zurückzulegen. Ein Rennthier läuft zwölf Meilen hintereinander, die
Lappländer machen oft zwanzig an einem Tage mit diesem schnellen Thiere.
Doch wollen wir nur zehn Meilen in vierundzwanzig Stunden hoffen, um den
Schein der Uebertreibung zu vermeiden. Das giebt also funfzehn Tage bis
zum Pol, und zehne mögen zugegeben seyn, nicht als Aufenthalt an Ort und
Stelle, wozu wohl Achtundvierzig Stunden ausreichen, (späteren
Reisenden, die das Werk vervollkommnen, mag die längere Frist, zu
vollständigern Beobachtungen, vorbehalten bleiben) sondern für
unerwartete Hindernisse. Das giebt zusammen vierzig Tage. Laufen aber
die Thiere schneller, und es giebt keinen Kampf mit besondern
Schwierigkeiten, kann man wohl schon nach dreißig oder gar nach zwanzig
Tagen wieder unter dem 80sten Grade anlangen.
Von reissenden Thieren ist der weisse Bär zu zu fürchten, den die
Beschreibung sehr keck macht, es müßten denn weiterhin noch ganz
unbekannte Ungeheuer wohnen. Im Feuergewehr giebt es ja aber ein fast
immer bewährtes Mittel, gegen die ungeschliffene Bestialität. Trifft der
Schütze nicht, so schreckt er wenigstens. Zum Ueberfluß noch einige
Knallraketen, um sie desto gewisser scheu zu machen, und davon zu jagen,
denn allerdings müßte das Rennthier mit vertheidigt werden. Weil sich
nun aber von selbst versteht, daß nicht Ein Reisender sich auf den Weg
machen wird, sondern zwei, drei, vier Schlitten, wenn nicht von
Freunden, von seinen Dienern nachgeführt werden, so giebt das neben
anderweitig wechselseitiger Unterstützung, auch desto kräftigern
Widerstand bei solchen Angriffen, wovon wir eben redeten.
Nun kömmt das richtige Treffen des Weges, und das in lauter Nächten von
vierundzwanzig Stunden Länge.
Indessen hat es je höher hinauf, je weniger mit der Dunkelheit zu sagen.
Der Himmel ist meistens klar, die Luft rein, das Sternenlicht fällt auf
den leuchtenden Schnee, wenn wir es auch übersehn, daß sich häufige
Nordlichter ins Mittel schlagen, die fast Tageshelle niederglänzen. Die
Einrichtung muß übrigens so getroffen werden, daß man einige Tage vor
dem Neumond abreiset, so daß ohngefähr für die Tage, wo man an der Achse
ist, auf den Vollmond gerechnet wird. So hat man denn die Fülle des
Scheins, und bei der Mondhöhe im Winter, ihn überdem immer am Himmel.
Die beste unfehlbare Richtung giebt der angelfeste Polarstern, und wenn
je der Horizont umwölkt wäre, nützt der Magnet. Doch ist es freilich
nicht zu wissen, welche Veränderungen er am Pol erleiden wird, daher
müssen besonders gegen das Ende der Reise, die der perpendikuläre Stand
des Polarsternes angiebt, mancherlei Vorsorgen genommen werden, daß vom
Anfang an die Spur des Rückweges kenntlich sey. Denn gesetzt man
schritte um den Mittelpunkt des Pols, und die Nadel des Compasses drehte
sich mit, so könnte die Orientirung verloren gehn. Vom Polarstern
abwärts wäre es überall südlich, und statt wieder nach Grönland
umzukehren, ginge es auf die aleutischen Eilande. Aber einige
aufgethürmte Schneehaufen und präcis gehende Uhren, die den Stand der
Gestirne als richtiges Merkmal zulassen, und nur erst eine mäßige
Strecke in der nöthigen Richtung gefunden, so ist der Compaß wieder ein
untrüglicher Wegweiser.
Soweit die Theorie der Polreise; an die Ausführung mag ein wohlhabender
kräftiger sehensneugieriger und löblich eitler Jüngling denken. Viele
opfern Tausende auf eine unwürdige Art hin, andre wenden Vermögen auf,
stürzen sich in Gefahren zu Wasser und Lande, um die Cordilleras zu
besuchen. Der Pol ist gewiß interessanter für den Ruhm, und wenn es
gleich nicht den Schein hat, so könnten doch unerwarteter Weise ganz
unschätzbare Entdeckungen dort gemacht werden.
Schwerfällige schwunglose Gemüther haben nicht nur Recht, wenn sie den
Vorschlag tapfer bespötteln, sondern dies wird dem Urheber auch das
Criterium seines Werthes seyn.
Nachdem der Leser aus dem heissen Aethiopien willig sein
Einbildungsvermögen in die kälteste der kalten Regionen gesendet hat,
wird er wieder zu der muthwilligen Pariserin zurückgeführt.
Viertes Buch.
Erstes Kapitel.
Flore tritt die Reichsverwesung an.
Man hat Bücher verfertigt, in denen die Kunst gelehrt wird, ^ad libitum^
einen Sohn oder eine Tochter zu zeugen. Bei einst höherer Vollkommenheit
derselben, wird es auch vielleicht Unterweisungen geben, wie gleich dies
oder jene Schädelorgan mit anzubringen ist. Dies kann den Genuß der
Vaterfreuden nicht wenig erhöhen, und jeder wird nach seinen
Geschlechtsverhältnissen, und den Zeitumständen handeln. Die, deren
Kinder einst weit reisen dürften, thun gewiß wohl, ihnen einen tüchtigen
Sprachsinn zu besorgen. Die Vortheile davon sind in der Fremde
unermeßlich, und ehe die Welt so klug wird, Ueberall eine und dieselbe
Sprache zu reden, vergehn gewiß noch Zehn Napoleonsepochen, oder
Zehntausend Jahre, denn alle Tausend Jahre bringt die Natur nur ein
Genie hervor, das die Gestalt der Welt zu ändern vermag.
Wie wohl befand sich Flore in Darkulla mit dem köstlichen Sprachsinn!
Unterwegs hatte sie spielend das Idiom der Neger begriffen, das überdem
an Worten keinen Ueberfluß zählt. Die abweichende Mundart in Darkulla
hatte wenig Belang, und Flore konnte nach einigen Wochen nicht nur
vollständige Unterredungen, sondern auch vollständige Reden halten.
Die ersten Tage nach Kukus Abreise stellte sie sich geflissentlich
krank, es schien ihr, der Gram müsse sie zieren, dann wollte sie auch
selbst erst recht zur Besonnenheit kommen, und endlich trieb sie in
dieser Zeit noch Tag und Nacht das emsigste Sprachstudium.
Während dessen hatte der Divan die innern Geschäfte zu besorgen.
Wie sich Flore wieder gesund machte, ließ sie von allen Räthen zuerst
den Minister der auswärtigen Affären, Lolo genannt, rufen. Noch wußte
sie die eigentliche Ursache des Krieges nicht, welche den Sultan bewogen
hätte, sogar die Liebe zu fliehen, und als gute Landesmutter wollte sie
sich doch so gut davon, wie über alle Angelegenheiten in Darkulla
unterrichten.
Lolo befriedigte sie auf folgende Weise: Eselin aller Eselinnen,
mächtige Sultanin Nene!
Es ist etwa ein Jahr vergangen, seitdem der vorige Sultan Tilili in das
Land ging, wo die gläubigen Seelen auf lauter goldenen Eseln reiten
werden.
Flore unterbrach ihn hier: es gefällt mir gar nicht, daß ihr so vielen
Aberglauben unter Mahomeds Lehre mengt. Haltet euch an den Coran, oder
vielmehr reinigt selbst den Coran noch, und laßt Vernunft und Moral eure
höchsten Göttinnen sein. Doch fahre nur fort.
Lolo runzelte die Stirn und berichtete weiter: Nach einem uralten weisen
Gesetze, greifen die Söhne des Sultans in dem Augenblicke seines Todes
zu den Waffen, und der so glücklich ist, die andern zu erschlagen,
besteigt den Thron.
So ist kein innerer Krieg zu befürchten, und der neue Regent erspart die
Unterhaltung der Prinzen.
Pfui welche Barbarei! fiel Flore abermals ein.
Jener nahm wieder das Wort. Statt sonst die Könige bei uns zwanzig,
dreißig Söhne zu haben pflegen, hinterließ Tilili nur zwei, Kuku und
Tata. Tata sprach, ich will nicht um die Regierung kämpfen, lasse sie
Kuku freiwillig. Kuku ließ ihn aus Dankbarkeit leben, und setzte ihm
einen Jahrgehalt aus, obgleich die alten Räthe darauf drangen, ihm
wenigstens die Augen oder Hände zu rauben.
»Gesegnet sei Kuku. O ich sehe, ihr seid schon reif, der Barbarei
entzogen zu werden. Nur ein alter Rest von Vorurtheil pflegt ihrer noch,
doch ich hoffe ihn zu tilgen. Weiter!«
Kuku ließ nun den Sklavenhändlern in allen Landen entbieten, er sei
gewilligt, Weiber für seinen Harem zu kaufen. Man mögte also die
schönsten von den Märkten in seine Hauptstadt liefern. Dazu suchte er
selbst Hundert der lieblichsten Mädchen in Darkulla aus.
Die Dschelabs fanden sich ein, mit schwarzen, dunkelbraunen und gelben
Schönheiten, und Kuku gab bald zweihunderten von ihnen die frohe
Hoffnung, Mutter zu werden.
Flore hustete hier.
Allein immer war er noch nicht zufrieden mit seinem Harem. Er hatte
gehört, daß es weit hinaus über Darfur an einem fernen Lande, Egypten
genannt, ein breites Meer gäbe, und drüben über dem breiten Meere
sollten Mädchen wohnen, weiß wie die Milch einer jungen Eselin, und roth
wie der Blutstrom eines Enthaupteten.
»Welche abscheuliche Bilder! Euch umgiebt eine so schöne Natur, und doch
so roher Sinn. Aber Kuku verglich doch schon mit mehrerem Geschmack.
Kannst du nicht sagen, Mädchen, weiß wie das Gefieder der Turteltauben,
und roth wie die frühen Boten der Morgensonne?«
Von solchen wollte er die Blumensäle des Weiberpallastes gefüllt sehn.
Lange aber währte es, bis seine Wünsche erfüllt wurden. Die
Sklavenhändler mußten durch viele Königreiche ziehn, eh sie nach
Darkulla gelangten. Allen Königen wurden ihre Schätze ausgestellt und
sie lasen das Beste aus. Am meisten Abdelrachmann, Sultan in Darfur.
»O es scheint, er wird die Kaufgier wohl ablegen.«
Kuku sammelte zwar gegen Hundert weisse Weiber, doch sie waren meistens
alt oder ungestaltet.
Endlich aber wurde ihm eine Schönheit zugeführt, die er mit dem halben
Reiche bezahlt hätte, wenn der Dschelab sie nicht anders hätte
losschlagen wollen. Dies war die reitzende Gigi. Ihr Fuß hinterließ
keine Spur im Sande, man konnte eher in die Sonne sehen, wie in ihr
Auge, und wenn sie lächelte, schossen neue Blüthen aus den Zweigen des
Mandelbaumes empor.
»So! Du besserst deinen Vortrag.«
Der Sultan rief: Eh ich diese Blume berühre, muß mein Ruhm bis hinter
Monomotapa ertönen. Er hatte grade Krieg, mit einem Fürsten von Habesch,
um das Land Darmi, was in der Mitte von Darkulla und Habesch liegt. Er
zog ihm entgegen, aber traurig beim Abschied, denn Gigi, die Strahlende
im Harem, wie die leuchtenden Wangen des Mondes unter den Sternen, die
sich meistens schamhaft verbergen, wenn er am blauen Himmel heraufzieht;
hatte ihm verwegen erklärt: Und so du auch siegreich heimkehrst aus
deinem Kriege, und so dein Ruhm bis hinter Monomotapa ertönt, ich werde
dennoch deine Sultanin nicht. Du bist nur Herr meines Lebens, nicht
meiner Liebe. Sieh diesen Ring, den mir eine Zauberin in Senimar
schenkte. Ein einziger Tropfen Gift, fließt in seinem hohlen Diamanten,
aber so wirksam, daß ich, wie er die Lippe berührt, todt hinsinke; ja
wer noch meinem Leichnam naht, muß plötzlich sterben. Diesen Ring
entwindet mir keine Kraft, denn schon früher werde ich den Tropfen
schlürfen.
Kuku hoffte aber, Gigi würde den Sinn noch ändern, und schrieb ihr aus
dem Lager: Sie sollte künftig gegen den Landesgebrauch nur die einzige
Sultanin sein, wenn sie ihn liebte.
O, unterbrach Flore den schwarzen Minister wieder, dieser Kuku ist zur
Hälfte schon gut, und die andre Hälfte kann gut werden. Zu strenge Gigi!
Den Sultan traf Unglück, fuhr Lolo fort. Er wurde geschlagen und ein
streifender Trupp Beduinen, der denen von Habesch beistand, schlich in
seinem Rükken durch, um den Paß des Felsenlandes zu besetzen, der von
den Vätern zu einer Zuflucht in Kriegsnoth eingerichtet war. Kuku
fürchtete, seine Weiber mögten den Feinden in die Hände fallen, und
sandte Befehl, sie sollten lieber alle sterben.
»O von der grausamen Geschichte vernahm ich schon.«
Die schwarzen Weiber kamen tanzend und reichten das Haupt dar, denn der
geliebte Sultan hatte geboten. Die braunen und gelben erschienen auch,
doch zitternd und leisklagend. Die Weissen erhuben ein lautes
Jammergeschrei, und Gewalt mußte sie nach dem Richtplatz führen. Doch
Gigi --
»Nun Gigi?«
Gigi fand unbegreiflicher Weise Mittel zu fliehn. Ein Beduine hatte sich
bei Nacht durch die Wachen des Pallastes geschlichen, und sie gerettet.
Bald führte Gigi selbst ein Heer von Beduinen an, und half Kuku
bekriegen, der sie hatte morden lassen wollen. Kuku schlug die von
Habesch, aber jene Beduinen vermogte er nicht zu überwinden. Er ließ
Gigi Friedensvorschläge thun, die Stolze verwarf sie. Es gab endlich
keinen Ausweg, als der tapfern Cafferin das streitige Land zu
überlassen, was die von Habesch und die von Darkulla zufrieden waren.
Sie wurde nun selbst Herrscherin.
»Also ist es doch nicht ohne Beispiel, daß Weiber in diesen Gegenden
regieren?«
Kuku war des Krieges müde, und beschloß in das feste Land zu ziehn.
Seinem Bruder Tata übergab er alle Provinzen, die außer der Felsenkette
lagen, und dachte nur daran, andre Weiber zu kaufen. Viele wurden nach
Darkulla gebracht, doch alle entließ er wieder. Er hatte Gigi gesehn,
und keine andre Schönheit konnte ihn mehr rühren. In Gram und Trübsinn
schwanden seine Tage. Endlich kamst du Eselin der Eselinnen, erhabene
Sultanin Nene, seine Heiterkeit kehrte zurück, und bald wird er auch
Gigi vergessen.
Flore dachte einen Augenblick darüber nach, wie doch ihre Schönheit,
einst vielleicht mit Recht gepriesen, aber dann die Wonne so vieler
Glücklichen, noch in der Tiefe von Afrika die wundervolle Wirkung
hervorbringen könne? Sie war aber keineswegs unzufrieden damit, und
erinnerte Lolo fortzufahren.
Ein Jahr ist es nun bald, seitdem Gigi den Thron in Darmir bestieg.
Viele schöne und edelgebürtige arabische Jünglinge langten an, zeigten
sich auf Rossen, die die älteste Ahnentafel aufweisen konnten, suchten
Gigis Herz zu gewinnen, und den Thron mit ihr zu theilen. Nie sah man
gewaltigere Kraft, kühnere Geschicklichkeit. Einer stritt siegreich mit
Löwen und Tigern, ein anderer setzte in Ströme, und bekämpfte das
Krokodill, noch ein anderer schwamm mit seinem Hengste einen Wasserfall
hinunter. Umsonst! Gigi ließ ihnen Geschenke reichen, und gab ihnen
sicheres Geleit in die Heimath.
»Beim Himmel! ich mögte diese Gigi kennen!«
Die Häupter des Volks baten sie, sich zu vermählen. Sie sprach: Nur noch
einige Geduld, und ich schenke euch einen König.
Einstweilen ließ sie Kanäle graben, Städte bauen, Wüsten in Gärten
umwandeln.
»Sicher ist Gigi aus Europa, einer Türkin Trägheit würde nicht so schöne
Plane entwerfen.«
Wie man spricht, soll sie aus dem kleinen Ländchen stammen, das du
nanntest. Die Beduinen wunderten sich um so mehr, Gigi so gut zu sehn,
da ganz Afrika weiß, daß die Caffern aus dem Ländchen Europa boshaft,
geizig und treulos sind.
»O es giebt viele Ausnahmen, glaube mir.«
Um aber ihre Städte, ihre Gärten schneller emporsteigen, emporblühen zu
sehn, begehrte sie hundert Caffersklaven zu kaufen, die künstlich Geräth
zu fertigen wüßten. Sie sollten in Darmi freie Leute seyn und geehrt. Da
die Sklavenhändler aber nicht verstanden, solche Sklaven auszuwählen,
und ihrer überhaupt wenige fanden, so empfingen zwei Kaufleute in
Egypten durch die Königin Gigi den Auftrag, freie Männer der Art zu
werben, die sich mit Weib und Kind bei ihr ansiedelten. Die Kaufleute
sollten sie selbst bringen, und mit Reichthum gesegnet werden. Es fanden
sich auch zwei Egypter willig, ein alter und ein junger Mann. Mit einer
Caravane kamen sie samt den geschickten Männern bis Darfur, dessen
Sultan sie bis zur Gränze geleiten ließ, denn Gigi hatte deshalb
unterhandelt, und viel Gold dafür erlegt. Nun langten sie in Tatas Reich
an, meldeten sich bei dem Melek, und sagten: Königin Gigi habe ihnen
hier auch den Durchzug bewirkt, wie sie wohl wüßten. Tata war auch
dieserhalb angegangen worden, hatte aber der alten Feindin wenig Gehör
geliehn, sie drohte darauf heftig, und meinte dann, Tatas Furcht vor
ihren Waffen werde nicht zugeben, daß er die Männer zurückhielt.
Tata aber verdrossen die Drohworte der Nachbarin. Er überlegte auch mit
seinen Räthen, ob es gut gethan sey, Gigi die Männer zukommen zu lassen.
Es sind ihrer Hundert nur, hieß es, aber sie führen Kinder mit sich, die
wieder deren zeugen, wozu sollen wir behülflich seyn, daß unsre Feinde
sich mehren, und die Nachkommen mit zahlreicheren Heeren zu kämpfen
haben. Lassen wir diese durch, werden noch mehrere nachziehen. Sie
bringen Gigi Freude und Nutzen, das zu fördern, verdiente sie um
Darkulla nicht.
Kurz, die weisesten Weisen Darkullas entschieden, daß es unumgängliche
Klugheit sey, jene Männer samt ihren Geschlechtern zu vertilgen. Tata
meinte auch, daß es keine glänzendere Antwort auf Gigis vermessene
Drohworte gäbe, als wenn ihr die Köpfe allein zugeschickt würden.
»O pfui, pfui! Gräßliche Politik von Afrika! Und ich kann mir denken,
daß diese Weisen sich so patriotisch dünkten, als hätten sie in einem
gewissen Parlament gesessen. Weiter!«
Bei dem allen dachte aber Tata doch auch an den Krieg, der ihm über den
Hals kommen könne, und er wollte sich auf alle Fälle der Hülfe des
Bruders versichern. Deshalb lief eine Anfrage bei dem Esel aller Esel
ein, was man zu thun hätte?
»Nenne ihn Sultan Kuku, wenn du mit mir redest. Ich erlasse die
überflüssige Artigkeit. Und welchen Rath empfing Tata?«
Sultan Kuku erwiederte: Wenn jene Caffern wirklich einem Lande Nutzen
bringen könnten, so sey es zwar ein Thorenstreich, sie der Feindin zu
überlassen, doch noch ein größerer, ihnen die Gurgeln zu durchschneiden.
Man könne sie ja anhalten, im Lande selbst ihr kunstreich Gewerb zu
üben.
»O ich sehe es, Kuku ist nicht nur gut, er hat auch Verstand, der nur
seiner Bildung harret. Geduld, nur Geduld!«
Die Männer durften also nicht nach Darmi, wurden aber in Schutz
genommen.
»Immer treulos gegen Gigi. Sie gehörten ihr an, man mußte sie ziehn
lassen, dann einer so verständigen Monarchin Beispiel folgen, und sich
auch geschickte Caffern verschreiben. Geduld, nur Geduld!«
Aber grimmig wie die Leopardin, die des Jägers Pfeil streifte, stand die
Sultanin von Darmi auf. Viel waren der Gründe ihres Zornes, denn sie war
selbst bis an die Gränze gekommen, die Caffern einzuholen, so viel lag
ihr an dem Schmuck der Städte und Gärten; getäuscht mußte sie sich sehn,
ihre Bitte mit Hohn, ihre Drohung mit Schmach vergolten, und schnell
sammelte sie ein Heer, in des Nachbars Staaten zu brechen.
Flore fielen die Opern ein, die sie in Paris gesehn hatte, und sie rief:
Eine Semiramis, eine Zenobia!
Lolo fuhr fort: So warm legte sich Gigi für das Schicksal der Männer
ein, daß sie einen Fehdebrief erließ, verkündend: daß für jeden Kopf,
der von ihren Caffern fehlen würde, Tausend Köpfe aus Darkulla auf
Darmischen Spießen getragen werden sollten, und würde den Kaufleuten,
welche ihre Caffern führten, nur ein Blick des Zornes, so sollten Flamme
und Schwert eine ganze Provinz um dieses Blickes Willen verwüsten.
»Großherzige schreckliche Königin!«
Das alles wurde nun dem Sultan Kuku gemeldet, und er mußte dem Bruder
beistehn. Vielleicht hätte er gar bei seinem friedlichen Herzen dem
Bruder gerathen, die Caffern ziehn zu lassen, aber die beleidigende
Sprache Gigis empörte ihn und jeden Darkullaner. Doch in so gerechtem
Krieg wird die gute Sache nicht unterliegen. Gigi steht allein, die von
Habesch sind ihre Verbündete nicht mehr, Kuku und Tata stellen ein
mächtig Heer ins Feld.
»Gerechter Krieg, gute Sache, meinst du das?«
Ich meine wegen des kränkenden Fehdebriefes.
»Hätte man gleich das Rechte gethan, würde man weder den Zorn über den
Fehdebrief gefühlt, noch den harten Kampf zu kämpfen gehabt haben. Ich
schlage mich ins Mittel. Gleich einen Eilboten. Der Sultan wird meinen
Rath, meine Bitte hören, und der Friede kehrt zurück.«
Sie entließ nun den Minister, und fertigte einen Courier an Kuku ab. In
der Depesche beschwur sie ihn, sogleich die Männer an Gigi zu senden.
Zweites Kapitel.
Versuche mit der Entwicklung zu Darkulla.
Am andern Tag ward der Divan berufen. Als sich alle hohe Staatsbeamten
eingefunden hatten, erschien die Sultanin ohne weitere Anmeldung. Nur
einige Mann der Eunuchengarde und wenige Frauen begleiteten sie.
Darüber steckten die vornehmen Neger die Wollköpfe nicht wenig zusammen.
Eine Sultanin, und umgiebt sich nicht mehr mit Schimmer? Was muß das
Volk denken. Es wird sich erfrechen zu glauben, sie sei vom gewöhnlichen
Geschlecht der Menschen.
Flore stieg nicht die Stufen zum Throne hinauf, deren Hundert vorhanden
waren, sondern blieb auf der zweiten oder dritten stehn. Hier glaubte
sie von allen gesehn und verstanden zu werden, und darum war es ihr zu
thun.
Auch dies gab Anlaß zum Kopfschütteln. Wenn sich sonst die Sultaninen
von Darkulla öffentlich zeigten, so waren sie so dicht von Garden und
Höflingen umringt, daß man sie nicht sah und auf dem Hundert Stufen
hohen Thron verkleinerten sie sich so, daß sie wie Kinder erschienen.
Flore, die ein leises Gehör hatte, vernahm das Geflüster, und sagte:
Darkullaner, wer faßt euch? Den unnützesten Prunk wollt ihr an euren
Monarchen glänzen sehn, und doch tragt ihr, wie er, keine Kleidung. Doch
hört nur, was ich euch alles zu sagen habe.
Hier auf der Erhöhung wurde sie erst der Menge recht sichtbar, und nie
hatte man wohl den Divan von Darkulla so bewegt gesehn, wie in diesem
Augenblick. Denn konnte die allgemeine Befremdung größer sein? Flore
trug ein Hemd von Musselin.
Bisher hatte sie sich, wie wir schon gesehen haben, zwar durchaus der
Landessitte anbequemen müssen, allein da sie immer ein Schweistuch und
einen Sonnenfächer in den Händen führte, so wußte sie einen so
geschickten Gebrauch davon zu machen, daß ihr europäisches Gefühl
wenigstens einigermaßen beruhigt war. Wie aber Kuku abreisete, ließ sie
sogleich von einer wollartigen Pflanze ein Gewebe fertigen, und schnitt
es sich selbst zu einer Chemise zu. Es ließ sich sonst in Darkulla auch
nicht das geringste von einer Ellenwaare finden.
Man muß glauben, daß wenn Flore nicht so schön gewesen wäre, und durch
die Anmuth in ihrem Betragen, schon Nachsicht geboten und Unmuth getilgt
hätte, der Divan auf der Stelle würde auseinander geflohn seyn. Denn
grade den Eindruck, den es machen würde, wenn eine vornehme Dame, in
Europa nach der Mode von Darkulla erschien, brachte dort der europäische
Gebrauch hervor.
Aber Flore fing an zu reden, man hörte, wunderte sich, daß man nicht
aufhörte zu hören, und hörte dennoch.
Weise Männer von Darkulla, hub Flore an: Der Sultan euer Beherrscher hat
mir das Regiment während seiner Abwesenheit übertragen. Je weniger ich
hoffen kann, einer so unerwarteten Ehre würdig zu sein, je mehr wird es
mir Pflicht, den Erwartungen, welche Kuku von mir hegt, nach aller Kraft
zu entsprechen, daß nimmer ihn seine Wahl reuen möge, und Freude bei der
Wiederkehr sein Herz durchglühe.
Darkullaner, ich bin in einem Lande geboren, wo die Menschen weiter in
Künsten und Erfahrungen sind, wie ihr. Auch was Recht und Sitte als das
Beste empfehlen, wurde dort genauer ausgemittelt wie hier. Fern sei es
von mir, wegen dieses Zurückbleibens auf dem Pfade der Bildung, ein
ganzes Volk zu tadeln. Vieles, was der Einzelne thut, hängt von
Zufälligkeiten ab, und das gilt auch bei Nationen. Wären eure Väter
durch solche Weltereignisse berührt worden, wie die unsrigen, ihr
ständet heute auf der Stufe, welche meine Landsleute ehrt. Und hätten
unsere Voreltern nur einen Lebenskampf gefunden, wie die eurigen, so
besteht gar kein Zweifel, ihre Kinder würden nicht weiter vorgerückt
sein, wie ihr. Dies schicke ich voran, um jeden Verdacht der Anmaßung
von mir zu entfernen.
Allein ich glaube, ich kann gegen das Vertrauen eines Königs, der mir
liebend entgegen kam, und mich neben sich stellte, gegen den
freundlichen Empfang und willigen Gehorsam eines guten Volkes, nicht
dankbarer mich beweisen, als wenn ich von den Vortheilen, die mein
Vaterland vor euch genießt, Darkulla so viel zuzuwenden strebe, als es
selbst schon aufzunehmen fähig ist. Und da bring ich eure
Empfänglichkeit für das Gute in keinen geringen Anschlag, denn ich habe
bereits Zeichen wahrgenommen, die den Morgen der Hoffnung lieblich
rötheten.
Es ist der schönste Traum dieser Tage gewesen, den Sultan Kuku bei
seiner Wiederkehr mit Einrichtungen zu überraschen, die ihm, wie dem
Volke, Segen und Wonne bringen könnten, und mein Herz drängt mich, dem
Traume Wirklichkeit zu geben. Euer Beistand ist es, worauf ich dabei
zähle, und weiser Sinn, wie das lebendige Gefühl für das Bessere, werden
mir ihn nicht versagen.
Es sind vorerst drei Gesetze, die ich zu erlassen gedenke, nachdem sie
eurer reiflichen Prüfung vorgelegt sind.
Das erste betrifft die Kleidung.
Anstößig, eckelhaft, anstößig ist es, Darkullaner, daß ihr die Sitte
auch der letzten unter den gebildeten Nationen nicht nachahmt, und
ärgerlich eure Blöße zur Schau tragt. Wohl muß ich erkennen, daß euer
Himmelsstrich hierin andere Gewohnheiten vorschreibt, wie Zonen, in
denen das Wasser in Flüssen zum Stein erstarrt, und aus den Gewölken zu
Staub gefroren niedersinkt. Allein was nicht die Nothwendigkeit der
Erwärmung fordert, ist man der guten Sitte schuldig. Gewöhnt euch daran,
ein dünnes Gewand zu tragen, und bald werdet ihr empfinden, daß das
Achtungsgefühl für jeden Einzelnen zunimmt, es wird euch Freude sein,
auch andern es wieder zuzugestehn, und ein wichtiger Schritt der
Veredlung ist gethan. Ich spräche nicht davon, um nicht die
Zurückhaltung aufzugeben, die der Weiblichkeit immer wohl steht, aber
ich muß euch doch alles sagen, was zur Sache gehört, so darf ich um so
eher hoffen, euch zu bewegen. Wisset, dasjenige Entzükken, wodurch die
Natur der Menschen Herzen am innigsten rühren wollte, ich meine die
Liebe, wird euch mit reinerem, hellerem Stralenschein umfließen, wenn
ihr dem Geheimnisse Tempel erbaut, und es gab vielleicht weniger das
Bedürfniß, wie der Liebe Sehnsucht nach ausgewählten Genüssen,
Gelegenheit zu Erfindung des Kleides. Denkt nach über diese wichtige
Angelegenheit, Männer von Darkulla, nennt mir eure Bemerkungen darüber
und helft dann redlich und eilig das Gesetz vollziehn, indem ihr die
Ersten seid, die dem Willen der Regentin mit Unterwürfigkeit begegnen.
Ferner komme ich auf die widernatürliche, grausame, unerhörte
Gewohnheit, manchen aus Kurzweil zu morden, zu verstümmeln. Der Vornehme
unter euch, der sich, wie er es nennt, eine heilsame Bewegung machen,
oder sich am Gräßlichen eine Augenweide verschaffen will, ruft nur
seinen Sklaven hervor, wenn er will, und stillt sein wildes Vergnügen.
Der Sultan, dessen Sklaven ihr alle seid, kann auch den, der ihm am
nächsten steht, zum Opfer auswählen. Hier, Darkullaner, vertheidigt euch
auch der Väter Beispiel nicht. Jeder Erdensohn muß nach dem Triebe, das
seinige zu erhalten, den Werth des fremden Lebens wägen. Es muß ihm
heilig sein, damit ihn selbst nicht grause Furcht quäle. Eine
unerbittliche Satzung, daß des Blutvergießers Blut die Schuld sühnen
solle, wird bald ein so freventliches Gelüst austilgen. Die Menschen
sind sich gleich, und welche bürgerliche Abstufungen auch in eurem Lande
vorhanden sind, so darf auch der Niedrigste nicht so erniedrigt werden,
daß sein Leben von der Willkühr abhängig sei. Begebt euch aus guter
Ueberzeugung eines schändlichen Rechtes, und ich verheiße euch, den
Sultan Kuku zu einem gleichen Entschlusse zu vermögen. Auch Mahomeds
Religion verbietet solche ungemessene Greuelthat. Aber ihr versteht
wenig mehr davon, wie die Erlaubniß, viele Weiber zu frein, und die
Aussicht auf ein phantastisches Paradies, das ihr noch mit
Heidenaberglauben schmückt. Davon künftig mehr, vorerst macht nur dem
ärgsten Mißbrauch, der je eine Völkerschaft entehrte, ein Ende.
Noch muß ich über den Titel reden, den ihr euren Oberhäuptern beilegt.
Durch manches Land kam ich auf meinen Reisen, aber einen so lächerlichen
Verstoß gegen Ehrfurcht und Schicklichkeit nahm ich an keinem Orte wahr.
In Darfur grüßt das Volk seinen König: Büffel der Büffel, in Darkulla
gar Esel der Esel. Wie nützlich, kräftig oder stattlich euch ein Thier
erscheinen mag, so ist es unwürdig, nur den geringsten Menschen damit zu
vergleichen, da er an Schönheit der Gestalt, Vortheil der Glieder, und
dem entwickelten Geist so weit emporragt. Der Mensch ist so trefflich
dargestellt, daß man eher ihn mit dem Göttlichen vergleichen mögte. Dies
ziemte aber wieder nicht. Also kein Vergleich, eine Benennung nur, die
Liebe, Vertrauen und Gehorsam ausdrückt, aber durchaus menschlich ist.
Hier endete Flore. Es war ihr keineswegs entgangen, daß während ihrer
ganzen Rede, viele leidenschaftliche Aufwallungen ihre Hörer bewegt
hatten. Zugleich war ihr aber auch der Kampf sichtbar geworden, den die
Mitglieder des Divans im Innern gegen ihren erregten Unwillen bestanden,
und sie schrieb diese Erscheinung der eindringenden siegreichen Kraft
ihrer Gründe zu.
Irthum! Man hatte sich nur angefeuert, die verderblichen Grundsätze der
Liebenswürdigkeit der Rednerin zu verzeihen.
Der älteste unter den Räthen bat um die Erlaubniß, seine bescheidenen
Anmerkungen über die weise Rede an den Tag zu legen, und sie wurde ihm
gewährt, so wie jedem, der etwas darüber zu sagen hatte.
Eselin der Eselinnen, Tochter einer Eselin, und Mutter vieler Esel,
erhabene Sultanin Nene, höre mich.
Hier biß Flore vor Aerger in die Lippen, der gute Alte fuhr aber fort:
Laß dich einen Greis beschwören, der der Grube zuwankt, und das
Bewußtsein mit keiner Falschheit beladen wird, laß dich beschwören,
deine Irthümer zu meiden. Dein Tadel straft das Volk von Darkulla, weil
es nicht den Leib mit eitlem Gewande überhängt, und du nennest diese
Sitte unanständig und sündlich. Sprich, wie kann es unanständig sein,
den Leib, den Gott so schön, so kunstvoll bildete, frei zu zeigen. Ließ
er nicht das Kind in Nacktheit geboren werden? Mißfiel ihm der Mensch
ohne Hülle, würde er ihn nicht gleich mit einer Bedekkung versehn haben?
Aber nicht einmal Schaalen, wie der Schildkröte, oder dem Krebse, nicht
einmal ein Haus, wie der Schnecke und Muschel gab er ihm, und winkt also
deutlich genug seinen Willen herab. Klüger müßten wir uns dünken, wie
der Weiseste, tugendhafter wie der Vollkommenste, wenn wir besser
verstehn wollten, wie der Mensch das Leben zu durchwandeln hat. Nein,
glaube mir, du hegst Irrthümer, noch mehr, du sündigst gegen den Herrn
der Himmel, und wirst seinen Zorn auf dich laden. Wirf sie weg, diese
frechen Gewebe, die die Schönheit, welche dir gegeben ward, den Blicken
entziehn, ja selbst verkündigen du schämest dich der Glieder, die der
Herr schuf. Eben darum nehmen wir nicht alle Lehren Mahomeds an, weil
sie gebieten, das Weib zu verschleiern, ein Frevel, zu dem sich unsre
Ehrfurcht vor Gott nie verstehn wird. Schreibe in dein Herz, was ich dir
sagte, ich bin zu bewegt, und muß schweigen.
Ein andrer stand nun auf, und nach der gewöhnlichen Höflichkeitsanrede,
kam er zur Sache:
Wie, Königinn, wir sollten der leichten, freien Bewegung unseres Leibes
ein Hinderniß setzen, uns steif und ungelenk machen? Wir sollten die
Glieder verwöhnen, von der Luft gestärkt und erfrischet, die jedem
Sonnenstrahl trotzten, und mit einer empfindlichen Haut, die Krankheiten
auf uns laden, von denen man in Egypten so viel hört, wie die Gereiseten
sagen? Sind Gelenkigkeit und Kraft nicht schätzbarere Güter, wie einige
bunte Lappen, die, hätte sie auch der erste Künstler unter den
kunstreichen Caffern gefertigt, doch nimmer dem Gefieder eines Papagoyen
gleichen. Darum, wenn wir uns ja mit etwas schmücken, so sind es Federn
im Haar, oder Muscheln am Halse, beides von dem höchsten Künstler
hervorgebracht.
Noch ein andrer setzte hinzu: Und woher sollten wir doch Kleider
bekommen? gesetzt wir wären auch so ruchlos, deren anlegen zu wollen? In
Darkulla giebt es dazu kein Werkzeug, keine Arbeiter. Sollen wir den
Fremden dafür von unserm Reichthum geben, wird Darkulla bald arm seyn.
Sollen die Männer von Darkulla selbst die verdrießliche mühvolle Arbeit
unternehmen, den nichtigen Tand zu bereiten, so müssen sie einer der
holdesten Süssigkeiten des Lebens entsagen, der lieblichen
Geschäftlosigkeit. Diese Gewerbe würden die Arbeiter verkrüppeln, man
würde bald Siechlinge erblicken, wo jetzt nur nervigte Kernmänner
vorhanden sind. Bald würde auch eitler Stolz einreissen, jeder sein
Kleid besser wollen, wie der Nachbar. Neid und Mißgunst, Abhängigkeit
und Hundert andre Uebel, die wir zum Glück unsrer Unschuld noch gar
nicht kennen, von denen wir nur hier und da reden hörten, würden im
Gefolge der Kleider nahen.
Der Alte hatte sich in etwas erholt, und fügte noch einige Worte hinzu.
Sultanin, sprach er, du nanntest auch eine Erhöhung der Freude im
Liebesgenuß, zu den Vortheilen, welche mit den Kleidern über Darkulla
kommen würden. Wie, ist man in deinem Vaterlande so entmarkt, daß es
erkünstelte Reize gilt, um Reiz zu empfinden, davon weiß Darkulla noch
nichts, und seine starke Bevölkerung mag für mich zeugen. Soll aber
Zügellosigkeit an die Stelle der Freude treten, o dann flehen unsere
Väter, flehen unsere Mütter: Erbarme dich der Kinder, und lasse die
Kleider weg!
Ferner, o Eselin der Eselinnen! verwirfst du das Recht über Leben und
Tod, das bei uns dem Herrn gegen seine Knechte zusteht, wie die Pflicht
der letzteren, freudig der Lust des Herrn, Kopf und Brust darzubieten.
Bedachtest du aber auch, wie dadurch bei uns eine Herrschaft über die
Gemüther, eine Leichtigkeit der Ordnung entstehn, die man vergebens bei
allen Völkern der Erde suchen würde?
Wie tief ist die Liebe zu einem Herrn, für den man jeden Augenblick
bereit ist, zu sterben. Was kann ein Herr, den die Knechte so lieben,
nicht unter dem Werth des Lebens fordern. Wie gewiß, wie willig werden
nicht alle seine Winke erfüllt? Statt anderwärts mit großer Mühe, und
dennoch lückenhaft und unvollkommen die Gesetze erlassen werden, bedarf
es deren bei uns gar nicht, der Geist des unbedingten Gehorchens geht
schon in den Knaben über, wenn der Säugling entwöhnt wird, und stirbt
erst mit dem Greise. Denkst du eine so herrliche Zusammenstimmung des
Willens zu stören?
Ein andrer nahm das Wort. Wir sind ein Volk von Kriegern. Zwar dürften
wir in der felsenbewachten Provinz ruhig gegen alle Angriffe seyn, und
eine geringe Zahl ausgenommen, die den Eingang zu vertheidigen hätte,
die Schwerter zerbrechen, aber die Darkullaner, welche draußen wohnen,
sind auch unsere Brüder, wir wollen sie nicht der Feinde Sklaverei
preisgeben, oder schimpflich große Lande meiden. Und einem Kerker gliche
dann das Darkulla zwischen den Bergen, Niemand dürfte es mehr verlassen.
Wo kann es aber wohl furchtbarere Krieger geben, wie da, wo niemand das
Leben achtet? Das haben unsere Feinde oft gefühlt. Daß auch der Anblick
des Blutes, der Todesmartern, nach langem Frieden, nicht den Anführern,
nicht den geringen Kriegern ungewohnt sey, und Muth und Besonnenheit
störe, ist es vortrefflich, von Zeit zu Zeit das Schauspiel des Mordes
zu wiederholen. Männlicher Sinn, Gleichgültigkeit gegen fremde und eigne
Qual, weichen so nimmer aus unsern Gemüthern.
Ein Dritter fügte noch hinzu: Wir hassen Anstrengung, Mühe, Fleiß, die
doch, wie jeder gesteht, den Menschen peinigen. Anderwärts müssen die
Feldherrn den Krieg wie eine beschwerliche Kunst erlernen. Einen großen
Theil seiner Zeit ängstet sich der Bei in Egypten ab, wie er am besten
begreife, die Truppen gegen den Feind zu stellen, mit Vortheil auf
Feindes Reihen zu führen. Der arabische Reuter tummelt sich und sein Roß
bis zum Ermatten, der Fußkrieger übt im Schweis des Angesichts, das
Zielen seines Geschosses. Das alles darf der kühne Sohn Darkullas nicht.
In dichten Haufen, mit Keulen oder Schwerdt gewaffnet, wälzt sich
Darkullas Heer vorwärts. Zurück begehrt Niemand mehr, der im Tode kein
Uebel zu sehn gewohnt ist. Mögen sie kunstreich schießen, nur Tausend
Mann darauf losgestürmt. Was nicht fiel, erwürgt die Feinde. Stolze
Gegner haben uns mit abgerichteten Elephanten bekriegt. Da warfen sich
gleich ein zwanzig Mann in den Staub, ließen sich lachend zerstampfen,
während andere dem Thier die Speere in den Leib senkten, oder
hinaufklimmten, die Führer herabzuschleudern. Sogar einen der ehernen
Feuerrachen, wie man sie im fernsten Caffernlande hat, wo gewiß die
Menschen ihre eigne Kraft schon lange einbüßten, hat der Sultan von
Darfur gegen uns gebraucht. Wie spotteten Darkullas Krieger der eitlen
Bosheit! Es kostete einen Anlauf. Kaum hundert wurden zerrissen, da
gehörte das plumpe Werkzeug uns, wir zwangen seine Schützen, ihre
eigenen Brüder damit zu erlegen, und bewahren es noch auf. Soll diese
Heldengewalt unserer Krieger, die seit Jahrtausenden unsre Haabe, unsre
Freiheit so kräftig beschützt, in Darkulla untergehn? Nein, erhabne
Sultanin, das wirst du nicht wollen.
Jetzt bat jener Alte wieder um das Wort: Eselin der Eselinnen! am
tiefsten hast du unsere treuedurchglühten Herzen verwundet, da das
Verlangen laut wurde, unsern uralten ehrwürdigen Königstitel zu ändern.
Ich flehe dich an, erhabene Sultanin, erwäge, welchen schlimmen Eindruck
es auf die Menge hervorbringen würde, wenn ihr gestattet seyn sollte,
dem Oberhaupte, die ihm von den weisen Vätern erzeigte, ihm immer
gebührende, von dem Vater auf den Sohn fortgepflanzte, Ehrenbezeugung zu
entziehn. Alterthum allein heiligt schon Gebräuche, man darf nur mit
Vorsicht daran rühren. Viel gewöhnlicher, viel leichter würde der
Darkullaner von seinem Könige denken, über ihn fühlen, das Verhältniß
der Unterthanen zu dem Gewalthaber betrachten, wenn es ein so wenig
bedeutender Gegenstand wäre, das Bild, wodurch er die Herzen rührt, zu
zerschlagen. Es wäre der erste Schritt einer gefährlichen Verminderung
des ehrfürchtend, zutraulichen, kindlichen Sinnes.
Der zweite Rath warf ein: Du sagtest, erhabene Sultanin Nene, wohl mit
dem Göttlichen wäre eher der Mensch zu vergleichen, als mit dem Thier.
Nach dem Ebenbilde Gottes sei er gemacht. Verzeihe mir, ich begreife
nicht, wie irgend eine Religion sich vermessen kann, einen so anmaßenden
Stolz zu lehren. Was würde gar aus dem Sultan werden, dessen Macht auf
Erden so groß ist, so groß sein muß, wenn ihn seine Diener einen Gott
nennten? Grade, weil sie ihn so hoch stellten, muß er sich fleißiger
erinnern, daß er bei aller Erdengewalt dennoch nur ein Wurm im Staube
ist. Nein, Sultanin, laß uns das Herz unserer Könige nicht verderben,
indem Wahn der göttlichen Natur über die Betrogenen kömmt.
Der dritte trug noch folgende Einwendungen vor:
In Afrika ist es Gewohnheit, die Rede mit Bildern zu schmücken. Der
Vergleich ist anmuthig, übt spielend den Scharfsinn. Oft enthält er eine
Lehre, die sich ohne Mühe einprägt. Vergleichen wir nun unsern König mit
einem Esel, so wird nicht nur der Scharfsinn dadurch aufgefordert, die
Aehnlichkeiten zu suchen, sondern auch heilsam an die in dem Witze
enthaltene Lehre gemahnt, was grade dem Könige selbst am nützlichsten
werden kann. Andre Völker haben Thiere gewählt, die in ihrem Lande
vielleicht vortheilhafter zu brauchen waren, bei uns ist aber der Esel
Alles in Allem. In Darfur nennen sie den Sultan: Büffel der Büffel,
Elephanten von gewaltiger Stärke; in Bornu: Löwen der Löwen, Tyger von
wüthendem Grimm. Sollte unsre Wahl nicht edler sein? Jene Thiere
fürchtet der Mensch mehr, als er sie liebt, sie machen von ihrer Kraft
häufig einen schlimmen Gebrauch, und derjenige, dem man ihre Namen
zutheilt, kann auch leicht zu einem ähnlichen Mißgriff verführt werden.
Aber man blicke auf die Esel in Darkulla. Wie zart gebaut, wie reinlich,
weich, und von glänzender Haut sind sie. Wie sicher ihr leichter Tritt.
Mit welcher Geduld tragen sie große Lasten. Von dem reichsten Vorrath an
Sesam oder Mais umgeben, schwelgen sie nimmer, genießen nur das Nöthige;
beim Mangel der Wüste behelfen sie sich mit schlechter karger Kost. Sie
sind sanftmüthig, greifen niemand an, nur heftig gereizt beißen sie,
oder schlagen hinten aus. Nun sage selbst, o Sultanin, mit welchem
Thiere wäre Darkullas Sultan sinnvoller zu gleichen? Mögte nicht jedes
Reich gern einem durch die äußere Form schon einnehmenden Herrscher
gehorchen? Sind es nicht köstliche Tugenden am Thron, leicht und doch
sicher die Geschäfte der Regierung zu treiben, die Last des Ruders mit
Geduld zu tragen, mitten im Ueberflusse wirthlich zu sein, und im
Nothfalle sich auch schlecht begnügen zu können? Die friedliche sanfte
Gemüthsart des Landesvaters, welch eine Schutz und Wehr der Unterthanen
gegen Gewaltthat im Innern; denn dem Beispiele von oben werden alle
Gewaltige des Landes folgen. Wird der Sultan nur zornig, wenn ihn
Beleidigung reitzt, so hat sein Reich keine unnütze Kriege zu besorgen.
Darkulla, das sich mehr vertheidigen als erobern will, kann durchaus
keinen rührenderen Vergleich wählen, wovon dich gewiß meine Gründe
überzeugten, und du wirst fortan freundlich lächeln, wenn dir das schöne
Ehrenwort: Eselin der Eselinnen, ertönt. Ob wir gleich nicht glauben, es
bedürfe bei deinen Vollkommenheiten, noch einer Mahnung, an die Tugenden
des sanften Thieres zu denken, so nennten wir dich doch ungern Krokodill
der Krokodille, aus Furcht, du mögtest bei den öfteren Erinnerungen
etwas von der Natur des Ungeheuers in dich aufnehmen.
Drittes Kapitel.
Fortsetzung.
Flore war abwechselnd bleich und roth geworden, während die Opponenten
redeten. Hätte sie wieder gewußt, jene in die Enge zu treiben, so wäre
wenigstens der Vortheil auf der Schwarzen Seite gewesen, daß ihre Farbe
sich nicht änderte. Doch sie war wohl auf rohen Eigensinn, starres
Vorurtheil gefaßt, nicht aber auf Gründe, und so war ihre Verlegenheit
in der That nicht klein. Die Kernsprüche der französischen Literatur von
der allgemeinen Art, (sie hat deren weit mehr, wie die sich gern über
sie erhebende deutsche) sind fast Jedermann in Frankreich bekannt, darum
fiel auch Fontenelle's Wort: ^Chacun a raison^, Floren mehr als Einmal
in dieser Verlegenheit bei. Doch ließ ihr feiner Takt sie zugleich
begreifen, daß sie ohne Gefahr des Ansehens, nichts einräumen dürfe; und
mogte gleich ein geheimer Verdruß in ihr erwachen, die Hand an die
Aufklärung von Darkulla gelegt zu haben, so meinte sie nun doch, der
eingeschlagene Pfad sei nicht mehr zu verlassen. Eine solche Festigkeit
des Regierungssistems ist schon oft von der Menschenkunde empfohlen
worden. Giebt man im Gefühl des Unrechtes nach, wird auch nächstens bei
vollem Recht der Geist der Schwierigkeit aufwachen.
Flore sagte nichts, als: Ich werde in meinem Cabinette weiter
beschließen, und entfernte sich mit einer etwas kühlen Verbeugung.
Die Glieder des Divans sahen einander bei diesem Zeichen von
Unzufriedenheit bekümmert an, doch das Bewußtsein, der Pflichten Stimme
gehorcht zu haben, richtete sie wieder auf.
Man kann vermuthen, daß der Rath gefügiger erfunden wäre, hätte er
Jünglinge in seiner Mitte gezählt. Allein es durfte in Darkulla Niemand
vor dem sechzigsten Jahre in den Divan treten, und das ist freilich eine
vortreffliche Einrichtung, wo man nicht von der Stelle will.
Da nun aber Flore nach ihrem Kabinette ging, sahe sie zu ihrer großen
Verwunderung, daß alle ihre zurückgebliebenen Dienerinnen sich mit
mächtigen Feigenblättern versehn hatten. Der Ruf von dem Willen der
Sultanin war schon zu ihnen gedrungen, und mit höchster Eile hatte man
zu gefallen gesucht. Die Kammerherren staken vom Haupt bis zum Fuß in
Ziegenhäuten, etwas andres war so schnell nicht herbeizuschaffen
gewesen. Man kann also denken, wie diese Kammerherren nicht erst Floren
würden wegen ihrer weisen Befehle geschmeichelt haben, wenn die
Darkullanische Weisheit ihnen nicht die Zungen genommen hätte.
Der Eunuchoberst fragte gehorsam an: ob seine Soldaten auch gekleidet
erscheinen sollten? ohne besondre Ordre that der pünktliche Mann nichts.
Flore glaubte Ja antworten zu müssen, und nun richtete er für sich ein
Tygerfell, und für die übrigen Schaafshäute zu, doch alle von Einer
Farbe, der Geist der Uniform fuhr wunderbarlich in ihn.
Flore überlegte hin und her. Lasse ich, dachte sie, die Geheimschreiber
kommen, Edikte ausfertigen, und an die Ecken schlagen, so muß das Volk
thun, was ich begehre. Daß nicht überall Neigung zum Widerstande
vorhanden ist, beweisen die Hofleute, die gefällig erfüllen, was die
grämlichen Räthe mit weitläuftiger, schwülstiger Beredsamkeit umwerfen
wollen. Aber wenn ich bedenkliche Gährungen ins Leben rief? Nun da
könnte sich Entschlossenheit bewähren. Doch zu rasch ist so was nicht zu
wagen, aber man darf jenen Räthen auch keine Schwäche verrathen.
Die letzte Betrachtung überwog, Flore gerieth in eine edle muthige
Hitze, die Geheimschreiber erhielten sogleich Befehl, in den Pallast zu
kommen. Noch aber waren die ausgefertigten Edikte nicht unterschrieben,
als sich der älteste von den Räthen melden ließ, und nochmals, Treue und
Liebe in Blick, Sprache und Geberde, warnte. Er hatte die Berufung der
Geheimschreiber erfahren, und dies ihn zu dem gegenwärtigen Schritte
bewogen.
Flore war sehr verdrießlich, gab ihm bald zu verstehn, er sei die
überzählige Person im Cabinette, zauderte aber dennoch mit der
Unterschrift. Es ging ihr wie Elisabeth von England, mit dem
Unterschiede, daß jene bei einem grausamen Befehl nicht zum Entschluß
gelangen konnte, Flore aber nicht, wo sie von der Trefflichkeit
desselben überzeugt war.
Viertes Kapitel.
Nachrichten aus dem Felde.
Es waren einige Wochen hingegangen, und in der Zeit hatte Flore auch
wohl zuweilen bedacht: Was geht mich die Aufklärung der Darkullaner wohl
an? Wenn ich des Volkes Meinungen nicht feindlich berühre, welch
herrlich Loos erwartet hier die Sultanin? Ich ärnte keinen Dank für
meinen Willen, die Unwissenheit auf eine höhere Stufe der Bildung zu
erheben.
Darüber verzog sich die Unterschrift je länger und länger. Aber Flore
zeigte sich nicht wieder im Divan, sie wollte nicht als die Nachgiebige
dastehn.
Jetzt langte aber ein Eilbote vom Heere an, und überbrachte Briefe von
Kuku. Die Sultanin zitterte bei ihrer Erbrechung, als wenn sie den
feurigen Schwarzen schon liebte, und es keinen Ring mehr in der Welt
gäbe.
Der erste Brief bestand in Herzensergießungen. Nach einem Eingange voll
Schwüre der Liebe, so heiß, und mit Bildersprache und Dichtung verwebt,
wie ihn je eine Prinzessin Afrikas empfangen hat, schrieb Kuku auch: er
müsse wahrlich den ihm ertheilten Rath, Gigi die Männer von Caffernland
auszuliefern, wohl überlegt finden. Auch würde er ihn vielleicht noch
befolgt, und sogar über der Beduinenkönigin Fehdebrief hinweggesehen
haben, wenn sich unterdessen die Umstände nicht noch beträchtlich
geändert hätten. Aber bei seiner Ankunft im Lager sei Tatas Vortrab
bereits durch Gigi aufs Haupt geschlagen gewesen, und da unglücklicher
Weise das empörte Volk in des Bruders Hauptstadt, die Männer mit lauten
Schmähworten gekränkt hätte, und das der zornigen Feindin hinterbracht
worden sey, habe sie einen Theil ihrer Drohungen fürchterlich erfüllt,
und den besetzten Landstrich mit Feuer und Waffen verwüstet. Das fordre
nun Rache, und der Krieg müsse auf das nachdrücklichste fortgesetzt
werden. Er sey auch schon so glücklich gewesen, mehrere
Truppenabtheilungen der Beduinen aufzureiben, und die großen Heere
rückten nunmehr gegen Einander. Eine Hauptschlacht müsse entscheiden,
doch schien diese noch nicht so nahe zu sein, da die Regenzeit
Hindernisse lege, und beide Theile auf reiche Vorräthe an Lebensmitteln
Bedacht nehmen müßten, um mit den großen Heeren durch die Wüste zu
ziehn, die sie noch zwischen sich hätten.
Nun kamen wieder Zärtlichkeiten an die Reihe, und zwar im ächten
altdarkullanischen Geschmack. Kuku meldete: er habe bereits Tausend
Köpfe von Erschlagenen gesammelt, die er ihr in Säkken von Kameelhaut
schicke. Sie wären schon unterwegs, nur würde der Eilbote allerdings
früher eintreffen. Nächstdem würden Tausend lebendige Gefangene
anlangen. So sei er ihrer werth, und nach der Heimkehr sollte ganz
Darkulla des Beilagers wegen, vier Wochen lang trunken sein, ob es
gleich Mahomed untersagte, dem bei diesem Verbot, sein Volk noch nicht
zu gehorchen erlernt habe.
Hier ließ Flore den Brief auf ihren Schooß sinken, und dachte nach: --
Sultanin, nun wirkliche Sultanin? Darf ich es, wie auch Hoheit und
Freude mich anlocken? Wenn nun Ring lebt, und was sollte er nicht? Muß
ich nicht wie Gigi handeln, die Kräftige? Aber ich besitze den Trank
nicht, und Ring selbst würde es verdammen, wenn ich den Trank schlürfte.
O daß mir doch eine Nachricht über ihn zukäme, nun, da sich Kukus Krieg
in die Länge ziehn wird, erscheint Musa vielleicht eher wieder.
Sie las fort, warf aber den Brief unwillig zur Erde, denn was noch
folgte, empörte sie mehr, als das ihr zugedachte gräßliche Geschenk.
Kuku endete den Brief damit, daß er die Hoffnung äußerte, die Feindin
werde durch die Tapferkeit der Söhne Darkullas völlig überwunden werden,
ja selbst gefangen in seine Hände gerathen. Ist ihr dann das Kleinod zu
rechter Zeit zu entwinden, welches das geheime Gift verbirgt, o dann
soll die, welche ich zur Sultanin, zur einzigen Sultanin von Darkulla
erheben wollte, mir fröhnen wie die gemeinste Buhldirne, und wenn meine
Lust gebüßt wurde, den Knechten preisgegeben werden. -- »Das werd ich
verbitten, unzarter Afrikaner!« rief Flore bei dieser Stelle aus. --
Und, hieß es schauderhaft weiter, mordet sie ihr Trank, soll auch ihr
Leichnam der Entweihung nicht entgehn, und sollte der Tod viele Knechte
-- -- --
Den Rest las Flore gar nicht, sondern rief Abscheu über den Sultan. Doch
setzte sie hinzu: die Hoffnung ihn zu bessern, geb ich immer nicht auf.
Der zweite Brief wurde erbrochen. Er war offiziell, und so angethan, daß
die Sultanin ihn im Divan vorlesen sollte.
Erst fand man eine Reihe von Berichten, über die Kriegsvorfälle, welche
schon Statt gehabt hatten, Listen von Todten und Verwundeten, ehrenvolle
Erwähnungen muthiger Thaten, Angaben über den Verlust der Feinde, und
was sonst aus dem Kriege berichtet zu werden pflegt. Worin aber Sultan
Kuku von der vielbefolgten Regel abwich, das war der Punkt der
Richtigkeit.
Noch mehr: Sultan Kuku konnte die ungemeine Tapferkeit und
Geschicklichkeit der Beduinen nicht genug erheben, die alle, welche
schon mit ihnen im Kampf gewesen waren, ihm bezeugt hätten. Er schrieb,
es wären gar die ältern Beduinen nicht mehr. Ihre Sultanin hätte einen
Kriegesgeist, eine Kunstfertigkeit ihnen anzueignen gewußt, welche
Afrika noch nimmer gesehen habe, und sollte die Tapferkeit der
Darkullaner, (welche er zwar nicht aufhörte, als die erste in der Welt
zu erkennen) Gigis Heer überwinden, so schiene es durchaus nöthig,
einige der Stellungskünste und Angriffskünste von drüben nachzuahmen.
Tata wäre ganz mit ihm hier einverstanden, und die Truppen würden in dem
Betrachte schon geübt. Er empföhle also dem Divan die Verstärkung,
welche er auszuheben hätte, auch bald auf diese Weise zu unterrichten.
Zu dem Ende lagen genaue Beschreibungen jener Bewegungen bei, und es
würden auch Offiziere ankommen, die sich dem Geschäfte widmen sollten.
Besonders war dabei der Sultanin empfohlen, ernst durchzugreifen, wenn
etwa die Graubärte im Divan, nach ihrer gewohnten Art mit veralteter
Weisheit widerständen. Das Nothwendige müsse geschehn, und der Einwurf
verstummen.
Die letzten Weisungen enthielten gleichsam einen Triumph für Floren. Sie
war entzückt über Kukus Klugheit, das Gute auch vom Feinde lernen zu
wollen. Die Weisungen des Divans halber, berechtigten sie zu Schritten,
die jenen Widerspruch rächen konnten.
Hatte sie schon oft über die romanhafte gefürchtete Gigi nachgedacht, ja
wohl eine Sehnsucht empfunden, die Heroin einmal zu sehn, so versank sie
daneben in Bewunderung. Wie, rief sie aus, diese Gigi stellt sich an die
Spitze eines rohen Haufens, macht sich zur Herrin, lenkt ihn nach
Gefallen, und legt ihm sogar schnelle Riesenschritte der Entwicklung
auf? Und ich, hier mit Ansehn gerüstet, muß, da ich das Gute will,
Ausflüchte hören, die zwar im ersten Augenblick manches für sich zu
haben scheinen, aber von der Höhe des Strebens angesehen, doch elend
sind. Aber mein Wille ist nicht heftig genug. Ich zaudre klügelnd, wo
die That vorangehn sollte. Nein, nicht länger! Kuku soll eine andere
Gigi anstaunen.
Die Palmblätter, rief sie (in Darkulla baut der Kunstfleiß noch keine
Papiermühlen) den Griffel! und im Nu waren die Unterschriften fertig.
Die Boten mußten fort.
Fünftes Kapitel.
Gährung.
Der Divan wurde berufen, Kukus Brief gelesen. Mit niedergesenktem Blick
hörten die Räthe. Endlich stand der vorsitzende Greis auf, legte die
Hände auf die Brust, und sprach: Erhabene Sultanin, wir _dürfen_ rathen,
aber _müssen_ gehorchen. Den Ausgang zum besten kehren, das _wollen_
wir, für ihn einstehn, das _können_ wir nicht.
Flore hatte wohl eine andre Antwort gewünscht, doch allenfalls ließ sich
mit dieser schon zufrieden seyn, und sie beurlaubte die Räthe.
Jetzt schrieb sie dem Sultan. Nichts weniger als Zärtlichkeit, nichts
weniger als Kälte, viel aufmunterndes Lob, und eine räthselhafte
Hoffnung auf Glück bei der Heimkehr, die Kuku vielleicht beim Empfang
anders gedeutet hat, wie Flore es meinte. Denn sie hatte nur ihre
Umwandlung des Volkes von Darkulla im Auge.
Flore gab den alten Kammerherrn ihr inniges Bedauern über ihre
unglückliche Verstümmung zu erkennen, äußerte aber aber dabei, daß eine
Bedienung von stummen Männern, sowohl freudenlose Eindrücke auf sie
mache, als ihr abgeschmackt dünke. Sie bekamen doppelt Gnadengehalt, und
statt ihrer wurden andre mit gesunder Sprache angenommen.
In diese fuhr sogleich die Kammerherrn-Natur. Sie erhuben die Weisheit
der neuen Einrichtungen über die letzten Sterne des siebenten
Wonnehimmels, und schwuren: ganz Darkulla sey aus Entzücken über die
letzten Befehle ohnmächtig geworden. --
Das beruhigte Floren, wiewohl es anders klang, wie der ehrliche
Eunuchenoberst gemeldet hatte. Dieser war, gleich nachdem das Militär
die Uniform von Thierhäuten angelegt hatte, von der Sultanin befragt
worden: wie das Volk sich bei dieser Erscheinung äußere, und seine
Antwort gewesen: ältere Männer pflegten bei dem Anblick sich still
umzuwenden, jüngere aber liefen im Scherz, wie vor dem Thiere, von
dessen Haut das Soldatenkleid gemacht sey. Im Pallast wurde aber eine
Manufakturenkommission niedergesetzt, die über die Mittel zu berichten
hatte, auf das schnellste allerhand Zeuge fertigen zu lassen.
Der Divan fragte durch eine Sendung an: wie er sich für die nächste
Versammlung zu kleiden habe? Die Sultanin wollte den alten Männern keine
peinliche Beschwerde auferlegen, sie stellte es also in dem Belieben
eines jeden, und setzte hinzu: wegen des noch bestehenden Mangels an
Stoffen, sei es vorerst an einem Feigenblatte genug.
Da sie nun am folgenden Tage die Räthe über den Pallasthof zur Sitzung
gehen sah, bemerkte sie, daß alle das Feigenblatt in der Hand trugen,
gleichsam als spielten sie nur damit, oder wollten sich seiner als eines
Schirms bedienen, oben im Saale war es aber durch die Ranken einer Epheu
befestigt. Dies Betragen verdroß Floren, doch war ihre Meinung: dem
hohen Alter sei einiges zu übersehn.
Uebrigens hatte die Sultanin manche Genugthuung. Viele Palmblätter
wurden eingesandt, auf denen Danksagungen der Knechte eingegraben waren,
vor dem Pallaste ließen sich viele Menschen sehn, die artige geflochtene
Schürzen trugen, und Niemand brauchte die verhaßte Anrede mehr. Alles
das war jedoch Schein, durch die Plane der Schmeichelei veranstaltet.
Falsch waren die Danksagungsschreiben, die Leute, welche sich gekleidet
zeigten, erkauft, während heimlich ausgestellte Wachen keinen dem
Pallast nahen ließen, der an der Nationalnacktheit noch mit Vorliebe
hing. Adressen, welche mit der Courtoisie: Eselin! anhuben, und deren
manche einlief, wurden unterschlagen.
In der Wirklichkeit stand es nur zu bedenklich. Das Volk sah Schande,
Beschwerde und Noth in der gebotenen Kleidung. Die Vornehmen geriethen
außer sich, daß die Willkühr über der Knechte Leben verfallen sollte,
diese wurden trotzig und nun schlechter genährt, durch die Herren, daß
sie dennoch den alten Zustand zurückwünschten. In Verächtlichkeit sank
eine Sultanin, ohne den edlen Ehrgeiz, den Titel der Landeshoheit führen
zu wollen. Doch die Ausbrüche heilloser Szenen wurden noch durch
Vermittlung des Divan niedergehalten.
Auch war bei der tiefen Ehrfurcht, womit man in Darkulla sonst den
Gebietern und ihren Gemahlinnen huldigte, nimmer die Stimme der
Verläumdung gehört worden. Man hätte Afterrede über den Hof, gleich nach
der Gotteslästerung gestellt. Jetzt ward das anders. Man flüsterte sich
so manches über Nene ins Ohr. Ihr freies Betragen erweckte
Muthmassungen, die man freilich noch nicht aussprach, aber einander auf
den Gesichtern las. Auch kam, was in Darkulla, wo blindes Gehorchen mit
Sitte und Gefühl so genau zusammenhing, unerhört war, die Fremdheit der
Sultanin, unter mißbilligenden Wendungen zur Sprache, und im Verdruß,
über das, was sie that, wollte sich immer schon die Frage hervorwagen:
Ist es recht, dieser Sultanin, die Schändliches und Ungerechtes will,
Folge zu leisten?
Sechstes Kapitel.
Die Köpfe und Gefangenen.
Nun langte die vom Sultan abgeschickte Bedeckung an, und brachte sowohl
afrikanische Trophäen, nehmlich Köpfe, als auch lebendige Gegenstände
der Volkskurzweil, nehmlich Gefangene.
Unter kriegerischer Musik, von den Einwohnern mit tausendfachem
Jubelschrei empfangen, nahte der Zug dem Stadtthore. Hier wurden die
Köpfe aus den kameelhäutenen Säcken genommen, und auf Lanzen gesteckt;
die Gefangenen je zwei und zwei zusammengeschlossen, die Hände auf den
Rücken gebunden folgten, vom Pöbel verhöhnt, beschimpft, mit Steinen
geworfen, oder mit Stäben gequält, woran spitzige Fischgräten
hervorragten.
Nach alter Sitte von Darkulla, wurde von den Köpfen, am Eingang des
Pallastes, eine Pyramide aufgerichtet, um welche die trunknen
Darkullaner tanzten, wohl in phrenetischer Raserei oft ihr Fleisch
herunter rissen, und verschlangen. Dann gab man die Feinde Preis, welche
das Kriegsglück lebend in der Sieger Hände geliefert hatte. Nationalhaß
und Rache wegen gebliebener Verwandten in diesem Kriege, machten sich
schrecklich Luft, und es ist zu ärgerlich grausend, um es
nachzuerzählen, was dann alles geschah. Nicht wich die Menge von dem
Platze, bis auch der letzte zerrissen war.
Flore hatte den Divan berufen lassen, da der Zug eintraf. Ich erfahre,
sprach sie, welchen kannibalischen Lusttaumel sich heute der Pöbel
verspricht. Aber eher wollte ich gleich die mir anvertraute Gewalt
hinwerfen, ehe ich die Menschheit unter meinen Augen so niedrig
entweihen ließ. Gleich sammle man die Reste der Getödteten, und lasse
sie in der Stille zur Erde bestatten, denn unwürdig ist hier jedes
frohlokkende Spiel. Die Gefangenen sind nicht mehr unsere Feinde; die
Geburt in ihrem Vaterlande, ihre Pflicht gab ihnen das Schwert wider
Darkulla in die Hand, wir konnten sie entwaffnen und sind versöhnt. Man
gebe ihnen unter Aufsicht Beschäftigung, und reiche ihnen den Sold
unserer Krieger.
Alle Glieder des Divans fingen zugleich an zu reden. Wie nöthig es sein
würde, hier nachzugeben; von der Gefahr, das Volk zum Aufstand zu
bringen, u. s. w., aber Flore entließ sie mit einem kurzen: Ihr wißt
meinen Befehl.
Es wurde vollzogen, was Flore geboten hatte. Das Volk lief mit Wehgeheul
durch die Straßen, raufte das Haar aus, geberdete sich fast wahnsinnig,
daß seine Lust untergraben wurde; nahe drohte die Meuterei, doch noch
gelang es dem Divan die Leidenschaften niederzuhalten.
Die Kammerherrn erklärten der Sultanin, die das Wehgeheul vernahm, sie
höre Freudenruf über die Abschaffung der Mißbräuche. Auch redeten sie
sehr laut von angenehmen Gegenständen, und bestellten in aller Eile ein
Concert, daß Nene ja nicht der Wahrheit auf die Spur käme.
Es ist eine große Gefahr, der die Vornehmen blosgestellt sind, die, daß
man ihnen die Gefahr verhehlt.
Viele Zügellosigkeiten wurden in Darkulla begangen, von denen Flore
nichts erfuhr. Man grub die verscharrten Köpfe wieder aus, die
Gefangenen, welche bauen, Gärten pflanzen, und bei den neuen
Zeugfabriken arbeiten sollten, mordete der Pöbel, wo sie sich vereinzelt
zeigten. Flore dagegen meinte auf dem Wege zu sein, alle Genugthuung für
ihre Plane zu umarmen. Sie beging den Fehler, nicht genug mit eignen
Augen zu sehn, und entfernte sich wenig von ihrem Pallaste. Geschah es
einmal, so erblickte sie, was sie wünschte. Das Lebehoch ward gerufen
durch geschürzte Darkullaner, die selbst nichts eiligers zu thun hatten,
als die Bürde von sich zu werfen, sobald nur Nene vorüber war.
So machte einst eine hohe Fürstin der Christenheit Reisen in noch
unangebaute Provinzen. Wie erfreute es sie, in einem der entlegensten
Winkel durch schöne junge Alleen zu fahren, Dörfer und Städte voll
fröhlicher Menschen zu finden. Aber die Alleen waren nur eingesteckte
Baumzweige, nach einigen Tagen dürr, die Dörfer Dekorationen, in den
Städten nur die Straße, wodurch man zog, mit Vorderfacaden geschmückt,
und Menschen weit und breit herbeigetrieben, Bevölkerung zu lügen.
Mit dem Divan berathete Flore wenig mehr, da seine Schwierigkeiten sie
längst ermüdeten, dagegen bildeten ihre Kammerherrn einen engeren
Cabinetsrath, wo kein Widerspruch, wohl aber die angenehmsten Hymnen
gehört wurden.
Siebentes Kapitel.
Wieder Nachrichten von Kuku.
Durch Eilboten, welche vom Heere kamen, erfuhr Flore, wie sich die
beiderseitige Hauptmacht nun Einander beträchtlich genähert habe, und in
einiger Zeit der Wurf einer entscheidenden Schlacht fallen werde.
Kuku schrieb ihr dabei, nach den gewöhnlichen afrikanischen Galanterien,
viel Rohes und Gescheutes. Darin blieb er sich gleich. Hauptsächlich
ließ er sich über die Caffern aus, um welche sich der Krieg entsponnen
hatte. Gigi, schrieb er, hat das Verwüsten eingestellt, sogar
Schadenersatz angeboten, und noch einen ziemlichen Landstrich, den sie
Tata abtreten wollen, dafern ihr die Caffern ausgeliefert würden. Es
wäre also ein leichter und vortheilhafter Friede zu erringen. Allein die
Verwüstung muß schmachvoller gerächt seyn, so will es Darkullas Ehre.
Dann scheint auch die Veränderung im Betragen, auf einen Unfall zu
deuten, der ihr widerfuhr, oder droht. Vielleicht will auch ein anderer
Nachbar ihr Land mit Krieg überziehn. Das Gerücht sagt ohnehin lange:
Habesch sei mit ihr zerfallen, und schon vor meiner Ankunft beim Heere
hatte Tata sich um ein Bündnis mit diesem Reiche bemüht, wozu sich jetzt
einige Hoffnungen zeigten. Es wäre also thörigt, um ein wenig Land den
Frieden einzugehn, wenn es vielleicht ganz wieder zu erobern ist. Und
dann fällt auch Gigi lebend oder todt in meine Hände, eine Lust, die
hunderttausend Köpfe spottwohlfeil erkaufen. Der Caffern wegen habe ich
einen Entschluß genommen, mit dem du Eselin der Eselinnen, (Kuku hatte
Wichtigeres zu thun, als die Titulaturen zu verbessern) zufrieden seyn
wirst. Schon oft blitzte der Säbel über die Häupter derselben, doch aus
den Gründen, die dir schon bekannt sind, wurden sie immer noch der
Volkswuth entzogen. Jetzt sind sie aber auf dem Wege zur Hauptstadt des
Felsenlandes. Bald werden sie bei dir ankommen, Sonne von Darkulla,
liebliche Sultanin Nene. Lasse sie in engen Gewahrsam bringen. Gewinnt
mein Schwert in dem großem Kampfe, der uns bevorsteht, so mögen sie
leben, und ihre Geschicklichkeit Darkulla Nutzen bringen. Und etwas
Erhebliches muß es ja darum seyn, weil Gigi sogar um den Besitz der
Männer sich demüthigt. Ein Bote, dessen Esel mit Mandelblüthe geschmückt
ist, wird dir den Sieg verkündigen. Verliere ich aber die Schlacht, dann
lasse mir gleich die Caffern tödten. Besiegt zeig ich Gigi den
grimmigsten Trotz. So ziemt es dem Sultan von Darkulla. Desto eher wird
sie auch den Krieg enden, und hab ich doch das Felsenland, wohin ich
mich mit Tata zurückziehe, das jetzt klüger bewacht wird, wie im vorigen
Kriege. Die Köpfe der egyptischen Kaufleute sende mir, ich will sie Gigi
übermachen. Dieser beiden Männer wegen, unterhandelte Gigi am
eifrigsten. Den Verlust der Schlacht meldet dir ein Bote auf einem Esel
ohne Schweif. Das ist das Zeichen der Klage, des Trotzes und der Caffern
Todesspruch. Du kannst die Kaufleute erst über manches befragen.
Diese Köpfe werde ich nicht senden, dachte Flore bei sich, wenn sie
schon empfand, daß einige Größe in der Barbarei lag.
So stand Claudius Nero, dem listigen und kräftigen Punier gegenüber, der
so oft Roms Legionen überwunden hatte. Asdrubal kam über die Alpen
gezogen, den Bruder zu verstärken, und nur eine geringe Macht konnte ihm
unter dem Consul Livius Salinator entgegenrücken. Da entschlich Claudius
mit des Heeres größter Hälfte, während täuschende Zeichen Hannibal seine
fortdauernde Gegenwart vermuthen ließen. Mit Eilmärschen erreichte er
den andern Feldherrn, ihm Hülfe zu leisten. Vereint griffen die Helden
an, funfzigtausend Feinde sanken. Nach sechs Tagen war Claudius schon
zurückgekehrt, und in Hannibals Lager flog -- Asdrubals Haupt.
Achtes Kapitel.
Die Caffern langen an.
Einige Wochen darauf brachte ein starker Trupp Soldaten, die Caffern mit
ihren Weibern und Kindern. Die Sultanin ging selbst hinunter, da sie vor
dem Pallaste angekommen waren. Sie fragte gleich nach den Kaufleuten aus
Egypten, und man stellte ihr einen Greis mit bekümmertem Antlitze, und
einen jugendlich blühenden, sehr lebhaften Mann vor. Letzterer trug auch
Spuren des Grams auf seinem Gesichte, ein gewisser heiterer Lebensmuth
schien sie aber nicht ohne Erfolg zu bekämpfen. Wer durfte sich auch
wundern, diese Leute niedergeschlagen zu sehn. Ohne Zweifel hatten die
Zusagen jener Königinn, ihnen mit den freundlichsten Erwartungen
geschmeichelt, und nun schwebte ein Dolch über ihren Scheiteln.
Flore fragte nach ihren Namen, ihren Geburtsorten. Mustapha nannte sich
der ältere, der jüngere Osmann. Aus Natolien berichteten sie, sind wir
gebürtig, Cairo war zeither unser Wohnplatz.
Da Flore von Cairo hörte, ward ihr die Wange heiß, und die Pulse fingen
rascher an zu hüpfen. Gern hätte sie gleich gefragt, wie es ihren
Landsleuten jetzt in Egypten erginge, sie fürchtete aber, ihr Interesse
würde zu sehr hervorleuchten. Weislich unterhielt sie auch in Darkulla
den Glauben, sie stamme aus dem türkischen Caffernlande, und sie konnte
um so leichter die Muselmännin spielen, als sie bei jenem Derwisch so
viele Lehren des Coran aufgefaßt hatte. Als Nazaräerin würde Kuku ihr
auch nicht so viel Gewalt in die Hände gegeben haben, und es befestigte
ihr Ansehn nicht wenig, daß sie die Priester in Darkulla, welche noch
höchst unwissend in Religionssachen waren, zu meistern verstand. Doch
nahm sie sich vor, nächstens die Egypter ins Geheim zu sprechen, wo sie
denn manches erfahren könne.
Osmann zeigte ihr die für Gigi geworbenen Männer und machte sie mit
ihren Eigenschaften und Kunstfertigkeiten bekannt. Da gab es
Waffenschmiede von Damaskus, Gärtner von Aleppo, Bauverständige aus
Smirna, Zeugmacher von Angora, und andre brauchbare Männer, die, wenn
ihnen England oder Frankreich wohl nur einen dürftigen Wirkungskreis
gegeben hätte, doch geeignet waren, im tiefen Afrika eine neue Schöpfung
ins Leben zu rufen.
Am meisten freute sich Nene bei dem Anblick der Männer von Angora. Die
Zeugmacherei wollte sich in Darkulla bei allen Bemühungen nicht zu
Fortschritten bequemen. Daß aber nun keine Sorge sei, das Haar der
Kameele und der edlen Ziegengattung, in diesem Lande, wie die zarte
Wolle, welche Darkullas Bäume lieferten, bald in artige Stoffe
verwandelt zu sehn, lag am Tage.
Deshalb bestand auch kein Gedanke daran, diese Leute einzukerkern,
vielmehr wurden sie reichlich beschenkt, und Rath über die Mittel
gepflogen, ihnen bald Werkstätten anzuweisen. Ihr sollt Gigi nicht
vermissen, rief sie ihnen zu, und die Caffern waren vor Freude außer
sich, da hartes Gefängniß, vielleicht ein noch schlimmeres Loos, alles
war, was sie erwarteten.
Die Kammerherren klatschten so viel Beifall, daß ihnen schier die Hände
erlahmt wären, und Flore meinte ihr Verfahren schon bei Kuku
verantworten zu können. Im schlimmsten Falle athmete ja das Roth ihrer
Lippen noch Zauber genug, für einen Prinzen aus Afrika.
Zu dem jüngeren Kaufmanne faßte sie viel Vertrauen. Er antwortete so
gewandt, so schnell, so verständig über alles was sie ihn fragte, rieth
mit so guter Ueberlegung, daß Flore ihm bald erklärte, sie habe noch
keinen Muselmann von so vieler Geistesgegenwart gefunden.
Diese Artigkeit schien den jungen Osmann zu erschrecken, und er maaß
seine Reden etwas langsamer ab. Bald aber wunderten ihn auch die
Bemerkungen, die Kenntnisse, die verfeinerten Liebhabereien der
Sultanin, und etwas vorlaut sagte er: es schiene unbegreiflich, daß ein
Paar georgische oder zirkassische Sklavinnen, wie sie und Gigi, einen in
dieser Weltgegend so unerhörten Reichthum an glücklichen Ideen zeigten.
Hier gerieth Flore in einige Verlegenheit, und um sich ihr zu entwinden,
sagte sie: ein griechischer Priester in Georgien habe ihr in manchen
nützlichen Dingen Unterricht ertheilt.
Osmann nahm wieder das Wort. Erhabene Sultanin, es scheint die Zeit
gekommen, die der Völker Finsterniß erhellen wird. Darum landete auch
vom fernen Toulon ein Heer Franken am Nil.
Sehr eilig fragte Flore: Und wie ergeht es jetzt diesen Franken? Ich
hörte davon.
Osmann erwiederte: Heldenmüthig fechten sie gegen der Mehrheit Wahn,
indeß nur wenige Kluge des Landes ihnen Heil wünschen. Doch ein Werk der
Art kömmt nicht gleich zu Stande. Schon genug, wenn die Bahn kräftig
gebrochen wurde, sollte auch nur ein nachfolgendes Geschlecht vollenden.
Osmann, rief Flore, der Prophet segne dich. Du bist sein würdiger
Anbeter. Ein Mann wie du thut mir Noth, in meinem glänzenden und
beschwerlichen Amte. Mein Divan kennt nur Widerspruch. Andere Diener
billigen was geschieht, doch ich fürchte, sie schmeicheln und verhehlen
mir. Sei du Lenker des Kunstfleißes in Darkulla. Erscheine vor mir so
oft du willst, und laß mich deinen Rath hören. Hehle mir nimmer
Wahrheit, ich liebe sie, auch wenn sie bitter wäre. Erspähe die
Gewohnheiten des Landes, so kannst du meinen Absichten desto mehr
frommen.
Gerührt und edelsinnig dankte Osmann, und verhieß, mit Gefahr des Lebens
ihren Beifall zu suchen. Darkullas Sitte, sprach er, ist mir nicht mehr
fremd, da ich eine gute Zeit in Tatas Lager weilte. Auch von deinem
Regiment, erhabene Sultanin, vernahm ich schon. Im Lager ging manches
Gerücht umher, und die Einwohner deiner Hauptstadt, welche den Soldaten
unserer Bedeckung entgegen kamen, sprachen viel davon.
Und was? fragte Nene gespannt.
Osmann stockte ein wenig.
Es ist mir um Wahrheit zu thun.
Der egyptische Kaufmann fuhr fort: Dann hätte ich gewünscht, diese
Darkullaner mögten sich durch günstigere Urtheile über ihre edle Fürstin
geehrt haben.
So sagte der berühmte Bülow, als sein Geist des neuen Kriegssystems in
der allgemeinen deutschen Bibliothek scharf mitgenommen wurde: Wenn sich
dieser Kritiker doch ehrte!
Flore drang mit der Miene des guten Bewußtseins weiter in Osmann. Wer
entgeht dem Tadel, sagte sie, doch bin ich neugierig, den zu hören, der
über mich ergossen wird. Uebrigens sind es weder die Besseren noch die
Zahlreicheren im Lande, die ihn theilen, meine neuen Räthe beruhigten
mich über jede Sorge, sollten sie auch zur Hälfte geschmeichelt haben.
Osmann zog bedenkliche Falten der Stirn.
Aus dem, was ich hörte, sprach er, läßt sich auf eine Unzufriedenheit
schließen, die größer, viel größer sein mag, wie du fürchtest. Gestatte
mir die Meinung zu wagen, du hast gefährlich mit deinen neuen Satzungen
geeilt.
Die Sultanin fiel ein: Muth gab ihnen vielleicht in den Augen des Volkes
einen höheren Werth, und die Sache an sich ist zu gut, als daß der Muth
sich nicht gern für sie waffnen sollte.
Osmann versetzte: Diesen Gesinnungen ziemet hoher Ruhm, dennoch hätte
mich der Himmel in deinen Divan berufen, ich würde -- --
Würdest du mir anders gerathen haben?
Treue hätte mich so kühn gemacht, dir zu sagen: Gebiete nichts,
überlasse was du willst, der Freiheit. Doch kleide sich dein Hof, nimmer
wohne er einem gräßlichen Feste bei, der Titel, den du verachtest, werde
dort nimmer gehört. Erst wird man im Volke Unmuth ahnen, er wird auch
hie und da laut werden. Merke nicht darauf, aber lasse nicht ab, das
Beispiel zu geben. Ueberall werden die Höfe nachgeahmt, denn vornehmer
will der Mensch immer erscheinen, wie er ist. Bald werden die Mächtigen
des Landes die Sitte des Oberhaupts verehren, und sie sich aneignen.
Ihnen folgt der Mittelstand. Gegen diesen werden zuletzt auch die
Knechte nicht zurück bleiben wollen. Einige Jahre, und das Ziel wird
ohne Unruhe erreicht.
Flore dachte bei sich: dieser Moslem urtheilt, als ob er in Paris
geboren wäre, doch hütete sie sich, das zu sagen, vertheidigte noch
ihren regsameren Gang, und entließ den Kaufmann.
Unterdessen aber war, ihr unbewußt, der schon lange glimmende Funke der
Empörung furchtbar aufgelodert. Dem Volke war Kukus Wille bekannt, denn
er hatte ihn vor den Soldaten nicht geheim gehalten, und diese den
Einwohnern wieder davon erzählt. Welch ein allgemeiner Unwille nun, da
die, welche in den Kerker sollten, mit Ehre und Geschenken überhäuft
wurden! Man haßte sie mehr noch als jene Gefangenen, denen die Sultanin,
ungehorsam gegen Kuku, das Leben ließ. Denn man erblickte die Werkzeuge
der völligen Unterdrückung der alten Freiheit in ihnen. Fertigen diese
erst, rief man, die gehässigen Kleider, müssen wir uns damit peinigen
und schänden. Aber noch, als berathet ward, ob man sie rebellisch
aufgreifen und einkerkern sollte, trabte der Eilbote auf dem Esel ohne
Schweif weinend ins Stadtthor. Kuku ist geschlagen, ihr Bürger! jammerte
er.
Dann müssen die Caffern sterben, rief alles, sie, um derentwillen das
Blut von Darkulla fließt. Ergreift sie, thut des Sultans Willen! Noch
fanden sich einige ruhigere Gemüther in der Menge und man war in
Darkulla noch mit dem Gedanken an Möglichkeit der Empörung nicht
vertraut. Also noch einiges Zaudern. Noch einige Mahnung, zu erwarten,
was die Sultanin nun thun würde.
Sie stand an einem Pallastfenster, hörte den wilden Lärmen erst in der
Ferne, dann wälzte sich hinter den Eilboten her, des Pöbels Gewühl.
Sie erschrack bei dem Anblick des Eilboten, und wurde heftig entrüstet
durch des Pöbels Betragen. Niemand sah sie darunter, der nur eine
geflochtene Schürze getragen hätte.
Der Eilbote hatte kein Palmblatt. Zu niedergeworfen berichtete er, sei
Kuku gewesen, um schreiben zu können. Er werde das Nähere berichten.
Vorerst nur soviel, daß Gigi in einer großen Schlacht Siegerin geblieben
sei, Kuku lasse seinen Gruß entbieten, und an sein Verlangen mahnen.
Während Flore mit dem Schwarzen sprach, tobte die Menge unten: die
Caffern nieder! Mustaphas und Osmanns Köpfe ins Lager! Gehorsam dem
Sultan!
Nie hatte sie dergleichen gehört. Sie rief einen Kammerherrn, dem die
Knie schlotterten und die Hände flogen. Hinaus, sprach sie, und gebiete
in meinem Namen dem Volke, schnell auseinander zu fliehn, und demüthig
zu erwarten, was ich beschließen werde.
Sie rang die Hände. Osmanns Kopf! Der Mann war ihr so lieb geworden, und
nun die ganze Abneigung ihres Herzens gegen Grausamkeit! Bedauern des
guten Kuku! Hohn des Volkes! Viel lag in diesem Augenblicke auf ihr.
Größerer Tumult. Sie eilt ans Fenster. Der Kammerherr will ihren Befehl
verkünden, wird aber nicht gehört, oder vielmehr er kann vor Zittern
nicht sprechen.
Einer der Eunuchen muß hinaus. Dem war zwar die Hälfte seines Muthes
genommen, doch aber hatte er mehr übrig, wie der Kammerherr. Er gebot,
sich zu zerstreuen, aber die feine Stimme eines Eunuchen imponirt nicht
genug. Das Volk gehorchte nicht.
Es waren viele vom Divan in den Pallast gekommen. Sie mißbilligten den
Auflauf ernst und erinnerten die Sultanin, ihn nicht ungestraft zu
lassen. Doch Kukus Befehl muß vollzogen werden, setzten sie hinzu.
In dem Augenblicke ward das Geschrei wilder als je. Flore sah, wie viele
Caffern, die in den Pallasthof liefen, um dort Rettung zu finden, vor
ihren Augen gemißhandelt wurden, ja man brachte Mustapha sammt Osmann
bei den Haaren geschleppt, zog einen Henker, der das Schwert bei sich
trug, herzu, und forderte einmüthig den Befehl zur Hinrichtung.
So viel konnte Flore nicht mehr unthätig ansehn. Ihr ganzer, seitdem sie
Sultanin von Darkulla hieß, ziemlich angewachsener Stolz, ihre
angeborne, mit einer ganz angemessenen Zugabe von Leichtsinn versehene,
Kühnheit erwachte. Sie hörte der Räthe Warnung nicht, lief zur
Eunuchenwache, die unter dem Gewehr stand, riß dem Obersten die Lanze
aus der Hand, und befahl, ihr zu folgen. So stürmte sie unter die Menge,
ließ zu Boden strecken was nicht floh, und drang noch eben bis an die
beiden unglücklichen Kaufleute hervor, als der Henker schon auf den
einen seinen Streich führen wollte. Erwarte mein Gebot! rief sie, und
jagte ihm die Lanze durch die Brust.
Etwa Hundert Schwarze waren niedergemacht, als das Volksgewimmel den
Platz gereinigt hatte. Nicht die Furcht vor dem Tode wirkte so auf die
Darkullaner, wie die unbesiegbare Gewalt des Ansehens, womit Florens
Entschlossenheit sich gewaffnet hatte. Die Caffern waren schlimm
zugerichtet, doch noch sämmtlich am Leben. Flore trug Sorge für sie.
Mustapha und Osmann wurden in den Pallast gebracht. Jenen hatte die
Angst seiner Kräfte beraubt, und er mußte getragen werden, dieser aber
rief lachend: Schon glaubt ich heute Mahomeds Paradies zu sehn, aber die
Thür flog wieder zu.
Die muthige Sultanin glaubte noch nicht genug gethan zu haben. Sie wich
nicht von dem Hofe, und schickte dem Volke die Eunuchen nach. Die
Sultanin hat euch zerstreut, mußten sie entbieten, jetzt befiehlt sie,
daß sich der Haufe schnell wieder zurückbegebe, weil der sechste Mann
erwürgt werden soll. Es liegt in der Natur der Kühnheit, sie fluthet in
der Uebung an, und dem warmen tapferen Herzen gefällt die Erneuung der
Gefahr, um die Lust höheren Triumphs zu gewinnen.
So hatte sie in Fesseln geschlagen, so unterwürfig war das gebändigte
Volk, daß sich gleich der Pallasthof wieder anfüllte. In tiefer Stille,
mit gebeugtem Haupte erwartete jeder den Wurf der Loose. Es schien kein
Einziger zu fehlen da nicht mehr leerer Raum bestand, als zuvor.
Mit Hoheit trat die Sultanin vor den Haufen, und milderte die Strafe der
Meuterei. Wer sind die Anstifter? fragte sie. Zwanzig bis dreißig Männer
traten hervor. Nicht der Caffern Häupter sende ich dem Sultan, aber die
eurigen. Eilt in sein Lager, sie selbst zu überbringen.
Die Männer gingen auf der Stelle ab, und die Uebrigen mußten nach Hause.
Die Leichname der Getödteten wurden still verscharrt.
Herrliche Fassung! Schöner Glaube an Eigenkraft und Glück der
Verwegenheit! Wie groß sind eure Triumphe! Nicht in Afrika, aber in
einer namhaften deutschen Stadt sahe der Verfasser dieses Büchleins, die
recht kecke That eines Befehlshabers, und auch sie errang ihren Preis.
Die Gesellen einer sicheren Zunft, weigerten sich bei der zunehmenden
Theurung, noch um den auf wohlfeile Zeit gewürdigten Lohn zu arbeiten.
Daß viel Recht auf ihrer Seite seyn mogte, fühlt man, ein Jurist
beweiset aber: nein! Es giebt da auch das allgemeine Argument: sie
müssen ihre Beschwerde dem Richterstuhl vortragen, nicht aber durch
Tumult die öffentliche Ordnung stören. Nun liegt zwar am Tage, daß der
Richterstuhl nicht wohl helfen kann. (denn den Geldwerth zum
Staatsverhältniß im Gleichgewicht zu erhalten, dazu gehört eine höhere
Weisheit, wie die der Justiz, wiewohl eigentlich die Justiz diese
Weisheit besitzen und üben, vielleicht auch weil, Justiz, Weisheit,
Regierung, dasselbe seyn sollte, aber die Nothwendigkeit des zweiten
Satzes wird jedermann einräumen.) Genug, diese Gesellen wurden vom
Gefühl ihres Rechtes, jugendlichen unüberlegten Eifer für dasselbe
angetrieben, statt der Arbeit, das Trinkhaus zu besuchen, um dort in
Versammlung aller Glieder Abreden für die gemeine Sache zu nehmen. Hier
wurden die Jünglinge noch mehr erhitzt, es kam dahin, daß Soldaten gegen
sie gebraucht wurden, sie meinten, sich widersetzen zu müssen, so wurde
es schlimmer und mehrere blieben auf dem Platz.
Bei dem Tumult, der sich dadurch verbreitete und wobei die größeren
Bewegungen nur Neugier oder Furcht zur Ursache hatten, meinte aber ein
hoher bürgerlicher Beamter in dem Orte, es liefe auf Staatsumwälzung
hinaus, und bat den Befehlshaber der Besatzung dringend, von allen
Gewaltmaasregeln abzulassen. Dieser willigte ein. Aber sehr natürlich
wurde nun das Uebel größer. Da ließ man denn unterhandeln, gab übereilt
mehr nach, als zufolge der Umstände thunlich war, ja bewirthete die
jungen Handwerker mehrere Tage auf öffentliche Kosten. Diese erklärten
endlich, sie wollten ihre getödteten Brüder ehrenvoll beerdigen. Man
ließ es zu, und jene richteten nach ihrer Weise einen stattlichen Pomp
an. Endlich forderten sie noch die Erlaubniß, alljährlich am Todestage
der Gefallenen, einen Aufzug zu ihrem Andenken halten zu dürfen. Um den
Preis der öffentlichen Ruhe fanden sie auch hier keine abschlägige
Antwort.
Bald darauf ging der Gebieter der Besatzung ab, und ein anderer trat in
seine Stelle. Er hatte gehört, was vorgegangen war, und fühlte durchaus
verschieden mit seinem Vorgänger. Wird dieser Aufzug künftig gestattet,
sagte er, so ist er jedesmal nicht nur Hohn der Obrigkeit, sondern auch
neue gefährliche Auftritte sind zu besorgen, die Uebermuth und
Trunkenheit erzeugen können, und wie ihn auch der bürgerliche
Staatsbeamte anlag, so erklärte er rund und nett, es sey mit seiner Ehre
unverträglich, das Vorhaben zuzugeben. Der Tag kam heran, die jungen
Leute hatten beschlossen, ihn vom frühen Morgen auf der Herberge zu
feiern, und Nachmittag die Prozession zu vollziehn. Es wurde ihnen
gesagt, daß es Herkommen sey, dem Befehlshaber des Orts, von allen
zahlreichen Versammlungen auf den Gassen Nachricht zu geben. Es wurden
also die drei ältesten mit der Meldung beauftragt. Sie langten bei dem
General an, und sagten ihm kurz hin: Wir halten heute den Umzug. Kalt
erwiederte dieser: Ihr haltet ihn weder heute noch jemals, und nach
einer Erklärung seiner Gründe, mahnte er sie freundlich ab. Aber
gestützt auf die vorjährige Nachgiebigkeit, versicherten sie mit
lachendem Trotz: es würde dennoch geschehn. Nun machte der Befehlshaber
Ernst. Wo sind Eure Kameraden? -- Sie nannten das Wirthshaus. -- Gut,
jetzt ist es neun Uhr, mit dem Schlag zehne bin ich dort, und sind dann
nicht alle an ihre Arbeit, würfelt ihr drei, und der das mindeste zählt,
hängt noch Vormittag. Darauf meine Ehre!
Er schickte nur gegen die bestimmte Zeit, und man fand leere Zimmer.
Neuntes Kapitel.
Fortsetzung.
Nene eilte auf ihr Cabinet, dem Sultan zu schreiben. Menschlich dein und
des Volkes Heil fördernd, will ich gern Dein Reich verwesen. Doch rohe
Grausamkeit muthe mir nimmer zu, oder suche Jemand, in dessen Herzen die
Stimme des Gefühls, in dessen Verstande das gesunde Urtheil nie gehört
wurde. Auch kann nur Unklugheit das rechte Gefühl verleugnen. Es werden
Männer zu dir kommen, denen ich gebieten mußte, ihre Köpfe zu deinem
Richtplatz zu tragen. Sie werden dir erzählen: warum? doch bitte ich,
begnadige sie. -- Dies war des Briefes Hauptinhalt.
Da sie den Eilboten abgefertigt hatte, ließ sie Osmann rufen. Er stürzte
der großmüthigen hochherzigen Lebensretterin zu Füßen. Jedermann hebt in
solchem Falle auf, folglich auch unsre Heldin. Dann sah sie aber den
Egyptischen Kaufmann mit einem langen Blicke an, und fragte nach einer
Pause: Wie ist dein Name, Egypter?
Er nannte den nämlichen, welchen er schon angegeben hatte, doch diesmal
mit einigem Stottern.
_Flore._ Vorhin, als der Mann den Todesstreich nach dir richten wollte,
sanken ergeben deine Knie in den Staub, und von deiner Lippe entfloh ein
Name -- ein weiblicher Name -- ein Name, nicht gewöhnlich in der Türkei.
_Osmann._ Ich -- wähnte den Augenblick des Sterbens nah. Ohne deine
himmelgesandte Rettung --
_Flore._ Osmann, du magst ein Renegat sein, doch ein Türk bist du nicht.
Schon die Kraft, mit der du den Tod erwartetest, die leichte Freude
hernach -- so sieht man den Muselmann nicht in dem ernsten Momente.
Glaube an Bestimmung kann ihm Muth zu sterben geben, doch nennt er
Mahomed zuletzt, kein Mädchen.
_Osmann._ Sultanin -- du bist keine Cirkasserin, keine Türkin --
_Flore._ Und du wagst --
_Osmann._ Großmüthig, tapfer könnte eine Türkin sein, doch _dieser_
Edelmuth, _diese_ Tugend konnten nur in einer christlichen Europäerin
wohnen.
_Flore._ Du nanntest den Namen eines Mädchens -- fast mögt ich sagen,
einer Spanierin.
_Osmann._ Nene -- Nene! Du bist eine Französin!
_Flore._ Traf ich es, wackerer -- Coutances?
_Osmann._ Aber heldenmüthige -- Flore, woher weißt du, daß ich Coutances
bin?
Flore taumelte einige Schritte vor Befremdung zurück, dann antwortete
sie, die wortarme Negersprache mit der ausdruckreichen französischen
wechselnd. Sie nannten Isabelle, ich hatte von ihrem Roman in Cairo
gehört, ihre Gewandtheit, ihr schlauer Sinn, ihr Humor trafen mit der
Beschreibung zusammen. So errieth ich -- und sie, woher ist ihnen
bekannt --
_Osmann._ Ich sah vor kurzem in Cairo einen Commissair der französischen
Armee, meine Freude war groß, denn schon auf meiner Reise in Deutschland
hatte ich den muntern Ring kennen lernen, und manche Aehnlichkeit in
Sinn und Gefühl kettete uns aneinander.
_Flore._ Wundervolle unbegreifliche Verkettung.
_Osmann._ Er klagte mir das Unglück, seine geliebte Flore, bei jenem
Aufstand zu Cairo, da er grade die Pyramiden von Gizah besucht hatte,
verloren zu haben.
_Flore._ Ich Unglückselige, daß ich ihm nicht zu den Pyramiden folgte?
Doch weiter, mein Herr.
_Osmann._ Da ich ihm sagte: ich würde eine Reise in entlegene Länder von
Afrika antreten, beschwur er mich, überall nach ihnen zu forschen, und
beschrieb sie genau -- o Himmel wer hätte gedacht, daß tausend Meilen
weit --
_Flore._ Wie geht es Ring?
_Osmann._ Da ich abreisete, glaubte er, nächstens den Zug nach Syrien
begleiten zu müssen.
_Flore._ So ist er doch gesund, wohl --
_Osmann._ Wie man es sein kann, bei einem so theuren Verlust im Schmerz
der liebenden Sehnsucht -- Freilich ahnt er ihr Glück, sein Unglück
nicht, daß Darkulla Floren seine Sultanin grüßt.
_Flore._ Sultanin von Darkulla! Nun ja, man nennt mich so -- bin ichs
aber? Wollte der Himmel ich hätte dies Land nimmer gesehn. Alle seine
Schönheiten werden durch so viele Plagen -- Doch wie kommen sie hieher,
Coutances! Unglücklicher Liebhaber! ohne Zweifel suchen sie Isabellen?
Schöne Treue! rühmliches Streben!
_Osmann._ Ach Isabelle ist nicht mehr. Hätte ich keine Nachricht von
ihrem Tode, würde der meinige mich erschreckt haben. Ich rief Isabelle,
im Gedanken an das Wiedersehn, denn ich glaube eine andre Welt.
_Flore._ Wenn, wo starb denn Isabelle?
_Osmann._ Ich muß weit ausholen, jeden Umstand zu berichten.
_Flore._ O das wird mich höchlich freun. Fangen sie auf der Stelle an.
_Osmann._ Von Ring weiß ich, daß der Sklave Coraim schon auf der
Seefahrt mein Abentheuer erzählte, und daß sie alles wissen, bis auf den
Augenblick, wo Isabelle aus dem Hause des Vaters entführt wurde.
_Flore._ Auch ist mir wohl bekannt, daß es der Italiener Perotti selbst
war, in dessen Besitz nachher das Mädchen gelangte.
_Osmann._ Daß sie das wissen, setzt mich in hohe Verwunderung, ich
ahnete es selbst nicht, erfuhr es erst spät und auf einem sonderbaren
Wege --
_Flore._ Wie es mir zu Ohren kam, sollen sie hernach erfahren.
Unterbrechen sie sich nicht.
_Osmann._ Aber ehe ich Isabellen sah, gleich nachdem ich des Handels
wegen nach Egypten gekommen war, widerfuhr mir folgende Begebenheit. Ich
war in Cosseir gewesen, dort ein Geschäft mit Moccakaffee abzuschließen,
und kehrte durch die Wüste zurück. Etwa auf der Mitte des Weges treffe
ich zwei Beduinen, die in der furchtbaren Sonnenhitze auf den Sand
hingestreckt liegen. Bei genauer Besichtigung fand ich beide verwundet.
Es waren ein Jüngling und ein Greis. Jener, wiewohl selbst hülflos,
hielt diesen sorgsam umfaßt.
Ich fragte nach ihrem Unfall, und erhielt die Antwort: streitende
Wechabiten hätten sie niedergeworfen, ausgeplündert und gemißhandelt.
Ich that, was das natürliche Mitleid gebot, was jeder Europäer würde
gethan haben. Die Unglücklichen wurden auf eins meiner Kameele geladen,
und so mit nach Cairo geschafft. Da sie dort nicht unterzukommen wußten,
fand sich denn leicht ein Kämmerlein bei mir, und ein Arzt, den ich eben
wegen eines Augenübels brauchte, versorgte sie mit Arzenei. Daß sie gar
nicht begreifen konnten, wie ein Christ, gegen einen fremden
Religionsverwandten so zu handeln im Stande war, darum bedauerte ich
sie, und hatte zu mancherlei Verrichtungen, mich weiter viel um sie zu
bekümmern. Da sie nun hergestellt waren, konnte besonders der Jüngling
kein Ende für seinen Dank finden, daß ich ihn und seinen alten Vater --
sie wissen ja wie das ist, ich sagte denn, sie sollten nur machen, daß
sie aus dem Hause kämen.
Der junge Araber aber rief: Frank, ich heiße Imar, und sollten funfzig
Jahre vergehn, ich ruhe nicht, bis ich dir deinen Edelmuth bezahlte.
Ich gab natürlich auf diese Rede nichts. Doch nachdem es mir widerfuhr,
daß ich mich in Isabellen verliebte, und sie dem Italiener Perotti, von
dem sie werden gehört haben, streitig machte, fand sich dieser Imar
wieder bei mir ein, Hülfe zu leisten. Er hatte, ohne daß ich es wußte,
beobachtet, was mich beschäftigte. Ich brauchte Leute zur Ausführung
meines Vorhabens, ließ mir also seinen Beistand gefallen, bot ihm ein
Geschenk, wie Isabelle zu ihrem Vater gebracht war, und erklärte, daß
ich seiner nicht mehr bedürfe.
Wer weiß, rief er, und sprang zur Thür hinaus.
Bald darauf verschwand Isabelle wieder, ich fand den Italiener, der sie
aus des Consuls Wohnung geraubt hatte, gebunden im Keller, und fühlte
selbst Mitleid bei seinem kläglichen Zustand. Die Mühe, Isabellen
auszuforschen, war umsonst. Der Gram warf mich und ihren Vater aufs
Krankenlager.
Wohl ein halbes Jahr darauf kam Imar wieder zu mir. Frank, sagte er, du
bist nichtswürdig betrogen worden, ich dachte dir Freude zu bringen,
aber der Prophet wollte nicht. Weine!
Da ich Erklärung verlangte, fuhr der Araber fort: Der ungläubige Hund,
den du gebunden fandest, hat die schöne Sklavin selbst geraubt, ich ließ
ihn mit meinen Freunden nicht aus den Augen, und nahm sie ihm bei
Raschid wieder ab. Nun wollte ich sie dir bringen, denn immer bezahlte
ich dir noch nicht, was, du in der Wüste an mir gethan hast. Aber die
Begleiter, welche ich mir zu meiner That gewählt hatte, waren Schurken,
sie wollten keinem Franken hold sein, und da ich bei der Rast ein wenig
schlummerte, verkauften sie das Mädchen vorüberziehenden
Sklavenhändlern.
Sie können denken, wie gespannt ich bei dieser Erzählung horchte, und
wie gerührt ich bei dem dankbaren Sinn des Arabers war.
Er berichtete weiter: Da ich erwachte, waren die Begleiter entflohn, das
Mädchen sah ich nicht mehr, wohl aber von fern den Staub von Kameelen.
Ich ritt nach, fand eine kleine Caravane von Schwarzen und die Sklavin
auf einem Kameele sitzend, hatte aber kein Geld, sie wieder loszukaufen.
Ich eilte zum Vater. Du mußt mit der Caravane, sprach ich, verdinge dich
als Knecht, damit du siehst, wo die Sklavin bleibt, und in allen Städten
lasse bei dem Kiaschef Nachricht von dem Wege. Ich werde folgen, so bald
ich Reisende niederwarf, und so viel Geld plünderte, um sie zu meinem
Eigenthum zu machen. Der Alte, eingedenk deiner, war willig mitzugehn,
und wären es Tausend Meilen. Ich legte mich denn in der Wüste auf die
Lauer. Doch das Glück wollte mir nicht. Mehrere Monate vergingen, bis
ich einen Wallfahrer, der nach Mecca gedachte, antraf, und der sich von
seiner Begleitung entfernt hatte, um in einem Dorfe Früchte zu kaufen.
Diesem raubte ich so viel ich brauchte, und schlug nun den Weg über
Assiut ein, wo ich in den Ortschaften und bei den streifenden Beduinen
immer Kundschaft vom Vater fand. Aber in Darfur hörte ich mit Entsetzen,
die Sklavin sei ermordet. Ich kehrte zurück, dir das zu sagen. Weine
aber nicht zu viel, denn es ziemt dem Manne nicht, und viel giebt es der
schönen Sklavinnen. Baue darauf, ich bringe dir eine noch schönere.
Wie sie denken mögen, versank ich in den tiefsten Schmerz, ich
verspottete Imars Anerbieten, und die Dankbarkeit eines Straßenräubers
verlor mir allen Werth. Er sprang mit den Worten hinaus: so bezahle ich
dich auf eine andere Weise.
Ich blieb bei Isabellens Vater, dem gebeugten Greis beizustehn. Wir
vereinten unsere Handelsgeschäfte, erfuhren aber Unfall auf Unfall.
Endlich steckte sein Reichthum sowohl, wie das, was ich an Vermögen
erworben hatte, in einem großen Waarenlager, aus dem wir, nach den guten
Bestellungen von Marseille, viel abzusetzen hofften. Allein die
Engländer nahmen mehrere Schiffe in der mittelländischen See weg, und da
die Franzosen nach Egypten kamen, übten die Einwohner Gewaltthat an uns,
und der Rest des Magazins ging verloren. So sanken wir denn in Armuth,
und es ward ein Glück für mich, den Commissär Ring bei der Armee
wiederzufinden, denn er half mir in der tiefsten Verlegenheit mit
Vorschüssen.
O er war immer brav, unterbrach Flore den Erzähler.
Doch vor kurzer Zeit, fuhr jener fort, kam Imar wieder bei mir an.
Frank, sagte er, du bist Kaufmann, und unternehmend. Mit der Sklavin
konnt ich dir nicht helfen, doch reich machen will ich dich.
Etwa durch Räuberei? fragt ich höhnend.
Nein, nein, ein Vorschlag, so redlich, daß es ein Sohns des Propheten
ausführen könnte. Denke dir, mein alter Vater hat, nachdem die Sklavin
ermordet war, auf die er Acht geben sollte, Dienste bei einer Sultanin,
weit nach der Sonne zu, gefunden. Die Sultanin ist reich und mächtig.
Viele arabische Stämme gehorchen ihr und geben die alte Freiheit auf,
denn sie weiß der Herzen Liebe zu gewinnen. Ob sie eine Wechabitin ist,
die mit großen Schätzen aus Arabien kam, oder wie manche glauben, eine
Gemahlin des reichen Paschas von Bagdad, die ihm entfloh, weiß ich
nicht, genug sie herrscht über ein großes Land. Sie baut Städte und
pflanzt Gärten; dazu fehlen ihr aber --
Sie können hier einiges übergehn, ich kenne Gigis Absichten, fiel Flore
ein.
»Gut. Imar sagte: sein Vater habe von der Sultanin Aufträge erhalten,
ein Paar Männer in Egypten ausfindig zu machen, die ihre Absichten
unterstützen könnten, und mich und den alten Spanier genannt. Mich, aus
alter Dankbarkeit, und den Spanier, weil dieser ausgebreitete Kunde vom
Lande besitze. So du nun willst, Frank, endete Imar, mache ich dich
reich.«
Das klingt wie eine Fabel, entgegnete ich. Hätte ich Schätze, würde ich
gar meinen, man wolle mich damit in die Falle lokken!
Frank, Frank, erinnere dich, was du mir in der Wüste gethan, rief Imar
gekränkt.
Ein Weib Herrscherin? Das wäre in diesem Welttheil, wo das andere
Geschlecht entwürdigt in, ohne Beispiel.
Und doch ist dem so, versetzte Imar. Wisse aber, daß höher nach der
Sonne hin die Weiber mehr gelten.
Ferne Lande, ferne Völker sehn, ist meine Lust, darum kam ich zum Nil,
doch wie ließe sich auf dem Wege nach Süden Sicherheit finden.
Glaube mir, von Räubern der Wüste sollst du nichts fürchten. Darum
begleite ich dich, und jeder Beduin ehrt meinen Stamm. Andere Räuber
kommen nur in kleiner Zahl, da vertheidigen wir uns. Die Sultane
jenseits Oberegypten sind um Geleit ersucht.
Aber wie lasse ich mich nur ein, davon zu reden? Zu bewirken, was die
Fürstin verlangt, dazu würden Hundert Beutel und mehr gehören, ich bin
ohne Geld, ruinirt, wie mein Handelsfreund.
Ei nun, rief Imar, die Männer, welche von der Sultanin hier sind, haben
mehr, wie du bedarfst.