, daß nichts den
Geist und die Sitte heranwachsender weiblicher Geschöpfe mehr veredle,
als möglichst intimer Umgang mit hervorragenden Frauen.
Selbstverständlich ist, daß derartige junge Damen durchaus wie Kinder
vom Hause angesehen und behandelt werden; aber sie leisten ihren
Adoptiveltern auch durchweg die nämlichen Dienste, wie aufmerksame,
liebevolle Töchter. Vater und Mutter können einen Wunsch kaum im
Gedanken fassen, so ist er schon erraten und erfüllt.«
»Ei, das ist ja ganz das Institut unserer königlichen Ehrenfräulein«,
meinte lächelnd mein Vater.
»Allerdings; und ich zweifle sehr, ob Ihr Königspaar so gut, und
insbesondere ob es so zärtlich betraut ist, wie mein Elternpaar
jederzeit von diesen Ziehtöchtern der Mutter, deren seit 18 Jahren --
denn so alt ist diese Einrichtung in Freiland -- nicht weniger als 24
durch unser Haus gegangen sind, die aber sämtlich heute noch in durchaus
kindlichem Verhältnisse zu meinen Eltern und in geschwisterlichem zu uns
stehen. Unsere gegenwärtigen Ziehschwestern Leonore und Klementine haben
Sie soeben kennen gelernt.«
»Sie sagten vorhin«, nahm wieder mein Vater das Wort, »daß Ihr gesamtes
Haus -- also vier Damen und drei Herren -- während eines ganzen Jahres
bloß zweihundertmal 3 Minuten hindurch die durch diese Klingel citierten
dienstbaren Geister in Anspruch genommen hätte; außerdem erwähnten Sie
die Dienste der reizenden Ehrenfräulein -- wer aber verrichtet jene
gröberen Hantierungen, welche binnen 600 Minuten oder zehn Stunden
jährlich kaum der Geist aus Aladins Lampe in einem Hause wie dieses hier
zu vollbringen vermöchte. Sie haben, wie mir scheint, etwa zehn bis
zwölf Wohnräume; das Estrich ist zwar aus Marmor -- aber sie müssen doch
gefegt werden. Ich sehe überall schwere Teppiche, wer reinigt diese? Mit
einem Worte, wer verrichtet die gröbere Arbeit in diesem, wie der
oberflächlichste Augenschein zeigt, mit peinlichster Sorgsamkeit instand
gehaltenen, komfortabel eingerichteten Hause?«
Die nämliche Association, mit deren Wachtstube ich Sie soeben bekannt
gemacht habe; nur brauchen wir nicht zu klingeln, um diese, zum
regelmäßigen Bedarfe gehörigen Verrichtungen besorgen zu lassen,
vielmehr geschieht dieses auf Grund eines vereinbarten Tarifs, ohne daß
man sich fernerhin darum zu kümmern hätte, mit einer Pünktlichkeit, die
nichts zu wünschen übrig läßt. Die Association besitzt Haus- und
Stubenschlüssel der mit ihr in Akkord stehenden Häuser. Zeitlich
morgens, wir schlafen meist noch alle, erscheinen geräuschlos ihre
Sendlinge, nehmen die zu reinigenden Kleider -- richtiger die zu
wechselnden, denn wir Freiländer tragen niemals ein Kleidungsstück an
zwei aufeinander folgenden Tagen -- von den Orten, wo sie des Abends
hinterlegt wurden, thun die gereinigten an die dazu bestimmte Stelle,
bereiten die Bäder -- denn in den meisten freiländischen Häusern hat
jedes Familienglied sein besonderes Bad, das täglich genommen wird, es
sei denn, daß man ein See- oder Flußbad vorzöge -- reinigen die Vorräume
und einen Teil der Stuben, entfernen die Teppiche und sind verschwunden,
ohne daß man zumeist auch nur eine Ahnung ihrer Anwesenheit besitzt. Und
zu all dem genügen wenige Minuten. Es wird nämlich fast durchweg mit
Maschinen gearbeitet. Sehen Sie jenen kleinen Apparat dort hinten im
Korridor? Das ist eine Wasserkraftmaschine, in Gang gebracht durch das
Öffnen jenes Hahnes dort, der sie mit der großen, von den Keniakaskaden
gespeisten Hochdruckleitung in Verbindung setzt. (In anderen Städten, wo
Wasserdruck bis zu 35 Atmosphären nicht so leicht zu beschaffen ist,
thun elektrische oder atmosphärische Kraftleitungen den nämlichen
Dienst.) Hier die stählerne Welle in der mit dem zierlichen Gitter
verdeckten Höhlung am Boden, und dort oben am Plafond die broncene, die
dem Gestänge zum Aufhängen der Spiegel und Bilder zum Verwechseln
ähnlich sieht -- es sind alles Transmissionen, welche die Bewegung der
Wassermaschine in jeden Raum des ganzen Hauses, von den Kellern
angefangen bis zu den Gelassen unter dem Dache, übertragen. Und dort in
jener Kammer findet sich eine Anzahl von Maschinen, deren Bedeutung ich
Ihnen schwer erklären kann, wenn Sie sie nicht in Funktion sehen. Eine
Reihe anderer Geräte führen die 3-4 Leute der Association bei ihren
Besuchen mit sich, und wenn diese Maschinen mit dem Gestänge da oben
oder da unten in Verbindung gebracht sind und der Hahn des Wassermotors
geöffnet wird, so ist solch ein Raum im Handumdrehen gefegt, gewaschen,
die schwerste Last an ihren Ort gebracht, kurz alles mit Zauberschnelle
geräuschlos verrichtet, was Menschenhände nur langsam und meist mit
unangenehmem Gepolter zuwege brächten.
»Einige Zeit später erscheinen die Arbeiter der Association neuerlich,
um die noch übrigen Stuben zu reinigen, die früher entfernten Teppiche
an ihren Ort zu geben, in Küche und Frühstückszimmer alles zum Frühstück
Erforderliche herzurichten. Und so kommen und gehen diese Leute tagsüber
mehrmals, so oft es eben vereinbart ist, um nach dem Rechten zu sehen.
Alles geschieht unaufgefordert, unhörbar, mit Blitzesschnelle. Unser
Haus gehört zu den größeren, unsere Einrichtung zu den besseren in
Edenthal; die Association hat also in wenigen Häusern mehr zu thun, als
bei uns; trotzdem rechnete sie uns für all' diese Dienste im Vorjahre
nicht mehr als 180 Stunden an, für welche wir nach dem bereits erwähnten
Tarife jenes Jahres 72 Pfd. Sterling zu zahlen hatten. Ich bezweifle,
daß irgend ein Haus gleich dem unsrigen in Europa oder Amerika um das
Doppelte und Dreifache dieses Betrages in gleich gutem Stande erhalten
werden könnte. Und dabei haben wir statt mit den leidigen »Domestiken«,
mit intelligenten, höflichen, diensteifrigen Geschäftsleuten zu thun,
die schon durch die Konkurrenz -- denn wir haben in Edenthal sechs
solche Associationen -- genötigt sind, ihr Äußerstes zur Befriedigung
der sie beschäftigenden Familien zu thun. Die Mitglieder dieser
Associationen sind Gentleman, mit denen man füglich an der gleichen
Tafel Platz nehmen kann, die sie soeben selber hergerichtet, und weder
unsere zwei »Ehrenfräulein«, noch meine Schwester, würden den geringsten
Anstand nehmen, bei Tische mit anderen Gästen auch Mitgliedern der
Association für persönliche Dienstleistungen aufzuwarten.
»Sie werden übrigens die Herren der Association heute noch kennen
lernen, denn die unser Haus versorgenden Mitglieder werden sofort
eintreffen, um sich mit peinlicher Genauigkeit über jeden Ihrer
speziellen Wünsche zu unterrichten. Sie dürfen nicht ungeduldig werden,
wenn _Sie_ dabei einem etwas umständlichen Verhöre unterzogen werden; es
geschieht zu Ihrem Besten und nur dies eine Mal. Haben Sie einmal den
keine Kleinigkeit übersehenden Fragen der Association Stand gehalten, so
wird es Ihnen, so lange Sie in Freiland sind, gewiß nicht widerfahren,
des morgens ein anderes als das gewünschte Kleid an der bezeichneten
Stelle, Ihr Bad um einige Grade zu kalt oder zu warm, Ihr Bett nicht in
der gewohnten Weise bereitet zu finden, oder was dergleichen kleine
Ungehörigkeiten mehr sind, aus deren Vermeidung zu nicht geringem Teile
das häusliche Behagen besteht.
»Mit der Association für persönliche Dienstleistungen wären wir fertig.
Ich kann also mit der Erklärung unserer häuslichen Einrichtungen
fortfahren. Hier dieses andere Telephon hat die auch in Europa
gebräuchliche Bestimmung, mit dem Unterschiede allerdings, daß
hierzulande Jedermann sein Telephon besitzt. Jene Schraube dort hat den
Zweck die Kaltluftleitung zu öffnen, welche künstlich gekühlte und
zugleich ein wenig ozonisierte Luft in jeden Raum leitet, falls die
Hitze unangenehm werden sollte; da dieses ausnahmsweise -- wenn nämlich
in den heißen Monaten ein nächtliches Gewitter am Horizonte heraufzieht
-- auch des Nachts vorzukommen pflegt, so ist die Schraube
vorsichtshalber in der Nähe des Bettes angebracht.«
Ich teile Dir all' diese Details mit, weil ich glaube, daß sie Dich als
Beweise dafür interessieren werden, wie wunderbar es diese Freiländer
verstanden haben, unsere abendländischen Haussklaven durch ihre
»eisernen Sklaven« zu ersetzen. Bemerken will ich nur noch, daß die
»Association für persönliche Dienstleistungen« selbst meines Vaters
weitgehenden Ansprüchen durchaus zu genügen vermochte; er versichert, im
Hotel Bristol zu Paris keine bessere Bedienung gefunden zu haben.
Um Dich nicht zu ermüden, erlasse ich Dir die Schilderung des ersten und
zweiten Frühstücks am nächsten Tage, und will Dir nur nach der
Hauptmahlzeit, die um 6 Uhr genommen wird, den Mund wässern machen.
David gestand mir auf Befragen, daß man uns zu Ehren den sonst
gebräuchlichen vier Gängen einen fünften zugelegt habe; aber nicht in
der Mannigfaltigkeit, sondern in der Vorzüglichkeit der Gerichte, wie
nicht minder in der Abwesenheit nicht zur Gesellschaft gehöriger und
deshalb störender Dienerschaft bestand der Reiz des Mahles. Ohne
Übertreibung kann ich versichern, selten so vorzügliche Bereitung,
niemals zuvor aber so erlesenes Material vereinigt gesehen zu haben. Das
Fleisch der auf den würzigen Hochalpen gemästeten jungen Ochsen und
zahmen Antilopen hat nirgend anderwärts seines Gleichen; die Gemüse
stellen die seltensten Schaustücke einer Pariser Ausstellung in den
Schatten; insbesondere aber ist die Pracht und Mannigfaltigkeit seiner
Frucht- und Obstsorten der Stolz Freilands. Und nun die mysteriöse Art
des Servierens! Ein in der Wand des Speisegemachs angebrachter Schrank
entwickelte aus seinem Innern eine scheinbar unerschöpfliche Reihe von
Eßwaren. Zunächst entnahm Fräulein Bertha diesem Schrank eine Terrine,
welche sie vorsichtig an den elfenbeinenen Henkeln anfassen mußte -- als
der Deckel gehoben wurde, präsentierte sich eine köstlich dampfende
Suppe. Dann gab ein anderes Fach des gleichen Schrankes einen Fisch
heraus -- derselbe war kalt, als ob er frisch vom Eise gekommen wäre.
Nun folgte -- wieder aus einem anderen Fache -- ein warmes Ragout,
diesem ein ditto Braten mit mannigfaltigen Gemüsen und Salat -- dann kam
Eis mit Backwerk, Obst, Käse. Den Schluß bildete ein schwarzer Kaffee,
der aber vor den Augen der Gäste bereitet wurde, nebst erlesenen
Cigarren -- alles gleich dem Biere und den Weinen freiländisches Gewächs
und Fabrikat. Dienerschaft war während der ganzen Mahlzeit nicht
sichtbar; die drei reizenden Mädchen holten alles aus dem
geheimnisvollen Schranke oder von einem in dessen Nachbarschaft
befindlichen Serviertische.
Frau Ney machte jetzt den Cicerone. »Dieser Wandschrank« -- erklärte sie
-- »ist zur einen Hälfte Eiskeller, d. h. von gekälteter Luft
durchströmt, zur anderen Hälfte Herd, d. h. mit elektrischen
Heizvorkehrungen ausgestattet; in der Mitte zwischen diesen beiden
Extremen befindet sich -- durch schlechtleitende Wände von beiden
getrennt -- eine neutrale Abteilung von gewöhnlicher Zimmertemperatur.
Außerdem hat dieser Schrank die Eigenheit, sich nach zwei Seiten zu
öffnen, hier herein in den Speisesaal, und hinaus in den Korridor.
Während wir nun tafelten, brachte die »Speiseassociation« in rascher
Reihenfolge die bei ihr bestellten Gerichte, teils vollkommen bereitet,
teils, wie z. B. den Braten und einige Gemüse, fertig adjustiert, aber
noch roh. Die fertigen Speisen wurden vom Korridor aus in die
verschiedenen Fächer des Schrankes eingeschoben; Braten und Gemüse
kochte ein Mitglied der Association in der rückwärts befindlichen Küche
mit gleichfalls elektrischem Herde gar. Das ist übrigens nicht die
gewöhnliche Ordnung; wenn wir allein sind, wird in der Regel auch das
Geschäft des Garkochens hier am Schranke besorgt und zwar von meinen
Töchtern; das nimmt bloß kurze Zeit in Anspruch und Küchendünste sind
dabei niemals zu spüren, denn dieser Speiseschrank, der Herd- und
Eiskeller zugleich ist, vereinigt damit auch noch die Eigenschaften
eines guten Ventilators. Das Reinigen der Geräte ist Sache der
Association, die übrigens, wenn es gewünscht wird, auch das Geschäft des
Servierens bei Tisch übernimmt.
Der Kaffee wurde im Freien auf einer der Terrassen genommen; dann sangen
die Damen zur Harfe und zum Klavier einige Lieder. Inzwischen machte uns
Herr Ney mit den Familienverhältnissen der beiden Ziehtöchter seiner
Frau bekannt. Die eine derselben -- Leonore -- ist eines Ackerbauers
Kind aus Leikipia, die andere -- Klementine -- die Tochter eines seiner
Departementschefs. Letzteres befremdete uns. »Warum« -- so fragte ich --
»verläßt diese zweite Dame das elterliche Haus, das doch auch ein
vornehmes, hochgebildetes sein muß?« Herr Ney erklärte nun, daß die
Ziehtöchter nicht sowohl das vornehme gebildete »Haus«, sondern
ausschließlich die gebildete, geistreiche _Frau_ des Hauses suchen. Der
Mann mag noch so berühmt und gelehrt sein, wenn die Hausfrau ein
gewöhnliches Geschöpf ist, betritt niemals eine Ziehtochter ihre
Schwelle. Diese Institution hat eben bloß den Zweck, den betreffenden
Jungfrauen den Vorteil eines höheren Beispiels, eines veredelnden
weiblichen Umganges, nicht aber den Glanz günstiger äußerer Verhältnisse
zu gewähren, was, nebenbei bemerkt, angesichts der hier herrschenden
Zustände auch keinen rechten Sinn hätte, da im großen Ganzen jede
freiländische Familie dem Wesen nach auf gleichem Fuße lebt. Die Mutter
Klementinens nun ist eine herzensgute brave Dame, aber schließlich doch
nur eine tüchtige Hausfrau; »deshalb bat sie meine Ellen, die«, so fügte
er leuchtenden Auges hinzu, »den edelsten Frauen unseres an herrlichen
Weibern so reichen Landes zugezählt wird, um die Gunst, sich ihrer
Klementine für zwei Jahre anzunehmen.«
Ich muß für heute schließen, denn Müdigkeit überwältigt mich, trotzdem
ich Dir noch vielerlei über meine Erfahrungen sowohl innerhalb als
außerhalb des Ney'schen Hauses zu erzählen hätte ....