Als das erste Jahr unseres Aufenthaltes am Kenia vergangen war, zählte
Freiland 95000 Seelen, wovon 27000 arbeitsfähige Männer, die, zu 218
Associationen vereinigt, 87 verschiedene Gewerbe betrieben. Die letzte
Ernte -- es gibt nämlich hier zwei Ernten im Jahr, die eine nach der
kleinen Regenzeit im Oktober, die andere nach der großen im Juni --
hatte von 14500 Hektaren angebauten Ackerlandes nahezu 2 Millionen
Centner Getreide getragen, die einen Wert von 300000 Pfd. Sterling
repräsentierten und den dabei beschäftigten 10800 Arbeitern im
Durchschnitt nahe an 2½ Schilling Gewinn für jede darangewendete
Arbeitsstunde ergaben. Doch darf man nicht etwa glauben, daß diese
sämtlichen Arbeiter ihre gesamte Zeit durch landwirtschaftliche
Beschäftigung ausfüllten; das war blos während der Saat- und Erntetage
der Fall gewesen, während in der ganzen übrigen Zeit stets zahlreiche
Landbauer in den benachbarten industriellen Etablissements lohnende
Verwendung ihrer im Ackerbau gerade überschüssigen Arbeitskraft fanden.
Der Durchschnittsertrag der Industrien stellte sich um eine Kleinigkeit
höher, als der der Landwirtschaft, und da im Mittel 40 Stunden
wöchentlich gearbeitet wurde, so betrug der Wochenverdienst eines
gewöhnlichen Handarbeiters von mäßigem Fleiße in dieser zweiten
Jahreshälfte durchschnittlich 5¼ Pfd. Sterling.
Nächst der Landwirtschaft beanspruchte die Eisen- und
Maschinenfabrikation die zahlreichsten Arbeitskräfte, ja, wenn man nicht
die zeitweilig in Verwendung kommende Arbeiterzahl, sondern die
überhaupt aufgewendeten Arbeitsstunden zum Maßstabe nimmt, so war diese
Industrie der Landwirtschaft sogar stark voraus. Und dies ist nicht zum
Verwundern, denn Maschinen verlangten und bestellten alle Associationen,
um ihren Betrieb möglichst zu verbessern. In der alten Welt, wo
Arbeitslohn und Arbeitsertrag grundverschiedene Dinge sind, besteht auch
zwischen Rentabilität und theoretischer Vollkommenheit von Maschinen ein
fundamentaler Unterschied. Um theoretisch brauchbar zu sein, muß eine
Maschine bloß Arbeitskraft ersparen, d. h. die zu ihrer Herstellung und
Betriebführung erforderliche Arbeit muß geringer sein, als die durch
ihren Gebrauch zu ersparende. Der Dampfpflug z. B. ist dann eine
theoretisch gute und nützliche Maschine, wenn die Fabrikation eines
Dampfpfluges mit samt der Erzeugung des zu seiner Heizung erforderlichen
Kohlenquantums weniger menschliche Arbeit verschlingt, als auf der
anderen Seite beim Pflügen mit Dampf gegen das Pflügen mit Rindern
gewonnen wird. Etwas anderes aber ist die Rentabilität einer Maschine --
wohlverstanden außerhalb Freilands. Um rentabel zu sein, muß der
Dampfpflug nicht Arbeitskraft, sondern Wert oder Geld ersparen, d. h. er
muß weniger kosten, als die durch ihn ersparte Arbeitskraft gekostet
hätte. Das ist aber da draußen mit nichten schon deshalb der Fall, weil
die ersparte Arbeitskraft größer ist, als die zur Herstellung des
Pfluges und der Kohle erforderliche. Denn während die Arbeit, die der
verbesserte Pflug erspart, blos ihren »Lohn« erhält, muß bei dem
gekauften Pfluge und der gekauften Kohle neben der zu ihrer Herstellung
erforderlich gewesenen Arbeit auch noch der aus drei Bestandteilen
bestehende »Gewinn«, nämlich Grundrente, Kapitalzins und
Unternehmerlohn, bezahlt werden. So kann es kommen, daß der Dampfpflug
von seiner Entstehung bis zu seiner Abnützung 1 Million Arbeitsstunden
erspart, selber aber mitsamt dem ganzen, zu seinem Betriebe
erforderlichen Kohlenquantum bloß 100000 Arbeitsstunden verschluckt
hätte -- und dennoch höchst unrentabel ist, d. h. denjenigen, der
gestützt auf die Sicherheit so riesiger Kraftersparnis ihn kaufen und
benutzen wollte, den größten Schaden verursachte. Denn die Million
ersparter Arbeitsstunden bedeutet eben nicht mehr, als eine Million
ersparter Stunden_löhne_, also beispielsweise ersparte 10000 Pfd.
Sterling, wenn der Arbeitslohn bloß 1 Pfund für 100 Arbeitsstunden
beträgt. An den zur Herstellung des Pfluges und der Betriebsmittel
erforderlichen 100000 Arbeitsstunden, die für sich allein allerdings
bloß 1000 Pfd. Sterling beansprucht haben mögen, haftet aber außerdem
noch die Rente, welche die Besitzer der Eisen- und Kohlengruben
einheben, der Zins, der für die investierten Kapitalien gezahlt werden
muß und schließlich der Gewinn der Eisenfabrikanten und Kohlenerzeuger;
all dies kann unter Umständen mehr betragen, als die Differenz von 9000
Pfd. Sterling zwischen den hier und dort aufgewendeten Arbeitslöhnen,
und wenn es der Fall ist, verliert der abendländische _Arbeitgeber_ Geld
daran, daß er eine Maschine kauft, die tausend Prozent Arbeit erspart.
Ganz anders bei uns; die lebendige Arbeit, die der Dampfpflug _uns_
erspart, ist Stunde für Stunde genau so viel wert, als die im Pfluge und
in der Kohle steckende, bereits in Warenform verwandelte Arbeitszeit;
denn in Freiland giebt es keinen Unterschied zwischen Arbeitsertrag und
Arbeitslohn; in Freiland ist daher jede theoretisch brauchbare, d. i.
jede wirklich Kraft ersparende Maschine zugleich notwendigerweise
rentabel. Dies der Grund, warum in Freiland die Maschinenindustrie von
so enormer, stetig zunehmender Bedeutung sein mußte. Die eine Hälfte
unseres Volkes war damit beschäftigt, jene stählernen, von Dampf,
Elektricität, Wasser, komprimierter oder verdünnter Luft in Bewegung
gesetzten sinnreichen Werkzeuge herzustellen, mittels deren die andere
Hälfte ihre Leistungsfähigkeit verhundertfachte, und notwendigerweise
mußte sich daher bei uns in der Verwendung von Maschinenkraft eine
Vielseitigkeit und Vollkommenheit entwickeln, von welcher man außerhalb
der Grenzen unseres Landes keinerlei Vorstellung besitzt.
Die wichtigsten Einrichtungen, die noch vor Ablauf dieses ersten Jahres
in Angriff genommen wurden, waren erstlich die Herstellung von
Dampfpflügen und -- vorläufig noch durch tierische Kraft bewegten --
Säe- und Erntemaschinen, genügend zur Bearbeitung von 26000 Hektaren,
die für die Oktoberernte unter den Pflug genommen werden sollten. Wir
rechneten dabei, durch einmaligen Aufwand von 3½ Mill. Arbeitsstunden
mindestens 3 Millionen Arbeitsstunden jährlich zu ersparen. Das wäre da
draußen in der alten Welt für die solcherart überflüssig werdenden
Arbeiter ein großes Unglück gewesen, ohne daß die Gesamtheit davon den
geringsten Vorteil gehabt hätte; wir dagegen wußten für derart ersparte
Arbeitsstunden vortreffliche Verwendung; sie wurden zu allerlei
Veredlungsindustrien frei, für deren Produkte eben infolge der
gewachsenen Ergiebigkeit der Arbeit die Abnehmer sofort gegeben waren.
Eine zweite, noch im Laufe des nächsten Jahres zu vollendende Arbeit war
die Verbesserung der Kommunikationsmittel durch Ausbaggerung des
Danaflusses von der Mahlmühle oberhalb des Edensees bis zum großen
Wasserfall am Danaplateau, und durch Anlage einer das Danaplateau
durchziehenden Eisenbahn. Daran sollten sich Seilbahnen auf einige der
Keniavorberge zu Zwecken des Bergwerks- und Forstbetriebs schließen.
Daß alle bestehenden Industrien neuerlich vergrößert und eine stattliche
Reihe neuer eingerichtet wurden, versteht sich von selbst. Erwähnt mag
dabei werden, daß nur solche Fabriken in Edenthal oder am Oberlaufe des
Dana angelegt wurden, die weder die Luft, noch das Wasser verdarben; die
minder reinlichen Betriebe siedelten sich entweder am Ostende des
Danaplateaus, hart am Wasserfalle, oder auch unterhalb desselben an.
Später wurden Einrichtungen getroffen, die der Vergiftung der Wässer
durch industrielle Abfälle ganz im Allgemeinen ein Ende machten.
Die Stadt Edenthal war auf 48000 Seelen angewachsen und deckte mit ihren
10600 Häuschen und Gärten, ihren zahlreichen großen, wenn auch immer
noch im Holzbarackenstil gehaltenen öffentlichen Bauten, mehr als 16
Quadratkilometer. Die zu riesiger Zahl angewachsenen Rinderherden wie
nicht minder die Pferde, Esel, Kamele, Elefanten und die neu
importierten Schweine und feinen Schafsorten übersiedelten zum größeren
Teile nach dem Danaplateau.
Schon zu Beginn des zweiten Jahres hatten uns unsere europäischen
Bevollmächtigten angezeigt, daß die bei ihnen einlaufenden Anmeldungen
sich in gewaltigen Dimensionen vermehrten. Die in den Zeitungen
veröffentlichten Berichte aus Freiland -- es waren inzwischen
Korrespondenten einiger der größten europäischen und amerikanischen
Journale bei uns eingetroffen -- hatten die Auswanderungslust
selbstverständlich in hohem Grade entfacht und wenn nicht alle Anzeichen
trogen, hatten wir uns für das zweite Jahr unseres Aufenthalts am Kenia
auf einen Zuzug von mindestens dem doppelten, wahrscheinlich aber von
dreifachem Umfange, wie im ersten Jahre, gefaßt zu machen. Es mußte also
für Beschaffung der erforderlichen Kommunikationsmittel Vorsorge
getroffen werden. Da zahlreiche der bemittelten neuen Mitglieder
einstweilen die Schiffe fremder Gesellschaften gegen Zahlung benutzten,
anstatt darauf zu warten, bis auf unseren Schiffen die Reihe an sie
käme, so war das Dringendste, für Vermehrung der Fahrgelegenheiten von
Mombas ab zu sorgen. Es wurden daher schleunigst 1000 neue Wagen nebst
der entsprechenden Anzahl von Zugtieren gekauft und successive vom März
ab in Betrieb gesetzt. Gleichzeitig aber kaufte unser Londoner
Bevollmächtigter sechs und kurze Zeit darauf noch vier weitere Dampfer
von 4000-10000 Tonnen Laderaum, die zu unseren Zwecken umgebaut, je 1000
bis 3000 Passagiere faßten. Mit Hülfe dieser neuen Dampfer wurde
zunächst der Verkehr über Triest verstärkt; die größten Schiffe kamen an
dieses, zum Transport über Suez für ganz Mitteleuropa günstigst gelegene
Ausfallthor; daneben aber wurde zweimal in der Woche eine Fahrt ab
Marseille und einmal im Monat eine Fahrt ab San Franzisko über den
stillen Ocean eingerichtet. Nachdem noch für alle Fälle eine dritte
Serie von 1000 Wagen bestellt worden war, erachteten wir uns den
Anforderungen des bevorstehenden zweiten Jahres gegenüber ausreichend
gerüstet.
So standen die Dinge, als Demestre mit der Erklärung vor den Ausschuß
trat, daß die primitive Art der Beförderung von Mombas ab angesichts der
voraussichtlich auch in Zukunft anhaltenden gewaltigen Einwanderung
unmöglich genügen könne. Wir müßten sofort an den Bau einer Eisenbahn
von Edenthal an die Küste denken.
Alles, was Demestre zur Begründung seines Vorschlages sagte, war so
richtig und einleuchtend, daß derselbe ohne Debatte einhellig angenommen
wurde, ja, daß sich Jedermann insgeheim wunderte, ihn nicht schon längst
selber gemacht zu haben. Es handelte sich jetzt nurmehr darum, die Trace
der zukünftigen Eisenbahn festzustellen. In erster Reihe stand der alte
Weg, durch Kikuja ins Massailand, durch dieses, den Kilima östlich
umgehend über Tawenta und Teita nach Mombas. Eine zweite, möglicherweise
viel günstigere Trace, ließ sich zwei Längengrade weiter östlich, aber
gleichfalls nach Süden gerichtet und in Mombas die Küste erreichend,
durch Kikuja ins Land der Ukumbani und dort das Flußthal des Athi bis
Teita verfolgend, denken. Diese Trace konnte günstigenfalls eine
Distanzverkürzung von nahe an 200 Kilometern mit sich bringen. Die
dritte, kürzeste Route an den Ocean aber wäre die in streng östlicher
Richtung, den Dana verfolgend, durch die Gallaländer an die Wituküste
gewesen; hier konnte eventuell nahezu die Hälfte der Distanz erspart
werden, denn in der Luftlinie waren wir östlich keine 450 Kilometer vom
Meere entfernt.
Diese drei Alternativlinien sollten also näher untersucht werden, so
genau, als es binnen wenigen Monaten möglich wäre; denn länger als
höchstens ein halbes Jahr sollte mit dem Beginne der Bauarbeiten nicht
gezögert werden. Die Tracierung der alten Route, die er schon ziemlich
genau kannte, behielt sich Demestre vor; nach dem Athi und dem Dana
wurden zwei andere tüchtige Ingenieure, begleitet gleich Demestre von
einem Stabe nicht minder tüchtiger Kollegen, entsendet. Außerdem aber
mußten diese beiden letzteren Expeditionen, da sie noch gänzlich
unbekannte Gebiete mit wahrscheinlich feindlichen Einwohnern zu
durchziehen hatten, wehrhaft gemacht werden. Sie waren je 300 Mann stark
und hatten außer entsprechenden Repetirgewehren auch einige
Kriegselefanten, Kanonen und Raketen mit sich. Überdies waren alle drei
Expeditionen von einer kleinen Schar Naturforscher -- unter diesen
hauptsächlich Geologen -- begleitet. Anfangs Mai zogen diese
Expeditionen aus; womöglich noch vor der kleinen Regenzeit -- im August
-- sollten sie zurück sein.