Ich wage nicht, euch zu deuten, sonst -- --

»O deute, deute! Alles ist dir verziehn, wie verwegen du auch deutest.«

Von redenden Blumen las ich in mehr als einem Roman. Der Selam spricht

durch die Fügung der --

»Selam, Selam! Du kennst den Namen, dann ist dir mehr bekannt.«

Nichts weiter. Die -- Liebenden hört ich nur, lassen im Morgenlande die

Blumen reden.

Fatme wurde erwärmter, kühner. Sie erklärte ohne Umschweif, ihr

Eheverhältniß sei freudenlos, ihr Gemahl bei aller Hülle der

Liebenswürdigkeit, liebe nicht. Eine nur zu deutliche Erklärung folgte.

Flore am ganzen Leibe bebend, hub nun an, der Türkin eine Moralpredigt,

über die Pflichten der Treue, zu halten. Die Andere entschuldigte sich

wortreich durch des Gemahls Vernachlässigung. Flore suchte nur kräftiger

mit Tugendsprüchen einzudringen, und citirte sogar Stellen aus dem

Coran, noch von den Lehren des Derwisch im Gedächtniß. Doch die Kraft

der Liebe überwältigt Coran, Evangelium, Talmud und Sanscritt; nur

Fatmens Ungestüm antwortete, und der vermeinte Edelknabe wurde mit

flammendem Trieb an der Türkin Busen gepreßt.

Im höchsten Moment der Verlegenheit, hörte man aber ein Geräusch, die

Sklavin stürzte warnend ins Zimmer, und auf dem Fuße folgte ihr -- der

Bei. Noch hörte Fatme nicht, wohl aber Flore, die sich in der

fürchterlichsten Bestürzung losriß.

Der sonst so schonende Muselmann wüthete. Verwünschungen stieß er gegen

seinen Itschoglan aus, Verwünschungen gegen Fatme, und rief: der Tod

sollte ihn an beiden rächen. Ein Dolch der an der Wand hing, war bald

ergriffen.

Flore warf sich nieder. Verzeihe Herr, daß mein Geschlecht dir heimlich

blieb. Sie riß ihr Oberkleid auf, eine Gesticulation, die wohl zu

rechtfertigen ist, wo es Leben und Tod gilt. Siehe, wie kannst du

eifersüchtig gegen die schuldlose Fatme wüthen?

Die plötzliche Erscheinung des Gatten zu begreifen, muß aufgeklärt

werden, daß all die bisher seinem Pagen erwiesene Huld -- unlauteren

Ursprungs war. In derselben Nacht, wo Fatme die durch reiche Geschenke

bestochene Sklavin sandte, hatte auch er einen Besuch in Florens

Schlafzimmer beschlossen. Er langt an, findet Niemand, argwohnt, und

eilt zu seiner Gemahlin.

Der Dolch entsank seiner starren Hand, wie Flore ihr Geheimniß verrieth.

Fatme sprang erstaunt zurück, heftete aber noch, und ohne den Bei zu

fürchten, die entbrannten Strahlen ihres dunklen Auges auf die

Entschleierte; der Bei blieb in liebender Stellung angewurzelt.

Fatme ließ den Gemahl Vorwürfe hören, die sein Recht zur Eifersucht

streitig machten, und schloß mit der Bitte: ihr die Europäerin zur

Sklavin zu geben. Erhöre mich, war ihr letztes entschlossenes Wort, oder

brauche den Dolch wider mein Leben.

Sei mein Weib, mein Weib! flehte der Bei mit schmachtender Lippe.

Siebentes Kapitel.

Flore im hohen Glanz der Tugend.

Die Tugend ist kein Erbtheil der Ahnen, wiewohl das ächte Beispiel sie

erzeugt, sie kann ein Kind der Erziehung und Grundsätze sein, aber

bisweilen ist sie so gut eine zufällige Erscheinung, wie tausend andre

Dinge in der Welt, und unter andern auch das Laster. Sagt Schiller im

Prolog zu seinem Wallenstein, der Gerechtigkeit der Kunst das Wort

redend, mit Recht:

Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang,

Und wälzt die größte Hälfte seiner Schuld,

Den unglückseligen Gestirnen zu,

So müsse man denn auch bei Tugendgemälden der Kunst, behaupten können:

Sie sieht des Menschen hohe Edelthat,

Und wälzt die größte Hälfte ihres Ruhms,

Den freundlich waltenden Gestirnen zu.

Wir werden Floren hier sehr tugendhaft sehn. Durch beider Theile

Zuneigung fand ihr weiblicher Stolz süße Nahrung, das Andenken an beider

Güte konnte auch nicht schweigen, wenn gleich das Bild der entdeckten

sittlichen Verderbniß abschreckend war. Sie hatte, wie sie sich oft

gestehen mußte, in dem Bei nicht allein den großmüthigen, sondern auch

den schönen Mann gesehn, und wir hätten für nichts einstehen mögen, wäre

jener von ihrem Geschlechte unterrichtet, liebend im Boudoir erschienen.

So aber konnte doch kein Schimmer von Liebe übrig bleiben, und der

Gattin Anblick, mahnte um so mehr, Bekehrung und Versöhnung zu

erstreben.

Sie sammelte also alle ihre bekannten Worte der Landessprache, fügte sie

so rednerisch wie es ihr möglich ward, legte allen oratorischen

Nachdruck auf den Ton der Stimme, und ließ die Geberde mit aller

Rührung, die sie hervorzubringen wußte, die Apostrophen begleiten.

Sie hielt ihnen so die schmählichen Verirrungen vom Pfade der Natur vor,

machte einen Theil auf die Vorzüge des Anderen aufmerksam; dann

schilderte sie das Glück einträchtiger Ehen, und wies auf die Nähe

desselben, auf die Leichtigkeit, sich es zuzueignen. Alles wurde mit

bildlichen Wendungen ausgeführt. Endlich langte sie noch den Dolch vom

Boden auf, faßte den Griff mit voller Hand, lenkte die Spitze gegen

ihren Busen, und betheuerte sich eher durchstechen zu wollen, ehe in

irgend etwas zu willigen, das die Zufriedenheit eines ihr so theuren

Paares stören könne.

Beide sahen Einander erst vor Beschämung nicht an, dann huben sie scheue

Blicke empor, nun wurde Bewegung der Gefühle sichtbar, der Dolch endlich

wirkte heroisch, und die innre Seelengüte gewann vollkommen den

Ausschlag, da Flore beider Hände in einander wand, und beider Busen

zusammenpreßte. Sie umarmten sich weinend, und sagten treue Liebe zu.

Was konnte Flore aber anders thun? Ihre Tugend warf ihr den Preis hoher

Achtung ab, und noch bei weitem reichere Geschenke wurden ihr nun von

beiden Theilen, aber das Geschick hatte es so gestellt, daß sie

vortrefflich handeln mußte. So geräth bisweilen ein mittelmäßiger

Feldherr in eine Lage, wo er den Lorbeer erringen muß; ein Minister kann

dem Segen seiner Nation, wie die Umstände vorhanden sind, auch mit dem

übelsten Willen nicht ausweichen; und eine Lukretia _soll_ ein Meteor

der Keuschheit sein, weil sie den Gemahl laut ihrer Empfindung mehr

liebt, wie das Leben, und den Entehrer tiefer haßt, wie den Tod. Mancher

wird der genauen Haushaltung wegen gerühmt, und hat in seiner kalten

Seele keinen einzigen Anreitz zur kostspieligen Freude. Die Redlichkeit

eines Staatsdieners lohnen Auszeichnungen, und sein gutes Auskommen ließ

ihn in keine Gefahren der Geldnoth sinken, sein Thun wurde genau

bewacht. Phaon preiset Agathen, die ihm Hymen diese Nacht in die Arme

warf, daß sie trotz der Zeiten Verderb, unentheiligte Ehre in das

bräutliche Bett trug, aber Agathe wurde von einem Vater, von einer

Mutter erzogen, deren Aufsicht sie nie verließ, und nimmer kam ein

übermächtiger Verführungsreiz in ihre Nähe. Und das Blut, die mehr kühle

oder hitzigere Mischung der Säfte, die höher oder tiefer gespannte

Erregbarkeit unserer Affekte, die das Verhältniß bestimmen, in welches

wir gegen die äußeren Eindrücke, (deren Gebieter wir noch weniger sind)

treten werden, sind sie eigne Schöpfung?

Die durchaus leutselige Natur des Bei, welche ihr sittlich sträfliches

Aggregat nur im frühen Umgange verwilderter Soldaten angenommen hatte,

konnte nicht anders, wie sich in der Versöhnung mit der Gattin höchst

zufrieden fühlen, und noch weniger der Urheberin des neuen Glückes, Dank

schuldig bleiben. Er bot Floren an, sie mit einem Emir seiner

Bekanntschaft zu verheirathen, wenn sie zum Glauben Mahomeds übertreten

wollte. Mir wäre das gleich, setzte er hinzu, aber dem Emir vielleicht,

der Menge gewiß nicht. Uebrigens ist es ein wackrer wohlhabender Mann,

und ich übernehme es, dich noch reich auszustatten. Du wirst hier

glücklicher sein, wie auf der Halbinsel Europa, wo, wie man allgemein

hört, so viele Narrheiten herrschen. Eine Sage, der auch schon jeder

Glauben beimißt, der nur Eure lächerliche Kleidung, und eure

affenmäßigen Manieren zu sehen Gelegenheit hatte.

Die Narrheiten, erwiederte Flore, räume ich ein, aber unsere Kleidung

lasse ich nicht tadeln. Wir haben Modeschneider und Putzmacherinnen in

Paris, die an ihrem Platze sind, was Racine, Montesquieu und Voltaire an

dem ihrigen waren, die türkische Kleidung bleibt dagegen immer auf

derselben Stufe. Nur das Talent zum Erlernen, nicht das Genie zur

Erfindung kann da glänzen. Was übrigens den Vorschlag belangt, mich an

den Emir zu vermählen, so danke ich gar sehr. Ich besitze schon einen

Mann, und die einzige höchste Gunst würde mir gewährt, wenn ich wieder

zu ihm eilen dürfte. Das Unglück eines Augenblicks hat mich nur zu lange

schon von ihm getrennt. Ich weiß, du bist großmüthig genug, mich ziehen

zu lassen.

Der Bei runzelte die Stirn ein wenig. -- Dich ziehn zu lassen?

Gewiß, fuhr Flore fort, und damit ich keine Gefahr laufe, giebst du mir

einige Soldaten mit, die mich bis an die ersten Wachen meiner Landsleute

geleiten.

»Du forderst viel, beim Propheten; viel! Einem Franken Schutz und Milde

erweisen, die Dienste, welche er uns gethan, reich belohnen, das geht

wohl an, aber daß ein Muselmann den Franken wieder mit Geleit heimsende,

wer darf das fordern? Er hätte ihm keine Gutthat erwiesen, wenn er ihm

nicht lieb geworden wäre. Wer giebt gern das Liebgewonnene weg? Und wer

wird es gar in die arge Welt der Franken zurückschicken?«

Edler Herr, ich bin mit der argen Welt zufrieden.

»Sahest du je, daß ein Muselmann etwas Aehnliches that?«

Flore besann sich ein wenig, und rief dann schnell: O ja, ich sahe einen

Pascha, der einem Spanier Freiheit, Erlaubniß zur Heimkehr, und sichere

Pässe gab. Und obenein hatte ihn einst des Spaniers Vater schwer

beleidigt, ja der Jüngling des Paschas Geliebte entführt.

»Ist das gewiß, kannst du es beschwören?«

Ich kann es, antwortete Flore, und legte die Hand auf ihr Herz.

Nun rief der Bei, so will ich dem Pascha an Edelmuth nicht weichen. Du

magst ziehn!

Achtes Kapitel.

Florens Trennung vom Bei.

Man schöpfe nicht den Verdacht, unsre Heldin habe einen falschen Schwur

abgelegt. Sie hatte in der That einen so hochherzigen Pascha gesehn,

nämlich -- im Singspiel.

Der renommirte Beobachter an der Spree, schon eher wohl die Quelle

namhafter Autoren, erzählt auch: es sei Jemand zu Berlin in eine

Abendgesellschaft geladen worden, aber späte erschienen. Mit

freundlichen Vorwürfen über das lange Weilen empfängt man ihn. Er

erwiedert: man wird geneigt seyn, mich zu entschuldigen, wenn ich den

Anlaß kund mache. Ich sahe einen Juden, der in den Kreis einer

unglücklichen Familie trat, und mit einem Geschenke von mehr als

zwanzigtausend Thalern, ihr Retter wurde. Zwanzigtausend, mehr als

zwanzigtausend Thaler! rief alles höchst befremdet. Wer war der Jude? --

_Iffland_!

Florens Reisegepäck wurde eilig in Stand gesetzt. Sie bat, noch in

Mannskleidern bleiben zu dürfen, um so mehr, als von den Hausgenossen,

nach ihrem Wissen, Niemanden außer zwei Sklavinnen die Entwicklung von

neulich bekannt geworden war. Und diese versicherten, das Geheimniß

bewahrt zu haben. Sie bat darneben um die ältesten Mammelukken zu ihrer

Begleitung.

Es wurde gewährt. Ibrahim, ein sechzigjähriger grämlicher Kerl mit

schneeweissem Bart, erhielt den Befehl über vier andere auch ältliche

Mammelukken, und zwei Kameeltreiber. O hätte sie doch eine jugendliche

Escorte genommen! Schwankt die Wange zwischen Wollust und Geitz, nur

selten wird die Wahl des Geitzes zu empfehlen sein.

Flore ritt das ihr vom Bei geschenkte Pferd, die Mammelukken die

ihrigen, ein Kameel trug Wasser und Lebensmittel für die nur einige

Tagereisen breite Wüste, das andre Florens Habseligkeiten. Sie waren von

Belang, denn außer den Geschenken, die sie bisher empfing, wurde ihr

noch ein bedeutender Vorrath an Stoffen und afrikanischen Seltenheiten

mitgegeben.

Sie schied mit tiefer Rührung, unter Tausend Thränen. Da sie auch den

Bei und Fatmen weinen sah, fehlte nicht viel, sie hätte den Vorsatz

geändert, und wäre geblieben. Wenigstens dürfte das unfehlbar geschehen

seyn, wenn ihr in dem Augenblicke jemand hätte beweisen können, Ring sei

in Cairo mit einer anderen verheirathet. So aber ermannte sie sich doch

(erweibte, ist ein ungebräuchlich Wort, aber sagt oft viel) und sprengte

davon. Im Schritt hinweg zu reiten wäre zu gefährlich gewesen, wegen des

Umsehens, und der Anlockung, das Roß zu wenden.

Bin ich nicht eine Thörin, fragte sie sich unterwegs, den Aufenthalt des

Wohlwollens, der Freundschaft zu fliehn? Wer weiß, ob mir das Leben je

wieder so lächelt? Aber, setzte sie hinzu, Liebe und Vaterland winken

dort, und was wär ich, wenn der Bei und Fatme einst stürben.

Innig freute sie die Erinnrung, die Stifterin eines schönen Vereins

gewesen zu seyn, und ein gewisser moralischer Stolz erfüllte sie sogar,

wie sie sich als Bekehrerin von schnöden Sünden betrachtete. Dabei

dachte sie manches nach, über die unbegreifliche menschliche Schwäche,

die oft neben den herrlichsten Charakterzügen wohnt, und zog sich

Erfahrungssätze ab, die nicht zu verachten waren.

Dem alten Ibrahim erklärte sie: er würde von ihr nicht vergessen werden,

wenn die Reise glücklich vollendet sei. Nicht er, nicht seine Kameraden.

Allein nicht er, nicht seine Kameraden waren noch so zuvorkommend, noch

so unterwürfig wie daheim. Dort hatte Ehrfurcht vor dem Bei, (der bei

aller Güte, bisweilen auch so strenge war, wie es bei dieser Menschenart

Nothwendigkeit erheischte) alle schlimme Leidenschaften niedergehalten,

nun war das anders, und sie ließen den Wechsel ihrer Gesinnungen in dem

Maaße des weiteren Abstandes sichtbarer werden. Schon von Anfang her,

hatte den Rohen der besondere Schutz nicht gefallen, welcher einem

Ungläubigen in des Beis Hause wurde. Und nie hatten sie die Ungläubigen

mehr gehaßt, als seitdem sie einen unglücklichen Krieg mit ihnen

führten. Ihrer Meinung nach, hätte jeder Frank, der ihnen in die Hände

gerieth, unter Martern sterben müssen, und sie rühmten den Bei Murat und

den Pascha Gizzar wegen ihrer harten Gesinnungen. Die Floren gewordnen

Geschenke regten vollends ihre neidische Mißgunst auf. Ihre einsilbigen

Antworten, ihre unwilligen Blicke, und ihr Heimlichthun, fingen an,

Florens Aufmerksamkeit zu wecken. Es stand ihr indessen kein Hülfsmittel

zu Gebot, als der Versuch, ihre Begleiter durch Freundlichkeit, kleine

Geschenke, und wiederholte Verheißung größerer, zu gewinnen. Der Versuch

bewirkte aber nicht viel. Auf gute Worte gaben sie nichts, und was sie

empfingen, schien ihnen immer noch nicht genug, und mit heißer Gier

schauten sie nach dem Kameele hin, das Florens Habe trug.

Letztre sah wohl ein, daß ein treuloses Vorhaben gegen sie nur zu leicht

auszuführen sei, sie bot also ihre ganze Erfindungsgabe auf, einem

Verein entgegen zu wirken. Erstens kramte sie alles aus, was sie noch

vom Coran behalten hatte, redete von nichts als dem Propheten, und

seinen Geboten der Frömmigkeit, um den Sinn der Religion lebendig zu

erhalten. Dann schloß sie sich an jeden Einzelnen insbesondre, nahm ihn

auf dem Wege bei Seite, that als wenn sie für ihn ausgezeichnete Achtung

empfände, und sagte ihm die meiste Freigebigkeit zu. Bei Nacht ordnete

sie an, daß alles schlief, bis auf einen Wächter, so konnte sie den ihr

gefährlichen Abreden entgehn, denn bei Tage hinderte sie sie ohnehin,

und bei Nacht blieb sie bei dem Wächter auf. Allenfalls dachte sie, muß

das schon sechs oder Acht Tage der Reise ertragen werden.

So erheiterte die Hoffnung sie wenig. Furcht warf ihre süßen Träume über

den Haufen, und was das Schlimmste war, so half ihre Vorsicht auf keine

Weise, denn der tükkische Plan war entworfen, ehe noch Florens Argwohn

keimte.

Das steckte ihr einer der Kameeltreiber, da sie sich mit ihm unterhielt,

und ihn durch einen Spruch aus dem Coran gewissenhaft gemacht hatte. Sie

mußte ihm erst Heimlichkeit versprechen, und dann sprach er: Sieh zu

deiner Sicherheit. Es ist verabredet, dich zu ermorden, und dein Gut zu

plündern. Schon wäre es geschehn, wenn der Bei nicht Todesstrafe darauf

gesetzt hätte, wenn wir kein Zeichen von den Franken brächten, dem er

glauben könnte, du seist ihnen richtig übergeben. Wie sie dazu kommen

sollen, berathen sie nur noch. Ich will um solchen Preis nicht gewinnen,

sieh wie du den Vorsatz hintertreibest.

Flore gerieth in keine geringe Bestürzung, doch der Umstand mit dem

Zeichen, beruhigte sie in Etwas. Das mußte doch immer eine Certifikation

seyn, in französischer Sprache abgefaßt, und gehörig besiegelt. Der Bei

hatte einen Syrer um sich, welcher französisch mit einiger Fertigkeit

dolmetschte; mit einem Betrug durften sie nicht kommen. Und dies

Certifikat war immer doch nur bei einer Truppenabtheilung zu erlangen,

die einem Offizier, wenigstens einem Sergeanten gehorchte.

Sie redete nun auch oft davon, wie sie, wenn sich europäische Soldaten

vorfinden würden, wohlthäten, sich vorher in einem Orte nach einem

Trompeter umzusehn, der das friedliche Zeichen verlangter Unterhandlung

gäbe. Denn sie müßten durch die ersten Posten, bis zu einem andern, wo

ihnen der Schein für den Bei würde, ohne welchen sie ja, wie ihnen

bekannt sei, daheim in großes Unglück gerathen könnten. Dabei sagte sie:

es dürfte wohl noch vierzehn Tage währen, bis man ihre Landsleute

ansichtig würde, ob sie schon der Hoffnung war, es könne schon in

wenigen Tagen geschehn, oder wohl gar weit hinausgeschickte

Streifpartheien ihr schon jetzt begegnen. Denn sie meinte, desto weniger

fassen sie einen eiligen Entschluß, und werden vielleicht vor Ausführung

des Frevels überrascht.

Jetzt fand man sich am Ausgange der Wüste. Hohe Staubwolken zeigten sich

in der Ferne, und im Strahl der heissen Sonne blickte hie und da ein

Waffenblitz auf. Welches frohe, sehnsüchtige, hoffende Gefühl in Florens

Brust! O wären es die, wo ich mich der Sicherheit erfreuen kann, wie

wollte ich Glückliche dem Schicksal danken, wie schnell in die Arme des

Gatten eilen! Mögten die Bösewichter ziehn, wurde doch nicht zur Reife

gebracht, was sie heillos zu säen beschlossen.

Sie konnte die Zeit nicht erwarten, und trieb ihr Roß mächtig an. Die

Mammelukken blieben zurück. Muthig sprengte sie auf die Staubwolke zu,

froh erwartend, es werde bald eine rothe Feder oder eine dreifarbige

Kokarde darin sichtbar werden.

Doch näher erblickte sie die langen Hälse brauner Dromedare, und hielt

den Zügel etwas kürzer. Dann kamen ihr schwarze Führer zu Gesicht, ihr

Roß trabte nur noch. Endlich ward sie eine lange Reihe solcher

Lastthiere inne, und nichts wie Negergesichter. Sie hielt ihr Roß an,

die Begleitung abzuwarten.

Verdrießliche traurige Täuschung! Was sie für einen Soldatenzug angesehn

hatte, war eine Caravane von Sklavenhändlern. Sie hatte Neger aus

Darfur, Sennar, und Bornu nach Egypten zum Verkauf bringen, und weisse

Mädchen nach ihren Märkten zurücknehmen wollen. Sie fand aber den

Menschenhandel durch menschliche Verordnungen, die die Franzosen

erlassen hatten, untersagt, und mußte an der Gränze unverrichteter Sache

wieder abziehn. Darüber, zürnten die Kaufleute sowohl, wie die Waare

selbst, denn man muß wissen, daß die Sklaverei den Negern nur in den

christlichen Colonieen furchtbar ist. Bei den Muselmännern versuchen sie

es ganz willig, denn harte Behandlung erwartet sie dort nicht, und fände

ein Einzelner Ursache, mit seinem Gebieter unzufrieden zu seyn, so steht

ihm das Recht zu, ihm zu sagen: führe mich auf den Markt! was denn

geschehn muß, und die Aussicht eröffnet sich, einem gelinderen Herrn zu

gehorchen. Oft machen die Sklaven ihr Glück, da sie frei gelassen, und

zum Betreiben einer eigenen Handthierung unterstützt werden. Auch ist

ihnen der Weg zu einträglichen Aemtern nicht verschlossen. Weisse

Sklaven werden auch in der Türkei feilgeboten, alle Mammelukken sind

verkauft, und steigen durch die Gunst der Beis zu bedeutenden Stellen,

selbst zum Range eines Beis empor. Der durch Grausamkeit berüchtigte

Gizzar Pascha war aus Bosnien gebürtig, wurde daheim, wegen einer

Gewaltthat verklagt, die er an seiner Schwägerin hatte verüben wollen,

und floh. In Constantinopel verkaufte er sich selbst als Sklave nach

Egypten. Hier lächelte ihm das Glück bald, weil er sich geschmeidig in

die Launen seines Obern, des bekannten Ali Bei zu fügen wußte. Dieser

brauchte ihn besonders, wo etwas Gefährliches ausgeführt werden sollte.

So stieg er.

Die Kaufleute bei dieser Caravane gingen fast nakkend, einen

schürzenartigen Gürtel ausgenommen. Wer ein graues oder blaues Hemd,

dessen Aermel bis um die Achseln aufgerollt waren, trug, kündigte sich

schon wie einen dem Luxus ergebenen Mann an. Ein ledern Futteral hing

jedem an der Krümme des linken Armes, worin sie Geld, Toback und andere

nahe Bedürfnisse verwahrten; bewaffnet zogen alle einher, entweder mit

Lanzen oder auch nur mit Säbeln. Feuergewehr war selten.

Florens Begleiter waren herangekommen, und man machte Halt, um die

Caravane vorüber zu lassen. Gegen das Ende des Zuges bemerkte Flore, daß

Ibrahim fehle, und fragte nach ihm. Man gab ihr keine gnügende Antwort.

Der Umstand kam ihr bedenklich vor, und sie überlegte, sollte man den

Mammelukken erwarten oder nicht. Endlich wurden von dem Handelszuge nur

noch einige Kameele sichtbar, mit denen die Führer sich verspätet zu

haben schienen. Da sie aber heran waren, befand sich Ibrahim dabei. Er

hatte also unbemerkt einen raschen Umweg gemacht, um diese Schwarzen zu

sprechen.

Floren ahnete viel Schlimmes, und sie betrog sich nicht. Ein häßlicher

Neger im blauen Hemd und mit langen goldnen Berlokken im Ohr, kam mit

Ibrahim auf sie zu. Die Bösewichter scheuten sich gar nicht, laut von

ihrer Absicht zu reden. Ich kaufe sie, sprach der Neger, und folgt mir,

laßt einen von euch nach Assiut schleichen. Dort findet ihr

Dollmetscher, welche die französische Sprache verstehn, und euch eine

Schrift, wie ihr sie wünschet, verschaffen. Bringt sie nicht um, ihr

könnt ja das Geld für sie einstreichen.

Flore hörte die Schrekkensworte, und fragte mit dem Muthe, den die

Nothwendigkeit als einen letzten Versuch zur Rettung auferlegt: Ihr

Bösewichter was habt ihr vor?

Das wirst du bald sehn, donnerte Ibrahims trotzige Stimme.

Aber wo ist sie denn? fragte der Neger.

Hier hier, vor dir, schrie Ibrahim, in den Mannskleidern. Sie meint wir

halten sie für kein Weib, und wußten es schon lange daheim.

Flore hatte ihre Edelsteine aus Vorsorge wieder in der Mütze verwahrt,

und den Gürtel mit den in Scheik Abade gefundenen Dukaten gefüllt. Mag

das Kameel mit seiner Ladung verloren gehn, dachte sie, die Wüste ist zu

Ende, ich versuche die Flucht. Aus allen Kräften trieb sie daher, mit

der Schärfe des breiten Steigbügels, die von den Morgenländern als Sporn

gebraucht wird, ihr Pferd an, und eilte vorwärts. Allein die Mammelukken

machten förmlich Jagd auf sie. Einer setzte in grader Richtung, noch

zweie rechts und links, um sie, wenn sie den Weg veränderte, zu haschen,

sie waren dazu bessere Reuter, und so hatten sie die Arme nach Tausend

Schritten bereits eingeholt. Man bemächtigte sich ihrer Zügel, und

brachte sie mit schadenfrohem Gelächter zu dem Dschelab (Kaufmann)

zurück.

Der Bei wird euch Hunde würgen lassen, schrie die halb Ohnmächtige

vergebens. Musa, so hieß der Neger, besah sie aufmerksam, und setzte

ihre Schönheit herab, während die Verkäufer sie erhoben. Man gab ihr den

Befehl, sich zu entkleiden und legte auf ihre Weigerung selbst Hand an.

Nun, dachte sie, vielleicht erhalte ich mir Mütze und Gürtel, wenn sie

nicht berührt werden, und entschloß sich zu der demüthigenden Handlung.

Musa konnte nichts weiter tadeln, und man war bald um den Preis einig.

Die Mammelukken wollten ihr noch die Kleider nehmen. Wie, rief sie,

gnügt euch nicht an dem Kameele, dem Pferde, ehe ich entblößt die Reise

mache, sterbe ich den Hungertod. Laßt ihr was sie trägt, sprach Musa,

und der Handel war geschlossen.

So trauerte Joseph einst unter seinen verrätherischen Brüdern, wie jetzt

Flore.

Sie mußte ein Dromedar besteigen, zwischen dessen beiden Erhöhungen des

Rükkens, Musa ihr einen bequemen Sitz bereitete. Die Mammelukken setzten

den Weg nach ihren Absichten fort.

Neuntes Kapitel.

Flora unter den Sklavenhändlern.

Musa eilte nun, den großen Zug wieder zu erreichen, und das unbeholfene

Traben des plumpen Dromedars fügte zu den Seelenleiden unsrer

unglücklichen Abentheurerin noch körperliche. Wer beschreibt ihre Qual,

ihre Angst, ihre Verzweiflung!

Musa erwies sich aber, wie die Mammelukken entfernt waren, ganz artig

gegen sie, und trug Sorge, sie mit Nahrung zu versehn. Diese Sorge hatte

freilich nicht mehr moralischen Werth, wie der Geitz eines Kaufmanns,

der seine Waare nicht will verderben sehn, aber doch empfand Flore den

augenblicklichen Vortheil davon. Und gab es einen Trost in dieser neuen

peinlichen Lage, so war es der, daß Musa ein wenig arabisch sprach,

Flore sich also mit ihm unterreden konnte.

Daß ihre Hauptfrage war: was er denn mit ihr zu beginnen gedächte?

versteht sich von selbst. Musa erwiederte: An Niemand verkauf ich dich,

wie an einen Sultan, und ich denke, du sollst mir meine vergebliche

Reise bezahlt machen. Flora schwamm in Thränen. Musa wunderte sich gar

sehr, und verhieß ihr goldne Berge. Ich weiß nicht, sprach er, ob der

Sultan von Darfur dich kaufen wird, er besitzt schon viele weisse

Frauen, aber der Sultan von Darkulla nimmt dich gewiß. Er hat neulich

seine weisse Frauen alle ermordet, und nun braucht er deren wieder, und

ließ schon bei den Dschelabs nachfragen. Preise dich, wenn du in den

Pallast dieses großmüthigen Königs kömmst.

Die Nachricht konnte wenig freudige Hoffnung erwecken. Indessen, sollte

es einmal Sklaverei sein, so war es immer als Sultansfavorite die

bessere.

Während der ersten Tage dieser Reise, entwarf Flore noch manchen Plan

zur Flucht. Sie sah wohl ein, daß sie gegen den Kaufmann sich nichts von

ihren Juweelen und ihrem Gelde dürfe merken lassen, wenn sie nicht

sogleich wollte beraubt sein. Es war sogar wie ein seltenes Glück

anzusehn, daß noch keine Entdekkung statt gefunden hatte. Dagegen aber

hielt es Flore für möglich, einen der Kameeltreiber zu bestechen. Sie

meinte, ein solcher könne ihr wohl in der Nacht, wenn Musa schliefe,

behülflich werden, davon zu kommen. Doch sah sie auch bald die

Nichtigkeit dieses Gedankens ein. Denn der Dschelab war nicht nur sehr

vorsichtig, sondern sie konnte auch mit keinem der Leute ein Gespräch

anknüpfen, da jeder von ihnen nur seine Negersprache verstand. Es galt

also vollkommene Ergebung.

Flore dachte, bin ich denn einmal zu den seltsamsten Begebenheiten

ausersehn, so treffe mich was da wolle. Standhaftigkeit trägt alles, und

Verstand lindert wenigstens viele Uebel, wenn er sie auch nicht zu heben

weiß.

Von großer Wichtigkeit schien es ihr, etwas von der Sprache dieser Neger

zu erlernen. Die raschen Fortschritte, welche sie vor kurzem in Cairo

gemacht hatte, gaben ihr Muth, die neue Schwierigkeit zu bekämpfen, und

die Langeweile in der Wüste wurde sowohl getödtet, wie ihr Schmerz

übertäubt, wenn sie die meiste Zeit auf diese Beschäftigung verwandte.

Musa zeigte sich willig, ihr alle Worte, die sie auf arabisch nannte, in

seine Mundart zu übersetzen. Sie schrieb sie in ihr Taschenbuch, und

behielt bei ihrem glücklichen Gedächtniß bald eine Menge derselben. Dann

merkte sie genau auf die Reden der Fremden, um die Wendungen und

Fügungen aufzufassen und erbeutete sich so eine kleine Grammatik. Nicht

lange, so versuchte sie selbst mehr und mehr Antheil an der

Unterhaltung.

Die Caravane zog nun in der großen Wüste, durch die der Weg nach dem

Negerkönigreiche Darfur geht. Gewöhnlich lagerte man in einem großen

Haufen. Das gab dann ein Schauspiel bunter Art. Hunderte von Kameelen

und Dromedaren, ihrer Ladung entbürdet, die sich in den Sand

niedergelegt hatten, und ihr dürftig Futter käuten. Einige wenige

aufgeschlagene Zelte, desto mehr auf die Erde gebreitete Teppiche. Die

Dschelabs gravitätisch ihre Pfeifen schmauchend, die Sklaven mit Steinen

in der Hand, auf welchen sie etwas Getreide zerrieben, um sich eine Art

Kuchen daraus zu bereiten. Auch die Kaufleute führten nur schlechte

Lebensmittel bei sich, und Musa legte einen Werth darauf, daß Flore mit

etwas Caffee bewirthet wurde. Oft dachte sie an die Fülle in jenem

Mammelukkenlager, noch öfter an die Villa ihres reichen Beis zurück. Bei

dem allen gewährten ihr die vielen neuen Gegenstände Unterhaltung, und

sie dachte: überstände ich das alles nur, und könnte einst meinen

Freunden in Paris davon erzählen, so würde mir es dann gewiß lieb sein,

so Vielerlei gesehn zu haben.

Denselben Gedanken hat ein Passagier, der zum Erstenmale über See fährt,

und gefährlichen Sturm erlebt. Bin ich nur erst wieder an der

heimathlichen Küste, will ich mich der Erinnerung an diese Schrecken

wohl erfreun.

Bei einer solchen Rast erblickte Flore, mächtig befremdet, unter dem

schwarzen Gewimmel, ein bräunliches und ein weißes Antlitz. Das letztere

fesselte um so mehr ihre Aufmerksamkeit, weil sie einen Landsmann

vermuthete. In der Tiefe Afrikas ist der Europäer schon ein willkommener

Landsmann. Und einen solchen glaubte sie im Betragen des Weissen zu

erkennen.

Sie bat Musa, ihn doch zu sich zu rufen. Er versagte es nicht, und der

Weisse kam. In französischer Sprache wurde er angeredet, und antwortete

auch darin. Flore fragte: ob er auch so unglücklich wäre, zur Sklaverei

verkauft zu sein? Keineswegs, entgegnete der Andere, ich reise mit guten

Pässen, und kräftigen Empfehlungen.

Um des Himmels Willen, rief Flore, wie kann sich ein Europäer

entschließen, freiwillig diese Gegenden zu durchziehn?

Dazu spornen mich viele Ursachen, war die Antwort.

»Die wär ich in der That begierig zu hören. Theilt sie mir mit, ihr

sollt wieder mit meinen Lebensverkettungen bekannt werden.«

Warum nicht? Erstens ist mir meine Geliebte entrissen worden, und wie

ich sicher weiß, durch Oberegypten gebracht. Diese muß ich wieder

finden, und hausete sie am Ende der Welt. Dann läßt sich vielleicht bei

der Gelegenheit durch Handel etwas erwerben. Und einmal auf diesem Wege

kann ich mich ja auch wohl in der kultivirten Welt berühmt machen, wenn

ich endlich das Innre von Afrika besuche. Bruce, Sonnini, Mungo Parc,

und wer weiß wie viele Andere versuchten es umsonst. Mir soll es nicht

mißlingen, denn ich füge mich in die Weise jeder Nation. Vor allen

Dingen hab ich den muselmännischen Glauben angenommen, sonst gäbe es

keine Sicherheit für mich. Komme ich zu einem Heidenvolk, weiß ich was

ich thue, und was geschehen wird, wenn ich einst in die Christenheit

heimgekehrt bin, läßt sich errathen. Der thörigte Eigensinn jener

Reisenden, sich nicht einer Ceremonie unterziehn, nicht einen

unbedeutenden Schmerz dulden zu wollen, hat ihre Pläne rückgängig

gemacht.

Flore versetzte: Am meisten interessirt mich euer Handel. Werdet ihr

auch Geschäfte mit Sklaven machen?

»Eher mit Seltenheiten des Landes. Doch winkte ein ansehnlicher Gewinn,

warum nicht?«

Wie wäre es, wenn ich euch einen Vorschlag machte? Kaufet mich von

meinem Sklavenhändler. Bringt mich nach Cairo, und ich verspreche euch

Tausend Piaster über das Kaufgeld.

»Auf meiner Rückreise begriffen, würde ich vielleicht einschlagen, wenn

Sicherheit wegen der Summe nachgewiesen werden könnte.«

Unfehlbar, rief Flore, und stand schon im Begriff, ihm zu sagen, sie

trage weit mehr bei sich, doch die Physiognomie des Mannes war nicht

geeignet, Vertrauen einzuflößen, sie hörte daher erst, was er weiter

sagen wollte.

Er fuhr fort: Jetzt kann ich mich aber nicht damit einlassen, und mögten

auch Zehntausend Piaster die Prämie sein. Ich muß vorwärts, die Zeit ist

kostbar.

Flore überlegte, daß sie ihn ja wohl auf seiner Reise begleiten könnte.

Wie lange sie auch währte, so bestände doch eher Hoffnung, einst wieder

nach Egypten zu kommen, als wenn sie erst in einem Harem eingekerkert

wäre. Sie sprach auch davon, fand aber kein geneigt Ohr.

Auf einer anderen Reise, wurde ihr erwiedert, dürfte mir eine solche

Gesellschaft ganz angenehm sein, (hier maaß sein Blick Floren vom

Scheitel niederwärts) allein jetzt muß ich, außer meinem Diener dort,

dem Araber, allein gehn. Habe ich aber meine Geliebte erst entdeckt, und

führe sie zurück, dann ist eher daran zu denken. Sucht mich in dem Fall

auf.

Dies war eine Aussicht ins Weite. Flore unzufrieden mit dem Fremden,

sagte etwas spöttisch: Eure Geliebte muß die Anhänglichkeit rühmen. In

einem Alter, das der Weisheit nur geheiligt sein sollte, unternehmet

ihr, was sonst der romantische Frühling nur wagt.

»Ob ich achtzehn Jahre, oder funfzig zähle, das Mädchen ist mein, denn

ich kaufte sie in Cairo auf dem Markte, und habe ich sie nur erst

wiedergefunden, werde ich mir durch Strenge Liebe zu verschaffen wissen.

Sicher steckt sie in einem der Harems. Ich besuche alle Höfe der

afrikanischen Könige, da wird sie ja wohl auszumitteln sein. Und dann

darf ich meiner Verschlagenheit zutrauen, daß sie das Unmögliche

geglaubte möglich macht.«

Flore wurde aufmerksamer während dieser Rede. Schnell fiel sie ein: Sagt

mir aus welchem Lande in Europa ihr seid?

»Italien ist meine Heimath.«

Italien, Italien? Und eure Geliebte, ist sie nicht -- eine Spanierin?

Eine Spanierin, versetzte der Andere mit staunendem Blick.

Wollt ihr wetten, ich nenne euren Namen?

»Das wäre drollig genug.«

Signor Perotti.

»Ists möglich? Ich entsinne mich doch nicht, euch jemals gesehn zu

haben.«

O ich sah euch auch nie.

»Sicher kennt ihr Isabellen, wißt ihren Aufenthalt. Entdeckt mir alles,

ich beschwöre euch. und zählt auf Erkenntlichkeit.«

So wenig als euch, sah ich Isabellen, nur eure Geschichte kam mir zu

Ohren. Sagt mir doch, ob ihr nie erfuhrt, wer euch in dem Keller ergriff

und binden ließ, da ihr Isabellen aus des Consuls Hause so listig

gebracht hattet.

»Mich ergriff? Mich binden ließ? ha ha ha!«

Und dann Isabellen wegführte.

»Isabellen wegführte? ha ha ha! Das that ich selbst.«

Wie, ihr?

»Oder mein Diener. Es war beschlossen, Isabellen nicht wieder zum Vater

zu lassen, weil der Franzose mir doch alles verdarb. Sie sollte gleich

von Cairo hinweg. Um aber wenigstens vierundzwanzig Stunden voraus zu

haben, und außer der Stadt nicht mehr verfolgt zu sein, ließ ich mich

binden, und in den Keller legen. Man glaubte das Mährchen, war

überzeugt, Isabelle stekke in Cairo, und forschte dort, so viel es

möglich war nach. Unterdessen war mein Diener schon mit dem Mädchen nach

Damiette unterwegs, und alle Anstalten waren so getroffen, daß nichts

verrathen werden konnte. Ich wurde auf einem Landhause zwei Meilen von

jenem Orte erwartet, kam bald da an, und setzte meinen Weg fort.«

Ich bin auch nicht ohne Intrigue, merkte Flore an, doch wahrlich diese

List hätte ich nicht geargwohnt.

Was half sie mir bei dem allen, sprach Perotti seufzend, List muß der

Gewalt weichen. Nur noch eine Meile von Damiette entfernt, fiel ein

Trupp Beduinen uns an, raubte die Spanierin, prügelte mich tüchtig

durch, und schwand wieder aus dem Gesichte. Seltsam war es, daß mir

sonst nichts entwandt wurde. Nun verstrichen schon einige Jahre, während

welchen ich mich kein Suchen verdrießen ließ, ich machte sogar eine

Reise nach Mecca, weil es möglich war, daß die Beduinen Isabellen nach

Arabien geschleppt hatten, umsonst. Erst seit kurzem weiß ich nun, daß

sie diesen Weg genommen hat, und destoweniger gebe ich mein Vorhaben

auf.

»Man nahm euch sonst nichts, sagt ihr, das klingt, als ob Coutances bei

den Beduinen im Spiel gewesen wäre.«

Das kann nicht sein, denn ich sahe ihn noch ein Jahr darauf in Cairo,

von Gram gebeugt mit Isabellens Vater gehn.

Flore war ausnehmend verwundert über alles was sie gehört hatte, und im

weiteren Nachdenken über die Geschichte Isabellens verlor sie einen

Theil ihrer Leiden aus dem Auge. Mögt ich doch diese Isabelle einmal

sehn, das war nur ein erneueter, schon früher empfundener Wunsch.

Perotti ging nun zurück, zu seinen Kameelen, versprach öfter bei Floren

zu sein, und empfahl ihr, dem Sklavenhändler von ihm zu sagen: er sei

ein Arzt aus Constantinopel, vom Großherrn einem kranken Sultan in

Afrika zugeschickt.

Zehntes Kapitel.

Fortsetzung.

Musa fragte Floren gleich, wer der Kaffer[4] sei, (denn wie im Orient

jeder Europäer ein Frank heißt, nennt man wieder unter den Negern jeden

Weissen Kaffer.) und sie antwortete, wie Perotti es gewünscht hatte.

Flore fragte den Neger Musa: Wie, wenn Jemand mich zu kaufen begehrte,

und dir den Preis, den du für mich zahltest, verdoppelte, würdest du

losschlagen? Er besann sich einen Augenblick, und erwiederte dann: Nein,

ich hoffe, du sollst einem der Sultane besonders gefallen, da kann ich

nicht nur eine größere Summe hoffen, sondern mir werden auch wohl noch

wichtige Freiheiten bewilligt.

[Fußnote 4: Die Unrichtigkeit, mit welcher der Name Europäer auch

unterscheidend gebraucht wird, wenn die Rede von der europäischen Türkei

ist, scheint ernst darauf hinzuwinken, daß die Türken nicht nach Europa

gehören. Die Christen, welche es schon seit 1453 ansehen müssen, daß das

reizend gelegene Constantinopel ihre Hauptstadt ist, könnten die Theorie

des Herrn von Bülow wohl gegen sie prüfen. Die Türken müssen gegen das

Abendland alle Kriege exzentrisch führen, und werden, wie daraus folgt,

conzentrisch angegriffen. Sie haben (immer die Sprache der Bülowschen

Lehre zu reden) die erbärmlichste Basis, und ihren Feinden stehn überall

basirende Gegenstände zu Gebot. Nach der Theorie müssen die Türken

fallen. Nach einer Erfahrung von Vierhundert Jahren fallen sie aber

nicht.]

»Und welche etwa?«

In Darfur muß ich von zehn Sklaven, die ich durchführe, zwei als Abgabe

an den Regenten erlegen, in Darkulla drei; so ich einem der Sultane

durch dich eine Freude mache, erläßt er mir wohl den Zoll.

»Aber sage mir nur, warum ließ der Sultan von Darkulla die weissen

Weiber morden, wie du vorhin erzähltest?«

Er hatte Krieg mit einem Fürsten in Habesch, der ein Nazaräer ist. Seine

Krieger wurden geschlagen, und der Feind nahte der Hauptstadt. Damit nun

ein ungläubiger Hund sich nicht seiner Weiber erfreuen sollte, ließ er

sie sterben. Kurz darauf aber wurden die von Habesch zurückgedrängt, und

dem Sultan reute, was er gethan.

»O weh, giebt es in dem Lande oft Krieg?«

Immer. Mit einem Nachbar hört er auf, mit dem andern fängt er an.

»Verkaufe mich wohin du willst; nur nicht nach Darkulla.«

Das wird sich finden.

Signor Perotti ließ nun seine Kameele dicht hinter Musas Zuge folgen,

und ging oft neben dem Dromedare her, worauf Flore saß. Da gabs nun

Unterredung genug über das herrliche Vaterland Europa.

Perotti forderte die Französin auf, überall wo sie hinkäme, nach

Isabellen zu forschen. Sollte sie etwas von ihr in Erfahrung bringen, so

mögte sie nach einer von den Städten, wohin Caravanen gehen, Nachricht

davon geben, er werde sodann durch Kaufleute es schon wieder erfahren.

Flore sagte: Heucheln kann ich nicht. Gesetzt ich träfe Isabellen, und

ich, eine eingekerkerte Sklavin vermögte etwas, so sollte Coutances sie

zurück erhalten, aber nicht ihr.

Perotti rollte die Augen. Warum nicht ich?

Flore sagte: Weil Coutances einmal Franzos ist, und ihr ein Italiener.

Zweitens, weil er nach allem was ich erfuhr, ein liebenswürdiger junger

Mann sein soll, ich aber in euch einen närrischen alten Pantalon sehe.

Perotti schäumte vor Zorn, ballte die rechte Faust, murmelte ein paar

italienische Flüche, und schwur, den Schimpf wolle er rächen. Doch that

er gleich darauf wieder freundlich, und unsre Heldin meinte, er würde

ihre Offenheit wieder vergessen haben. Das thut aber ein Italiener so

leicht nicht.

Man kam nun dem Königreiche Darfur näher, und Florens Furcht ward

größer. Sie beschwur den Italiener aufs Neue sie loszukaufen. In

Mannskleidern, setzte sie hinzu, werde ich euch begleiten, vielleicht

auch in euren Absichten nützlich seyn, und was ich verhieß, soll euch in

Cairo werden. Sie bot mehr wie vorher, aber konnte ihn nicht erweichen.

Endlich, da man an der Gränze des Landes war, vertraute sie sich ihm in

der Angst näher. Ich will euch selbst das Geld zu meiner Loskaufung

geben, sagte sie.

»Wie, ihr besitzet Geld?«

In den Kleidungsstücken verborgen, Geld und Edelsteine, aber verrathet

mich nicht.

Um des Himmels Willen, versetzte Perotti, steckt mir alles zu, was ihr

habt. Denn auf dem Markte müßt ihr alle eure Habseligkeiten in des

Kaufmanns Händen zurücklassen, wenn ihr verkauft werdet. Nackt übergiebt

man euch dem Käufer. So ist die Sitte. Dankt dem Glücke, das mich hieher

führte, ich kann das Eure retten und aufbewahren.

Flore würde in Europa dem Signor Perotti vielleicht nicht gern einen

Dukaten anvertraut haben, aber hier war es ein anderes. Bei dem

Sklavenhändler ging ihr Habe gewiß verloren. Daß sie sie noch besaß, war

blos der Vermuthung Musas zuzuschreiben, jene Mammelukken würden sie

durchsucht, und geplündert haben. Gab sie dagegen die Kostbarkeiten und

das Geld dem Italiener, so konnte er doch nur in einem Anfalle der

schwärzesten Bosheit etwas davon veruntreuen, und die glaubt man in der

Fremde um so weniger von einem Landsmanne, als man sich selbst wärmer zu

ihm hingezogen fühlt.

In einem Augenblicke also, wo Musa schlief, und die Kameeltreiber ihr

Mahl zurichteten, übergab Flore dem Italiener ihr Vermögen. Gern, sagte

er, stellte ich darüber eine Handschrift aus, aber ich habe keine

Schreiberfordernisse zur Hand. Hier ist ein Taschenbuch und ein

Bleistift. Um Leben und Todes Willen --

Perotti bescheinigte den Empfang und Flore fragte nun: wann denkt ihr um

mich zu feilschen? Perotti erwiederte: Wenn wir in die Residenz des

Sultans von Darfur kommen. Dort findet der Handel Schutz. Wer steht

dafür, wenn ich euch unterwegs kaufte, daß nicht ein anderer Neger euch

wieder gewaltsam entriß. Welche Hülfe könnten wir anflehen?

Flore fand die Bedenklichkeit gegründet, forderte aber, Perotti sollte

sich ja beim Eintritt in die Stadt einfinden, auf dem Markte könne sonst

der Sultan den Vorkauf haben.

Dem Sklavenhändler sagte sie: Der Arzt aus Constantinopel würde sie

vielleicht kaufen, denn er kenne ihre Verwandten in Europa, und wisse,

sein Geld werde nicht verloren sein. Sie bat, doch diesem Vorhaben nicht

zu widerstreben, und setzte hinzu: der Arzt brächte treffliche

Empfehlungen an den Sultan mit, und so könnte er ihm vielleicht auch

dort nützlich seyn.

Musa erwiederte: Giebt man mir den dreifachen Kaufpreis, und zahlt die

Lebensmittel, womit ich dich auf der Reise ernährte, so gehe ich alles

ein. Schon wieder zogen bei Floren, am Horizont der Wünsche und

Hoffnungen, die lieblichsten Gebilde herauf.

Die Caravane erreichte das Land Darfur. Ein Melek (Offizier des

Monarchen), der die Gränze zu bewachen hatte, untersuchte die Caravane,

und erhob den Zoll der Dschelabs. Flore galt, wie sich von selbst

versteht, eine Waare.

Signor Perotti wurde nach dem Zweck seiner Reise befragt. Er führte als

Mahomedaner den Namen _Mehemed_, und nannte sich Eswan el Sultan[5], ein

Titel, unter welchem Sonnini und Brown auch reiseten und von dem man

gestehen muß, daß selbst im Herzogthume *** in Deutschland kein

ähnlicher besteht. Seine Pässe wurden richtig befunden, und die Reise

ging weiter.

[Fußnote 5: Fremder des Sultans.]

Elftes Kapitel.

Flore in Darfur.

Das Land war mit Gesträuchen und Früchten bedeckt, die unsrer Heldin

noch weit fremder waren, wie jene in Egypten. Rechts sah man eine große

Ebne, aber die Dörfer und Städtchen wurden blos durch die um sie

gepflanzten Bäume bezeichnet, die die niedrigen Häuser versteckten. Von

höheren hervorragenden Gebäuden, wie in der Christenheit die

Kirchthürme, in der kultivirten Türkei (es giebt auch eine unkultivirte)

die Moscheen mit Domen und Minarets, die einer Landschaft den Charakter

des Lebens und der Kunst geben, war die Rede nicht. Dagegen gab es

Gegenstände anderer Art, die wahrlich auch imponirten. Denn links hin

dehnte sich ein Gebürgsrücken, aus dessen Gebüschen wiederholentlich das

majestätische Brüllen der Löwen ertönte, nicht selten ließ sich auch

wohl ein bunter Panther oder gesprenkelter Leopard sehen, der mit

weniger Furcht nach Beute umherschaute, denn so furchtsam wie in Europa,

sind die Thiere dort noch nicht durch Menschengrausamkeit gemacht

worden. Wir nennen es Weisheit, die schädlichen Bestien auszurotten, und

wirklich sind die Bären und Wölfe schon mit vielem Glücke aus Gegenden

vertrieben, wo sie zu den Zeiten des Tacitus noch fröhlich hausten, aber

in Vertilgung moralischer Schädlichkeiten, gegen die Bär und Wolf Lämmer

wären, treten wir mit sehr unvollkommener Weisheit auf. -- Noch

sehnswürdiger erschienen im Lande Darfur die Elephantenheerden, welche

auf den Ebenen umherschwärmten. Diese Giganten unter den Thieren laufen

dort in Rudeln von mehreren Hunderten zusammen, und die Einwohner fangen

sie entweder lebendig in Fallgruben, oder tödten sie mit der Wurflanze.

Auf ihren Gebrauch im Kriege fiel man aber noch nicht, und sie werden

überhaupt nicht zur Dienstbarkeit bei dem Menschengeschlechte

angehalten, wie in Indien.

Die Städte fand unsre Pariserin elend, nach heimathlichem Maasstabe,

denn die Baukunst beschränkte sich auf Lehmwände und platte Dächer, mit

Kameeldünger überworfen, doch nach den Bedürfnissen des Klimas leisteten

diese Häuser was man fordern konnte. Mit den darum gepflanzten Bäumen

viel Schutz gegen die Sonne, und gegen die Kälte wenig, da überall

absichtlich Zuglöcher zur Erfrischung gelassen worden. Bei dem allen gab

es in denselben eine Art Fabriken, die wohl in Europa zu wünschen wären,

die eine Art lederner Säcke für Mehl und Wasser verfertigten, welche

beides vollkommen dicht bewahrten. Letztere sind auf den Reisen durch

die Wüsten unentbehrlich. Verstände man bei uns diese Bereitung des

Leders, so wäre es rathsam, den Soldaten statt der Feldflaschen aus

Blech, solche kleine lederne Schläuche zu geben.

Eine Hauptstadt hat das Reich Darfur nicht. Der Sultan hält bald hier

bald da Hof, wie Carl der Große es zu thun pflegte. An mehreren Orten

stehen aber Palläste, die ihn mit seinem Gefolge erwarten. Mit

Versailles oder Caserta werden sie aber nicht wetteifern wollen.

Gegenwärtig wohnte der Sultan _Abdelrachmann_ zu Ril. Es war der

Lieblingsaufenthalt seines Vorgängers _Teraub_ gewesen, doch

Abdelrachmann, ein Usurpator, fürchtete dort für sein Leben, und brachte

mehrere Zeit in anderen Orten zu. Endlich hatte ihn aber der bequeme

Wohnsitz, von _Teraub_ erbaut, wieder für ein Jahr nach Ril gelockt.

Musa kannte den Melek der Dschelabs, d. i. das Oberhaupt der Kaufleute,

und trat in dessen Wohnung ab.

Perotti wohnte bei einem Copten, der ihm Gastfreiheit angeboten hatte,

denn von einem ^Hôtel garni^ weiß man dort noch nichts. Er ließ sich

gleich bei des Sultans Hofbedienten anmelden, und gelangte zur Audienz.

Abdelrachmann war froh, einen Arzt aus Constantinopel bei sich zu sehn,

und erklärte die seinigen für Unwissende. Perotti hatte es gleich

gescheuter angefangen, wie andere Reisende vor ihm, die zur Unzeit Stolz

zeigten, ein Fehler, durch welchen auch Lord Macartney die

Angelegenheiten der Engländer in China bekanntlich schlecht förderte.

Nicht so der geschmeidige Italiener. Wie sich des Oberhaupts

Unterthanen, auch zitternd, gekrümmt, und den Staub küssend, auf den

Boden warfen, sein Gruß ließ jene noch um ein weites zurück, und ein

Liebhaber neuer Worte, hätte dies Heranwinden auf Händen und Füssen

_Hündigkeit_ nennen können. Natürlich fanden die Höflinge dies das

Muster feiner Lebensart, und Abdelrachmanns Gnade war auf der Stelle

gewonnen. Noch höher stieg Perotti in seiner Gunst, da er sicher

zusagte, ihn von seinem Uebel zu befreien, dafern der gewaltige

unüberwindliche Sohn des Propheten, es nur entdecken wollte. Ein

dornichtes Unternehmen, da afrikanische Fürsten, einen Heilkünstler der

nicht heilt, von allen Schmerzen der Erde heilen, weshalb sogar der

Scharfrichter schon dabei stehn muß, wenn die Majestät den verordneten

Trank nimmt.

Abdelrachmann, ein Siebzigjähriger etwa, entdeckte dem Italiener, wie er

Zweihundert Weiber besäße, aber sie alle überflüssig fände, was ganz

gegen seinen Willen sei. Perotti sagte: Um zu untersuchen, ob vielleicht

Zauberei an den Sultaninnen hafte, müsse er bitten, sie sämmtlich sehn

zu dürfen. Er wollte ohne Zweifel spähen, ob vielleicht Isabelle in

diesem Harem verborgen sey. Der Monarch willigte ein, und sechs Eunuchen

mußten den vermeintlichen Arzt begleiten. Er kam zurück, und erklärte,

aller Zauber sei getilgt. Nun reichte er aber dem gekrönten Alten eine

überaus hitzige Arzenei, von lauter Dingen zusammengemischt, die Feuer

im Blute entzündeten. Der Leidende spürte davon große Wirkungen, und war

herzlich froh. Perotti hingegen, der vorher sich schon mit neuen Pässen

versehen hatte, eilte sogleich davon.

Flore wartete unterdessen vergebens auf den Loskauf, und gerieth außer

sich vor Zorn und Bestürzung, da sie von Perottis Abreise hörte. Ihr

schien es nunmehro ausgemacht, daß das Schicksal überall Unfälle für sie

bestimmt habe.

Bald meldete das Gerücht in der Stadt: der Sultan habe einen Heiltrank

empfangen, der sich ihm zwar anfänglich vollkommen hülfreich erwiesen

hätte, doch unmittelbar darauf sei er in einen Zustand von

Kraftlosigkeit gesunken, der für sein Leben fürchten ließ. Musa

schüttelte den Kopf bei dieser Nachricht, und schöpfte wenig Hoffnung,

hier loszuschlagen. Indessen putzte er Floren niedlich heraus, das heißt

ziemlich in dem Geschmack, wie Eva mag gegangen sein, da sie eben den

paradiesischen Garten verlassen hatte. Bei einer öffentlichen Audienz,

wo Verkäufer auch Zutritt hatten, führte er nun Floren nach dem Pallast.

Dieser war in mehrere Höfe abgetheilt. Im ersten standen die gesattelten

Pferde des Sultans und seiner Begleitung, denn nach der Audienz wollte

er ausreiten. Im zweiten wurde man einen Theil der Leibwache gewahr. Die

Uniform war Nacktheit, bis auf eine rothe Schürze, und eine Pikkelhaube.

Die Kerle waren bei gutem Humor, soffen viel von dem Hanfabsud, der hier

verkauft wird, und gewaltig rauscht, und spielten mit einigen Löwen, die

zum Vergnügen des Sultans gezähmt worden waren. Im dritten Hof befanden

sich die Minister im Gallaanzug, der in einem wollnen Hemd bestand. Mit

gesenktem Haupte weilten sie um den Sitz des Monarchen, während dieser

Klagen schlichtete. Er selbst trug, ein bewundertes Zeichen der Größe,

Hosen, sonst war er den anderen Männern in allem gleich ausgerüstet.

Während er geschäftig war, rief der Hofredner (eine Charge, deren es in

Europa nicht bedarf, da wir Poeten und Historiographen besitzen) mit

lauter Stimme: _Seht den Büffel, den Sohn eines Büffels, den Stier der

Stiere, den Elephanten von gewaltiger Stärke, den mächtigen Sultan

Abdelrachmannelraschid! Gott verleihe dir langes Leben! O Herr! Gott

stehe dir bei, und mache dich siegreich!_[6] Es störte die

Bescheidenheit des schwarzen Königs gar nicht, diesen Hymnus immer

wiederholen zu hören, und er machte während der Zeit seine

Regierungsgeschäfte ab, die hauptsächlich darin bestanden, die Geschenke

seiner Unterthanen und der Fremden im Empfang zu nehmen; denn niemand

durfte seinem Throne mit leeren Händen nahn, und diese direkten

Einkünfte verdienen doch vor den gepriesenen indirekten, darum den

Vorzug, weil sie keine Erhebungskosten schmälern.

[Fußnote 6: S. Browne's Reisen in Afrika, Aegypten und Syrien, in den

Jahren 1792 bis 1798. Aus dem Englischen. Leipzig und Gera bei Heinsius

1800.]

Nachdem Musa an die Reihe kam, vorgelassen zu werden, rutschte er nach

Gebühr auf den Knien gegen den Regenten, übergab einem Melek sein

Geschenk, und hörte dafür die gnädigen Worte _Barak ulla fi_! (Gott

segne ihn.) Hierauf senkte er das Antlitz tief in den Staub, und nachdem

es reichlich damit bedeckt, wieder emporgehoben war, berichtete er: wie

eine Cafferin, glänzend wie die Sonne, lieblich wie der Mond, und

freundlich wie die Sterne, durch ihn nach Ril gebracht worden sey, um

dem unüberwindlichen, weisen, tugendhaften, tapferen Büffel, dem Sohn

eines Büffels, dem Stier der Stiere, dem Elephanten von gewaltiger

Stärke, dem mächtigen Sultan Abdelrachmannelraschid zum Kauf ausgestellt

zu werden. Der Sultan rümpfte die kohlenfarbene Nase, strich mit der

Hand über die dem Ebenholz gleichende Stirn, und kämmte den dicken

rothgebeizten Bart mit den Fingern durch. Gähnend fragte er: wo die

Sklavin sey? Auf den Wink Musas wurde Flore, die ein langer Schleier

bedeckte, vorgeführt, auf einen andern sank dieser Schleier, und Sultan

Abdelrachmann prüfte die enthüllten Reize mit Kennermiene. Doch einem

Kritiker gleich, der sich überlas, dem Gefühl und Einbildungsflug nicht

mehr erregt werden können, und der daher überall nur zu tadeln weiß,

breitete er sich über die Schönheiten der Cafferin aus. Nichts war ihm

recht. Das Auge nicht munter genug, die Nase zu klein, die Lippen zu

dünn, der Busen zu voll und so weiter. Flore schon außer sich, vor einer

Versammlung von mehr als Tausend Menschen dastehn zu müssen, wie

Sklavinnen in Afrika dastehn, ärgerte sich um so mehr bei einer Kritik,

die im eigentlichen Verstande voll Persönlichkeiten war. Herr Sultan,

sagte sie keck, die Schönheit ist in eurem innern Auge nicht mehr zu

finden. Daran gebrach es euch! Getroffen drehte sich der König um, und

sagte: die Freche würde alle Weiber meines Harems verderben. Hinweg mit

ihr!

Der Schleier sank wieder über Floren, und Musa kehrte mit ihr zurück

nach seiner Wohnung.

Wo geht es nun hin? fragte sie.

Nach Darkulla, war die Antwort.

»O weh, wo der grausame Fürst hauset.«

Er ist der zärtlichste unter allen schwarzen Königen, nirgends führen

die Weiber ein so köstliches Leben, die liebste unter ihnen theilt seine

Macht. Juble wenn er dich kauft, ich werde mich dann freuen, daß hier

nichts aus dem Handel wurde.

Nun immerhin, rief Flore, ich bin ein Ball des Schicksals, seitdem der

ruchlose Mehemed mich um mein Vermögen betrog, ist mir alles gleich.

Um dein Vermögen?

Wisse ich hatte Edelsteine im Turban, und, Goldmünzen im Gürtel. Ich

wurde nicht durchsucht, und vertraute ihm alles, mich loszukaufen.

Musa wüthete. Das hätte mir gehört!

Flore sprach: Wer kann mir verargen, wenn ich mein Eigenthum nicht

entdeckte.

Musa versetzte wieder: Hättest du mir die Hälfte gegeben, wärst du frei

gewesen, und sicher nach Cairo geleitet.

O weh, ich Unglückliche! Nein laß mich nicht glauben, daß du so

großmüthig gewesen wärest, ich müßte ganz und gar verzweifeln, und das

will ich nun einmal nicht, vielmehr künftig jedes Unglück mit Lachen

ansehn.

»Ich will ihm nach, ihm den Raub wieder abzunehmen.«

Wahrlich ich gönnte dir ihn lieber. Und willst du mich dann freigeben?

»Nun nicht, du mußt nach Darkulla, zur Strafe. Ich muß auch zuvor

entschädigt sein. -- Wer weiß wann ich Mehemed finde.«

Das gelingt dir wohl nie. Er ist gewandt wie eine Schlange, voll List

und Tükke. Er hat auch den Sultan von Darfur betrogen, und sich aus dem

Staube gemacht. Brachten seine Späher ihn nicht zurück, was werden die

deinigen ausrichten?

»Der Sultan von Darfur kennt nur sein Land, meine Knechte Hundert

Länder.«

O ich mögte ihn gern durch dich gestraft sehn, denn wakker hast du mich

gehalten Sklavenhändler. Noch Eins. Er sucht ein europäisches Mädchen,

Isabelle genannt. Hörst du je von dieser, so laß sie vor den Mehemed

warnen, und thue ihr kund, Mehemed heisse auch Perotti.

»Wohl, so sende ich einige Getreuen aus, und eile dann mit dir nach

Darkulla.«

Zwölftes Kapitel.

Das Glück beginnt zu lächeln.

Man muß nicht glauben, daß eines Frauenzimmers Ehre bei Sklavenhändlern

Gefahr laufe. Einmal ist jeder Kaufmann befleißigt, seine Waare in dem

möglichst vorzüglichen Zustande zu erhalten, dann reitzen Lekkereien

auch den Appetit eines Conditors am wenigsten, weil dieser sie immer vor

Augen hat.

Musa brach am folgenden Morgen mit Floren auf, und konnte gar nicht

aufhören, den Arzt von Constantinopel zu schmähen. Doch tröstete er

sich, daß die Schwarzen, welche er auf verschiedenen Wegen ihm

nachgeschickt habe, nicht ruhen würden, bis er gefunden sei.

Der Weg ging durch rauhe Gebirge an der Gränze von Darfur. Dann mußte

man, wie gewöhnlich, öde Wüsten durchziehn. Endlich aber zeigte sich

wieder eine der lustigsten Landschaften. Bald ein Gefild voll von süßen

saftigen Melonen, erquikkend in der glühenden Luft, bald ein Wäldchen

voll Feigenbäume, auf deren Zweigen buntgefiederte Papagoyen von

possierlichen Affen geneckt wurden. Gewürzstauden, deren Duft dem

Wandrer zuathmete, ehe er sie noch sah. Eine der Bananas ähnliche

Frucht, die wild wuchs, eine besonders edle Aprikosengattung, und was

sonst dem reichen Füllhorn der südlichen Ceres entströmte. Aber auch

unerträgliche Insekten, garstige und tükkische Paviane, Tyger in Heerden

und giftige Ungeheuer aus dem Schlangengeschlecht. Die Natur bleibt

einmal bei ihrer Regel, das Gute und Böse zu gleichen Theilen zu

mischen, und an den Ausnahmen entdeckt die genauere Betrachtung das

Scheinbare immer mehr.

Auf der Gränze von Darkulla schrie die Wache vor Freude laut auf, da sie

hörte, eine weisse Cafferin sollte dem Sultan Kuku gebracht werden.

Flore erfuhr, Sultan Kuku sey seit der Zeit, wo seine weissen Weiber

ermordet wurden, trostlos vor Schmerz gewesen, und habe seine gewohnten

Vergnügungen, z. B. des Morgens ein zehn oder zwanzig Sklaven zu

enthaupten, oder mit dem Pfeilbogen nach ihren Augen zu schießen, wo er

mit wundernswürdiger Geschicklichkeit getroffen hätte, zur größten

Bestürzung, aufgegeben. Das Volk hoffte nun täglich und stündlich auf

eine weisse Schönheit, daß des Königs Gemüth erheitert würde, und der

Hof seinen alten Glanz zurückerhielte.

Flore schauderte, dachte aber: vielleicht gelingt es mir, das zärtliche

Ungeheuer zum Menschen zu machen.

Von der Gränze wurden gleich Eilboten in die Residenz geschickt, den

Sklavenhändler Musa anzumelden. Sie ritten ihre Rosse todt, es Einer dem

Andern zuvorzuthun, und das Geschenk zu erhaschen, welches des Sultans

frohe Laune gewiß dem frühesten Zeitungsbringer reichen ließ.

Mit Befremdung heftete Flore ihren Blick auf den Gränzpaß. Eine hohe

Felsenkette dehnte sich so weit hin, wie das Auge reichte. Unzugangbare

Steile bezeichnete die Berge alle. Zwischen zweien der höchsten wand

sich ein Pfad hin, daß ein Kameel mit Mühe durchgehn konnte. Dieser

Pfad, wohl eine französische Meile lang, führte auch über verschiedene

jähe und tiefe Abgründe, die mit hölzernen Brücken überdeckt waren, und

jenseits der Brücken fand sich immer ein schanzenartiger Abschnitt, und

nebenan waren in die Felsen Höhlungen gearbeitet, aus welchen man Steine

von unerhörter Größe wälzen konnte.

Musa erklärte Floren, wie diese Felsenkette ein Land dicht umgäbe, von

etwa funfzig Meilen in die Länge und einer gleichen Breite. Nur der eine

Weg führe hinein, und sey so angethan, daß ihn Hundert Männer gegen

Hunderttausende vertheidigen könnten, und das, ohne die mindeste Gefahr

zu laufen. Denn man dürfe die Brücken über die jähen Abgründe nur

wegnehmen, und die, welche daran dächten, sie wieder zu erbauen, aus den

hohlen Felsen zerschmettern. Eben so könne man von der Höhe den ganzen

Weg mit Steinen bedecken, die alles unter sich begrüben. So habe einer

der verstorbenen Könige die Einrichtung getroffen, und mögten auch

selbst die Franken mit ihren vielen feuerspeienden Röhren kommen, hier

richteten sie dennoch nichts aus.

Du erzähltest mir aber, entgegnete Flore, daß der Sultan Kriege führe,

und neulich über einen Andrang der Feinde in Noth gerathen sey; konnte

er in dem felsenumschlossenen Lande denn nicht allen Gegnern trotzen?

Musa erwiederte: Sultan Kuku besitzt weit mehr Land, und seine

Hauptstadt lag weit mehr rechts gen Habesch zu. In dem Kriege ging ein

streifender Haufen nach dem Eingange der festen Provinz, und verschloß

sie ihm, sonst hätte er sich zurückgezogen, oder wenigstens Weiber und

Schätze hinter die Felsen geflüchtet.

Nach dem Kriege hat er aber hier eine Hauptstadt erbaut, um sicherer zu

seyn, und alles Land, was außer der Bergkette liegt, seinem Bruder

_Tata_ zur Regierung übergeben.

Man kam jetzt auf der inwendigen Seite zu der Bergkette hinaus. So viel

schöne Natur Flore auch bisher da und dort gesehen hatte, der Anblick

dieses Landes übertraf jede Vorstellung, und hätte die ächteste unter

den poetischen Poesien, die Farben dazu gerieben. Blumen, Früchte,

Thiere, alles von bezaubernder Form. Silberhelle Teiche mit Marmorfelsen

am Rande, von denen kleine Bäche niederrieselten; lieblich verschlungene

Bäche, die hundert kleine Blumeninseln bildeten, zu denen hinüber zu

rudern, man sich nur in eine von den Muschelschaalen zu setzen brauchte,

die silberweiß und von so ausnehmender Größe am Ufer lagen. Man hatte

keine andere Häuser, wie aus Laubwänden mit Blumen durchflochten. Nur in

der Regenzeit wurden die breiten Blätter eines dort wachsenden Baums

darübergedeckt, sonst waren sie der Kühle wegen offen. Des Königs

Pallast aber hatte nur Wände von eitel Blumen, die in außerordentlicher

Höhe wuchsen. Flore war bezaubert, wie man in die Hauptstadt zog, und

der Pallast ihr in die Augen fiel, und sie mit einem Meere von

Wohlgerüchen umfloß.

Alles Volk war auf die Gasse gestürzt, tanzte frohlockend, und betrank

sich in dem Thau, der hier von einer gewissen Gattung Rosen gesammelt,

und in christallenen Fässern aufbewahrt wird. Der Rausch dieses Thaues

bringt die allerlieblichsten Träume zuwege, jeder Greis wähnt wieder in

die Jünglingsjahre zurückgeflohn zu seyn, und der ersten Geliebten den

ersten Kuß auf die Lippe zu drücken.

Welch Land der Götter! rief Flore, und so teuflische Menschen! denn sie

sah schon auf dem Pallastvorhofe das Gräuelvergnügen Seiner schwarzen

Majestät, das zum Entzücken aller Treuen wieder angehoben hatte, seitdem

die Nachricht von Musa's Ankunft da war.

Wohl Hundert scheusliche vom Rumpf getrennte Negerköpfe lagen umher, und

bei jedem gelungenen Streiche, erfüllte der Höflinge Jubel die Luft.

Doch wurde alles eingestellt, wie Musa's Kameele angekommen waren. Flore

konnte nicht erst, wie es der Sklavenhändler wünschte, in ein Haus, sich

zu salben, sie mußte in den Kreis der Höflinge. In diesem Lande wurde

Kleidung durchaus verspottet, und es wäre die gröbste Beleidigung des

guten Anstandes gewesen, sich auch nur mit einem Feigenblatte vor dem

Sultan zu zeigen. Ländlich, sittlich! Flore mußte, sich bequemen, und

konnte nicht schnell genug die Toilette von Darkulla machen, indem

Sultan Kuku schon daherschritt.

Welch ein Empfang gegen den in Darfur. Die Freude spannte jede Muskel,

jede Fiber des Sultans Kuku. Der Jüngling (denn er zählte kaum zwanzig

Jahre) sprang mit fast wahnsinnigem Wonnetaumel umher. Eine Stirn wie

die Marmorfelsen am See des Pallastgartens! zwei Augen wie die Schlünde

der Feuerberge in Bornu! Die Wölbungen drüben wie Himmelsbogen in der

Regenzeit wenn sich die Gewölke verziehn! Ein Mund wie der Abendhimmel,

wenn der Feinde Städte in Feuer aufgehn. Ein Busen wie zwei Kreideberge,

die sich aus dem Silbersande der Wüste erheben, und was er nicht noch

für Vergleiche ersann. Nur meine Gigi war schöner aber die Treulose

wollte nicht sterben, ich vergesse sie. Gigi ist mir wiedergegeben.

Tausend Sklaven her. Kaufmann, zücke den Säbel, und haue ihnen die Köpfe

herunter. Ich will dich lohnen, wie kein Sultan in Afrika.

Ein wilder Freudenruf durchtönte die Lüfte. Lange lebe der Esel, der

Sohn eines Esels, der Tausend Esel zeugen wird, der schöne, weise und

mächtige Sultan Kuku! Denn wie in Darfur der Büffel für das Ideal der

Vollkommenheit galt, so widerfuhr diese Ehre hier dem Esel. Da auch der

Mahomedanismus noch nicht vollkommen eingedrungen war, und die alte

Religion, welche Thiere anzubeten gebot, noch zum Theil vorhanden war,

so gab es auch mehrere Tempel, wo der Esel angebetet wurde. Man mußte

aber auch gestehn, daß dies Thier in Darkulla von ganz anderem Kolorit,

und viel vollkommenerer Zeichnung war, wie in Europa. Meistens sah man

eine milchweisse Haut, und die feinsten Verhältnisse aller Formen. Die

Esel von Darkulla konnten ästhetische Esel heißen.

Kuku sprang wieder auf Floren los. Sultanin, rief er, wie mache ich

Darkulla meine Lust kund, daß du angekommen bist. Soll die Residenz zum

Freudenfeuer brennen? Gebiete, und Tausend Pechfackeln lodern. Sollen

meine Soldaten eine Lustschlacht liefern, wobei die Hälfte fällt, die

Hälfte verwundet wird? Befiehl, du bist neben mir Herrscherin!

Flore fand das glühende Feuer des jungen Sultans gar nicht verwerflich,

und sie hätte nur nicht an Ring denken dürfen, um auf der Stelle

verliebt zu seyn. Was half es denn aber auch, wenn sie an Ring dachte,

der Tausend Meilen von ihr entfernt war.

Sie mußte eine Antwort geben, auch blickte das ganze Volk auf sie, und

jedes Ohr horchte, um die Töne von den Lippen zu stehlen. Nach einem

kurzen Nachdenken hub sie also an:

Esel der Esel, Sohn eines Esels, Vater von Eseln, hoher Sultan Kuku! Ich

bin eine Geraubte, und habe mein Herz im Vaterlande verschenkt. Dennoch

fühle ich die große Ehre, die mir widerfahren soll, des ersten aller

Esel Gemahlin zu werden, wie sichs gebührt. Nur muß ich erst überlegen

dürfen, wie weit die neuen Umständen meine alte Pflicht aufheben. Aber

ich sage dir es zuvor, Sultan Kuku, soll ich dein seyn, geschieht es nur

unter zwei Bedingungen.

Nenne sie, nenne sie! rief Kuku.

Erstens mußt du die gräßliche Kurzweil einstellen, deine Sklaven zu

tödten.

Allgemeine Stille und mißmüthiges Gemurmel folgte. Der König senkte den

Blick zur Erde. Gern, sprach er, schöne Sultanin, will ich dein Begehren

erfüllen, dir fortan alle meine Freuden hinschlachten, da du doch die

Freude der Freuden bist, aber denke an mein armes, an dein armes Volk.

Es wird in Gram und Kummer versinken, wenn Niemand aus seiner Mitte mehr

den Ruhm hoffen darf, von dem Esel der Esel niedergesäbelt zu werden.

Hilf Himmel! rief Flore, so steht es hier um eure Aufklärung? Nun, wenn

ich bleibe, werde ich mich schon ins Mittel schlagen.

Musa warf sich auf das Antlitz nieder, küßte zärtlich den Staub, und

sagte mit furchtbebender Stimme: Esel, Eselssohn, Eselsvater, mächtiger

Sultan Kuku, wenn du es gestattest, nehme ich die Tausend Mann lebendig,

und verkaufe sie auf dem Markt in Fezzan.

Musa hatte nämlich für jene Weltgegend schon etwas geläuterte Begriffe.

Er verhielt sich gegen einen Darkullaner etwa, wie ein Bürger aus dem

schlesischen Städtchen Polkwitz, gegen einen Bürger aus dem

meklenburgischen Städtchen Teterow.

Der Sultan sprach: ich will es mit meinem Divan berathen. Es mögte darum

seyn, aber ich muß eine Empörung fürchten. Und was ist die andere

Bedingung? Nenne sie!

Flore schlug die Augen, (die sie ohnehin noch wenig erhoben hatte,) tief

nieder, bedeckte sie noch mit der Hand und sprach: Daß ich ein Kleid

tragen darf, daß auch in deinem ganzen Reiche geboten wird, einen

breiten Schurz um die Hüften zu tragen. Du bist schön, Sultan, dennoch

weiß ich es nur vom Hörensagen, denn nie werde ich mich überwinden,

dich, so wie du dastehst, anzublicken.

Die Bewegung im Volke nahm zu. Die bisher so frohen begeisterten

bewundernden Blicke, die auf Floren fielen, wurden düster und kühl. Der

Sultan rief: Hört ihr nicht Gigi wieder? So groß war meine Liebe zu ihr,

daß ich einwilligen wollte, mein ganzes Volk zu schänden, aber der

Aufruhr brach in hellen Flammen aus.

Ihr findet also in Zucht und Sitte, Schande? entgegnete Flore. Nun, ich

sehe wohl ein, daß Volksmeinungen ausrotten nicht das Werk eines

Augenblickes ist, aber du, der Herrscher, mußt im Huldigen der edlen

Gewohnheiten vorangehn, zähle nie auf die leiseste Gegenliebe, bis du

gekleidet vor mir erscheinst. Und auch da muß ich noch Mondenlang

Bedenkfrist nehmen. Denn ein Schmerz der Trennung wohnt in meiner Brust,

den zu überwältigen, die Zeit erst mit mir im Bunde treten muß.

Der galante Sultan ließ sich das gefallen, Flore wurde in den Pallast

begleitet, bekam dreihundert schwarze Frauen zur Aufwartung, dreihundert

Eunuchen zur Leibwache, und zwölf dienende Kammerherrn denen außer

gewissen Organen auch die Zungen fehlten. Letztere hat sie nachher oft

gerühmt, und sie immer den europäischen, welche sie kennen lernte,

vorgezogen.

Vierzehntes Kapitel.

Sultan Kuku zieht in den Krieg.

Vierzehn Tage währten die Hoffeierlichkeiten. Sie übertrafen an Glanz

alles, was man je in Darkulla erlebt hatte. Ganze Wälder von

wohlriechendem Holze wurden verduftet, Springbrunnen von Rosenthau

strömten für das Volk, und jeden Morgen wurden ihm Tausend Papageibraten

ausgetheilt. Demungeachtet war man schlecht zufrieden, denn die

Hauptergötzlichkeit mangelte. Die Wiener härmten sich nicht mehr, da die

Bühne der Thierhetze niederbrannte, wie Darkullas Bürger, als das Fest

des Sklavenköpfens eingestellt ward.

Flore ließ Musa zu sich rufen. Kaufmann, sprach sie, ich belohne dich

reich, wenn du mir einen Dienst erweisest. Jener kroch auf Händen und

Füssen näher. Gebietet, erhabene Sultanin, Gemahlin des Esels aller

Esel!

Schmeichelte Floren die Unterwürfigkeit des Mannes, dem sie vor kurzem,

eine Sklavin, hatte gehorchen müssen, so war ihr dagegen die Courtoisie

von Darkulla höchst zuwider, und sie beschloß nächstens ihren Einfluß

anzuwenden, daß der ganze Canzleistyl des Reiches verbessert werde.

Schweres Unternehmen, wie man denken kann. Wollte es sich doch vor

einigen Jahren, in Berlin nicht zu Stande bringen lassen, die

Briefhöflichkeiten abzukürzen, ob man gleich damals in Wien schon mit

der Sache aufs Reine war.

Musa, sprach Flore weiter, könntest du wohl eine Reise nach Misr

übernehmen? (Cairo wird meistens Misr genannt.)

Der Schwarze entgegnete: Soll ich dir da Sklaven verkaufen, so ist es

unmöglich, die Caffern, die von weither angekommen sind, verboten den

Handel damit. Doch lasse eine Treibjagd halten, ich bringe sie nach

_Murzuk_ oder Tripoli.

Keineswegs, Schwarzer, war Florens Antwort, du sollst dich allein dahin

begeben, und einen Mann ausfindig machen, dessen Name und Geschäft auf

diesem Papiere stehn. Hörst du, er sey umgekommen, oder auch, verstehe

mich recht, er sey verheirathet, oder habe eine Geliebte, so bringst du

mir davon Nachricht, ohne in den letzten Fällen mit ihm selbst zu reden.

Finden diese aber nicht statt, und er lebt, so sollst du suchen ihn nach

Darkulla zu bringen. Hier dieses Briefchen, ihm übergeben, wird ihn

bewegen, dir zu folgen.

Der Leser ahnet richtig. Sie meinte keinen andern wie Ring. Entweder

wollte sie in den Umständen Befugniß finden, ihrem dargebotenen Glücke

entgegen zu gehn, oder der Gatte sollte kommen, ihr zur Flucht zu

helfen, oder -- eine Ministerstelle einzunehmen.

Musa bedachte sich ein wenig. Leicht ist es nicht, sprach er, was du

gebietest, und eben geht keine Caravane nach Egypten, doch ich will

suchen was ich möglich mache. Reich mir die Papiere.

Er verließ Darkulla, nachdem Flore bewirkt hatte, daß ihm statt der

Tausend Sklaven Goldstaub gereicht wurde, denn sie wollte sich nicht mit

Freiheit bezahlt sehn. Musa sagte noch zuvor: er würde bei dem allem das

Vorhaben nicht aufgeben, Mehemed suchen zu lassen, dem er seinen Raub

nicht gönne. Flore billigte das vollkommen. --

Plötzlich aber steckten die Mitglieder des Divans die Köpfe zusammen,

die Kuku oft noch in der Nacht berufen ließ. Das Volk sammelte sich vor

dem Pallast in kleinen Haufen, und that geheimnißvoll und neugierig.

Flore wollte einen Kammerherrn fragen, was das bedeute, Stumme aber

geben keine Antwort. Die Weiber wußten selbst nichts, und hätten gern

von der Sultanin was erfahren. Der Oberst der Eunuchen murmelte das Wort

Krieg zwischen den Zähnen, und Flore erschrak.

Sie schickte die Unterkammerfrau zur Oberkammerfrau, diese mußte der

Unterhofmeisterin auftragen zu der Oberhofmeisterin zu gehn, und dieser

Namens der Sultanin zu befehlen: daß sie sich zum Unterpagen des Sultans

begäbe, welcher den Oberpagen anzuweisen hätte, den untern Kammerjunker

an den Obern zu schicken, bis endlich dem Sultan zu melden sey, die neue

Sultanin wünsche ihn zu sprechen. Denn Etiquette war an diesem Hofe,

wenn man schon keine Beinkleider trug!

Der Sultan verstieß diesmal gegen seine gewöhnliche Artigkeit, die

Staatsgeschäfte fesselten ihn zu dringend. Er ließ zurücksagen: wenn er

Dreihundert Marschdispositionen für Fußvolk und Reuterei unterschrieben

hätte, würde er gleich erscheinen.

Das währte Floren zu lange, sie ließ den Minister der auswärtigen

Affären rufen. Um des Himmels Willen, fragte sie, bekömmt der Sultan

Krieg? Er wird doch nicht aus dem Gebirgsbezirk ziehen. Innen hat ihm ja

keine Macht etwas an, wenn er den Paß vertheidigen läßt.

Dieser Minister war einer von ganz besonderm Schlage, er hatte viel

Verstand. Der Sultanin ward bedeutet, daß es wohl Fälle geben könne, wo

es nöthig sey, die Felsenmauer hinter sich zu lassen, wenn nämlich ein

Bruder draußen vorhanden sey, der Hülfe verlange.

Flore hätte nimmer geglaubt, daß sie um den Sultan Kuku besorgt werden

könnte, gleichwohl machte sie dem Staatsmanne viele Einwendungen,

behauptete, ein Feldherr, dem Bruder zur Hülfe gesandt, gnüge auch

schon.

Jener erwiederte: der Sultan sey es einmal gewohnt, seine Truppen selbst

anzuführen, und er liebte zudem seinen Bruder zu sehr, als daß irgend

etwas den ergriffenen Entschluß ändern könne.

Nun bat Flore, der Minister mögte doch durch Depeschen Friede machen. Er

erwiederte aber: in diesem Kriege wäre keine gütliche Verhandlung

möglich, die Feindin müsse vernichtet werden.

Die Feindin? fragte die neue Sultanin befremdet.

Ja, ein Frauenzimmer führt die Heere an, die des Sultans Bruder

bekämpfen.

»O so wird der Sultan desto eher siegen.«

Das folgt nicht. Die Heere der Weiber sind oft siegreich.

»Gott! erlitte er aber Unglück, würde er nicht wieder den grausamen

Befehl ertheilen, seine Weiber zu morden? Zwar, noch bin ich sein Weib

nicht, und eine andere außer mir ist nicht vorhanden, was ich auch

nimmer dulden werde.«

In dem felsenumfangenen Lande kann alles sicher seyn, was daheim bleibt.

Bald kam Kuku. Gemahlin der Esel aller Esel, sprach er, ich ziehe ins

Feld.

»Und ich beschwöre dich um Frieden.«

Hier gehöre ich der Ehre, und darf keine andre Stimme vernehmen. Doch

ich lasse dich zurück als Reichsverweserin. Herrsche in Kukus Namen.

Schon sind die Befehle nach allen Winkeln des Landes geschickt, dir, wie

mir selbst Gehorsam zu leisten.

Draußen lärmten schon die Trommeln, und eine ganz andere Art wie die in

Europa. Von Hirnschädeln erschlagener Feinde werden sie gefertigt, mit

der Haut vom Herzen überzogen. Ein Schlag auf eine solche Trommel klingt

nicht laut, aber er flößt eine so kriegerische Begeisterung ein, daß

jeder, der nur einen solchen Trommelschlag hörte, gewiß bei den

Kriegsliedern der Deutschen einschläft, so unvergleichlich sie auch

sind.

Vom König Erich von Dänemark erzählt die Legende: ein Tonkünstler von

seltnem Rufe sei an seinen Hof gekommen, und jener habe ein

kriegerisches Tonstück verlangt. Der Virtuos habe nun seinem Willen ein

Genüge geleistet, und zwar auf eine so kräftige und hinreissende Art,

daß Erich aufgesprungen sey, das Schwerdt eines Kriegers genommen, und

vier Mann der Leibwache damit erstochen habe. Auch sey eher an keine

Pause der kriegerischen Wuth zu denken gewesen, bis von Seiten des

Virtuosen eine Pause gemacht wäre.

Grade so flog Kuku hinaus, wie die Trommeln aus Todtenköpfen sich

vernehmen ließen. Mit einem Hieb lag der Feldherr, der nach ihm

befehligte, zu Boden, und hätte ihn Flore nicht in den Arm gefaßt, wer

weiß wie viele Offiziere in der Garnison hätten bluten müssen. Zu allem

Glück stand aber der General wieder auf, er hatte nur eine leichte

Verwundung bekommen.

Daß nach Ziskas Tode, die Haut desselben auch eine Trommel bekleidete,

und die Hussiten ganz tollkühn waren, sobald sie diese Trommel hörten,

ist eine Geschichtsthatsache, die den meisten der Leser dieses Buchs

bekannt seyn muß, und die nur für die angeführt wird, welche noch nichts

davon erfahren haben.

Nun mußten die Trommeln aufhören, und Sultan Kuku hielt eine Rede an

sein Volk. Man lese sie, und wird finden, daß viel romantischer Geist

der Chevallerie darin geathmet wurde.

Volk von Darkulla! Der Esel aller Esel zieht ins Feld, so gebieten es

Ehre und Rache. Ich erblicke bestürzte Mienen und thränenvolle Augen,

aber vergelte die Liebe. Meine schöne Cafferin bleibt zurück, während

des Kampfes hier das friedliche Ruder zu führen. Noch ist sie meine

Gemahlin nicht, noch konnte Kuku sich ihrer nicht würdig zeigen. Wenn

ich ihr aber Tausend Köpfe der Erschlagenen sandte, und Tausend

Gefangene, denen sie zur Lust Nase, Ohren, Hände und Beine abhacken

lassen kann, dann erkennt sie den mächtigen Helden, ich fliege zurück,

und die Festlichkeiten des Beilagers werden vollzogen. Ihr wißt schon um

meinen Willen, der Cafferin zu gehorchen, wie mir. Sie empfange einen

Namen in der Landesmundart, und heiße künftig Sultanin Nene.

Das Volk tanzte lustig umher, und rief der Sultanin Nene ein Lebehoch,

nach darkullanischem Geschmack, dann setzte Kuku sich an der Truppen

Spitze, und ließ den Generalmarsch schlagen. Wäre er in einer Carosse

von dannen gefahren, würden sich Hundert Schwarze eingespannt haben, ihn

bis an die Gränze zu ziehn, so duldete man aber nicht, daß er ein Roß

bestieg, sondern ein heißer Patriot bog sich unter ihm nieder, und

galloppirte mit dem Esel aller Esel davon.

Flore ging niedergeschlagen in den Blumenpallast zurück.

Ende des dritten Buchs.

Potpurri.

Ueber die Wohlfahrten in die Tiefe von Afrika,

und ein Vorschlag, sich durch eine unerhörte

Reise berühmt zu machen.

Viele gern nachsinnende Männer haben sich schon oft gewundert, daß

unsere Vorältern, statt in den entfernten beiden Indien Niederlassungen

anzulegen, nicht lieber das nahe Afrika kolonisirten. Es scheint aber,

der alte Respekt, den einst die Mauren einzuflößen wußten, sey noch in

zu frischem Andenken gewesen, und wem ist nicht bekannt, daß es nur an

einigen Umständen, an den, vielleicht zufälligen, Wendungen von ein Paar

Gefechten hing, sonst wäre ganz Europa mit Moscheen bedeckt worden.

Jubelt Wissenschaften und Künste, daß der Kelch vorüberging oder

vielmehr blieb.

Gleichwohl darf nur erst Gibraltar in gewissen Händen seyn, und wir

werden ganz andere Dinge erleben. Noch viel mehr unsre Kinder, denn

ihnen muß der große Gang der Weltereignisse doch auch einen Stoff zum

Erstaunen aufsparen. Nur einmal Hunderttausend Mann bei Zeuta ans Land

gesetzt, und man wird Caffee und Gewürze auf näheren Wegen beziehen. Das

Innere des ganzen Welttheils wird auch nicht lange mehr ein Geheimniß

bleiben. Die Auswanderungen nach einem neuen Carthago können so frequent

werden, wie einst die nach dem reichen Lande, das Columbus entdeckt

hatte. Bis dahin ist anzurathen, daß Einzelne sich der Züge nach den

Quellen des Nils und zu den Ufern des Niger enthalten. Sie dürften

ohnehin gefährlicher wie jemals seyn.

Da übrigens der Einzelne immer den Ruhm ärndten will, der Erste an einem

Punkt der Erde gewesen zu seyn, wohin noch kein Europäer drang, so mag

hier ein Vorschlag Platz finden, nach welchem der Ruhmlustige an einen

Ort gelangen kann, wohin noch kein Sterblicher den Fuß setzte. Wir

meinen eine Reise zum Nordpol.

Ob dort Reichthümer zu finden seyn mögten, kann man billig in Zweifel

ziehn, ob die Physik dort erhebliche Entdeckungen machen würde, steht

dahin, daß aber die Geographie sich einen neuen, dem Anfertiger von

Globen und Charten wichtigen Gewinn, zählte, läugnet doch wohl niemand.

Welch ein originell astronomischer Genuß daneben, auf dem Achsenpunkte

zu stehn, und die Himmelskörper eine vollkommene Runde um sich

beschreiben zu lassen. Endlich wird die Weltannale, die Schreibekunst

müßte denn verloren gehn, sicher nicht vergessen, immerfort den

Geschlechtern zu erzählen: ^N.N.^ war der Erste der den Pol besuchte,

und die Unsterblichkeit ist die Hauptsache.

Wer weiß ob diese Unsterblichkeit, gegen die sich der Neid gar nicht

erheben, oder die er nur mit Ohnmacht bekämpfen würde, nicht ziemlich

leicht zu erringen ist, dafern nur richtige Maasregeln getroffen werden.

Aber die furchtbaren Schollen des Eismeeres! fällt Jedermann ein, und

beruft sich auf die Seefahrer, welche bei aller Kühnheit des Willens

nicht über die Bollwerke vordringen konnten.

Wohl möglich, daß im Sommer an eine solche Unternehmung ganz und gar

nicht zu denken seyn wird, aber wohl möglich wieder, daß die Mitte des

Winters sich dazu eignet.

Man starre nicht schon in dem Gedanken an den Frost unter dem

neunzigsten Grade, ermäßige den Schauer vor der halbjährigen Nacht, und

höre erst weiter.

Entweder, von den letzten Wohnplätzen in Nordamerika aus, (oder in

Grönland, was damit zusammenhängen mag) geht ein Strich Landes bis zur

Erdachse, oder man trifft auf das Meer. Jenes wird im Anfang des Winters

mit hohem Schnee überdeckt, dessen Rinde späterhin der starke und

regelmäßig fortwährende Frost härtet, dieses friert durchaus, und trägt

auch eine Decke von Schnee, die jener ähnlich ist. Auf Land oder Meer zu

reisen, wird gleich seyn, außer wo Gebirge die Fläche unterbrechen,

deren es aber gegen den Pol zu, wahrscheinlich keine hohe, und mächtige

Hindernisse legende, giebt.

Mit Rennthieren ist die Reise über Land und Meer schnell zu machen.

Denken wir uns nun einen beherzten jungen Mann, dem Zeit und Vermögen

nicht fehlen, und der die kekke Unternehmung wagen mag, oder besser eine

Gesellschaft solcher Männer, so hätte die Theorie ihrer Reise ausfindig

zu machen:

Erstens: den dienlichen Schutz gegen die Einwirkung der Kälte.

Zweitens: den Nahrungsvorrath.

Drittens: die Vertheidigung wider reissende Thiere.

Viertens: Die Mittel, auch in fortwährender Dunkelheit, die wahre

Richtung nicht zu verlieren.

Was den ersten Punkt anlangt, so wäre nöthig, bei Zeiten nach Grönland

zu gehn, und sich vorerst so viel als möglich an heftige Kälte zu

gewöhnen. Der Grad davon, welchen der Mensch ertragen kann, wurde noch

nicht ausgemittelt; daß man aber in jugendlicher Gesundheit lange bei

einer Temperatur von 20 Grad unter 0 Reaumur ausdauert, und sich mehr

und mehr dazu gewöhnt, leidet keinen Zweifel. _Blagden_ hielt in einer

Hitze von 92 Grad Reaum. folglich 12 Grad über den Siedepunkt des

Wassers aus. Zwar nur sieben Minuten, aber fortgesetzte Proben würden

den Zeitraum verlängert haben, und sein Versuch beweiset nur, zu welchen

Ertragungen außer der Regel, unser Körper geeignet ist. Nach Verhältniß

müssen mit der Kälte eben solche Extreme zu erreichen sein. Und man

denke nur an die holländischen Matrosen, die auf Spitzbergen Schiffbruch

gelitten hatten, und dort mehrere Jahre, aller Bequemlichkeit

ermangelnd, zubrachten.

Es ist kein Grund vorhanden, daß man annehmen sollte, es würde in der

Nähe des Polpunktes, ein ganz und gar mit allem Leben unverträglicher

Kältegrad herrschen. Die nämliche Kälte, welche im äußersten Lappland

fühlbar ist, wird bisweilen auch in Petersburg empfunden, die von

Petersburg nimmt man auch in Berlin wahr, nur was höher gegen die

gemäßigte Zone hin, seltener wird, ist dort beständiger. Der Kältegrad,

welchen man auf hohen Bergen, selbst im Süden empfindet, ist dem im

Norden gleich, die Mönche auf dem großen St. Bernard leben acht Monate

im Jahr, wie im nördlichen Canada, oder im Samojedenland, und eine

strengere Temperatur wie auf den schweitzerischen Gletschern ist wohl

auch auf der Erdachse nicht vorauszusetzen.

In Grönland kleiden sich die Einwohner vom Haupte bis zum Fuß, in

Seehundsfelle, die vor allem Pelzwerk die Kälte abwehren sollen,

folglich vorzüglich schlechte Wärmeableiter sind. Wer aber dreißig bis

vierzig Tage (so lange kann die Reise dauern, wie wir weiterhin sehen

werden) in jener Region bleiben will, ohne unter dichtes Obdach zu

kommen, muß noch mehrere Pelze hinzufügen, und wäre anzurathen, sich

nach Fußsäkken und Wildschuren von weissen Bären umzusehn. Denn da die

Natur dieses Thier bestimmt hat, im höchsten Norden zu leben, so wird

seine Haut auch am vollkommensten den thierischen Wärmestoff eindichten.

Das Rennthier bleibt, wo es einheimisch ist, unter freiem Himmel, und

die Gewalt des Frostes kann ihm nichts anhaben, warum sollte es nicht

einen Schlitten bis zum Eispole ziehen können.

Was hindert aber die Reisenden, es noch mit einer Pelzdekke zu versehn,

ja wohl selbst mit einer Art Bekleidung, die ihm mindestens wohlthätig

wird, wenn man Rast hält?

Man denke sich nun einen Schlitten von leichtem Holz, aber geräumig und

dauerhaft. Inwendig mit dikken Pelzgattungen gefüttert, und von Aussen

mit einem Baldachin von Seehundshäuten versehn. Unter diesem dichten

Ueberwurf steht ein Ofen von dünnem Blech, eingerichtet wie die

neuerfundenen chemischen Küchen, in denen man bei der Glut eines --

Bogens Papier ein Essen zubereitet. Es ist zu vermuthen, daß man bald

kein Holz mehr antreffen wird, um es zu einer Feuerung zu gebrauchen,

doch einige Rieß Papier sind auf den Schlitten zu laden. Erhält man das

Blech des Ofens nun immer mäßig warm, was in Vierundzwanzig Stunden

vielleicht zwei bis drei Buch Papier erfordert, so geschieht bei der

übrigen Verhüllung genug. Der lächerliche Anschein der papiernen

Heitzung verschwindet, wenn der enge Raum des Schlittens beachtet wird,

und wenn man sich dagegen ein großes Seeschiff denkt, das, wenn gleich

das Meer offen ist, doch in einer Kälte von 12 oder 16 Grad unter 0

umherschwimmt, ohne daß die Matrosen ein ander Feuer erwärmt, wie die

sparsamen Kohlen des nur bei den Mahlzeiten lodernden Küchenheerdes. Wer

auf dem Verdekke arbeitet, muß so aushalten, wobei ihm freilich die

Bewegung nützlich ist. Die Bewegung muß sich aber der Polarpilgrim

geben, wenn angehalten wird, und mit Fleiß und Anstrengung, da regen

sich die inneren Lebenskräfte, und mit ihnen der thierische Wärmestoff

auf, und desto eher wird er hernach in ruhiger Lage zwischen seinen

Pelzen und neben seinem kleinen Blechofen aushalten. Es wäre vielleicht

auch durch die Spirituslampe etwas auszurichten, aber die dazu nöthige

Materie ist zu schwer.

Uebrigens wird man, so lange der Landstrich währt, doch etwas Gesträuch

finden, und dann bisweilen sich eines glühenderen Feuers erfreuen

können, in dem äußersten Falle muß nur der chemische Blechofen Hülfe

leisten. Vielleicht schmilzt sich durch ihn auch Schnee in

Wärmeflaschen, wodurch die Hülfe vermehrt wird.

Ob leichte brennbare Fossilien anwendbar wären, als Schwefel, Erdpech,

bituminöses Holz, wagt man nicht zu entscheiden. Warum aber nicht? Die

Vorrichtung müßte nur ihre Wärme spärlich sammeln, und den schädlichen

Dampf abführen.

Eine Maske vor dem Gesichte, die aber die Dünste beim Athmen nicht

verschlösse, ein großer Muff über jede an sich schon verwahrte Hand, in

welchen die Zügel des Rennthiers gingen, die ganz besondere Vorsorge für

den Untertheil des Leibes, wären noch zu empfehlen. In allen diesen

Hülfsmitteln, könnte der Reisende dann aber vollkommenen Schutz gegen

die Polkälte finden.

Der Punkt der Nahrung ist aber schwieriger. Proviant für einen Mann und

ein Rennthier auf dreißig bis vierzig Tage. Und in so geringer Masse,

daß er in den (freilich auf der harten Schneerinde leicht hingleitenden)

Schlitten geladen werden kann. Gewiß keine unbedeutende Aufgabe.

Daß auf Tafelfreuden verzichtet werden muß, liegt wohl am Tage.

Erhaltung der Lebenskraft ist alles woran man zu denken hat.

Der ^vin cuite^ in der Provence, der eingekochte spanische Wein, und der

in ähnlicher Art auf einigen Inseln des Archipelagus zubereitete, sind

sehr nährend. Vom Safte des Palmbaums wird behauptet, ein Löffel davon

soll (freilich in seinem Clima) den Menschen auf einen Tag erhalten

können.

Dem sei wie ihm wolle, ein konzentrirtes geistiges Getränk wird vor

allen Dingen nöthig. Gute Rhein- oder spanische Weine durch Sieden auf

den sechsten, zehnten, zwölften Theil gebracht, mit kräftigen Gewürzen

versetzt, werden dem Zwekke entsprechen. Eben so ist guter Rum möglichst

einzukochen.

Ein mäßig Glas von jenem Getränke muß für den Tag ausreichen, von diesem

schon ein Theelöffel den gehörigen Anreiz bewirken. Fünf bis sechs Quart

bringen sich denn wohl fort.

Gallerte würde die passendste Speise liefern. Einen wohlbeleibten Ochsen

geschlachtet, das Fleisch zerschnitten, die Knochen zermalmt, und die

ganze animalische Essenz in Gallerte oder Suppentafeln gebracht, so

werden vielleicht kaum Sechs Pfunde bleiben. Davon drei vier Loth in

Schneewasser gethan, auf dem chemischen Ofen gekocht, und die Kraftsuppe

ist da. Statt Brot gepülverten Schiffzwieback, zum Genusse angefeuchtet.

Sucht man auch bei der Medizin noch Rath, und legt etwa ein Hundert Gran

Opium zu dem Vorrath, so wird der Lebensprozeß flüchtig und anhaltend zu

erregen seyn. Das Opium wird auch vorzüglich die Kälte bekämpfen helfen,

und noch mehr, wenn ein Zusatz der ^Tinctura aromatica^ nicht fehlt.

Der ganze Proviant für den Mann, sammt den Papieren zur Feuerung, muß

nicht viel über hundert Pfund wiegen.

Doch die Rationen des Rennthieres, was fangen wir damit an? Es ist zwar

sehr genügsam, und sucht sich in der Regel nur ein wenig Moos, aber das

kann unterwegs fehlen.

Da wird es also nöthig, auszumitteln, wieviel von dem Moose das Thier

täglich bedarf, und ob bei der Leichtigkeit dieser Nahrung daran zu

denken seyn mag, sie auf eine solche Zeit mitzuführen. Bedenkt man, daß

wohl drei vier Lappländer von einem Rennthiere gezogen werden, so bringt

das seine Kraft in einen ziemlichen Anschlag, oder noch mehr die wenig

schwierige Fortbewegung einer ziemlichen Last, unter solchen Umständen.

Scherzlustige könnten anmerken, daß die Lappländer von Person sehr

klein, folglich leicht sind, aber es ist ihnen zu erwiedern, daß ja auch

eben kein Pendant zum verstorbenen Rath Schmidts in Berlin, die

Polarwallfahrt anzutreten braucht.

Genug, man erprobt, ob das Moos, (wenigstens zum Theil, da doch

unterwegs etwas davon anzutreffen seyn wird) mitgeführt werden kann. Das

ausgesuchte Rennthier wird daneben auch an anderes und nahrhafteres

Futter gewöhnt. Kraftmehl, gepulvert Brot, würden sich vielleicht

eignen, und diese Dinge nehmen dann wenig Raum ein. Vielleicht versteht

sich das Thier auch dazu, etwas von dem zubereiteten Rum im Schneewasser

zu schlürfen.

Mögten aber die Künsteleien bei dem Thiere nicht zusagen, so genießt es

doch nach allem, was die Naturgeschichte davon sagt, schwerlich mehr wie

zwei bis drei Pfund Moos. Gut, so nehme man Hundertundfunfzig Pfund mit,

die in und um den Schlitten noch die Kälte abwehren helfen. Dazu Hundert

Pfund für den Mann, der mit seinen Pelzen Hundertfunfzig wiegen mag, so

hat man Vierhundert Pfund, die ein Rennthier bequem ziehet, wobei nicht

außer Acht zu lassen ist, daß im Verfolg der Reise das Gewicht sich

täglich mindert.

Die als nöthig angenommene Zeit von dreißig bis vierzig Tagen beruht auf

folgender Rechnung.

Bis zum 80sten Grade Norder Breite ist man gekommen. Nova Zembla reicht

ziemlich dahin, und ein Theil des durchwanderten Grönlands, wenn gleich

keinen Grad über den arktischen Polar-Zirkel hinaus menschenbewohnte

Ortschaften zu finden sind. Es wird hier aber vorausgesetzt, daß die

Reise vom 80sten Grade angetreten werden müsse. Auf dieser Station (in

Grönland oder Canada, wo man es am bequemsten findet[7]), muß schon im

Sommer vorher ein Haus erbaut werden, wohin man die Nothwendigkeiten,

und noch Lebensunterhalt für die Zeit bis zum folgenden Sommer, in dem

Hause selbst, schafft. Denn zu wohlfeil ist die Unsterblichkeit auch

nicht zu verlangen. An diesem Orte richtet der Reisende, und seine

Freunde oder Dienerschaft, alles ein, stählt seinen Körper gegen die

Kälte, und wartet den entschiedenen Winter ab.

Nach diesem Orte kehrt er vom Pole wieder zurück, und findet Erholung.

[Fußnote 7: Wäre es mit Verjüngung der Massen von Lebensnahrung noch

weiter zu treiben, daß man auf sechzig siebzig Tage versorgt seyn

könnte, so dürfte es räthlich werden, von der Mündung des Jenisei oder

des Lena aus, über das Eismeer zu reisen. Desto weniger hätte man das

Fortkommen erschwerende, oder gar hemmende Gebirge zu befürchten,

vielleicht die wesentlichste Schwierigkeit. Und in Siberien wären die

Erfordernisse immer noch mehr auf der Nähe, wie in Grönland oder auch in

Canada.]

Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band. · 第 3 / 9 题