2. Kapitel.

Wir überlassen nunmehr dem vom Ausschusse der Internationalen freien

Gesellschaft zum eigentlichen Leiter der afrikanischen Expedition

erwählten Freunde des Dr. Strahl das Wort, indem wir sowohl die

Vorbereitungen des Zuges, als auch dessen glückliche Durchführung und

die ersten Kulturarbeiten in den Hochländern des Kenia nach Auszügen aus

dessen Tagebuch mitteilen.

* * * * *

Meine Ernennung zum provisorischen Stellvertreter unseres verehrten

Führers hatte mich anfangs mit Schrecken erfüllt. Der Gedanke, daß von

meinen Fähigkeiten zu nicht geringem Teile die glückliche Einleitung

eines Werkes abhängen solle, welches wir alle als das bedeutsamste

und folgenreichste im bisherigen Verlaufe der menschlichen

Entwickelungsgeschichte zu betrachten uns gewöhnt hatten, erfüllte mich

mit einer Art Schwindel. Doch dieser Zustand der Mutlosigkeit währte

nicht lange; ich hatte kein Recht, mich einer Verantwortlichkeit zu

entziehen, zu deren Übernahme die Genossen mich als den Passendsten

erachteten, und als vollends mein väterlicher Freund Strahl mich fragte,

ob ich ein Mißlingen für möglich hielte, wenn die meiner Leitung

Unterstellten von gleicher Begeisterung erfüllt wären wie ich, und ob

ich mich berechtigt glaube, daran zu zweifeln, daß diese Voraussetzung

zutreffen würde, da trat hoher Mut und felsenfestes Vertrauen auf das

Gelingen des Werkes an die Stelle der anfänglichen Verzagtheit, eine

Stimmung, die mich fürderhin keinen Augenblick verlassen hat.

Die ersten Vorbereitungen zur Organisierung des Zuges der Pfadfinder

wurden übrigens gemeinschaftlich vom gesamten Ausschusse der

Internationalen freien Gesellschaft beraten und beschlossen. Zunächst

galt es festzustellen, aus wieviel Mitgliedern die Expedition bestehen

solle. Dieselbe durfte nicht zu schwach sein, da gerade jener

Volksstamm, inmitten dessen wir uns niederzulassen beabsichtigten -- die

zwischen dem Kilima und Kenia nomadisierenden Massai --, der

kriegerischeste von allen des äquatorialen Afrika ist und ihm nur durch

kräftiges, machtvolles Auftreten imponiert werden kann. Aber auch allzu

zahlreich durfte die Expedition nicht sein, wollte sie sich nicht der

Gefahr aussetzen, durch Schwierigkeiten der Verproviantierung

aufgehalten zu werden. Schließlich einigte man sich darüber, daß

zweihundert »Pfadfinder« mitgenommen werden sollten. Natürlich mußten

diese aus den kräftigsten, zur Überwindung von Anstrengungen,

Entbehrungen und Gefahren am besten geeigneten Mitgliedern der

Gesellschaft erwählt werden. Auch jenes Ausmaß von Intelligenz wurde bei

jedem Teilnehmer der Expedition für notwendig erachtet, welches dazu

gehört, um den vollen Umfang der Verantwortlichkeit und Bedeutung der

übernommenen Mission zu erfassen.

In Verfolgung dieses Zweckes wendete sich der Ausschuß an die

Zweigvereine, die er inzwischen allerorten gebildet hatte, wo Mitglieder

der Gesellschaft wohnten, mit der Bitte, ihm eine Liste jener sich zur

Expedition Meldenden einzusenden, für deren Gesundheit, kräftige

Konstitution und Intelligenz der betreffende Zweigverein glaube

einstehen zu können. Zugleich sollte angegeben werden, welche

Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten die Vorgeschlagenen besäßen.

Daraufhin liefen binnen wenigen Wochen die Anerbietungen von 870

wärmstens empfohlenen Mitgliedern ein. Von diesen wurden zunächst

hundert ausgewählt, deren Qualifikation dem Ausschusse unter allen

Umständen in erster Linie berücksichtigenswert erschien. Dieses erlesene

Hundert enthielt 4 Naturforscher (darunter 2 Geologen), 3 Ärzte, 8

Ingenieure, 4 Vertreter anderer technischer Wissenszweige und 6

theoretisch geschulte Land- und Forstwirte; ferner 30 solche

Gewerbsleute, die man der Expedition für alle Fälle sichern wollte und

schließlich 45 als besonders treffliche Schützen oder als ausnehmend

kräftig gerühmte Männer. Sonach blieben noch 100 Mitglieder, deren

Auslese den Zweigvereinen in der Weise überlassen wurde, daß jedem

derselben für angemeldete 7 bis 8 Pfadfinder die Wahl je eines solchen

zufiel. Die solcherart Auserlesenen wurden aufgefordert, thunlichst

rasch in Alexandrien, dem vorläufigen Versammlungsorte der Expedition,

einzutreffen; das erforderliche Reisegeld wurde ihnen sofort angewiesen

(im übrigen, wie nebenbei bemerkt werden mag, von ungefähr der Hälfte,

welche die Reisekosten aus Eigenem bestritt, dankend abgelehnt).

Darüber verging der Monat November. Der Ausschuß aber hatte inzwischen

nicht gefeiert. Die Ausrüstung der Expedition wurde nach allen Seiten

gründlich erörtert, festgestellt und für die Beschaffung aller

Erfordernisse vorgesorgt. Für jedes der 200 Mitglieder wurden sechs

komplete Unterkleider aus leichtem elastischem Wollenstoff, sogenannte

Jägerwäsche, ein leichter und ein schwerer Wollenanzug, ferner zwei Paar

wasserdichte und zwei Paar leichtere Stiefel, je zwei Korkhelme und je

ein wasserdichter Regenanzug bestellt. An Waffen erhielt jedes Mitglied

ein Repetiergewehr bester Konstruktion für zwölf Schüsse, einen

Taschenrevolver und ein amerikanisches Bowiemesser. Außerdem wurden 100

Jagdgewehre verschiedensten Kalibers, von den vierlötige Sprengkugeln

schießenden Elefantenflinten bis zur leichtesten Schrotbüchse

angeschafft, selbstverständlich ausreichende Munition nicht vergessen.

Die hierauf zu erörternde wichtigste Frage war, ob die Expedition

beritten gemacht werden solle oder nicht, und ob die Beförderung der

mitzunehmenden Lasten von der Zanzibarküste ab durch Träger, sogenannte

Pagazis, oder durch Lasttiere zu erfolgen habe. Johnston hatte anfangs

die Absicht gehabt, bloß 80 Pferde und Esel, teils zum Tragen der

schwereren Laststücke, teils zur Beförderung etwaiger Kranker oder

Maroder anzukaufen und als Träger des von ihm auf 400 Zentner

veranschlagten Gesamtgepäcks 800 Pagazis in Zanzibar und Mombas

anzuwerben. Diesen Plan ließ er jedoch sofort fallen, als ich seiner

Gepäckliste, die der Hauptsache nach bloß die zum Unterhalte der

Expedition für sechs Monate berechnenden Bedarfs- und Tauschartikel

umfaßte, meine Anforderungen hinzufügte. Ich verlangte vor allem die

Mitnahme von Werkzeugen, Maschinenbestandteilen und sonstigen

Gegenständen, die uns -- am Ziele angelangt -- in den Stand setzen

sollten, möglichst rasch rationellen Feldbau und die Selbsterzeugung der

notwendigsten Bedarfsartikel für viele Tausend uns nachfolgender

Ansiedler in Angriff zu nehmen. Zu diesem Behufe brauchten wir eine

Reihe landwirtschaftlicher Geräte oder doch jene Bestandteile derselben,

die sich ohne komplizierte, zeitraubende Vorrichtungen nicht herstellen

lassen, ähnliche Bestandteile für eine Feldschmiede und Schlosserei,

sowie für eine Mahl- und Sägemühle; ferner Sämereien und Setzlinge in

nicht geringer Menge, desgleichen einige Materialien, auf deren rasche

Beschaffung im inneren Afrika nicht zu rechnen wäre. Schließlich machte

ich darauf aufmerksam, daß zum Zwecke der vollkommenen Sicherung des

Weges für die uns nachfolgenden Karawanen die Abschließung fester

Freundschaftsbündnisse, insbesondere mit den kriegerischen Massai sich

empfehlen würde, wozu wieder weit zahlreichere und wertvollere Geschenke

erforderlich seien, als er sie präliminiert habe.

Johnston hatte gegen all dies nichts einzuwenden, meinte aber, daß damit

die zu befördernde Last sich mindestens verdoppeln, wahrscheinlich

verdreifachen würde und daß die sohin erforderlichen 1600 bis 2400

Pagazis den Zug allzu schwerfällig gestalten würden. Da schlug Dr.

Strahl vor, von der Beförderung durch Pagazis gänzlich abzugehen und

ausschließlich Lasttiere zu verwenden. Er wisse wohl, daß in den

Niederungen des äquatorialen Afrika die Tsetsefliege und das schlechte

Wasser insbesondere den Pferden tötlich werde; auf unserer Route sei

aber solches nicht zu befürchten, da dieselbe sehr bald das den Tieren

ganz zuträgliche Hochland erreiche. Ebenso lasse sich die in der

Beschaffenheit der innerafrikanischen Wege gelegene Schwierigkeit wohl

überwinden. Dieselben besitzen -- wie er unter anderem auch aus

Johnstons Reiseberichten wisse -- überall, wo sie Dickicht oder Gestrüpp

durchziehen, eine Breite von knapp zwei Fuß, zu wenig für Packtiere, die

deshalb an solchen Stellen oft abgeladen werden müßten, wobei

menschliche Träger zeitweilig die Lastenbeförderung zu übernehmen haben.

Letzteres wäre nun allerdings bei einer ausschließlich aus Tragtieren

bestehenden Karawane mit verhältnismäßig nur wenigen Treibern und

Begleitern entweder ganz unmöglich oder doch mit unberechenbarem

Zeitverluste verbunden. Er glaube aber, daß es gelingen müsse, mittels

einer entsprechenden Anzahl gut ausgerüsteter Eclaireure den Weg überall

auch für Tragtiere frei zu machen. Johnston stimmte dem zu; wenn man ihm

etwa 100 mit Äxten und Faschinenmessern versehene Eingeborene, die er

sich unter der Küstenbevölkerung aussuchen würde, zur Disposition

stelle, so mache er sich anheischig, auch eine Karawane von Tragtieren

ohne nennenswerten Aufenthalt bis an den Kenia zu führen.

Nachdem diese Frage erledigt war, regte Dr. Strahl des ferneren die Idee

an, auch die sämtlichen 200 Mitglieder der Expedition beritten zu

machen. Er habe dabei einen doppelten Zweck im Auge. Erstlich -- und das

habe teilweise auch zu seinem obigen Vorschlage den Anstoß gegeben,

müsse für die Einführung und dauernde Akklimatisierung von Trag- und

Zugtieren in der künftigen Heimat gesorgt werden, wo es zwar derzeit

Rinder, Schafe und Ziegen, nicht aber Pferde, Esel oder Kamele gebe, und

zwar sei es am besten, diese nützlichen Tiere in thunlichst großer Zahl

schon von Anbeginn mitzunehmen; sodann glaube er, daß wir beritten uns

viel rascher bewegen könnten. Er fügte hinzu, daß er sowohl bei den

Last- als bei den Reittieren auf die Anschaffung erlesener, zur

Fortzucht geeigneter Exemplare Gewicht legen würde, insbesondere bei den

Pferden, da doch von der Beschaffenheit dieses ersten Materials auch die

der späterhin zu erzielenden Nachzucht abhänge. Auch dem wurde

zugestimmt; nur gab Johnston zu bedenken, daß sich durch all dies die

Kosten der Expedition ganz außerordentlich verteuern würden. So wie er

sie ursprünglich geplant habe, wären mit höchstens 12000 Pfd. Sterl. die

Kosten zu decken gewesen, jetzt müsse mit ungefähr der vierfachen Summe

gerechnet werden. Letzterer Umstand wurde nicht bestritten und die

Rechnung erwies sich auch nachträglich insofern richtig, als die

Expedition in Wahrheit 52500 £ verschlang; aber übereinstimmend wurde

hervorgehoben, daß es eine nützlichere Verwendung der doch so reichlich

zu Gebote stehenden und fortwährend in raschem Wachsen begriffenen

Geldmittel gar nicht geben könne, als den Aufwand für alles, was

geeignet sei, den Erfolg der Expedition zu beschleunigen und das neu zu

gründende Gemeinwesen auf möglichst gedeihlicher Grundlage einzurichten.

Hierauf wurde zu einer detaillierten Beratung und Feststellung des

gesamten anzuschaffenden Materials geschritten. Als alles verzeichnet

und seinem Gewichte nach abgeschätzt war, zeigte sich, daß wir ungefähr

1200 Zentner würden zu befördern haben und zwar:

150 Ztr. verschiedene Lebensmittel und Getränke;

120 " Reisegeräte (darunter 50 wasserdichte Zelte für je 4

Mann);

160 " verschiedene Sämereien und Materialien;

220 " Werkzeuge, Maschinenbestandteile und Instrumente;

400 " Tauschwaren und Geschenke;

120 " Munition und Sprengstoffe.

Außerdem wurden auf Johnstons besonderen Wunsch bei Krupp in Essen 4

leichte stählerne Gebirgskanonen für Sprenggeschosse bestellt. Seine

Absicht bei dieser Anschaffung war keineswegs, diese Mordwaffen

ernstlich gegen etwaige Feinde zu gebrauchen; aber er rechnete darauf,

durch den Schrecken, den dieselben erforderlichenfalls erregen mußten,

den Frieden desto sicherer erhalten zu können. Dazu kamen im letzten

Momente 300 Werndlgewehre samt entsprechenden Patronen, sehr gute

Hinterlader, die wir billig von der österreichischen Regierung erstanden

und teils als Reserve, teils zur Ausrüstung eines Teiles der in Zanzibar

anzuwerbenden Neger gebrauchen konnten.

Diese ansehnliche Last sollte auf 100 Saumpferde, 200 Esel und Maultiere

und 80 Kamele verladen werden. Da wir außerdem 200 Pferde brauchten, um

uns beritten zu machen und auch eine kleine Reserve zum Ersatze

unterwegs eingehender Tiere wünschenswert war, so wurde beschlossen, in

allem 320 Pferde, 210 Esel und 85 Kamele zu kaufen, die Pferde teils in

Ägypten, teils in Arabien, die Kamele in Ägypten, die Esel in Zanzibar.

Alle erforderlichen Anschaffungen wurden sofort gemacht. Unsere

Bevollmächtigten wählten und bestellten alles an erster Quelle; nach

Jemen in Arabien und nach Zanzibar wurde je ein Einkäufer für Pferde und

Esel gesendet, und nachdem dies besorgt oder angeordnet war, machten

Johnston und ich -- die wir inzwischen innige Freundschaft geschlossen

hatten -- uns auf den Weg nach Alexandrien.

Bevor ich jedoch zur Schilderung unserer dortigen Thätigkeit übergehe,

muß ich einen Zwischenfall erwähnen, den wir im Ausschusse mit einer

jungen Amerikanerin hatten, die durchaus in die Expedition aufgenommen

werden wollte. Die Dame war reich, schön und exzentrisch, eine

schwärmerische Anhängerin unserer Ideen und sichtlich nicht gewöhnt, an

die Möglichkeit irgend eines ernstlichen Widerstandes ihren Wünschen

gegenüber zu glauben. Sie hatte der Gesellschaft eine sehr bedeutende

Summe gewidmet und sich jetzt in den Kopf gesetzt, mit unter den Ersten

zu sein, welche die neue afrikanische Heimat betreten würden. Ich muß

gestehen, daß mich das herrliche Mädchen dauerte, das sichtlich von

verzehrendem Thatendrange erfüllt war und die seinem Geschlechte

gegenüber an den Tag gelegte ängstliche Schonung als beschämende

Zurücksetzung empfand. Allein es ließ sich nichts thun; wir hatten

mehreren Frauen, die in Begleitung ihrer als Pfadfinder acceptierten

Ehemänner die Expedition mitmachen wollten, dies abgeschlagen und

konnten jetzt keine Ausnahme machen. Die junge Miß wandte sich hierauf,

da ihr Drängen bei uns Männern vom Ausschusse nichts half, an unsere

weiblichen Angehörigen, die sie rasch ausgekundschaftet hatte; allein

auch dort erntete sie geringen Erfolg. Sie wurde zwar von den Damen

herzlich und liebenswürdig aufgenommen, denn sie war in der That reizend

in ihrer Schwärmerei; aber das war in den Augen der Frauen nur ein Grund

mehr, den Männern darin Recht zu geben, daß so zarte Geschöpfe nicht in

die Gefahren und Entbehrungen einer Forschungsreise gehören. Man

hätschelte und schmeichelte ihr wie einem verzogenen Kinde, welches

Unmögliches fordere, und das brachte Fräulein Ellen Fox -- so hieß die

Amerikanerin -- vollends außer sich.

Plötzlich schien sie beruhigt und zwar auffallenderweise kurze Zeit

nachdem sie die Bekanntschaft einer anderen Dame gemacht, die

gleichfalls, wenn auch aus anderen Gründen, unsere Expedition mitmachen

wollte. Diese andere Dame war meine Schwester Klara. Wollte jene aus

Begeisterung für unsere Ideen mit nach Afrika, so war diese aus Abscheu

und Angst vor diesen selben Ideen zu dem gleichen Entschlusse gelangt.

Meine Schwester -- um zwölf Jahre älter als ich und ledig geblieben,

weil sie keinen Mann zu finden vermocht, der ihren Vorstellungen von

Distinktion und vornehmem Wesen genügend entsprochen hätte -- war eine

der besten, im innersten Herzen edelsten, aber von den mannigfaltigsten

Vorurteilen fest eingesponnenen Frauen, auf die ich während der 26 Jahre

meines bisherigen Lebens gestoßen. Sie war nicht kaltherzig, ihre Hand

jedem Hilfsbedürftigen gegenüber stets offen, aber vor allem, was nicht

den sogenannten höheren, gebildeten Ständen angehörte, hatte sie eine

unüberwindliche Mißachtung. Als sie durch mich zum ersten Male von der

socialen Frage Näheres erfuhr, flößte es ihr Grauen ein, daß vernünftige

Menschen ernstlich glauben könnten, sie und ihre Küchenmagd seien von

Natur aus mit gleichem Rechte ausgestattet, und da ich wußte, daß hier

alle Bekehrungsversuche eitel wären, teilte ich der Guten Jahre hindurch

nichts mit von meinen Verbindungen mit Dr. Strahl, nichts von der

Gründung der freien Gesellschaft und von der Rolle, die ich in dieser

spielte. Ich wollte ihr den Kummer über meine »Verirrung« möglichst

lange ersparen, denn ich liebe diese Schwester zärtlich, deren Abgott

hinwieder ich bin. Seit langen, langen Jahren war meine Betreuung, die

ängstliche Sorge um mich, ihr einziger Lebenszweck. Ich wohnte bei ihr

und sie behandelte mich stets als kleinen Jungen, dessen Erziehung ihre

Sache sei. Daß ich ihrer Hut entrückt länger als höchstens zwei bis drei

Tage existieren könne, ohne das Opfer meiner kindlichen Unerfahrenheit

und der Bosheit schlechter Menschen zu werden, erschien ihr stets als

ein Ding der baren Unmöglichkeit. Nun denke man sich das namenlose

Entsetzen dieser meiner Vormünderin, als ich ihr endlich doch die

Eröffnung machen mußte, daß ich nicht nur einer socialistischen

Gesellschaft beigetreten, nicht nur mein ganzes, bescheidenes Vermögen

deren Zwecken geweiht, sondern überdies dazu ausersehen sei, 200

Socialisten in das Innere von Afrika zu führen. Es dauerte mehrere Tage,

bis sie das Ungeheure begreifen, glauben lernte; dann kamen Bitten,

Thränen, verzweifelte Vorwürfe und Vorstellungen. Ich möge den

»Strolchen« mein Geld, auf welches sie es doch allein abgesehen hätten,

ruhig überlassen und nur ums Himmels willen redlich im Lande bleiben;

sie konsultierte unseren Hausarzt über meine Zurechnungsfähigkeit, kam

aber dabei übel weg, denn dieser war auch einer der Unsrigen, ja sogar

Mitglied der Expedition. Schließlich, da alles nichts fruchtete,

eröffnete sie mir, daß sie, wenn ich partout in mein Verderben rennen

wolle, mich begleiten werde. Als ich ihr erklärte, dies gehe nicht an,

da Frauen nicht mitgenommen würden, führte sie ihr schwerstes Geschütz

ins Treffen, sie erinnerte mich an unsere verstorbene Mutter, die ihr

noch auf dem Totenbette aufgetragen habe, mich nicht zu verlassen, eine

letztwillige Anordnung, der ich mich fügen müsse; und als ich auch dem

gegenüber hartnäckig blieb, zum ersten Mal in meinem Leben die Bemerkung

wagend, die gute Mutter habe mich damit offenbar bloß während der Zeit

meiner Kindheit ihrer Obhut empfehlen wollen, verfiel sie in

hoffnungslose Verzweiflung, aus der nichts sie herauszureißen vermochte.

Vergebens nannte ich sie mein liebes kleines Mütterchen, vergebens

versicherte ich ihr, daß unter unseren 200 Pfadfindern immerhin einige

ganz erträgliche Kerle seien, die wohl ein menschliches Rühren mit mir

haben würden, vergebens versprach ich ihr, daß sie in Halbjahrsfrist

etwa mir nachfolgen könne -- es half alles nichts, sie gab mich

verloren, und ich begann nachgerade, als der Tag meiner Abreise

herannahte, ernstlich in Sorge zu geraten, was diesem ebenso rührenden

als närrischen Schmerze gegenüber wohl zu beginnen sei.

Da besuchte Miß Ellen meine Schwester; ich mußte, von Geschäften

gerufen, die Beiden allein lassen, und als ich zurückkam, fand ich Klara

wunderbar getröstet. Sie jammerte und stöhnte nicht mehr, ja sie konnte

sogar, ohne in Thränen auszubrechen, von dem Schrecklichen sprechen.

Offenbar hatte Miß Ellens Exaltation wohlthuend auf ihre kindische Angst

gewirkt und ich segnete um deswillen die schöne Amerikanerin, umsomehr,

da auch sie uns von da ab durch ihr Drängen nicht mehr quälte. Sie war

plötzlich abgereist und ich beglückwünschte mich höchlichst, einer

doppelten Verlegenheit so rasch ledig geworden zu sein.

Am 3. trafen Johnston und ich in Alexandrien ein, von der Mehrzahl

unserer Expeditionsgenossen bereits erwartet. Es fehlten nur noch 23,

die teils aus zu entfernten Weltgegenden herbeieilten, um schon

eingetroffen sein zu können, teils durch irgendwelche unvorhergesehene

Zwischenfälle noch zurückgehalten waren. Johnston schritt ohne Zögern an

die Equipierung, Einübung und Organisierung der Schar. Zu diesem Behufe

wurde die Stadt verlassen und zehn Kilometer entfernt vom Weichbilde

derselben, an den Ufern des Mariut-Sees, ein Zeltlager bezogen. Die

Verpflegung besorgte unter meiner Leitung ein aus 6 Mitgliedern

gebildeter Wirtschaftsausschuß; jeder Mann erhielt vollständige

Beköstigung und außerdem -- sofern er nicht ausdrücklich darauf

verzichtete -- 2 £ in Bargeld monatlichen Zuschuß. Dieselbe Summe wurde

auch später während der Dauer des eigentlichen Zuges bezahlt, nur

selbstverständlich nicht in der Form von Gold- oder Silbermünze, die im

äquatorialen Afrika nutzlos ist, sondern in der von mitgenommenen

Bedarfsgegenständen oder Tauschwaren zum Kostenpreise. Nachdem die

Ausrüstungsgegenstände -- Kleider und Waffen -- ausgepackt waren,

begannen die Übungen. Täglich wurde acht Stunden lang manövriert,

marschiert, geschwommen, geritten, gefochten und nach der Scheibe

geschossen. Später veranstaltete Johnston größere auf mehrere Tage

ausgedehnte Märsche bis nach Gizeh und an den Pyramiden vorbei nach

Kairo. Inzwischen lernten wir uns genauer kennen, Johnston ernannte

seine Unterbefehlshaber, denen gleich ihm militärischer Gehorsam

geleistet werden mußte, eine Notwendigkeit, die von allen ohne Ausnahme

freudig anerkannt wurde. Das mag vielleicht manchem sonderbar erscheinen

angesichts der Thatsache, daß wir doch auszogen, ein Gemeinwesen zu

gründen, in welchem unbedingte Gleichberechtigung und schrankenloses

individuelles Selbstbestimmungsrecht herrschen sollte; aber wir

begriffen eben alle, daß dieser Endzweck unseres Unternehmens und die

Expedition, die uns dahin führen sollte, zwei verschiedene Dinge seien;

es kam während des ganzen Zuges auch nicht ein Fall von

Widersetzlichkeit vor, wogegen allerdings auch von Seiten der Offiziere

kein Fall überflüssigen barschen Befehlens bemerkt werden konnte.

Als der Zeitpunkt unserer Weiterreise nach Zanzibar herannahte, waren

wir eine vollkommen eingeübte Elitetruppe. Im Manövrieren konnten wir es

mit jedem Gardekorps aufnehmen -- natürlich nur hinsichtlich jener

Übungen, die Schlagfertigkeit und Beweglichkeit einem etwaigen Feinde

gegenüber, nicht aber den Parademarsch und die s. g. militärischen

Honneurs zum Gegenstande haben. In letzterer Beziehung waren und blieben

wir so unwissend wie die Hottentotten; dafür konnten wir ohne Beschwer

24 Stunden lang mit bloß sehr kurzen Unterbrechungen marschieren oder im

Sattel sein, unser Schnellfeuer ergab schon auf 1000 Meter Distanz eine

ganz respektable Zahl von Treffern; auch unser Granatenfeuer wäre im

Bedarfsfalle nicht zu verachten gewesen und ebenso trefflich wußten wir

mit einer kleinen Batterie Congrève'scher Raketen umzugehen, die

Johnston auf den Rat eines im Sudan bedienstet gewesenen ägyptischen

Offiziers, eines geborenen Österreichers, der sich in Alexandrien häufig

als Zuschauer bei unseren Übungen eingefunden, aus Triest hatte

nachsenden lassen.

Am 30. März schifften wir uns auf der »Aurora«, einem prächtigen

Schraubendampfer von 3000 Tonnen ein, den der Ausschuß von der

englischen P. & O.-Company gechartert hatte und der, nachdem er zuvor in

Liverpool, Marseille und Genua die für uns bestimmten Waren an Bord

genommen, am 22. März in Alexandrien eingetroffen war. Die Einschiffung

und sichere Unterbringung von 200 Pferden und 60 Kamelen, die in Ägypten

gekauft worden waren, nahm mehrere Tage in Anspruch; doch hatten wir

keinen Grund zur Eile, da der eigentliche Zug ins Innere Afrikas der

Regenzeit wegen ohnehin nicht vor dem Monat Mai angetreten werden

sollte. Von Alexandrien bis Zanzibar aber rechneten wir -- den

Aufenthalt in Aden behufs Einschiffung der noch notwendigen Pferde und

Kamele eingerechnet -- höchstens 20 Tage. Es blieben uns also noch immer

reichlich zwei Wochen für Zanzibar und für die Überfahrt nach Mombas,

von wo aus wir den Weg zum Kilima Ndscharo und Kenia antreten wollten

und wo wir uns, der an der Küste angeblich herrschenden Fiebergefahr

wegen, keinen Tag länger als notwendig aufzuhalten gedachten.

Es ging auch alles ganz programmgemäß von statten. In Aden trafen wir

unseren Agenten mit 120 der prachtvollsten edelsten Jemener Pferde und

mit 25 Kamelen, nicht minder vorzüglicher Rasse; ebenso wurden hier 115

Esel eingeschifft, die gleich den Kamelen infolge geänderter

Dispositionen in Arabien statt in Zanzibar, resp. Ägypten angeschafft

worden waren. Am 16. April warf die »Aurora« im Hafen von Zanzibar

Anker.

Die halbe Bevölkerung der Insel hatte sich aufgemacht, uns zu begrüßen.

Der Ruf war uns voraufgegangen, und wie es schien, kein schlechter Ruf,

denn nicht bloß die hier lebende, während der letzten Jahre auf nahezu

200 Köpfe angewachsene europäische Kolonie, sondern auch Araber, Hindu

und Neger wetteiferten an Freundlichkeit und Entgegenkommen. Die erste

Persönlichkeit, die uns in Empfang nahm, war natürlich unser Zanzibarer

Bevollmächtigter, der uns auch sofort die erfreuliche Versicherung gab,

daß er alles ihm Aufgetragene vollbracht habe und daß angesichts der uns

gegenüber herrschenden Stimmung die Anwerbung der erforderlichen

eingeborenen Mannschaften mit größter Leichtigkeit von statten gehen

werde.

Am 26. April verließen wir mit der Aurora Zanzibar und kamen am Morgen

des nächsten Tages wohlbehalten in Mombas an. Unsere sämtlichen Tiere

und den größten Teil der Waren hatten wir schon sieben Tage vorher in

Begleitung eines Trupps der in Zanzibar aufgenommenen Wärter und unter

Aufsicht von 10 Mann der Unsrigen -- gleichfalls mit der Aurora -- dahin

gesendet, wo wir sie alle in sehr guter Verfassung und zumeist auch

schon erholt von den Strapazen der Seereise antrafen. Um die

aufgenommenen Leute zu mustern und jeglichem seine Obliegenheiten

zuzuteilen, bezogen wir außerhalb der Stadt Mombas in einem kleinen

Palmenhaine mit herrlicher Aussicht auf das Meer ein Lager. Für je 2

Handpferde oder Kamele und für je 4 Esel wurde je ein Treiber und Wärter

bestellt, so daß zu diesem Behufe von unseren 280 Suahelileuten 145

beansprucht waren; 35 wurden zum Tragen leichter und zerbrechlicher oder

solcher Gegenstände ausersehen, die jederzeit zur Hand sein mußten; 100

-- unter diesen selbstverständlich die Wegführer und zwei Dolmetscher --

dienten als Eclaireure. Am 2. Mai war all dies organisiert und

durchgeführt, die Lasten verteilt, jedem Manne sein Platz angewiesen;

der Zug ins Innere konnte angetreten werden.

Da wir aber programmgemäß nicht vor dem 5. Mai abmarschieren durften, um

zuvor noch das am 3. oder 4. in Zanzibar eintreffende europäische

Postschiff abzuwarten, welches uns die letzten Nachrichten von unseren

Freunden und allenfallsige Anordnungen des Ausschusses überbringen

sollte, so hatten wir einige Tage der Muße vor uns, die wir dazu

benutzen konnten, die Gegend um Mombas zu besichtigen.

Der Ort selber liegt auf einem Inselchen, welches hier von einem sich

ins Meer ergießenden und zu einer mächtigen Bucht sich ausweitenden

Flusse gebildet wird, dessen Ufer einige dichte Mangrovesümpfe umgeben.

Der Aufenthalt unmittelbar an der Küste und auf Mombas selber ist daher

nicht ganz gesund und keineswegs für längere Zeit rätlich. Aber schon

wenige Kilometer landeinwärts finden sich sanftgeschwungene Hügel,

bestanden mit prachtvollen Gruppen von Kokospalmen, die sich inmitten

smaragdgrüner Grasmatten erheben und unter denen die von Gemüsebeeten

umgebenen Hütten der Wanjika, der hiesigen Küstenbewohner,

hervorlauschen, welche Hügel selbst während der Regenzeit einen ganz

gesunden Aufenthalt bieten. Allerdings wäre es für einen Europäer

gefährlich, hier jahrelang zu wohnen, da die während der Hitzemonate --

Oktober bis Januar -- herrschende Temperatur ihm auf die Dauer schädlich

wird. Im Mai jedoch, wo die großen Regen, die in den Monaten Februar bis

April niedergehen, den Boden und die Atmosphäre tüchtig erfrischt haben,

ist die Hitze nicht eben lästig.

Das Eilschiff der französischen Messagerie hatte sich zwar um einen Tag

verspätet, so daß es in Zanzibar erst am 4. spät Nachts eintraf; wir

aber erhielten, Dank der Liebenswürdigkeit des Kapitäns die für uns

bestimmten Sendungen trotzdem einen Tag früher als wir erwartet hatten.

Dieser nämlich, der in Aden erfahren hatte, daß und wo wir auf die von

ihm beförderte Post warteten, hielt auf der Höhe von Mombas, das er

zeitlich am Morgen des 4. passierte, eine gerade vorbeisegelnde

arabische Dhau an und übergab ihr die für uns bestimmten Pakete, die wir

demzufolge noch am selben Vormittag empfingen, während wir andernfalls

bis zum Abend des nächsten Tages hätten auf sie warten müssen. Von den

uns solcherart unmittelbar vor unserem Aufbruche erreichenden

Nachrichten, sind nur zwei hervorzuheben; erstlich die Anzeige, daß der

Ausschuß unseren Bevollmächtigten in Zanzibar beauftragt habe, während

der ganzen Dauer unseres Zuges engste Fühlung mit Mombas zu unterhalten

und dort für alle Fälle einige Eilboten nebst einem schnellsegelnden

Kutter bereit zu halten; zum zweiten die Mitteilung, daß bis zum 18.

April, dem Tage der Postabfertigung, die Zahl der gesellschaftlichen

Mitglieder auf 8460, das Vermögen auf nahezu 400000 £ gestiegen sei.

Und noch eine kleine Überraschung kam in Begleitung dieser letzten

Nachrichten aus der Heimat. Zugleich mit den Postpaketen hatte das

Postschiff der Dhau ein Koppel von nicht weniger als 32 Hunden

übergeben, geführt von 2 Wärtern, welch letztere uns Grüße von ihrem

Auftraggeber, Lord Clinton, vermeldeten, der als warmer Freund unserer

Ideen und großer Hundeliebhaber dies Geschenk eigens aus York übersende,

überzeugt, daß uns dasselbe auf der Reise sowohl als am Ziele derselben

vortrefflich zu statten kommen werde. Die Tiere waren prachtvoll, 12

Doggen und 20 Schäferhunde von jener langbeinigen und langhaarigen

Rasse, die ein Mittelding zwischen Windspiel und Bernhardiner zu sein

scheint. Die kleinste der Doggen war vom Kreuz gemessen 70 Zentimeter

hoch, die Schäferhunde nicht sonderlich kleiner, wie sich bald erwies,

alles wohlgesittete, anstellige Kreaturen, die denn auch allseitig mit

größter Freude begrüßt wurden. Die beiden Wärter erklärten, daß ihnen

zwar unsere Pläne und Ideen höchst gleichgültig seien, da sie »von all

dem Zeug nichts verstünden«, daß sie aber, wenn wir es gestatteten, in

Begleitung ihrer lieben vierfüßigen Freunde sehr gerne mit uns zögen. Da

sie sich als kräftige, gesunde und trotz aller Einfalt ganz anstellige

Kerle zeigten, überdies versicherten, im Reiten und Schießen leidlich

bewandert, in der Dressur mannigfaltigen Getiers aber geradezu Virtuosen

zu sein, so nahmen wir sie gerne mit. An Lord Clinton wurde ein

herzliches Dankschreiben adressiert, und nachdem die Post mit diesem und

den anderen für Europa bestimmten Nachrichten über Zanzibar expediert

und die Anordnungen für morgen getroffen waren, umfing uns die letzte

Nacht vor unserem Aufbruche in das dunkle Innere der afrikanischen Welt.

Freiland: Ein sociales Zukunftsbild · 第 3 / 29 题