Die Kolonisten auf Edenthal betrachteten mich, den Bevollmächtigten der
Gesellschaft, der unseren Zug an den Kenia veranstaltet und die Mittel
zu demselben beschafft hatte, als ihren Vorgesetzten im
gemeingebräuchlichen Sinne des Wortes: ich hätte befehlen können und es
wäre gehorcht worden. Anderseits aber handelte ich nicht bloß meinen
eigenen Neigungen, sondern den offenbaren Intentionen des Ausschusses
gemäß, wenn ich mich dem Wesen nach als den Vorsitzenden einer
Versammlung frei über sich selber verfügender Männer benahm. Wo immer
möglich, befragte ich vor meinen Anordnungen die Genossen, fügte mich
der Meinung der Mehrheit und traf selbständige Verfügungen bloß in
dringenden Fällen oder wenn es sich um Zuweisung von Aufträgen an
Abwesende handelte. Sonst geschah die Zuteilung der verschiedenen
Arbeiten an verschiedene Gruppen stets im Einverständnisse mit allen
betreffenden Mitgliedern, die Vorsteher dieser Arbeitszweige wurden von
ihren speziellen Genossen selber gewählt, und wenn dabei auch in allen
wesentlichen Fragen stets meiner und meiner engeren Vertrauten Ansichten
und Vorschläge zur Ausführung gelangten, (so daß -- wenn im Bisherigen
zumeist der Kürze halber gesagt wurde: »ich ordnete an, ich designierte«
-- damit dem Wesen nach die Wahrheit erzählt wurde) so geschah dies doch
nur aus dem Grunde, weil diese meine Vertrauten eben die geistigen
Spitzen der Kolonie waren und die anderen sich diesen freiwillig
unterordneten. Dabei wußten wir alle, daß dies keine auf Dauer
berechnete Organisation sei. Niemand arbeitete einstweilen für sich,
alles was wir erzeugten, gehörte nicht dem Erzeuger, auch nicht der
Gesamtheit von uns Erzeugern, sondern dem Unternehmen, aus dessen
Mitteln wir hinwieder allesamt zehrten. Mit einem Worte, die »freie
Gesellschaft«, die wir gründen wollten, war noch nicht gegründet, sie
befand sich noch unterwegs und inzwischen waren wir ihr gegenüber nichts
anderes, als Angestellte nach altem Recht, die sich von gewöhnlichen
Lohnarbeitern bloß dadurch unterschieden, daß ihnen selber überlassen
war, was sie zu ihrem Unterhalte vorweg nehmen und was sie als
»Unternehmergewinn« für die Auftraggeberin zurücklegen mochten. Hätte
mich böser Wille einzelner Genossen dazu genötigt, so war ich nicht bloß
im Rechte, sondern auch entschlossen, den »Bevollmächtigten«
hervorzukehren; daß ich es vermeiden konnte, trug nicht wenig dazu bei,
das Behagen, das uns alle erfüllte, zu steigern und war auch insofern
von großem Werte, als dadurch der Übergang zu den späteren endgültigen
Organisationsformen wesentlich erleichtert wurde, ändert aber nichts an
dem Sachverhalt, daß unser Leben und Wirken unterwegs wie am Kenia sich
noch innerhalb der sozialen Formen der alten Welt bewegte.
Die Arbeitszeit war in Edenthal einstweilen für jedermann -- ob
Arbeitsvorsteher oder simpler Arbeiter, Weißer oder Neger -- die
gleiche, von 5 bis 10 Uhr vormittags und von 4 bis 6 Uhr nachmittags;
nur in der Erntezeit waren ein bis zwei Stunden zugegeben worden. Am
Sonntag ruhte ebenso gleichmäßig alle Arbeit.
Die Tagesordnung war die folgende: Gegen 4 Uhr wurde aufgestanden, im
Edensee -- es waren zu diesem Behufe mehrere Badehütten errichtet -- ein
Bad genommen und hierauf Toilette gemacht. Das Reinigen und etwa
notwendige Ausbessern der Kleider besorgte unter Anleitung eines in
solchen Künsten bewanderten Mitgliedes eine Gruppe von Suaheli, welcher
diese Arbeit als alleinige Verrichtung zugewiesen worden war. Da wir
Kleidungsstücke zum Wechseln besaßen, so wurden des Morgens immer die
während des gestrigen Tages gereinigten gebracht, dafür die gestern
gebrauchten abgeholt, um im Laufe des Tages für den morgigen Gebrauch in
Stand gesetzt zu werden. Hierauf kam das Frühstück, gleich allen
Mahlzeiten wieder das Werk einer damit betrauten anderen Schar von
Suahelis -- um deren Einweihung in mehrfache Geheimnisse französischer
Kochkunst sich meine Schwester große Verdienste erworben hatte. Dieses
erste Frühstück bestand je nach dem Geschmacke eines Jeden aus Thee,
Schokolade, schwarzem oder mit Milch gemengtem Kaffee, Milch oder irgend
einer Suppe; dazu ebenso nach Wahl Butter, Käse, Honig, Eier, kalter
Braten nebst Brot oder anderem Gebäck. Nach diesem ersten Frühstück
wurde bis 8 Uhr gearbeitet, um welche Zeit ein zweites Frühstück kam,
bestehend aus irgend einer substantiellen warmen Speise -- Omelette,
Fisch oder Braten mit Brot, etwas Käse und Früchten, dazu als Getränk
entweder das köstliche Quellwasser unserer Berge, oder der sehr
erfrischende, wohlschmeckende Bananenwein, den die Eingeborenen zu
bereiten verstehen. Nach diesem Frühstück, welches in der Regel 15 bis
20 Minuten in Anspruch nahm, wurde bis 10 Uhr weiter gearbeitet, worauf
die große Mittagspause folgte. Diese wurde, insbesondere in den heißeren
Monaten, von den Meisten zunächst zu einem zweiten Bade im See benutzt,
welchem irgendeine häusliche Zerstreuung, Lektüre, Konversation oder
Spiel folgte. Die Hitze war um diese Zeit in der Regel groß; während der
heißen Monate stieg das Thermometer häufig auf 35 Grad Celsius im
Schatten. Zwar verhüteten kühle Brisen, die bei schönem Wetter
regelmäßig zwischen 11 Uhr vormittags und 5 Uhr nachmittags vom Kenia
her wehten und zwar desto stärker, je heißer der Tag sich anließ, daß
der Aufenthalt im Freien jemals unerträglich wurde; aber am angenehmsten
und zuträglichsten war während der Mittagsstunden jedenfalls das
Verweilen in gedeckten Räumen. Um 1 Uhr wurde die Hauptmahlzeit
gehalten, bestehend aus Suppe, einem Fleisch- oder Fischgericht mit
Gemüsen, süßem Backwerk und Früchten der mannigfachsten Art, dazu
abermals Bananenwein oder, nachdem unsere Brauerei zu arbeiten
angefangen hatte, Bier. Nach dem Speisen wurde von Einzelnen ein halbes
Stündchen geschlafen, hierauf gab es wieder Konversation, Lektüre,
Spiel, worauf, nachdem die ärgste Hitze vorüber war, die zweistündige
Nachmittagsarbeit erledigt ward. Dieser ließen Einzelne ein drittes
kurzes Bad folgen. Um 7 Uhr nahm man wieder eine dem ersten Frühstück
ähnliche Mahlzeit, sofern es nicht regnete, im Freien und zu größeren
Gesellschaften vereinigt. Zu bemerken ist dabei, daß hinsichtlich aller
Mahlzeiten, wie überhaupt aller Genußmittel als Regel galt, daß
Jedermann wählen konnte, was und soviel ihm beliebte. Nur bezüglich der
geistigen Getränke hielten wir es anders -- aus leicht begreiflichen
Gründen. Späterhin, wenn Jedermann auf eigenen Füßen stand, mochte er es
auch mit diesen halten, wie ihm beliebte; solange wir von
Gesellschaftswegen verpflegt wurden, mußten wir schon mit Rücksicht auf
unsere Neger Beschränkung üben.
Des Abends wurde meist Musik gemacht. Wir hatten einige sehr tüchtige
Musiker, ein ganz artiges, 45 Mann zählendes Orchester von Blas- und
Streichinstrumenten und einen vortrefflichen Chor, die sich, so oft es
das Wetter erlaubte, hören ließen. Zwei oder drei Stunden nach
Sonnenuntergang pflegte es kühl zu werden; in wenigen Nächten behauptete
sich das Thermometer über 22 Grad, sank aber bisweilen bis auf 15 Grad
Celsius, so daß die Nachtruhe stets erquickend war.
An den Sonntagen gab es mannigfaltige Veranstaltungen zu Zwecken der
Belustigung sowohl als der Belehrung: Ausflüge in die benachbarten
Wälder, Jagden, Konzerte, Vorlesungen, Vorträge.
Die von uns bewohnten Blockhäuser waren eigentlich dazu bestimmt, je
einer Familie als zukünftiges, wenn auch bloß provisorisches Heim zu
dienen. Ein jedes lag inmitten eines tausend Quadratmeter umfassenden
Gärtchens und deckte mit seinen 6 Räumen: Vorzimmer, Küche und 4 Stuben,
selber ein Areal von 150 Quadratmetern. Jedes solcher Häuschen nun wurde
einstweilen von Vieren der Unseren besetzt; den beiden Frauen mit
Sakemba, die inzwischen den Besuch ihrer Eltern und Geschwister erhalten
und diese bewogen hatten, ihre Grashütten gleichfalls in Edenthal
aufzuschlagen, war selbstverständlich auch ein besonderes Häuschen
eingeräumt.
Letztere Anordnung aber gefiel meiner Schwester ganz und gar nicht.
Während der Reise hatte sie sich notgedrungen darein gefunden, getrennt
von mir, dem ihr von unserer verewigten Mutter ans Herz gelegten
Pfleglinge, zu kampieren; in Edenthal angelangt, gedachte sie jedoch
ihre alten Vormundschaftsrechte und -Pflichten wieder zu beanspruchen,
sah sich aber durch die Rücksicht auf einen zweiten Schützling, der
inzwischen auch zu einem Liebling geworden war, durch die auf Ellen Fox
nämlich, in der Ausführung ihrer Vorsätze gehindert. Sie konnte doch
unmöglich dies junge Mädchen inmitten so vieler Männer allein lassen;
ebenso wenig aber konnte sie uns beide -- obwohl wir in ihren Augen die
reinen Kinder waren -- Thür an Thür im selben Häuschen unterbringen. Was
hätten ihre Freunde und Freundinnen in Paris dazu gesagt! Zwar brachte
ich all meine freie Zeit bei den Frauen zu, wo mich, ohne daß ich es
bemerkte, die aus geistreichen theoretischen Kontroversen und
unbefangenem Geplauder eigentümlich gemengte Konversation der jungen
Amerikanerin nicht minder als ihr Harfenspiel und ihre glockenhelle
Altstimme, stets mehr und mehr fesselten; aber das genügte Schwester
Klara nicht und sie geriet schließlich auf den Gedanken, uns zu
verheiraten. Schon wegen unserer gemeinsamen »Narrheit« -- unserer
sozialen Ideen nämlich -- paßten wir ganz gut zu einander, und wenn auch
-- ihrer Meinung nach -- außer Zweifel stand, daß in dieser Ehe
gesunder, hausbackener Menschenverstand gänzlich fehlen würde, so war ja
_sie_ dazu da, für die beiden Kindsköpfe zu sorgen und zu handeln.
Nachdem sie diesen Vorsatz einmal gefaßt, legte sie sich als
vorsichtige, diskrete Person, die ganz richtig voraussah, daß in diesem
Punkte weder bei mir, noch bei Miß Ellen auf unbedingten Gehorsam zu
rechnen wäre, zunächst aufs Beobachten, und dabei machte sie denn
ungeachtet ihrer in Sachen der Liebe höchst mangelhaften eigenen
Erfahrungen, ausgerüstet bloß mit dem keinem Weibe fehlenden
instinktiven Feingefühle, die überraschende Entdeckung -- daß wir beiden
bereits bis über die Ohren ineinander verliebt seien. Anfangs war sie
über diese Wahrnehmung so erstaunt, daß sie ihren Augen keinen Glauben
schenken wollte. Aber die Sache war zu klar, als daß eine Täuschung
möglich gewesen wäre. Wir beiden Liebenden ahnten zwar selber nicht im
entferntesten, wie es um uns stand; aber wer Miß Fox so genau kannte,
wie dies bei meiner Schwester nach mehrmonatlichem ununterbrochenen
Zusammenleben mit der offenherzigen und freimütigen Amerikanerin
selbstverständlich war, der konnte sich nicht darüber täuschen, was es
zu bedeuten habe, wenn ein Mädchen, das bisher nur seinen Idealen:
Freiheit und Gerechtigkeit, gelebt, deren Abgott die Menschheit gewesen
und das keinem Manne gegenüber anderes Interesse gezeigt, als dasjenige
für die Ideen, denen er diente -- wenn dieses selbe Mädchen in Aufregung
geriet, so oft es eines gewissen Mannes Schritte hörte, und im
vertrauten Umgange mit meiner Schwester statt von der Herrlichkeit
unserer Prinzipien mit Vorliebe von den Vorzügen dessen sprach, der hier
in Edenthal der erste Diener dieser Prinzipien war. Und was meine
Gefühle anlangt, so wußte Schwester Klara allzu genau, daß mir am Weibe
bisher dessen Stellung in der menschlichen Gesellschaft das einzig
Interessante gewesen, als daß es ihr nicht wie Schuppen von den Augen
hätte fallen sollen, als ich sie kürzlich, nachdem ich Miß Fox, die eben
abseits mit etwas beschäftigt war, lange und andächtig betrachtet hatte,
mit den Worten apostrophierte: »Ist nicht jede Bewegung dieses Mädchens
Musik?«
Sie nahm uns daher beide einzeln beiseite und erklärte, daß wir uns
heiraten müßten. Aber da kam sie hier und dort schlecht an. Miß Ellen
wurde zwar auf diesen Antrag hin abwechselnd purpurrot und leichenblaß,
erklärte aber sofort, lieber sterben zu wollen, als mich zu heiraten.
»Würden diese übermütigen Männer, die uns Frauen allen Sinn für das
Ideale, jede Fähigkeit rein sachlichen Strebens absprechen und als
Sklavinnen unserer egoistischen Triebe betrachten, nicht triumphierend
behaupten, daß meine vorgebliche Begeisterung für unser soziales
Unternehmen nichts anderes gewesen, als Leidenschaft für einen Mann, daß
ich nicht um einer Idee, sondern um dieses Mannes willen nach Afrika bis
an den Äquator gelaufen? Nein, -- ich liebe Deinen Bruder nicht -- ich
werde überhaupt niemals lieben und noch weniger heiraten!« Dieser
heroischen Apostrophe folgte zwar ein Strom von Thränen, die jedoch --
als Schwester Klara sie zu meinen Gunsten auslegen wollte -- für Zeugen
der Empörung ob des kränkenden Verdachtes ausgegeben wurden. Nicht viel
anders machte ich es; als Klara mir auf den Kopf zusagte, ich sei in Miß
Fox verliebt, lachte ich sie aus und erklärte die mir vorgehaltenen
Symptome meiner Leidenschaft als bloße Zeichen psychologischen
Interesses an einem weiblichen Geschöpfe, welches echter Begeisterung
für abstrakte Ideen fähig sei.
Doch eine mütterliche Schwester, die einmal den Vorsatz gefaßt, ihren
Bruder -- und noch dazu an ihre Freundin -- zu verheiraten, ist nicht so
leicht aus dem Felde zu schlagen, am allerwenigsten, wenn sie so gute
und mannigfache Gründe hat, auf ihrem Willen zu beharren. Da es auf
geradem Wege nicht ging, wählte sie einen krummen -- keinen neuen, aber
einen oft bewährten: sie machte uns beide eifersüchtig. Jedem von uns
erzählte sie im Vertrauen, es sei nichts mit ihrem »dummen Plane«, da
der andere Teil nicht mehr frei wäre. Da sie mir gegenüber schlauerweise
hinzufügte, sie habe ihr Projekt bloß ersonnen, um zugleich mit der
jungen Frau in mein Haus ziehen und die ihr von rechtswegen gebührenden
Mutterpflichten mir gegenüber neuerlich übernehmen zu können, so glaubte
ich ihr um dieser offenbaren Wahrheit willen auch die Erfindung, daß
Ellen einen Verlobten in Amerika zurückgelassen, welcher demnächst schon
hier eintreffen werde. »Denke Dir nur, Ellen ist mit diesem Bekenntnisse
erst herausgerückt, als ich ihr gleich Dir mit meiner Heiratsidee
zusetzte. Es ist nur ein Glück, daß Du mein Junge Dir nichts aus der
kleinen Duckmäuserin machst; das wäre jetzt eine schöne Bescherung, wenn
Du Dir Ellen in den Kopf gesetzt hättest.«
Ich erklärte mich mit dieser Wendung der Dinge höchlich zufrieden, hatte
aber das Gefühl dabei, als ob mir ein Messer im Herzen umgewendet würde.
Deutlich und klar stand jetzt plötzlich meine Liebe vor meinem inneren
Auge, eine glühende grenzenlose Leidenschaft, wie sie nur der empfinden
kann, dessen Herz 26 Jahre lang jungfräulich geblieben. Ich konnte
hinfort -- das ward mir zu unumstößlicher Gewißheit -- noch leben und
kämpfen -- mich des Lebens und des Erkämpften freuen, nimmermehr! Aber
war es denn auch gewiß und unabwendbar? Gab es denn keine Möglichkeit,
diesen Verlobten, der seine Braut allen Gefahren einer abenteuerlichen
Reise, allen Versuchungen der Schutzlosigkeit preisgab und der jetzt
plötzlich hier auftauchen soll, um mir aus meinem Eden die Seligkeit zu
rauben, gab es keine Möglichkeit, ihn aus dem Felde zu schlagen? Doch
ist es überhaupt denkbar, daß Ellen, diese Ellen, wie ich sie seit
Monaten kenne, einen solchen Jammermenschen lieben würde? Hin zu ihr,
mir Klarheit zu verschaffen, um jeden Preis!
Damit stürmte ich hinüber ins Nachbarhaus. Dort hatte inzwischen meine
Schwester ein ähnlich Märchen auch Ellen erzählt. Sie habe sich nun
einmal in den Kopf gesetzt gehabt, aus uns ein Paar zu machen, und daher
in der Hoffnung, daß meine Werbung ihren (Ellens) Widerstand brechen
würde, auch mir von ihrem Plane gesprochen, wäre, als auch ich mich
weigerte, dringender geworden, und da hätte ich ihr endlich gestanden,
mich hinter ihrem Rücken in Europa verlobt zu haben; die Braut werde mit
dem nächsten Einwanderzuge hier eintreffen ... So weit war Klara
gelangt, als mein Erscheinen ihre Erzählung unterbrach.
Totenbleich wankte Ellen auf mich zu; sie wollte sprechen, doch ihre
Stimme versagte; erst meine halb angst-, halb zornerfüllten Fragen nach
dem amerikanischen Bräutigam gaben ihr die Sprache wieder. Zugleich aber
hatte sie auch den Schlüssel der Situation gefunden: daß ich sie liebe,
daß meine Schwester uns beide getäuscht. Was weiter folgte, läßt sich
leicht erraten. So kam es, daß Ellen meine Braut war, als Dr. Strahl in
Edenthal anlangte -- und dieses ist das dritte Ereignis, von welchem ich
vorher noch erzählen wollte.
Ob das Entzücken, mit welchem ich das Weib meiner Liebe zum ersten Male
ans Herz drückte, das größere gewesen oder jenes, mit welchem ich den
Freund meiner Seele, den Abgott meines Geistes einführte in jenes
irdische Paradies, zu welchem er uns den Weg gewiesen -- das wage ich
nicht zu entscheiden.
Als ich im Auge des verehrten Freundes beim Erschauen der Herrlichkeit
unserer neuen Heimat und des kräftig pulsierenden fröhlichen Lebens, das
sie bereits erfüllte, Thränen der Freude, in diesen aber die sichere
Bürgschaft unmittelbar bevorstehenden Erfolges erblickte, da erfaßte
mich zwar nicht jene überschwängliche, für die Brust, die ihr zum ersten
Male sich öffnet, schier unerträgliche Wonne, wie wenige Tage zuvor, als
die Geliebte mir in Küssen das Geheimnis ihres Herzens offenbarte; aber
wenn einst mein Haar weiß und mein Nacken gebeugt sein wird, dürfte wohl
die Erinnerung an jene bräutlichen Küsse mein Blut nicht mehr so
siedendheiß durch die Adern jagen, wie heute, während der Gedanke an die
Stunde, in der ich Hand in Hand mit dem Freunde die stolze und doch
reine Freude empfand, den ersten, schwersten Schritt zur
Erlösung unserer leidenden, enterbten Mitbrüder aus den Martern
vieltausendjähriger Knechtschaft vollbracht zu haben, niemals seine
beseligende Kraft einbüßen wird, so lange ich unter den Lebenden wandle
und mein Geist nicht von Nacht umfangen ist.
Lange, lange stand der Meister auf den Höhen vor Edenthal, jede
Einzelheit des entzückenden Bildes andächtig in sich aufnehmend; dann zu
uns sich wendend, die wir ihn rings umgaben, fragte er, ob wir dem
Lande, das unabsehbar nach allen Seiten sich ausdehnt und welches unsere
Heimat werden solle, schon den Namen gegeben hätten. Als ich dies
verneinte, mit dem Beifügen, daß ihm, der dem Gedanken Worte lieh,
welcher uns hierher geführt, auch das Amt gebühre, das Wort für das Land
zu finden, in welchem dieser Gedanke zuerst verwirklicht werden soll, da
rief er: »Die Freiheit wird in diesem Lande ihre Geburtsstätte finden:
»_Freiland_« wollen wir es nennen!«
Zweites Buch.