12. Kapitel.

Eine der Hauptaufgaben der freiländischen Verwaltung, zu deren

Durchführung in der Regel die Ministerien für Kunst und Wissenschaft und

für öffentliche Arbeiten einander die Hände reichten, war die gründliche

Erforschung unserer neuen Heimat und zwar zunächst des engeren

Keniagebietes, dann aber weiter ausgreifend auch aller benachbarten

Landschaften, mit denen wir successive in stets engere Berührung traten.

Das oro- und hydrographische System des ganzen Landes wurde

festgestellt, Bodenbeschaffenheit und Klima genau untersucht und dabei

sowohl der höhere wissenschaftliche, als der prosaische

Nützlichkeitsstandpunkt gleichmäßig vor Augen gehalten. Ersteren

anlangend kam zunächst eine genaue, wenn auch noch nicht alle Details

umfassende Terrainkarte des ganzen Massai- und Kikujalandes zu stande;

alle hervorragenden Berghöhen wurden genau vermessen und -- der

Keniagipfel nicht ausgenommen -- erstiegen.

Der Ausblick vom Kenia ist großartig über alle Maßen, bietet aber --

abgesehen vom Kenia und seinem Gletscher selber -- wenig Abwechslung.

Rings im Umkreise, so weit der Blick reichen mag, dehnt sich

fruchtbarstes, üppigstes Land, durchzogen von zahllosen Flußläufen, die

jedoch nirgend, mit Ausnahme einer etwa 5000 Quadratkilometer großen

Bodenmulde im Nordwesten, zur Versumpfung des Bodens führen. Der

hervorstechende Charakter des ganzen Gebietes ist der eines in

zahlreichen Terrassen abfallenden, von mäßigen Bergrücken durchbrochenen

Tafellandes. Erst von der obersten Terrasse ab beginnen die eigentlichen

Vorberge des Kenia, die rings um das aus einem Gusse steil und

unvermittelt aufsteigende eigentliche Keniamassiv einen Gebirgsgürtel

von verschiedener Breiten- und Höhenentwickelung schließen. Dieses

Massiv trägt in einer Höhe von 5000 bis 5500 Metern eine Reihe riesiger

Gletscherfelder, aus deren Mitte dann steil der Gipfel des Berges

emporsteigt, in einiger Entfernung flankiert von einem noch steileren,

kleinen Horne.

Durchaus verschiedenen Charakter zeigt die zweitwichtigste der zum

Gebiete von Freiland gehörigen Gebirgsbildungen, nämlich die 70

Kilometer westlich vom Kenia in einer Längenausdehnung von reichlich 100

Kilometern und in einer Breite von durchschnittlich 20 Kilometern von

Norden nach Süden streichende Aberdarebergkette. Die höchsten Gipfel

dieses Gebirgszuges erreichen 4500 Meter Seehöhe, und während der Kenia

überall das Gepräge des Großartigen zeigt, ist bestrickende Lieblichkeit

der hervorstechende Charakterzug der Aberdarelandschaften. Zwar fehlt es

auch hier nicht an Bergkolossen von überwältigendem Eindrucke, aber das

Charakteristische sind die in reizvollster Abwechslung sich

aneinanderschließenden romantischen, sanftgeschwungenen Berge und weiten

Thäler, teils von üppigen, aber durchschnittlich nicht allzu dichten

Wäldern, teils von smaragdenen, blumigen Wiesen bestanden, überall

bespült von zahllosen kristallklaren Bächen und Flüssen, Seen und

Teichen. Einem einzigen, herrlichen Parke gleicht dieses 2000

Quadratkilometer bedeckende Gebirgsland, von dessen Höhen aus gen Osten

überall das überwältigende Schneemeer des Kenia, gen Westen die Smaragd-

und Saphirflächen der großen Massaiseen -- Naiwascha, Elmeteita und

Nakuro -- sichtbar sind. Und diese wunderliebliche Landschaft, die in

sich alle Reize der Schweiz und Indiens vereinigt, birgt zugleich im

Schoße ihrer Berge überschwengliche mineralische Schätze. Hier und nicht

am Kenia, das hatten unsere Geologen bald festgestellt, war der

zukünftige Sitz der freiländischen Industrie, insbesondere der

metallurgischen. Kohlenlager, die an Mächtigkeit und Güte den besten

englischen mindestens ebenbürtig sind, Magneteisenstein mit einem

Eisengehalte von 50 bis 70 Prozent, Kupfer, Blei, Wismut, Antimon,

Schwefel in reichen Gängen, an der Westabdachung, gerade oberhalb des

Salzsees von Nakuro, ein großes Steinsalzlager, und noch eine Menge

anderer Schätze wurden in rascher Reihenfolge entdeckt und die

bestgelegenen sofort in Ausbeutung genommen. Insbesondere die

neueröffneten Kupferminen fanden unmittelbar bei Anlage des Telegraphen

an die Küste umfassende Verwendung, die jedoch an Ausdehnung von

derjenigen zu Zwecken elektrischer Kraftleitungen alsbald übertroffen

wurde.

Denn am Kenia hatte sich inzwischen mancherlei verändert. Die

Bevölkerung von Freiland war, da der Zuzug unaufhaltsam sich steigerte,

schon gegen Schluß des vierten Jahres auf 780000 Seelen gestiegen. Ein

großer Teil des Edenthals war zu einer einzigen, 102 Quadratkilometer

bedeckenden und 58000 Wohnhäuser zählenden Villenstadt geworden, deren

270000 Einwohner dem Gartenbau, industriellen Gewerben oder geistiger

Beschäftigung oblagen. Aber auch die auf 140000 Seelen angewachsene

Bevölkerung des Danaplateaus betrieb neben der Kultur des dort noch

verfügbaren Ackerlandes zum weitaus überwiegenden Teil gleichfalls

verschiedenartige Industrieen, während die Landwirtschaft der Hauptsache

nach hinabgerückt war in die jenseits der umgrenzenden Waldzone um 200

Meter tiefer gelegene Hochebene, die -- mit mannigfaltigen

Unterbrechungen allerdings -- rings um den ganzen Gebirgsstock sich

erstreckend, auf ihrem 8000 Quadratkilometer umfassenden fruchtbaren

Boden bis auf weiteres genügenden Raum zur Ausdehnung bot.

Hier wurden zunächst 96000 Hektaren (960 Quadratkilometer) unter den

Pflug genommen, nachdem sie zuvor -- gleich allem Kulturboden in ganz

Freiland -- durch einen tüchtigen Balkenzaun gegen die Besuche lästigen

Wildes geschützt worden waren. Kleineres Wild, welches durch Einhegung

von den Saaten nicht fernzuhalten war, hielten die Hunde in Respekt,

die, in großer Menge gezüchtet, darauf dressiert waren, diese

Feldeinzäunungen und ebenso die Hürden des Viehs fleißig zu umkreisen.

Dieser Schutz erwies sich gegen alles den Saaten nachstellende Getier

als vollkommen ausreichend, die Affen etwa ausgenommen, unter die

zeitweise geschossen werden mußte, wenn sie sich auf ihren nächtlichen

Raubzügen durch noch so wütendes Gekläffe der vierbeinigen Wächter nicht

vollständig verscheuchen ließen.

Zum Betriebe der in dieser Landwirtschaft in Gebrauch stehenden

Maschinen wurde zwar vorläufig noch Dampfkraft verwendet; es war aber

die Herstellung einer großartigen elektrischen Kraftanlage im Werke, die

künftighin die Dampfmotoren überflüssig machen sollte. Die Triebkraft

für die elektrischen Dynamos lieferte der Danafluß, der, verstärkt durch

zwei mächtige Gebirgsbäche, die sich unterhalb des großen Wasserfalls

mit ihm vereinen, am unteren Ende des Tafellandes, welches wir seiner

Bestimmung entsprechend, Kornland genannt hatten, in einer Reihe

gewaltiger Stromschnellen und Katarakte dem Tieflande zueilt. Und zwar

wurde zu Zwecken der Betriebe von Kornland nicht etwa der große

Wasserfall von 90 Meter Fallhöhe am Ausgange des Danaplateaus benutzt,

sondern eben jene Stromschnellen und kleineren, aber zahlreichen

Katarakte, von denen soeben die Rede gewesen. Diese ergeben insgesamt

eine Fallhöhe von 265 Metern, und da der Fluß hier bereits gewaltige

Wassermassen führt, so war durch entsprechende Kombination von Turbinen

und elektrischen Kraftmaschinen ein Gesamteffekt von 5 bis 600000

Pferdekräften zu erzielen, weit mehr, als zur Bewirtschaftung des

gesamten Bodens von Kornland selbst bei intensivster Kultur erforderlich

sein konnte. Die für das nächste Jahr veranschlagten Kraftanlagen waren

auf 40,000 indizierte Pferdekräfte berechnet. Gut isolierte, starke

Kupferstränge sollten die von 20 riesigen Turbinen auf 200

Dynamomaschinen erzeugten elektrischen Ströme in die Wirtschaftsgebäude

und über den zu bewirtschaftenden Boden leiten, wo die in diesen Strömen

abgelagerte Kraft alle landwirtschaftlichen Arbeiten -- vom Pflügen

angefangen bis zum Dreschen, Reinigen und Transportieren des Getreides

-- zu vollbringen hatte. Denn auch ein Netz elektrischer Bahnen gehörte

mit zum Systeme dieser landwirtschaftlichen Anlage.

Der große Danakatarakt aber mit seiner, auf 124000 indizierte

Pferdekräfte berechneten Wasserkraft diente zunächst elektrischen

Beleuchtungszwecken in Edenthal und in den am Danaplateau gelegenen

Städten. Einstweilen genügten zu öffentlichen Beleuchtungszwecken 5000,

auf 35 Meter hohen Masten angebrachte Kontaktlampen von je 2000 Kerzen

Lichtstärke, die insgesamt 12000 Pferdekräfte erforderten; zur

Beleuchtung der Wohnhäuser und einzelner, auch bei Nacht in Betrieb

stehender Fabriketablissements standen 420000 Glühlampen in Verwendung,

die 40000 Pferdekräfte beanspruchten, so daß insgesamt 52000

Pferdekräfte von den elektrischen Kraftmaschinen am großen Katarakte

erzeugt werden mußten, die jedoch tagsüber auch zum Betriebe eines

Eisenbahnnetzes von insgesamt 340 Kilometer Ausdehnung Verwendung

fanden, welches die Hauptverkehrsadern und belebteren Straßenzüge im

Danaplateau und in Edenthal durchzog. Bloß abends und nachts, wenn die

Beleuchtung funktionierte, mußte der Eisenbahnbetrieb aus besonderen,

einige tausend Pferdekraft abgebenden Dynamos gespeist werden. Im ganzen

waren solcherart nahezu zwei Fünfteile der verfügbaren Gesamtkraft bis

zum Schlusse des fünften Jahres von Freiland zur Ausnutzung gelangt; die

noch erübrigenden drei Fünfteile blieben vorläufig noch unverwendet und

bildeten die Reserve für zukünftige Verwendungsarten der gleichen

Kraftquelle.

Ebenfalls in das vierte und fünfte Jahr Freilands fiel der Ausbau eines

Kanalnetzes und mehrerer Wasserleitungen, für Edenthal sowohl als für

das Danaplateau. Ersteres diente bloß zur Abfuhr der Meteorwässer in den

Dana, während das Spülwasser und der Unrat durch ein System

pneumatischer Aufsaugung vermittelst mächtiger Saugwerke in gußeisernen

Röhren abgeleitet, dann desinfiziert und als Dünger verwertet wurden.

Die Wasserleitungen wurden unter Benutzung der besten Hochgebirgsquellen

mit einer Leistungsfähigkeit von vorläufig 1 Million Hektoliter täglich

angelegt und sowohl zur Speisung zahlreicher öffentlicher Brunnen, als

auch zur Einleitung in sämtliche Privathäuser benutzt. Durch

Einbeziehung neuer Quellen war die Ergiebigkeit dieser Leitung in kurzer

Frist zu verdoppeln und zu verdreifachen. Gleichzeitig waren alle

Straßen makadamisiert worden, so daß nach jeder Richtung für die

Reinlichkeit und Gesundheit der jungen Städte bestens vorgesorgt war.

Die Unterrichtsverwaltung hatte inzwischen nicht minder gewaltige

Anstrengungen gemacht. Es hatte sich eine dahingehende öffentliche

Meinung entwickelt, daß die Jugend von Freiland ohne Unterschied des

Geschlechts und späteren Berufs einen Unterricht zu genießen habe, der

mit Ausnahme der lateinischen und griechischen Sprachstudien demjenigen

ungefähr entsprechen solle, der beispielsweise in den sechs ersten

Gymnasialklassen Deutschlands erteilt wird. Zu diesem Behufe sollten

Knaben wie Mädchen vom 6. bis 16. Jahre die Schule besuchen, wo sie nach

Erledigung der Elementarkenntnisse in Sprachlehre, Litteraturgeschichte,

Geschichte, Kulturgeschichte, Physik, Naturgeschichte, Geometrie und

Algebra unterwiesen wurden.

Nicht minderes Gewicht als auf die geistige und moralische wurde auf die

körperliche Ausbildung gelegt, ja es war Grundsatz in Freiland, daß

letztere vorauszugehen habe, indem ein gesunder harmonisch entwickelter

Körper die Voraussetzung eines gesunden, harmonisch entwickelten Geistes

sei. Und auch bei der geistigen Ausbildung wurde weniger auf die

Ansammlung von Kenntnissen, als auf die Anregung des jungen Geistes zu

selbständigem Denken gesehen, daher nichts ängstlicher und sorgfältiger

gemieden ward, als Überbürdung mit geistiger Arbeit. Kein Kind sollte --

die häuslichen Repetitionen mit eingerechnet -- länger als höchstens 6

Stunden täglich geistig beschäftigt sein; die Unterrichtsstunden für

alle geistigen Lehrfächer waren daher auf 3 Stunden täglich beschränkt,

während 2 andere Schulstunden täglich körperlichen Übungen -- dem

Turnen, Laufen, Tanzen, Schwimmen, Reiten, bei Knaben außerdem dem

Fechten, Ringen und Schießen -- gewidmet wurden. Ein fernerer Grundsatz

des freiländischen Unterrichtswesens war, daß auch die Kinder so wenig

wie die Erwachsenen zur Thätigkeit gezwungen werden sollten; einer

zielbewußten, konsequenten und in ihren Mitteln nicht beschränkten

Pädagogik -- so meinten wir -- könne es unmöglich schwer fallen, das

lenkbare Kindergemüt zu freiwilliger und freudiger Erfüllung vernünftig

bemessener Pflichten zu bringen. Und auch darin gab uns die Erfahrung

Recht. Unsere Unterrichtsleitung mußte es sich zwar in hohem Grade

angelegen sein lassen, den Unterricht anregend zu gestalten; nachdem ihr

dies aber einmal gelungen war, lernten unsere Jungen und Mädchen in der

halben Zeit doppelt so viel und gründlich, als ihre physisch und geistig

mißhandelten europäischen Altersgenossen. Der Unterricht wurde --

abermals aus Rücksichten der Gesundheit -- so weit nur immer möglich im

Freien erteilt. Die Schulhäuser waren daher sämtlich entweder

inmitten großer Gärten oder am Waldessaum errichtet, und die

naturwissenschaftlichen Disziplinen wurden regelmäßig, andere häufig,

mit Ausflügen in die Umgebung in Verbindung gebracht. Dafür bot aber

auch unsere Schuljugend ein anderes Bild, als wir es in der alten Heimat

und insbesondere in deren Großstädten zu sehen gewohnt waren. Rosige,

von Gesundheit, Kraft und Lebensfreude strotzende Gesichter und

Gestalten, Selbstvertrauen und sichere Intelligenz aus jeder Miene, aus

jeder Geberde hervorleuchtend -- so traten unsere Kinder in den Ernst

des Lebens ein.

Natürlich erforderte eine derartige Organisation des Unterrichts ein

sehr zahlreiches und tüchtiges Lehrpersonal. In der That kam in Freiland

durchschnittlich schon auf je 15 Schulkinder je eine Lehrkraft, und um

die Auswahl unter den besten Intelligenzen des Landes zu haben, mußten

hohe Gehalte gezahlt werden. Für die vier ersten Klassen -- in denen

überwiegend Mädchen oder junge Witwen unterrichteten -- betrug der

Jahresgehalt zwischen 1400 bis 1800, für die sechs anderen Klassen -- in

denen hinwieder die männlichen Lehrkräfte überwogen -- 1800 bis 2400

Stundenäquivalente; im fünften Jahre der Gründung waren das, in Geld

umgerechnet, Gehalte zwischen 350 und 600 Pfd. Sterling.

Aber auch mit seinem sehr umfangreichen Bedarfe an höheren Intelligenzen

wollte Freiland auf eigenen Füßen stehen. Es wurde daher schon im

dritten Jahre eine Hochschule errichtet, an welcher sämtliche

Wissenszweige, die in Europa an Universitäten, Akademien und technischen

Lehranstalten gelehrt werden, gesammelt vertreten waren. Alle Lehrfächer

waren mit einer Freigebigkeit ausgestattet, von welcher man außerhalb

Freilands kaum eine Vorstellung besitzt. Unsere Sternwarte, unsere

Laboratorien und Sammlungen verfügten über geradezu unbegrenzte Mittel

und kein Gehalt war zu hoch, um eine glänzende Lehrkraft heranzuziehen

und festzuhalten. Das nämliche gilt von den technischen und nicht minder

von den landwirtschaftlichen und merkantilistischen Lehrkanzeln und

Lehrmitteln unserer Hochschule. Der Unterricht an dieser war in allen

Fächern durchaus frei und, gleich demjenigen in den unteren Schulen,

unentgeltlich. Im fünften Jahre der Gründung Freilands besuchten 7500

Hörer die Hochschule; die Zahl ihrer Lehrkanzeln war 215, ihr

Jahresbudget hatte die Höhe von 2½ Millionen Pfd. Sterling erreicht und

war andauernd in rapidem Wachstum begriffen.

Die Mittel zu all diesen gewaltigen Ausgaben lieferte überreichlich die

vom Gesamteinkommen aller Produzenten erhobene prozentuelle Abgabe, denn

dieses Gesamteinkommen wuchs unter dem verdoppelten Einflusse der

Bevölkerungszunahme und der steigenden Arbeitsergiebigkeit in riesigem

Maße. Als die Eisenbahn zur Küste fertig war und ihre Wirkung sich

fühlbar zu machen begann, stieg der Wert des durchschnittlichen Ertrags

einer Arbeitsstunde rasch auf 6 Sh., und da um diese Zeit -- zu Ende des

fünften Jahres von Freiland -- 280000 Arbeiter im Tagesdurchschnitt

während 6 Stunden, d. i. 1800 Stunden im Jahre produktiv beschäftigt

waren, so bezifferte sich in jenem Jahre der Gesamtwert des

Arbeitsertrages von Freiland auf 280000 × 1800 × 6 Sh., d. i. auf rund

150 Millionen Pfd. Sterling. Davon reservierte sich nun das Gemeinwesen

eine Abgabe in der Höhe von 35 Prozent, d. i. in runder Summe 52½

Millionen Pfd. Sterling und dieses war die Quelle, aus welcher nach

Abzug der zur Deckung der Versorgungsansprüche erforderlichen,

allerdings die größere Hälfte beanspruchenden Beträge, die als

wünschenswert erkannten Ausgaben bestritten wurden.

Ja, das Wachstum der Einnahmen war ein so gesichertes und hatte so

bedeutenden Umfang erreicht, daß die Verwaltung von Freiland sich am

Ende dieses fünften Jahres entschloß, den Vertretungskörpern, die zu

diesem Behufe zu einer gemeinsamen Sitzung einberufen wurden, zwei

Maßregeln von entscheidender Bedeutung vorzuschlagen: erstlich, die den

Associationen einzuräumenden Kredite hinfort von der Zustimmung der

Zentralbehörde unabhängig zu machen; und zum zweiten die sämtlichen, bis

dahin von neueintretenden Mitgliedern freiwillig gezahlten Beiträge

zurückzuerstatten und künftighin derlei Beiträge nicht mehr

entgegenzunehmen.

Aus den im 8. Kapitel dargelegten Gründen waren bisher Umfang und

Reihenfolge der Produktivkredite von der Entscheidung der

Zentralverwaltung abhängig gewesen; jetzt, da die Ausrüstung mit

kapitalistischen Arbeitsbehelfen und damit die Leistungsfähigkeit des

Gemeinwesens eine genügend hohe Stufe erreicht hatte, wurde auch diese

Schranke des freien Selbstbestimmungsrechtes für unnötig erachtet; die

Associationen mochten fordern, was ihnen nützlich dünkte, die

Kapitalkraft des Landes schien auch den umfangreichsten, irgend zu

erwartenden Kreditansprüchen gewachsen. Und in der That erwies sich

diese Zuversicht als wohlbegründet. In den diesem Beschlusse unmittelbar

folgenden Jahren ereignete es sich zwar zu zwei verschiedenen Malen, daß

infolge unvermittelt eintretender großartiger Kapitalbedürfnisse der zur

Deckung derselben bestimmte Teil der öffentlichen Abgaben um einige

Prozente über das normale Maß gesteigert werden mußte; das wurde jedoch

angesichts des stetigen Wachstums aller Produktionserträge ohne die

geringste Beschwerde ertragen und späterhin genügten die vom Gemeinwesen

angelegten Reserven, um selbst dieses Element der Schwankung aus dem

Verhältnisse zwischen Kapitalbedarf und öffentlichem Einkommen zu

beseitigen.

Dagegen gab dieser Beschluß den Anstoß zu einem ganz merkwürdigen

Versuche, die damit eingeräumte vollkommene Freiheit der Kreditgewährung

zu einer großartigen gegen das Gemeinwesen gerichteten Schwindelei zu

mißbrauchen. In Amerika hatte sich ein Konsortium unternehmender

»Geschäftsleute« gebildet, eigens zu dem Zwecke, die Vertrauensseligkeit

von uns »dummen Freiländern« gehörig auszubeuten, und zwar in der Weise,

daß unserer Zentralbank unter der Maske einer zu solchem Behufe zu

gründenden beliebigen Association, eine möglichst große Summe entlockt

werden sollte. 46 der geriebensten und skrupellosesten Yankees

vereinigten sich zu diesem Feldzuge gegen unsere Taschen; wie sie es

anstellten und was sie dabei erreichten, entnehmen wir am einfachsten

der nachträglich zum Besten gegebenen Erzählung ihres damaligen

Anführers, gegenwärtig ehrsamen Werkmeisters in der großen Salzsiederei

am Nakuro-See:

»Wir waren also in Edenthal angelangt und beschlossen fürs erste, das

Terrain genau zu sondieren, ehe wir an die Ausführung unseres Geschäftes

schritten. Dabei bemerkten wir sofort zu unserer großen Genugthuung, daß

Mißtrauen der Freiländer uns wenig zu schaffen machen werde. Das

Gasthaus, in welchem wir abgestiegen, gab Alles auf Kredit, ohne daß man

uns auch nur fragte, wer wir seien. Als ich dem Wirt gegenüber in

väterlichem Tone bemerkte, solch unterschiedsloser Pump für jeden

Hergelaufenen sei doch großer Leichtsinn, lachte mir der Wirt, will

sagen der Direktor der Edenthaler Hotel-Association, ins Gesicht und

meinte zuversichtlich, hier brenne Niemand durch, wer da sei, denke

nicht daran, Freiland wieder zu verlassen. »Schon gut«, dachte ich mir;

fragte aber weiter, was die Hotel-Gesellschaft mache, wenn ein Gast

nicht zahlen _könne_? »Unsinn«, sagte der Direktor, »hier kann jeder

zahlen, sowie er zu arbeiten anfängt«. »Und wenn er nicht arbeiten

kann?« »Dann erhält er Unterstützung vom Gemeinwesen.« »Und wenn er

nicht arbeiten will?« Da klopfte mir der Mann lächelnd auf die Schulter

und meinte: »Nichtwollen hält bei uns nicht lange vor, verlaßt Euch

darauf. Übrigens, wenn Einer durchaus mit gesunden Gliedern faullenzen

will -- Bett und gedeckten Tisch findet er bei uns trotzdem allezeit.

Macht Euch also wegen Berichtigung der Zeche in keinem Fall Sorge; Ihr

werdet zahlen wann Ihr könnt und wollt.«

»Machte auf uns einen ganz curiosen Eindruck, dieser Direktor; wir

sagten aber nichts, sondern beschlossen, den Freiländern weiter auf den

Zahn zu fühlen. Wir kamen in die große Warenhalle und versuchten

Kleider, Wäsche u. dgl. auf Borg zu nehmen. Es ging vortrefflich. Die

Verkäufer -- es waren, wie sich herausstellte, Kommis der Anstalt --

verlangten zwar eine Zahlungsanweisung an die Centralbank, als wir

jedoch entgegneten, daß wir dort noch kein Konto besäßen, meinten sie,

das thäte auch nichts; sie begnügten sich einstweilen mit schriftlicher

Bestätigung der Kaufsumme, welche die Bank ihnen seinerzeit, wenn wir

unser Konto hätten, schon gutschreiben werde. So ging's überall. Mackay

oder Gould kann in New-York nicht bereitwilliger Kredit finden, als wir

in Edenthal fanden.

»Nach einigen Tagen schon schritten wir an unsere »Gründung«. Mißtrauen

war, wie gesagt, fürs erste nicht zu besorgen, unangenehm blieb aber

trotzdem, daß die freiländischen Einrichtungen die Öffentlichkeit aller

auf Geschäfte bezüglichen Akte, Daten und Umstände verlangen. Wir wußten

zwar, daß von Polizei oder Gerichten nichts zu befürchten sei; was aber

wollten wir thun, wenn das freiländische Publikum der vorgeschützten

Gründung Geschmack abgewinnt und unserer Association beizutreten

wünscht? Wir konnten natürlich Kompagnons nicht brauchen, sondern mußten

hübsch unter uns bleiben, sonst war unser ganzer Plan ins Wasser

gefallen. Wir forschten überall, ob es kein Mittel gäbe, die Zahl der

Teilnehmer zu begrenzen, hatten über diesen Gegenstand eingehende

Besprechungen mit gutunterrichteten Freiländern, beklagten uns über das

himmelschreiende Unrecht, daß wir gezwungen sein sollten, den Nutzen der

ausgezeichneten »Idee«, die wir gefaßt, hier mit aller Welt zu teilen,

unsere Geschäftsgeheimnisse preiszugeben u. s. w.; es half aber alles

nichts. Die Freiländer blieben in diesem Punkte verstockt und meinten,

Niemand zwinge uns, unsere Geheimnisse preiszugeben, wenn wir selbe aus

eigenen Kräften fruktifizieren wollten; wenn wir aber hierzu

freiländischen Boden und freiländisches Kapital brauchten, so müsse

selbstverständlich ganz Freiland wissen, worum es sich handelt. »Und

wenn unser Geschäft nur eine kleine Anzahl von Arbeitern brauchen kann,

wenn z. B. die Ware, die wir fabrizieren wollen, zwar großen Gewinn

abwirft, aber doch nur beschränkten Absatz hat, müssen wir auch dann

alle Welt beitreten lassen? »In diesem Fall« -- so war die Antwort --

werden freiländische Arbeiter nicht so dumm sein, sich Euch massenhaft

aufzudrängen.« »Schön!« rief ich mit verbissenem Zorn, »wenn aber doch

mehr beitreten, als wir gerade brauchen können?« Doch auch darauf wußten

die Leute eine Antwort; dann, so meinten sie, würden die zuviel

Beigetretenen eben nachträglich austreten, oder wenn sie partout dabei

blieben, so müßten wir alle die Arbeitszeit etwas einschränken, etwa

einen Turnus einführen, oder dergleichen; an Gelegenheit, unsere dadurch

frei werdende Zeit nützlich anderweitig zu verwerten, fehle es in

Freiland nirgend.

»Was ließ sich da machen? Wir mußten unser Plänchen so einkleiden, daß

den freiländischen Arbeitern ganz von selbst die Lust verginge, sich zu

beteiligen. Aber auch allzu plump durfte anderseits die Sache nicht

gemacht werden, sonst witterten die Leute am Ende doch Unrat, oder

beteiligten sich vielleicht gar aus purer Menschenliebe, um unserer

Thorheit mit gutem Rat zu Hilfe zu kommen. Schließlich einigten wir uns

dahin, eine Nähnadelfabrik zu errichten; eine solche war nach der ganzen

Geschäftslage offenbar unrentabel, der Plan klang aber doch nicht allzu

abenteuerlich, um uns Neugierige an den Hals zu ziehen. Wir

konstituierten uns also und hatten in der That die Genugthuung,

vorläufig außer zwei Dummköpfen, welche die Nähnadelfabrikation aus

irgend einem Grunde für ein gutes Geschäft halten mochten, und mit denen

fertig zu werden, nicht allzu schwer fallen konnte, keine Genossen zu

erhalten. Jetzt handelte es sich um die Festsetzung des

Gründungskapitals, will sagen um die Höhe des bei der Centralbank zu

fordernden Kredits. Natürlich hätten wir am liebsten gleich eine Million

Pfd. Sterling verlangt; das ging aber nicht, da wir, wie gesagt, angeben

mußten, wozu wir das Geld brauchten und eine Nähnadelfabrik für 48

Arbeiter doch unmöglich so viel verschlingen durfte, ohne uns sofort

eine ganze Legion von Untersuchungsrichtern in Gestalt beitretender

Arbeiter auf den Nacken zu setzen. Wir beschränkten uns also

notgedrungen auf 130000 Pfd. Sterling, was zwar auch einiges Aufsehen

erregte, von uns aber damit motiviert wurde, daß die neuartigen

Maschinen, die wir anzuwenden gedächten, sehr teuer wären.

»Jetzt kam aber die Hauptsorge; wie sollten diese 130000 Pfd. Sterling

oder doch der größte Teil derselben in unsere Taschen geleitet werden?

Mich hatten unsere Jungens zum Direktor der »ersten Edenthaler

Nähnadel-Fabriks-Association« gewählt und als solcher begab ich mich

anderntags zu der Bank, um uns dort unser Konto eröffnen zu lassen und

gleichzeitig alle erforderlichen Informationen einzuholen. Der Kassierer

versicherte mir zwar auf Befragen, daß alle von mir angewiesenen

Auszahlungen ohne weiteres durchgeführt werden sollten, als ich aber

daraufhin um ein »kleines Akonto« von einigen tausend Pfunden bat,

fragte er mich verwundert, was es damit solle. »Je nun, wir müssen doch

gewisse kleine Zahlungen leisten.« -- »Unnötig«, war die Antwort, »alle

Zahlungen werden hier bei der Bank ausgeglichen.« -- »Ja, aber wovon

soll denn ich mit meinen Leuten inzwischen, bis die Nähnadelfabrik zu

arbeiten anfängt, leben?« fragte ich gereizt. »Nun, von Ihrer Arbeit bei

anderen Unternehmungen, oder von Ihren Ersparnissen, wenn sie welche

haben. Auch an Kredit wird es Ihnen nirgend fehlen -- wir aber, die

Centralbank -- geben bloß Produktivkredite; was Sie verzehren, können

wir Ihnen nicht vorstrecken.«

»Da standen wir nun mit unserem Kredite von 130000 Pfd. Sterling und

fingen an zu begreifen, daß derselbe doch nicht so leicht davonzutragen

sei. Allerdings konnten wir bauen lassen und bestellen, so viel und was

wir wollten. Was hatten wir aber davon, Geld auf unnütze Dinge

auszugeben?

»Das ärgerlichste war, daß wir ehrlich zu arbeiten beginnen mußten,

wollten wir das allgemeine Mißtrauen nicht doch schließlich gegen uns

erwecken, und so traten wir denn verschiedenen Unternehmungen bei.

Überwunden aber wollten wir uns noch immer nicht geben und nach

reiflichem Nachdenken fiel mir folgendes als die allein mögliche Methode

des von uns geplanten Schwindels ein. Die Centralbank vermittelt zwar

alle Käufe und Verkäufe, hindert aber, wie ich bald herausbekam, den

Käufer oder Besteller nicht im geringsten in der Wahl der ihm passend

erscheinenden Güter. Wir hatten also das Recht, für unsere

Nähnadelfabrik Maschinen in Europa oder Amerika bei beliebigen

Fabrikanten zu bestellen, für welche dann die Centralbank Zahlung

leisten würde. Wir mußten also bloß mit einer geeigneten europäischen

oder amerikanischen Schwindelfirma in Verbindung treten und den zu

erzielenden Nutzen mit dieser teilen, um schließlich doch eine recht

ansehnliche Beute wegtragen zu können.

»Aber zugleich mit diesem Auskunftsmittel fiel mir auch ein, wie

grenzenlos dumm es wäre, von demselben Gebrauch zu machen. Sehr viel,

das leuchtete mir ein, war mit demselben nicht zu gewinnen; aber selbst

wenn es möglich gewesen wäre, für jeden Einzelnen von uns ein Vermögen

herauszuschwindeln, hatte ich doch die Lust verloren, Freiland wieder zu

verlassen. Die Rechnung stand für alle Fälle zu ungleich. Ich war in

ehrlicher Arbeit ein Neuling und sonderliche Anstrengungen sagten meinem

damaligen Geschmack nicht zu; trotzdem hatte ich es auf einen

Tagesverdienst von 12 Shillingen gebracht, das sind 180 Pfd. Sterling im

Jahr, mit denen sich hier mindestens so gut leben ließ, wie mit dem

Doppelten in Amerika oder England; selbst wenn ich in der bisherigen

Weise, gleichsam bloß, um mir die Langeweile zu kürzen, fortarbeitete,

mußte sich dieses Einkommen sehr bald steigern, ich konnte hier

schlimmstenfalls ein Leben führen, wie da draußen im Besitze einer

Jahresrente von 400-500 Pfd. Sterling; auch nur annähernd so viel zu

stehlen, war nun nicht die geringste Aussicht vorhanden. Doch wenn auch!

Ich wäre doch nicht weggegangen. Erstlich weil es mir hier zu gut

gefiel; der Umgang gleich und gleich mit anständigen Menschen hat etwas

Lockendes selbst für Spitzbuben, wie ich damals einer war. Und dann --

es kam mir damals komisch vor -- begann ich mich meines Gaunertums zu

schämen. Auch die Spitzbuben haben ihre Ehre. Da draußen, wo _Jeder_ dem

Nebenmanne das Fell über die Ohren zieht, wenn er nur kann, erachtete

ich mich im Wesen nicht schlechter, als die sog. ehrlichen Leute; ich

hielt mich nicht so genau an das Gesetz, als diese, das war aber auch

der ganze Unterschied. Auf der Jagd nach dem lieben Nebenmenschen

befinden sie sich da draußen Alle; daß ich ohne Jagdkarte zu jagen mir

erlaubte, beschwerte mir das Gewissen nicht sonderlich, umsoweniger, da

ich doch nur die Wahl hatte, zu jagen, oder gejagt zu werden. Hier aber

jagte Niemand dem Nebenmenschen das Seine ab, hier mußte sich jeder

Gauner selber gestehen, daß er schlechter sei, als die Anderen alle, und

zwar ein schlechter Kerl ohne Not, aus purer Freude am Schlechten. Und

wenn man dabei noch den Reiz der Gefahr gehabt hätte, der da draußen die

Jagd mit einer gewissen Poesie umgiebt! aber auch davon keine Spur!

Nicht einmal verfolgt hätten uns die Freiländer, wenn wir uns mit der

erschwindelten Beute aus dem Staube gemacht hätten; sie hätten uns

laufen lassen wie räudige Hunde. Nein, hier wollte und konnte ich kein

Spitzbube sein. Ich rief die Genossen zusammen, um ihnen anzuzeigen, daß

ich meine Würde als ihr Anführer niederlege, mich überhaupt von der

Kompagnie lossage und es hier mit anständiger Arbeit versuchen wolle.

Nicht einer war, der mir nicht zugestimmt hätte. Zwar mit der

Arbeitslust sah es bei einigen noch windig aus, aber hier bleiben

wollten sie Alle. Ein besonders zäher Kerl warf zwar die Frage auf, ob

es, da wir doch einmal so hübsch beisammen seien, wie später wohl nicht

wieder, nicht vielleicht doch ganz nett wäre, ein paar Tausend Pfund

herauszuschwindeln und dann erst ehrliche Leute zu werden; aber schon

bedurfte es des Hinweises auf die Haftpflicht der Associationsmitglieder

für die von ihnen kontrahierten Kredite nicht, um den Vorschlag dieses

Nachzüglers unserer ehemaligen Gaunerei zu beseitigen. Nicht bloß hier

bleiben, sondern ehrlich werden wollten sie, diese hartgesottenen

Schelme, die wenige Wochen früher ehrlich und dumm als gleichbedeutende

Worte zu gebrauchen pflegten. So kam's, daß das feine Plänchen, an

welchem die »smartesten fellows« von Neu-England ihren Witz erschöpft

hatten, klanglos fallen gelassen wurde und wenn ich gut berichtet bin,

so hat nachher keiner von uns 46 je zu ernstlicher Klage Anlaß gegeben.«

Der zweite, vor die Gesamtvertretung von Freiland gebrachte Antrag --

die Rückzahlung der bis dahin von den meisten Mitgliedern bei

Gelegenheit ihres Eintrittes in die Gesellschaft geleisteten größeren

oder geringeren Beiträge betreffend, bedeutete die Aufbringung einer

Gesamtsumme von nicht weniger als 43 Millionen Pfd. Sterling. Nun hatte

man allerdings den Mitgliedern jederzeit gesagt, daß die Beiträge nicht

rückzahlbar, sondern ein den gesellschaftlichen Zwecken gebrachtes Opfer

seien; nichtsdestoweniger erachtete es die Verwaltung von Freiland der

Billigkeit entsprechend, daß nunmehr, wo das neue Gemeinwesen eines

solchen Opfers nicht mehr bedurfte, auf dasselbe für die Zukunft sowohl

als für die Vergangenheit verzichtet werde. Die großmütigen Spender

hatten zwar niemals aus ihrer den ärmeren Mitgliedern so reichlich

geleisteten Hülfe irgendwelchen Rechtstitel auf besondere Anerkennung

oder höhere Ehre abgeleitet, ja die meisten hatten es sich sogar

verbeten, namentlich als Schenker angeführt zu werden; auch widersprach

diese Hülfeleistung keineswegs den Prinzipien, auf denen das neue

Gemeinwesen begründet war, ja im Sinne derselben durfte das Eintreten

der Bemittelten für die Hülflosen gerad zu als eine Forderung des

gesunden, vernünftigen Eigennutzes angesehen werden. Aber mit dem

Momente, wo gerade infolge dieses so ausgiebig bethätigten vernünftigen

Egoismus das Gemeinwesen kräftig genug wurde, um außergewöhnliche

Hülfeleistungen entbehren und die vordem dargebrachten zurückerstatten

zu können, erschien es uns wieder billig, daß dies auch sofort geschehe.

Auch dieser Antrag wurde debattelos einstimmig angenommen und sofort zur

Ausführung gebracht. Den sämtlichen Beitragleistenden wurden die

eingezahlten Beträge zurückerstattet, resp. in den Büchern der

Centralbank gutgeschrieben, wo sie nach Gefallen über dieselben verfügen

mochten.

Damit aber kann auch die zweite Epoche der Geschichte von Freiland als

abgeschlossen betrachtet werden. Die Gründung des Gemeinwesens -- die

erste Epoche ausfüllend -- vollzog sich gänzlich durch freiwillige Opfer

einzelner seiner Mitglieder; in der zweiten Periode war diese

Hülfeleistung, wenn auch nicht mehr durchaus notwendig, doch ein

nützliches und wirksames Beförderungsmittel des raschen Wachstums

gewesen; von jetzt ab wies die zu einem Riesen erstarkte freie

Gemeinschaft jeden wie immer gearteten, nicht aus ihren regelmäßigen

Hülfsquellen geschöpften Beistand ab, und die einst empfangene

Unterstützung tausendfach vergeltend, war nun sie es, auf deren stets

unerschöpflicher fließende Mittel Not und Elend, sie mochten sich in

welchem Teile der bewohnten Erde immer zeigen, mit Sicherheit zählen

durften.

Drittes Buch.

Freiland: Ein sociales Zukunftsbild · 第 13 / 29 题