Bedienter.
Schon bringen sie Dir wichtig schwere Kunde,
Es leidet keinen Aufschub was sie melden,
Ein Unheil sei Dir nah, doch abzuwenden --
Hadrian.
Ein Unheil -- warum nennt man jetzt mir Unheil,
Da mich beseligend das Glück umarmt.
Antinous, ob ich die Träumer höre?
Antinous.
O eile Herr, oft senden gute Götter
Dem Sterblichen getreue Warnung zu.
Hadrian.
Zu froh bin ich, der Grille Raum zu geben,
Und wahrlich so ein Glaube ziemt mir nicht.
Antinous.
Im Glücke, lehrt die Klugheit, rufe Furcht!
Denk an Polikrates, dem alles froh gelang,
Der nur ein Glück ins Auge durfte fassen,
Um auch schon triumphirend ihm zu nahn.
Ihm rieth der Freund, in Willkühr zu entrathen,
Was köstlich theuer seinem Leben sei,
Daß er den bösen Mächten im Avernus,
Die dauernd Wohl am Sterblichen nicht dulden,
Ein reiches Opfer der Versöhnung bringe.
Und Samos König warf ein Edelstein
Von unschätzbarem Werth in Thetis Wogen.
Bald aber zog der Fischer schweres Netz
Ein selten Seethier aus dem tiefen Grunde,
Dem Herrn des Eilands zum Geschenk gebracht;
Kaum trennt das Messer ihm die Eingeweide,
Als das Juweel des Königes sich zeigt.
Zu hohes Glück, rief nun Amasis aus,
Des Königs königlicher Freund in Theben,
Entsagen will ich deinem treuen Bund,
Daß nicht zu tief der Schmerz mich einst verwunde,
Wenn dem geliebten Manne Schrecken naht.
Polykrates bringt nicht ein neues Opfer
Und sinket bald durch schmählichen Verrath.
Hadrian.
So meinst Du sollt ich auch das Theure meiden,
Des Unglücks schwarze Regel zu erfüllen?
Antinous.
O ja mein Freund, mein Kaiser.
Hadrian.
Eines nur
Behalt ich vor -- das andre kann ich missen.
So hören wir die mythischen Propheten.
(beide ab)
Dritter Auftritt.
Höfling. Officier.
Höfling.
Da geht der Kaiser mit Antinous,
Schon öfter traf ich sie allein beisammen,
O, diesen Jüngling muß man täglich grüßen,
Geschenk' ihm bringen, kleine, angenehme,
Daß es dem schlauen Geber größre trage,
Ihm huldigen, bis seine Gunst zerfällt.
Officier.
So leichten Grundsatz kann ich nimmer loben.
Höfling.
Doch fasse ihn, wer sich erhalten will. --
Wie aber soll man jene Bande deuten
Des Kaisers und der schönen Jugend Blüthe? --
Hm -- was von Jupiter sie wohl erzählen --
Officier.
Wer glaubt an Jupiter, in kluger Zeit
Ein Mährchen rohen Altern vorgesungen.
Höfling.
Auch glaub ich nicht, nur mögt ich, Du verständest
Mir der Vermuthung leis' geahnten Sinn --
Gedenke nur des Göttervaters Schenken.
Officier.
Pfui, Argwohn keimet nur in Herzens Tiefen,
Wo des gewähnten Lasters Zunder glimmt.
Höfling.
Doch spricht man viel von dieser Heimlichkeit.
Officier.
Weil Dein Gelichter leis sie sich verkündet,
Warum soll nicht der Pulse gleicher Schlag
Des Urtheils Aehnlichkeit und der Gefühle,
Zwei edle Wesen ohne Laster nahn?
Vierter Auftritt.
Diener des Kaisers. Vorige.
Diener.
Weh, Wehe! mußt ich diesen Tag erleben!
Officier.
So bleiche Stirn, Was trug sich Schlimmes zu?
Höfling.
O nennt es, daß ichs weiter mag verkünden!
Diener.
Die Priesterschaar, von Hadrian befragt,
Wie die Geschicke noch sein Leben wenden?
Ach offenbart: es muß der Kaiser sterben,
In naher Frist
Wenn nicht ein Wesen ist
Ihm theuer, das ihn liebt,
und frei sich hin zum Todesopfer giebt.
Officier.
Wie? -- In die offne Schlacht den Muth zu wagen,
Das thut der Krieger gern, der Kriegsgott lenkt,
Davon kann er das süße Leben tragen,
Und büßt ers ein, starb er in dem Beruf,
Der Lorbeer sinkt auf seinen Rasen nieder.
Doch grade hin in sichern Tod zu gehn,
Das wollen nicht des Lebens milde Götter.
Höfling.
Ihm soll er theuer sein, der für ihn stirbt,
O warum muß ich seine Kälte tragen?
So darf ich nicht, wozu das Herz mich ruft.
Officier.
Nicht wahr, jetzt wäre selbst dir Haß willkommen?
Diener.
Auch mich, mich Armen liebt der Kaiser nicht.
Höfling.
Wahrsagern glauben, welche eitle Schwäche!
Officier.
Der gute Kaiser ist nicht frei davon,
So würd es immer Ruhe ihm erziehn,
Wenn jener Priester Spruch gesühnet wäre,
Und immer Anlaß für die große That.
Gleich Curtius würd er in der Nachwelt leben,
Gleich Cokles, Scävola und Regulus,
Der hin es würfe, das geliebte Leben.
Höfling.
Und wähnest du, daß jene Männer waren?
Nur Fabel sind sie, die den Bürgersinn
Des Römers übermächtig reitzen sollten.
Ach armer Hadrian, du findst ihn nicht,
Der hier des Busens Zagen heilen könnte.
Officier.
Wohl glaub ichs euch, todt ist die alte Zeit.
Diener.
Gern giebt man viel, will nicht der Freund das Leben,
und braucht der Kaiser seiner Stärke Macht,
So ist es nimmer der Geschicke Sühne
Zur Seite, Freunde, unser Imperator.
Fünfter Auftritt.
Hadrian.
(allein)
So trübt ein Augenblick den klaren Aether,
Und trauernde Gewölke decken ihn.
Wer war zufriedener, war hochbeglückter,
Wie noch vor einer Stunde Hadrian?
Und diese Priester warfen ihn zu Boden.
Wie, kann der Geist nicht muthig sich ermannen?
Ists Aberglaube nicht, was mich erschreckt?
Die Götter blicken nicht auf Menschen hin,
Zu niedrig gilt den Hohen irdisch Spiel,
Kein Priester mag wohl in die Zukunft schauen,
Entreiße dich der kleinlich feigen Angst!
Was dir geschehn soll, wahrlich wird geschehen,
Es opfere sich auch ein ganzes Volk.
Den Schleier will ich von dem Auge reißen
Und Ruhe kehrt dem Glücklichen zurück.
Wie, wenn ich sie der Folter übergäbe,
Die Seher, würden sie nicht rasch bekennen:
Sie wissen mehr nicht von der Zukunft Loos,
Wie jeder Weibessohn? -- Wohlan es gelte --
Doch -- Wenns nun wäre -- schwerer, schwerer Frevel,
Den nicht Ixions Rad im Orkus büßt,
Die freundlich Gottgesandten schmählig martern.
Hinweg Gedanke! Nein ich schone sie.
Hier aber wahrlich kann die Probe gelten,
Wer nur den Kaiser, wer den Menschen liebt? --
Von Tausend Schmeichlern bin ich stets umwunden,
Ein jeder beut das Leben täglich dar,
Vielleicht, weil er wohl weiß, nicht kann ichs brauchen,
Der, dem es Ernst ist, mit dem lauten Willen,
Wär mir ein köstlich Gut in schlimmen Zeiten,
Was gilts, ich prüfe was ich noch nicht weiß.
He! Niemand da?
Sechster Auftritt.
Diener. Hadrian.
Diener.
Ich warte des Befehls, erhabner Kaiser!
Hadrian.
In tiefe Noth preßt mich des Schicksals Zorn.
Es legt mir Sterben auf, wenn Niemand mir sich opfert,
Der mich liebt und ich ihn. Dich lieb ich Freund,
Schon lange Jahre dienst Du meinem Hause --
Diener.
(zitternd)
Ach Herr -- wie ängstet mich der grimme Spruch!
O Du des Volkes Heil, des Reiches Zier,
Dem Göttertempel prangend einst sich heben --
Hadrian.
Gern sänk ich hin, doch meine ich, das Volk
Wird nicht so bald den treuen Hirten finden --
Diener.
Beglückte Kinder -- Herr verzeihe meinem Alter,
Ich fühle -- Krankheit naht dem regen Leben,
Gestatte, daß ich eilig mich entferne.
(ab)
(Officier und Höfling schleichen leise weg.)
Hadrian.
Von dem darf ich den Rettersinn nicht hoffen,
Hinweg! nichts geb ich mehr auf jenes Wort.
(ab)
Siebenter Auftritt.
Antinous.
(allein)
Der Kaiser stirbt in naher Frist,
Wenn nicht ein Wesen ist,
Ihm theuer, das ihn liebt,
Und frei sich hin zum Todesopfer giebt.
Wen liebt der Kaiser? Dich Antinous,
Und ihm wallt dieser Busen treue Liebe
An mich ergeht des Schicksals ernster Spruch
Und bei den Göttern, ja, ich will ihn lösen! --
Doch sprach auch Wahrheit dieser Priester Mund?
Die Weisheit schilt den frommen Aberglauben.
Nicht Aberglauben, nein, ihm trauet Hadrian,
Und seiner Seele folget meine Seele,
Wärs auch nur Ruhe froh ihm zu bereiten,
So schenke ich der Welt den heitern König,
Den keine bange Laune niederbeugt! --
Doch süß ist wohl der frohen Jugend Leben,
Wie furchtbar schreckt der grause nahe Tod! --
Wie muthig in der Ferne, hier erbeben --
O wenn ich dieses Bild mir lange prüfe,
Dann sinkt der Wille, sinkt die hohe Kraft.
Noch flammt mir in dem kühnen Vorsatz Wärme,
Von dieser Klippe in den wilden Nil,
Nicht wird die tiefe Fluth mich wiedergeben.
Hadrian.
(in Entfernung)
Antinous?
Antinous.
Mein edler Freund, ich sterbe für dein Leben!
(stürzt sich in den Nil.)
Drittes Buch.
Erstes Kapitel.
Der grüne Turban.
Flore dankte dem Himmel, als endlich der Tag herannahte. Zwar
verkündigte ihn Eunomia nicht freundlich, da Regenwolken den Himmel
umzogen, aber immer mindert das Licht doch die Bangigkeit. Sie sahe
zurück, und ward nichts mehr von dem Raubnest und den Ruinen gewahr.
Desto wohlgemutheter schritt sie weiter.
Den Durst hatte sie in einem Kanale gelöscht, und mancherlei Früchte des
Feldes, die sie in der Helle entdeckte, tilgten ihren Hunger. Gegen
Mittag, versuchte sie zum Erstenmale in ihrem Leben, die Flinte auf
einen dichten Trupp von Wachteln, deren es in Egypten um die Jahreszeit
so viele giebt, abzudrücken, und sieheda, Viere davon stürzen herab.
Ohnehin ermüdet, suchte sie eine abgelegene Stelle, rupfte die Vögel,
und bratete sie, an einen Zweig gesteckt. Wie viel auch an Zuthat
abging, hatte ihr nimmer ein Mahl so köstlich geschmeckt.
Dann ging sie weiter, fand wieder Früchte und Quellen, die Begegnenden
ließen sie unangefochten vorbei. Schon träumte sich Flore heitern
Fortgang des wiedergekehrten Glücks. Der Nil, dachte sie, dient mir zum
Wegweiser nach Cairo. So darf ich nicht fragen, und durch meine
unvollkommene Sprache die Fremdheit verrathen. Ich sehe Mittel vor mir,
mich unbemerkt zu nähren, das Uebernachten in der Oede ward ich gewohnt.
Wider ein reissend Thier oder einen einzelnen Räuber muß mich allenfalls
meine Flinte schützen, nahen mehrere, rettet mich vielleicht Gold. Es
kann aber auch das gute Gestirn wollen, daß mir dergleichen nicht in den
Weg kömmt, und ich bald Landsleute ansichtig werde. Dann seh ich froh
den Gatten wieder. O welche Lust: Wie wird er sich freuen, zu Floren! zu
den mitgebrachten Reichthum, und gar bald die Nebenbuhlerin -- wenn er
schon eine umarmte, entfernen.
Es ist aber ein mißlich Ding um die Theorien der Zukunft. Das praktische
Verhängniß durchkreuzt sie jeden Augenblick, und gemeinhin auf störende
Weise.
Nur den darauf folgenden Tag fand sich die gehoffte Nahrung, dann mußte
Flore längs Kanälen ausweichen, und kam bald von der fruchtbaren
Niederung des Stromes ab. Der Natur hat es überhaupt gefallen, in jenen
Gegenden paradiesische Fragmente mit Sandhöllen zu untermengen. So traf
denn die Reisende auch dürre Unwirthlichkeit, und ob sie gleich ihre
Richtung noch nicht verlor, und seitwärts Dörfer im Auge behielt, so
gebrach es doch an den Lebensnothwendigkeiten. Kein Zweig mit winkender
Last, selbst kein Wachtelzug mehr in der Schußlinie.
Einen Tag über wurde gefastet, am anderen fiel es, nach so schweren
Anstrengungen, unmöglich. Sie mußte sich also entschließen, in ein Dorf
zu gehn, um den Ankauf des Nothwendigen zu versuchen.
Das Dorf hatte keine Karavanserei, wo man sonst im Morgenlande
Lebensmittel antrifft, Flore nahte also dem Hause, wo das Aeußere von
einigem Wohlstande sprach, und fragte ein altes Frauenzimmer, das an der
Thüre stand: ob man ihr nicht gegen Bezahlung, Sesamkuchen und Früchte
ablassen wolle?
Die Alte war sehr höflich, nöthigte Floren herein, und rief den
Eigenthümer des Hauses. Das machte Jene sehr verlegen, denn hatte sie
ihre Bitte ziemlich unverdächtig vorgebracht, so ließ sich doch
befürchten, eine ausführliche Unterredung könne sie blosstellen.
Indessen erschien der Mann, begrüßte Floren, ohne sie viel anzusehn,
ließ sie auf den Teppich niedersitzen, und ihr eine Pfeife Moccataback
reichen.
Flore schlug die Beine über Kreuz und rauchte, wie sauer es ihr auch
anging. Es wurde nun Kaffe gebracht, und zu ihrer größten Freude redete
der Wirth weiter keine Silbe, sondern betrachtete stumm den Kopf seiner
Pfeife. Bald gab er der Alten ein Zeichen, und nun wurde wohlriechend
Holz in einem Rauchbecken verbrannt, den Gast durch den lieblichen Duft
zu vergnügen. Eine Stunde währte die verschwiegene Unterhaltung, dann
brachte das Frauenzimmer nicht nur das Verlangte, sondern noch Speisen
mancher Art, in ein Körbchen gepackt, den sie ihr einhändigte. Da Flore
einige Zechinen auf den Tisch legte, verbat man das mit verbindlichem
Unwillen, und entfernte sich.
Die Abentheurerin war entzückt über die Patriarchensitte, am meisten
über die wortkarge Einfalt. Eben wollte sie froh das Haus verlassen, als
ein Imam hereintrat, um von dem Landmanne die Pacht für den Acker der
Moschee zu holen. Denn die mahomedanischen Tempel sehen sich auch mit
zeitlichen Gütern vor. Er grüßte Floren, die nicht vergaß, mit auf der
Brust gelegter Hand zu danken. Doch einen Anlaß, Frömmigkeit blicken zu
lassen, nicht aufzugeben, fragte er: Junger Gläubiger, bist du vom
Stamme des großen Propheten, oder warst du schon dreimal in Mecca, daß
dein Turban von der heiligen Farbe ist?
Flore entfärbte sich, denn sie hatte wohl gehört, daß das Recht, sich
grün zu tragen, bei den Mahommedanern durch gewisse Vorzüge erworben
werden muß, aber wie sie jenen Turban aufsetzte, eben nicht daran
gedacht, daß seine Farbe ihr Gefahr bringen könne. Allenfalls hatte sie
auch gemeint: obschon eine Pariserin, und einst im Palais Royal
wohnhaft, mögte sie doch immer heiliger sein, wie dieser Kopfzierde
früherer Besitzer. Bei dem allen suchte sie sich zu fassen, und
erklärte: sie wäre dreimal in Mecca gewesen. In welcher Karavanserei
wohntet ihr? fragte der Hauswirth. Die Erinnrung an eine Wallfahrt, die
er auch vollbracht hatte, überwand sein Pflegma, wie zwei Künstler, die
in Rom waren, nicht umhinkönnen, ein Gespräch über die Hallen des
Vatikan, den Corso oder die Polichinelle einzuleiten.
Nun war guter Rath theuer. Flore hatte nie etwas von den Karavansereien
in Arabien gehört. Doch forderte sie ihr Glück heraus, und antwortete:
In der, wo das Bild des Engel Gabriel an der Thür hängt.
Ein gewaltiger Verstoß. Die Türken ehren den Engel Gabriel, aber dürfen
kein Bild von ihm malen. Schon die gebrochene Sprache hatte Argwohn
erregt, jetzt stieg er doppelt auf. Flore, die das sah, fing lachend an,
ich habe beschlossen meinen Wirth nie zu nennen, denn loben kann ich ihn
nicht, und tadeln mag ich nichts, was mir auf der frommen Reise zu
Gesicht kam. Lebt wohl ihr Herren!
Nun kann aber kein Ordensritter, wärs auch einer des St. Joachim,
entrüsteter seyn, wenn ein Ungeweihter die Zeichen trägt, wie ein
muselmännischer Geistlicher, dem die grüne Farbe mit Unrecht getragen,
aufstößt. Nicht ganz sanft, zog er Floren am Arm zurück, faßte dann an
den Turban, und rief: Du sollst zur Stelle bekennen, ob du dieses
Hauptschmuckes würdig bist!
Der Turban war etwas weit, und fiel herunter. Die langen, mit Mühe unter
ihm verborgenen Haare fielen in wallenden Locken nieder. Hätte sie die
Vorsicht gehabt, den Kopf nach Landesgebrauch zu scheeren, so wäre es
vielleicht noch möglich gewesen, dem Ungemach zu entfliehn. Ein
glücklicher Einfall, kecke Gewandtheit, und die Muselmänner wären
gefoppt zurück geblieben. Aber wer kann von einem Frauenzimmer, das sich
schöner Haare bewußt ist, so ein Opfer erwarten!
Das Haar war entscheidend. Ein Frank, ein Ungläubiger trägt einen grünen
Turban! Rächt den Propheten, ihr frommen Männer! schrie der Imam Einmal
über das andere, und bald war das Haus mit Leuten erfüllt. Man schleppte
Floren zum Kiaschef.
Dieser ließ sogleich eine Bank hersetzen, und gebot zwei mit kleinen
Stäben versehenen Dienern, dem Hunde vorerst Tausend Streiche auf die
Fußsohlen zu geben.
Flore schauderte, drängte sich aber an den Imam heran, und flisterte ihm
ins Ohr: ich schenke deiner Moschee alle Edelsteine, die der Turban
enthält, rette mich aus der Noth!
Der Imam griff nach dem Turban, den Flore in der Hand mit fortgetragen
hatte, und seine Schwere bewegte ihn.
So du gleich versprichst, ein Moslem zu werden, rief er, soll das
Vergehen der Unwissenheit dir erlassen seyn. Der Richter stimmte bei,
denn dem Geistlichen gebührt in Religionsangelegenheiten das
entscheidente Worte, und Flore, vor der Bank und den Stäben zitternd,
schrie: Gern gern! Darum eben kam ich nach Egyptenland.
Zweites Kapitel.
Der Derwisch im Gebürge.
Sie wurde nun noch über manche Dinge verhört, und reihte ihre Nothlügen
so geschickt aneinander, daß die Männer beruhigt wurden. Der Priester
setzte endlich fest: der ungläubige Jüngling sollte zu einem Derwisch im
Gebürge, der ihn in der allein reinen Religion unterrichten würde. Er
übernahm es sogar selbst, ihn nach der einsamen Wohnung des Mannes zu
geleiten. Jetzt begegnete man Floren nicht mehr feindlich.
Ihr wurden einige Erfrischungen gereicht, und dann mußte sie mit zum
Imam, der zwei Esel satteln ließ. Nachdem sie eine schlichte Mütze, wie
nur die Juden im Morgenlande tragen dürfen, bekommen hatte, mußte sie
das eine Thier besteigen, und dem Priester folgen.
Man hatte etwa zwei französische Meilen bis zum Aufenthalt des
Einsiedlers. Oft fiel Floren unterwegs bei: könnte ich nur auf die
Schnelligkeit des Thieres bauen, ich wagte eine Flucht. Aber es war
gewohnt, neben dem anderen einherzuschreiten, und wenn sie nur eine
Lenkung versuchte, gab es Schwierigkeit. An ein solches Vorhaben war
also nicht zu denken.
Sie mußte in den Bergwald. Durch enges Gesträuch wand sich ein steiniger
Pfad, der zu einer sehr dürftigen hölzernen Hütte führte. Ein Greis mit
langem Silberbart trat heraus. Mit tiefer Ehrerbietung nahte ihm der
Imam, unterrichtete ihn über den Zweck des Besuchs, und fragte: ob der
Derwisch gemeint sei, den jungen Franken in die hohen Lehren der
Religion zu weihen? Wer wird nicht gern eine Seele retten, klang die
Antwort.
Nun sagte der Imam: mein Sohn, was du noch an Gelde bei dir führest,
liefere in meine Verwahrung. Wie Du ein Muselmann bist, sollst du es
treulich zurückerhalten. Flore warf einen Blick des Unwillens auf ihn,
als wollte sie sagen: Hast Du nicht genug? Laß mir das Uebrige. Er
wiederholte die Frage. Ich besitze nichts mehr, war die Antwort. Und
dennoch ist dein Gürtel so dick. Laß sehn! -- Er nahm den Gürtel ab, und
schüttelte die Goldstücke heraus. Flore gab noch gern den Rest her, nur
damit sie bei einer Untersuchung nicht entdeckt würde. Dahin waren die
Reichthümer.
Der Imam sprach: Dem Ungläubigen sei die Lüge noch verziehn, und
entfernte sich. Für Lebensmittel werde ich sorgen, rief er zurück.
Der Greis nahm Floren nun in die Hütte, trug einige Wurzeln auf, und
setzte ein Gefäß mit Wasser daneben. Die Proselitin gegen ihren Willen,
war zu tief vom Schmerz über ihren Verlust erfüllt, daß sie hätte Eßlust
spüren sollen, wenn man sie auch an eine Prunktafel geladen hätte, wie
jene zu Alexandrien. Und nun gar diese Frugalität.
Das ernste Amt des Mannes wurde gleich begonnen. Mein Sohn, hub er an,
danke dem Propheten im Staube, daß er dich diesen Weg geleitet hat. Du
wirst nun der Erwählten einer, täglich durch fünf Gebete die Sünde
tilgen, und dereinst das frohe Paradies grüssen.
Flore hörte mit einem Gesichte zu, wie es die Judenkinder in Rom zu
ziehn pflegen, wenn sie gemüßigt sind, eine christliche Predigt zu
hören, gegen deren Ueberredung zum Glaubenwechsel, die Eltern sie daheim
erst mit tausend Verwünschungen waffneten.
Der alte Derwisch fuhr fort: Es giebt sieben Himmel, mein Sohn. Mahomed
stieg auf den Alboral, schwang sich zur Höhe, und sahe sie alle. Der
erste ist von feinem Silber, der zweite von reinem Gold. Aus edlen
Steinen ward der dritte erbaut, und ein Engel liest hier heilige
Blätter, von dessen einer Hand zur andern, Sechzigtausend Tagereisen
sind. Der vierte glänzt von Smaragdwänden. Nur Christal wird im fünften
sichtbar. Der sechste ist ein Feuer, das nicht verletzt. Ein reizender
Garten der siebente, wo die Springbrunnen Milch zur Höhe treiben, Wein
in perlenden Bächen umherschäumt, und Sümpfe von Scheibenhonig einladen,
sich bis an den Gürtel zu versenken. Hier blühen liebliche Bäume, voll
saftiger Aepfel. So du einen brichst, verwandeln sich die Kerne der
Frucht, in süße zarte Mädchen, so fein, so hold, so engelhaft, daß wenn
eine nur einen Tropfen Feuchtigkeit von ihren Lippen ins Weltmeer fallen
ließe, es gleich aufhören würde, salzig zu seyn. Hier wird Allah von
Seraphimen gelobt, die Siebzigtausend Lippenpaare haben, und in jedem
Mund Siebzigtausend Zungen, und wo jede Zunge in Siebzigtausend
verschiedenen Sprachen, täglich Siebzigtausendmal den Herrn der Himmel
und Welten preist. Vor seinem Thron, der hier prangt, brennen vierzehn
Kerzen, deren Flamme funfzig Tagereisen hoch emporlodert. Alles was die
Seligen nur begehren, wird ihnen da werden, in unaussprechlich reicher
Fülle. Dort dürfen sie Wein trinken, und einen Wein, im Feuerparadiese
gepflanzt und gekeltert, so stark, daß von einem Tröpflein die ganze
Menschheit trunken wäre. Dort wirst du so viele Mädchen umarmen als du
willst, alle ewig jung, ewig schön, und ewige Jungfrauen. O welche Gnade
wird dem Seligen! Heil dir, mein Sohn!
Flore konnte sich nicht der Frage erwehren: Und die Weiber, frommer
Derwisch, werden sie auch so viele Männer nehmen, ewig jung, ewig schön,
ewig -- --
Ei, unterbrach sie der Einsiedler, so fremd noch bist du in Geheimnissen
des Glaubens. Kein irdisch Weib darf dem Paradiese nahn, doch von fern
werden sie der Männer Entzückungen schauen.
Man kann die Bemerkung nicht umgehen, daß Mahomed unter allen
mythologischen Dichtern die üppigste Phantasie zeigte. Hätte er aber
mehr seinen Geschmack, und weniger arabische Märchenträumerei in seine
Religionsgebräuche aufgenommen, dabei nicht den Künsten den Eingang
versperrt, so würde er noch zahllose Anhänger mehr geworden haben. Wie
hätten die Bildner streben können, die Lehre reizend zu versinnlichen!
Giebt es nirgends in der Christenheit ein Gemälde der Houris? Da die
Christen- und Griechen-Mythen so erschöpft sind, könnte die Kunst sich
immer auch an jenen Vorwürfen üben.
Es giebt aber noch eine Götterlehre, die sich für den Pinsel oder
Meissel auszeichnet, die teutonische. Welch ein malerischer Stoff, die
himmlischen Valkyren! Wer weiß, ob Thuiskons Enkel so entartet wären,
hätte jene alte Religion fortbestanden, und sich der Zeiten Läuterung
erfreut? --
Genug, Flore sollte an den Propheten glauben, so wenig Lust sie dazu
fühlte, und so übergroß ihre Verlegenheit anwuchs. Denn was sollte doch
werden, wenn der Religionsunterricht weit genug vorgerückt war?
Gegen den Alten ergriffen sie aber ganz eigene Empfindungen. Sie liebte
ihn nicht, haßte ihn nicht, hatte Lust seine entsagende rauhe
Lebensweise Thorheit zu nennen, aber bewundern mußte sie die große Kraft
dieser Thorheit. Mehr in den Sieben Paradiesen, wie in der Wirklichkeit
lebte dieser Derwisch. Immer umgaben ihn die Bilder davon, und die
Lebendigkeit seiner Vorstellungen war so stark, daß er oft im süßen Wahn
nach den Gestalten faßte. Ein morgenländischer Swedenborgianer.
Der Imam fand sich von Zeit zu Zeit ein, fragte über die Gelehrigkeit
des Schülers nach, und brachte Lebensvorräthe. Florens gutes Gedächtniß
setzte sie bald in den Stand, das Gehörte wieder herzusagen, und so fand
sie denn ein Lob, nach welchem eben kein Geitz in ihr wohnte. Desto
schlimmer, denn man sprach mehr von dem Tage, wo das islamitische
Sakrament den Proselyten weihen sollte.
Dieser Tag durfte nicht nahn, wie ließ sich ihm aber ausweichen? Eine
verstellte Ungelehrigkeit, wozu könnte sie auch führen, als zur
Verlängerung eines gar beschwerlichen hoffnungslosen Aufenthalts?
Peinliche Verlegenheit! Flore hätte gern eine Rettung durch die Flucht
versucht, aber der Gedanke an ihre Goldstücke fesselte sie immer noch,
obgleich nur ein geringer Anschein vorhanden war, sie könne je wieder zu
ihrem Besitz gelangen.
Sie hegte noch die Absicht, unter dem Vorwande ihr Geld vom Imam
loszuschwatzen, daß sie sich für die Feier des hohen Tages mit schönen
Ehrenkleidern versehn wollte. Im Besitz des Geldes, wenigstens eines
Theils davon, hatte sie dann Lust ihr Heil weiter zu versuchen. Aber der
Priester war zäh, und erklärte: es sei bei der Ceremonie kein Prunken
von Nöthen.
Morgen schon war der Tag, welcher etwas -- nicht Vorhandenes rauben
sollte, und in der Nacht zuvor, stand Flore leise aus der Hütte auf, um
sich dem guten Geschicke fliehend in die Arme zu werfen. Der Derwisch
schlief nicht, und hörte unter seinem Gebete das Getöse. Er wollte die
Flüchtige ergreifen, die sich ihm aber schnell entwand. Nun tappte er
vergebens im Dunkeln umher, und hörte aus der Ferne die Worte: »Frommer
Derwisch, ihr habt unter eurem Hüttendache ein Weib geherbergt.«
Doppeltt dreifach übel war der Zustand der Armen nun. Kein Geld, um
irgend ein Bedürfniß zu kaufen, kein Gewehr, um sich im Nothfall zu
vertheidigen. Wie verwünschte sie den grünen Turban, der sie um beides
gebracht hatte!
Drittes Capitel.
Das Gefecht.
Sie wußte selbst nicht, wohin sie ihren Weg nahm, und dachte erst am
Morgen mittelst der Niederung des Stromes ihre Richtung zu finden. Dann
wollte sie zurück nach Scheik Abade gehn, um aus den Trümmern eine
andere Ladung Kostbarkeiten zu holen.
Gegen Morgen aber vernahm sie einige einzelne Schüsse, denen gleich
mehrere folgten. Bald nahm das Feuer beträchtlich zu. Mit horchendem Ohr
lauschte die Pariserin, und dachte entzückt, hier müßten die Europäer
nahe sein. Sie hatte ohnehin gehört, daß ein geschlagener Bei in diesen
Gegenden nach und nach wieder einige Truppen gesammelt habe, um die
einzelnen Posten der Franzosen anzufallen.
Den Schweitzer entzückt in der Fremde des Kuhreigens Melodie, den
Venetianer ein Gondoliererlied, Floren der Knall französischer Flinten.
Gleich war ihr Entschluß gefaßt, um jeden Preis die Landsleute
aufzusuchen.
Sie beflügelte die Schritte nach der Gegend zu, wo das Kampfgetöse sich
vernehmen ließ. Doch befand sie sich auf der Seite, wo die Mammelukken
schwärmten, die auch einige Schützen zu Fuße im Gebirge fechten ließen.
Sie wollte die Stellung umgehn, wurde aber bald bemerkt und angehalten.
»Gebt mir Waffen«, rief sie, »gebt mir Waffen, daß ich wider die
Ungläubigen streiten helfe!«
Die türkischen Schützen nahmen das wohl auf, brachten das Gewehr und den
Pulvervorrath eines Getödteten herbei, und stellten sie neben sich in
eine Felsschluft, die vertheidigt wurde. Drüben rückten hitzig kleine
Jägertrupps an, in der wohlbekannten Uniform. Florens Herz klopfte. Hoch
richtete sie ihre Schüsse, um keinen davon zu verletzen. Dagegen flogen
jener Kugeln dicht bei ihr vorbei, das einzige landsmännische, was ihr
nicht gefiel.
Nicht lange aber, so liefen die Jäger Sturm auf den engen Weg, und die
Morgenländer fanden für gut, sich auf die Flucht zu begeben. Nun warf
sich ihr junger Rekrut nieder, als ob er getödtet sei, und sie
bekümmerten sich weiter nicht um ihn. Kaum waren sie Hundert Schritte
entfernt, als den Verfolgern auf französisch zugerufen ward, sie mögten
ja nicht in der Uebereilung französisches Blut vergießen.
Sie waren nicht wenig befremdet, Flore aber fuhr fort: Laßt nur nicht
ab, die Feinde zu verfolgen, ich helfe wakker, meinen Roman sollt ihr
gelegentlich hören. Sie machte nun tapfer, wie eine Jeanne d'Arc oder
d'Eon das Gefecht mit, und traf mehrere Feinde. Der Tag gehörte, wie
gewöhnlich, den Franzosen.
Zu Florens größter Freude hatte der Kampf sich nach der Gegend des
Dorfes gewendet, wo die Moschee stand, zu welcher jener Imam gehörte. Es
kostete wenig Mühe, einige Jäger zu bereden, daß sie Floren zu dem
Priester begleiteten. Er wollte eben entfliehen, wurde aber noch
ergriffen. Mein Geld, edler Eiferer für den wahren Glauben! rief Flore.
Der Imam gerieth außer sich vor Schrecken und Befremdung. Er leugnete
den Besitz, gab vor, alles entfernt zu haben, da aber im Kriege noch
nicht die peinliche Frage ganz abgeschafft ist, so fand man bald Mittel,
ihn zum Geständniß zu bringen. Er zeigte einen Fleck des Gartens an, aus
welchem man den Gürtel mit allen Goldstücken, und den mit Edelsteinen
gefüllten Turban grub.
Um das Aufhören gewisser körperlicher Schmerzen, giebt man viel, viel
hin, und die Kräftigen sind selten, die da widerstehn. Doch giebt es
auch Ausnahmen. Zum Beispiel folgende: Ein junger preußischer Soldat,
von vortheilhafter Gestalt, und wegen seines untadelhaften Betragens bei
den Vorgesetzten beliebt, gab während des Krieges in Polen, da man in
einer namhaften Stadt kantonnirte, mehr Geld aus, wie seine geringen
Einnahmen zulassen konnten. Das wurde dem Offizier hinterbracht, der nun
den Tornister des Soldaten untersuchen ließ, worin man zwanzig bis
dreißig Dukaten entdeckte. Der Soldat wurde sogleich eingekerkert, und
sollte sagen, wie er in den Besitz dieser Summe gelangt sei? Er gab vor,
sie auf der Gasse gefunden zu haben. Dies wurde umso weniger geglaubt,
als hie und da in derselben Zeit Diebstähle begangen worden. Sehr
bekümmert war sein Hauptmann über diesen Vorfall, denn er hatte den
Soldaten grade zum Korporal erheben wollen.
Die Regimentsgerichte verfuhren mit Strenge, und nachdrückliche
Züchtigung wurde angewandt, ein Geständniß der Wahrheit zu erpressen.
Nach manchen Ausflüchten, deren Grundlosigkeit am Tage lag, bekannte
endlich der Soldat: er sei Urheber jenes Diebstahls, der neulich an der
Kirche eines gewissen Klosters verübt worden sei. Das geraubte
Silberzeug habe er, ihm unbekannten Juden verkauft, und auf diese Weise
das Geld erhalten. Etwa zehn Dukaten wären bereits verzehrt.
Man stellte nun die gefundenen Dukaten dem Kloster zu, und verhängte
über den Kirchendieb ein zwanzigmaliges Gassenlaufen durch Zweihundert
Mann. Standhaft duldete er die Pein, und wie er endlich die Doppelreihe,
der ihn strafenden Kameraden verlassen hatte, rief er lachend: Ich bin
doch ein ehrlicher Kerl! Eine Behauptung, der Niemand Glauben beimessen
wollte.
Groß war aber die Befremdung beim ganzen Regimente, da nach einiger Zeit
ein anderer Soldat ertappt wurde, wie er zusammengeschlagenes Silber
einem Goldschmiede um geringen Preis anbot. Man erkannte es für einen
ehmaligen Kelch, suchte scharf bei dem Manne nach, und fand noch die
Monstranz und sämmtliche Gegenstände, welche der Kirche gefehlt hatten.
Also war jener Soldat unschuldig, und hatte sich fälschlich angeklagt.
Allerdings wurde er wieder vernommen. Aus Angst, rief er, hab ich die
Lüge gesagt. Zwanzigmal Spießruthen oder im Verhör halb todt geschlagen
werden, kömmt es nicht auf eins heraus? Ich wählte das erste, wo doch
ein Ende abzusehn war.
Aber woher bekamst du denn jene Dukaten?
Sagt ichs nicht im Anfang? Ich habe sie auf der Gasse gefunden.
Das ist durchaus unglaublich, weil der Verlierer sich öffentlich würde
gemeldet haben.
Nun gut, fuhr der Soldat fort, so gebe man mir aufs Neue tausend Hiebe,
ich kann doch keine andere Aussage thun.
Er sprach mit so freier Ergebung, und einem so von Schändlichkeit
entfernten Gesicht, daß der Verhör haltende Offizier sich beim Obersten
einlegte, die Untersuchung aufzuheben. Denn, setzte er hinzu, mag es
immer ein Raub sein, so ist der Mensch ja schon sehr hart dafür bestraft
worden.
Der Oberst ließ ihn also aus dem Gefängniße und öffentlich anzeigen: es
wolle ein Soldat Geld gefunden haben, wer sich zum Verlust legitimire,
könne es bei den Regimentsgerichten in Empfang nehmen. Denn das Kloster
hatte nun jene Summe zurückgeschickt.
Niemand meldete sich aber, und das Geld blieb bei der Kasse liegen.
Nach mehreren Monaten befand sich das Regiment von jenem Orte entfernt,
auf dem Marsche. Man durchzog eben einen Wald. Der Offizier, welcher
jenes Verhör gehalten hatte, führte die Seitenpatroullen an, der junge
Soldat gehörte auch zu der Mannschaft. So neben ihm herreitend, und
unter mitleidigen Blicken, auf das noch durch jene harte Strafe
entfärbte Gesicht, fing der Offizier an: Höre, du magst sagen was du
willst, gefunden hast du die Dukaten dennoch nicht.
Der Soldat blickte auf. Herr Lieutenant, ich habe wohl noch mehrere, sie
sind aber eingenäht.
Ei, ei, das sagst du mir?
Ich will ihnen noch mehr sagen, nur Alles nicht. Einmal kam ich zu ***
in ein Haus, um Kameraden zu sprechen, die dort im Quartier lagen. Eine
Dame rief mich in ihr Zimmer, und ich wurde beim Weggehen mit Sechs
Dukaten beschenkt. Oefter mußt ich wiederkommen, und man war immer
freigebig. Da nun das Geld bei mir entdeckt wurde, konnte ich doch eine
so vornehme und brave Dame nicht verrathen. Eh hätt ich mich
todtschlagen lassen. Wo sie gewohnt hat, sage ich auch jetzt Niemals.
Der Offizier forschte auch nicht weiter, empfand alle Achtung vor dem
Märtyrer der Galanterie, und brachte es beim Obersten dahin, daß ihm das
bei der Kasse noch vorhandene Geld verabfolgt wurde.
Fünftes Capitel.
Böser Geitz.
Flore theilte den Jägern reichlich mit, und eilte nun, mit ihnen zu dem
großen Haufen zu kommen. Froh erzählte sie unterwegs einen Theil ihrer
Geschichte, gab sich übrigens aber doch für den Diener eines Commissärs
aus.
Wie hüpfte ihr Puls, da sie vernahm, das Commando, wobei sie sich
gegenwärtig befände, werde nächstens abgelöset werden, und nach Cairo
zurückgehn. Wie viele Umarmungen wurden Ring im Geiste!
Aber nur wenigen Sterblichen ist es gegeben, die Sonnenblicke Fortunens
zu tragen. Wie sie zu glänzen beginnen, so will man auch schon mehr
Helle, noch mehr Helle, kein übrig Wölkchen soll den Schein trüben,
obgleich man vorhin in dem Uebel des Mißgeschicks nur nach einem
erquickenden Strahl seufzte. Flore hätte nun ihrem Gestirn danken
sollen, so weit gekommen zu sein, darneben ruhig bei den Soldaten
weilen, und den Tag erwarten, wo man den Weg nach Cairo anträte. Das
geschah aber nicht, und so stürzte sie sich wieder in tiefes Leid und
unermeßliche Verwirrung.
Sie pflog, während man noch in der Gegend im Bivuac lag, mit den Jägern
enge Freundschaft, die sie zum Imam begleitet hatten, und theilte das
Obdach ihrer Hütte. Besonders aber gefiel ihr die Entschlossenheit des
einen darunter: _Antoine_ genannt. Diesem entdeckte sie eines Abends:
Freund, zwei bis drei Tagereisen von hier, weiß ich einen Ort, wo
ansehnliche Schätze verborgen liegen. --
Holen wir sie! erwiederte Antoine.
Das wäre auch wohl mein Gedanke, fuhr die Verkleidete fort, aber es
giebt manches dabei zu bedenken. Sagen wir vielen davon, so zertheilt
sich der Reichthum zu sehr. In zwei oder drei Portionen bleibt er
ansehnlicher. Sollen aber nur wenige den Gang dahin unternehmen, wird
die Gefahr für sie zu groß.
Wo liegt der Ort? fragte Antoine wieder.
»Am Nil, aufwärts von hier.«
Dann sehe ich keine Gefahr. Die Mammelukken des verfolgten Bei sind in
die Wüste getrieben. Am Nil hinauf stehen noch weithin Posten. Was die
arabischen Bauern oder Nilfischer anlangt, auf die wir stoßen können, so
nehmen es doch wohl drei Franzosen mit ihrer zwanzig oder dreißig auf.
»Meinest du?«
Warum nicht. Das Volk ist in Furcht gesetzt. Zudem giebt es manche
unsrer Anhänger darunter.
Floren lüstete es so sehr nach Vermehrung ihrer schon ansehnlichen Habe,
daß sie den nur zu unternehmenden Antoine noch lebhafter anreizte. Es
wurde bald ein kurzer Plan verabredet. Der Jäger suchte noch einen
handfesten muthigen Kameraden aus, dem das Vorhaben mitgetheilt wurde,
und der sich so bereitwillig zeigte, wie jener. Nun erbat man auf einige
Tage Urlaub, um in einem nahen Orte kranke Soldaten zu besuchen. Da
alles wieder ruhig war, fand die Bitte Gewährung. Flore kaufte unter der
Hand von ihrem Gelde drei Esel zum Reiten, und noch einen, welcher das
reiche Gepäck auf dem Heimwege tragen sollte.
Wie alles bereit war, nahm sie, die unter keiner besonderen Aufsicht
stand, mit den Thieren einen verabredeten Weg, und erwartete die Jäger,
welche den ihrigen ändern, und zwischen den Schildwachen hindurch zu ihr
schleichen sollten.
Das ging erwünscht von statten, man fand sich bald zusammen, und brach
nach _Scheik Abade_ auf. Daß neben zwei Soldaten ein Mann in der
Landestracht ritt, erweckte vielleicht noch ein gewisses Vertrauen.
Ueberall waren Lebensmittel um Geld zu finden, bei Nacht blieb man unter
freiem Himmel, und ließ die Esel weiden, während einer von den Dreien
Wache hielt.
Am dritten Tage gegen Abend erblickten sie die Ruinen, und machten Halt,
denn Flore hatte den Gefährten nicht verhehlt, daß sie wider das dort
wohnende kekke Raubgesindel nichts vermögten, und nur unter dem
günstigen Einfluß des nächtlichen Dunkels etwas auszurichten sei.
Man erwartete also die Nacht, und zog nun leise weiter.
Da die Schatzlustigen bis nahe an den Ort gekommen waren, ging Flore
voraus, die Sicherheit zu erspähn, kam bald zurück, und hieß Antoine
folgen. Der dritte Gefährte mußte mit den Eseln in einiger Entfernung
harren, und den Thieren wurden die Mäuler verbunden, daß ihr Geschrei
kein Unheil stiftete.
Wenn der Golddurst die Columbe uns den Weg durch unbekannte Meere
entdecken ließ, so konnte ja wohl Flore eine Reichthum bergende Stelle
in tiefer Nacht wiederfinden, hatte sie doch der Versuch schon einmal
gekrönt. Es kostete nichts, wie den Ort am Nil erst zu suchen, wo sich
die Räuber ein- und auszuschiffen pflegten, von da an trügten Florens
Merkmale nicht mehr.
Sie stand nun mit Antoine bei den Trümmern. Die Steine, welche das
Goldgrab schlossen, waren hinweggewälzt. Beider mitgenommene Spaten
wühlten lustig in den Sand, und der Gräber Pulse flogen von Hoffnung. O
Schrecken! da ertönt nahe bei ihnen eine helle Pfeife.
Sie halten bestürzt an, die Pfeife läßt sich wieder hören, abermals.
Beide ergreifen ihre Pistolen, und wenden sich nach der Stelle, wo der
Klang herkömmt, dem unwillkommenen Virtuosen eine Pause aufzuerlegen. O
weh, da hört man zwei, drei, zehn andere Pfeifen von den Hütten her.
Irrlichtern gleich schimmern bald viele kleine Fackeln, aus Schilfrohr,
im Umkreise, weichen aber nicht wie jene, sondern nahen eilig.
Flore war einer Ohnmacht nahe. Wir sind verrathen, rief Antoine leise,
und müssen auf Rettung denken.
Von einem Orte, wo Gold liegt, entfernt man sich mit Mühe, sollte auch
der Schrecken neben dem Mammon wohnen. Dazu kamen die vielen
Hindernisse. Die Flüchtlinge stolperten über Gestein, was sowohl ihr
Fortkommen hinderte, als zugleich ihren Weg kund machte; bald waren die
Fakkeln da und die gräßlichen schwarzgelben Träger wurden sichtbar.
Antoine schoß sogleich einen davon nieder, bekam aber in dem Augenblicke
den Todesstoß einer Lanze in die Brust. Fangt sie lebend! schrien einige
Stimmen, und Flore, die diesmal nicht so muthig war wie sonst, wagte
sogar keine Pistole loszudrücken, ward umklammert, entwaffnet, gebunden.
Entsetzlicher Wechsel!
Der Muth ist sich nicht gleich, hängt an vielen Umständen, die es schwer
wird, zu verfolgen. Man hat spiellustige Krieger bemerkt, die, wenn
grade die Würfel schlecht gefallen waren, Löwentapfer auf ihren Feind
losgingen, dagegen wenn ihnen das Glück eine reiche Börse gefüllt hatte,
eine sehr mäßige Lust bezeigten, zu sterben. Es ist aber keine
allgemeine Regel, und ganz im Gegentheil ist bisweilen verfahren worden,
wo das Gold Kraftgefühl und Vertrauen auf guten Ausgang weckte, und der
Mangel daran, nur Kleinmuth über den Mann kommen ließ.
Genug, Flore erwies sich feig, und beiden war wohl Mangel an gehöriger
Disposition vorzurücken. Der Gefährte mußte näher seyn, die Thiere
irgendwo angebunden. Die drei konnten unter abwechselndem gut gezieltem
Feuer dann wohl den zehn Räubern widerstehn. Zu wenig wäre es noch
gewesen, sich nur mit Ordnung zu den Thieren zu retten, und dann schnell
zu fliehn, man hätte die Feinde erlegen, in die Flucht treiben, und die
Schätze mit Gewalt heben müssen. Doch es war versehn, der tapfere
Antoine lag, Flore wurde fortgeschleppt, und auch der dritte Gefährte
büßte noch das Leben ein. Denn, nachdem er schießen gehört hatte, wollte
er den Uebrigen helfen, kam näher, wurde umringt, vertheidigte sich
hartnäckig, und blieb.
Der Leser hat gewiß schon errathen, woran die Wachsamkeit jener Räuber
eigentlich hing. Sie nahmen wahr, daß Jemand an dem Orte, wo die
Kostbarkeiten verborgen lagen, gewühlt hatte. Wer konnte das sein? Aus
ihrer Mitte Niemand, denn so gut Lessing die Räubertreue seines Angelo
rühmt, der doch wirkliche Vorbilder in Italien haben mußte, so
gewissenhaft die Diebe in großen deutschen Städten über dass gemeine
Aerar halten, so verdienen egyptische Bösewichter wegen ihres ^Esprit de
corps^ Lob. Man fiel also gleich auf das verwünschte ungläubige
Weibsbild, das ihre Kameraden bei sich hatten. Wie aber war diese vom
Schiffe entkommen? Schlimme Ahnung! vermehrt durch das Ausbleiben,
erfüllt durch die schreckliche Entdeckung des aus dem Nil hervorragenden
Mastbaumes, da man die Kameraden zu suchen ging.
Nur die näheren Umstände blieben dunkel. Wer weiß aber, beratheten die
traurigen Unholde, ob die Sehnsucht, unsre Schätze zu plündern, die
Verrätherin nicht wieder nach Scheik Abade führt, ob sie nicht Hülfe von
den ihrigen mitbringt? Wir wollen jede Nacht eine Wache ausstellen, daß
wir für das Unsrige gesichert sind, und vielleicht Nachrichten von den
unglücklichen Brüdern, und Rache erlangen.
Flore wurde in eine Hütte gebracht, und mit der schrecklichsten Folter
bedroht, wenn sie nicht sogleich aussagte, was mit den Kameraden
geschehen sey. Man machte zugleich Anstalt, ihr Splitter unter die Nägel
zu stecken, und sie anzuzünden. Es bedurfte so viel nicht. So nahe am
Hafen gestrandet, war alle ihre Besonnenheit dahin, sie ergab sich in
ihren Untergang, und berichtete alles genau.
Die Räuber staunten, sprachen aber einmüthig aus: die Mörderin ihrer
Brüder müsse zur Strafe des Spießes verurtheilt werden; und drohten ihr:
daß sie drei Tage lang an dieser Marter hinsterben sollte.
Man war mit einer solchen Geräthschaft versehn, und richtete sie mit
angrauendem Tage schon auf, so große Eile hatte die Mordlust. Nach dem
Entwandten wurde weiter nicht geforscht, in der Voraussetzung, es würde
in ferner Verwahrung liegen; man untersuchte eben so wenig Florens
Kleidung, sonst würde sich noch ein guter Theil davon wiedergefunden
haben.
Flore wüthete Tausendmal gegen die unselige Gier, sich mehr zu
bereichern, die zwei braven Männern schon das Leben gekostet hatte, und
ihr nun mit dem schmählichsten Martertode drohte, aber es ließ sich
nichts mehr ändern.
Sie hörte das Hämmern in der Nähe. Zwischen versteckten Wänden wurde der
ungeheure Spieß auf einen Pfahl befestigt. Jedermann wird glauben, daß
ihr Haar sich gesträubt habe.
In einer Stunde war alles bereit, auch heller Tag. Nun rissen die
wuthschnaubenden Buben sie hinaus. Ha, riefen sie, sie stahl Mustaphas
Turban, und seinen Doliman, beides soll sie auch auf dem Spieße tragen.
Sechstes Kapitel.
Der Bei.
Jede Lebenskraft abgespannt, ließ sich Flore hinschleppen. Schon
erblickte sie zwischen den Mauern das schauerhafte Todeswerkzeug, als
plötzlich eine fremde Stimme fragte: _was habt ihr mit dem Jüngling
vor_?
Flore hatte keinen Muth aufzublicken, woher die Stimme schon durch ihren
sanften Klang hier fremd bezeichnet, kam, aber sie bemerkte doch, daß
alle ihre Begleiter mit einem bangen Ausruf, zur Erde aufs Knie
stürzten.
_Was habt ihr mit dem Jüngling vor_? erneuete sich die Frage. Keine
Antwort. Die Stimme äußerte nun Zorn, aber einen Zorn, der hier Trost
und Erquickung wurde, einen Zorn, der des Vertrauens Fülle in den Busen
goß. Leiser zagend hob die bestürzte Verurtheilte das Auge empor, und
gewahrte einen hochgestalteten glänzend gekleideten Mann, auf einem
muthigen Araberhengst, umringt von stattlich bewaffneten Reisigen in
reicher morgenländischer Tracht.
So tobend, so besinnungraubend war der Bösewichter Grimm gewesen, daß
sie die Ankunft eines zahlreichen Reutertrupps durchaus überhört hatten.
Daß Flore damals nicht bemerkte, was weiter um sie vorging, bedarf
keiner Erklärung.
Isaaks Sohn, (kein Jenaischer Philosoph zweifelt mehr an der Legende
Wahrheit, höchstens noch lutherische Landprediger, und schon einige
Kapuziner) da das Opfermesser sich erhoben hatte, vor dem lodernden
Scheiterhaufen, fühlte aber nicht viel mehr Wonne, bei des Seraph
Einspruch, wie Flore im Anblick des edelgestalteten Mannes, denn der
Gedanke: _er wird mein Retter seyn!_ dämmerte ihr gleich auf.
Ein Vertrauen, als hätte sie den Mann seit Jahren gekannt, folgte dem
Gedanken, und der Muth, statt der im Staube sich krümmenden Räuber zu
antworten, folgte dem Vertrauen. Flore nahm ihre Sprachkunde zusammen,
und rief: Edler Pascha, erhabner Bei, oder wer ihr seid, die Männer
wollen mich schmählich ermorden. Dort ragt schon der Spieß empor.
Mit Wohlgefallen und Milde blickte der Angeredete auf Floren nieder, mit
heftigem Unmuth nach den Räubern. Fürchte nichts, sprach er zu der
Ersten gewendet, dann schalt er die Andern mit Nachdruck. »Wenn euch
dieser Jüngling Leides that, wie durftet ihr euch vermessen, selbst
Richter zu seyn? Warum bringt ihr ihn nicht zum Kiaschef, und der ihn zu
einem Richteramte, das über Leben und Tod aussprechen darf? Aber ich
sehe aus dieser sträflichen Wildheit, ihr gehört zu dem Raubgesindel,
das den Nil unsicher macht. Fischer nennt ihr euch, und plündert die
Schiffe. Jetzt hab ich die Zeit nicht, euer Treiben untersuchen zu
lassen, aber ein Andermal. Damit ihr hier keine längere Zuflucht habt,
so steckt selbst gleich alle die Hütten in Brand. Gehorcht, oder ich
lasse euch niederhauen.«
Des Befehls Donner wirkte so mächtig, daß alles gleich aufsprang, und in
zwei Minuten loderte schon das Dorf empor.
Während dessen fuhr der Muselmann fort: Den jungen Menschen nehme ich
mit, seine Miene zeugt von Unschuld. Wie froh sprang Flore auf. Die vier
Esel liefen, die Zügel ineinandergeschlungen, noch in der Nähe herum.
Sie machte sie los, befreite die Mäuler von den Tüchern, und schwang
sich auf den besten. Die drei andern schenk' ich euch großmüthig, rief
sie den Räubern noch zu, und mischte sich nun unter das Gefolge von
Mammelukken, das dem Nile zueilte.
Hier standen verschiedene Fahrzeuge in Bereitschaft, und die Ueberfahrt
wurde so schnell es immer anging, ins Werk gebracht.
Flore erfuhr, sie habe den Bei gesprochen, den die Europäer in die Wüste
gedrängt hätten, der nun aber über den Strom zu seiner Famille wollte,
die weit nach Oberegypten hin, in Sicherheit gebracht sei. Desto
unentdeckter zu bleiben, war der Weg durch die Ruinen genommen worden.
Die Schiffe zur Ueberfahrt an Ort und Stelle zu finden, fiel ihm bei
seinem Anhang und seiner Kundschaft des Landes, nicht schwer.
Die Mammelukken erzählten das alles willig an Floren, und redseliger als
sie gewohnt zu seyn pflegen. Aber man darf kühn auf der Diener Artigkeit
zählen, wenn das Oberhaupt freundlich war, wie auch der umgekehrte Fall
statt hat. Das mit dramatischer Kraft zu zeichnen, ging Schiller einen
Anachronismus von zwanzig Jahren ein. Denn der Admiral Medina Sidonia
erschien in seinem Carlos, und jammerte über die zerstörte
unüberwindliche Flotte. Diese Armade ging aber 1588 verloren, und Prinz
Carlos starb schon 1568.
Auch liegt es im Menschen, daß er sich freudig an seinen Retter
schließt, mag dieser immer einer feindlichen Nation zugehören. Drum
befand sich Flore überaus wohl unter diesen Leuten, und sie zog getrost
mehrere Meilen jenseits des Nils mit fort, ehe sie einmal recht daran
dachte, was nun für sie zu thun sey? Es zerstreute dazu sie so Manches
unter dem Haufen, und fesselte ihre Aufmerksamkeit.
Nun wurde gelagert, denn man hatte auch Gepäck bei sich. Nicht lange so
stand ein Dörfchen von bunten Zelten auf der Ebene. Hammel steckten an
Spießen, Reis dampfte aus Casserollen. Flore, als ob sie dazu gehöre,
ließ den Esel im hohen Grase weiden, kaufte von einer Art Marketenderin
das Benöthigte, und richtete sich einen Pilau zu. Der Hunger war, wie
man denken kann, seine köstliche Würze.
Allein sie hätte diese Mühe sparen können. Denn kaum hatte sie
angefangen, ihr klein Gericht zu verzehren, als der gütige Bei, der sie
nicht vergaß, einen seiner Diener schickte. Dieser brachte eine
Lammskeule mit Knoblauch, einen Salat von Oliven, eine Art
Wachtelpastete, und eine Schaale Sorbet. Flore wies das nicht zurück,
sondern erquickte sich gar behaglich.
Man braucht noch nicht einmal ein Nicolai an kunstrichterlicher Strenge
und Wissenschaft zu seyn, sogar ein literarischer ^Chévalier
d'industrie^ aus Berlin, der sich beim Morgenblatte oder der allgemeinen
Zeitung zum Nachrichtgeben versteht, und daneben bisweilen eine
Haßkritik einstreuen darf, kann sagen: daß es gar nichts
Erzählungswerthes ist, wenn irgendwo geschmauset und getrunken wurde.
Aber was erzählt denn selbst der göttliche Homer (nach Fichte freilich
kein Dichter) am liebsten? Streicht in der Ilias und Odyssee, alle
Ochsenbraten und was noch dazu gehört, wieviel bleibt übrig? Am Ende
kehrt ja die geistige Ausflucht immer wieder zur Sinnlichkeit, und die
feinere Sinnlichkeit zur unfeineren. Der Libertin, welcher dreißig Jahre
lang, die liebsten Schönheiten verfolgte, und darüber oft die
Tafelfreuden übersah, blickt am Ende doch mit festerem Ernst nach einer
guten ^Table d'hôte^ hin, oder knüpft eine Ehe ^propter opem^[3].
Welcher treffliche neue Morgen der französischen Literatur brach mit
jener Staatsumwälzung an! Gleichwohl ist die Gastronomie unter den
neuesten Werken zu Paris, dasjenige, welches die meisten Auflagen
erlebte. _Hästia_ allein, spricht Platon, die häusliche, wartet des
Heerdes, wenn der Vater der Götter und Menschen auf dem geflügelten
Wagen allwaltend dahinfährt, und dem Führer des himmlischen Zuges die
übrigen Götter folgen. Und ist nun der Zug vollendet, sehnen sich die
Ermüdeten alle nach Hästia. Wenn die Deutschen, überall philosophirend,
noch keine Philosophie der Kochkunst aufweisen, so kömmt es blos daher,
weil sie nicht reich sind, und es auch nicht werden dürften, da, was zum
Reichthum führt, List, Thätigkeit und Gewalt, ihnen fehlen.
[Fußnote 3: Ein Rechtsgelehrter, der drei Weiber während seines Lebens
heirathete, pflegte zu sagen: er habe die eine ^propter opus^, die andre
^propter opes^, und die dritte, ^propter opem^ genommen.]
Siebentes Kapitel.
Fortsetzung.
Nach der Mahlzeit erschien wieder ein Diener des Bei, und lud Floren zu
ihm. Sie nahte sittsam, unterwürfig, dankbar, doch mit naivem Vertrauen.
Jener fragte:
Woher bist du Knabe?
_Flore._ Herr, vor einem andern würd ich beben, vor Dir nicht. Ich bin
ein Frank.
_Bei._ Immerhin! Doch ein Renegat?
_Flore._ Nein, ein Nazaräer.
_Bei._ Immerhin! Wie kömmst du aber zu dem grünen Turban?
_Flore._ Ein Kopte hat ihn mir verkauft --
_Bei._ Den darfst du nicht tragen.
_Flore._ Verzeihe meiner Unwissenheit! Schon erfuhr ich, daß es der
Brauch nicht sei, fand aber noch keine Gelegenheit, einen andern zu
kaufen.
_Bei._ Er steht dir wohl, aber ich schenke dir dennoch einen anderen.
Hier entließ er sie, und ein Diener brachte gleich darauf eine artige
Mütze, wie sie die Franken im Lande tragen dürfen. Flore händigte den
Turban dafür aus, nachdem die Steine auf die Seite geschafft waren.
Gleich danach wurden die Zelte abgebrochen, und Reise ging weiter.
Flore machte sich nun Vorwürfe, daß sie nicht des milden Augenblicks
gewahrend, den Bei um Erlaubniß gebeten hatte, den Weg nach Cairo nehmen
zu dürfen. Indessen, dachte sie, findet sich dazu wohl eine andere
Gelegenheit. Wer weiß, ob er mir nicht ein Paar Mammelukken zur
Bedeckung bis an die ersten unsrer Posten mitgiebt, denen ich gern
reichlich lohnen will.
Sie folgte also dem Zuge, denn heimlich davonschleichen, das wollte sie
nicht, auch schien das aus manchen Gründen nicht rathsam.
Man reisete schnell, und mit ängstlicher Vorsicht, immer noch einen
Ueberfall der Europäer fürchtend. In der folgenden Nacht wurden
Schildwachen in weiter Ferne ausgestellt, und die Hälfte der Mammelukken
mußte angekleidet bei den Pferden bleiben, während die Uebrigen in den
Zelten ruhten.
Flore wurde in das Zelt der Itschoglans des Bei geladen, wo sie bequem
übernachtete. Ihren Esel mußte ein Mammelukkenknecht versehn. Sie war
entzückt von so vieler Güte, doch entbrannten ihre Wünsche nach Cairo
lebendiger.
Am andern Tage wieder schneller Marsch, gegen Mittag Rast. Flore
bereitete sich schon keine Speise, in Erwartung, der gute Bei werde
sorgen. Das geschah auch, und sie wurde reichlich aus seiner Feldküche
versehn. Nachher mußte sie abermals vor ihm erscheinen, und er sagte
ihr, daß die Frankenmütze sie vortheilhafter wie jener Turban kleide.
Sie dankte auf das verbindlichste für sein Geschenk, brachte nun aber
mit Offenheit und Muth die Bitte an, sie ziehn zu lassen.
Hierauf wurde nichts erwiedert. Dagegen gebot der freigebige Muselmann,
dem jungen Franken einen schönen Säbel zu reichen.
Es ging weiter. Flore war verdrießlich auf einer Seite, auf der andern
aber fand sie doch, daß man ganz ausnehmend artig gegen sie sey.
Vielleicht hat er mich in der Geschäftszerstreuung nicht verstanden,
meinte sie, ich bitte wieder, und der gute schöne Mann erhört mich
gewiß.
Wieder gute Bewirthung im Lager, und in der Nacht Bequemlichkeit auf den
Teppichen der Itschoglans.
Am folgenden Tage vergaß Flore nicht, ihr Anliegen zu erneuen, da der
Bei sie wieder vor sich lud. Sie empfing keine Antwort, dagegen einen
weissen Kaftan mit schwarzem Fuchspelz verbrämt.
Wieder ein Tag, wo ihr alle Milde widerfuhr, nur hatte man kein Gehör
für die Bitte. Statt allem Bescheid darauf, wurde ihr ein Pferd mit
stattlichem Sattel und Zeuge vorgeführt.
Jetzt befand man sich schon in einer Wüste. An Flucht war um so weniger
zu denken. Die Pariserin wußte gar nicht, was sie über das Betragen des
Muselmannes denken sollte, und weil Dankbarkeit ohnehin eine Grundlinie
ihres Charakters zog, fand sie den Bei mit jedem Geschenke
liebenswürdiger, ja auch schöner wie ihren Ring, dessen körperliche
Vorzüge ohnehin das letzte waren, was sie an ihm liebte. Zudem befand
sie sich so außerordentlich behaglich in dem Lager, daß die Trennung
davon nicht ohne Schmerz mehr vollzogen werden konnte. Wohlleben im
Ueberfluß, allenthalben dienstbare Huldigung, denn nach jeder neuen Gabe
des Oberherrn wurden die Diener unterwürfiger und schmeichelnder, ja es
nahten bereits Itschoglans oder Mammelukken mit kleinen Geschenken, um
ihrer in Gutem zu gedenken, oder etwas für sie durchzusetzen.
Endlich war die nicht breite Wüste durchzogen, und ein Bezirk erreicht,
wohin noch keine fremde Waffe drang. Eine Landschaft, die mit ihren
zauberischen Reizen alles bei weitem übertraf, was Flore an
Naturschönheit in Niederegypten gesehen hatte, die überall den Gedanken
an die fabelhaften glückseligen Inseln der Dichter rief. Freilich auch
ein häßliches Sumsen der Mosquiten in der Luft, und ihr quälender Stich;
freilich Skorpionen in den Ritzen der Gebäude; freilich hier schon
Krokodille genug im Nil, aber die Fülle des Angenehmen ließ das alles
vergessen.
Hier lag das Landhaus, wohin der Bei seine Schätze und Weiber geflüchtet
hatte, wie der fremde Besuch nach Egypten kam. Ein nicht großes, aber
sehr niedliches Gebäude, dessen plattes Dach mit Erde überworfen, mit
den lieblichsten Blumen bepflanzt, und mit einem buntgewirkten
Zelthimmel überbreitet war. Es lag mitten im Garten, die Ställe,
Soldatenwohnungen in einiger Entfernung. Der Garten war mit einer Mauer
umgeben, so breit, daß man oben nicht nur spazieren gehn, sondern auch
reiten konnte. Eine Allee von Orangen befand sich oben, was einen
überaus lachenden Anblick gewährte. Die Lustteiche, mit ihren kleinen
Gondeln; die heiteren Pavillons, auf Hügeln gebaut, die eine weite
Aussicht eröffneten; die leis murmelnden Wasserfälle; die Bäche mit
seltsam bunten Fischen; das glänzende hold singende Gefieder auf dem
lieblichen Strauchwerk, dem der herannahende Winter keine Schönheit
raubte, nur die Frische des Grünes, von den Sonnenstrahlen erst gedörrt,
zurückgab; alles das vollendete die wunderähnliche Wirkung dieses, mit
Recht vom Bei erhobenen, Asyls. Nur ein Umstand konnte einen
europäischen Baukünstler dort zur Verzweiflung bringen. Zum Portal des
Landhauses führte nehmlich ein schöner Säulengang. Der weisseste Marmor,
im Alterthum die Zierde eines herrlichen Tempels zu Memphis. Die Säulen
hatten aber unter den Ruinen umgestürzt gelegen, der neue egyptische
Architekt gemeint: es sei immer gleichviel; und so standen die Kapitäler
unten, während die Piedestale stolz emporragten. Flore verstand zwar
nicht das mindeste vom Bauwesen, aber doch hatte sie oft in Paris, vom
Pont-neuf herkommend, die gepriesene Kolonade am Louvre betrachtet, und
so konnte es nicht anders seyn, der Uebelstand mußte ihr einleuchten.
Sie lachte ganz dreist, über den verkehrten Prunk, eine Unart, die ein
empfindlicher Bei mit dem Kopfe würde habe büssen lassen, dieser aber
gab Befehl, die Säulen umzudrehn.
Seine Großmuth verringerte sich hier nicht. Kaum hatte man sich von den
Beschwerlichkeiten erholt, als Flore vorgefordert wurde. Schöner Frank,
sagte der Bei, ich mache dich zum Itschoglan, du kannst zur Religion
Mahomeds übertreten, du darfst Nazaräer bleiben, nach Gefallen. Auch
Christus predigte das Wort. Du sollst aber nicht bei den andern
Edelknaben wohnen, sie sind wild und roh, hier im Landhause ist dein
Zimmer. Komm, du sollst Fatmen, mein Weib, kennen.
Flore wunderte sich höchlich, da der vornehme morgenländische Herr,
gegen alle Landessitte, den vermeinten Jüngling in den Harem führte, ja
ihm die Erlaubniß gab, ihn mit aller Freiheit zu besuchen, so oft er nur
wollte.
Fatme war eine sehr schöne Frau, von einer Weisse und Feinheit der Haut,
wie man sie auch in den höchsten Ständen der Christenheit nicht
erblickt, da hier die Damen sich unfreundlichen Einflüssen der Witterung
immer häufiger blosstellen, und nicht im Besitz einer gewissen Salbe
sind, deren man sich dort mit großem Erfolg bedient. Nur einen zu hohen
Grad der Formenfülle, hätte man, an Mittelverhältnisse gewöhnt, der
Schönheit dieser Fatme zum Vorwurf machen können.
Sie gab ihrem Gemahl nichts an Güte nach, und der neue Itschoglan wurde
von ihr mit einem gestickten Gürtel von hohem Werthe beschenkt.
Flore fing schon an, bei sich zu denken: Wenn dies Leben so fortgeht,
werde ich alle Mühe anzuwenden haben, um Ring nicht ganz und gar zu
vergessen.
Der Bei war noch in den ersten Tagen mit vielen Boten beschäftigt, die
Briefe da und dorthin fördern sollten, und sprach daher Floren nur
wenig, dagegen blieb letztere zu ganzen Stunden im Harem, wo ihrer immer
die köstlichsten Erfrischungen warteten. Fatme lustwandelte auch häufig
mit ihr im Garten, doch trug sie dann den Schleier, und einige
Sklavinnen folgten unterwürfig. Immer in der Sprache geübter, und
erfüllt vom Vertrauen, wagte Flore bald, mit der Gattin des Bei über
ihre Lebensverhältnisse zu reden. Sie pries das beneidenswerthe Glück,
einen so liebevollen Gemahl zu besitzen. Da seufzte Fatme aber. Der
vermeinte Itschoglan fuhr fort: Und wie ausgezeichnet bist du vor allen
Muselmänninnen! Gleicht sonst der Großen Harem den Kerkern, der deinige
ist ein Tempel der Freiheit. Doch setzte sie mit etwas stockendem Tone
hinzu, kann das auch nur ein so liebenswürdiger Mann, wie der Bei,
wagen. Hier weinte Fatme. Flore war befremdet. Jene brach aus: O warum
bewacht er mich nicht strenger? Es würde mir ein Zeichen der Liebe
gelten. Nur Kälte öffnet des Harems Thüren. Ich bin freilich sein einzig
Weib, aber --
Tränen unterbrachen sie, und Flore schwieg traurig.
Von jetzt an, ruhten die Blicke der Mahomedanerin länger und fester auf
Floren, auch mußte sie öfter in dem Harem erscheinen. Ganz allein befand
sie sich übrigens dort nie mit ihr, sondern einige aufwartende
Sklavinnen waren gewöhnlich noch im Gemach.
Auch die Geschenke mehrten sich, und selten verließ die Verkleidete den
Harem, ohne irgend eine Kostbarkeit mitzunehmen.
Von nun an lebte der Bei sich auch mehr selbst. Vor den Europäern war er
in der Entlegenheit gesichert, sonst fürchtete er Niemand, viele seiner
Soldaten wurden also entlassen, und Waffengetöse störte weniger des
Landsitzes Ruhe. Er hatte Schätze genug hierher geflüchtet, und bedurfte
vor der Hand keiner Einnahmen, um den Ausgang der Begebenheiten
abzuwarten.
Oefter sah er nun auch Floren, die noch mehr wie vorher mit Huld
überhäuft wurde. Die zärtlichen Blicke, sogar das Erröthen seiner Wange,
wenn Flore ihn ansah, hätten sie fast den Argwohn schöpfen lassen, er
ahne ihr Geschlecht und wirklich fürchtete sie diese Ahnung nicht sehr;
allein das ließ sich doch wieder nicht glauben, da Flore immer die
Dienste eines Itschoglan verrichten, und den Bei zu Pferde beim
Spazierritt begleiten mußte.
Wie lange wird es wohl möglich sein, fragte sie sich oft, das Geheimniß
zu bewahren?
Nach einigen Tagen wurde ihr Schlafgemach verändert, und ihr eins ganz
nahe bei dem Zimmern des Herrn angewiesen. Die erste Nacht, welche sie
dort zubrachte, wurde sie durch ein leises Zupfen an der Bettdecke
geweckt. Sie fuhr auf. Eine Sklavin stand da. Folge mir Itschoglan!
sprach sie. Flore warf Kleider über und gehorchte. Man schlich durch den
Gang, welcher nach Fatmens Schlafzimmer führte. Floren pochte das Herz
gewaltig. Die Thür öffnete sich. Die Sklavin blieb zurück.
Die Fenster des Zimmers waren tief verhängt, aber eine kleine Lampe
verbreitete inwendig eine magische Helle. Ausgewählte Confituren und
Früchte trug ein kleiner mit Goldbrokat bedeckter Tisch. Aus Vasen von
chinesischem Porcellan dufteten die edelsten Blumengattungen, besonders
das liebliche afrikanische Gewächs _El Henne_ genannt, das aus seinen
traubenartig verbundenen Blüthen einen so balsamischen Ausfluß haucht.
Alles lud ein, dem kühnsten Wunsch nach hohen Genüssen Raum zu geben.
Im Schlafgewand, weiß wie eine Jasminblüthe, weich wie der innre Kelch
einer Aurikel, und beinahe so durchsichtig wie das Ballkleid einer
Berlinerin, nahte Fatme. Die süße Verlegenheit auf der gespannten Stirn,
auf ihren farbewechselnden Wangen, würde einen Faublas vor Entzücken
außer sich gesetzt haben, aber Flore war doch kein Faublas.
Wäre ihr etwas Aehnliches mit dem Bei begegnet, so würde sie sich fest
vorgestellt haben, daß Ring in Cairo bei ihrer Abwesenheit unfehlbar
strauchle, aber was gab es hier sich vorzustellen?
Fatme ließ sich auf die indischen Teppiche des Sophas nieder, und zog
Floren mit sanfter Gewalt zu sich. Die leisen fast unhörbaren Laute
ihrer ersten Worte gingen nach und nach in ein vernehmliches Flistern
über, und Flore hatte die Frage zu beantworten:
Hast du die Sprache der Blumen nicht verstanden, die ich dir sandte,
holder Itschoglan?
Sie erwiederte: Nein edle Frau.
»Also reden die Blumen in Europa nicht?«