Nach Massailand führen von Taweta zwei Wege, der eine westlich vorbei am
Kilima durch das Gebiet der Wakwafi; der andere am Ostabhange des
Gebirgsstockes durch die verschiedenen Tribus der Wadjagga.
Das Land ist fruchtbar und schön auf beiden Seiten; wir wählten aber die
letztere Route, weil die Wakwafi eben im Kriege waren mit den Massai und
wir uns in keine überflüssigen Händel mengen wollten, auch ganz im
allgemeinen der Verkehr mit den friedfertigen und schüchternen Wadjagga
dem mit den rauflustigen Wakwafi vorzuziehen ist. In kleinen
Tagemärschen zogen wir vorbei an dem wildromantischen, von düsteren,
senkrecht abfallenden Felsen eingefaßten Dschallasee, durch die waldigen
Bergabhänge von Rombo und durch die Hochebenen von Useri, übersetzten
dabei drei nicht unansehnliche, wasserreiche Bäche, die vereint den
Tsabofluß bilden, und zahllose Quellen, die allenthalben vom Kilima
herunterrieselnd, die parkartigen Wiesen und die wohlangebauten Felder
der Eingeborenen bewässern. Überall tauschten wir reiche Geschenke und
schlossen Freundschaftsbündnisse. Nebenbei wurde auch der Jagd gepflegt,
die Antilopen, Zebras, Giraffen und Rhinoceros in großer Menge ergab.
Am 28. Mai trafen wir an der Grenze von Leitok-i-tok, dem südöstlichen
Grenzdistrikt von Massailand ein. Als wir den Rongeibach überschritten,
stieß unser Freund Mdango in Begleitung zahlreicher seiner Krieger zu
uns. Sein Bericht war befriedigend. Die ihm aufgetragene Botschaft hatte
er nicht bloß den Alten und den Kriegern des eigenen Stammes, sondern
allen Stämmen von Leitok-i-tok bis an die Grenzen von Kapte übermittelt
und sie zu einem großen Schauri am Minjenjeberge -- einen halben
Tagmarsch von der Grenze gegen Useri -- eingeladen. Sie waren zahlreich
erschienen, El-Morun und El-Moran, d. i. verheiratete Männer und
Krieger, letztere in einer Gesamtstärke von über 3000 Mann, und
vorgestern hatten sie vom Morgen bis Abend verhandelt. Das Ergebnis war
der einstimmige Beschluß, uns ein Freundschaftsbündnis anzutragen.
Bald darauf nahten die Massai in hellen Haufen. Wir luden sie in unser
Lager, wo wir sie Mann für Mann reichlich beschenkten. Zuerst bekam
Mdango für seine diplomatischen Bemühungen ein buntes, goldgesticktes
Ehrenkleid (wo bei Geschenken von »Gold« die Rede ist, welches die
Centralafrikaner nicht kennen und nicht schätzen, muß überall unechte
Waare verstanden werden), eine silberne Taschenuhr, ein Eßbesteck aus
Weißblech und einige Zinnteller. Die Verwendung und Behandlung der
letztgenannten Dinge mußte ihm allerdings erst mühsam beigebracht
werden, doch sei bemerkt, daß Mdangos Uhr von da ab stets in gutem Gange
blieb und daß er sich bei feierlichen Gelegenheiten des Messers und der
Gabel mit angemessener Würde bediente.
Andere Massaigrößen wurden gleichfalls, wenn auch nicht so
verschwenderisch wie der vielbeneidete Mdango, mit auserlesenen Dingen
bedacht; alle El-Moran aber erhielten außer Perlenschnüren und Tüchern
für ihre Mädchen, die vielbegehrte rote Hose, die verheirateten Männer
farbige Mäntel, und jedes Weib -- Frau oder Mädchen -- das unser Lager
mit seinem Besuche beehrte, ward durch Bilder, Perlen, Zeuge und
allerlei broncenen und gläsernen Tand erfreut. Das Verteilen dieser
Gaben nahm viele Stunden in Anspruch, trotzdem etwa fünfzig von uns
damit beschäftigt waren. Es hielt eben schwer, in dieser entzückt
durcheinander schwatzenden und wogenden Masse Ordnung zu halten. Erst
als die Sonne sich ihrem Untergange zuneigte, verließen die letzten
Massaimänner unser Lager, während gerade die hübschesten der jungen
Mädchen und Frauen keine Miene machten, die heimischen Penaten
aufzusuchen. Die Männer bemerkten es, fanden es jedoch sichtlich in der
Ordnung, daß ihre Frauen und Töchter so freigebigen Fremden auch nach
Sonnenuntergang Gesellschaft leisten. So will es die Sitte in
Massailand, und wir hatten Mühe, uns vor deren Konsequenzen zu bewahren,
ohne die zwar nach ranzigem Fett duftenden, sonst aber selbst nach
europäischen Begriffen wohlgebildet zu nennenden braunen Damen zu
beleidigen.
Am nächsten Vormittag schritten wir zum Abschlusse des Friedens- und
Freundschaftsvertrages. Johnston forderte jeglichen Kral -- es waren
deren 17 aus Leitok-i-tok und 4 aus Kapte vertreten -- auf, den Leitunu
und Leigonani der El-Moran und je zwei der El-Morun zu designieren, die
den Vertragsabschluß mit uns vollziehen sollten. Dieser Wahlakt ging
merkwürdig rasch von statten und schon eine Stunde später war die
Ratsversammlung, an welcher unsererseits bloß Johnston, ich und 6
Offiziere teilnahmen, unter allerlei Zeremonien eröffnet. Zuerst gab es
einige Reden, in denen unsererseits die Vorteile auseinandergesetzt
wurden, die den Massai aus unserer bevorstehenden Ansiedelung in ihrer
Mitte oder an ihren Grenzen erwachsen würden, von Seiten der
Massaisprecher hinwieder Versicherungen der Bewunderung und Liebe den
weißen Freunden gegenüber, die Hauptrolle spielten. Dann legte Johnston
die Punktationen des Vertrages vor. Dieselben lauteten wie folgt:
1. Die Massai werden uns und unseren Bundesgenossen gegenüber, als da
sind: die Bewohner von Duruma, Teita, Taweta, Dschalla und Useri,
unverbrüchlich Frieden und Freundschaft einhalten.
2. Die Massai werden von keiner von Weißen geführten Karawane unter
irgend welchem Vorgeben Hongo verlangen, versprechen vielmehr, dem
Durchzuge derselben in jeder Weise behülflich zu sein, insbesondere, so
weit ihre Vorräte reichen, gegen billige Bezahlung Lebensmittel
beizustellen.
3. Die Massai werden auf unser Verlangen jederzeit El-Moran in jeder
beliebigen Zahl zu unserer Verfügung stellen, die Geleits- und
Wachdienste zu leisten haben und uns während der Dauer ihrer Verwendung
militärischen Gehorsam schuldig sind.
4. Dagegen verpflichten wir uns, die Massai als unsere Freunde
anzuerkennen, sie in ihren Rechten zu schützen und ihnen gegen fremde
Angriffe beizustehen.
5. Die El-Moran jedes am Bunde teilnehmenden Stammes erhalten von uns
alljährlich Mann für Mann je zwei Beinkleider aus gutem Baumwollstoff
und je 50 Schnüre Glasperlen, deren Auswahl ihnen überlassen bleibt,
oder auf Wunsch andere Waren im gleichen Werte. Die El-Morun erhalten je
einen Baumwollmantel, die Leitunu und Leigonani Beinkleid, Perlen und
Mantel.
6. Die zu Dienstleistungen herangezogenen El-Moran erhalten außer voller
Verpflegung an Fleisch und Milch je 5 Perlenschnüre oder deren Wert als
tägliche Besoldung.
Dieses, von den anwesenden Massai mit den Zeichen unverhohlener
Befriedigung aufgenommene Aktenstück wurde durch eine symbolische
Blutverbrüderung zwischen den beiderseitigen Kontrahenten unter vielen
Feierlichkeiten bekräftigt. Da die in achtungsvoller Ferne lauschende
Menge dasselbe, als es ihr verlesen ward, mit lautem Freudengeschrei
aufnahm, so wußten wir, daß die öffentliche Meinung von Leitok-i-tok und
eines Teiles von Kapte vollkommen gewonnen sei.
Wir teilten nun unseren neuen Bundesgenossen mit, daß es unsere Absicht
sei, über Matumbato und Kapte an den Naiwascha-See zu ziehen, die
unterwegs wohnenden Massaistämme womöglich alle in den Bund aufzunehmen
und dann entweder über Kikuja oder über Leikipia an den Kenia
vorzudringen. Behufs rascherer Herstellung der freundschaftlichen
Beziehungen mit jenen Stämmen, deren Gebiete wir zu durchziehen hätten,
verlangten wir die Beistellung einer 50 Mann starken Schar El-Moran, die
unter Führung unseres -- inzwischen unter seinen Landsleuten zu hohem
Ansehen gelangten -- Freundes Mdango, uns voraufziehen solle. Es geschah
wie wir wünschten und Mdango fühlte sich durch die auf ihn gefallene
Wahl nicht wenig geschmeichelt. Aus den 50 El-Moran, die wir forderten,
wurden übrigens mehr als 500, da sich die jungen Krieger um die Ehre
stritten, uns dienlich zu sein. Vom Wege über Kikuja aber rieten uns die
Massai ab. Die Wa-Kikuja sind kein Massaistamm, sondern gehören einer
ganz anderen Rasse an, die von altersher mit ihnen in steter Fehde lebt.
Sie wurden uns als verräterisch, feige und grausam zugleich geschildert,
als Leute ohne Treu und Glauben, mit denen ein ehrlicher Bund ganz
unmöglich sei. Da wir indessen aus unserer civilisierten Heimat her
wußten, welches Vertrauen man auf das gegenseitige Urteil einander
bekämpfender »Nationen« legen dürfe, so machte obige Schilderung
vorderhand weiter keinen Eindruck auf uns, als daß wir derselben
entnahmen, die Wakikuja seien »Erbfeinde« der Massai. Wie sehr im Rechte
wir mit unserer Skepsis waren, sollte die Folge lehren. Mdango wurde
bedeutet, daß es bei der ursprünglichen Abrede sein Bewenden habe. Er
solle uns in Eilmärschen voranziehen, wo möglich bis an die Grenzen von
Leikipia, dann aber umkehren und uns am Ostufer des Naiwascha-Sees
erwarten, wo wir drei Wochen von heute an gerechnet das große
Bundes-Schauri mit den von ihm unterwegs verständigten und berufenen
Massai-Stämmen abzuhalten gedächten. Was es mit den Wakikuja, die das
Gebiet östlich vom Naiwascha bewohnen, auf sich habe, würden wir selber
untersuchen.
Am ersten Juni um 4 Uhr Morgens brachen wir von Miveruni auf. Nach
mehrstündigem Marsche lagen die letzten Waldstreifen der Kilima-Vorberge
hinter uns und wir betraten die kahlen Flächen der Ngiriwüste. Der Weg
durch diese und an den Limgeriningbergen vorbei durch das Hochplateau
von Motumbuto bot wenig des Bemerkenswerten. Am 6. Juni erreichten wir
die Berge von Kapte, längs deren Westabhang wir in einer Seehöhe von
1200 bis 1700 Metern dahinzogen, zur Linken unter uns die eintönige
unabsehbare Dogilaniebene, zur Rechten die bis zu 3000 Metern
aufsteigenden Kapteberge, an den Abhängen meist grasreiches Parkland,
auf den Kuppen dunkle Wälder zeigend. Zahlreiche Bäche, die stellenweise
malerische Wasserfälle bilden, rauschen von ihnen hernieder und
vereinigen sich im Dogilaniland zu größeren Flüssen, die, soweit das
Auge sie verfolgen kann, allesamt nach Westen ihren Lauf nehmen und in
den Ukerewe, diesen größten unter den Riesenseen Centralafrikas, münden.
Alle Stämme unterwegs nahmen uns wie alte Freunde auf, selbst
diejenigen, mit denen wir noch kein Bündnis geschlossen hatten. Zu ihnen
allen war die Wundermär von den weißen Männern gedrungen, die sich bei
ihnen ansiedeln wollen und die so mächtig und freigebig zugleich seien;
Mdangos Einladung zum Schauri am Naiwaschasee war überall freudig
aufgenommen worden, große Scharen waren schon unterwegs. Andere
schlossen sich uns an oder versprachen nachzufolgen. Von »Hongo« nirgend
die Rede, kurzum, wir hatten gewonnenes Spiel in allen Gauen des Landes.
Am 12. erreichten wir die Grenze des Kikujalandes, dem entlang der
weitere Weg an den Naiwascha sich hinzieht. Die schlimmen Berichte über
den heimtückischen, häßlichen Charakter dieses Volkes waren uns von den
Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstärkter Form
wiederholt worden; inzwischen aber hatten wir von anderer Seite durchaus
verschieden klingende Darstellung erhalten. Unsere beiden Damen führten
nämlich ein Andorobomädchen mit sich, welches sie in Taweta aufgenommen
hatten. Die Andorobo sind ein Jägervolk, welches ohne festen Wohnsitz
durch das ganze ungeheure Gebiet zwischen dem Ukerewesee und der
Zanzibarküste hin zu finden ist; aus einem Stamme dieses Volkes, welcher
die Gegenden am Fuße des Kenia, nördlich von Kikuja nach Elefanten
durchstreift, war Sakemba -- so hieß das fragliche ungefähr 18 Jahre
zählende Mädchen -- vor zwei Jahren von Massai geraubt worden; diese
verhandelten sie an eine Suahelikarawane, mit welcher sie nach Taweta
kam. Das Mädchen hatte -- eine Seltenheit bei diesen Rassen -- eine
unbesiegliche Sehnsucht nach ihrer Heimat, und da meine Schwester und
Miß Ellen, in Taweta vor uns angelangt, auf Befragen erzählten, sie
warteten auf eine nach dem Kenia ziehende Karawane, so wandte sich jene
mit der flehenden Bitte an die Beiden, sie ihrem gegenwärtigen Herrn
abzukaufen und in ihre Heimat mitzunehmen; dort würden ihre Angehörigen
gern einige schöne Elefantenzähne an ihre Auslösung wenden. Durch das
inständige Flehen des Negermädchens gerührt, bewilligten Klara und Miß
Fox sofort diese Bitte, d. h. sie bezahlten den Herrn, schenkten der
Andorobo die Freiheit und versprachen ihr, sie mitzunehmen. Dieses, als
sehr intelligent und über die Verhältnisse ihres Heimatlandes
wohlunterrichtet sich erweisende Mädchen hatte schon in Miveruni gehört,
wie schlecht die Massai von den Wakikuja sprachen und bei nächster
Gelegenheit seinen Beschützerinnen versichert, daß die Sache lange nicht
so schlimm sei. Massai und Wakikuja seien alte Feinde und da sie
einander demzufolge gegenseitig möglichst viel Übles zufügen, so
glaubten und erzählten sie auch alles erdenkliche Böse über einander.
Wahr wäre allerdings, daß die Wakikuja lieber aus dem Hinterhalt als in
offener Feldschlacht kämpften, und so tapfer, als die Massai seien sie
auch nicht; verräterisch und grausam aber wären sie nur gegen ihre
Feinde und wer ihr Vertrauen einmal gewonnen habe, der könne sich so gut
auf sie verlassen, als auf Angehörige irgend eines anderen Volkes. Die
Andorobo zögen den Verkehr mit den Wakikuja dem mit den Massai sogar
weit vor, denn sie seien friedfertiger und nicht so übermütig wie diese.
Der direkte Weg an den Kenia aber führe für uns über Kikuja, während die
Straße über Leikipia wegen des in weitem Bogen zu umgehenden
Aberdargebirges um mindestens 6 Tagereisen länger wäre.
Da wir keinen Grund hatten, an der Glaubhaftigkeit dieses Berichtes zu
zweifeln, dessen letzten, für uns wichtigsten Teil zudem ein Blick auf
die Karte vollauf bestätigte, so beschlossen wir, es jedenfalls mit
Kikuja zu versuchen. Während also der größere Teil der Expedition unter
Johnstons Führung die Straße nördlich an den Naiwaschasee weiter
verfolgte, schwenkte ich mit 50 Mann und einigem Gepäck bei dem
Grenzorte Ngongo-a-Bagas östlich ab. Meine Absicht war, bloß Sakemba,
als Kennerin von Land und Volk, mitzunehmen und die zwei Damen bis zu
meiner Rückkehr der Obhut Johnstons zu übergeben. Allein meine Schwester
erklärte, mich um keinen Preis zu verlassen und da das Andorobomädchen
nicht mir, sondern den Frauen gehorchte, überdies aber versicherte, daß
für diese schon ganz und gar nicht an Gefahr zu denken sei, indem
zwischen Massai und Wakikuja seit unvordenklicher Zeit der niemals
verletzte Brauch bestehe, die Weiber gegenseitig selbst mitten im Kriege
zu respektieren, eine Versicherung, die allseitig -- auch von den Massai
-- bekräftigt wurde, so waren meine Schwester und Miß Ellen mit von der
Partie.
Sowie wir die Grenze von Kikuja überschritten, nahmen uns gewaltige
schattige Wälder auf, die jedoch keineswegs »undurchdringlich« genannt
werden können, vielmehr das Eigentümliche haben, daß sie an sehr
zahlreichen Stellen von breiten Durchschlägen durchschnitten sind, die
geradezu den Eindruck machen, als wären sie von einem geschickten
Gärtner zur Bequemlichkeit und Erquickung Lustwandelnder angelegt. Die
Breite dieser nicht eben schnurgeraden, doch in der Regel eine bestimmte
Richtung einhaltenden Wege schwankt zwischen einem und sechs Metern;
stellenweise erweitern sich dieselben zu umfangreichen Lichtungen, die
jedoch mit den eigentlichen Wegen gemein haben, daß der Boden mit dem
schönsten, dichtesten, kurzen Grase bedeckt ist, und daß schattige Kühle
in ihnen herrscht. Wodurch diese Durchschläge entstanden sind, war und
blieb mir rätselhaft. Seitlich von denselben giebt es Unterholz zwischen
den hochstämmigen Bäumen, stellenweise sogar sehr dichtes, und wir
konnten ganz gut bemerken, daß dunkle Gestalten zu beiden Seiten uns
folgten, jede unserer Bewegungen beobachtend und offenbar nicht ganz im
Reinen darüber, was sie aus uns machen sollten. Daß wir aus dem
feindlichen Massailande kamen, mochte wohl Mißtrauen erregen, denn wir
waren schon zwei Stunden lang solcher Art marschiert, ohne daß unsere
Begleiter sich hervorwagten.
Dem mußte ein Ende gemacht werden, da irgend ein unvorhergesehener
Zwischenfall leicht zu Mißverständnissen und daraus sich ergebenden
Feindseligkeiten führen konnte; ich fragte daher Sakemba, ob sie sich
getraue, allein unter die Wakikuja zu gehen. »Warum nicht«, meinte sie,
»dabei ist so wenig Gefahr für mich, als wenn ich allein in die Hütte
meiner Eltern träte«. Ich ließ also Halt machen, die Andorobo schritt
furchtlos auf die Büsche zu, hinter denen wir die Wakikuja wußten und
hinter denen sie alsbald verschwand. Nach Verlauf einer halben Stunde
kam sie in Begleitung einiger Wakikujaweiber zurück, die abgesandt
worden waren, die Glaubhaftigkeit von Sakembas Aussagen zu untersuchen,
d. h. zu sehen, ob wir wirklich allesamt bis auf einige Treiber Weiße
seien und ob sich -- der sicherste Beweis unserer friedlichen Absichten
-- wirklich auch zwei weiße Mädchen unter uns befänden. Dunkle Gerüchte
über uns waren zwar schon bis zu den Wakikuja gelangt, allein da die
feindlichen Massai die Quelle derselben gewesen, so wußten sie nicht,
was sie davon glauben sollten. Mit der Entsendung der Weiberkommission
waren aber die guten Beziehungen zwischen uns eingeleitet; einige
verschwenderisch gespendete Kostbarkeiten gewannen uns sehr bald die
Herzen und das volle Zutrauen der schwarzen Schönen. Unsere
Besucherinnen nahmen sich gar nicht Zeit, zu den Männern zurückzukehren,
sondern winkten und riefen dieselben herbei, welchem Rufe diese denn
auch Folge leisteten, so daß wir im Handumdrehen von einigen Hundert uns
verwundert und noch immer etwas scheu anglotzender Wakikuja umgeben
waren.
Nun trat aber ich, begleitet bloß von einem Dolmetsch mitten unter sie
und fragte, wo ihr Sultan oder ihre Ältesten wären. Sultan hätten sie
keinen, war die Antwort, sie seien unabhängige Männer; ihre Ältesten
dagegen seien anwesend, mitten unter ihnen. »Dann laßt uns sofort ein
Schauri halten, denn ich habe Euch Wichtiges mitzuteilen«. Der
Aufforderung zu einem Schauri kann kein Afrikaner widerstehen, und so
saßen wir denn alsbald im Kreise und ich konnte mein Anliegen
vorbringen. Zunächst berichtete ich von unseren Heldenthaten bei den
Massai und wie wir diese zum Friedenhalten mit uns sowohl als mit allen
unseren Freunden gezwungen, wie nicht minder von unserer späterhin
bethätigten Freigebigkeit. Darauf versicherte ich, daß wir auch die
Wakikuja uns zu Freunden zu machen wünschten, woraus für sie Ruhe vor
den Massai und großer Gewinn von uns sich ergeben würde. Wir aber
verlangten nichts, als freundliche Aufnahme und ruhigen Durchzug durch
ihr Gebiet. Sodann ließ ich einen, für solchen Anlaß bereitgelegten
Ballen unterschiedlicher Waren herbeischaffen, öffnen und erklärte: »Das
gehört Euch, damit Ihr Euch dieser Stunde, in der Ihr uns zum ersten
Male gesehen, erinnern möget. Niemand soll sagen: »»Ich saß bei den
weißen Männern und hielt Schauri mit ihnen und meine Hand blieb leer««.«
Die Wirkung dieser oratorischen Leistung und mehr noch der
ausgebreiteten Geschenke ließ nichts zu wünschen übrig. Wegen Verteilung
der Letzteren entstand zwar eine ausgiebige Balgerei unter unseren
zukünftigen Freunden, als aber diese glücklich ohne ernsten Unfall
vorüber war, ging es an Beteuerungen überschwänglicher Zärtlichkeit und
Dienstbeflissenheit uns gegenüber. Zunächst wurden wir eingeladen, ihre
sehr geschickt in den Dickungen des Waldes versteckten Hütten mit
unserer Gegenwart zu beehren, eine Aufforderung, der wir bereitwilligst
Folge leisteten, vorsichtshalber aber doch darauf achteten, in einer
möglichst dominierenden Position und nicht all zu sehr zerstreut
einquartiert zu werden. Auch sorgte ich dafür, daß unausgesetzt einige
von unseren Leuten in unauffälliger Weise Wache standen. Das Gepäck ließ
ich unter der Obhut von vier riesigen Doggen, die wir mitgenommen
hatten. Im übrigen erwies sich der eine Teil dieser Vorsichtsmaßregeln
als überflüssig; Niemand führte Böses gegen uns im Schilde und auch die
in den ersten Stunden noch immer hervortretende Ängstlichkeit der
Wakikuja machte rasch vollkommenster Zutraulichkeit Platz, wobei --
nebenbei bemerkt -- die Weiber in sehr entschiedener Weise vorangingen.
Dagegen zeigte sich die Bewachung der Waren als höchst ersprießlich, wie
uns alsbald das verzweifelte Zeter- und Hülfegeschrei eines
Wakikujajünglings bewies, der unsere Ballen, unbewacht wähnend, sich mit
einem Messer an einen derselben herangeschlichen hatte, dabei aber von
einer der Doggen kunstgerecht gestellt worden war. Wir befreiten den zu
Tode Erschrockenen, im übrigen jedoch gänzlich Unverletzten, aus den
Fängen des gewaltigen Tieres und hatten fernerhin auch kein Attentat auf
unsere Güter zu besorgen.
Am nächsten Morgen forderten wir unsere Gastfreunde auf, uns noch einige
Tagmärsche weit in das Innere ihres Landes in der Richtung nach dem
Kenia hin zu begleiten und dabei ihre Stammesgenossen, soweit sie diese
in so kurzer Zeit mit einer Botschaft erreichen könnten, zu einem
Schauri mit uns zu laden, da wir einen festen Freundschaftsbund
vereinbaren wollten. Dem wurde bereitwilligst entsprochen und so zogen
wir denn in Gesellschaft mehrerer Hundert Wakikuja noch zwei Tage lang
durch den herrlichen Wald, in welchem die Mannigfaltigkeit und Pracht
der Flora mit jener der Fauna wetteiferte. Unsere Verpflegung besorgten
dabei die Wakikuja ohne Bezahlung für irgend etwas zu nehmen in wahrhaft
verschwenderischer Weise. Wir schwammen förmlich in Milch, Honig,
Butter, allerlei Fleisch- und Geflügelsorten, Mtamakuchen, Bananen,
süßen Kartoffeln, Yams und einer großen Auswahl sehr wohlschmeckender
Früchte. Dabei wunderten wir uns, von wo dieser unerschöpfliche Überfluß
insbesondere an Feldfrüchten wohl stammen möge, denn in den Lichtungen
der Wälder, die wir bis nun durchzogen hatten, wurde neben Viehzucht
zwar auch Feldbau betrieben, aber sichtlich doch nur nebenbei. Am Ende
des zweiten Tagmarsches aber wurde uns das Rätsel gelöst, denn sowie wir
den »Guaso Amboni« genannten, nach dem indischen Ocean hin abfallenden
recht ansehnlichen Fluß erreicht hatten, dehnte sich ein unabsehbares
Hochplateau vor uns, das, soweit unser Auge reichen konnte, den
Charakter eines offenen Parklandes trug, in welchem, insbesondere am
Saume des von uns soeben verlassenen Waldlandes, alle Anzeichen eines
sehr intensiven Feldbaues zu bemerken waren. Von hier bezieht offenbar
Kikuja seinen unerschöpflichen Körnerreichtum. Ganz fern im Norden
dieses Plateaus sahen wir eine mächtige Gebirgsgruppe blauen, in der
Luftlinie wohl 80 bis 90 Kilometer entlegen, die unsere Führer und
Sakemba als den Gebirgsstock des Kenia bezeichneten. Man könne von hier
aus, so versicherten sie, bei klarem Himmel auch den Schneegipfel des
Hauptberges sehen; derzeit aber sei er in jenen Wolken dort verborgen.
Hier lag es also vor uns, das Ziel unserer Wanderung, und mächtige
Rührung ergriff uns Alle, als wir, wenn auch vorläufig nur aus weiter
Ferne, die zukünftige Heimat zum ersten male erschauten. Der Keniagipfel
aber blieb unsichtbar in Wolken gehüllt während der zwei Tage unseres
Aufenthaltes an der Ostlisière des Kikujawaldes. Wir machten dort in
einem entzückenden Haine riesiger Brotbäume Halt, wo gastfreie Wakikuja
uns ihre Hütten einräumten. Der Ort heißt Semba und war als
Versammlungsplatz für das große Schauri verabredet worden. Wir fanden
denn auch eine große Zahl Eingeborener bereits versammelt und am
nächsten Tage wurde Alles zu größter beiderseitiger Zufriedenheit
zwischen uns geordnet und festgemacht, so daß wir schon am 16. Juni den
Rückmarsch antreten konnten, den wir jedoch nicht über Ngongo, sondern,
einen Nebenfluß des Amboni bis zu dessen nahe an 2200 Meter über dem
Meeresspiegel gelegenen Quellgebiet verfolgend und dann vom Rande der
Kikujatafelberge jäh hinabsteigend, direkt auf den Naiwascha zu nahmen.
Diesen erreichten wir am 19. Abends zwar etwas erschöpft, aber
wohlbehalten und in köstlichster Stimmung. Wir hatten die Sicherheit
erlangt, den Kenia um eine gute Woche rascher erreichen zu können, als
auf dem ursprünglich in Aussicht genommenen Wege über Leikipia möglich
gewesen wäre.
Am Naiwascha -- einem von malerischen Bergzügen, deren höchste Gipfel
sich zu 2800 Meter erheben, umsäumten schönen See von ungefähr 80
Quadratkilometer Flächenraum, dessen charakteristische Eigenschaft ein
fabelhafter Reichtum an Federwild aller Art ist, hatte inzwischen
Johnston umfassende Vorkehrungen zu dem großen Friedens- und
Freudenfeste getroffen, das wir den Massai zu geben gedachten. Die
Botschaft, daß sie von nun ab auch die Wakikuja als in den Kreis unserer
Freunde gehörig zu betrachten hätten, wurde zwar von den El-Moran mit
gemischten Gefühlen entgegengenommen; indessen fügten sie sich doch ohne
Murren und bei dem nun folgenden Feste, an welchem auch 50 mit uns
angelangte angesehene Wakikuja teilnahmen, wurden die neugeknüpften
Freundschaftsbande zwischen den Beiden etwas inniger gestaltet.
Dieses Fest aber bestand aus einer zweitägigen großen Schmauserei, bei
welcher wir nicht weniger als 6000 Gäste -- Weiber und Kinder
ungerechnet -- mit riesigen Quantitäten Fleisch, Backwerk, Früchten und
Punsch bewirteten, und dessen Glanzpunkt ein splendides Feuerwerk war.
150 fette Stierkälber, 260 verschiedene Antilopen, 25 Giraffen,
unzählbares Federwild, und gar nicht zu übersehende Mengen von
Vegetabilien wurden in diesen zwei Tagen vertilgt, der Punsch aber in
160 je 30 Liter fassenden Töpfen gebraut, die im Durchschnitt nicht
weniger als viermal frisch gefüllt werden mußten. Nichtsdestoweniger
kostete uns diese kolossale Gastfreundschaft -- vom Feuerwerke abgesehen
-- fast gar nichts. Denn die Rinder waren Geschenke -- und zwar nur ein
Teil der uns von zahlreichen Stämmen als Zeichen dankbarer Wertschätzung
dargebrachten -- das Wild hatten wir natürlich nicht gekauft, sondern
geschossen, und die Vegetabilien waren hier an der Grenze von Kikuja so
billig, daß man die Preise eigentlich nur nominelle nennen konnte; was
dagegen den Punsch anlangt, dessen wichtigster Bestandteil bekanntlich
Rum ist, ein Saft, der in Massai- und Kikujaland -- glücklicherweise --
nicht heimisch ist, so hatten unsere Techniker auch diesen dadurch
verschafft, ohne unsere ohnehin zur Neige gehenden mitgebrachten Vorräte
anzugreifen, daß sie denselben an Ort und Stelle brannten. Unter den
mitgenommenen Maschinen und Geräten befand sich nämlich auch eine
Destillierblase. Diese wurde ausgepackt, wildwachsendes Zuckerrohr war
in Menge vorhanden und so gab es alsbald Rum in Fülle. Nur wurde dafür
Sorge getragen, daß diese Prozedur nicht etwa von den Eingeborenen
erlauscht und späterhin nachgeahmt werde, denn die Rumflasche -- diese
Pest der Negerländer -- wollten wir nicht unter unseren Nachbarn
einbürgern. Den Punsch, den wir ihnen servierten, erhielten sie zwar
heiß, aber anständig verdünnt, etwa 10 Teile Wasser auf einen Teil Rum,
was übrigens nicht hinderte, daß während der zwei Festtage 18 Hektoliter
dieses edlen Nasses in den improvisierten Bowlen verschwanden. Der
Jubel, insbesondere während des Feuerwerkes, war unbeschreiblich, und
als wir vollends, nachdem ein Trompetentusch Stillschweigen geboten
hatte, durch stimmkräftige Herolde ausrufen ließen, das Volk der Massai
sei von nun an _alljährlich_ für den 19. und 20. Juni hier an dieser
Stelle von uns zu Gaste geladen, wären wir aus purer Begeisterung
beinahe in Stücke gerissen worden.
Den 21. Juni weihten wir der Erholung von den Strapazen des Festes und
der Ordnung des Gepäcks; am 22. wurde der Marsch nach Kikuja angetreten.
Da wir mit den Lasttieren den von mir auf dem Rückwege gewählten Pfad
über die steilen Abhänge der das Naiwaschathal umsäumenden Berge
vermeiden wollten, kehrten wir vorerst nach Ngongo-a-Bagas zurück,
welches am 24. erreicht wurde. Von hier aus beschlossen wir eine
Eilbotenverbindung mit dem Meere herzustellen, damit die Nachricht von
unserem Eintreffen am Ziele, dem wir binnen wenigen Tagen entgegensahen,
so rasch als möglich nach Mombas und von da an den Ausschuß der
Internationalen freien Gesellschaft gelangen könne. Von Mombas nach
Ngongo hatten unsere Ingenieure 802 Kilometer verzeichnet; wir rechneten
nun, daß unsere arabischen Hengste, wenn ihnen immer bloß je eine
eintägige Anstrengung zugemutet würde, während eines solchen Tages
bequem 100 Kilometer, demnach in 8 Etappen den ganzen Weg in 8 Tagen
zurücklegen könnten. Es wurden also 16 unserer besten Reiter mit 24 der
ausdauerndsten Renner zurückbeordert; diese Kuriere erhielten die
Anweisung, sich zu zweien und zweien in Distanzen von circa 100
Kilometern -- wo böse Wegestrecken sind, etwas weniger, wo der Weg
leicht ist, etwas mehr -- zu verteilen. An Gepäck bekamen sie nebst
Waffen und Munition bloß so viel europäische Bedarfsartikel und
Tauschwaren auf den Weg, als die 8 überzähligen Pferde, die zugleich als
Reserve dienen sollten, leicht zu tragen vermochten. Im übrigen konnten
wir uns jetzt darauf verlassen, daß sie überall, wo sie längs der von
uns durchzogenen Straße auf Eingeborene stoßen, mit offenen Armen
aufgenommen und reichlich verpflegt werden würden. Der gleiche
Etappendienst wurde selbstverständlich auch zwischen Ngongo und dem
Kenia eingerichtet; da diese Wegestrecke 193 Kilometer maß, so genügten
hier zwei Etappen, so daß ihrer im ganzen zehn waren; dabei wurde also
vorausgesetzt, daß eine Nachricht vom Kenia nach Mombas in zehn Tagen
gelangen werde -- was sich denn auch als richtig erwies.
Der Marsch durch das Waldland von Kikuja, der am 25. Juni angetreten
wurde, vollzog sich ohne jeden Zwischenfall. Als wir zeitlich am Morgen
des 27. in das offene Land eintraten, umfing uns zuerst dichter Nebel,
der von uns Kaukasiern bloß insofern unangenehm empfunden wurde, als er
uns jegliche Aussicht benahm, unsere Suahelileute dagegen, die eine
Temperatur von 12 Grad Celsius, verbunden mit Feuchtigkeit noch niemals
erlebt hatten, zum Zähneklappern brachte. Für die Nordländer und
insbesondere für die Gebirgsbewohner unter unter uns hatten die
wallenden, vom Dufte balsamischer Bäume und Sträucher durchtränkten
Nebelmassen sogar etwas anheimelndes. Da -- es war gegen 8 Uhr -- erhob
sich plötzlich eine von Norden her wehende leichte warme Brise, mit
zauberhafter Schnelle teilten sich die Nebel, und vor uns lag im
strahlenden Glanze des sieghaften Tagesgestirnes eine Landschaft, deren
überwältigende Großartigkeit jeder Beschreibung spottet. Hinter uns und
seitlich zu unserer Linken der wundervolle Wald, den wir erst kürzlich
verlassen; unmittelbar vor uns ein sanft abfallendes Gelände, in welchem
smaragdne Wiesen mit dunkeln Bananenhainen und kleinen Flecken wogender
Saat abwechselten. Der Boden überall mit leuchtenden Blumen bedeckt,
deren süßen Duft uns die laue Brise in berauschender Fülle
entgegentrieb; kleine Gruppen hoher Palmen, einzelne riesenhaft sich
ausbreitende Feigen, Platanen, Sykomoren da und dort zerstreut, und all
das belebt von zahlreichen Herden des verschiedensten Wildes. Hier
tummelt sich übermütig eine Schar von Zebras, dort weiden ruhig einige
Giraffen zwischen zierlichen Antilopen; links jagen sich grunzend zwei
ungeschlachte Nashörner, ein Rudel von 20 Elefanten zieht einige tausend
Meter von uns dem Walde zu, und in noch größerer Ferne trottet eine nach
Hunderten zählende Herde Büffel dem gleichen Ziele entgegen.
Unabsehbar dehnt sich dieses herrliche Land nach Ost und Südost,
durchschnitten von einem breiten Silberbande, dem Guaso Amboni, der etwa
8 Kilometer vor uns und vielleicht 100 Meter tiefer gelegen als unser
Standplatz, seine Fluten nach Osten trägt und soweit wir es übersehen
können, mindestens ein Dutzend von Quellbächen von beiden Seiten der ihn
einfassenden Abdachung aufnimmt. Die von der Südseite -- auf welcher wir
uns befinden -- entsprungen aus dem Kikujawalde, sind die kleineren; die
von der Nordseite sind unvergleichlich wasserreicher und mächtiger, denn
ihr Quellland ist der Kenia. Und dieser Riese unter den Bergen Afrikas,
dessen Massiv ein Areale von reichlich 2000 Quadratkilometern deckt, und
dessen Gipfel nahezu 6000 Meter hoch gen Himmel ragt, zeigt sich jetzt
zum ersten Male unseren trunkenen Blicken, ein trotz der Entfernung von
gut 80 Kilometern in der Luftlinie sich vom tiefdunkeln Firmament scharf
abhebendes riesiges Eisfeld und darüber hinausragend zwei krystallklare
Spitzen.
Selbst unsere Suahelis, die sonst Naturschönheiten gegenüber stumpf
sind, brechen bei diesem Anblicke in betäubendes Jubelgeschrei aus; wir
Weißen aber stehen in Entzücken versunken, drücken uns stumm die Hände
und gar Mancher wischt verstohlen eine Thräne aus dem Auge. Das Land der
Verheißung liegt vor uns, schöner, herrlicher, als wir zu träumen
gewagt, die Wiege einer beglückenden Zukunft für uns und, wenn unser
Hoffen und Wollen nicht eitel ist, noch für die spätesten Geschlechter.
Von da ab war's, als ob unsere Füße und die unserer Tiere Flügel
bekommen hätten. Die reine, erquickende Luft dieses schönen Tafellandes,
erfrischt durch die vom Kenia kommenden Winde, der angenehme Weg auf
weichem kurzem Grase und die vortreffliche leichte Verpflegung
ermöglichten uns bisher unerreichte Marschleistungen. Am Abend des 27.
überschritten wir die Ostgrenze von Kikuja, wo wir uns reichlich
verproviantieren mußten, weil von da ab gänzlich unbewohntes Gebiet
begann, durchstreift bloß von wandernden Andorobo. Das Land glich, so
weit das Auge reichte, einem Garten, aber der Mensch hatte noch nicht
Besitz ergriffen von diesem Paradiese. Den 28. und die größere Hälfte
des 29. zogen wir dahin durch blumige Wiesen und malerische Wäldchen,
über murmelnde Bäche und ansehnliche Flüsse; aber Giraffen, Elefanten,
Nashörner, Büffel, Zebras, Antilopen und Strauße, an den Flußufern
Nilpferde und Flamingos waren die einzigen lebenden Wesen, denen wir
begegneten. Die meisten dieser Tiere waren so wenig scheu, daß sie
unserem Zuge kaum auswichen, ja einige übermütige Zebras begleiteten uns
unter Kapriolen und herausforderndem Gewieher eine Strecke weit. Am
Nachmittag des 29. betraten wir den gewaltigen, in unabsehbarer Linie
vor uns sich dehnenden Hochwald, durch dessen dichtes Unterholz die Axt
unserer Pioniere uns Bahn hauen mußte. Das Terrain, schon seit zwei
Tagen, seitdem wir nämlich den Amboni überschritten hatten, allmählich
ansteigend, wurde jetzt steiler; wir waren am Fuße der Keniaberge
angelangt. Die Waldzone erwies sich jedoch als ein bloßer Gürtel von
verhältnismäßig geringer Breite, jenseits dessen wir schon am Vormittag
des 30. wieder offenes welliges Vorland betraten. Als wir den Rücken
einer der vor uns gelagerten Erhöhungen erreicht hatten, lag vor uns,
fast mit Händen zu greifen, der Kenia in der ganzen eisigen Pracht
seiner Gletscherwelt.
Wir waren am Ziele!