6. Kapitel.

Während wir am Kenia solcherart damit beschäftigt waren, den aus der

alten Welt erwarteten Brüdern das neue Heim behaglich einzurichten,

arbeiteten unsere Genossen unter Demestres und Johnstons Führung nicht

minder erfolgreich an den ihnen zugeteilten Aufgaben.

Die Herstellung der Wege innerhalb des eigentlichen Keniagebietes ging

Demestre nichts an; sein Geschäft begann erst am Saume der die

Keniaregion umgürtenden großen Wälder. Von hier bis zur Grenze zwischen

Kikuja und Massailand bei Ngongo übergab er die Ausführung des Werkes

dem Ingenieur Frank, einem Amerikaner; die zweite Sektion von Ngongo bis

Masimani im Massailande, mittwegs zwischen Ngongo und Taweta, erhielt

der Ingenieur Möllendorf, ein Deutscher, die dritte Sektion,

Masimani-Taweta, Lermanoff, wie sein Name verrät, ein Russe; die letzte

und schwierigste Sektion, Taweta-Mombas zwei der bösesten Einöden

enthaltend, behielt sich Demestre selber vor. Jeder der vier Sektionen

waren 5 Weiße zugeteilt; seine 200 Suahelis, verstärkt durch die

doppelte Zahl auf dem Marsche durch ihr Land angeworbener Wakikuja, wies

Demestre den beiden ersten Sektionen zu, und zwar der ersten in

Kikujaland 50 Suaheli und 300 Wakikuja, der zweiten in Massai-Land 150

Suaheli und 100 Wakikuja. Die dritte Sektion wurde von Taweta aus

organisiert; dahin ritt Lermanoff mit einem Begleiter unter Benützung

unserer Kurieretappen vom Kenia binnen 6 Tagen, engagierte in Taweta, wo

sich stets Suahelikarawanen finden, 100 Suahelileute, in Useri und

Dschagga 250 der dortigen Eingeborenen und begann, nachdem inzwischen

auch seine anderen vier Begleiter eingetroffen waren und auch die ihm

wie jeder Sektion, zugeteilten Packpferde mitgebracht hatten, schon am

15. Juli von Taweta und Useri zugleich die Arbeiten. Demestre dagegen

ritt, gleichfalls unter Benutzung der Kurieretappen, in einer nur von

Nachtruhen unterbrochenen Tour zuerst nach Teita, warb dort 400 Wateita

an, die er unter Leitung eines seiner Begleiter sofort die Strecke

Teita-Taweta in Angriff nehmen ließ, eilte dann weiter nach Mombas und

brachte es zuwege, schon am 20. Juli mit 500 Küstenleuten auf der

schwierigsten Strecke, Mombas-Teita, die Arbeiten zu beginnen.

Diese Arbeiten waren überall dreifacher Art. Zunächst mußten an den

wasserarmen Stellen, deren es auf den unteren Sektionen mehrere gab,

insbesondere aber in den Wüsten von Duruma, Teita und Ngiri, Brunnen,

und wo sich kein Grundwasser fand, Cisternen gegraben werden, ergiebig

genug, um nicht nur die Arbeiter während der Bauzeit, sondern späterhin

Menschen und Vieh der durchziehenden Karawanen ausreichend mit Wasser zu

versorgen. Da es im äquatorialen Afrika zu allen Jahreszeiten heftige

Regengüsse giebt, die in den sogenannten trockenen Zeiten eben nur um

vieles seltener sind, als in der sogenannten Regenzeit, so war nicht zu

besorgen, daß große Cisternen, denen das Regenwasser aus genügend weitem

Umkreise zufloß, selbst in den heißen Monaten erschöpft werden könnten;

nur mußten diese Cisternen sowohl gegen den unmittelbaren Sonnenbrand

als auch gegen Schmutz geschützt werden. Ersteres geschah durch

Eindeckung und Überdachung, letzteres durch Einfriedigung der Cisternen

sowie dadurch, daß das Regenwasser, bevor es in die Gruben gelangen

konnte, durch eine mehrere Meter mächtige Sand- und Schotterschicht

hindurchgeleitet wurde. Die natürlichen, jedoch in Zeiten anhaltender

Dürre austrocknenden Wasserlöcher, die sich in allen Einöden vorfanden,

zeigten die Stellen an, wo diese Cisternen am praktischesten anzulegen

seien, denn es waren das selbstverständlich die tiefsten Punkte, nach

denen zu das Regenwasser seinen natürlichen Abfluß nahm. Die

bedeutendsten dieser Wasserlöcher brauchten blos entsprechend vertieft,

gegen Verdunstung des ihnen zuströmenden Wassers geschützt und mit den

oben erwähnten natürlichen Filtern umgeben zu werden, und die Cisternen

waren fertig. Von diesen wurden in den verschiedenen Sektionen 25

gegraben, mit einer Tiefe von 8 bis 15 und mit einem Durchmesser von 2

bis 8 Metern. Gewöhnliche Brunnen mit Grundwasser wurden 39 hergestellt.

An jedem dieser künstlichen Wasserbehälter ward zur Überwachung gegen

Verunreinigung ein Wächter angesiedelt.

In zweiter Reihe kamen die eigentlichen Wegbauten. Im allgemeinen wurde

dabei die schon beim Zuge von Mombas aufwärts hergestellte Straße

benutzt, bloß von Hindernissen etwas sorgfältiger befreit und wo sie

durch den Busch gehauen werden mußte, um mehr als das Doppelte

erweitert. An einzelnen Stellen jedoch, insbesondere wo steilere Höhen

zu überschreiten waren, mußte eine neue, minder jäh ansteigende Trace

gesucht werden. Daß auch einige Brücken zu bauen waren, bedarf wohl

keiner Erwähnung.

Der dritte Teil der Arbeit bestand in der Herstellung von primitiven

Unterkunftshäusern für Menschen und Vieh an geeigneten Orten. Speise-

und Schlafräume für einige Hundert Menschen, Pferche für zahlreiche

Rinder und Magazine für Lebensmittel wurden in Abständen von 12 bis 20

Kilometern, im ganzen 65 an der Zahl errichtet.

Alle diese Arbeiten waren auf der Strecke Mombas-Teita Ende September,

auf allen anderen Sektionen 14 Tage später vollendet. Die aufgenommenen

Arbeiter wurden jedoch nicht entlassen, da ein Teil derselben zur

Überwachung und Instandhaltung des Weges und der Baulichkeiten, ein

anderer Teil dagegen zu Zwecken des Transportdienstes auf der

neugeschaffenen Strecke Verwendung fand. Der Kostenaufwand für das

wahrlich nicht kleine Werk betrug 14500 Pfd. Sterling, zur Hälfte in

Löhnen, zur Hälfte in Subsistenzmitteln für die Arbeiter; zu bezahlendes

Baumaterial gab es nicht.

In der gleichen Zeit vollbrachte Johnston den Einkauf des zum Transporte

erforderlichen Zugviehes und die Organisation des Verpflegwesens der

Karawane. Seine Massai-Freunde verschafften ihm binnen wenigen Wochen

die ursprünglich bestellten 5000 Rinder, aus denen schließlich, da die

Zahl der zu transportierenden Mitglieder sich in jeder neuen, vom

Ausschusse der freien Gesellschaft anlangenden Depesche größer und

größer angegeben fand, nicht weniger als 9000 wurden. Ein Rind stellte

sich auf durchschnittlich etwas über 8 Schill. (Mark), wobei jedoch

reichlich die Hälfte auf die Nebenspesen entfiel; der nackte

Einkaufspreis betrug im Durchschnitt nicht einmal ganze 4 Schilling per

Stück.

Den Transportdienst organisierte Johnston in der Weise, daß von Mombas

täglich 25 Wagen abgehen und unterwegs auf jeder der 65 Stationen

frische Zugochsen finden sollten. In Edenthal angelangt, hatten dann die

Wagen wieder umzukehren, um von den Ochsengespannen Etappe um Etappe

zurückbefördert zu werden. Im Sinne dieser ebenso einfachen als

praktischen Anordnung durchliefen also alle Wagen einen ununterbrochenen

Kreislauf von Mombas nach dem Kenia und von dort wieder nach Mombas,

während die Zugochsen in gleichen Abteilungen immer bloß zwischen je

zwei benachbarten Stationen hin und her wanderten. Es konnten solcher

Art täglich 250 Personen befördert werden, und um die sämtlichen, vom

Ausschusse signalisierten 20000 Mitglieder aufzunehmen, waren 80 Tage

erforderlich, es sei denn, daß ein Teil derselben den Weg zu Pferde

zurücklegte.

Die in England, Amerika und Deutschland konstruierten Wagen trafen

rechtzeitig in Mombas ein. Sie waren in jeder Beziehung Musterbilder

sinnreicher Konstruktion, solid und im Verhältnis zu ihrer Größe doch

leicht gebaut, eine Menge von Bequemlichkeiten bietend und doch einfach.

10 Personen fanden in jedem derselben bei Tag gute Sitzplätze, bei Nacht

ein erträgliches Lager. Eine höchst einfache Vorrichtung ermöglichte

eine derartige Veränderung in der Anordnung der Sitze, daß _unter_

denselben für 6, _auf_ denselben für 4 andere Personen genügender Raum

zum Liegen gewonnen wurde. Solide Federn milderten die Stöße des

Gefährtes, ein bewegliches Lederdach bot im Bedarfsfalle Deckung gegen

Regen wie Sonnenbrand, und die -- des Nachts zur Lagerstätte dienenden

-- Matratzen waren tagsüber derart unterhalb des Lederdaches

angeschnallt, daß dieses doppelten Schutz gegen die Sonnenhitze

gewährte. Auch für die Unterbringung des Gepäcks war in sehr praktischer

Weise gesorgt.

Am 30. September langte das erste Schiff mit 900 Mitgliedern an -- und

zwar war dasselbe gleich allen folgenden Eigentum der Gesellschaft. In

der Voraussicht, daß der Zuzug von Einwanderern sobald nicht aufhören,

ja wahrscheinlich stetig zunehmen werde, und von der Absicht geleitet,

diese Einwanderung soweit nur irgend möglich in eigener Hand zu

behalten, hatte sie 12 große, schnellfahrende Dampfer von

durchschnittlich 3500 Tonnen Tragkraft angekauft und ihren Zwecken

entsprechend umgestalten lassen. Klassenunterschiede gab es auf den

Schiffen der Gesellschaft nicht; es wurde von Niemand Bezahlung

genommen, weder für den Transport noch für die Verpflegung auf der

ganzen Reise, dafür mußte sich auch Jedermann mit dem gleichen,

allerdings nicht geringen, Ausmaße von Komfort begnügen. Auf Deck waren

große Speise- und Gesellschaftsräume, unter Deck zwar kleine, aber für

jede Familie gesonderte, bequem ausgestattete und durchweg ausgezeichnet

ventilierte Schlafkabinen. Die Aufnahme geschah in der Reihenfolge der

Beitrittserklärungen zur Gesellschaft; die älteren Mitglieder hatten die

Priorität. Natürlich blieb es jedermann freigestellt, die Seereise auch

auf fremden Schiffen zu machen, ohne dadurch in Mombas seines Platzes in

der Reihe der zu Befördernden verlustig zu werden.

In Mombas angelangt, stand es Jedermann frei, die Weiterreise zu Pferd

oder zu Wagen zu wählen. Die Reiter ihrerseits konnten entweder die

Wagenkarawanen begleiten oder in beliebig eingeteilten Märschen

voraneilen; nur der jeweilige Vorrat an Pferden zum Wechseln in den 65

Stationen mußte beachtet werden; doch war thunlichst dafür gesorgt, daß

der erforderliche Pferdebestand nirgends ausging. Die Fahrenden hatten

gleichfalls die Wahl, ob sie ununterbrochen Tag und Nacht, bloß mit den

zum Wechseln der Gespanne nötigen Pausen, oder bedächtiger, unter

Einhaltung beliebig ausgedehnter Mittags- oder Nachtstationen sich

fortbewegen wollten. Ersterenfalls konnten sie bei günstigem Wetter in

14 Tagen, ja sogar rascher in Edenthal anlangen, letzterenfalls waren

dazu 20 Tage und darüber erforderlich.

Alle getroffenen Anordnungen bewähren sich aufs vollständigste. Nirgends

gab es Aufenthalt, die Verpflegung ließ nichts zu wünschen übrig; eine

Massaieskorte, die Johnston in der Stärke von 10 Mann für jede Station

organisiert hatte, sorgte während der Nachtreisen für Sicherheit gegen

wilde Tiere, hatte überhaupt als Beistand in etwaigen Verlegenheiten zu

dienen, und 4 aus der Mitte der Unseren entsendete Kommissare mit dem

Sitze in Teita, Tawete, Miveruni und Ngongo überwachten das Ganze. Die

Eingeborenen kamen den ersten Wagenzügen mit staunendem Jubel, Allen

aber mit größter Freundlichkeit und Dienstbeflissenheit entgegen.

Insbesondere die Wataweta, der Sultan von Useri und die Massaistämme

ließen es sich nicht nehmen, unsere Reisenden mit den Beweisen ihrer

Verehrung und Liebe für die »am großen Berge angesiedelten« weißen

Brüder zu überhäufen.

Die ersten neuen Ankömmlinge -- unter ihnen unser geliebter Meister --

trafen am 14. Oktober in Edenthal ein; ihnen folgten in ununterbrochener

Reihe stets neue und neue Scharen. Doch bevor über die damit anhebende

neue Ära der Geschichte unseres Unternehmens berichtet wird, mag noch

kurz erzählt werden, was in der letzten Zeit am Kenia geschah.

Zunächst ist zu erwähnen, daß noch im Monat August eine zahlreiche

Gesandtschaft von Massaistämmen aus Leikipia -- das ist das Land

nordwestlich von Kenia -- und aus den Distrikten nördlich vom Naiwascha-

bis zum Baringosee in Edenthal eingetroffen war, uns Gruß und

Freundschaft entbietend und die Bitte an uns richtend, sie in den mit

den anderen Massai abgeschlossenen Bundesvertrag mit aufzunehmen. Die

Gewährung dieser sehr beweglich und nicht ohne einige Empfindlichkeit

vorgetragenen Bitte legte uns nun allerdings erhebliche neue Lasten auf;

trotzdem besann ich mich keinen Augenblick, dieselbe zu gewähren und

alle Mitglieder stimmten mir einhellig zu. Denn mit dem Opfer von

einigen tausend Pfd. Sterling jährlich war die vollständige

Pacifizierung des streitbarsten und zweifellos tüchtigsten unter allen

Volksstämmen der ganzen Äquatorialzone wahrlich nicht zu teuer erkauft.

Wir hatten nunmehr genügende Sicherheit, allmählich wachsende Kultur in

diesen bisher von unaufhörlichen Fehden und Raubzügen heimgesuchten

Gegenden einziehen zu sehen, stets brauchbarere Genossen unseres großen

Werkes in den schwarzen und braunen Eingeborenen zu erziehen, und indem

wir sie lehrten, Wohlstand und Überfluß für sich selber zu erzeugen, die

Quellen unseres eigenen Wohlstandes zu vermehren. Ich hielt also den

braunen Recken eine sehr schmeichelhafte Lobrede, erklärte mich gerührt

über die an den Tag gelegte gute Gesinnung und versprach behufs

Ausfertigung des Vertrages, wie nicht minder, um sie zu ehren, demnächst

eine Gesandtschaft an sie zu senden. Reich beschenkt wurden die,

übrigens auch ihrerseits nicht mit leeren Händen erschienenen Massai --

sie hatten 100 erlesene Rinder und 200 fettschwänzige Schafe als

Ehrengabe mitgebracht -- entlassen. Johnston, den ich sofort von dem

Vorgefallenen verständigte, übernahm die Ausführung des gegebenen

Versprechens. Daß er sich zu diesem Behufe aus den Waren der im

September am Kenia angelangten Expedition, auf die er in Miveruni

gestoßen, reichlich mit Hülfsmitteln versorgte, habe ich schon

berichtet; als seine Aufgabe an der Etappenstraße erfüllt war, zog er --

zu Anfang des Monats Oktober -- an den Naiwaschasee, von da weiter durch

die mächtige, meist überaus fruchtbare Hochebene von 1800 Meter Seehöhe,

die, eingerahmt von 1000-2000 Meter höheren Randbergen, die Hochseen von

Massailand enthält, nämlich außer dem Naiwascha-, dem wunderbaren

Elmetaita- und dem Salzsee von Nakuro noch eine Reihe kleinerer Becken,

und erreichte am 20. Oktober den etwa 200 Quadratkilometer deckenden, in

einer bloß 980 Meter hohen Bodensenkung gelegenen Baringosee, an der

Nordgrenze von Massailand. Von da westlich wieder aufwärts steigend

durchzog er, vorbei an den gewaltigen Thomsonfällen, das wald- und

wasserreiche Leikipia und traf in der zweiten Novemberwoche bei uns am

Kenia ein, nachdem er mit allen unterwegs wohnenden Massaistämmen, wie

nicht minder mit den »Ndemps« am Baringosee, Bündnisverträge geschlossen

hatte.

In zweiter Linie ist von den erfolgreichen Zähmungsversuchen zu

berichten, die auf Anregung unserer beiden Damen mit mehreren der am

Kenia heimischen Tierarten angestellt wurden. Die Idee hiezu ging

ursprünglich von Miß Fox aus, der dabei in erster Reihe bloß die Absicht

vorschwebte, den Frauen und Kindern der neuen Ankömmlinge Freude zu

bereiten. Für diese Idee gewann sie meine Schwester, eine große

Tierfreundin, und so warben denn die Beiden einige Andorobo und Wakikuja

zunächst dafür, Affen und Papageien zu fangen, deren es im Edenthal und

Umgebung einige sehr reizende Arten gab. Als die Zähmungsversuche mit

diesen Tierchen über Erwarten rasch und gut gelangen, so daß schon nach

Verlauf weniger Wochen die ihrer Haft entlassenen Gefangenen den

Herrinnen freiwillig nachsprangen und nachflatterten, wuchs Beider

Ehrgeiz und die Andorobo erhielten den Auftrag, einige Exemplare einer

besonders niedlichen Antilopenart einzufangen, die unsere Naturforscher

als eine Abart der hauptsächlich in Westafrika vorkommenden

Schopfantilope (_Cephalophus rufilatus_) bestimmten. Auch dieser Versuch

war von Erfolg begleitet; zwar die alten Tiere erwiesen sich so scheu

und ungeberdig, daß man sie schließlich laufen ließ; aber mehrere Junge

gewöhnten sich überraschend schnell an ihre Wärterinnen und liefen

denselben nach, wie die Hündchen. Diese Antilopengattung wird nicht

größer, als etwa ein mittelgroßes Schaf, insbesondere die jungen Tiere

nehmen sich mit ihren rötlichen Schöpfen überaus putzig aus und geberden

sich in allen Stücken wie übermütige Zicklein. Miß Ellen und meine

Schwester hatten bald eine ganze Menagerie von Antilopen, Äffchen,

Papageien um sich versammelt, die zu Nutz und Frommen der erwarteten

Kinderwelt zu allerlei Kunststücken dressiert wurden.

So standen die Dinge, als einer der indischen Elefantenwärter, die Miß

Ellen mit an den Kenia genommen hatte und die nicht daran dachten,

jemals wieder in ihre Heimat zurückzukehren, seiner »Herrin« gegenüber

-- denn die Inder konnten sich noch nicht daran gewöhnen, sich als

vollkommen unabhängige Männer zu fühlen -- die Frage wagte, ob sie nicht

auch ein Elefanten-Baby als Schoßtierchen wünsche? Als diese bejaht

wurde, machte er sich anheischig, eines oder mehrere zu fangen, falls

ihm erlaubt werde, mit den vier Elefanten und ihren Führern für einige

Tage in die Wälder zu ziehen. Da Miß Ellen ihre Elefanten zum Baudienste

hergegeben hatte, wo die intelligenten Kolosse von geradezu

unschätzbarem Nutzen waren, und eines Spielzeugs halber die Arbeit nicht

stören mochte, sagte sie dies dem Inder und erklärte, auf die Erfüllung

ihres Wunsches verzichten oder wenigstens so lange damit warten zu

wollen, bis man die Elefanten bei der Arbeit leichter entbehren könne.

Der Inder ging; aber die Idee, daß seine geliebte Herrin sich etwas

versagen sollte, was ihr -- das hatte er sofort bemerkt -- großes

Vergnügen bereitet hätte, rüttelte ihn aus seiner gewohnten

fatalistischen Indolenz auf; er grübelte über die Sache zwei Tage lang

und erschien am dritten mit dem Vorschlage, die Zeitversäumnis der vier

Elefanten dadurch gut zu machen, daß er und die anderen Kornaks nebst

dem Elefanten-Jungen auch einige Elefanten-Alte fangen und zur Arbeit

dressieren wollten. »Aber afrikanische Elefanten lassen sich nicht

dressieren, gleich den indischen«, wandte Miß Ellen ein. Der Inder

erlaubte sich, das zu bezweifeln, und seine 7 Kollegen waren sämtlich

der gleichen Meinung. Elefant sei Elefant; sie möchten das Rüsseltier

sehen, das sie nicht binnen wenigen Wochen kirre bekämen, wenn es erst

einmal in ihrer Gewalt wäre. »Wenn dem wirklich so ist, warum habt Ihr

das früher nicht gesagt, da Ihr doch sehen mußtet, wie gut man hier

Elefanten gebrauchen kann?« forschte die Amerikanerin weiter, erhielt

jedoch darauf bloß ein lakonisches »Weil Du uns nicht gefragt hast« zur

Antwort.

Miß Ellen wußte sich nicht zu raten; der Gedanke, die Kolonie von

Edenthal mit Herden gezähmter Elefanten zu versehen -- denn wenn sich

diese Tiere überhaupt zähmen ließen, dann konnte man hier ebensogut

Tausende als Einen zur Stelle schaffen -- ließ sie nicht zur Ruhe

kommen; aber andererseits erinnerte sie sich, in ihrer Naturgeschichte

gelesen zu haben, der afrikanische Elefant sei unzähmbar, und wir alle,

die sie diesfalls befragte, mußten ihr bestätigen, daß es nirgends in

Afrika gezähmte Elefanten gebe. Sie wurde über dieses Problem nachgerade

beinahe trübsinnig; sichtlich gelüstete es sie, es auf einen Versuch

ankommen zu lassen; aber die Inder blieben dabei, ohne Mitwirkung der

zahmen keinen wilden Elefanten einbringen zu können, und erstere in der

Zeit dringendster Arbeiten zu problematischen Versuchen zu verwenden,

das zu beantragen, scheute sie sich um so mehr -- als die Elefanten

_ihr_ Eigentum waren und sie daher eigentlich nach Gutdünken über

dieselben verfügen konnte. Da kehrte unser Zoologe, Signor Michaele

Faënze, von einem längeren Ausfluge nach dem Kenia-Massiv zurück und

stellte sich, als ihn Miß Fox ins Vertrauen zog, ohne weiteres auf die

Seite der Inder. Zwar auch er gab zu, daß es thatsächlich keine zahmen

afrikanischen Elefanten gebe, behauptete aber geradezu, dies müsse bloß

daran liegen, daß die Afrikaner verlernt hätten, dies edle Tier dem

Menschen dienstbar zu machen. An der Rasse liege es ganz gewiß nicht,

was schon daraus hervorgehe, daß zur Römerzeit dressierte Elefanten in

Afrika gerade so gut bekannt waren, wie in Asien. Man solle die Inder

nur machen lassen; wenn sie ihre Kunst verstünden, werde ihnen dieselbe

hier so gut gelingen wie in Indien.

Und so geschah's. Die 8 Kornaks mit ihren 4 Elefanten zogen in einen der

nahen Wälder, und als sie dort, was gar nicht lange dauerte, eine Herde

wilder Elefanten gefunden hatten, machten sie es mit diesen genau so,

wie sie es in ihrer Heimat erlernt hatten. Die zahmen Elefanten wurden

führerlos in die Herde der wilden gelassen, von denen sie zwar anfangs

mit einigem Befremden empfangen, schließlich aber in aller Freundschaft

aufgenommen wurden. Einmal so weit, machten sich die listigen Tiere

zunächst mit dem Führer der Herde, dem stärksten und schönsten Bullen,

zu schaffen, liebkosten ihn, wedelten ihm die Fliegen weg, fesselten

aber dabei mit mitgenommenen starken Stricken einen seiner Füße an einen

starken Baumstamm. Nachdem dies geschehen war, stießen sie ihren

Angstruf -- einen scharfen Trompetenton -- aus, als ob sie irgendeine

Gefahr bemerkt hätten und stürmten davon, auf welches Signal hin die

Inder unter Geschrei und Flintenschüssen hervorstürzten, was die ganze

Herde veranlaßte, den Zahmen in größter Eile nachzufolgen. Der arme

Gefesselte konnte natürlich nicht mithalten, so verzweifelt er auch an

dem Stricke zerrte, und die Inder ließen ihn trampeln und trompeten,

ohne sich vorläufig um ihn zu kümmern. Ihre nächste Sorge war, die Spur

der enteilten Herde zu finden. Nach etwa einer Stunde hatten sie sich an

diese neuerlich herangeschlichen, wo inzwischen die vier Zahmen das

vorige Spiel mit einem neuen Opfer wiederholten; auch dieses wurde

gefesselt und dann unter großem Spektakel verlassen. Noch drei weitere

Elefanten teilten im Laufe des Tages dies Schicksal; dann schien die

Herde argwöhnisch geworden zu sein, denn die berüsselten Verräter

kehrten nach einer Weile allein zu ihren Treibern zurück.

Nunmehr erst wurde jedem der fünf Gefesselten -- unter ihnen ein

Weibchen mit einem etwa einjährigen Jungen in der Größe eines mittleren

Kalbes -- ein Besuch abgestattet. Die zahmen Elefanten gingen ohne

weiteres auf die verzweifelt am Stricke Zerrenden los und banden ihnen

die Vorderfüße eng aneinander. Das gelang zwar nicht, ohne daß die

Betrogenen wütenden Widerstand leisteten, aber dieser wurde in höchst

brutaler Weise durch Rüsselschläge und Zahnstöße bewältigt. Hierauf

machten sich die erbarmungslosen Schergen daran, rings um ihre Opfer

alles für Elefantengaumen Genießbare -- also Gras, Büsche und Baumzweige

zu entfernen; wo dazu die Rüssel nicht ausreichten, drängten sie die

Gefesselten auf die Seite und ermöglichten es den Treibern, mit Axt und

Beil das Werk zu vollenden.

Als der Abend anbrach, waren alle fünf Gefangenen geknebelt und jeder

Möglichkeit beraubt, sich Nahrung zu verschaffen. Nunmehr mußten sie

aber auch bewacht werden, damit nicht etwa Löwen oder Leoparden die

Gelegenheit wahrnähmen, die wehrlos Gemachten anzufallen. Am anderen

Morgen statteten die zahmen Elefanten ihren gefesselten Brüdern der

Reihe nach Besuche ab, halfen den bei ihrem nächtlichen Toben

Umgefallenen sich aufrichten, was wieder nicht ohne ausgiebige Prügel

und Stöße vollbracht ward und überließen sie dann abermals ihrem

Schicksale.

Das ging so drei Tage hindurch; die armen Gefesselten litten Hunger und

Durst und bekamen, so oft ihre verräterischen Brüder nach ihnen sahen,

jämmerliche Schläge. Am vierten Tage waren sie so schwach und kleinlaut,

daß sie gar nicht mehr tobten, sondern kläglich brüllten, als sich ihre

Peiniger nahten, die aber nichtsdestoweniger mit Rüsseln und Zähnen über

sie herfielen. Da erschien nun den Mißhandelten ein rettender Engel --

in Gestalt des Menschen. Dieser verjagte zunächst unter drohenden

Geberden und einigen schallenden Schlägen die Schergen von ihrem Opfer

und hielt diesem dann ein Gefäß Wasser hin. Stutzte darauf der wilde

Elefant und nahm sich Zeit, die Sachlage zu überblicken, so war die

Tragikomödie aus, das Tier gebändigt. Denn es acceptierte in diesem

Falle nach einigem Bedenken den gebotenen Trunk, nach diesem einige

Nahrungsmittel, konnte dann gefahrlos vollständig getränkt und gefüttert

und unter Eskorte der zahmen Elefanten zu weiterer Ausbildung

heimgeführt werden. Wurde es dagegen beim Anblicke des Menschen erst

recht rabiat -- was allerdings bei dreien von den Fünfen der Fall war --

so mußte mit der Prügel- und Hungerkur so lange fortgefahren werden, bis

der Elefant zu begreifen begann, Erlösung aus seiner Lage könne hier nur

das schreckliche zweibeinige Geschöpf spenden.

Schließlich ergab sich jeder der Gefangenen in sein Schicksal. Die

einzige Gefahr dieser Jagd bestand bloß darin, daß der Jäger sich auf

die Sicherheit seines Urteils über den Charakter des Gefesselten

verlassen mußte in dem Augenblicke, wo er ihm zum ersten Male nahte.

Zwar standen die zahmen Elefanten hülfsbereit und aufmerksam dabei; da

jedoch ein einziger Rüsselhieb des gereizten Tieres genügen kann, einen

Menschen zu töten, so gehört immerhin viel Geistesgegenwart und Mut zu

der Sache. Die Inder versicherten übrigens, daß ein halbwegs an den

Umgang mit Elefanten Gewöhnter aus dem Blick des Tieres ganz zuverlässig

auf dessen Absichten schließen könne; man brauche daher bloß die

Vorsicht zu beachten, keinem Gefangenen völlig nahe zu treten, bevor man

in dessen Auge die Ergebung in das Unvermeidliche gelesen, und es sei

überhaupt nichts zu fürchten.

Schon nach sechs Tagen kehrte die Expedition mit ihren fünf Gefangenen

zurück, die zwar noch nicht dressiert und zur Arbeit brauchbar, aber

doch schon insoweit »zahm« waren, daß sie sich ruhig einsperren,

füttern, tränken und unterrichten ließen. Nach Verlauf fernerer zwei

Wochen waren sie der Hauptsache nach »fertig«, d. h. brauchbar zu

allerlei Arbeiten, insbesondere wenn ihnen einer der Veteranen an die

Seite gegeben wurde. Miß Ellen feierte einen doppelten Triumph: sie

besaß ein herziges Elefantenbaby, das zwar für ein Schoßtierchen etwas

zu plump, aber nichtsdestoweniger das drolligste Wesen war, das es geben

mag und sich rasch zum erklärten Liebling von ganz Edenthal aufschwang;

und sie hatte des ferneren der Gesellschaft eine unerschöpfliche Quelle

sehr schätzbarer Arbeitskraft eröffnet, auf welche ohne sie niemand

geraten wäre. Denn hätte sie sich nicht seinerzeit in den Kopf gesetzt,

die Expedition mitzumachen, so wären wohl schwerlich so rasch indische

Elefanten und Elefantenführer an den Kenia gekommen, und ohne diese

wären die Elefanten Afrikas vielleicht von den Elfenbeinjägern

ausgerottet gewesen, bevor an ihre Zähmung auch nur jemand gedacht

hätte.

Von da ab fuhren wir mit dem Elefantenfange rüstig fort, so daß binnen

kurzem der Elefant das hauptsächlichste _Tragtier_ am Kenia wurde und

überall dort verwendet werden konnte, wo schwere Lasten auf kurze

Entfernungen oder auf Gebieten, die für Wagen unpassierbar waren,

bewältigt werden sollten.

Das so vortrefflich gelungene Experiment mit den Elefanten legte uns

aber auch den Gedanken nahe, es mit der Zähmung anderer Tiere nicht bloß

zu Zwecken der Belustigung, sondern um des Nutzens willen zu versuchen.

Zunächst kam das Zebra an die Reihe und es gelang auch mit diesem. Zwar

die alten Tiere waren unbrauchbar; aber die Füllen erwiesen sich -- wenn

sehr jung eingefangen -- als leidlich gelehrig und nicht sonderlich

scheu und in den zweiten Generationen unterschieden sich später unsere

zahmen Zebras in nichts, als in der Hautfarbe von den besten Maultieren.

Strauß und Giraffe wurden der Reihe unserer Haustiere angereiht; den

größten Triumph aber feierten unsere Dresseure mit der Zähmung des

afrikanischen Büffels. Es ist das das bösartigste, unbändigste und

gefährlichste unter allen afrikanischen Tieren und dennoch wurde es so

vollständig gezähmt, daß es im Verlaufe der Jahre das gemeine Rind als

Zugtier vollständig verdrängte. Zwar in Freiheit aufgewachsene Bullen

waren und blieben wahre Teufel; doch schon die gefangenen Kühe konnte

man wenigstens so weit bringen, daß sie dem Wärter aus der Hand fraßen,

und was die in Gefangenschaft aufgezogenen Büffel anlangt, so zeigten

diese genau den nämlichen Charakter wie das gewöhnliche Rind. Die Bullen

blieben, insbesondere wenn sie alt wurden, immer etwas unverläßlich, die

Kühe und die verschnittenen Ochsen dagegen waren so sanft und gelehrig

wie nur irgend ein Wiederkäuer. Als Milchkühe wurden sie bei uns niemals

geschätzt, da sie zwar fette, aber nicht reichliche Milch gaben; als

Zugtiere aber waren unsere Büffelochsen unvergleichlich. Es gibt für

diese riesigen Tiere -- sie überragen das größte Hausrind um reichlich ½

Fuß, ihr Nacken hat eine Breite bis zu 2 Fuß und ihre Hörner lassen sich

an der Wurzel mit zwei Händen nicht umspannen -- keine zu schweren

Lasten; wo vier gewöhnliche Ochsen erlahmen, gehen zwei Büffel ihren

gleichmäßigen Schritt weiter, als wären sie ledig. Dabei vertragen sie

Hunger, Durst Hitze und Regen besser als ihre längst gezähmten

Verwandten -- kurzum sie erweisen sich in einem Lande, wo gute Chausseen

noch nicht überall zu finden sind, als geradezu unschätzbar.

Das dritte Ereignis -- doch dieses geht eigentlich direkt nur mich

persönlich an und gehört bloß insofern in den Rahmen dieser Erzählung,

als es mit der Lebensweise und mit den socialen Zuständen in Edenthal

zusammenhing. Es wird also am besten sein, wenn ich zunächst erzähle,

wie wir vor dem Eintreffen der Hauptmasse unserer Brüder in der neuen

Heimat lebten, uns einrichteten und arbeiteten.

Freiland: Ein sociales Zukunftsbild · 第 7 / 29 题