Am Morgen des 5. Mai weckten uns die Horn- und Trommelsignale der
Kirangozis (Karawanenführer), wie angeordnet war, um 3 Uhr aus dem
Schlafe. Große, schon Abends vorher bereit gelegte Lagerfeuer wurden
angezündet, an denen das Frühstück -- Thee oder Kaffee mit Eiern und
kaltem Fleisch für uns Weiße, eine Fleisch- und Gemüsesuppe für die
Suahelis -- gekocht und bei deren Schein die Vorbereitungen für den
Abmarsch getroffen wurden. Der Vortrab, bestehend aus den 100
Eclaireuren und 20 leichtbeladenen Packpferden, brach, begleitet von 30
Berittenen, schon eine Stunde später auf. Ihm war die Aufgabe
zugewiesen, den Weg, wo er durch Dschungel oder dichtes Gehölz führte,
mit Axt, Faschinenmesser und Haue soweit zu lichten, daß unsere
umfangreichsten Gepäckstücke ungefährdet auf dem Rücken der Tragtiere
passieren könnten, Gewässer nach Thunlichkeit zu überbrücken und die
Lagerplätze für das nachrückende Hauptkorps vorzubereiten. Zu diesem
Behufe mußte diese Truppe -- je nach der Beschaffenheit der vor uns
liegenden Wegstrecke -- einige Stunden bis zu einigen Tagen Vorsprung
nehmen. Für den Anfang, wo nach Aussage der wegekundigen Führer
sonderliche Hindernisse nicht zu erwarten waren, genügte ein Vorsprung
von wenigen Stunden.
Der Hauptzug war erst um 8 Uhr in Ordnung. Die Tête nahmen hier 150 von
uns Weißen, voran Johnston und ich; dann folgten in langer Linie zuerst
die Handpferde, dann die Esel, zum Schluß die Kamele; der Nachtrab war
durch 20 Weiße gebildet. So verließen wir endlich, als die Sonne schon
heiß herniederbrannte, unseren Lagerplatz, warfen einen letzten Blick
nach dem malerisch hinter uns gelegenen Mombas zurück, sandten unsere
Scheidegrüße dem da unten brandenden Meere zu, dessen dumpfes Grollen
trotz der Entfernung von mindestens 7 Kilometern in der Luftlinie
deutlich zu hören war -- und vorwärts ging es unter Hörnerklang und
Trommelwirbel die ziemlich steilen, doch nicht eben ansehnlichen Höhen
hinan, die uns von der am Eingange ins Innere liegenden sogenannten
Wüste trennten. Diesen Namen verdient jedoch dieser alsbald von uns
erreichte Landstrich offenbar nur in der heißen Jahreszeit; jetzt, wo
die dreimonatliche Regenepoche kaum erst abgeschlossen war, fanden wir
die Landschaft eher parkähnlich. Schönes, wenn auch nicht eben hohes
Gras wechselte ab mit Gebüschen von Mimosen oder Zwergpalmen und mit
kleinen Akaziengruppen. Als wir nach zwei Stunden die letzten Ausläufer
des Küstengebirges hinter uns hatten, wurde das Gras noch üppiger, die
Bäume häufiger und höher, zahlreiche Antilopen zeigten sich in der
Ferne, waren aber sehr scheu und wurden alsbald von den Hunden, denen
das nutzlose Jagen noch nicht abgewöhnt war, verscheucht. Gegen 11 Uhr
wurde unter dem Schatten eines von dichten Schlingpflanzen zu einem
förmlichen Riesenbaldachin umgestalteten Palmenhaines Rast gemacht und
abgekocht. Wir alle, Menschen und Tiere, waren trotz des bloß
dreistündigen Marsches sehr erschöpft; das vorangegangene vierstündige
Rennen und Laufen im Lager war eben auch gerade keine Erholung gewesen
und die Hitze hatte von 10 Uhr ab angefangen höchst unangenehm zu
werden.
Durch eine reichliche Mahlzeit, deren Hauptbestandteil zwei fette,
unterwegs gekaufte Ochsen waren, und die erquickende Ruhe im Schatten
des dichten Lianen-Baldachins gestärkt, brachen wir schon um 4 Uhr
nachmittags wieder auf und erreichten nach sehr anstrengendem, nahezu
fünfstündigem Marsche den von unserer Avantgarde bereiteten Lagerplatz,
in der Nähe eines Wakambadorfes zwischen Kwale und Mkinga. Die
Avantgarde selber trafen wir nicht mehr; sie hatte hier Mittagsrast
gehalten und war mehrere Stunden vor unserer Ankunft weiter marschiert,
um ihren Vorsprung nicht zu verlieren. Dafür hinterließ sie uns unter
der Obhut eines der Ihrigen elf verschiedene Antilopen, die ihre Jäger
unterwegs geschossen, zum Abendimbiß.
Am Morgen des zweiten Marschtages befanden wir uns -- eingedenk der
Qualen des gestrigen Vormittags -- schon um 4½ Uhr unterwegs. Das Land
war anfangs recht offen; schon nach zwei Stunden aber erreichten wir das
Gebiet von Duruma, wo unser Vortrab sichtlich heiße Arbeit gefunden
hatte. Kilometerweit zog sich der Pfad durch dornige Gestrüppe
abscheulichster Art, in denen ohne die Beile und Messer unserer wackeren
Eclaireure an ein Fortkommen mit Packtieren nicht zu denken gewesen
wäre. Da jene jedoch tüchtig aufgeräumt hatten, so kamen wir überall
rasch und ohne Hindernis hindurch. Gegen acht Uhr wurde der Weg wieder
besser und das wechselte dann so ab, bis wir am Abend des dritten Tages
Durumaland hinter uns hatten und die große Wüste betraten, die sich von
da nahezu ununterbrochen bis Teita ausdehnt.
Sonst ist über diese Marschtage nichts zu berichten, als daß wir stets
ziemlich pünktlich um 4½ Uhr aufbrachen, nach 9 Uhr morgens eine erste
Station machten, vor 5 Uhr nachmittags uns wieder in Marsch setzten und
zwischen 8 und 9 Uhr abends das Nachtlager bezogen. Die
Verproviantierung in Duruma-Land war nicht eben leicht, aber es gelang
uns doch, von den Viehzucht und Landbau treibenden Bewohnern genügende
Lebensmittel an Vegetabilien und Fleisch, von letzterem auch einen
ausreichenden Vorrat für den Durchzug durch die Duruma-Wüste
einzuhandeln. Das Land scheint von großer natürlicher Fruchtbarkeit zu
sein, ist aber gerade an seinen besten Stellen unangebaut und verlassen,
da die Bewohner der unablässigen Einfälle der Massai halber sich aus
ihren unzugänglichen Dschungeldickichten kaum hervorwagen. Allenthalben
hörten wir Klagen über die Missethaten jener ritterlichen Räuber, die
erst vor einigen Wochen einen Stamm überfallen, die Männer
niedergemacht, Weiber, Kinder und Vieh weggetrieben hatten und jetzt
schon wieder unterwegs sein sollten, um nach neuer Beute auszuspähen.
Unsere Versicherung, daß wir ihr Gebiet sowohl als dasjenige aller
Stämme, mit denen wir Freundschaft geschlossen oder noch zu schließen
gedächten, von dieser Plage demnächst befreien würden, nahmen die
Wa-Duruma mit starkem Zweifel entgegen; hatte doch selbst der Sultan von
Zanzibar gegen die Massai, die zeitweilig bis Mombas und Pangani
streiften und brandschatzten, nichts auszurichten vermocht. Indessen
verbreitete sich doch dieses unser Versprechen sehr rasch überall in der
Umgegend.
Am Morgen unseres vierten Marschtages, als wir uns eben zum Eintritte in
die Wüste anschickten, wurden wir durch atemlos unter allen Anzeichen
des Entsetzens und der Angst herbeieilende Eingeborene benachrichtigt,
daß ein starker Schwarm Massai wieder da sei, in der Nacht ansehnliche
Beute an Sklaven und Rindern gemacht habe und sich im Anzuge gegen uns
befinde. Wir änderten darauf unsere Dispositionen, ließen das Gepäck und
die Treiber im Lager und formirten uns, da das Terrain günstig war,
sofort zum Gefecht. Die Geschütze wurden auf ihre Lafetten gesetzt und
bespannt, die Raketen bereit gemacht; erstere kamen in das Centrum,
letztere in die beiden Flügel unserer in einer langen Linie sich
ausdehnenden Front. Das Alles war das Werk von kaum zehn Minuten und es
verstrich auch keine fernere Viertelstunde, daß wir die Massais, die
ungefähr 600 Mann stark sein mochten, im Laufschritt nahen sahen. Wir
ließen sie ruhig bis auf etwa einen Kilometer herankommen; dann
schmetterten die Trompeten und unsere ganze Linie jagte im Galopp den
Massai entgegen. Diese stutzten und hielten, als sich ihnen der
ungewohnte Anblick einer ansprengenden Kavalleriemasse darbot, worauf
auch wir unser Tempo mäßigten und langsam bis auf hundert Meter
heranritten. Nun machten wir Halt und Johnston, der den Massaidialekt
leidlich spricht, ritt einige Schritte vor die Front, mit lauter Stimme
fragend, was sie wollten. Darauf gab es unter den Massai eine kurze
Beratung, dann trat auch ihrerseits ein Mann vor die Front, und fragte,
ob wir Tribut zahlen oder kämpfen wollten? »Ist das _Euer_ Land«, war
die Gegenfrage, »daß Ihr Tribut verlangt? Wir zahlen Niemand Tribut; wir
haben Geschenke für unsere Freunde, schreckliche Waffen für unsere
Feinde. Ob die Massai unsere Freunde werden wollen, werden wir sehen,
wenn wir sie in ihrem Lande besuchen. Mit den Wa-Duruma aber haben wir
schon Freundschaft geschlossen und wir erlauben daher Niemand, sie zu
berauben. Gebt die Gefangenen und die Beute freiwillig heraus und kehret
zurück in Eure Krals, damit wir nicht genötigt seien, unsere Waffen und
Medizinen (Zaubermittel) gegen Euch zu gebrauchen, was uns sehr leid
thäte, denn wir wünschen, Freundschaft auch mit Euch zu halten.«
Letztere Versicherung wurde offenbar für ein Zeichen der Schwäche
angesehen, denn die Massai, die anfangs etwas eingeschüchtert schienen,
schwangen nun drohend unter gewaltigem Geschrei ihre Speere und setzten
sich neuerdings gegen uns in Bewegung. Da erklangen abermals unsere
Trompeten, und während wir Reiter vorsprengten, eröffneten die Kanonen
und Raketen ihr Feuer -- nicht auf die Gegner, in deren dichtgedrängten
Massen sie eben so schreckliche als überflüssige Verheerungen
angerichtet hätten, sondern über deren Köpfe hinweg. Die Massai hielten
nur einer einzigen Salve Stand; als die Geschütze donnerten, die Raketen
zischend und knatternd über sie hinfegten und überdies die unheimlichen
Geschöpfe mit vier Füßen und zwei Köpfen -- wir Reiter nämlich -- auf
sie zustürmten, wandten sie sich augenblicklich heulend zu wilder
Flucht. Unsere Artillerie sandte ihnen noch einige Salven nach, um ihre
Panik womöglich zu steigern, während die Reiter sich damit
beschäftigten, Gefangene zu machen und die in der Ferne sichtbar
werdenden, von den Massai erbeutet gewesenen Sklaven und Rinder in
unsere Gewalt zu bringen.
Beides gelang; nach kaum einer halben Stunde hatten wir 43 Massais und
die ganze Beute in der Hand. Die in Sklaverei gefallenen Durumaweiber
und Kinder zu befreien, wäre uns, nebenbei bemerkt, kaum so vollständig
gelungen, wenn dieselben nicht in einer Weise gefesselt gewesen wären,
die ihnen rasches Laufen unmöglich machte. Als nämlich diese armen
Geschöpfe den Lärm des Gefechts sahen und hörten, machten sie
verzweifelte Anstrengungen, davon- und zwar den fliehenden Massai
nachzulaufen. Klüger benahmen sich die Rinder, die durch die Schüsse und
Raketenschläge zwar auch in hochgradige Unruhe versetzt waren, sich aber
trotzdem von uns und unseren Hunden, die bei dieser Arbeit sich als
ausnehmend verwendbar erwiesen, ohne sonderliche Beschwer auf unser
Lager zutreiben ließen.
Die gefangenen Massai waren prächtige, verwegen aussehende Kerle, die
trotz des Schreckens, der ihnen noch sichtlich in allen Gliedern lag und
trotzdem sie offenbar erwarteten, kurzen Weges niedergemacht zu werden,
doch eine gewisse Haltung behaupteten. Unter ihnen befand sich -- ein
sehr glücklicher Umstand -- auch der Leitunu, d. i. der oberste,
unumschränkte Anführer der Bande, ein bronce-farbener Apoll von
reichlich 2 Meter Höhe, der ganz darnach aussah, als ob er sich am
liebsten sein kurzes Schwert, die »Sime«, in die eigene Brust gestoßen
hätte, insbesondere, als die von weither zusammengelaufenen Wa-Duruma
ihn und die Seinen zu verhöhnen und grimmig schreiend, ihren Tod zu
verlangen begannen. Johnston verwies ihnen dies mit großer Strenge.
Laut, daß es die Gefangenen hören konnten, erklärte er, auch die Massai
sollten unsere Freunde werden, wir hätten sie blos deshalb gezüchtigt,
weil sie sich hier schlecht benommen; ob sie denn glaubten, daß wir
ihrer, der Duruma, oder sonstwessen Hülfe bedürften, um jene zu tödten,
wenn wir es wollten; ob sie denn nicht gesehen hätten, wie wir in die
Luft schossen, wo doch ein paar ernstlich gemeinte Schüsse aus unseren
gewaltigen Maschinen genügt hätten, um alle Massai in Stücke zu reißen?
Um ihnen -- mehr aber noch den Massai -- die Wahrheit dieser ohnehin mit
tiefem Grausen und ohne die geringste Spur eines Zweifels angehörten
Worte zu zeigen, ließ Johnston eine volle Lage unserer sämtlichen
Geschütze und Raketen auf eine etwa 1000 Meter entfernte verfallene,
strohgedeckte Lehmhütte abgeben. Natürlich brach diese sofort zusammen
und geriet unmittelbar in Brand, ein Schauspiel, das auf die Wilden den
gewaltigsten Eindruck machte.
»Jetzt geht«, wandte sich hierauf Johnston, der bei all dem so that, als
merke er gar nicht, wie gespannt unsere Gefangenen zuhörten und zusahen,
zu den Wa-Duruma, »nehmt Euere Weiber, Kinder und Rinder, die wir
befreit haben, und laßt die Massai in Ruhe. Wir werden dafür sorgen, daß
sie Euch in Zukunft nicht mehr belästigen, aber vergesset nicht, daß in
wenigen Wochen auch sie unsere Freunde sein werden«.
Die Wa-Duruma gehorchten, obwohl sie nicht recht wußten, was sie aus der
Sache machen sollten. Nachdem sie sich entfernt hatten, ließ Johnston
den gefangenen Massai ihre Waffen zurückgeben und forderte sie auf, sich
gleichfalls zu entfernen; binnen höchstens 2 Wochen gedenke er sie in
Leitok-i-tok, dem südöstlichen Grenzdistrikte Massailands, zu besuchen;
um ihnen das mitzuteilen, habe er sie vor sich bringen lassen. Statt
jedoch dieser Erlaubnis sofort zu entsprechen, zögerten die El Moran
(der Name für Massaikrieger); schließlich trat Mdango, ihr Leitunu, vor
und erklärte, jetzt durch das aufgeregte Duruma-Land, versprengt von den
Ihrigen, heimzuziehen, wäre für eine so kleine Massai-Schaar der sichere
Tod, und wenn sie schon sterben müßten, so sei es ihnen größere Ehre,
von der Hand so gewaltiger weißer Leibons (Zauberer), als durch feige
Wa-Duruma oder Wateita zu fallen. Da wir die Absicht hätten, sie
demnächst zu besuchen, so mögen wir ihnen gestatten, mit uns zu ziehen.
Johnstons Gesicht strahlte bei dieser Eröffnung vor innerer Genugthuung;
den Massai gegenüber jedoch bewahrte er seine gemessene Ruhe und
erklärte feierlichen Tones, das sei eine so große Gunst, die sie da
verlangten, und deren sie sich durch ihr bisheriges Benehmen so wenig
würdig erwiesen, daß er zuerst ein Schauri (eine Ratsversammlung) mit
den Seinigen abhalten müsse, bevor er ihnen Bescheid geben könne. Damit
ließ er sie stehen, rief unserer zwanzig die wir ihm zunächst zu Pferde
hielten, beiseite, und teilte uns den Inhalt des Gespräches mit. »Daß
wir, den Wunsch des Leitunu, der nach der großen Zahl der von ihm
geführten El Moran zu schließen, einer der einflußreicheren sein dürfte,
erfüllen, versteht sich von selbst; der Mann muß vollständig gewonnen
werden, und gewinnt uns dann seine Landleute. So, jetzt werde ich ihm
das Ergebnis unseres »Schauri« mitteilen.«
»Höre« -- so wandte er sich an Mdango, »wir haben beschlossen, Deinen
Wunsch zu erfüllen, denn Euere Brüder in Leitok-i-tok sollen nicht
sagen, daß wir Euch einem schimpflichen Tode entgegengejagt hätten. Aber
nachdem wir einmal -- wenn auch ohne Blutvergießen -- unsere Waffen
gegen Euch gerichtet, können wir Euch -- das verbieten unsere Gebräuche
-- nicht als Gäste in unser Lager und an unseren Tisch lassen, bevor der
Frevel, durch den Ihr uns gereizt habt, vollständig gesühnt ist. Dies
wird nur dann geschehen sein, wenn jeder von Euch mit demjenigen unter
uns Blut-Brüderschaft schließt, der ihn zum Gefangenen gemacht hat.
Wollt Ihr das, und werdet Ihr den Bund ehrlich halten?«
Die El Moran bejahten dies mit großer Bereitwilligkeit; hierauf neues
»Schauri« unter uns, dem dann die 43fache Verbrüderung nach den
eigentümlichen Gebräuchen der Massai folgte, und wir hatten 43 Freunde
gewonnen, die sich -- wie Johnston versicherte -- eher in Stücke hauen
lassen, als zugeben würden, daß uns ein Leides geschehe, wo sie es
irgend verhindern könnten.
Über all dem war es 9 Uhr geworden und da der Tag glühend heiß zu werden
versprach, so hatten wir keine Lust, die sengende Duruma-Wüste zu
betreten, so lange die Sonne hoch am Horizonte stand. Wir kehrten daher
in das von unseren Tragtieren ohnehin noch nicht verlassene Lager zurück
und rüsteten das Mittagmahl. Zur Feier des unblutig erfochtenen Sieges
wurde dasselbe besonders reich, vornehmlich mit Fleisch nebst Milch, der
einzigen Nahrung der Massai-Elmoran -- bereitet, und zum Schlusse eine
riesige Bowle aus Rum, Honig, Limonen und heißem Wasser gespendet, die
allen unseren Leuten trefflich mundete, die Massai aber geradezu in
Begeisterung versetzte. Diese Begeisterung überschritt alle Grenzen, als
die diversen 43 Blutbrüder nach genossenem Punsche mit einer
Freundschaftsgabe von je einer -- roten Hose bedacht wurden. Der Leitunu
erhielt ein Extrageschenk in Form eines goldgestickten Scharlachmantels.
Die Duruma-Wüste, in die wir um 5 Uhr nachmittag eintraten, ist gänzlich
unbewohnt und während der trockenen Monate berüchtigt wegen ihres
beinahe absoluten Wassermangels. Jetzt, unmittelbar nach der Regenzeit,
fanden wir in den zahlreichen Bodenspalten und brunnenartig oft bis zu 2
und 3 Metern vertieften natürlichen Löchern erträgliches Wasser in
genügender Menge. Von der Hitze aber hatten wir bis Sonnenuntergang viel
zu leiden, was uns veranlaßte, mit Preisgebung unserer Nachtruhe in
einem Gewaltmarsche bis Taro vorzudringen, einem recht ansehnlichen,
durch angesammeltes Regenwasser gebildeten Teich, den wir gegen Morgen
erreichten. Hier hielten wir einen halben Rasttag, d. h. wir brachen
nicht des Morgens, sondern des Abends auf, unsere Kräfte für den nun
folgenden bösesten Teil des Weges schonend. Die Wasserlöcher wurden von
da ab seltener, das Aussehen der Landschaft besonders trostlos:
eintönige, flache Steinfelder, abwechselnd besetzt mit häßlichem
Dornendickicht. Doch Menschen und Tiere hielten die schlimmen 3 Tage
wacker aus und am 12. Mai erreichten wir wohlbehalten, obwohl arg
durchnäßt durch einen uns plötzlich überraschenden Platzregen, das
liebliche Land der Wateita am herrlichen Ndaragebirge.
Hier lernten wir zum ersten Male die entzückende Pracht äquatorialen
Hochlandes kennen. Das Ndara-Gebirge erreicht eine Höhe bis zu 1550
Metern, ist vom Gipfel bis zum Fuße mit üppiger Vegetation bedeckt,
zahlreiche silberhelle Bäche und Flüsse rauschen und tosen an seinen
Abhängen zu Thale und die Rundschau von günstiger situierten
Aussichtspunkten ist geradezu entzückend. Da wir hier einen vollen
Rasttag hielten, so benützten die meisten von uns die Gelegenheit zu
Ausflügen rings in der wundervollen Landschaft, wobei uns einige zu
Handels- und Missionszwecken angesiedelte Engländer in liebenswürdigster
Weise als Führer dienten. Ich selber konnte nicht allzutief in das
Gewirr köstlicher, schattenreicher Thäler und Gipfel, das uns rings
umgab, eindringen, da ich die Verproviantierung der Karawane sowohl in
Teita als auch für die jenseits desselben bis zum Kilima-Ndscharo sich
erstreckende Wüstenei durchführen mußte. Aber meine glücklicheren
Genossen erstiegen die umliegenden Höhen, übernachteten zumeist auf oder
dicht unter denselben, erquickten sich an der kühlen Luft derselben und
kamen zurück trunken von all der Schönheit die sie genossen. Im übrigen
war es auch am Fuße der Teitaberge kaum minder entzückend. Das Bad unter
einem der plätschernden Wasserfälle, umfächelt von den milden Lüften und
Düften die der Abend brachte, würde stets zu den schönsten Erinnerungen
meines Lebens zählen -- wenn mir Afrika nicht noch weit herrlichere
Naturscenen geboten hätte.
Am 14. und 15. wanderten wir in nicht zu anstrengenden Märschen weiter
durch dies Paradies, in welchem auch unsere Jäger reiche Beute an
Giraffen und verschiedenen Antilopen machten, schlossen überall
mit den Stämmen und Häuptlingen durch Geschenke besiegelte
Freundschaftsbündnisse, arbeiteten uns dann in zwei weiteren Tagen durch
die menschenleere, dafür aber desto wildreichere Wüste von Taweta, die
im übrigen gar nicht so schlimm ist, als ihr Name, und hatten am
Nachmittag des 17. die kühlen Wälder der Vorberge des Kilima vor uns --
wo uns eine seltsame Überraschung erwartete.
Wir waren Taweta auf wenige Kilometer nahe gekommen und unsere
Gewehrsalven hatten -- wie dies in Afrika üblich -- dort soeben die
Ankunft einer Karawane verkündigt, als Johnston und ich, die wir an der
Spitze des Zuges ritten, einen Mann mit verhängtem Zügel auf uns
zusprengen sahen, in welchem wir alsbald den Führer unseres Vortrabs,
Ingenieur Demestre, erkannten. Anfangs machte uns die rasende Eile, mit
der er auf uns zujagte, einigermaßen besorgt, dann aber zeigte uns sein
lachendes Gesicht, daß es kein Unfall sei, was ihn uns entgegenführe. Er
winkte mir schon von Weitem zu und rief, sein Pferd vor uns parierend:
»Deine Schwester und Miß Fox sind in Taweta!«
Wir beide, Johnston und ich, müssen auf diese unerwartete Botschaft hin
erklecklich alberne Gesichter gemacht haben, denn Demestre brach jetzt
in ein tolles Gelächter aus, in welches endlich auch wir einstimmten.
Dann erzählte er, die beiden Damen hätten ihn und die Seinen, die
gestern Abend in Taweta anlangten, ganz harmlos, als träfen sie sich
daheim auf der Straße, begrüßt, ihre Verblüffung gänzlich ignoriert und
auf Befragen im gleichmütigsten Tone erzählt, sie wären am 30. April,
also während wir in Mombas saßen, von Aden kommend, in Zanzibar
eingetroffen, nach kurzem Aufenthalte nach Pangani übergefahren und von
dort über Mkumbara und am Jipe-See vorbei schon am 14. in Taweta
angelangt, wo sie sich mitsamt ihrem Diener oder Freunde Sam, einem
alten ehrwürdigen Neger, der Miß Fox überall begleite, und ihren vier
Elefanten -- denn auf dem Rücken solcher Tiere wären sie zu grenzenlosem
Erstaunen der Neger gereist -- ganz ausnehmend wohl befänden. »Fräulein
Klara läßt Dich grüßen und Dir sagen, sie sehne sich schon recht sehr,
Dich an ihr schwesterliches Herz zu drücken.«
Da ich sah, daß Demestre nicht scherze, so gab ich meinem Pferde die
Sporen, befand mich schon nach wenigen Minuten in einem der
tiefschattigen, laubenartigen Waldwege, die vom offenen Lande nach
Taweta hineinführen, und sah auch bald darauf die beiden Damen, von
denen die eine mit ausgebreiteten Armen auf mich zueilte und mich, kaum
daß ich den Boden berührt hatte, laut weinend ans Herz drückte. Nachdem
der erste Sturm des Wiedersehens vorüber war, suchte ich von meiner
Schwester nähere Aufklärung über die Art ihres Erscheinens hier mitten
unter den Wilden zu erlangen; allein das war ein vergebliches Bemühen;
so oft die Gute auch zu einem Berichte ansetzte, unterbrachen sie
Thränen und Ausrufe der Freude über unser Wiedersehen sowie des
nachträglichen Entsetzens über all die Gefahren, vor denen mich
leichtsinnigen Knaben sicherlich nur mein gutes Glück bewahrt.
Inzwischen hatten wir uns Miß Fox genähert, die meinen Gruß zwar etwas
spöttisch, aber deßhalb nicht minder herzlich erwiderte und aus deren
Munde ich endlich alles Wissenswerte erfuhr.
Darnach hatten sich also die Beiden gleich bei ihrer ersten Begegnung
verständigt und das Komplott in seinen Grundzügen angelegt, die näheren
Vereinbarungen der Zeit nach meiner Abreise aus Europa vorbehaltend.
Meine Schwester hatte in Miß Fox die Energie und die erforderlichen
pekuniären Mittel zur Inscenierung einer gegen den Willen der Männer auf
eigene Faust durchzusetzenden Expedition, Miß Fox dagegen in meiner
Schwester die Gefährtin und ältere Beschützerin gefunden, ohne welche
auch sie vor einem solchen Geniestreich zurückschreckte. Da insbesondere
Miß Fox die Dispositionen unserer Reise ganz genau kannte, so ahmte sie
dieselben dem Wesen nach im Kleinen nach; sie bestellte bei denselben
Fabrikanten und Lieferanten, von denen wir unsere Vorräte, Tauschwaren
und Reisegeräte bezogen, auch die ihrigen, entschied sich gleich uns für
Tragtiere statt für Pagazis, wählte aber, um wenigstens in Einem Punkte
originell zu sein, Elefanten statt der Pferde, Kamele oder Esel. Da es
überall dort, wo wir hin wollten, wilde, wenn auch bisher niemals
gezähmte Elefanten in Menge gebe, so mußten -- das war ihr Kalkül,
indische Elefanten auch überall im äquatorialen Afrika fortkommen. Ein
Geschäftsfreund ihres verstorbenen Vaters in Kalkutta, hatte ihr vier
Prachtexemplare dieser Dickhäuter verschafft, diese mitsamt acht
erprobten indischen Führern und Wärtern nach Aden expediert, wo sie
dieselben angetroffen und nach Zanzibar genommen. Hier wurden einige
Wegführer und Dolmetscher geworben und um nicht etwa zu nahe an der
Küste mit uns zusammenzutreffen, der Weg über Pangani genommen, auf
welchem ihnen zwar die Neugier der Eingeborenen hie und da lästig
geworden, im übrigen aber, insbesondere Dank der liebenswürdigen
Fürsorge der in Pangani, Mkumbana, Membe und Taweta stationierten
deutschen Agenten nicht der geringste Unfall zugestoßen sei. Ihre
Suaheli-Leute hätten sie sofort nach ihrer Ankunft entlassen, mit den
Elefanten und Indern gedächten sie sich uns anzuschließen -- es sei
denn, daß wir sie allein in Taweta zurücklassen wollten.
Was war unter so bewandten Umständen zu thun? Es verstand sich von
selbst, daß die beiden Amazonen von da ab zu den Unsrigen gehörten und
was mich anlangt, so müßte ich die Unwahrheit sagen, wollte ich
behaupten, ich sei meiner Schwester oder Miß Fox ob ihrer Hartnäckigkeit
gram geworden. Die ärgsten Gefahren konnten nach der Affaire mit den
Massai in Duruma als beschworen gelten; die Beschwerden des Weges waren
-- wie ja der Erfolg zeigte -- auch von Frauen recht gut zu überwinden;
ich gab mich also der Freude des unverhofften Wiedersehens ungetrübt
hin. Aber auch die anderen Mitglieder der Expedition waren -- wie ich
mit Genugthuung bemerkte -- mit dem Zuwachse, der uns in Taweta
geworden, durchaus einverstanden und so erhielten denn die Elefanten
mitsamt ihrer schönen Last -- denn nebenbei bemerkt ist auch meine
Schwester trotz ihrer 38 Jahre noch immer ein schönes Weib -- ihren
Platz in der Karawane angewiesen.
Vor Taweta verabschiedeten sich unsere Massai-Freunde. Sie nahmen den
Auftrag mit, ihren Landsleuten mitzuteilen, daß wir in 8-10 Tagen an den
Grenzen von Leitok-i-tok eintreffen würden, daß es unsere Absicht sei,
ganz Massai-Land zu durchreisen, um uns dort, wo es uns am besten
gefallen würde, dauernd niederzulassen. Diese unsere Ansiedelung werde
dem Stamme, in dessen Nachbarschaft wir Hütten bauen würden, zum größten
Vorteil gereichen, denn wir würden ihn reich und unbesiegbar allen
Feinden gegenüber machen. Uns aufzunehmen und Gebiete abzutreten würden
wir Niemand zwingen, obwohl wir, wie sie bezeugen könnten, dazu
genügende Macht besäßen und noch viele Tausende unserer weißen Brüder
nur auf Nachricht von uns warteten, um uns nachzufolgen; den freien
Durchzug aber würden wir, wenn er uns nicht friedlich gewährt werde,
überall zu erkämpfen wissen. Schließlich banden wir unseren Blutbrüdern
noch ans Herz, dafür zu sorgen, daß bei den Verhandlungen möglichst
zahlreiche Stämme erscheinen, insbesondere diejenigen, welche längs des
Weges nach dem Naiwascha-See -- unserer Route an den Kenia -- wohnen,
und schieden unter beiderseitigen herzlich gemeinten Wünschen von
einander. Als letztes Angedenken gaben wir den ganz zuthunlich
gewordenen Kerlen eine Reihe in ihren Augen überaus kostbarer Geschenke
für ihre Herzallerliebsten, die sogenannten »Dittos« mit, als da sind,
Messingdraht, messingene Armbänder und Ringe mit falschen Steinen,
Handspiegel, auf Schnüre gereihte Glasperlen, Baumwollzeuge und Bänder.
Der Tauschwert dieser Geschenke, obwohl sie uns in Europa insgesamt
keine 200 Mark gekostet hatten, betrug nach Massai-Währung, wie wir uns
später zu überzeugen Gelegenheit hatten, reichlich den von 100 fetten
Ochsen, und die El Moran waren auch ganz sprachlos über unsere
Freigebigkeit. Geradezu unschätzbar aber war in ihren Augen das
Geschenk, mit welchem Johnston zum Schlusse herausrückte: ein
Kavalleriesäbel mit eiserner Scheide und guter Solinger Klinge für jeden
der sich verabschiedenden Helden. Um ihnen die Vortrefflichkeit dieser
Waffe _ad oculos_ zu demonstrieren, ließ Johnston durch einen in solchen
Kunststücken bewanderten Belgier den mächtigsten der Massaispeere,
dessen Klinge gut 12 Centimeter breit war, mit einem Hiebe durchhauen,
und wies dann den zu Bildsäulen erstarrten Kriegern die völlig
unversehrte Schwertklinge vor. »So schneiden _unsere_ »Siemes,« sagte
er, wenn sie in gerechtem Kampfe gebraucht werden; hütet Euch aber, sie
bei Raubzügen oder Mordthaten zu ziehen, sie würden Euch in der Hand
zerspringen wie Glas und Unheil über Eure Köpfe bringen.« Damit winkten
wir ihnen nochmals freundlich zu und hatten sie bald aus den Augen
verloren.
In Taweta weilten wir 5 Tage, um den Tieren nach den anstrengenden
Märschen Ruhe zu gönnen und uns an den über alle Beschreibung
entzückenden Reizen dieses an Lieblichkeit und tropischer Pracht sowohl
als an Großartigkeit der Gebirgsformen alles bis dahin Gesehene weitaus
übertreffenden Landes zu erlaben, und schließlich um unsere Ausrüstung
mit Hilfe der hier und im benachbarten Moschi residierenden deutschen
Agenten einigermaßen zu ergänzen. Diese Herren, wie nicht minder die
freundlichen Eingeborenen, informierten uns bereitwilligst über jene
Waren, nach denen augenblicklich im Massai-Lande besonderer Begehr
herrsche und da sich ergab, daß wir von einer derzeit bei den Dittos
modernen blauen Perlenart sehr wenig, von einer als haute Nouveauté
geltenden Sorte Baumwolltücher vollends auch nicht einen Ballen besaßen,
so kauften wir in Taweta mehrere Traglasten von diesen Kostbarkeiten.
Auf unseren Streifungen in Taweta sahen wir zum ersten Male den Kilima
Ndscharo in seiner vollen überwältigenden Majestät. Nahe an 4000 Meter
steil aus dem umliegenden Hochlande emporragend, trägt dieser
zweizinkige, sich zu 5700 Metern über die Meeresfläche erhebende Riese
auf seinem breiten, wuchtigen Rücken ein Schneefeld, mit dessen Wirkung
sich nicht die Gletscher unserer europäischen Alpenriesen, ja in
gewissem Sinne nicht einmal die der Anden und des Himalaja vergleichen
lassen. Denn nirgend sonst auf unserer Erde bietet die Natur so
unvermittelt nebeneinander den Kontrast der üppigsten, saftigsten
Tropenwelt und der schauerlichen Öde zerrissenen Geklüftes und ewigen
Eises, wie hier im äquatorialen Afrika. Die Flora und Fauna am Fuße des
Himalaja z. B. ist zwar kaum minder herrlich, wie im Wald- und
Quell-Lande von Taweta; aber während die schneebedeckten Gipfel des
Central-Asiatischen Gebirgsstockes sich Hunderte von Kilometern entfernt
vom Fuße desselben erheben und es daher dem Menschen nicht vergönnt ist,
die Reize beider zugleich zu genießen und durch den Kontrast zu
steigern, kann man hier, beschattet von einer wildwachsenden Banane oder
Mangopalme mit einem guten Fernrohre die unergründlichen Schlünde der
Gletscherspalten zählen, so zum Greifen nahe ist die Welt des ewigen
Eises der des ewigen Sommers gerückt. Und welchen Sommers! Eines
Sommers, der seine reichsten Schätze an Schönheit und Fruchtbarkeit
gewährt, ohne unsere Nerven durch seinen Gluthauch zu erschlaffen. Man
muß diese schattigen und doch lichten Wälder, diese allenthalben durch
den blumenduftenden Boden hüpfenden krystallklaren Bäche gesehen, diese
kühlenden Lüfte, die beinahe ununterbrochen von den nahen Eisfeldern
herabwehen und sich unterwegs durch den Blumenatem der tiefer gelegenen
Bergabhänge würzen, um seine Schläfen empfunden haben, um zu wissen, was
Taweta ist.
An materiellen Genüssen greifbarer Art bietet dieses gesegnete Ländchen
eine überreiche Fülle. Fette Rinder, Schafe und Ziegen, Hühner,
köstliche Fische aus dem nahen Jipe-See und dem Lumi-Flusse, einige
besonders delikate aus den rings vom Kilima-Ndscharo herabschäumenden
kleineren Gebirgswässern, Wildpret in tausenderlei Varietäten,
befriedigen selbst den unersättlichen Hunger nach Fleisch; das
Pflanzenreich schüttet ein nicht minder reiches Füllhorn fast aller in
den Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse und Obstarten aus.
Dabei ist alles so wohlfeil, daß selbst der übermütigste Schlemmer nicht
im Stande ist, mehr als wenige Pfennige täglich auszugeben -- falls die
liebenswürdigen, gastfreundlichen Wataweta überhaupt Zahlung annehmen,
was z. B. uns gegenüber fast niemals der Fall war. Allerdings kam uns
dabei der Ruhm unserer Heldenthaten gegen die Massai und insbesondere
unsere Versicherung zu statten, daß wir auch Taweta von diesen bösen
Gästen befreien würden, die bisher zwar noch bei jedem Angriffe von den
uneinnehmbaren Waldfestungen des Kilima abgeschlagen worden waren, deren
Nachbarschaft sich aber bisher doch sehr lästig erwiesen hatte. Auch war
unsere Hand den Taweta-Männern und mehr noch den Weibern gegenüber stets
offen. Europäische Geräte aller Art, Kleidungsstücke, primitive
Schmucksachen, und hauptsächlich eine Auslese von Photographien und
bemalten Münchener Bilderbogen gewannen uns die Herzen unserer schwarzen
Gastfreunde, so daß, als wir am Morgen des 23. Mai endlich aufbrachen,
wir ebenso ungern diesen herrlichen Waldwinkel verließen, als die
Wataweta uns ungern scheiden sahen. Bis über die Grenze ihres Gebietes
begleiteten uns diese guten, einfachen Menschen, und gar manches der
keineswegs unschönen Tawetafräulein, das sein Herz an einen der weißen,
oder wohl auch der Suaheli-Gäste verloren haben mochte, vergoß bittere
Thränen und klagte sein Leid mit Vorliebe -- unseren beiden Damen, die
glücklicher Weise von diesen Ergüssen und Eröffnungen tawetanischer
Mädchen-Seelen kein Wort verstanden. Prüderie ist im äquatorialen Afrika
eine gänzlich unbekannte Sache und die Taweta-Schönen würden ebensowenig
begriffen haben, daß irgend Jemand Übles darin finden könne, wenn man
einem Gaste ohne weiteres sein Herz entgegenträgt, als ihre weißen
Schwestern begriffen hätten, daß man derlei Dinge in aller Unschuld
ausplaudern könne, ohne daß Freunde und Verwandte daran den geringsten
Anstoß nähmen.