Haag, im Juli 18..«

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Diese Ankündigung rief in der gesamten Presse eine nicht geringe

Aufregung hervor. Der Name des für den geschäftsführenden Ausschuß

Unterschriebenen beseitigte von vornherein den sonst so naheliegenden

Gedanken an irgend eine Mystifikation oder Unlauterkeit, denn Dr. Karl

Strahl war nicht bloß als Mann von geachteter socialer Stellung, sondern

auch als einer der ersten volkswirtschaftlichen Schriftsteller

Deutschlands rühmlichst bekannt. Man mußte also das seltsame Projekt

ernst nehmen und die Zeitungen verschiedenster Parteirichtung

bemächtigten sich alsbald desselben mit größtem Eifer. Lange vor dem 20.

Oktober gab es diesseits wie jenseits des atlantischen Ozeans kein

Journal, das nicht zu der Frage Stellung genommen hätte, ob die

Verwirklichung der von der Freien Gesellschaft angekündigten Pläne in

den Bereich des Möglichen oder des Utopischen gehöre; diese Gesellschaft

selbst aber mengte sich nicht in den Kampf der Zeitungen. Es war

offenbar zunächst nicht ihre Absicht, die Gegner durch theoretische

Beweise zu gewinnen; sie wollte allfällige Gesinnungsgenossen an sich

ziehen und dann handeln.

Als der 20. Oktober herannahte, zeigte es sich, daß selbst der größte im

Haag vorhandene öffentliche Saal nicht genügen würde, die Menge der

erschienenen Mitglieder, Gäste und Neugierigen zu fassen; es erwies sich

daher als notwendig, zum mindesten die letztere Kategorie des

Auditoriums durch irgend ein Mittel einzuschränken, welches Mittel denn

auch darin gefunden wurde, daß die von fernher zugereisten Gäste zwar

unentgeltlich, die Ortsansässigen dagegen bloß gegen Erlegung von 20

holländischen Gulden Eintrittskarten erhielten. (Der Erlös dieser Karten

wurde dem Haager Krankenhause zugewiesen.) Nichtsdestoweniger war der

2000 Personen fassende Versammlungssaal am Morgen des 20. Oktober bis in

den letzten Winkel gefüllt.

Unter atemloser Spannung aller Anwesenden nahm der Vorsitzende -- Dr.

Strahl -- das Wort, um die Versammlung zu eröffnen und zu begrüßen. Die

alle Erwartungen der Einberufer überflügelnde Zahl der neuen Mitglieder

und die Höhe der gezeichneten Beiträge zeuge dafür, daß die Bedeutung

des von der Internationalen freien Gesellschaft beabsichtigten

Unternehmens heute schon, noch bevor die Thatsachen gesprochen, vollauf

erkannt worden sei von Tausenden aus allen Teilen der bewohnten Erde

ohne Unterschied des Geschlechtes und der Lebensstellung. »Die

Überzeugung, daß das Gemeinwesen, an dessen Gründung wir nunmehr

schreiten,« so fuhr Redner fort -- »bestimmt ist, Armut und Elend an der

Wurzel zu fassen und mit diesen zugleich auch all jenen Jammer und die

Reihe von Lastern zu vernichten, die als Folgeübel des Elends anzusehen

sind, sie drückt sich nicht bloß in den Worten, sondern auch in der

Handlungsweise des größten Teiles unserer Mitglieder aus, in der hohen,

opferfrohen Begeisterung, mit der sie -- ein Jedes nach seinen Kräften

-- zur Verwirklichung des gemeinsamen Zieles beigesteuert haben. Als wir

unseren Aufruf erließen, waren wir unser 84, das Vermögen, über welches

wir verfügten, betrug 11400 Pfund Sterling; heute besteht die

Gesellschaft aus 5650 Mitgliedern, ihr Vermögen beträgt 205620 Pfd.

Sterling.« (Hier wurde der Vorsitzende von minutenlangem Applaus

unterbrochen.) »Es ist selbstverständlich, daß eine solche Summe nicht

von jenen Elendesten der Elenden allein aufgebracht werden konnte, die

man gemeinhin als bei der Lösung des socialen Problems ausschließlich

interessiert anzusehen gewohnt ist. Noch deutlicher wird das, wenn man

die Liste unserer Mitglieder im Einzelnen durchmustert. Unwiderstehlich

drängt sich dabei die Erkenntnis auf, daß Ekel und Grauen vor den

socialen Zuständen der Gesellschaft allgemach auch jene Kreise ergriffen

hat, die scheinbar Vorteil ziehen aus den Entbehrungen ihrer enterbten

Mitmenschen. Denn -- und darauf möchte ich besonderen Nachdruck legen --

diese Wohlhabenden und Reichen, die zum Teil mit vielen Tausenden von

Pfunden an unserer Kasse erscheinen, sie sind bis auf geringe Ausnahmen

nicht bloß als Helfer, sondern zugleich als Hilfesuchende beigetreten,

sie wollen das neue Gemeinwesen nicht bloß für ihre darbenden Mitbrüder,

sondern zugleich für sich selber gründen. Und daraus mehr als aus allem

Anderen schöpfen wir die felsenfeste Überzeugung vom Gelingen unseres

Werkes.«

Neuerdings unterbrach langandauernder, jubelnder Applaus den

Vorsitzenden; als die Ruhe wieder hergestellt war, schloß dieser

folgendermaßen seinen kurzen Vortrag:

»In Ausführung unseres Programms soll ein annoch herrenloser größerer

Landstrich zum Zwecke der Gründung eines unabhängigen Gemeinwesens

erworben werden. Es fragt sich nunmehr, welchen Teil der Erde wir zu

solchem Vorhaben wählen wollen. Europäisches Gebiet kann aus

naheliegenden Gründen nicht in Frage kommen; auch in Asien würden wir

überall, zum mindesten dort, wo Ansiedler kaukasischer Rasse gedeihen

könnten, leicht in Kollision mit alten Rechts- und Gesellschaftsformen

geraten. In Amerika und Australien ist zwar zu erwarten, daß die

dortigen Staaten uns bereitwillig Raum und Freiheit der Bewegung

einräumen würden, aber auch dort könnte unser junges Gemeinwesen nur

schwer jene ungestörte Ruhe und Sicherheit vor feindlichen Angriffen

gewährleistet erhalten, die insbesondere für den Anfang eine der

Voraussetzungen raschen und ungetrübten Erfolges ist. Bleibt also nur

Afrika, der älteste und doch der jüngstentdeckte Weltteil. Dessen

centrales Innere ist der Hauptsache nach herrenlos, dort finden wir

nicht bloß schrankenlosen Raum und ungestörte Ruhe zur Entfaltung,

sondern bei richtiger Wahl auch die denkbar günstigsten Verhältnisse des

Klimas und der Bodenbeschaffenheit. Gewaltige Hochländer, welche die

Vorzüge der Tropen und unserer Alpenwelt in sich vereinigen, harren dort

noch der Besiedelung. Die Verbindung mit diesen, tief im Inneren des

dunklen Weltteiles gelegenen Bergländern ist allerdings schwierig, aber

gerade das ist's, was uns für den Anfang notthut. Wir schlagen Ihnen

daher vor, die neue Heimat im äquatorialen Innerafrika zu suchen. Und

zwar denken wir zunächst an das Hochgebirge des Kenia, das ist an das

Land östlich vom Ukerewesee, zwischen dem 1. Grade südlicher bis zum 1.

Grade nördlicher Breite und zwischen dem 34. bis 38. Grade östlicher

Länge. Dort glauben wir die geeignetsten Gebiete für unsere Zwecke

finden zu können. Ist die Versammlung mit dieser Wahl einverstanden?«

Allgemeine Zustimmung folgte und stürmische Rufe: »Vorwärts, lieber

heute als morgen!« wurden laut. Unverkennbar zeigte sich, daß die

Mehrzahl gewillt war, sofort aufzubrechen. Neuerdings nahm jetzt der

Vorsitzende das Wort:

»So rasch geht dies denn doch nicht, meine Freunde. Die neue Heimat muß

erst gesucht und erworben werden; das aber ist ein schwieriges und

gefahrvolles Unternehmen. Durch Wüsteneien und unwirtliche Wälder führt

der Weg, Kämpfe mit feindseligen wilden Stämmen werden vielleicht nicht

zu vermeiden sein, und zu all dem taugen nur kräftige Männer, nicht

Frauen, Kinder und Greise. Auch die Verpflegung eines viele Tausende

umfassenden Auswandererzuges durch jene Gebiete muß erst noch organisirt

werden, kurzum: es ist durchaus notwendig, daß der Masse der Unseren

eine Schar erlesener Pfadfinder vorausgehe. Erst wenn diese ihre Aufgabe

gelöst haben, können die Anderen nachfolgen.

»Damit nun alles Erforderliche mit möglichster Kraft, Umsicht und

Raschheit ins Werk gesetzt werde, ist einheitliche, zielbewußte Leitung

vonnöten. Bisher lagen die Geschäfte der Gesellschaft in den Händen

eines Zehnerausschusses; da die Mitgliederzahl inzwischen so stark

gestiegen ist und noch fernerhin steigen wird, so wäre eine Erneuerung

oder zum Mindesten eine Ergänzung der Geschäftsleitung durch die

neuhinzugetretenen Elemente im Wege freier Wahl höchst wünschenswert;

trotzdem können wir Ihnen eine solche jetzt nicht empfehlen, und zwar

aus dem Grunde, weil die neuen Mitglieder einander nicht kennen, und so

rasch auch nicht genügend kennen lernen werden, um Wahlen vorderhand als

etwas anders, denn als ein bloßes Spiel des Zufalls erscheinen zu

lassen. Wir verlangen vielmehr von Ihnen eine Bestätigung unserer

Vollmacht, verbunden mit der Befugnis, uns durch Cooptirungen aus Ihrer

Mitte nach unserem Ermessen verstärken zu dürfen. Und zwar bitten wir um

diese Vollmachten, die übrigens durch Beschluß Ihrer Vollversammlung

jederzeit widerrufbar sein sollen, für die Dauer von zwei Jahren. Nach

Ablauf dieser Frist werden wir, das ist unsere feste Zuversicht, die

neue Heimat nicht blos gefunden, sondern in ihr auch genügend lange

miteinander gelebt haben, um uns einigermaßen kennen zu lernen.«

Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen.

Der Vorsitzende teilte hierauf noch mit, daß alle Kundmachungen des

geschäftsführenden Ausschusses den Mitgliedern sowohl in den Zeitungen

als durch besondere Zirkulare bekannt gegeben würden und schloß die

Versammlung, welche in gehobenster Stimmung auseinanderging.

Die erste That des von der Generalversammlung bestätigten Ausschusses

der Internationalen freien Gesellschaft war, daß er für die Leitung des

nach Centralafrika zu entsendenden Zuges der Pfadfinder zwei

Persönlichkeiten ernannte und mit umfassenden Vollmachten ausstattete.

Diese zwei Führer der Expedition sollten sich in ihre Aufgabe derart

teilen, daß der eine die Expedition bis in das zur ersten Ansiedelung zu

erwählende Gebiet leiten, der andere die Organisation der eigentlichen

Ansiedelungsarbeiten zu unternehmen habe. Der eine sollte gleichsam der

Heerführer, der andere der Staatsmann des Expeditionskorps sein. Zu

ersterem Amte wählte der Ausschuß den bekannten Afrikareisenden Thomas

Johnston, der insbesondere das Gebiet zwischen dem Kilima Ndscharo und

Kenia, das sogenannte Massaï-Land wiederholt durchquert hatte. Johnston

war ein jüngeres Mitglied der Gesellschaft und wurde vom Ausschusse erst

aus Anlaß seiner Ernennung zum Führer des Pfadfinderzuges kooptirt. Zur

Leitung der Expedition nach deren Ankunft an ihrem Ziele designirte der

Ausschuß einen jungen Ingenieur, Namens Henri Ney, der als innigster

Freund des Gründers und geistigen Führers der Gesellschaft -- Dr. Strahl

-- der Geeignetste war, diesen während der ersten Epoche der Gründung zu

vertreten.

Dr. Strahl hatte allerdings ursprünglich die Absicht, sich

den Pfadfindern selber anzuschließen und gleich die ersten

Organisationsarbeiten in der neuen Heimat persönlich zu leiten; die

anderen Mitglieder des Ausschusses erhoben jedoch dagegen Einsprache.

Sie konnten nicht zugeben, daß der Mann, von dessen fernerem Wirken das

Gedeihen der Gesellschaft in so hohem Maße abhing, sich Gefahren

aussetze, die für ihn um so bedrohlicher waren, als seine Gesundheit

nicht eben die festeste schien. Auch mußte er bei reiflichem Erwägen

selber zugeben, daß für die nächsten Monate seine Anwesenheit in Europa

weit nützlicher und notwendiger sei, als in Centralafrika. Kurzum: Dr.

Strahl willigte ein, zu bleiben, den Pfadfindern erst mit dem großen

Auswandererzuge nachzufolgen und Henri Ney trat an seine Stelle.

Freiland: Ein sociales Zukunftsbild · 第 2 / 29 题