5. Kapitel.

Am Morgen nach unserer Ankunft am Kenia war meine erste Sorge -- denn

von da ab überging die Leitung der Expedition in meine Hände -- das

ausführliche, die bisherigen Ereignisse schildernde Tagebuch und einen

kurzen Schlußbericht an unsere Freunde in Europa zu expedieren. Ich

erklärte in diesem Berichte, daß wir dafür einstehen könnten, bis zur

nächsten Ernte, d. i. also nach afrikanischem Kalender bis Ende Oktober

dieses Jahres, alles zum Empfange von vielen Tausenden unserer Brüder

vorbereitet zu haben; ebenso könnten wir versprechen, von Mombas zum

Kenia einen für langsam fahrendes Fuhrwerk vollkommen geeigneten Weg bis

längstens Ende September fertig zu stellen und Zugochsen in genügender

Zahl herbeizuschaffen. Ich forderte die Gesellschaftsleitung auf,

ihrerseits den rechtzeitigen Bau geeigneter und genügender Wagen zu

veranlassen und machte mich anheischig, jede beliebige, uns rechtzeitig

angekündete Zahl einwandernder Mitglieder, vom 1. Oktober angefangen,

gefahrlos und so bequem, als angesichts der gebotenen Transportmittel

nur immer möglich, in die neue Heimat zu befördern. Zum Schlusse bat ich

um sofortige Nachsendung einiger hundert Zentner verschiedener Waren in

Begleitung einer neuen Schar kräftiger junger Mitglieder.

Die zwei Kuriere mit dieser Depesche -- die Kuriere hatten nämlich

überall zu zweien zu reisen -- ritten am 1. Juli vor Morgengrauen ab;

pünktlich am 10. Juli war die Depesche in Mombas, am 11. in Zanzibar, am

selben Tage noch hatte der Ausschuß meinen ihm von Zanzibar

telegraphisch durch unseren Bevollmächtigten weiterbeförderten Bericht

in Händen, während er das per Postschiff gehende Tagebuch allerdings

erst zwanzig Tage später erhielt; noch am Abend des gleichen Tages war

die Rückantwort in Zanzibar und am 22. Juli schon konnte ich dieselbe

den gleich mir über dieses erste Lebenszeichen von den fernen Freunden

seltsam bewegten Brüdern vorlesen. Sie war sehr kurz: »Dank für

hocherfreuliche Nachricht; Mitgliederzahl derzeit 10000 überschritten;

Wagen für je 10 Personen und 20 Zentner Last nach Bedarf bestellt;

werden von Ende September ab successive in Mombas eintreffen; 260 Reiter

mit 300 Tragtieren und 800 Zentner Waren gehen Ende Juli ab. Bitten um

möglichst häufige Nachricht.« Letzterem Wunsche war inzwischen

meinerseits schon entsprochen worden, denn nicht weniger als fünf

fernere Depeschen hatte ich zwischen dem 6. und 21. Juli expediert. Was

dieselben enthielten, wird sich am besten aus dem weiteren Laufe der

Erzählung über unsere Erlebnisse und Arbeiten ergeben. Und zwar sind von

da ab zweierlei Vorgänge zu unterscheiden: Kulturarbeiten zur

Installierung der neuen Heimat am Kenia, und Vorkehrungen behufs

Sicherstellung und Erleichterung des Verkehrs mit der Küste.

Unser Lager hatten wir am Abend des letzten Juni am Ufer eines

ansehnlichen Flusses aufgeschlagen, des wasserreichsten, den wir bisher

getroffen. Die Breite desselben betrug 30 bis 40 Meter, seine Tiefe

schwankte zwischen 1 und 3 Metern. Seine Fluten waren klar und kühl,

sein Gefäll jedoch ein auffallend mäßiges. Er durchströmte von Nordwest

nach Südost ein muldenartig sanft eingebuchtetes Plateau von nahezu 30

Kilometer Länge, welches sich halbmondförmig an die Vorberge des Kenia

schmiegte; dessen größte Breite in der Mitte betrug 14 Kilometer,

während es sich am Westende bis auf 1½, am Ostende bis auf 4 Kilometer

verengte. Diese etwa 260 Quadratkilometer bedeckende Mulde war durchweg

saftiges Grasland, bestanden von zahlreichen kleinen Palmen-, Bananen-

und Sykomorenhainen. Begrenzt war dieselbe im Süden von den

grasbedeckten Hügeln, die wir überschritten hatten, im Westen von

schroffen Felswänden, im Norden teils von dunkeln Waldbergen, teils

gleichfalls von kahlen, himmelanstrebenden Felsen, welche die Aussicht

nach dem hinter ihnen liegenden Kenia-Massiv benahmen; im Osten zeigte

sich zwischen den Hügeln des Südens und den Felsen des Nordrandes eine

Lücke, durch welche der Fluß seinen Abzug fand, und zwar, wie von

dorther trotz der großen Entfernung herübertönendes Donnern und Brausen

anzeigte, in Form eines mächtigen Wasserfalls, der sich als ein solcher

von 95 Metern Fallhöhe ergab. Seinen westlichen Eintritt in das Plateau

fand dieser Fluß, der sich späterhin als der Oberlauf des an der

Wituküste in den indischen Ozean mündenden Dana erwies, durch ein enges

Felsenthor, durch welches wir vorerst nicht weiter vorzudringen

vermochten. Vom Norden her, den Abhängen der Keniavorberge entlang,

eilten dem Dana vier größere und zahlreiche kleinere Bäche zu, die

während ihres Laufes über die Felsenschroffen eine Menge mehr oder

minder malerischer Kaskaden bildeten. Die Seehöhe dieses, einem großen

Tierparke gleichenden Plateaus war, an seinem tiefsten Punkte, dem

Spiegel des Flusses gemessen, 1740 Meter.

Noch während wir uns mit der näheren Untersuchung dieser Hochebene

beschäftigten, sandte ich mehrere Expeditionen aus mit der Aufgabe,

möglichst tief in das Keniagebirge einzudringen, um von beherrschenden

Höhen aus genauen Einblick in die Gestaltung und Beschaffenheit des vor

uns liegenden Gebietes zu erlangen. Denn so ausnehmend uns allen auch

die Landschaft gefiel, in deren Mitte wir lagerten, so wollte ich mich

doch nicht entschließen, den Grundstein zu unserer ersten Ansiedelung zu

legen, bevor ich zum mindesten oberflächlichen Überblick über das

Gesamtgebiet des Kenia gewonnen hätte. Die Auskünfte, die uns

diesbezüglich Sakemba erteilen konnte, erwiesen sich als dürftig und

ungenügend. Wir waren daher sehr erfreut, als sich acht Eingeborene, die

wir als Andorobo erkannten, vor unserem Lager zeigten. Sie hatten in der

vorigen Nacht unsere Lagerfeuer bemerkt und wollten nun sehen, wer wir

seien. Sakemba, die ihnen entgegenging, machte sie rasch zutraulich und

nun hatten wir ortskundige Führer, wie wir sie nur wünschen konnten. Was

wir zunächst von ihnen verlangten, war ihnen mit Hilfe Sakembas bald

begreiflich gemacht, acht verschiedene Expeditionen unter Führung je

eines Andorobo zogen aus und kehrten -- die erste schon am Abend des

nächsten Tages, die letzte erst nach Verlauf von sieben Tagen, mit

ziemlich erschöpfenden Berichten zurück.

Dem Gipfel des Kenia war keine auch nur nahe gekommen. Dagegen hatten

sie von verschiedenen leichter zugänglichen Punkten des Hauptstockes,

zum Teil aus Höhen von nahezu 5000 Metern, großartige Rundsichten

erlangt. Danach war die offenste, für Viehzucht und Ackerbau günstigste

Seite des Kenia gerade diejenige, von welcher wir uns genaht hatten.

Auch im Osten und Norden dehnte sich anscheinend sehr fruchtbares

Vorland, doch war dasselbe im Osten recht monoton, ohne jene nicht bloß

malerische, sondern auch mannigfache praktische Vorteile bietende

Abwechselung von offenem Land und Wald, Hügel und Ebene, die wir im

Süden getroffen; das Land im Norden hinwieder schien zu feucht; im

Westen dehnten sich endlose, nur von wenig offenem Land unterbrochene

Wälder. All das konnte späterhin ohne Zweifel in üppiges Kulturland

umgewandelt werden; vorläufig aber war selbstverständlich bereits

kulturfähiger Boden vorzuziehen. Das Innere der Gebirgswelt vor uns

erfüllten hohe Waldberge und Felsen, durchkreuzt von zahllosen Thälern

und Schluchten. Diese Vorberge treten von allen Seiten nahe an das

schroff emporsteigende Hauptmassiv des Kenia heran; nur im Südwesten,

etwa fünf Kilometer entfernt vom Westende unseres Plateaus, treten die

Vorberge zurück, den Raum freilassend für eine ausgedehnte offene

Thalmulde, in deren Mitte auch ein See sich befindet, dessen Abfluß der

Dana ist. Den Flächeninhalt dieses Thales schätzten unsere Kundschafter

auf ungefähr 150 Quadratkilometer und alle stimmten darin überein, daß

es sehr fruchtbar und seiner Lage nach ein wahres Wunder an Schönheit

wäre. Zugänglich aber sei dieses Thal am besten durch die Schlucht, aus

welcher der Dana hervorbreche, nur müsse dieselbe, so lange geeignete

Wasserfahrzeuge fehlen, nicht unmittelbar von unserem Plateau aus,

sondern auf dem Umwege über ein südlich einmündendes kleines Seitenthal

betreten werden.

Diese Nachricht empfing ich am 3. Juli. Am nächsten Tage schon war ich,

ohne die Rückkehr zweier noch fehlender Expeditionen abzuwarten,

unterwegs nach diesem vielgepriesenen Seethale. Der bezeichnete und in

der That sehr praktikabel sich erweisende Weg führte von unserem

Lagerplatze zunächst an das Westende des Plateaus, dann südlich

ausbiegend und einen kleinen felsigen Waldberg umgehend, zu einem nach

Nordosten ziehenden engen Thale, welches seinerseits in die vom Dana

durchflossene Schlucht mündete, die jedoch hier weder so eng, noch so

ungangbar war, wie beim Austritte in die Hochebene. Diese Schlucht

aufwärts verfolgend, standen wir nach einer Stunde plötzlich inmitten

des gesuchten Thales.

Der Anblick, der sich uns hier bot, war geradezu unbeschreiblich. Man

denke sich ein 18 Kilometer langes, an seiner breitesten Stelle 12

Kilometer messendes, mit beinahe geometrischer Regelmäßigkeit

aufgebautes Amphitheater, dessen Halbkreis durch einen Kranz sanft

aufsteigender, 100 bis 150 Meter hoher Waldhügel, dessen Grundlinie

dagegen durch die jäh und schroff sich emportürmenden Felswände des

Kenia gebildet wird, von deren Höhe, die Wolken überragend, die

schneeigen Firnen herniederleuchten. Den Boden dieses majestätischen

Amphitheaters deckt auf der einen, dem Kenia zugewandten Seite, ein

tiefblauer, klarer See, zur anderen ein blumiges Park- und Wiesenland.

Das Publikum, welches diese Arena füllt, sind zahllose Elefanten,

Giraffen, Zebras, Antilopen; und das Stück, welches in demselben zur

Aufführung gelangt, betitelt sich: Die Kaskaden des Keniagletschers.

Hoch oben, in unerreichbarer Höhe, entspringen unter dem Kuß der

glühenden Sonne zahllose Wasseradern den bläulich und grünlich

strahlenden Eisklüften; schäumend und funkelnd, bald zerstäubt in alle

Farben des Regenbogens, bald vereint in weißlichem Glaste, eilen sie

hernieder, stets kräftiger anwachsend, stets unbändiger tobend, bis

endlich der gesamte Schwall sich vereinigt zu _einem_ mächtigen Flusse,

der nun mit donnerndem Tosen, das bei günstiger Windrichtung selbst da

unten, in einer Entfernung von gut 10 Kilometern, deutlich zu hören ist,

seiner Gletscherheimat enteilt und den Felsschroffen zustürmt; dort

angelangt aber stürzt die ganze kolossale Wassermasse, dieselbe, die

wenige Kilometer weiter den Dana bildet, 500 Meter tief jäh herab, in

Atome zerstäubend, zu einer Regenbogenwolke umgestaltet. Der Fluß ist

urplötzlich in den Lüften verschwunden, vergebens sucht dein Auge die

Fortsetzung seines Laufes auf den schwarz gleißenden Klippen; erst 500

Meter weiter unten sammeln sich die fallenden Nebelmassen wieder zu

fließendem Wasser, um von da ab in kleineren Absätzen dumpf brausend und

grollend dem See auf gewundenen Umwegen zuzueilen.

In sprachloses Entzücken versunken standen wir lange vor diesem

Naturwunder sonder gleichen, dessen unsägliche Majestät und Schönheit

Worte nicht schildern können. Gierig sog das Auge die Flut von Licht und

Farbenglanz, gierig das Ohr den aus märchenhafter Höhe herabklingenden

Ton der Wässer, gierig die Brust das duftgeschwängerte Labsal ein,

welches als Atmosphäre dieses Zauberthal durchfächelt. Zuerst fand das

Weib in unserer Mitte, Ellen Fox, wieder Worte. Einer verzückten Seherin

gleich hatte sie lange dem Spiel der Wässer zugeschaut; da rief sie

plötzlich, als ein stärkerer Windhauch den Nebelschleier des

Wasserfalles, der soeben noch einen schillernden, schwertähnlich

geschwungenen Streifen gebildet hatte, vollends verwehte: »Seht hin, das

Flammenschwert des Erzengels, welches den Eingang zum Paradiese bewacht

hat, ist bei unserem Erscheinen zerstäubt; »Eden« laßt uns diesen Ort

nennen!«

Daß dieses Thal -- der Name Eden wurde für dasselbe einhellig acceptiert

-- unser zukünftiger Wohnort sein müsse, stand bei uns allen sofort

fest. Eine nähere Untersuchung desselben ergab, daß dessen Gesamtfläche

160 Quadratkilometer betrug. Davon entfallen auf den, in Form einer

langgestreckten Ellipse unter dem Keniaabhange sich ausdehnenden See 35,

auf den die Höhen umsäumenden Wald 40 Kilometer; 95 Kilometer sind

offenes Parkland, welches den See bis auf einige Stellen, wo die

Keniafelsen unmittelbar in ihn abfallen, rings umgiebt, im Nordosten,

dem Kenia zu, in schmalen Streifen, auf den anderen drei Seiten in einer

Breite von 1 bis 7 Kilometern. Der den Abfluß des Keniagletschers

bildende Dana mündet am Nordwestende des Sees in diesen und verläßt ihn

am Südostende. Seine Wasser, schon vor ihrem Eintritt in den See nicht

so kalt, als man nach ihrem Ursprunge unmittelbar aus dem Gletscher da

oben vermuten sollte, erwärmen sich hier mit merkwürdiger Raschheit; die

Temperatur des Sees erreicht an heißen Tagen bis zu 24 Grad Celsius.

Außer dem Dana münden in den Edensee noch mehrere Quellen, die teils den

Keniaklippen, teils den Abhängen der seitlich und gegenüber gelagerten

Berge entspringen. Wir zählten deren nicht weniger als elf, darunter

eine heiße, deren Temperatur 52 Grad Celsius betrug.

Daß wir in den vier Tagen bis zur Entdeckung von Edenthal nicht müßig

gewesen, versteht sich von selbst. Zunächst hatten sich schon am 1.

Juli, wenige Stunden nach den mit den ersten Depeschen entsandten

Kurieren, die zur Herstellung geregelter Verbindung mit Mombas

bestimmten Expeditionen auf den Weg gemacht. Es waren deren zwei; die

eine unter Leitung Demestres' und dreier anderer Ingenieure, sollte die

Straße bauen, die andere unter Leitung Johnstons, das erforderliche

Zugvieh -- dessen Menge einstweilen auf 5000 Stück Ochsen präliminiert

war -- auftreiben und die Verproviantierung längs der ganzen Wegstrecke

sicherstellen. Ersterer wurden 20 unserer Mitglieder und 200 unserer

Suahelileute nebst einem Train von 50 Tragtieren mitgegeben; Johnston

bekam bloß 10 der Unseren, 20 Tragtiere und 10 Schäferhunde mit. Wie

diese Expeditionen ihre Aufgabe lösten, davon später.

Bei mir am Kenia blieben, da ich bis nun insgesamt 53 der Unseren, 200

Suahelis und 131 Reit- und Tragtiere entsendet hatte, von letzteren

überdies auf dem Marsche 9 zugrunde gegangen waren, 149 Weiße, 80

Suahelis und 475 Tiere -- die Hunde und Elefanten ungerechnet. Außerdem

waren uns aber einige hundert Wakikuja gefolgt, die sich bereitwilligst

zu beliebigen Dienstleistungen erboten. Von diesen behielt ich 150 der

anstelligsten zurück, die anderen sandte ich -- begleitet von fünf der

Unserigen -- noch am 1. Juli in ihre Heimat, mit dem Auftrage, 300

kräftige Zugochsen, 150 Kühe, 400 Schlachtochsen und einige tausend

Zentner verschiedener Sämereien und Nahrungsmittel einzukaufen und

successive an den Kenia zu befördern. Nachdem ich dies erledigt,

verteilte und übergab ich die mannigfaltigen Arbeiten, die uns nun

zunächst zu beschäftigen hatten, sachverständigen Händen. Einer unserer

Techniker erhielt die Feldschmiede und Schlosserei, ein anderer die

Sägemühle zugewiesen -- dazu selbstverständlich die entsprechenden

Arbeitskräfte; zum Holzfällen war eine besondere Sektion bestimmt, eine

andere sollte die landwirtschaftlichen Geräte in Stand setzen und

ergänzen. Einer der am Kenia zurückgebliebenen Ingenieure hatte mit 100

Schwarzen die Herstellung geeigneter Kommunikationen in dem zu

besiedelnden Gebiete, insbesondere den Bau von Brücken über den Dana zu

bewerkstelligen.

Am 5. Juli fand die Übersiedelung in das Edenthal statt. Das Terrain

wurde genau vermessen und zuvörderst rings um den See die zukünftige

Stadt abgesteckt, mit ihren Straßen und Plätzen, öffentlichen Gebäuden

und Belustigungsorten. Dieser -- zunächst allerdings bloß in unserem

Geiste existierenden Stadt -- reservierten wir vorerst einen Raum für

25000 Familienhäuser, deren jedem auch ein ansehnliches Gärtchen

zugedacht war, was insgesamt 35 Quadratkilometer beanspruchte. Außerhalb

dieses Bauareals -- das späterhin nach Bedarf beliebig ausgedehnt werden

mochte -- wurden 1000 Hektaren als vorläufiger Ackergrund ausgesucht;

sie erhielten ein Netz kleiner Bewässerungskanäle und sollten so bald

als möglich eingefriedigt werden, zum Schutze gegen die Invasion des

zahllos umherschwärmenden Wildes, wie nicht minder unserer Haustiere,

die bei Nacht in einem starken Pferch untergebracht, bei Tag dagegen,

sofern man ihrer nicht bedurfte, unter der Hut einiger Suaheli und der

Hunde im Freien weideten.

Inzwischen hatte die Sägemühle, die wir nicht mit nach Eden genommen,

sondern am Danaplateau belassen und dort unter Benutzung der Wasserkraft

eines der vom Gebirge herniederrauschenden Bäche hart am Flusse

errichtet hatten, ihre Arbeit begonnen. Die ersten Bretter und Pfosten,

welche sie lieferte, wurden zur Erbauung zweier größerer Flachboote

benutzt, auf denen dann sofort der Transport des gewonnenen Bauholzes

den Fluß aufwärts nach dem Edensee begann. Wenige Wochen später erhoben

sich an dessen Ufern vierzig geräumige Holzbaracken, in welche nun wir

Weiße aus den bisher bewohnten engen Lagerzelten übersiedelten; die

Neger zogen es vor, in den Grashütten zu bleiben, die sie sich unter dem

Schutze eines Wäldchens errichtet. Gleichzeitig bekam das Vieh seinen

Pferch, der hoch und stark genug war, um jeder vierfüßigen Invasion

unübersteigliche Schranken zu ziehen. Dieser Pferch bot Raum für

ungefähr zweitausend Tiere und war überdies mit einem gedeckten Raume

versehen, der bei Regenwetter Schutz gewährte.

Schon am 9. Juli hatten unsere Schmiede, Wagner und Zimmerleute zehn von

den mitgebrachten Pflugscharen zu Pflügen ergänzt; gleichzeitig war aus

Kikuja der erste Viehtransport -- 120 Ochsen und 50 Kühe samt 200

Schafen und zahllosem Geflügel eingetroffen. Sofort wurden unter

Anleitung unserer Ackerbauer Pflügeversuche gemacht. Die Kikujaochsen

sträubten sich zwar ein wenig gegen das Joch und auch das Gehen in der

Ackerfurche leuchtete ihnen anfangs nicht ein; binnen drei Tagen aber

hatten wir sie doch so weit, daß sich mit ihnen, zu achten vor den Pflug

gespannt, leidlich ackern ließ. Dieser Kraftaufwand war notwendig, da

der schwarze, fette Boden, gebunden überdies durch die üppige Grasnarbe,

sich außerordentlich schwer aufbrechen ließ. Jedes Ochsenpaar mußte zwar

anfangs seinen eigenen Treiber haben und die Ackerfurchen liefen

trotzdem nicht so schnurgerade, wie von civilisierten Ochsen gefordert

wird; aber umgebrochen wurde der Boden doch und binnen verhältnismäßig

kurzer Zeit hatten die Tiere weg, worauf es bei ihrer Arbeit ankam und

leisteten dieselbe von da ab zur vollsten Zufriedenheit. Am 15. Juli

kamen mit Hilfe inzwischen neu angelangter Ochsen fünfzehn fernere

Pflüge in Verwendung, ebensoviel am 20. Mit diesen vierzig Pflügen waren

bis zu Ende des Monats 300 Hektaren gepflügt, die sodann geeggt und

gewalzt, soweit der Vorrat reichte mit unseren mitgebrachten Sämereien

-- hauptsächlich Weizen und Gerste, zu reichlich drei Vierteilen dagegen

mit afrikanischem Weizen und Mtamakorn bestellt, und schließlich wieder

eingewalzt wurden. In der zweiten Augusthälfte war diese Arbeit gethan,

kurze Zeit darauf das ganze Ackerareal eingehegt, und wir konnten

getrost der nun beginnenden kleinen Regenzeit entgegensehen.

Inzwischen war auch ein -- vorläufig bloß 10 Hektare umfassender --

Garten angelegt worden, etwas entfernter vom Weichbilde der zukünftigen

Stadt als das Ackerland, denn während letzteres bei dem zu gewärtigenden

Wachstume der Stadt leicht weiter hinaus verlegt werden konnte, mußte

für den Garten ein möglichst dauernder Standort gesucht werden, also ein

solcher, der außerhalb des Weges der zukünftigen städtischen

Entwickelung lag. Da wir nicht weniger als achtzehn geschickte Gärtner

besaßen und diesen Suaheli und Wakikuja als Gehilfen nach Bedarf an die

Hand gegeben wurden, so gelang es, binnen wenigen Monaten die ganzen 10

Hektaren mit den erlesensten Obst- und Beerenarten, Gemüsen, Blumen,

kurzum mit Nutz- und Zierpflanzen aller Art zu besetzen, die wir teils

aus der alten Heimat herübergebracht, teils unterwegs vorgefunden und

mitgenommen, teils am Kenia und in dessen Umgebung angetroffen hatten.

Auch der Garten wurde mit einem Netze kleiner Bewässerungskanäle

versehen und durch einen starken hohen Zaun gegen unliebsame Besuche

gesichert.

Die Bestellung der Felder, Gartenbau und Jagd hatten nicht alle uns zur

Verfügung stehenden Kräfte absorbiert. Es waren gleichzeitig mehrere

praktikable Fahrwege rings um den Edensee, längs des Flusses bis zum

Ostende des Plateaus und von diesem Hauptstrange aus abzweigend nach

mehreren anderen Richtungen unseres Gebietes hergestellt worden. Man

darf sich darunter keine Kunststraßen vorstellen, es waren eben

Feldwege, die jedoch die Beförderung ganz ansehnlicher Lasten ohne

sonderliche Kraftverschwendung ermöglichten. Der Dana wurde an drei

Stellen für Fuhrwerk und an zwei anderen für Fußgänger überbrückt; sonst

waren nur an zwei kurzen Strecken Kunstbauten erforderlich gewesen: am

Ende der Schlucht, die den Dana aus Edenthal nach dem großen Plateau

führt, und an einer der in den See abfallenden Keniaklippen. An diesen

beiden Orten mußten mehrere Kubikmeter Felsen weggesprengt werden, damit

am Ufer Raum für einen Weg geschaffen werde.

Da inzwischen auch Wagnerei und Feldschmiede nicht stille gestanden

hatten, so waren gleichzeitig mit den Wegen auch mehrere tüchtige Wagen

und Karren fertig geworden, die alsbald nützliche Verwendung fanden.

Größere Arbeit beanspruchte die Herstellung der Mahlmühle. Dieselbe

wurde mit zehn kompleten Mahlgängen am Oberlaufe des Dana, einen

Kilometer vor dessen Einfluß in den Edensee, errichtet. Diese Stelle

wurde aus dem Grunde gewählt, weil dicht oberhalb derselben eine große

Stromschnelle ist, von da ab jedoch der Dana jenes ruhige, geringe

Gefälle hat, das erst am großen Wasserfall, am Ostende des Plateaus,

unterbrochen ist. Wir hatten also durch das ganze vorläufig okkupierte

Gebiet hindurch eine vortreffliche Wasserstraße zur Mühle und konnten

für dieselbe trotzdem den raschen Lauf des oberen Dana ausnützen. Die

komplicierteren, feineren Bestandteile dieser Mühle hatten wir aus

Europa mitgebracht; die Räder, Wellen und die zehn Mühlsteine dagegen

erzeugten wir uns selber. Auch diese Mühle war -- vorläufig zwar nur aus

Holz und Fachwerk erbaut -- Ende September fertig, allerdings schon mit

Hilfe jenes Nachschubs der Unseren, der während der ersten Hälfte des

gleichen Monats in zwei Kolonnen zu uns gestoßen war.

Ich habe bereits erzählt, daß ich sofort nach unserem Eintreffen am

Kenia neue Vorräte und eine Schar neuer Pioniere vom Ausschusse verlangt

und daß dieser den mit Ende des Monats Juli erfolgenden Abgang einer

Expedition von 260 Reitern und 800 Zentner Waren auf 300 Tieren

angezeigt hatte. Diese Expedition traf am 16. August in Mombas ein;

hier teilte sie sich in zwei Gruppen; die eine, die besten,

unternehmungslustigsten 145 Reiter enthaltend, machte sich schon am 18.

August mit bloß 50 sehr leicht bepackten Handpferden -- die 300

Tragtiere waren, nebenbei bemerkt, sämtlich Pferde -- auf den Weg, ohne,

von einem Dolmetscher abgesehen, auch nur einen einzigen Eingeborenen

mitzunehmen; sie verließ sich beinahe gänzlich auf die Aushülfe von

seiten unserer unterwegs beschäftigten Wegbauer und der uns freundlich

gesinnten Bevölkerung, nicht zum mindesten aber auf ihren Entschluß,

alle etwa zu gewärtigenden Entbehrungen und Strapazen ohne Murren zu

ertragen. Ein Gewaltritt von zwanzig Tagen mit bloß eintägiger

Unterbrechung in Taweta brachte diese Wackeren am 9. September in unsere

Mitte. Fünf Pferde waren den Anstrengungen erlegen, sieben andere mußten

unterwegs marod zurückgelassen werden; sie selber aber trafen sämtlich

bis auf einen, der bei einem Sturze das Bein gebrochen und unter guter

Pflege in Miveruni geblieben war, zwar etwas erschöpft, im übrigen aber

in bester Verfassung ein und beteiligten sich schon zwei Tage später

rüstig an unseren Arbeiten. Die 115 anderen folgten mit 250 Lastpferden,

zu denen sie 100 Suaheli-Treiber aufgenommen hatten, erst zehn Tage

später. Die größere Hälfte der mitgenommenen Waren hatten sie unterwegs

an Johnston abgegeben, auf den sie in Useri gestoßen waren und der

darauf schon sehnsüchtig gewartet hatte. Die an den Kenia gebrachten

neuen Vorräte -- in allem etwas über 300 Zentner -- enthielten auch

mancherlei Werkzeuge und Maschinen; diese und mehr noch der ansehnliche

Kräftezuwachs beflügelten unsere Kulturarbeiten in nicht geringem Maße.

Die Mahlmühle wurde -- wie schon erzählt -- noch Ende September fertig.

Sie fand sofort vollauf Beschäftigung. Zwar unsere eigene Ernte war noch

nicht eingebracht; aber von den Wakikuja hatten wir inzwischen

allmählich 10000 Zentner verschiedener Getreidearten gekauft und in

Speichern am Seeufer eingelagert, zu denen die Sägemühle reichlich

Baumaterial geliefert hatte. Bis Ende Oktober waren diese 10000 Zentner

zu Mehl vermahlen; selbst wenn wir eine Mißernte hatten, brauchten die

ersten paar Tausend fernerer Ankömmlinge nicht Hunger zu leiden.

Wir hatten aber keine Fehlernte, vielmehr brachte uns, wenige Wochen

nach Beginn der mit dem Oktober anhebenden heißen Jahreszeit, der

üppige, durch unser Bewässerungsnetz mit reichlicher Feuchtigkeit

regelmäßig versehene Boden einen Segen, der aller europäischen

Vorstellungen spottet. Hundertzwanzigfache Frucht gab im Durchschnitt

jedes gesäete Korn; wir ernteten von unseren 300 Hektaren 42000 Zentner

verschiedener Getreidearten, denn nicht in einzelnen mageren Ähren,

sondern in dichten, mächtigen Ährenbüscheln endete jeglicher Halm, der

europäische Weizen und unsere Gerste nicht minder als die afrikanischen

Sorten. Bei Bergung dieses Segens kam uns besonders zu statten, daß

schon gegen Ende August auch eine Maschinenschlosserei einige hundert

Meter oberhalb der Mahlmühle eingerichtet worden war, die alsbald unter

Benutzung von Wasserkraft zu arbeiten begann und teils aus mitgebrachten

Bestandteilen, hauptsächlich aber aus selbsterzeugten Materialien einige

Erntemaschinen und zwei mit Pferdegöpel zu treibende Dreschmaschinen

geliefert hatte.

Zu solcher Leistung aber war diese Werkstätte befähigt, weil unsere

Geologen neben anderen wertvollen mineralischen Schätzen auch Eisen und

Kohle auf unserem Gebiete entdeckt hatten. Die Kohle lag in einem der

Keniavorberge auf dem Danaplateau, drei Kilometer vom Flusse; das Eisen

in einem der Vorberge, die der Dana in seinem Oberlauf durchschneidet,

zwei Kilometer oberhalb des Edenthals. Die Kohle war mittelguter

Anthracit, das Eisenerz vortrefflicher, 40prozentiger Manganeisenstein.

Es wurde in der Nähe des Eisenfundortes sofort ein Schmelz- und

Raffinierofen und ein Hammerwerk errichtet, provisorisch und primitiv,

aber doch genügend, um ganz brauchbares Guß- und Schmiedeeisen zu

liefern, das uns in unseren Ausführungen sofort unabhängig machte von

den aus Europa mitgebrachten Vorräten. Nun erst besaßen wir eine, wenn

auch kleine, so doch auf eigenen Füßen stehende Maschinenindustrie, und

diese setzte uns in den Stand, die unverhofft reiche Ernte binnen

wenigen Wochen einzuheimsen und zu verarbeiten.

Ein fernerer Gebrauch, den wir sofort von unserer gesteigerten

Leistungsfähigkeit machten, war die Errichtung zweier neuer Sägemühlen

und einer Bierbrauerei. Die Sägemühlen brauchten wir, um für die stetig

anschwellende Menge der angekündigten Ankömmlinge bequeme Unterkunft zu

schaffen, die Brauerei sollte dazu dienen, sie durch einen

Willkommentrunk des von den meisten sicherlich schwer entbehrten

heimischen Getränks zu überraschen. Sowie die Gerste geschnitten und

gedroschen war, ging's ans Malzen; den Hopfen hatten unsere Gärtner an

den Hängen der Kenia-Vorberge in sehr annehmbarer Güte gezogen, und bald

füllten zahlreiche Fässer des edlen Getränkes einen unter Benutzung

natürlicher Höhlungen angelegten kühlen Felsenkeller.

Als der Oktober seinem Ende entgegenging, durften wir mit Beruhigung und

Genugthuung auf unsere viermonatliche Thätigkeit im Keniagebiete

zurückblicken. Sechshundert nette Blockhäuser für ebensoviel Familien

harrten ihrer Bewohner; 50000 Zentner Getreide und Mehl, reiche Vorräte

an Schlacht- und Zugvieh, Baumaterialien und Werkzeuge zur Unterbringung

und Ausrüstung vieler Tausende waren aufgespeichert. Der Garten hatte

sich nicht minder schön entwickelt und seine köstlichen Gaben waren

teilweise schon zum Genusse bereit. Zwar hier genügte unsere eigene

Produktion vorläufig noch nicht zur Deckung des voraussichtlichen

Bedarfes; aber dem ließ sich, wie bisher, durch den sich stets lebhafter

gestaltenden Tauschverkehr mit den Wakikuja abhelfen. Diesen hatten wir

regelmäßig einmal in der Woche einen Markt in Edenthal veranstaltet,

welchen sie jedesmal zu vielen Hunderten beschickten, ihre Waren auf

Ochsenkarren mit sich führend, deren Gebrauch wir ihnen beigebracht und

durch Herstellung des inzwischen durch unsere Ingenieure vollendeten,

ihr Land durchziehenden Weges auch praktisch ermöglicht hatten. Seitdem

wir unsere Eisenhütten besaßen, suchten die Wakikuja bei uns vornehmlich

Eisen, entweder roh oder in Form von allerlei Werkzeugen. Dafür brachten

sie uns anfangs Vieh und Vegetabilien, dann, als wir deren vorläufig

nicht mehr bedurften, hauptsächlich Elfenbein, von welchem wir, teils

durch diesen Handel, teils durch die Andorobo, teils durch das Ergebnis

unserer eigenen Jagden successive schon 140000 Kilogramm aufgespeichert

hatten. Denn Elfenbein ist hier wohlfeil wie Brombeeren; für unser

Schmiedeeisen geben uns die Wakikuja und Andorobo mit Vergnügen das

doppelte Gewicht jenes im Abendlande so geschätzten Materials, und jedes

eiserne Werkzeug, es sei nun Hammer, Nagel oder Messer, wird mit dem

zehn- bis zwanzigfachen Elfenbeingewichte aufgewogen. Der ganze

Kostenbetrag unserer Expedition war also schon nahezu in Elfenbein

bezahlt; das Vieh und die Vorräte, die Werkzeuge und Maschinen -- vom

Lande gar nicht zu reden -- gingen gratis drein.

Freiland: Ein sociales Zukunftsbild · 第 6 / 29 题