Abermals sind zwanzig Jahre verflossen, fünfundzwanzig Jahre, seitdem
unsere Pfadfinder den Kenia erreichten. Die Prinzipien, nach denen sich
Freiland regiert und verwaltet, sind die gleichen geblieben und auch der
Erfolg hat nicht gewechselt, nur daß das Wachstum von geistiger und
materieller Kultur, von Einwohnerzahl und Reichtum sich in unablässig
steigender Progression bewegte. Die Einwanderung, vermittelt durch 54
der größten Ozeandampfer von zusammen 495000 Registertonnen, hatte im
letzten Jahre die Ziffer von 1152000 Köpfen erreicht. Um diesen, aus
allen Weltteilen anlangenden Zuzug an den afrikanischen Küsten
aufzunehmen und mit möglichster Beschleunigung in das Herz des
Kontinents zu befördern, war das Eisenbahnnetz von Freiland an vier
verschiedenen Punkten bis an den Ozean, resp. bis an die zum Ozean
führenden fremden Anschlußbahnen vorgedrungen. Der eine dieser
Schienenstränge ist der noch in der vorigen Epoche vollendete von
Edenthal nach Mombas; diesem folgte vier Jahre später, nachdem die
Pacifizierung der Gallasstämme gelungen war, die Eisenbahn im Danathale
an die Wituküste; nach neun ferneren Jahren war ein -- gleich allen
freiländischen Hauptbahnen zweigeleisiger -- Schienenstrang längs des
ganzen Nilthales, vom Ukerewe und Albert-Njanza über die ägyptischen
Äquatorialprovinzen, Dongola, den Sudan und Nubien bis zum Anschlusse an
das ägyptische Bahnnetz fertig und solcherart die Verbindung der
Mittelmeerküste mit Freiland bewerkstelligt; im Vorjahre endlich war der
letzte Spatenstich der großen äquatorialen »Transversalbahn« gemacht
worden, die von Uganda am Ukerewe ausgehend und den Nil bei dessen
Austritt aus dem Albert-Njanza überbrückend, von hier den Aruwhimi und
Kongo entlang den atlantischen Ozean erreichte. Wir besaßen also zwei
direkte Schienenverbindungen mit dem indischen und je eine mit dem
mittelländischen und atlantischen Meere. Die Mombaslinie war durch die
weitaus kürzere Danabahn selbstverständlich in den Hintergrund gedrängt;
die 580 Kilometer der letzteren durchflogen unsere Passagierzüge in 9
Stunden, während die Mombasstrecke, trotz ihrer inzwischen erfolgten
Abkürzung durch die Athizweigbahn, nahezu die doppelte Zeit erforderte.
Auf der Nilbahn waren von Alexandrien bis Edenthal 6452 Kilometer zu
durchmessen, deren Betrieb von Assuan -- der Grenze Oberägyptens -- ab
in unseren Händen war; die Reise beanspruchte hier -- wegen des
langsameren Betriebes auf der ägyptischen Linie -- 6½ Tage; trotzdem war
diese Route die meistbenutzte, da sie allen über das Mittelmeer gehenden
Einwanderern, also allen europäischen und den meisten amerikanischen,
die Reise nahezu um zwei Wochen verkürzte. Die im Einvernehmen mit dem
Kongostaate, jedoch beinahe ausschließlich auf unsere Kosten ausgebaute
und durchweg in freiländischem Betrieb stehende äquatoriale
Transversalbahn endlich hatte eine Länge von 4874 Kilometern und auf ihr
konnte man in nicht ganz 4 Tagen von der Kongomündung in Edenthal
anlangen.
Edenthal, wie überhaupt das Keniagebiet, hatten schon seit langer Zeit
aufgehört, den ganzen Zuzug der Einwanderer in sich aufzunehmen. Zwar
die dichteste Menge der freiländischen Bevölkerung war noch immer in den
Hochgebirgslandschaften zwischen dem Ukerewe und dem indischen Ozean zu
suchen, der Sitz der obersten Verwaltung war nach wie vor in Edenthal,
Freiland aber hatte seither seine Grenzen nach allen Seiten,
insbesondere nach Westen zu mächtig ausgedehnt. Über ganz Massailand,
Kawirondo und Uganda, rings um die Ufer des Ukerewe, Mwutan-Nzige und
Albert-Njanza hatten sich freiländische Ansiedler ausgebreitet, so weit
gesunde, hohe Lage und fruchtbarer Boden zu finden war. Im Südosten
bilden die paradiesischen Gebirgslandschaften von Teita, im Norden die
Höhenzüge zwischen dem Baringo und Ukerewe und den Gallaländern, im
Westen die äußersten Ausläufer der am Albertsee beginnenden Mondberge,
im Süden endlich die bis zum Tanganikasee streichenden Gebirgszüge die
vorläufigen Grenzen unserer Ausbreitung, ein Gesamtareal von 1½
Millionen Quadratkilometern umfassend, welches jedoch nicht überall von
kompakten Massen freiländischer Bevölkerung besiedelt ist, vielmehr
unsere Kolonisten an vielen Stellen zerstreut unter den Eingeborenen
sitzen, dieselben überall zu höherer, freier Kultur erziehend. Die
Gesamtbevölkerung des derzeit unter freiländischem Einflusse stehenden
Gebietes beträgt 42 Millionen Seelen, davon 26 Millionen Weiße und 16
Millionen schwarze oder braune Eingeborene. Von ersteren wohnen 12½
Millionen im Stammlande am Kenia und Aberdaregebirge; 1½ Millionen sind
im übrigen Massailand, am Nordabhange des Kilima-Ndscharo und in Teita
zerstreut; die Berge westlich und nördlich vom Baringosee haben eine
weiße Bevölkerung von 2 Millionen; rings um den Ukerewe sitzen 3½
Millionen, in den Bergen zwischen diesem und dem Mwutan-Nzige und
Albertsee 1½ Millionen, in den Mondgebirgen westlich vom Albert-Njanza 3
Millionen und endlich südlich von diesen beiden Seen bis zum Tanganika
zerstreut 2 Millionen.
Die freiländische Produktion hat sich auf nahezu alle Bedarfsartikel des
Kulturmenschen ausgedehnt, der hauptsächlichste Produktionszweig aber
ist die Maschinenindustrie geblieben. Sie erzeugt vornehmlich für den
inländischen Gebrauch, trotzdem ihre Leistungsfähigkeit schon seit
Jahren die aller Maschinenfabriken der ganzen übrigen Welt
zusammengenommen sehr wesentlich übertrifft; Freiland hat eben für mehr
Maschinen Verwendung, als die ganze übrige Welt zusammengenommen, denn
die Arbeit seiner Maschinen ersetzt ihm die Sklaven- oder Knechtesarbeit
der Anderen und da unser -- die civilisierten Neger gar nicht gerechnet
-- 26 Millionen »Arbeitgeber« sind, so brauchen wir sehr viel stählerne
und eiserne Knechte, um unseren mit jedem Fortschritte unserer
Kunstfertigkeit stetig Schritt haltenden Bedürfnissen zu genügen. Von
unseren Maschinen also geht -- mit Ausnahme einiger Specialitäten --
verhältnismäßig wenig über unsere Grenzen; dafür arbeitet die
Landwirtschaft überwiegend für den Export, ja es kann füglich behauptet
werden, daß die Gesamtproduktion des freiländischen Körnerbaues für den
Export verfügbar ist, da die zur Deckung des eigenen Bedarfs
erforderlichen Mengen im Durchschnitt kaum so groß sind, als die auf
unsere Märkte gelangenden Überschüsse der Negerproduktion. Im letzten
Jahre waren 9 Millionen Hektaren Ackerland bestellt gewesen, die in zwei
Ernten einen Ertrag von 2100 Millionen Zentner Körner- und sonstiger
Feldfrüchte im Werte von rund 600 Millionen Pfd. Sterling ergaben. Zu
diesem Getreidequantum kamen nun noch für 550 Millionen anderweitige
Ausfuhrgüter, so daß der Gesamtexport 1150 Millionen Pfd. Sterling
betrug. Unter den Importartikeln dagegen nimmt weitaus die erste Stelle
der Posten: »Bücher und andere Drucksachen« ein, diesen zunächst folgen
Kunst- und Luxusgegenstände. Von den, anderwärts als sogenannte
Massenartikel des Außenhandels anzutreffenden Waren, zeigen die
freiländischen Importlisten bloß Baumwollwaren, die im Lande selbst fast
gar nicht erzeugt, im Gesamtbetrage von 57 Millionen Pfd. Sterling zur
Einfuhr gelangten. Der Bücherimport -- Zeitungen eingeschlossen --
betrug im letzten Jahre 138 Millionen Pfd. Sterling -- nicht
unwesentlich mehr, als im gleichen Jahre die ganze übrige Welt für
Bücher ausgegeben hatte. Und dabei darf man nicht etwa glauben, daß
Freiland seinen Bücherbedarf gänzlich oder auch nur zum größeren Teile
vom Auslande her gedeckt hätte; mehr als zweimal so viel, als an
ausländische Verleger hatten im selben Jahre die freiländischen Leser an
ihre einheimischen zu bezahlen; sie lesen eben zur Zeit, bei welcher wir
angelangt sind, mehr als dreimal so viel, als das ganze Lesepublikum
außerhalb Freilands.
Diese Ziffern schon lassen auf die Höhe des Reichtums schließen, zu
welchem Freiland gediehen. In der That, der Gesamtwert der von 7½
Millionen Produzenten im letzten Jahre hervorgebrachten Erzeugnisse
hatte den Betrag von nahezu 7 Milliarden Pfd. Sterling erreicht, wovon
nach Abzug von 2½ Milliarden zur Deckung der Ausgaben des Gemeinwesens,
4½ Milliarden als Gewinn der Produzenten verblieben, aus welchem im
Durchschnitt 600 Pfd. Sterling auf den einzelnen Arbeiter entfielen. Und
dabei hatten wir im Mittel bloß 5 Stunden täglich oder 1500 Stunden im
Jahre zu arbeiten gebraucht, so daß der durchschnittliche Nettowert der
Arbeitsstunde 8 Schilling erreichte, kaum weniger, als in gar manchen
Teilen Europas der durchschnittliche Wochenlohn gewöhnlicher
Handarbeiter.
Die Preise fast aller Bedarfsartikel in ganz Freiland sind dabei immer
noch wesentlich billiger, als sonst in einem Teile der civilisierten
Welt. Ein Zentner Weizen kostet durchschnittlich 6 Schilling, ein
Kilogramm Rindfleisch nicht ganz ½ Schilling, ein Hektoliter Lagerbier
oder leichten Weines 10 Schilling, ein kompletter Anzug aus gutem
Schafwollstoff 20-30 Schilling, ein Pferd vorzüglicher arabischer
Vollblutzucht 15 Pfd. Sterling, eine gute Milchkuh 2 Pfd. Sterling u. s.
w. Teuer sind bloß einige vom Ausland bezogene Luxusartikel, z. B.
einige Weine und alle nur durch Handarbeit produzierbaren Dinge, deren
es aber äußerst wenig giebt. Letztere werden sämtlich aus dem Auslande
importiert, mit welchem in Handarbeit zu konkurrieren, einem Freiländer
natürlich nicht in den Sinn kommen kann. Denn obwohl die harmonisch
ausgebildeten, vollkräftigen und intelligenten Arbeiter unseres Landes
auch an Kraft und Geschicklichkeit ihrer Muskeln den entnervten,
ausgemergelten Knechten des Abendlandes sicherlich mindestens zwei- und
dreifach überlegen sind, so vermögen sie doch nicht zu konkurrieren mit
einer Arbeitskraft, die fünfzig- und hundertfach wohlfeiler ist, als die
ihrige. Ihre Überlegenheit beginnt erst, wo sie den ausländischen
Knechten aus Menschenfleisch und Bein ihre stählernen entgegenstellen
können; mit diesen arbeiten sie dann billiger noch, als jene, denn diese
von Dampf, Elektrizität und Wasser in Bewegung erhaltenen Sklaven sind
noch genügsamer, als die Lohnarbeiter des »freien« Europa. Verlangen
diese doch immerhin Kartoffeln zur Füllung ihres Magens und einige
Lumpen zur Verhüllung ihrer Blöße, während Kohle oder ein Wasserstrahl
den Hunger jener stillt und ein wenig Schmieröl hinreicht, um ihre
Glieder geschmeidig zu erhalten.
Im übrigen bestätigt diese Überlegenheit Freilands im Maschinenwesen und
die des Auslandes in Handarbeit bloß einen alten Erfahrungssatz, der
deshalb nicht minder richtig ist, weil er der Erkenntnis der sogenannten
»Kulturnationen« noch immer entgeht. Daß nur die verhältnismäßig reichen
Nationen, d. h. jene, deren Massen verhältnismäßig am besten gestellt
sind, zugleich eine unter starker Verwendung von Maschinenkraft
betriebene Produktion besitzen, konnte selbst dem blödesten Auge auf die
Dauer unmöglich entgehen, nur erklärte man sich dieses unleugbare
Phänomen umgekehrt; man glaubte, daß das englische oder amerikanische
Volk deshalb menschenwürdiger existiere, als z. B. das chinesische oder
russische, weil es reicher sei und daß aus dem gleichen Grunde, weil
nämlich die erforderlichen Kapitalien reichlicher vorhanden seien, dort
mit Maschinenkraft, hier mit menschlicher Muskelkraft gearbeitet werde.
Das läßt allerdings die Hauptfrage, nämlich woher denn eigentlich diese
Unterschiede des Reichtums rühren, unerledigt und schlägt anderseits den
Thatsachen ganz ungeniert ins Antlitz, denn dem Chinesen oder Russen
nützt alles ihm noch so freigebig und billig angebotene Kapital nichts;
die Maschinenarbeit bleibt bei ihm unrentabel, so lange sich seine
Lohnarbeiter mit einer Handvoll Reis oder mit halbverfaulten Kartoffeln
und etwas Schnaps begnügen -- aber es gehört einmal ins Kredo der
orthodoxen Nationalökonomie und wird deshalb unbesehen geglaubt. Wer
jedoch seine Augen nicht bloß dazu hat, um sie den Thatsachen gegenüber
zu verschließen, seinen Verstand nicht bloß dazu, um einmal angenommene
Vorurteile hartnäckig festzuhalten, der muß endlich begreifen, daß der
Reichtum der Nationen nichts anderes ist, als ihr Besitz an
Produktionsmitteln, daß dieser Reichtum groß oder gering ist, je nachdem
zahlreiche und mächtige, oder wenige und kleinliche Produktionsmittel
vorhanden sind und daß man viele oder geringfügige Produktionsmittel
braucht, nach Maßgabe des großen oder geringen Verbrauches jener Dinge,
die mittels dieser Produktionsmittel erzeugt werden sollen -- also
ausschließlich nach Maßgabe des großen oder geringen Konsums. Wo man
wenig gebraucht, kann man wenig erzeugen, kann also auch wenig
Instrumente der Erzeugung besitzen, _muß_ also arm bleiben.
Auch der Außenhandel vermag daran nichts zu ändern; denn für die Dinge,
die man ausführt, muß man doch irgend etwas -- sei es nun ein
Genußmittel, ein Arbeitsinstrument, bares Geld oder sonst ein Gut --
wieder einführen, und für dieses eingeführte Etwas muß man Verwendung
haben, was jedoch, wenn der Konsum fehlt, unmöglich ist, da in diesem
Falle auch importierte so wenig als im Inlande erzeugte Dinge Verwendung
finden können. Allenfalls könnte man noch jene Güter, die man erzeugt,
ohne weder sie selber noch etwas anderes an ihrer Statt gebrauchen zu
können, dem Auslande leihweise überlassen; aber das hängt wieder davon
ab, ob das Ausland Verwendung für solche im Inlande unverwendbare
Überschüsse hat, und da dies natürlich in der Regel ebenso wenig der
Fall ist, so bleibt es ein für allemal dabei: Jedes Volk vermag nur so
viel zu erzeugen, für wie viel es Verwendung hat und die Höhe seines
Reichtums ist daher bedingt durch die Höhe seiner Bedürfnisse.
Natürlich ist hier nur von jenen Völkern die Rede, deren Kultur so weit
vorgeschritten ist, daß der Verwendung hochentwickelter
Arbeitsinstrumente nicht ihre Unwissenheit, sondern lediglich ihre
socialpolitische Hülflosigkeit im Wege steht. Für diese aber gilt ihrem
vollen Umfange noch die Wahrheit, daß sie arm sind lediglich aus dem
Grunde, weil sie sich nicht satt essen _dürfen_ und daß die Zunahme
ihres Reichtums durch nichts anderes bedingt ist, als durch das Ausmaß
der Energie, mit welcher die arbeitenden Klassen sich gegen ihr Elend
aufbäumen. Die Engländer und Amerikaner _wollen_ Fleisch essen, sie
lassen ihren Arbeitslohn nicht so weit herabdrücken; das ist der einzige
Grund, warum England und Amerika mehr Maschinen verwenden, als China und
Rußland, wo sich das Volk mit Reis oder Kartoffeln begnügt; wir in
Freiland aber haben es zuwege gebracht, unseren arbeitenden Klassen den
Genuß des ganzen Ertrages ihrer Arbeit zu sichern, dieser Ertrag mag
noch so hoch wachsen -- was ist selbstverständlicher, als daß wir so
viel Maschinen verwenden, als unsere Techniker nur immer zu ersinnen
vermögen.
Nichts kann auf die Dauer der Wirksamkeit dieses obersten Gesetzes der
Volkswirtschaft widerstehen. Die Produktion ist einzig um des Konsums
Willen da und muß daher -- das hätte man sich längst sagen sollen -- in
ihrem Maße sowohl als in der Art ihres Betriebes vom Ausmaße des Konsums
abhängen. Und wenn morgen ein mutwilliger Kobold all unseren Reichtum,
all unsere Maschinen über Nacht nach irgend einem europäischen Lande
versetzte, dabei aber diesem Lande unsere socialen Institutionen nicht
mit als Angebinde brächte, so wäre dieses Land damit so gewiß nicht um
eines Hellers Wert reicher als zuvor, als es gewiß ist, daß China nicht
reicher würde, wenn man die Reichtümer Englands und Amerikas dahin
versetzte, ohne den chinesischen Arbeitern mehr als abgebrühten Reis zur
Nahrung und mehr als ein Lendentuch zur Kleidung zu gewähren. Gleichwie
in diesem Falle die englischen und amerikanischen Maschinen in China
sofort zu nutzlosem alten Eisen würden, ebenso erginge es in jenem Falle
unseren Maschinen in Europa oder Amerika. Und gleichwie umgekehrt die
Engländer und Amerikaner das ihnen durch Koboldstücke nach China
verzauberte Maschinenkapital -- beharrten ihre arbeitenden Klassen nur
bei ihren derzeitigen Lebensgewohnheiten -- sehr rasch wieder ersetzen
und damit die frühere Stufe ihres Reichtums wieder erklommen haben
würden, so könnte es auch uns nicht schwer fallen, zu wiederholen, was
wir einmal vollbracht, nämlich uns neuerlich in den Besitz all jener
Reichtümer zu setzen, die _unseren_ Lebensgewohnheiten entsprechen. Denn
diese letzteren, die socialen Einrichtungen Freilands, sind die wahre
und einzige Quelle unseres Reichtums: daß wir sie _gebrauchen_ können,
ist der Seinsgrund unserer ganzen Maschinenkraft.
Diese Kraft aber, wir fassen hier überall unter dem Sammelbegriff
Maschine alles zusammen, was einerseits kein freies Geschenk der Natur,
sondern Erzeugnis menschlichen Fleißes, und anderseits dazu bestimmt
ist, die Ergiebigkeit menschlicher Arbeit zu steigern -- diese Kraft ist
in Freiland zu kollosalen Dimensionen erwachsen. Unser Eisenbahnnetz --
die oben genannten Linien umfassen bloß die vier großen, dem Außenhandel
dienenden Bahnen -- hat eine Gesamtausdehnung von 575000 Kilometer
erreicht, wovon allerdings bloß 180000 Kilometer Hauptbahnen, während
nahezu 400000 Kilometer landwirtschaftliche und industrielle
Schienenanlagen sind. Unser Kanalsystem dient hauptsächlich Be- und
Entwässerungszwecken und die Ausdehnung seines in unzähligen tausenden
von Adern und Äderchen sich verzweigenden Netzes entzieht sich jeder
Berechnung; schiffbar aber sind diese Kanäle in einer Länge von 57000
Kilometern. Außer den bereits erwähnten Passagierschiffen schwimmen auf
allen Meeren nahezu 3000 unserer Frachtendampfer mit einem Laderaume von
15 Millionen Registertonnen; auf den Seen und Flüssen Afrikas besitzen
wir 17800 größere und kleinere Dampfer von insgesamt 5½ Millionen
Tonnen. Die motorische Kraft aber, die all diese Verkehrsmittel und die
zahllosen Maschinen unserer Landwirtschaft und unserer Fabriken, unserer
öffentlichen und privaten Anlagen, in Bewegung erhält, beträgt nicht
weniger als 245 Millionen indizierter Pferdekräfte, d. i. reichlich das
Doppelte der mechanischen Kraft, über welche derzeit die ganze übrige
Welt verfügt. Es kommen sohin in Freiland nahezu 9½ Pferdekraft
mechanischer Arbeitsenergie auf den Kopf der Bevölkerung, und da eine
indizierte Pferdekraft die Leistungsfähigkeit von 12 bis 13 Männern
entwickelt, so ist der Arbeitseffekt der nämliche, als ob jeder
Freiländer Kopf für Kopf ungefähr 120 Sklaven zu seiner Verfügung hätte.
Was Wunder, daß wir ein Herrendasein zu führen vermögen, trotzdem es in
Freiland keine menschlichen Knechte gibt.
Der Wert jener ungeheuren Investitionen aller Art läßt sich angesichts
der wunderbaren Durchsichtigkeit unseres ganzen wirtschaftlichen
Getriebes auf Heller und Pfennig berechnen. Das freiländische
Gemeinwesen als solches hat in den 25 Jahren seines Bestandes in runder
Summe 11 Milliarden zu Investitionszwecken ausgegeben; der Aufwand durch
Vermittlung der Associationen und einzelner Individuen (letztere
allerdings bloß mit relativ verschwindenden Ziffern vertreten) hatte 23
Milliarden -- alles Pfund Sterling -- betragen, so daß die
Gesamtinvestitionen einen Reichtum von 34 Milliarden repräsentieren,
durchweg vorzüglich rentierendes Kapital, trotzdem, oder richtiger
gerade weil es keinen bestimmten Herrn hat, denn eben diese
Herrenlosigkeit der gesamten Produktionskapitalien ist die Ursache, daß
jede Arbeitskraft sich jener Betriebsmittel bedienen kann, durch deren
Anwendung sie jeweilig die höchsten Erträge zu erzielen vermag. Jeder
Freiländer ist Mitbesitzer dieses ganzen ungeheueren Reichtums, von
welchem -- den unschätzbaren Wert des Kulturbodens gar nicht gerechnet
-- auf den Kopf der Gesamtbevölkerung rund 1300 Pfd. Sterl., auf die
Familie rund 6000 Pfd. Sterl. entfallen. Wir sind also in diesen 25
Jahren allesamt gewissermaßen ganz behäbige »Kapitalisten« geworden;
»Zinsen« trägt uns dieses Kapital allerdings nicht, dafür aber verdanken
wir ihm den Arbeitsertrag von 7 Milliarden, der, umgerechnet auf die 26
Millionen Seelen Freilands, rund 270 Pfd. Sterl. per Kopf ergibt.
Ehe wir jedoch einer Schilderung des auf Grundlage dieser Fülle von
Reichtum und Kraft sich entwickelnden Lebens Freilands Raum geben, wird
es notwendig sein, in kurzen Zügen einen Abriß der freiländischen
Geschichte während der letzten 20 Jahre zu bieten.
Wir sind im vorigen Abschnitte bis zur Eröffnung der ersten
Schienenverbindung mit dem indischen Ozean auf der einen Seite und bis
zu dem Feldzuge gegen Uganda und der damit beginnenden Besiedelung der
Uferlandschaften des Ukerewe anderseits gelangt. Die Aufmerksamkeit
unserer Forscher war von da ab zunächst auf das hochinteressante
Gebirgsland nördlich und nordwestlich vom Baringosee gerichtet, wo
insbesondere das Gebiet des nahezu 4300 Meter hohen, an der Grenze
Ugandas gelegenen Elgon ihren Eifer nach mehr als einer Richtung
herausforderte. Hier war ersichtlich ein großes, den Kenia- und
Aberdarebergen an Fruchtbarkeit, klimatischen Vorzügen und
landschaftlicher Schönheit ebenbürtiges Feld zukünftiger Besiedelung
vorhanden. Die Aussicht vom Gipfel des Elgon übertraf sogar, was
Mannigfaltigkeit der gebotenen Eindrücke anlangt, alles bisher Gesehene;
im Südosten reichte der Blick bis zu der meerartig sich in unabsehbarer
Ferne verlierenden Fläche des Ukerewe; im Norden ragten, 65 Kilometer
entfernt, die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des Lekakisera gen
Himmel; im Osten streifte das Auge über mächtige Waldgebirge, während im
Westen sich endlos das lachende Hügelland von Uganda erstreckte.
Doch unaufhaltsam weiter drangen unsere Pioniere; Platz war zwar noch im
Überfluß an den alten Wohnsitzen vorhanden; aber der Forschungstrieb in
Verbindung mit dem Zauber der Neuheit, der die ferner liegenden
Landschaften umgab, lockte stets neue Scharen tiefer und tiefer hinein
in den »dunklen Erdteil«. Nachdem die Ufer des Ukerewe nichts
Unbekanntes mehr boten, drangen unsere Pfadfinder in die Urwaldungen der
Zwischenseegebirge gegen den Muta-Nzige und Albertsee. Hier stießen wir
zum ersten Mal auf menschenfressende Stämme, deren Bändigung keine
geringe Arbeit bot und auch keineswegs ganz ohne Blutvergießen abging.
Am Albert-Njanza angelangt, dessen Ostufer meist kahl und unwirtlich
sind, erblickte man von jenseits verführerisch die Mondberge, deren
höchste, 4000 Meter überragende Gipfel in der kühlen Jahreszeit häufig
eine Schneedecke zeigen und von deren malerisch gegen den See
abfallenden Hängen zahlreiche Katarakte von ganz unglaublicher Fallhöhe
und gewaltigem Wasserreichtum zur Tiefe stürzen, angenehme Rückschlüsse
auf die Beschaffenheit ihrer Quellgebiete gestattend. Selbstverständlich
blieben sie nicht lange unbesucht und der Ruf der neuen Wunder
großartiger Naturpracht, die dort gefunden wurden, lenkte bald den
Schritt vieler Hunderttausende dahin. Auch dort gab es Kämpfe mit
anthropophagen Stämmen, die zum Teil heute noch ihren schlimmen
Gewohnheiten im Geheimen fröhnen. Von hier aus wandten sich die Pioniere
mehr südwärts, überall die Gebirgszüge als Heerstraße benutzend. Vor
sechs Jahren langten unsere ersten Vorposten am Tanganika an, wo sie mit
Vorliebe die sich im Westen erhebenden Höhenzüge wählten, welche
stellenweise den 900 Meter über dem Meere gelegenen Seespiegel um 1500
Meter überragen; jetzt sitzen schon Hunderttausende in den lieblichen
Uferlandschaften dieses wenn auch nur zweitgrößten, so doch weitaus
längsten der Äquatorialseen. Der Tanganika hat nicht ganz den halben
Flächeninhalt des Ukerewe, er ist nirgends so breit, daß ein gutes Auge
nicht die jenseitigen Uferberge zu sehen vermöchte; seine Länge aber
beträgt 580 Kilometer, also ziemlich genau drei Vierteile derjenigen des
adriatischen Meeres, und der schnellste von den 286 Dampfern, die ihn
derzeit für unsere Rechnung befahren, braucht nahezu 24 Stunden, um von
seinem Nordende zum Südende zu gelangen.
Jetzt war aber auch die Zeit gekommen, wo wir mehr und mehr mit
europäischen, resp. unter europäischem Einfluß stehenden Kolonien in
unmittelbare Berührung gerieten. Im Süden und Osten stießen wir auf
deutsche und englische Interessensphären, im Nordosten teils direkt,
teils indirekt auf französische und italienische, im Norden auf
ägyptische, im Westen an den mächtig aufstrebenden Kongostaat. Dabei
waren die sich ergebenden Wechselbeziehungen zwar überall von den
besten, entgegenkommendsten Absichten geleitet, es tauchte aber doch
eine Menge von Fragen auf, die nachgerade dringend einer endgültigen
Lösung bedurften. Für die benachbarten Kolonien stellte sich nämlich der
Übelstand heraus, daß sie nirgend die unmittelbare Nähe freiländischer
Ansiedelungen auf die Dauer zu ertragen vermochten; ihre Bevölkerung
wurde von uns angezogen, wie Eisenfeilstäbchen durch einen Magnet; wo
sich eine freiländische Association in der Nähe etablierte, blieb von
fremden Kolonien binnen kürzester Frist nichts übrig, als die verödeten
Wohnstätten, die verlassenen Plantagen; die Kolonisten waren zu uns
übersiedelt und Freiländer geworden. Dagegen konnten die fremden
Regierungen nichts thun, wollten es wohl auch nicht, da doch das
Interesse ihrer Unterthanen dabei wahrlich nicht schlecht fuhr; aber mit
Rücksicht auf die Machtstellung ihrer betreffenden Länder mußte ihnen
diese Unmöglichkeit, sich in unserer Nähe zu behaupten, unbequem werden
und sie zum Nachdenken anregen.
Doch auch wir mußten die Frage in Erwägung ziehen, was denn geschehen
werde, wenn freiländische Ansiedler irgendwo fremdes, einem
abendländischen Volke gehöriges Gebiet betreten sollten. Bisher hatten
wir dies absichtlich vermieden; auf die Dauer war es jedoch
unvermeidlich. Was würde dann geschehen? Sollten wir, im Besitze der
stärkeren Civilisationsform, vor der zurückgebliebenen zurückweichen?
Konnten wir es, selbst wenn wir wollten? Freiland ist kein Staat im
gemeingebräuchlichen Sinne des Wortes; sein Wesen liegt nicht in der
Herrschaft über ein bestimmtes Territorium, sondern in seinen socialen
Einrichtungen; diese sind an sich mit fremden Regierungsformen ganz gut
vereinbar, und wir mußten im Interesse friedlichen Zusammenlebens mit
unseren Nachbarn bestrebt sein, diesen Einrichtungen gesetzliche
Anerkennung -- zunächst in den benachbarten Kolonialgebieten -- zu
verschaffen.
Und nicht bloß auf dem afrikanischen Kontinente, sondern auch in den
anderen Weltteilen häuften sich die einer Erledigung dringend
bedürftigen »Fragen« zwischen uns und unterschiedlichen Regierungen. Wir
mengten uns zwar grundsätzlich nicht in die politischen Angelegenheiten
des Auslandes, aber für unser Recht und unsere Pflicht hielten wir es,
aus der Fülle unseres Reichtums und unserer Macht unseren notleidenden
Brüdern, in welchem Teile der bewohnten Erde immer, beizuspringen.
Freiländisches Geld war überall zur Hand, wo es galt, irgend welche Not
zu lindern, den Enterbten und Elenden in welchem Winkel der Erde immer
gegen Ausbeutung Hülfe zu bringen. Unsere Anmeldebureaux und Schiffe
standen jedermann zur unentgeltlichen Verfügung bereit, der sich aus dem
Jammer der alten Weltordnung zu uns herüberretten wollte, und wir ließen
es an Bemühungen nicht fehlen, die Segnungen unserer Einrichtungen
unseren leidenden Mitbrüdern in stets ausgedehnterem Maße zugänglich zu
machen. Das alles betrachteten wir, wie gesagt, als unsere Pflicht und
unser Recht zugleich; wir waren daher nicht gesonnen, uns in der
Ausübung dieser Mission durch den Einspruch ausländischer Machthaber
beirren zu lassen. Damit aber gerieten wir -- auf die Dauer ließ sich
das unmöglich verkennen -- mehr und mehr in Kollision mit den
Anschauungen einzelner europäischer und asiatischer Regierungen. Zwar im
demokratischen Westen Europas, in Amerika und Australien sprach die
öffentliche Meinung zu mächtig zu unseren Gunsten, als daß von dorther
irgendwelcher -- und sei es auch bloß passiver -- Widerstand unseren
Bestrebungen gegenüber zu besorgen gewesen wäre; anders aber verhielt es
sich in einzelnen Staaten des Ostens, und insbesondere seitdem unsere
Mittel und mit diesen unsere propagandistische Thätigkeit die kolossalen
Dimensionen der letzten Jahre erreicht hatten und eine stetige Zunahme
voraussehen ließen, begann man sich hie und da ganz ernstlich mit der
Frage zu beschäftigen, ob und durch Anwendung welcher Mittel es thunlich
wäre, freiländischem Gelde und freiländischem Einflusse die Wege zu
verlegen. Zwar scheuten einstweilen jene Regierungen noch den offenen
Bruch mit uns, teils aus Rücksicht auf die auch bei ihnen sich geltend
machende öffentliche Meinung, teils aus Respekt vor den gewaltigen
finanziellen Hülfsmitteln, über welche wir verfügten. Man wollte uns
nicht gerne zu erklärten Feinden haben, aber man wollte freiländische
Geldsendungen und deren Zwecke kontrollieren und die Auswanderung nach
Freiland einschränken.
Wir waren nun durchaus nicht gewillt, derartigen Bestrebungen mit
verschränkten Armen zuzusehen; das Recht, unseren geknechteten
Mitmenschen beizuspringen oder ihnen die Zuflucht nach Freiland offen zu
halten, waren wir fest entschlossen, zu verteidigen, so weit unsere
Kräfte reichten, und Niemand in Freiland zweifelte daran, daß wir stark
genug seien, um die Absperrungsgelüste der fremden Machthaber im
Notfalle gewaltsam niederzuschlagen. Nur war man in Freiland ebenso
einig darüber, daß zuvor jedes erdenkliche friedliche Mittel versucht
werden müsse, ehe man an die Waffen appellieren dürfe. Und die
Schwierigkeit einer unblutigen Einigung lag eben darin, daß ersichtlich
im Punkte der Anschauungen über die kriegerische Stärke Freilands ein
Gegensatz zwischen unserer freiländischen und der außerfreiländischen
öffentlichen Meinung bestand; während wir -- wie gesagt -- der
Überzeugung waren, jedem Militärstaate der Welt, ja selbst mehreren
zugleich durchaus gewachsen zu sein, hielten uns insbesondere jene
Regierungen, mit denen wir diesfalls zu thun hatten, für militärisch
durchaus ohnmächtig. Wir mußten also darauf gefaßt sein, daß eine
eventuell drohende Sprache unserer Bevollmächtigten gar nicht ernst
genommen werden dürfte und daß gerade deshalb jeder Versuch, unseren
Standpunkt energisch zu vertreten, nur durch einen thatsächlichen Krieg
den erforderlichen Nachdruck erlangen könnte. Und ein Krieg war es denn
auch, der unseren Standpunkt allenthalben im Auslande zur Geltung
bringen sollte, nur allerdings nicht ein Krieg mit einer europäischen
oder asiatischen, sondern ein solcher mit einer afrikanischen Großmacht,
ein Krieg zudem, der mit den soeben erörterten Fragen höchstens indirekt
etwas gemein hatte, trotzdem aber auch diese zur Entscheidung brachte.
Wie dies kam, darüber sollen die in den nachfolgenden Kapiteln
mitgeteilten Briefe Aufschluß geben. Dieselben haben den Prinzen Carlo
Falieri, einen jungen italienischen Diplomaten zum Verfasser, der
nachmals nach Freiland übersiedelte, in jener Zeit jedoch, von welcher
die Briefe handeln, im Auftrage seiner Regierung Edenthal aufsuchte.
Zugleich werden diese Korrespondenzen ein lebhaftes Bild der
freiländischen Zustände und der Lebensweise im fünfundzwanzigsten Jahre
der Gründung bieten.