Verzeihe Herr, daß ich Dir störend nahe --

Florens Abentheuer

in Afrika,

und ihre Heimkehr nach Paris.

Romantisches Seitenstück

zu den

Begebenheiten des Herrn von Jalonsky,

von

Julius von Voß.

Erster Band.

Mit Kupfern und Vignetten.

Berlin, 1809.

Bei Johann Wilhelm Schmidt.

Erstes Buch.

Erstes Capitel.

Wohin?

Nichts ist geheimnißvoller, wie eine Seefahrt, bei der man das Reiseziel

nicht kennt.

Da sammelten sich im Frühjahr 1798, Fahrzeuge, Piloten, Truppen,

Gelehrte, in Toulon. Jeder hatte nur den Befehl empfangen, sich

einzufinden, einen der allgemeinsten die es giebt. Aber vergebens

zerbrach man auf Caffeehäusern, oder Lustwandlungen am Seegestade den

Kopf, wohin Steuer und Seegel lenken würden. Nur dem großen Haupte war

das Geheimniß bekannt. Das Ohr der Neugier hing an jedem Munde, doch die

Lippen, von denen Befriedigung ertönen konnte, schwiegen.

Der Matros wünschte, es mögte nach Jamaika gehn, weil es dort den besten

Rum giebt.

Dem Krieger wäre die Fahrt nach den Brittischen Küsten, die

willkommenste gewesen, um seine Uniform aus dem besten Tuche der Welt

gefertigt, und ihre Taschen mit Guineen gefüllt zu sehn.

Nach Peru wäre lieber der Geometer gesegelt, dort einen Meridian zu

messen.

Der Mineralog sehnte sich nach Ländern voller Ur- Gang- Flötz- und

vulkanischen Gebürge, um erdige, salzige, metallische und gemengte

Fossilien zu sammeln, und noch neue zu entdecken.

Dem Botaniker konnte der Zug nicht weit genug gehn, denn er wollte die

Mooshirse in Afrika, die Schaukelpflanze auf den Südseeinseln, den

Kannenträger in Zeilon, den Asant in Persien, die Mimose in Amerika, und

den Bonanapas-Giftbaum in Java suchen.

So dachte der Zoolog, denn der Macacco in Angola, wie der Ai in Guiana,

der fliegende Hund in Polinesien, und Vampyr in Chili, der Springhase in

der Barbarei, und die Genethkatze in Syrien, die Hyäne, der Taguar, der

Löwe, Känguruh, Purna, Schakal, Zobel, Zebra, Bison, Cingalo, dann die

Schwimm- Sumpf- Strausartigen- Hühnerartigen- Sperlingartigen-

Rabenartigen- Spechtartigen- Geier- und Aarartigen Vögelgeschlechter,

die denkwürdigen Amphibien, die Insektenheere mit und ohne Fittig, die

seltsamen Conchilien, die Würmlein, Mikroscopthiere, Petrefakten, mußten

sie ihm nicht von gleichem Interesse seyn? Gab es nicht viele noch

unerforschte Gegenden, wo sich vielleicht, fast gewiß ein noch nie

gefundenes Geschlecht ausmitteln ließ. Auch schwamm er gleich willig

auf dem Oceane umher, da die Ichtyologie dort ihre reichen

Entdeckungsgefilde fand.

Die Alterthumskenner sehnten sich nach Inscriptionen und Gemmen, die

Architekten nach Tempelruinen, die Geographen wollten um den Erdball,

die Sternkundigen weit an den Südpol, die Chemiker überall hin, um

überall die Dinge mit Elementarkräften in einfache Stoffe zu zerlegen.

Wer die Begebenheiten des Herrn von Jalonski las, und guten

Gedächtnisses ist, muß sich erinnern, daß Ring und Flore durch die

Wirbelstrudel des Geschicks, auch nach Toulon geworfen wurden, und die

Unternehmung zu theilen dachten. Sie vertrauten sich muthig dem

Lebensgestirn, mogte es sie führen.

Ring machte die Bemerkung: es sei höchst befremdend, daß ein Feldherr

gegen Hundert Gelehrte in seinem Gefolge zählte. Deutsche Helden hätten

gegen Niemand eine größere Abneigung.

* * * * *

Man schiffte sich ein, lichtete die Anker, und mied den Hafen. Die blaue

Küste schwand, das helle Meer küßte überall den ätherischen Saum.

Gen Südost wendet sich der Cours, die Nauten erblicken die kleinen

Hierischen Eilande, bald darauf des Gebieters bergigte Heimath, dann

gings an die Königsinsel vorüber, deren Herrscher den Stolz der

beleidigten Republik schwer empfand.

Nach einigen Tagen nahte man den fruchtreichen Gestaden, wo des tiefen

Alterthums Legende die Polyphem hausen ließ. Aus ihrer Mitte stieg der

drohende Vulkan zur Höhe.

Werden wir hier landen, finden wir der Orangen die Fülle. Nein, es geht

vorbei.

Sollen vielleicht die Raubstaaten Afrikas der Neufranken Besuch

empfangen? Nein, dem heiterem Morgenlande zu, steuert der Pilot. Gilt

vielleicht dem Großherrn in Stambul der Besuch?

Doch man stationirt vor Malta. Eine Convoy von sechzig Segeln aus

Civitavecchia vereint sich mit der Flotte. Der Felsen, den Priestern von

altem Adel gehörig, wird angegriffen.

Hilf Himmel, wie erschraken die Ritter da droben, als die Kanonade

begann. Der warf die Pücelle, welche er eben las, in einen Winkel, jener

stieß seine Mätresse unsanft von sich. Alles lief durcheinander. Man

hörte Flüche in allen Zungen.

Sie hatten Recht. Eine Kanonade, lustig anzuhören im Theater oder bei

Musterungen, gellt unerträglich ins Ohr, wenn die scharfgeladenen

Schlünde uns zugekehrt sind.

Capitulation! ruft alles, in Bombenfesten Klüften versteckt. Die Fahne

des heiligen Johann galt nicht mehr, die weiße Fahne.

O ihr Rhodiser, die ihr einst euch so tapfer wehrtet, was sagt ihr im

Himmel droben, zu den Stiefenkeln? Doch tröstet euch! Der Zorn tapfrer

Ahnen im Todtenreich über die untapfre Nachkommenschaft ist nicht

selten.

Nach zwei Tagen waren die Unterschriften vollzogen, die Franzosen liefen

in den Hafen, und organisirten das Land. Wie weinten die Kinder der

Ritter!

Flore und Ring stiegen, wie der Schiffer spricht, auch an den Wall, und

besahen allerhand Merkwürdigkeiten. Rings Phantasie schwebte wonnig in

die Tiefen der Vorzeit zurück, als er die kirchlichen, griechischen, ja

phönicischen Alterthümer erblickte, die man hier vorzeigt; Flore hätte

aber lieber einen neuen Anzug aus dem Palais-Royal gesehn, und war oft

der Frage nahe, welche ein naiver Knabe, den sein Hofmeister unter

herrlichen Versprechungen nach Rom geleitet hatte, im Museum des

Vatikans that: ^Est ce que je m'amuse?^

Die unkriegerischen Ritter hatten, wie man weiß, ewigen Krieg

beschworen, und mußten also dem Pflichteide nach, ein wenig gegen die

Türken kreuzen. Da hatte man denn hie und da über Kauffahrer einen

stolzen Sieg getragen, und Gefangne gemacht, die sich zur Sklaverei auf

Maltha bequemen mußten. Man fand deren einige Hundert vor, und nahm sie

an Bord, um ihnen die Freiheit da zu geben, wo sie ihnen nützlich seyn

konnte. Nicht wenig befremdete die armen Teufel eine wohl nie erwartete

Großmuth.

Unter ihnen befand sich ein junger Muselmann Namens Coraim, von

freundlichem gutmüthigem Ansehn, und aufgewecktem Sinn. Er hatte in La

Valette etwas italienisch und französisch reden gelernt, und unterhielt

die Gesellschaft des Schiffes, auf welches er gebracht worden war, das

nämliche, wo sich Ring und Flore befanden, mit mancherlei Erzählungen.

Man erfuhr auch bald, daß er ein Mährchenerzähler war, deren es im

ganzen Morgenlande giebt, und welche die Stelle der Bücher vertreten. In

Deutschland hat bekanntlich vor einigen Jahren ein großes Genie das Wort

Kindlichkeit ausgesprochen, und wie gewöhnlich, wird ein so

ausgesprochenes Wort von Tausend kleinen Genies nachgesprochen. Wohlan,

man könnte wohl behaupten, daß die muselmännische Kindlichkeit in dem

Behagen an Mährchen, keine geringe Nahrung finde, und von da bis zu dem

Vorschlag einen solchen Gebrauch auch unter uns einzuführen, ist nur ein

kurzer Schritt. Auch leuchtet ein, daß eine Mährchenerzählung bequem in

derselben Stunde in Hundert Ohren zu tragen ist, wogegen das Buch, wenn

es nicht in vielen Abdrücken gekauft wird, eine langsame Wanderung

machen muß.

Der Wind blies nicht erwünscht, die Flotte wurde ziemlich im Meere

aufgehalten. Desto mehr gab es der Langeweile, und jeder suchte einen

Zeitvertreib. Denn der Blick ins Meer hinaus empfindet bald

Einförmigkeit.

Flore lag dann meistens den Coraim um eine Erzählung an, und fand ihn

immer willfährig, es mogte Tag oder Nacht seyn. Er glich darin nicht dem

Verfasser der Tausend und Einen Nacht, bei dem die anmuthige

Scheherazade immer angeredet wird: Wenn sie nicht schlafen, so erzählen

sie uns doch eine von ihren allerliebsten Historien. Da aber einige

junge Pariser noch spät an seinem Hause vorübergingen und riefen: Herr

Galland, wenn sie nicht schlafen, so erzählen sie uns doch eine von

ihren allerliebsten Historien, war der Mann sehr aufgebracht.

Zweites Capitel.

Coraims Erzählung.

Nachdem der Sklave einen ziemlichen Vorrath unglaublicher Berichte

erschöpft, und seiner Hörer Einbildung mit Geistern, Riesen, Zauberern,

Derwischen überfüllt hatte, theilte er auch die wahre Geschichte einer

schönen Europäerin mit, die sich vor einiger Zeit in Cairo zugetragen

hatte.

Ein Spanier segelte von Barzellona nach Egypten, weil er zu Cairo als

Consul seiner Nation wohnen sollte. Man hatte nicht Frieden mit Algier,

ein Corsar griff das spanische Schiff an, und ward Sieger. Die gefangene

Mannschaft wurde nach seiner Heimath geführt, und auf dem Sklavenmarkte

feil geboten.

Der Spanier wäre gefaßt gewesen, da er überzeugt seyn durfte, bald von

seiner reichen Familie losgekauft zu werden, aber er führte seine

neunjährige Tochter mit sich, und hatte schon auf dem Raubschiffe

gefleht, sie nicht von ihm zu trennen. Dies war aber umsonst gewesen,

wie das Winseln der ihn umklammernden Isabelle; der Corsar hatte Weiber

und Männer theilend, sie im Hafen auf zwei verschiedene Chaluppen

gesetzt, die nicht weit von einander dem Strande zuruderten.

Isabelle, so kühn wie zärtlich, hatte sich aber in einem Augenblicke, wo

beide Fahrzeuge fast mit den Borden zusammenstießen, aufgerafft und

einen Sprung gewagt, um zu ihrem Vater zu gelangen. Indem aber waren die

Boote wieder nach zwei Seiten gewichen, und die Unglückliche in die

Wogen gesunken. Das Bestreben, sie zu retten, blieb unbelohnt, um so

mehr, als die Dunkelheit des hereinbrechenden Abends, und die Strömung

der See hinderlich waren. Der trostlose Vater hörte nichts mehr von der

geliebten Isabelle.

Nach einem halben Jahre langte die Ranzionsumme an, und frei, doch

traurig und gebeugt begab sich der Spanier an den Ort seiner Bestimmung.

--

Sechs Jahre darauf langte eine Caravane von Fezzan zu Cairo an. Unter

vielen mitgebrachten verkäuflichen Gegenständen, sah man auch den

Sklavenmarkt durch diese Caravane gefüllt. Man fand dort Eunuchen und

glänzende Negerinnen, mit perlweissen Zähnen. Doch vor allen fesselte

ein funfzehnjähriges europäisches Mädchen, die Aufmerksamkeit der

Käufer. Wuchs, Auge, Haar, alles bezauberte an ihr, wie sich von selbst

versteht, und gegen die Sitte, war sie bekleidet, weil sie dem

Sklavenhändler erklärt hatte, daß sie sich den ersten gelegenen Tod

geben würde, wenn er sie, gleich den andern Mädchen, ohne Hülle

ausstellte.

Die Beis waren grade in Krieg verwickelt, und dachten nicht an den

Harem, die reichen Muselmänner versteckten ihr Geld, deshalb konnten

sich Europäer auf dem Bazar einfinden.

Unter andern befand sich eben ein Italiener zu Cairo, der egyptische

Seltenheiten einkaufte, Namens Signor Perotti. Alte Münzen von den

Ptolemäern, kleine Götzenbilder aus der Pharaonenzeit, Steine mit

Hieroglyphen, hatte er schon in Menge zusammengebracht. Schon öfter

hatte er vordem eine solche Handelsreise gethan, war denn mit seinen

Waaren nach Neapel, Rom und Venedig gegangen, wo er sie meistens an

reiche reisende Britten, mit unerhörtem Vortheil abgesetzt hatte.

Signor Perotti erschien auch auf dem Bazar, das lüsterne Auge an den

Reizen der enthüllten Mädchen zu weiden. Da er aber Isabellen sah, deren

Verhüllung grade die lieblichsten Ahnungen erweckte, ward ihm der

glühende Wunsch nach Besitz rege, und er fragte zitternd um den Preis.

Es wurden Tausend Piaster gefordert. Viel für einen Geitzhals, doch

überwand die Leidenschaft, und da der Verkäufer nichts ablassen wollte,

so zahlte Signor Perotti.

Isabelle rang weinend die Hände, da sie ihren Käufer betrachtete. Sie

redete ihn an, er verstand sie aber nicht. Wohl hatte sie erst

gewünscht, ein Europäer mogte sie erstehn, dem sie sich entdecken, und

ihn bewegen mögte, an ihre Familie zu schreiben, allein das ganze Wesen

dieses Pantalons deutete ihr nichts Gutes.

Eben aber, da der Handel abgeschlossen wurde, trat auch ein junger

Franzose hinzu, wurde plötzlich von des holden Mädchens Schönheit

bewegt, und fragte den Welschen mit Ungestüm, ob er sie mit hohem

Vortheil ihm überlassen wollte? Nein, versetzte Jener, und so ich

zehntausend Piaster gewönne. Das Mädchen blickte vielsagend nach dem

Franzosen, und er begriff, daß sie sich lieber in seinen Händen befinden

würde. Eine Entdeckung, die das Feuer seiner Liebe natürlich noch um so

mehr anfachte.

Er schlich dem Italiener nach, seine Wohnung zu erkunden, holte dann

eine bedeutende Summe, und begab sich wieder zu ihm. Dieser schlug aber

alles fest ab, und der Franzose ward, da er wieder erschien, nicht ins

Haus gelassen.

Trostlos berathete dieser mit seinem Diener, was hier anzufangen sei.

Das Haus hatte nach morgenländischer Sitte keine Wohnzimmer vorne

heraus, es bestand also nicht einmal die Hoffnung, die Schöne im

Vorübergehn zu erblicken, weit weniger ihr ein Billet zuzuwenden. Ins

Haus zu gelangen, das war ein Problem, welches er vollends nicht zu

lösen wußte. Wie die Eifersucht ihn unter solchen Umständen quälte,

fühlt auch jedermann.

Indessen hatte man sich genau um das Treiben des Signor Perotti

erkundigt, und Michelet, des Franzosen verschlagener Diener, entwarf

einen Plan, seinen Herrn zu dem Mädchen zu bringen, es koste was es

wolle.

Er begab sich nach des Italieners Wohnung, und pochte an. Der Herr

erschien vor der Thür, nachdem er das Haus vorsichtig wieder geschlossen

hatte, und fragte nach des Fremden Begehren. Dieser vertraute ihm

geheimnißvoll, er habe sich in eine der Pyramiden von Gizah gewagt, und

sei mittelst der mühvollen Hinwegwälzung eines großen Steines tiefer

eingedrungen als wohl noch jemand zuvor. Hier habe er eine kostbare ganz

unversehrte Mumie gefunden, und sie bei Nacht, und unter vielen Gefahren

nach Cairo geschafft. Wenn Signor Perotti Lust habe, könne er sie

kaufen.

Dieser war gleich dazu geneigt, und fragte: wo er die Seltenheit sehen

könne? Bei mir nicht, antwortete Michelet, da würde es Verdacht

erwecken, und ich würde um die Entwendung bestraft. Da aber in eurer

Wohnung kein Eingeborner lebt, so können wir dort alles ordnen, und ich

bin bereit, diesen Abend die Mumie in ihrem Sarge zu euch zu bringen.

Zwei vertraute Landsleute sind mir behülflich.

Der Italiener, in Hoffnung großer Vortheile, war es zufrieden, und

erklärte, daß er ihn am Abend erwarten werde.

Nun ward ein Mumiensarg, deren es in Cairo viele giebt, angeschafft, und

wie der Leser wohl schon erwarten mag, der junge Franzose hineingepackt.

Liebe, und Intriguengeist ermannten ihn, das Abentheuer zu bestehn, und

die Qual der beengten Lage zu dulden. Viele Luftlöcher sicherten ihn

gegen Erstickung.

Es war Abend, Michelet und einige Bekannten trugen die Last an den Ort

ihrer Bestimmung. Signor Perotti, ließ nur den Ersteren mit ein, und

trug sammt ihm den schweren Sarg in eine Kammer mit Gitterfenstern. Eben

sollte er nun geöffnet, und die Mumie geprüft werden, als es draußen mit

großem Getöse an die Hausthür pochte. Der Italiener ging mit Michelet

aus der Kammer, verschloß sie, und fragte: wer sich am Hause befände?

Diener vom Bei des Quartiers, lautete die Antwort. Man mußte öffnen.

Zwei Mamelucken standen da, und forderten, daß der Frank unverzüglich zu

ihrem Herrn käme. Gegen solchen Befehl gilt im Morgenlande keine

Einwendung, Signor Perotti beschied also den Mumienverkäufer nach

einigen Stunden wieder, schärfte seinem Bedienten Wachsamkeit ein,

versah die Hausthür noch mit einem überflüssigen Vorhängeschloß, und

folgte den Mammelucken.

Der junge Franzos öffnete nun sein ängstliches Behälter, und stieg leise

hinaus. Dunkel war die Kammer, das Fenster wohl verwahrt. Aber

Liebesritter versehn sich auf solche Fälle. Eine Quantität Scheidewasser

und eine scharfe Feile setzten ihn in Stand, durchs Fenster sich Raum zu

verschaffen.

Freilich konnte das nicht ohne Geräusch vollzogen werden. Doch jener

Bediente des Signor Perotti, der einen Sarg hatte ins Haus tragen sehn,

und nun das Bewegen und Klirren vernahm, ward furchtsam, und wagte nicht

nach dem Fenster zu eilen. Er wollte aus dem Hause, hinter seinen Herrn

laufen, und diesem berichten, was vorging, doch die Thür war zu.

In dieser Angst schloß er das Zimmer Isabellens auf, (gegen ihn, da er

alt war, argwohnte der Italiener nicht) und begehrte von ihr, sie sollte

mit ihm in den Hof kommen, damit er jemand bei sich hätte, und Muth

behielt.

Natürlich fragte Isabelle: was es gäbe? Entweder ward die Mumie

lebendig, oder in dem Sarge steckt ein Dieb, erwiederte Antonio.

Es war, als ob Isabellen etwas ahnte, und sie ging um so williger nach,

als ihr die Freiheit willkommen war, ihr Zimmer verlassen zu können,

denn bisher war sie immer eng eingesperrt gewesen.

Man kam in den Hof, und hörte die Feile. Isabelle nahte dem Fenster,

weil Antonio noch nicht dazu sich bewegen ließ. Der Franzose inwendig,

indem er wahrnahm, daß von Außen jemand heranschlich, sah sich

verrathen, und versuchte, was eine Geldsumme bewirken mögte. Er sagte

leis: Hundert Piaster sind zu gewinnen, so ihr mich zu der Sklavin

lasset.

Isabelle erkannte augenblicklich die Stimme des liebenswürdigen jungen

Mannes wieder, der so theilnehmend herangetreten war, als sie neulich

verhandelt worden. Besonnen flüsterte sie dem bebenden Diener zu: Hier

ist ein Räuber, eile auf mein Zimmer, da wirst du einen Dolch finden,

bringe ihn schnell hieher.

Antonio stolperte davon, kaum war er aber auf des Mädchens Zimmer

angelangt, als dieses hinter ihm verriegelt wurde, denn Isabelle war

nachgeeilt.

Jetzt kam sie wieder vor jenem Gitter an, und fragte: was das heimliche

Beginnen deute? Der Franzos hörte die Mädchenstimme froh überrascht, und

vernahm auch bald, daß die, welche sein leidenschaftlicher Ungestüm

suchte, ihm nahe sei. Er malte ihr mit den glühendsten Farben, seine

Liebe, und bat sie, mit ihm davon zu eilen. Eben hatte er auch einige

Eisenstäbe weggebracht, und konnte sich in den Hof hinausschwingen.

In starrer Verwunderung weilte das Mädchen; ihr Abscheu vor dem

Italiener siegte aber gleich über die Bedenklichkeiten, und sie fragte

schon, wie eine Flucht möglich sei? Zugleich berichtete sie, daß der

einzig im Hause vorhandne Diener in ihrem Zimmer verriegelt wäre.

Die Beiden hatten nun immer Spielraum gewonnen; die Treppe nach dem

Dache ward gesucht, das Schloß daran mit Gewalt zerstört, und der

Franzos stieg mit Isabellen hinauf. Es war platt, wie in ganz Cairo der

Gebrauch besteht. Nun gab er ein Zeichen, das unten von der Gasse

beantwortet wurde. Eine Strickleiter ward mit einer Stange dargereicht,

der Franzos befestigte sie, und ließ mit Hülfe Michelets, Isabellen und

sich hinab.

Zuvor hatte er aber noch Tausend Piaster auf den Mumiensarg gelegt, und

daneben geschrieben: Französische Intrigue.

Signor Perotti war unterdessen den Mammelucken gefolgt, die ihn aber

unter allerlei Vorwand auf der Gasse aufhielten. Bald gab es dies bald

jenes zu sehn, und es verging um so viel mehr Zeit, da in Cairo die

Straßen mit Thoren versehen sind, die erst geöffnet werden müssen.

Endlich aber gingen sie nach dem großen Canal hinab, und gaben dem

Signor Perotti auf, nur ihrer am Ufer droben zu harren, da sie einen

ihrer Kameraden, der unten die Wache bei den Barken des Beis hätte, zu

sprechen hätten. Allein sie kamen nicht zurück, und nur nach einer

ungeduldig ausgeharrten Stunde, wagte der zaghafte Italiener

hinabzusteigen, wo er denn keine Barke und keinen Mammelucken mehr

gewahrte.

Zitternd schlich er nach des Beis ihm wohlbekannter Wohnung, allein die

Dienerschaft wußte von keinem solchen Befehl, und er lief was er konnte

nach Hause, denn ihm leuchtete nun wohl ein, er hätte es mit vermummten

Betrügern zu thun gehabt.

Zuerst ward er die noch herabhängende Strickleiter inne. Grausenhaftes

Zeichen! Im Hof rief er den Antonio vergebens, und fand ihn endlich

statt Isabellen auf ihrem Zimmer. Heulend verkündigte er das Auferstehn

der Mumie, und empfing Mißhandlungen seiner unvorsichtigen Furcht wegen.

Endlich schlug Signor Perotti neben dem Sarge die Hände über den Kopf.

Sein Schmerz war ernstlich, und die Tausend Piaster trösteten ihn nicht.

Er hatte durch seinen Handel nach der Levante während zwanzig Jahren

etwas namhaftes erworben, und wollte sich nun auch einmal gütlich thun.

Der junge Franzos, Coutances war sein Name, war unterdessen mit der

reizenden Beute in seiner Wohnung angekommen, und Michelet bereitete ein

Mahl. Der Mann besaß eben keine Reichthümer, sondern fing meistens mit

aufgenommenem Capital eine Kaufmannschaft an. Die Tausend Piaster, im

Rausch der Liebe hingezahlt, konnte er eigentlich nur schwer missen.

Isabelle warf sich, wie sie sich allein befanden, zu seinen Füßen hin,

und bat um Schonung. Zugleich sagte sie ihm: ich gehöre einem reichen

Geschlechte in Spanien, und wurde von Corsaren geraubt. Suchen sie

Erkundigungen einzuziehn, ob mein Vater vielleicht losgekauft, und nach

Cairo gekommen ist. Wo nicht, so lassen sie uns nach Spanien reisen, und

empfangen dort meine Hand mit einem ansehnlichen Vermögen. Das sei der

Lohn ihrer Großmuth. Die Versicherung, daß mein Herz schon im ersten

Augenblicke für sie sprach, das Vertrauen, womit ich ihnen folgte, gnüge

bis dahin ihrer Liebe.

Coutances hörte ihr mit Befremdung zu, empfand Ehrfurcht für Isabellen,

und schwur ihr Begehren zu heiligen. Er fragte noch: warum in Algier

keine Anstalten zu ihrer Befreiung getroffen worden, und erfuhr: nachdem

sie durch Fischer aus dem Meere gerettet wäre, hätten sie diese nach

einem Landhause gebracht, und einer alten Dame verkauft, die große

Anhänglichkeit für sie gefaßt habe, und sich durchaus nicht hätte von

ihr trennen wollen. Bei einem innerlichen Kriege sei sie aber aufs Neue

geraubt, und endlich in die Gewalt des Sklavenhändlers gekommen, der sie

nach Cairo gebracht.

Der Geliebte ging am folgenden Morgen zu einem Bekannten, und fragte

nach den Lebensumständen des spanischen Consuls. Zu seinem größtem

Vergnügen hörte er, daß der Mann sich beinahe sechs Jahr in Egypten

befände, und auf der Reise den Unfall erlebt habe, Algierischer Sklave

geworden zu seyn. Kein Zweifel weiter. Auf der Stelle eilt er zu ihm,

und theilt schon im Geiste das Entzücken Isabellens.

Vor der Hausthür steht ein Mann, den Coutances fragt: ob der Consul

daheim wäre? Nein, ist die Antwort, er bringt einige Zeit in seinem

Garten zu, da er an der Augenkrankheit leidet, und hier so viel Staub

ist. Wißt ihr den Garten Freund? Könnt ihr mich auf der Stelle dahin

führen? -- Warum nicht.

Jetzt kömmt ein Diener mit zwei gesattelten Eseln die Gasse her. Sie

gehören dem Consul, sagt jener Mann, besteigen wir sie, der Herr würde

es übel nehmen, wenn man einem Fremden den weiten Weg zu Fuße machen

ließe. Coutances läßt sich das gefallen, nimmt das eine Thier, der

Andere das zweite, und so trabt man fort.

Ein kleiner artiger Garten nimmt den Franzosen auf, der nun in den

Pavillon geführt wird. Die Fenster sind grün verhangen, ein Augenkranker

sitzt, das Gesicht umschirmt, auf dem Sopha. Sind sie der spanische

Consul, mein Herr? -- Zu Dienst. -- Besaßen sie eine Tochter? -- O Gott,

warum mahnen sie mich daran? Sie ertrank im Hafen von Algier. Sie lebt,

glücklicher Vater, sie ist in Cairo!

Der rasche Ungestüm der freudigen Ankündigung bringt ihn einer Ohnmacht

nahe. Coutances unterstützt ihn, muß nun erzählen, wieder erzählen, soll

hin zu ihr -- noch bleiben -- dann wieder eilen, da der Spanier den

glücklichen Moment nicht erwarten kann.

Der Franzose wird eingeladen, auch seine Wohnung in dem Garten

aufzuschlagen, was ihm allerdings nicht unwillkommen ist. Der Alte

drängt. Eine Sänfte soll sogleich Isabellen holen, Coutances seine

Habseligkeiten ohne Zaudern mitbringen. Man giebt ihm deshalb noch

einige Packesel mit, und er eilt von dannen.

Wer ist froher wie Isabelle bei so freudiger Botschaft! Sie fliegt zur

Sänfte, kaum kann der Geliebte die Träger zurückhalten, die sie so

heftig antreibt. Er und Michelet laden alle Sachen, so schnell es

thunlich ist, auf, und folgen der Sänfte.

Man kömmt wieder in dem Garten an, Coutances führt Isabellen in den

Saal, die entzückt vor dem Alten niederfällt. Indem ruft der Mann

draußen, die Eseltreiber hätten einige Stücke von dem Gepäcke verloren.

Coutances, der Isabellen beim Vater weiß, springt zurück, denn an dem

Umstand ist ihm gelegen. Die Eseltreiber sind mit den Thieren

zurückgeeilt, auch der Mann. Coutances und Michelet folgen zu Fuße, denn

ihre Reitesel sind bei Seite geführt.

An einer Ecke hatte man jene im Getümmel aus dem Gesichte verloren.

Höchst verdrießlicher Umstand. Man eilt aus einer Gasse in die andere.

Umsonst! Man erreicht zuletzt die alte Wohnung. Da stehen die

Eseltreiber mit dem Gepäcke. Es fehlt nichts wie jener Mann. Die Kerle

erklären, er habe ihnen angedeutet zurückzukehren. Sonderbar! Seid ihr

denn nicht im Dienste des Consuls? Nein, wir wurden gedungen.

Coutances übergiebt sie seinem Diener, und eilt wieder nach jenem

Garten. Darüber aber sind bei der weiten Entfernung, und manchem

hinderlichen Aufhalt, einige Stunden vergangen. Der Pavillon ist leer.

Er fragt nach dem spanischen Consul. Den kennt der Wirth dieses

öffentlichen Gartens nicht. Einige Unbekannte haben ihn nur auf heute

gemiethet.

Er eilt zur Wohnung des Consuls in der Stadt. Der Mann, durch den er

neulich in der Thür Bescheid erhielt, findet sich nicht mehr vor;

dagegen erfährt er im Hause von der Dienerschaft, der Consul sei weder

krank, noch in einem Garten gewesen.

Schnell fliegt der Franzos wieder zu Signor Perotti. Der ist heute

ausgezogen, man weiß nicht wohin? Ein Mütterchen, die jenen von oben bis

unten besieht, spricht: ja es trifft zu, und führt ihn in die Kammer wo

der Mumiensarg noch steht. Er ist versiegelt, und hat auf dem Deckel

eine Aufschrift an Coutances. Eröffnet findet sich darin ein Beutel mit

Tausend Piastern, und auf einem Papiere die Worte: Italienische

Intrigue.

Wer malt den Zorn des Betrogenen! Er konnte sich alles deuten, da

Isabelle ihm gesagt hatte, sie habe dem Perotti ihre Geschichte

vertrauen wollen, weil er aber das Spanische nicht verstanden, so habe

sie alles zu Papier gebracht, und jener sich es wollen übersetzen

lassen.

Coutances lief nun abermals zum Consul, und erbat sich abermals eine

Unterredung. Nachdem es sich erwiesen hatte, daß Isabelle vollkommen

wahr geredet, und Entzücken über den wahren Vater kam, berichtete er nun

weiter, wie er so planmäßig durch den Italiener gefoppt sei.

Alle Mühe, die eben sowohl der Spanier wie Coutances anwandten, Signor

Perotti und Isabellen zu entdecken, blieb mehrere Tage unbelohnt. Dann

aber empfing der Vater durch einen Unbekannten ein Schreiben ohne

Anzeige des Aufenthaltes. In demselben zeigte Perotti an, wie er durch

seltsamen Zufall, Isabellen aus der Sklaverei gekauft habe. Er setzte

hinzu: Die Landessitte gäbe ihm ein unbestrittenes Recht auf das

Mädchen, und dies würde er auch üben, und sie auf seinen weiteren Reisen

mitnehmen, ohne daß der Vater sie zu Gesicht bekäme, es sei denn, dieser

wolle ihn zu seinem Eidam machen. Wäre dies etwa sein Entschluß, so

mögte er ihn mittelst eines Anschlags an eine gewisse Mauer in

italienischer oder französischer Sprache kund thun.

Hierdurch fand sich der alte Mann ziemlich gepreßt. Wie konnte er einem

Unbekannten, von dem dazu des Franzosen Schilderung sehr unvortheilhaft

war, so rasch sein einzig Kind zusagen. Gleichwohl besaß dieser dieses

Kind in seiner Gewalt, und ein andres Mittel, ihn zur Auslieferung zu

bewegen, entdeckte sich so leicht nicht. Doch wurde zuvor ein Anschlag

versucht, in welchem der Spanier erklärte: Wenn Isabelle es zufrieden

sei, würde er auch seine Einwilligung nicht zurückhalten; wäre das aber

nicht, so hoffte man von dem Zartgefühl des Italieners, er werde von

selbst keinen Zwang begehren, und ein reicher Lohn andrer Art wäre immer

für ihn bereit. Es wurden dringende Bitten angefügt, des Vaters

zärtliche Wünsche schnell zu befriedigen.

Signor Perotti wollte das aber nicht eingehn. Er verlangte in einem

anderweitigen Briefe, die runde nette Erklärung. Sonst, hieß es weiter,

reisete er ab, und nimmer würde der Spanier sein Kind an die Brust

drücken.

Was blieb letzterm nun übrig, wie eine bestimmte Zusage? Er bat zugleich

Coutances, zur Erhaltung des Friedens, sein Haus zu meiden, denn

letzterer hatte in der Erzählung wohl entdeckt, wie er sich schmeichele,

von Isabellen geliebt zu seyn.

Dieser schwur aber, das Mädchen um jeden Preis dem Italiener zu

entwinden, denn er konnte den Gedanken nicht tragen, auf sie Verzicht zu

thun. Ein Kaufmann seiner Landsmannschaft versprach ihm Gelddarlehne, um

weitschichtige Anstalten zu treffen, und Michelet bot, ein anderer

Scapin, allen Erfindungsgeist der List auf. Das Haus des Spaniers wurde

vorerst durch tiefvermummte Beobachter von allen Seiten umlagert.

Nicht lange so kam Signor Perotti, wiewohl noch alleine, an. Er ließ

sich nun noch von dem Spanier eine förmliche Handschrift aushändigen,

und nach dieser neuen und festen Sicherheit versprach er das Mädchen zu

bringen. Es war aber schon gegen Abend; in der Dunkelheit sollte nichts

geschehn, am andern Morgen erst, setzte er hinzu, dürfte der Consul die

Tochter erwarten. Eine Marter für seine väterliche Sehnsucht.

Am andern Morgen kam Signor Perotti die Gasse daher. In einer

wohlverschlossenen Sänfte wurde Isabelle getragen, und um ja keinem

Unfall blosgestellt zu seyn, hatte er sich von dem Bei seines Distriktes

sechs Soldaten zur Wache erbeten, und diese gut bezahlt. Er traute dem

Franzosen nicht, und fürchtete, dieser mögte ihm seine Beute allenfalls

mit Gewalt entreissen.

Ein etwas schmaler Canal lief queer durch diese Gasse. Eben als die

Sänfte auf der hölzernen Brücke angelangt war, entstand vor derselben

ein dickes Gedränge von Franken und Egyptern, die über einen

Kameelhandel in Zank gerathen waren. Das streitige Thier stand so, daß

in der schmalen Gasse fast kein Raum mehr blieb, vorüber zu kommen, um

so mehr, als so viele Menschen hinderlich waren, es in eine andere

Richtung zu bringen. Dem Italiener war das aufs Aeußerste verdrießlich;

er ließ die Sänfte niedersetzen, stand an einer Seite derselben, Antonio

an der anderen, die Soldaten mußten einen dichten Kreis um ihn ziehn,

und ins Volk rufen, damit bald Raum gemacht wurde. Bald schwand eine

Viertelstunde hin. Dann aber konnte man vorwärts dringen.

Der Consul stand voller Erwartung an seiner Thür. Endlich kam die

Sänfte, wurde durchs Haus in den Hof getragen, und Signor Perotti eilte

aufzuschließen. Mit offnen Armen stand der Vater da, wollte nun die

Langentbehrte glühend umfassen, doch die Thür öffnete sich, und zeigte

eine leere Sänfte. Auf dem Sitze lagen Tausend Piaster, und ein

Zettelchen, mit den Worten: Französische Intrigue.

Signor Perotti tobte wie unsinnig, der Alte sank bleich zurück. Ersterer

versicherte Isabellen in den Tragsessel gehoben, mit eigner Hand die

Thüren verschlossen zu haben, das wurde von Antonio, den Soldaten, und

Trägern bezeugt, wie auch, daß unterwegs an keine Oeffnung derselben zu

gedenken gewesen wäre.

Man lief zurück, tobte, lärmte, setzte Prämien aus, nichtig. Endlich

gerieth der Consul in Zorn wider den Italiener, und verbat seine

ferneren Besuche.

Nach einiger Zeit schrieb Coutances, daß er sich im Stande fühle, ihm

Vaterglück zu bereiten, doch würde er denselben Punkt feststellen, der

vorhin dem Italiener bewilligt sei.

Froh war der Vater, daß sein Kind sich in des Franzosen Händen befand,

er schlug gern ein.

Es muß nun erzählt werden, welche Mittel Coutances angewandt hatte.

Die Späher waren dem Italiener nachgeschlichen, und hatten so seine

Wohnung entdeckt. Dieser ließ sich auf keine Weise beikommen, denn hohe

Mauern waren zu übersteigen, die in ein Gehöft führten, unter dessen

vielen Häuschen, denn bei Nacht das rechte sich nicht erkennen ließ.

Dagegen berathete man, daß ohne Zweifel am Morgen eine Sänfte für

Isabellen würde gemiethet werden, und besah den Weg, der zu nehmen war.

Weil nun viele Sänften an einem nahen Eckplatze standen, so begab sich

Michelet mit einigen Handwerkern in Holz, während der Nacht dorthin, und

an der einen wurde der Fußboden losgemacht, unten aber mit einem

Schieber versehn. Zugleich wurde ein Mechanismus angebracht, nach

welchem von unten ein kleiner Zettel in die Sänfte zu bringen war, des

Inhalts: Isabelle mögte nichts befürchten, wenn die Sänfte still stände,

und der Boden sich nach unten öffnete, sondern sich muthig der Liebe

vertrauen. Ihr Vater hätte sie dem Perotti als Gattin zugesagt, besser,

sie erblickte jenen um einige Tage später, wie unter einer so schnöden

Bedingung.

Nun hatte man sich zu der Brücke begeben, und mit so wenigem Geräusch

als möglich, eine Fallthür gezimmert, die von Außen mit Staub beworfen,

aber sehr genau bezeichnet ward. Als nun die Sänfte auf der Brücke

anlangte, war das hindernde Getümmel durch bestochene Leute aus dem

Pöbel erregt, bereit; und der verkleidete Michelet, mit einigen

Landsleuten ruhte nicht, bis die Sänfte auf den rechten Punkt gedrängt

war. Da wurde es nun das Werk einiger Minuten, Isabellen durch die

Fallthür in die unter der Brücke harrende Gondel, in welcher sich

Coutances mit zwei Freunden befand, zu schaffen. Allerdings hatte man

auch alle übrigen Sänften weggemiethet, daß nur die rechte noch für

Signor Perotti übrig blieb. --

Dieser schnob nun Wuth und Rache. Nimmer schwur er, soll der Franzose

das Mädchen besitzen, und sollt ich mein halbes Vermögen aufwenden. Auch

er that das seinige, den Aufenthalt desselben zu erspähn, wie dieser

wieder keine Maasregeln versäumte, um das Mädchen zu sichern. Er schlief

keine Nacht, sondern wachte mit Michelet auf das Sorgsamste. Da ihm des

Consuls Antwort, Isabellens Besitz verhießen hatte, traf er Anstalten,

sie ungefährdet in das väterliche Haus zu bringen. Man baute eigens eine

geräumigere Sänfte, in welche er sich neben Isabellen setzen konnte.

Michelet umgab sie mit mehr als zwölf Wächtern, und so trat man den Weg

durch entlegene Gassen an.

So kam denn Isabelle zwar zu ihrem hocherfreuten Vater, und die

Liebenden glaubten, in dem gutverwahrten Hause, und bei der zahlreichen

Dienerschaft des Spaniers, nichts befürchten zu dürfen, demungeachtet

war aber Isabelle am andern Tage wieder aus dem mit starken Gittern

gesicherten Zimmer verschwunden, ohne daß jene oder die Thüren im

mindesten zerstört gewesen wären. --

_Land_, _Land_, rief es hier, und die kleine Gesellschaft, die der

Erzählung Coraims mit großer Theilnahme gehorcht hatte, sprang eiligst

zum Verdeck hinauf. Seitdem man die Spitze der Insel Candia vor einigen

Tagen erblickt hatte, und der Cours immer wieder nach Südost ging, war

die Vermuthung allgemein geworden, Egypten sei das Reiseziel des

französischen Heeres. Um desto reger hatte auch die Einbildungskraft

gearbeitet, während der Türke erzählte.

Nun vergaß man ihn und Isabellen. Der Anblick jener weißen Küste, zog

unwiderstehlich an. Von allen Seiten her schimmerten die Seegel, und die

Fahrzeuge sammelten sich vor dem Thurm der Araber, unweit Alexandrien.

Da man die Engländer vermuthete, nahmen die Kriegsschiffe eine

Vertheidigungsstellung, während dessen bald vier bis fünftausend Mann

gelandet wurden, die nach der Pompejussäule vormarschirten.

Der Feldherr, treu der Maxime des Tacitus: »Bei einer Entschließung, die

erst _vollführt_ Lob verdient, findet keine Bedenklichkeit statt!«

marschirte sogleich nach Alexandrien, nahm es mit Sturm ein, und

verjagte die Mammelucken und Araber. Dadurch gewann man hinterwärts

Sicherheit, und alle Truppen, und was zum Heere gehörte, konnten nun ans

Land treten.

Wie war Ring bezaubert, wie er den alten urklassischen Boden unter

seinen Füßen fühlte. Er erklärte Floren das Alterthum dieser Erdgegend,

und bereitete sie vor, des Merkwürdigen unendlich viel zu sehen, ob sie

gleich mit etwas offnen Munde dastand, und sich höher erfreute, den

Meerstürmen, und den Gefahren einer immer erwarteten Seeschlacht

glücklich entgangen zu seyn.

Drittes Kapitel.

Reminiscensen.

Da sind also unsre Reisenden in dem lieblichen Lande, dessen Bild schon

tausend Erinnrungen weckt. Der hellsten von allen dachte Ring unter

einen Dattelbaum hingestreckt nach. Es ist die Reise jener Cleopatra,

die Shakespear wohl mit Unrecht eine Zigeunerin nannte, da sie von dem

griechischen Königsstamme, nach Alexanders Tode gepflanzt, war.

Gleichwohl beschrieb der so lebendig malende Britte, die Fahrt dem

Cydnus bezaubernd:

Cydnus Wogen trugen sie, die Gondel

Brannt' ein Feuerthron auf Lazurfluthen,

Und die Purpurwimpel Sidons hauchten

Sabas edlen Zauberduft, daß Eurus

Nur mit ihnen, nicht um Flora buhlte.

Silberruder schlugen nach dem Takte,

Süßer Flöten, die verwandten Wellen,

Deren Perlschaum ihnen tanzend folgte.

Aber sie, die Charitin Canopens,

Unter ihres Baldachins Gewölbe,

Die Anmuthge höhnte Pinsel, Lyra,

Und zur Bettlerin wird die Beschreibung;

Ein Gemäld', ein Bildniß, dem getroffnen

Blicke, das Protogenes Cythere,

Wo Natur der Dichtung Kraft erlegen,

Selbst verdunkelte. Mit Wangengrübchen

Lächelten den Amorn gleich, zur Seite

Schöne Knaben, die mit bunten Fächern

Kühlung ihrem Rosenantlitz wehten,

Und doch nur die Glut erhöhten, Feuer

Schürten, das ihr Hauch vernichten sollte.

Gleich den Nymphen und den Töchtern Nereus

Harreten der Göttin Wink verschämte

Zarte Mägdlein, wurden reizender

Wenn sie sich vor ihr gewärtig beugten.

Eine liebliche Syrene steurte,

Leicht erblähten seidne Seegelthaue,

Vom Berühren Blumumwundner Hände,

Der geschäftgen holden Schifferinnen.

Unsichtbarer Himmelswohlgeruch,

Strömte weit auf die beblümten Ufer --

Auf sie goß die weite Stadt ihr Volk,

Die Bewunderung sank froh zu Füssen,

Und die Luft verwundete ihr Jubel,

Die, wenn sie nicht ewig Leere haßte,

Weggezogen wär aus ödem Raume,

Freudig vor Cleopatra zu staunen. --

Ha, nun tritt die Zauberin ans Land,

Und der stolze Held der sieben Hügel

Schmachtet ewig in der Feindin Kette. --

Er wurde bald unterbrochen, von dem lustigen Gewimmel rund umher. Alles

drängte sich zu der nahen Pompejussäule, einer maaß, einer erklärte ihre

Geschichte, ein andrer wollte hinauf, von dort weit umher die Gegend zu

erspähen. Das ging aber nicht leicht, da die Steinmasse achtundachtzig

Fuß hoch, und mit keiner Treppe versehn war.

Demungeachtet erzählte ein Matros, der schon ehedem Egypten besucht

hatte, tranken Engländer oben eine Bowle Punsch. Zugleich theilte er

mit, wie sie das, ohne ein Gerüst zu fertigen, vollbracht hätten. Man

machte nämlich einen Drachen aus Papier, wie ihn die Kinder steigen

lassen. An einem langen dünnen Strang wurde er hoch in die Luft

gefördert, und der Wind so genommen, daß der Lenker die Säule zwischen

sich und den Drachen brachte, ihn nun niedersinken ließ, worauf der

Strang an dem Capital hing. Nun wurde ein dicker Schiffstau an den

Strang geknüpft, hinübergezogen, worauf ein Seemann sich an das Ende

band, und sich auf die Säule bringen ließ. Dieser traf nun Anstalten,

eine förmliche Winde zu befestigen, und die das Seltsame liebenden

Britten übten ihren Willen.

Viertes Capitel.

Alexandrien.

Nun ging es nach dieser großen Stadt mit platten Dächern und runden

Moscheen. Nicht wenig waren die Bürger ob des unerwarteten Einspruches

der Europäer bestürzt. Sonst hatten sie sie wohl auch in ihrer Mitte

gesehn, doch in geringer Zahl, demüthig entweder auf den Handel, oder

Notizen zu Reisebeschreibungen ausgehend, in morgenländische Kleider

gesteckt, und den Namen Christenhund, ohne eben die Justiz zu

überlaufen, hinnehmend. Nun brachten sie aber Waffen, und da ist der

Europäer allen Nationen überlegen. Und das macht allein die Cultur, die

zu einer glücklichen Schwäche führt, in welcher es nothwendig wird, sich

so lange nach Kraft in der Kunst umzusehn, bis man sie findet.

Die Soldaten lagen in Alexandrien auf den Straßen umher, ein sehr

beschwerlicher Zustand, wo man eine Hitze von 26 Graden duldet. Der Stab

und die mitgenommenen Gelehrten wurden blos in die Häuser mehrerer

Europäer gelegt.

Ring traf jenes Loos, und er wünschte daher sehnlich, daß man bald

tiefer ins Land dringen mögte.

Eines Tages wanderte er mit Floren eine Gasse hinauf, um den großen

Obelisk zu sehen. Plötzlich rief sie ein sehr wohlgekleideter junger

Muselmann. Verwundert sehen sie auf, und entdecken in der schönen

Kleidung den Sklaven Coraim aus Malta, der ihnen erzählte: wie er an der

Küste freigelassen worden, und seinen Vater, der bei seiner Abreise ein

Wasserträger gewesen, als einen Richter der höheren Klasse angetroffen

hätte. Ein nicht seltener Gebrauch im Morgenlande, plötzlich aus dem

Staube zu erheben, den man wenigstens bisweilen auch in der Christenheit

nachahmen sollte. Es käme so der nüchterne Sinn in die hohen Regionen,

der dort oft ganz ausstirbt.

Coraim blieb aber nicht bei den nackten Freudenbezeugungen stehen,

sondern nöthigte sie in das elterliche Haus. Die Truppen wurden bei

keinen Türken einquartirt, daher auch das Innere ihrer Haushaltung nicht

gefährdet war.

Coraims Vater, indem er hörte, der Frank und die Frankin hätten seinem

Sohne auf dem Schiffe Gutes erwiesen, zeigte sich sehr bereit zur

Erwiederung, und ließ dabei vielen orientalischen Luxus schimmern von

welchem beide nicht wenig eingenommen waren, und in manchem Stücke, den

europäischen ihm nachsetzten.

Man trennte nach der Landessitte Ring und Floren. Letztre wurde in den

Harem zu den Weibern des Ali (so hieß Coraims Vater) geführt.

Ring wurde zuförderst durch ein Bad gelabt, das ihm an und für sich nach

vielen Beschwerden würde höchst willkommen gewesen seyn, wie vielmehr

bei einem Raffinement, das London und Paris nicht kennen.

Das Badgebäude bestand aus drei hintereinandergelegenen großen Zimmern.

Das erste, _Burani_ genannt, war prachtvoll und mit Marmor gepflastert.

An der Mauer lief eine Erhöhung hin, mit kostbaren Teppichen bedeckt. In

der Mitte stand ein Brunnen. Die Diener luden den Gast ein, hier die

Kleider abzuwerfen.

Aus diesem Zimmer oder Saale gelangte er in ein zweites, das _Wustami_

hieß. Hier fanden sich viele Becken von Stein, rund und länglich, etwa

zwei Schuh im Durchmesser, in welchen sich zwei Röhren mit messingnen

Hähnen zu warmen und kaltem Wasser öffneten. Am Fuße derselben standen

metallene Becher, um das Wasser auf die Badenden zu gießen. Schöne

Blumen dufteten aus artig gearbeiteten Vasen.

Von diesem mittleren Gemache, wurde Ring in das innerste, das in dem

Morgenlande den Namen Dschuani führt, gebracht. Es war durch eine Kuppel

von oben erleuchtet. Ein dämmerndes Licht brach durch gemalte

Fensterscheiben in die heitre Rotunde. Sie war geheizt, um den Badenden

in Schweis zu bringen, doch merkte man das bei dem allmähligen

Uebergange nicht. Auch sind die Oefen in solchen Bädern theils unter dem

Fußboden angebracht, theils ihre Röhren in die Wände vertheilt. Das

Thermometer pflegt etwa in dem ersten Gemache auf 60, im zweiten auf 80

und 90, und im letzten gegen 100 Grad zu stehen.

Wohlriechende Dünste umgaben ihn, während er in der wollüstigsten

Hingebung auf einem Kissen ruhete. Der Badeknecht erschien nach dortigem

Gebrauch, und fing seine Glieder gleichsam an, zu kneten. Nachdem sie

durch dies Drücken und Streichen erweicht waren, zog jener einen wollnen

Handschuh an, und reinigte die Haut völlig. Die Fußsohlen rieb er mit

Bimsstein ab. Hierauf führte er Ring in ein Cabinet, goß ihm parfümirten

Seifenschaum über das Haar, wickelte ihn dann in gewärmte Tücher, und

führte ihn durch einen Seitengang, in welchem die Hitze nach und nach

abnahm, in das erste Zimmer.

Hier fühlte er sich wie zu einem neuen Leben erwacht. Alle Sinnen

schienen ihm feiner, alle Empfindungen süßer geworden.

Floren brachten junge Mädchen während der Zeit in das Weiberbad, einen

sehr niedlich ausgezierten Saal, in dessen Mitte ein ziemlich großes

Marmorbassin befindlich war, rund mit köstlichen Blumen und

Spezereigesträuchen umstanden, deren Töpfe so in den Boden verborgen

waren, daß es schien, hier wäre alles gewachsen. Kristallhelles Wasser

rieselte in dem Bassin, und der Sand des Grundes schien übersilbert, wie

Caligula die Gerste übergolden ließ, welche sein Leibpferd bekam.

Nachdem Flore entkleidet, und mit Essenzen parfümirt war, erschienen die

türkischen Weiber, alle jung, schlank und reizend, denn die älteren

ziehen sich meistens von solchen Parthien zurück.

Alles stieg nun in das Bassin hinab, und kostete die Fülle der

Erfrischung. Wie viel enthüllte Schönheiten! Welche Freiheit! Wie

glücklich müßte sich der Mann fühlen, dem es vergönnt wäre, in das

Heiligthum zu dringen! Aber nach Florens Behauptung ging es nicht ganz

unschuldig zu, und sie, obwohl einst in dem berühmten Pallaste wohnhaft,

den der Herzog von Orleans erbauen ließ, fand doch manche Szene

anstößig.

Nachher ging es zur Tafel. Ring wurde in einen Saal des Gartenhauses

gebracht, der nach Norden zu offen war, um die abkühlende Luft von daher

zu genießen. Er war mit prächtigen Stoffen tapezirt. Längs den Mauern

waren kleine Nischen angebracht, in denen porzellanene und silberne

Gefäße standen. Auf dem Boden lagen Teppiche von Brokat. Am anderen Ende

des Saales sahe man ein Kabinet, das auf mehreren Seiten offen war, in

welchem zwei große Springbrunnen Kühle verbreiteten.

Der Tisch war mit Brokatstücken von mehreren Farben bedeckt. Am Ende

desselben prangte ein silberner Schenkstuhl mit schönen kristallenen

Flaschen und Silbergeschirr angefüllt. Sorbet fand sich hier für die

Muselmänner, und Cyper und andre hitzige Weine für die Christen.

Flüssige und trockne Confituren machten das erste Gericht, als Ingwer,

Muskatnüsse, Orangen in Geleen, Marzipan. In viereckigen Schüsseln von

lakirtem und vergoldetem Holze, wurden diese Leckereien aufgetragen, die

immer ein Dutzend kleiner Tellerchen enthielten. Jeder Gast bekam eine

dieser Schüsseln vor sich zur Auswahl, und treffliche Liqueure wurden

dazu herumgereicht.

Nach diesem Gerichte nahm man die Brokatdecken ab, und legte Tischtücher

von feinem Musselin auf. Die Europäer bekamen Messer, Löffel und Gabel.

Befremdend war es diesen (denn ohne Ring hatte Coraim noch mehrere

Franzosen geladen) nun eine Menge Salate erscheinen zu sehn. Sie

bestanden aus Rosinen, Aepfeln und andern Früchten von feinem Geschmack,

mit Weinessig und Zucker. Rettige und Zwiebeln lagen darum, eine

sonderbare Mischung, die aber gegen das Erwarten nicht widerlich

schmeckte. Das Brot bestand aus ganz dünnen Reiskuchen.

Jetzt folgten zwei große silberne Schüsseln mit harten Eiern und

Lämmernieren, über welche eine scharfe Sauce gegossen war. Ferner zwei

andere große Schüsseln mit zwei Dutzend gebratnen Tauben, und noch zwei

andre mit zwölf Schöpskeulen. Bald nachher kamen gebratene Capaunen,

Fische, Eier, Geflügel, Consommees, Bouillons, Ragouts, gefüllte Gurken,

in außerordentlicher Mannigfaltigkeit. Zugleich wurden vor jeden Gast

zwei porzellanene Schaalen mit Sorbet gesetzt, der beinahe einen

Punschgeschmack hatte.

Zuletzt kam endlich der Pilau, das bekannte morgenländische Gericht, in

zehn großen Schüsseln auf mehrere Art zubereitet. Man sah weissen,

rothen, gelben und veilchenblauen, mit Limonen, Zucker, Safran,

Granaten, Maulbeeren, Orangen u. s. w. Während der ganzen Mahlzeit wurde

eine Tafelmusick aufgeführt, die allein den Europäern nicht gefiel.

Nachdem die Tafel etwa drei Stunden angehalten hatte, und jedermann

gesättigt schien, gab endlich der Wirth das Zeichen zum Aufstehen, und

führte die Gäste in das luftige Nebenkabinet. Hier fanden sie ein

herrliches Desert von Konfekturen, trockenen und frischen Früchten,

Caviar, Pasteten u. s. w. Sie hatten unter andern fünf Sorten von

Weintrauben, und Melonen von grüner, rother, gelber und blauer Farbe.

Hierzu wurden süße und äußerst starke Weine gegeben, welche freilich nur

allein für den Gaumen der Europäer hatten bestimmt seyn sollen, allein

in der Freude nahm auch ein Moslem nach dem andern ein dargebotenes

Glas. Desto munterer wurde die ganze Gesellschaft.

Zwerge, Taschenspieler und Mährchenerzähler traten nunmehr auf, die

Gäste durch allerhand Spiele und Erzählungen zu belustigen. Coraim

erinnerte Ring an jenen Tag, wo er ihm die Geschichte der Isabelle

mitgetheilt hatte. Hier dachte Ring erst wieder daran zurück, und

fragte, ob man denn keine Nachricht von dem Mädchen erhalten hätte?

Potpourri.

als Zugabe zum ersten Buche.

Polemon, ein griechischer ausschweifender Elegant, kehrte von einem Saus

und Braus zurück, und ging an der ernsten Schule des Xenokrates vorüber.

Die Thür stand offen, der junge Herr, glühend vom Chiosweine, den

Blumenkranz in den Locken, betrat den Saal, nicht der Weisheit zu

horchen, sondern ihrer zu spotten. Den Lehrer entrüste dies Betragen

nicht, er umwandelte nur seinen Vortrag, und hielt, die Völlerei

strafend, der Mäßigkeit eine Lobrede. So mächtig trafen seine Worte

Polemons Gefühl, daß er den weichlichen Hauptschmuck von sich warf, das

Antlitz beschämt in den Mantel hüllete, und völlig gebessert, das rohe

Leben, von Stunde an, einstellte. -- Warum sehen wir keine solche

Erscheinungen mehr? Antwort: die Weisheit verschmäht Rekruten, wie sie

unter uns zu werben wären. --

Wie kömmt es doch, daß die weisen Deutschen so wenig über die klugen

Franzosen vermögen, und wieder die weisesten im Nord Germaniens bei

weitem weniger, als die minder weisen gen Rhätium? Antwort: Die Bücher

überbilden bei uns die Gebildeten, und dringen nicht bis zu den

Ungebildeten hin. Die ersten sind durch das viele Wissen zum Nichtwissen

gedrungen, leiden nun an einer indirekten Hirnschwäche (durch

Ueberreitz) die andern machten sich mit keinem Wissen vertraut, kranken

demnach an dem direkten Uebel (Reitzmangel.) Nicht also in Frankreich.

Dort hielt man die Klassiker seit Hundert oder Hundertfunfzig Jahren

fest. Es giebt immer wieder neue Ausgaben derselben. Einige höchst

wohlfeil, auf schlechtem Papier, mit schlechten Lettern, wo ein

Trauerspiel von Racine um vier fünf Sous zu geben ist, Rousseau Emil um

zehn oder zwölf Sous. Alte Mütterchen sitzen in den Städten und haben

dergleichen an den Ecken feil. Der Bauer nimmt gelegentlich einen

Candide mit, der kleinstädtische Bürger, der schon seinen Vater über den

^Esprit des loix^ reden hörte, welcher seit Grosvaters Zeit auf dem

Schranke liegt, kann ihn fast auswendig. Was seht ihr bei uns in den

Zimmern geringer Leute? An der Thür den Haussegen, hinterm Ofen, neben

einigen staubigen Familiengesangbüchern, Eulenspiegel oder eine Parthie

in diesem Jahr gedruckter Lieder. --

Ein alter Berliner, der beim Glase Medok immer viel zuhört, und wenig

spricht, wurde neulich redselig, da die Unterhaltung auf das jetzt viel

abgehandelte Thema der Vaterlandsliebe kam. Seit zwanzig Jahren, hub er

an, beobachtete ich zwei patriotische Männer in unserm Staate. Der eine

mag X der andere Y heißen. Als 1788 das Religionsedikt erschien,

besuchte Herr X, früherhin ein lustiger Dogmenspötter, sogleich die

Kirchen, und hörte die Vorträge der Herren Woltersdorf, Brumbei,

Ambrosius mit Andacht. Herr Y fragte aber wohl im vertraulichen

Gespräch: Wo schadete denn das von Friedrich angezündete Licht, daß wir

es schon wieder auslöschen wollen? -- Da 1790 die friedliche

Ausgleichung mit Oesterreich erfolgte, pries Herr X die lieblichen

Blüthen des Oelzweigs, Herr Y aber weinte. -- 1792 war Herr X heftig

wider die Franzosen ergrimmt, nannte seinen Zorn Patriotismus, Herr Y

fürchtete die Folgen eines solchen Krieges. -- 1793 jubelte Herr X bei

der Staatsvergrößerung durch Südpreußen, Herr Y rechnete bedenklich

nach, wie viel mehr Land Oesterreich und Rußland gewonnen hatten, und

wie viel gefährlicher nun ihre Gränzlage geworden war. -- 1795 pries

Herr X den Baseler Frieden, und lachte, daß Oesterreich stecken blieb.

Herr Y erinnerte sich zurück, daß es früherhin bei einem ernsten Verein

Deutschlands gegen Frankreich sehr schwer geworden war, etwas

auszurichten, und besorgte viel von dem getrennten Bunde. -- 1799 und

1800 wußte Herr X abermals viel poetisches über das friedliche System zu

sagen, Herr Y aber meinte, es dürfte die höchste Zeit seyn, den

militärischen Charakter in einer großen Kraftäußerung, und demjenigen

Bunde, den der Augenschein empföhle, zu zeigen. Herr X war für das

System der sogenannten Physiokraten, Herr Y meinte, der Ackerbau sey die

Wurzel, aber doch nicht der ganze Stamm. -- 1805 erhob Herr X den Grafen

Haugwitz bis in die Wolken, daß er unter so kritischen Verhältnissen

dennoch den Krieg zu vermeiden gewußt habe, Herr Y erkrankte vor

Schmerz, daß das Schwert noch nicht ergriffen worden sei. -- 1806

weissagte Herr X lauter Triumphe, Herr Y konnte seine Thränen nicht

zurückhalten. Herr X las Kriegslieder vor, Herr Y entwarf Plane für den

Feldzug, die der Zeit angemessen waren, und suchte ihnen, aber

vergeblich, Gehör zu verschaffen. Als der Feind sich der Residenz

näherte, eilte Herr X nach Königsberg, Herr Y bot sich an, als

Freiwilliger die Waffen zu nehmen, und trug dann die Bürde des Kriegs

gleich den andern Mitbürgern. Wer war der redlichste Patriot? fragte

hier der Erzähler.

Ein Anwesender meinte: hm, man muß den Willen der Regierung vollziehn.

-- O das that Herr Y auch überall gewissenhaft. Hier ist von seinen

Gefühlen und Ideen die Rede. -- Ein Dritter rief: o wäre der brave Mann

gehört worden. -- Ein Vierter: _Ich entscheide nicht wer der beste

Patriot war, aber ich verwette Kopf und Kragen, Herr X ward korpulent

und Herr Y blieb mager!_ --

Ein Rezept zu unfehlbarer baldigen Sittenverderbniß eines Volkes ist:

Leitet Kunsttheurung ein! Sie bringt große Reichthümer in wenige Hände.

So werden Einige Vornehmen glänzenden Luxus zeigen. Der Mittelmann

gereizt, und nicht vermögend auf rechtem Wege nachzuahmen, wird

betrügen, der Arme, der das Brot nicht mehr bezahlen kann, stehlen. --

Als Eduard III von England, mit einer großen Macht in Frankreich

eingedrungen war, rückte er vor Calais, welches ihm die Thore nicht

öffnen wollte. Nach einer langen Belagerung, schickte er sich zum Sturme

an. Nun begehrten die Einwohner zu unterhandeln, was er aber nur auf

eine Bedingung eingehen wollte, über die sie noch dazu nur drei Stunden

Bedenkzeit erhielten. Die Bedingung hieß: Die Stadt sollte dem Könige

Sechs der vornehmsten Bürger ausliefern, ein Hemd, einen Strang um den

Hals, die man sogleich an den Thoren aufknüpfen würde. Durch ein so

schauderhaftes Beispiel wollte er alle Städte erschüttern, die er

ohnehin im Gesichtspunkt rebellischer Unterthanen betrachtete, und sich

daher herbe Strenge erlaubte.

Verzweifelnd liefen die Bürger der Stadt umher, niemand wollte eine so

verhaßte Wahl treffen, als Sechs der angesehensten Männer aus eigenem

Antriebe hervortraten, und sich als Opfer stellten. Dank und

Freudenthränen folgten ihnen aus den heimatlichen Mauern, der

schreckliche Feind konnte seine Bewunderung ihnen nicht versagen.

Eduards Gemahlin erflehte ihre Gnade. --

Half, ein alter Norwegischer König, machte sich durch glückliche Züge

zur See berühmt. Kein Krieger ward in seinem Heere aufgenommen, er hätte

denn zuvor gültige Beweise von Kraft und Tapferkeit abgelegt. Bei ihm

fanden sie nun erst eine Schule, wo alles dahin strebte, ihnen

Todesverachtung zu erziehn.

Viele Jahre waren im Kriegsgetümmel dahin gewichen, und nun beschloß

Half in die Heimath zurück zu segeln. Unterwegs traf ihn ein heftiger

Sturm. Sein Schiff war mit Menschen überladen und drohte zu sinken. Kein

anderes Mittel blieb, als einige über Bord zu werfen, um die andern zu

retten. Half that also den Vorschlag, daß man loosen wollte, und schloß

sich selbst nicht aus. Aber kaum hatte er ausgeredet, als sich ein jeder

ohne Loos anbot. Es sprangen um die Wette so viele über Bord, bis das

Fahrzeug die gehörige Leichtigkeit hatte.

Wenn man staunend diese Geschichten der Vorwelt liest und dann auf die

nächsten Zeitgenossen hinblickt, scheint es, eine ganz entartete

Menschheit bewohne nunmehr den Erdball. Entartet ist sie nun freilich,

doch der Stoff der Kraft keinesweges erstorben. Langes Unheil des

Krieges, und die Menschen werden wieder groß.

Ende des ersten Buches.

Zweites Buch.

Erstes Capitel.

Coraims weitere Erzählung.

Ring bat Coraim nunmehr, die Neugier nicht auf dem halben Wege der

Geschichte stehn zu lassen. Der Türk theilte ihm also in kurzem mit, was

ihm selbst weiter von der schönen Isabelle bekannt war.

Die Bestürzung in des Spaniers Hause ergriff alle. Der Vater raufte das

graue Haar, Coutances schwur dem Räuber furchtbare Rache, das Gesinde

weinte, da Isabelle jedermanns Liebe gewonnen hatte. Doch keiner von

ihnen konnte das unbegreifliche Räthsel lösen. Jeder Eisenstab der

Fenstergitter hatte die alte Festigkeit, die Thür zeigte keine Spur von

gewaltsamer oder listiger Oeffnung, auf beide hatte auch um so weniger

etwas unternommen werden können, als im Hofe sowohl, wie im Hausflur

Wache gehalten worden war.

Untersuchung über Untersuchung. Endlich fiel es jemand bei, den Kasten

einer Flötenuhr zu öffnen, die der Consul vor einiger Zeit aus Europa

bekommen hatte. Ein lauter Schrei! Was ist das: Alles stürzt hinzu.

Man ward mit Schrecken inne, daß das Uhrwerk aus dem Kasten genommen

war, daß sein Boden fehlte, und ein Ausbruch des Fußbodens in den Keller

hinabging.

Alles eilte jetzt zu der Stiege, die in den Keller führte. Mit mühsamer

bewundernswerther Kunst, waren sowohl Stützen wie andere Geräthschaften

angebracht worden, um die Oeffnung in das Gewölbe zu brechen, nächstdem

die Cederplatten, womit der Zimmerboden getäfelt war, zu durchschneiden,

und so in den Kasten der Uhr zu gelangen. Die Hauptarbeit mußte immer

bei Tage vollendet worden sein, wo Isabelle sich nicht auf diesem Zimmer

befunden hatte, der Platz unter der Uhr war gewählt, daß man nicht etwa

etwas von Verletzung des Bodens zu früh wahrnähme, (der, wie sich

deutlich zeigte, mit breiten glühenden Messern durchschnitten war.) Das

Herausnehmen des Uhrbodens und Räderwerks hatte man zum Geschäft der

letzten Nacht aufgespart, dann das unglückliche Mädchen im, trauriger

Weise, grade so tiefen Schlaf überfallen, durch Knebel ihren Hülferuf

gehindert, und sie so in den Keller gebracht, wo sicher ein Ausweg

weiter führte.

Dieser wurde auch sogleich entdeckt. Nach dem Keller des Nachbars fand

sich ein gewaltsamer Durchbruch.

Indem die Versammelten wehklagten, tobten, Verwünschungen ausstießen und

jeder der Meinung war, es müsse ein Schelm im Hause stecken, der

Mittwisser sei, da Fremden die Gelegenheit nicht so kundig hätte sein

können -- vernahm man in einem Winkel ein leises schmerzliches Aechzen.

Eine Fackel in der Hand eilt Coutances nach der Stelle. Wer malt sein

Erstaunen, da er -- Signor Perotti erblickt!

Der Italiener liegt am Boden mit gebundenen Händen und Füßen, ein dickes

Tuch in den Mund gewürgt.

Seine ersten Worte, da man ihm die Sprache befreit hat, sind: Erstecht

mich! Schlagt mich todt, ich will nicht leben!

Auch Wuth und Rache erfüllen solche Forderung nicht. Wie konnte sie hier

aber gehört werden, wo es vor allen Dingen ja die Entschleierung eines

ganz unerklärlichen Geheimnisses galt, die von Niemand als dem Italiener

erwartet werden konnte?

Du sollst meinem Zorn nicht entfliehen, rief Coutances, erst aber

erkläre: wohin Isabelle kam?

Es fiel schwer, Signor Perotti zu andern Worten zu bringen, als: Ich

will sterben. Er schien ganz von Verzweiflung zerrissen, durch seine

peinliche körperliche Lage sowohl, als durch gequälten Seelenzustand

höchst entkräftet. Er bedurfte Erfrischungen, mit Gewalt sogar ihm

eingeflößt, denn er weigerte sich, sie zu nehmen.

Endlich entschloß er sich zur Erklärung. Wohl hab ich Isabellen rauben

wollen, hub er an, sie ist meine Sklavin, und mir auf widerrechtlichem

Wege entrissen. Ich übte daran kein Unrecht. Doch sollte sie dem Vater

nicht vorenthalten bleiben. Um den Preis ihrer Hand, den er mir zusagte,

der mir gebührt, um den des Franzosen Hinterlist mich bringen will, sah

er sein Kind gleich wieder im Hause. Nur versichern wollte ich mich

ihrer Person, um meine gerechten Bedingungen von Neuem aufstellen zu

können.

Coutances machte eine Bewegung der Wuth gegen ihn, die Alonzo (der

Spanier) zurückhielt, und Signor Perotti aufforderte, fortzufahren.

Es geschah. Mit großer Mühe, und mehr als Dreihundert Piastern Aufwand,

setzte ich meinen Entschluß ins Werk. Bei dem nebenan wohnenden Kopten

miethete ich den Keller. Der Mann, meistens nach dem Gebrauch von Cairo,

in seinem Arbeitsladen vor der Thür, bemerkte nicht, was in dem Keller

vorging. Meine Leute löseten aber einander ab, Tag und Nacht wurde die

emsige behutsame Arbeit fortgesetzt. Ich selbst befand mich einst als

verkleideter Araber in Isabellens Zimmer, wo ich Spezereien feil bot,

und alles erspähte. Unvermerkt ging ich darin umher, und maß mit

Schritten die Abstände, wobei ich über meine Erwartung richtig verfahren

war, denn es gelang vollkommen, von unten her die Stelle der Uhr zu

treffen. Im Ganzen hat mich ja mein Nebenbuhler, durch den Streich,

welchen er mir auf jener Brücke spielte, selbst an diesen Gedanken

gemahnt.

Weiter, weiter! rief Coutances schäumend.

Auch Isabelle mußte so fest schlummern, daß es leicht fiel, sie durch

ein, übrigens in der artigsten Weise vorgehaltenes Tuch, zum Schweigen

zu bewegen, und die liebenswürdige Beute wurde unter Beistand einiger

Helfershelfer, glücklich in den Keller gebracht.

Welch ein Schrecken aber befiel mich, als ich nun plötzlich durch einige

Unbekannte, die hinter den Waarenkisten, welche der Kopte noch im Keller

liegen hatte, hervorsprangen, gepackt und gebunden in den Winkel

geworfen wurde! Man ließ mich, den Hülflosen, liegen, und entfernte sich

schnell mit Isabellen. Nichts anderes konnte ich denken, als dem Vater

und Geliebten sei mein Beginnen kund geworden, und von ihnen nun das

Gegenabentheuer bereitet. Da dies doch aber ein Irrthum zu sein scheint,

so haben ohne Zweifel meine Arbeiter hie und da geplaudert; ein reicher

Muselmann, durch das entworfene Bild von Isabellen hingerissen, und von

der Unternehmung benachrichtigt, hat beschlossen, das schöne Mädchen dem

glücklichen Entführer zu entführen. Welch ein Fall könnte noch sein? Die

Arbeiter sind alle davon. Antonio bracht ich nicht mit, da er krank, und

überhaupt bei solchen Gelegenheiten wenig zu brauchen ist.

Du sollst das Mädchen zur Stelle schaffen, oder es gilt dein Leben! rief

Coutances.

Eile, suche, bring sie mir zurück, fiel der bekümmerte Vater ein, und

mein gegebenes Versprechen sei dir gehalten.

So fürchterlich die Drohung klingt, so süß der Lohn schmeichelt, ich

vermag nichts, erwiederte Perotti. Macht euch auf, selbst zu forschen,

gern will ich behülflich sein. Doch was läßt sich hoffen, in der großen

nicht polizeilich geordneten Stadt?

Alonzo fragte händeringend: wo denn die Arbeiter zu finden wären, die

ihm geholfen hätten?

Jener zeigte den Platz an, wo er sie ausgewählt, und auf acht Tage in

seinen Dienst gedungen habe, setzte aber gleich hinzu, daß er fürchte,

sie würden sich jetzt nicht mehr dort sehen lassen.

Er mußte aber, von Coutances und dem Spanier begleitet, augenblicklich

dahin. Man durchkroch alle Ecken, weilte eine Stunde umsonst.

Jetzt wollte man dennoch Rache an ihn nehmen, und führte ihn zu dem Bei

des Bezirks. Dieser ergötzte sich höchlich, wie ihm die Klage

vorgetragen wurde. Sein Urtheil fiel aber dahin aus, daß sich Coutances

zu einer Abfindung wegen des erlittenen Ungemachs zu verstehen hätte;

denn da er die Jungfrauräuberei begonnen, sei er auch Schuld, daß der

Italiener billiger Weise gesucht habe, wieder zu seinem Eigenthum zu

gelangen, und folglich auch Ursache, daß der Italiener bei dieser

Gelegenheit gemißhandelt worden. Uebrigens solle man letzteren sogleich

freilassen.

War Signor Perotti mit dieser Entscheidung zufrieden, so entrüstete sie

die andern nicht wenig. Was war aber zu thun? Eine Instanz, an welche

vom Bei zu appelliren gewesen wäre, fand sich in Cairo nicht. Man mußte

sich beruhigen.

Gebeugt schlich Alonzo, der Verzweiflung nahe, Coutances davon. Der

Italiener raufte die Haare, verzichtete aber mit Stolz auf die

Strafsumme, welche der Richter ihm zugesprochen hatte.

Ueberall gab man Aufträge, Isabellen zu suchen, verhieß Belohnungen in

öffentlichen Anschlägen, Coutances durchirrte jeden Winkel der

winklichten Stadt. Alles das war aber vergeblich, und man mußte sich

endlich in das Unabänderliche finden.

Der alte Vater legte aus Gram alle Amtsgeschäfte nieder, übergab sie

einem andern, und zog sich in das engste Privatleben zurück. Von Cairo

wollte er sich dennoch nicht entfernen, da die süße Hoffnung, seine

Tochter noch einmal wieder zu erblicken, nur in seinem Grabe enden

sollte. So verstrichen nun schon mehr als zwei Jahre. Der Franzos hat

den Schwur, nimmer zu heirathen, wenn Isabelle nicht die seinige werden

könnte, treu gehalten, führt einen kleinen Handel, und träumt seinen

Lieblingsgedanken ohne Zweifel noch.

Hier war Coraims Erzählung zu Ende, wiewohl sich niemand befriedigt

fand, weil man eine freudige Entwicklung des Schicksals der jedem

interessant gewordenen Isabelle geahnt hatte.

Die Gesellschaft verließ nun das Haus des gastlichen Ali, und jedermann

begab sich wieder an den Ort seiner Bestimmung. Flore erfuhr unterwegs

von Ring das Weitere über Isabellen, denn sie war bei der Erzählung

nicht gegenwärtig gewesen, und erneute den lebendigen Antheil an dem

spanischen Mädchen, den sie schon auf dem Schiffe gefühlt hatte.

Es ist vergessen worden, zu sagen, daß Flore sich gewöhnlich der

Mannskleider bediente, und für Rings Schreiber galt, allein da man ihr

Geschlecht dennoch erkannte, so gab das zu vielem Scherz Anlaß, und sie

läugnete vor der näheren Umgebung die Wahrheit nicht. In Alexandrien

legte sie aber mehrmals den weiblichen Anzug an, um so ihre Neugier über

die Verhältnisse mahomedanischer Weiber besser befriedigen zu können.

Es wurde nunmehr Anstalt zu einem etwas bequemeren Bivuak getroffen, und

Dattelzweige beschatteten der Soldaten Hütten. Die Commissairs, zu denen

Ring gehörte, traten in einen ausgedehnten Wirkungskreis und wurden zur

Herbeischaffung der nöthigen Vorräthe gebraucht.

Bald trafen in Alexandrien die frohen Siegesnachrichten ein: wie die

unterdessen vorgerückten Truppenabtheilungen Raschid genommen, sich

Cairo bemeistert, und Murat Bei, unter Anführung ihres unbezwinglichen

Helden, in der ewig denkbaren Schlacht bei den Pyramiden überwältigt

hatten. Eine große That war der andern auf den Fuß gefolgt, und

Schwierigkeiten, vor denen die Einbildung schon zurückbebt, waren mit

Leichtigkeit hinweggeräumt worden.

Wie aber Mavor auf dem Lande lächelte, zürnte Poseidon. Er hatte das

Schicksal noch Einmal für seine alten Lieblinge gewonnen.

Mehrere Couriere vom Obergeneral gesandt, waren von Beduinen in der

Wüste aufgefangen worden, daher kamen dem Admiral der Flotte, nicht die

nöthigen Befehle zu. Immer noch lag er mit den Kriegsschiffen auf der

Rheede, die Transportfahrzeuge waren in den alten Hafen der Stadt

gelaufen. Nach dem Willen des Feldherrn sollten jene nun auch in

Sicherheit gebracht werden, und wäre es thunlich, der Admiral mit der

Flotte nach Malta gehn.

Da er aber keine Depeschen erhielt, blieb er in der gefährlichen

Stellung. Man wußte, daß eine beträchtliche, an Zahl überlegene

englische Armade sich in See befand, sie war sogar vor Ankunft der

Franzosen bei Alexandrien gewesen, hatte sich aber nach dem Archipel

gewandt, wohin sie vermuthete, daß die Toulonner Flotte gesegelt wäre.

Wo der Neufrankenheld war, da weilte auch das Glück, darum mußte seine

Landung während der Abwesenheit jener Britten vor sich gehn. Doch:

Es sollen Land und Meer nicht Einem dienen!

sagt Wrangel in Wallenstein. Wie der Liebling des Glücks Lorbeern brach,

wo seit Saladins Zeiten man keine europäische Waffen gefürchtet hatte,

thürmte sich des Geschicks Ungewitter über die Schiffe, wenn schon kein

Orkan drohte.

Man konnte von den platten Häusern in Alexandrien hinaus ins Meer, und

die Ordnung der Fahrzeuge übersehn. Täglich ahnte man eine große

Begebenheit, doch blieb wider Vermuthen lange alles ruhig, und kein

fremdes Seegel ließ sich in den egyptischen Gewässern sehn.

Aber am bedeutungsvollen 23ten Juli bemerkte man eine englische

Fregatte, welche die Stellung der Flotte untersuchte, und dann wieder

verschwand.

Nun konnte man desto sicherer auf einen nahen Besuch des Admiral Nelson

zählen, denn jene Fregatte hatte ohne Zweifel den Gebieter aufgesucht,

und den Zustand der Dinge vor Alexandrien gemeldet.

Zweites Kapitel.

Die Seeschlacht.

Am ersten August, Nachmittags, erblickte man den furchtbaren Wald

besegelter Masten. Näher und immer näher trieb ein günstiger Wind die

schwimmenden Kasteele. Es war vorauszusehen, daß eine Schlacht beginnen

werde, und der Admiral Bruyes hielt seine Flotte in tapferer

Bereitschaft.

Nirgend wirkt der Gott der Heerscharen so unwiderstehlich mit ein, wie

bei den Kämpfen auf Poseidons Flur, da so viel Erfolge an dem Luftstrom

hangen. Auf dem Lande, wählt sich der Feldherr lange vor dem

Zusammentreffen der Streitenden, die Schlachtgegend. Klugheit kann die

natürlichen Hindernisse vermeiden, und nur ihre Säumniß, läßt ihn eine

Stellung eingehn, wo Gebirge, Flüsse oder Moräste ihm nachtheilig

werden. Ein anderes auf der See.

Admiral Bruyes hätte von einem plötzlich eintretenden Südwinde ein

unzuberechnendes Heil erfahren, er hätte den englischen Angriff gelähmt,

und ihn dagegen in Stand gesetzt, mit vollkräftiger Bewegung vorwärts zu

dringen. So mußte er sich gefährlich leidend verhalten, und der kühne

Nelson konnte jedes beliebige Manöver vollziehn.

Wer will die despotische Gewalt der Zufälle ableugnen? Welche Gesetze

befolgt der Wind? Wie viel hing hier an einer Drehung des Wimpels? Ja,

langte nur ein Courier richtig an, so fanden die Britten diese Flotte

nicht mehr im Meere. Sie lag in der Sicherheit des Hafens, und

Landbatterien wehrten jede Annäherung zu diesem ab.

Die Engländer umsegelten die französische Flotte, und die Schlacht, die

mörderische, begann.

Von allen Decken her spien die Feuerkrater ihre vernichtenden Bälle.

Nichts blieben die Neufranken schuldig. Die Gestade Egyptens, die Mauern

von Alexandrien und Abukir dröhnten wie vom Erdbeben bewegt, die nur

leiswogende See empörte sich, wie im wilden Orkan, Gebirge von Dampf

verhüllten die Atmosphäre.

Kecke Verwegenheit lenkte die Steuer, auf Nähen, wo fast kein Schuß

fehlen konnte, rückten die Gallionen an einander heran. Der Konstabler

keuchte bei der immer fortgesetzten Mordarbeit, nur die rothe Glut der

Stücke konnte sie auf Minuten einstellen. Der Matros hing im Tauwerk,

von Kugeln umsaust, und mußte auf der leichten Chaluppe ins Meer, von

außen seinem Schiffe Hülfe zu leisten. Der Flintenschütz feuerte über

den Bord, und harrte wuthschäumend des Befehls zum Entern. Ermuthigend,

der Signale gewärtig, aufmerksam, jedem schlimmen Ereigniß kräftig zu

begegnen, standen die Offiziere an ihren Posten, Hüte und Kleider

durchlöchert, nicht achtend leichter Wunden, im Sterben noch gebietend,

mit starrer eiserner Kälte die Britten, in heißer Glut enthusiastischer

Tapferkeit, die Söhne Frankreichs.

Hier krachte ein getroffner Mast aufs hohe Verdeck nieder, und

zerschellte das menschliche Gebein, dort drangen Kugeln durch die

Bohlenmauern der Meerfesten, und das nachstürzende Wasser überschwemmte

ihren Raum. Kein Schrecken lähmte den Seekrieger. Taue wurden gekappt,

die Trümmer hinüber geschleudert, neue Seegel an den übrigen Masten

emporgezogen, und das Fahrzeug wieder mächtig regiert. Pfropfen

verbanden, Wunden gleich, den gefährlichen Leck, rüstig befreite die

strömende Pumpe den überfüllten Bauch von den drohenden Fluten.

Hier schlug eine Kartätschenlage in das Linnen und gleich Vögeln im

Strauchwerk, die des Jägers verstreutes Schrot traf, sturzten die

Arbeiter aus Mastkörben, und von Strickleitern. Dort eine neue Lage, und

Verwundete und Todte deckten den obern Boden. Kein Entsetzen hemmte der

vorgezählten Ordnung Lauf. Auf den Wink flogen andere Söhne des Neptun

wieder zur Höhe, Aerzte harrten mit eiliger Hülfe der Verwundeten; was

kein Leben mehr hatte, wanderte ins feuchte Grab.

Hier warf eine Chaluppe, von einem mächtigen Steuer oder fallenden Baum

berührt, um, und sendete ihre Lenker in den Meeresgrund, dort fiel ein

wichtiger Befehlshaber, ein jähling Opfer der Schlacht. Keine Verwirrung

im regen Gang des erhabnen Verderbens. Andere Boote senkten sich in die

Wellen, der Hintermann sprang an des Entseelten Platz, und weiter

kämpften die ungeheuren Kräfte.

Alles nur geringe Vorboten riesenhaft gräßlicherer Szenen. Bald eilten

hie und da Fregatten und Hundertstücker, Brust an Brust zusammen, und

ketteten durch Hacken und Taue die Borde aneinander. Mit Furienungestüm

sprang die wilde, sich durch Schlachtruf begeisternde Mannschaft hinüber

auf die feindlichen Bretter, und die enge fluchtgehemmte Metzelei

wüthete ein. Es galt jede Waffe, doch gebrach in kurzer Zeit selbst dem

Flintenkolben und dem Säbel Spielraum. Geballte Fäuste boxten mörderisch

auf den Gegner, nervigte Arme umrankten ihn, strebten ihn ins Meer zu

schleudern, ihn in des Schiffraums Balken hinab zu stürzen. In Kajüten

und Magazinen dauerte das Gewürge, bis den Offizieren der Obermacht

gelang, einer kleinen übrigen Zahl, noch Leben von den ergrimmten

Würgern zu erflehen.

Linienschiffe hatte der Kugeln zu dichter Haufe durchwühlt. Zu Ende ging

die Hülfe der Kunst, die Geistesgegenwart fand keine Rettungsmittel

mehr. Durch Hundert Risse drängten sich die Wogen, gleich Wasserfällen

stürzten sie in die Tiefe hinab. Umsonst der Versuch, noch zu stopfen.

Die erschöpfendste Anstrengung der Pumpen verrieth ihre Ohnmacht, da in

schauderhafter Langsamkeit das Gebäude sich hinabsenkte. Immer höher kam

der Seerand, immer schmäler ward der Bord, eine Kanonenreihe nach der

andern verbarg sich dem Auge. -- Was vermag noch der Mensch? Die

Chaluppen sind ausgesetzt, weggedrängt, verloren! Wären sie auch da, wie

mögten sie die Hunderte auffassen, die die Hände jammernd ausstrecken?

Die andern Schiffe sind in Arbeit. Rauch deckt den Zwischenraum. Auch zu

spät, wenn sie schon Hülfewinkend nahten, denn der Schwere Gesetz eilt

zur Vollziehung! Schon bis zum Rand ist die See gestiegen! Der Befehl

hört auf, bereitet euch zum Tode, hallt des Gebieters letztes Wort.

Stiere bleiche verzerrte Gesichter wenden den gräßlich trockenen Blick

gen Himmel, sie verlängern ihre Gestalt, wie sie schon die Nasse fühlen;

noch ein Gedanke an die Lieben daheim, eine Frage an den Tod -- die

Arche ist verschwunden, ihre meisten Bewohner, hie und da noch ein Kampf

der Schwimmkundigen, von denen es nur Einzelnen gelingt, ein ander

Fahrzeug zu erreichen.

Dort hat die Flamme die betheerten Planken, die trockenen Stangen, das

dürre Werg ergriffen. Sie trotzt dem Verein zur Tilgung, bricht aus

dieser, aus jener Kammer, und lodert durch die Region der Seegel empor.

Schon fallen Erstickte nieder, der rauchende Gestank hemmt den Athem.

Noch hoffen die gern Lebenden, Todesangst verdoppelt die Kraft. Es

gelingt an einem, an dem andern Ende, die brennenden Balken

loszubrechen, fortzuwälzen, zu löschen die höllische Glut. Nur nicht zum

Pulvervorrath! heißt aller Gedanke. Aber zu den Kanonen dringt die

Flamme an vielen Orten heran, auch dort liegt die Schwarzische Mischung

Pulver, die Stücke lösen sich von selbst, ihre Kisten fahren gleich

entzündeten Minen auseinander, verletzen, zerbrechen, stecken in Brand.

Die Verheerung spottet endlich jeder Ermannung. Vorn, hinten, auf der

Seite, überall Flammentod, die Kleider brennen schon, lieber

untergegangen in dem feuchten Element, die meisten stürzen sich

verzweifelt hinab, während in Pracht des Orkus, den bretternen Pallast

Gluten auflösen.

Nach halb sieben Uhr hatte die Schlacht begonnen, schon währte sie

anderthalb Stunden, aber trotz der so vortheilhaften Stellung der

Engländer, und der nachtheiligen ihrer Feinde, war noch nichts

entschieden. Doch um acht Uhr wurde der französische Admiral verwundet,

und die Signale erfolgten unregelmäßiger. Noch eine Stunde des

erbitterten Kampfes, und die Waage neigte sich wenig. Aber um neun Uhr

ward Bruyes durch eine Kanonenkugel zerrissen, und die Unordnung im

Commando begann, während dessen Nelson unverletzt blieb, und das große

Werk fortregieren konnte. Hätte die Parze ihm das Loos geworfen, würde

vielleicht der Ausgang ganz verändert gewesen sein. Um halb zehn Uhr

genossen die Engländer den Triumph, das Admiralschiff der Franzosen in

Brand gerathen, und eine Viertelstunde darauf es in die Luft fliegen zu

sehn.

Dies feurige Schauspiel, das Lärmen und Prasseln in der Höhe, das

Herabfallen vieler umhergeschleuderten Gegenstände, machten, daß des

Streites Hitze eine Viertelstunde lang nachließ; dann erneute sich aber

das rasende Getümmel bis zur Morgenröthe hin, und von dem Augenblicke

an, wo Bruyes gefallen war, lächelte die Siegesgöttin der brittannischen

Flagge. Neun ihrer Schiffe waren entmastet, mehrere hart beschädigt,

aber die meisten französischen genommen, oder zerstört.

Beider Nationen Tapferkeit war sich gleich gewesen, Nelson hatte mehr

Erfahrungsgeschicklichkeit gezeigt, wie Bruyes, aber überall hatte jenen

das zufällige Glück auch wie einen erwählten Liebling umarmt. Ihm

gebührt der Nachwelt Ruhm, doch dürfen jene Umstände nicht dabei

verschwiegen werden, eben so wenig wie die so hartnäckige kräftige

muthige Gegenwehr der Franzosen, fast zwölf Stunden lang.

Wer kann sich wohl der ernsthaftesten Bemerkungen bei dieser Schlacht

enthalten?

Sie war viel mörderischer wie die von Actium, wo Cleopatra gleich davon

segelte, und Antonius bald der Geliebten folgte. Jene entschied die

Herrschaft der Welt unter Individuen sehr schnell, aber eine

Geschichtsübersicht nach hundert Jahren wird vielleicht erst entscheiden

können, ob die Schlacht bei Abukir nicht noch wichtigeren Ausschlag im

Allgemeinen gab.

Nimmt man an, des Feldherrn Eilboten hätten den Seeherrn glücklich

erreicht, und Bruyes die Flotte in den Hafen von Alexandrien geborgen,

so gewann die egyptische Expedition ein anderes Ansehn. Die Franzosen

blieben wenigstens stärker an Mannschaft und wie auch die Britten sich

vor den Hafen stationirten, so konnten sie doch schwerlich durchaus

hinderlich sein, daß nicht von den zahlreichen Schiffen der

französischen Flotte hin und wieder bei guter Gelegenheit des Windes

einige nach Frankreich ausgelaufen wären, und neue Hülfe an Truppen und

Kampfmitteln zu den Ufern des Nils geschafft hätten. Das wäre um so eher

der Fall gewesen, wenn Bruyes die Flotte vorerst nach Corfu oder Malta

geführt hätte.

Wäre aber der Strom des Windes bei jener Schlacht den Franzosen

freundlich gewesen, hätte die tödliche Kugel statt Bruyes Nelson

erreicht, so liegt die Vermuthung nicht weit, daß jene den Lorbeer des

Kampfes würden davon getragen haben. Dann spielten sie die Meisterrollen

in den mittelländischen Gewässern, das egyptische Heer konnte leicht

verdoppelt werden, Gizzar Pascha, späterhin so nachdrücklich von Sidney

Smith unterstützt, wurde leicht überwunden, und die Hindernisse, welche

man im Orient vorfand, verringerten sich. Die Pforte war gezwungen,

einen Bund mit Frankreich einzugehen, Egypten, das reiche Land, eine

Kolonie der neuen Republik, über welche sie ihr Domingo immerhin

vergessen konnte.

Allein der große Mann, der die hochromantische, weitberechnete, im

Charakter antiker Heldenzüge entworfene Unternehmung nach Egypten

leitete, würde gehörig verstärkt, vielleicht die Angelegenheiten in

Paris mit einiger Gleichgültigkeit behandelt haben, wenn sein Blick

schon mehr wie einen Welttheil umfaßt. Er hätte Europens Kultur nach

Afrika verpflanzt, die Zeiten der Ptolemäer in großen Unternehmungen

wieder zurückgerufen, den Kanal von Suez hergestellt und den alten

Handel durchs rothe Meer geleitet, den stolzen Britten in Bengalen

angegriffen, ein Alexander am Ganges.

England hätte nur einen schwächeren Einfluß auf die europäischen

Kabinette üben können, die Kriege wider Frankreich würden eingestellt

worden seyn. Das in Gefahr schwache Direktorium hätte in unbedrängten

Zeiten noch lange an der Geschäfte Spitze weilen können.

Doch die _verlorene_ Schlacht von Abukir rief endlich den Helden zurück.

Er ging nach Europa und ward Cäsar. Im Erdtheil der Kultur sollte er

zuvor den Herrscherstab erheben, denn konnte er ihn mächtiger einst über

die Meere tragen. Also ließ sein cäsarisch Glück die Armade von Egypten

untergehn.

Ist es recht, in einem Roman von dem Helden zu reden? Wer kann aber von

_ihm_ schweigen, der die Bewunderung der Welt durch immer erneute

Großthaten auf sich lenkt?

Drittes Kapitel.

Einlenken von der Abschweifung.

Die Franzosen, welche von den Häuserzinnen ihrer Brüder tragisches Loos

beobachtet hatten, geriethen in tiefe Trauer, und fürchteten grauenvoll

für das eigne Schicksal. Getrennt, abgeschnitten vom Vaterlande, wenige

Hoffnung, neue Verbindungsmittel bald wieder erscheinen zu sehen, und in

einem Lande eingeengt, wo man der Feinde viel, und der Anhänger wenige

zählte, konnten ihre Aussichten wohl nicht beruhigend sein. Dazu ließ

sich fürchten, daß die Engländer nunmehr auch landen und einen Angriff

auf Alexandrien machen würden, während des Heeres größter Theil tiefer

eingedrungen war, um die Mammelukken zu bekämpfen; mindestens konnten

sie in den Hafen dringen und die dort noch liegenden Transportfahrzeuge,

von großer Wichtigkeit für den Augenblick, zerstören.

Aber der heroische Geist offenbart sich am edelsten, in den

feindlichsten Anfällen der Gefahr. Wenn ihn Verzweiflung umgiebt, tritt

er mit neuer Thatkraft hervor, und erbaut den Rettungstempel aus Ruinen.

Der muthige Kleber ließ plötzlich am Gestade Batterien emporsteigen.

Ueberall kreuzte sich ihr Feuer. Der Eingang in den Hafen ward

unzugänglich, kein Landungspunkt blieb unbewacht von der zeitigen

Vorkehrung, worin der denkende Held furchtsam, aber der unverständige

Praler sorglos ist.

Der hohe Feldherr, nachdem er erfuhr, was vorgegangen war, rief aus:

Wohlan, so sind wir denn zu desto größeren Thaten gezwungen!

Es giebt eine Menge Gründe, womit sich der Mensch über die

hereingebrochenen Unglücksfälle zu trösten sucht. Aber mag sie

Philosophie oder Religion liefern, Leichtsinn thut dennoch mehr. Dieser

glückliche Gemüthszug ward dem Franzosen vor allen Erdensöhnen, darum

ist er auch mehr wie alle geeignet, das Widerwärtige zu bestehn. --

Nach einiger Zeit brach eine Truppenabtheilung nach Cairo auf, mit der

Ring und Flore zogen. Sie bedienten sich der Esel, Postkutschen kennt

man in Egypten noch nicht, wo man in vielen Bequemlichkeiten des Lebens

nur wenige Schritte vorrückte. Bei dem allen brachte es der Europäer im

angenehm Reisen eben auch noch nicht weit. Nur in Frankreich und England

giebt es erträgliche Wege, Rußland und Schweden haben mindestens

Anstalten, schnell fortzukommen. Doch in späteren Jahrhunderten wird man

kleine Häuschen auf Räder stellen, deren Zimmer nach Art der

holländischen Gondeln eingerichtet sind, und worin man sitzen und gehn,

schlafen und lesen, schreiben und Clavier spielen kann. Oefen für den

Winter, und chemische Küchen dürfen nicht fehlen. Ein lebhaftes

Vergnügen wohnt schon in der Vorstellung einer solchen Reise, von

einigen hundert Meilen; nichts wird sie übertreffen, als die noch später

angelegte Luftpost, die auch das leiseste Stuckern vermeidet.

Es ging durch die Wüste. Die Natur hat die Laune gehabt, in Egypten

viele Landstriche mit einer hundertfältigen Fruchtbarkeit auszustatten,

dagegen öde, ewig unwirthliche, brennende Sandmeere zwischen die kleinen

Elysäen hingeschlängelt. Es scheint, sie fürchtet aus ihrem Charakter zu

fallen, wenn sie des Guten zu viel thut, denn die Weltregel will des

Schlechten überall daneben. Ein ganz neuer, sonderbar ergreifender

Anblick, solche Wüste, dies berichten alle, welche sie sahen. So weit

das Auge reicht, eine starre weiße Fläche ohne anmuthigen Wechsel der

Gegenstände, ohne erquickende Vegetation, ohne Zeugen des Lebens. Tief

ist der heiße Sand, und qualvoll zu durchschreiten. Stürme, dort

besonders die südlichen, wirbeln oft ungeheure Staubsäulen empor, die

sich, dicken Nebeln gleich, über die geängsteten Pilger breiten. Dann

unterscheidet man kaum das Nächste, gleich dem Schnee des Nordens hängt

der Sand an den Kleidern, dringt aber weit feiner noch durch. Man athmet

Sand, genießt Sand mit den Speisen, muß unaufhörlich die Augen davon

reinigen. In einigen seltenen Fällen soll er sogar Caravanen begraben

haben. Peinigt nun grimmiger Durst die Pilger, und sind die auf Kameelen

fortgeführten Vorräthe erschöpft, so werden sie oft grausam getäuscht,

da der Wüste ferner Horizont, mittelst salpetriger Ausdünstungen das

vollkommene Bild eines klaren Sees darstellt. Hoffnungsvoll eilen nun

die Lechzenden weiter, träumen das süße Labsal der Erfrischung, wie sie

dort schöpfen, trinken, die Schläuche wieder füllen, die Glieder im

stärkenden Bade erfreuen wollen. Doch sie reisen, und reisen, und

erreichen des Sees Ufer nicht. Immer in dem alten Abstand glänzen sie

vor ihren Augen. Sie sind schon lange in dem vermeinten Gewässer, da

Nähe die Täuschung vernichtet, und sehen es doch immer wieder vor sich,

bis sie endlich die Gränze der Wüste erreicht haben, und ein wirklicher

Quell, zwischen blumigen Auen ihnen rieselt.

Ring und Flore unterhielten sich viel über ihre Zukunft und die

Schicksale, welche sie erwarten dürften. Jener freute sich auf alle die

hohen Seltenheiten, die es weiterhin zu sehen gäbe, sprach mit

Begeisterung von den alten Königsgräbern, von Thebens Ruinen, die er in

Kupfer gesehen, von denen er im Strabo und Herodot gelesen hatte; diese

fürchtete die Wuth der Mammelukken, und bezeugte, wie Lessings Just,

kein Verlangen, sich von einem Säbel den Kopf spalten zu lassen, wäre er

auch mit Diamanten besetzt. Jener meinte, es würde ihm willkommen sein,

lebenslang in dem warmen Klima zu wohnen, diese wünschte nur Gelderwerb

im Handel, um einst in Frankreich im Wohlstande zu frieren.

Sie gelangten nach einer vierzigstündigen Reise zu jenen zauberischen

Gefilden bei Raschid, im Contrast gegen die durchwanderte Oede, um so

reicher an entzückender Anmuth. Die Reisfluren wogten üppig, die Reihne

dufteten von Blumen, Jasminen rankten sich am Wege hin, die Häuser der

Dörfer waren durch Akazien, Datteln und Sykomoren verdeckt, nur die

Tempelartigen Moscheen ragten aus dem frischen Grün empor. Die Gärten

prangten mit Orangen- Feigen- und Granatbäumen. Fette Heerden weideten

im hohen Gras und auf dem majestätischen Nyl wimmelte es von bunten

Fahrzeugen. Ueberall rege Geschäftigkeit.

In Raschid ergötzte Floren ein egyptischer Postmeister höchlich. Der

Mann hatte einige kleine Briefe zur Bestellung nach mehreren Orten

empfangen, und nun stieg er auf seinen Taubenboden, hing verschiedenen

der geflügelten Boten die Papierchen um den Hals, und ließ sie durch die

Luft ihre Straße ziehn. Es langten auch einige andere an, die

Billetdoux, oder was es sein mogte, überbrachten. Warum sucht man das

nicht auch in Europa nachzuahmen? Die Geschwindigkeit der Beförderung

ist doch angenehm.

Jetzt schifften sich die Reisenden auf dem Nil ein, und fuhren mit einem

günstigen Winde gegen den eben nicht reissenden Strom. Flore hatte viel

von den Krokodilen im Nil gehört, und wagte daher keinen Finger ins

Wasser zu stecken, aus Furcht, eine dieser Rieseneidechsen mögte Appetit

darnach verspüren. Man beruhigte sie aber durch den Bericht, daß seit

dem Gebrauch des Feuergewehrs die Krokodile sich immer höher hinauf nach

Oberegypten zurückgezogen hätten, wie sich überhaupt die gefährlichen

Thiere des Landes immer mehr verminderten.

Ein befremdendes Schauspiel zog aller Augen auf sich. Viele Wasservögel

schwammen ruhig auf der Fläche dahin. Nicht weit von ihnen wurde man

aber mehrere große Kürbisse gewahr, die in den Strom geworfen zu sein

schienen. Mancher Vogel nahte unbesorgt der Frucht. Eh man sichs aber

versah war er gepackt. In den Kürbissen steckten nemlich Menschenköpfe,

die Tauchern gehörten, welche sich dieses listigen Mittels bedienten,

die Thiere unter dem Wasser an den Beinen zu erhaschen.

Schöne Landschaft im morgenländischen Charakter zu beiden Seiten der

Ufer. Angebaute Terrassen, Kanäle zum Bewässern gegraben, viel Spuren

des Fleisses aus dem hohen Alterthum, und merkwürdige Ruinen. Ueberall

hing das Auge des Reisenden an ihm neuen Gegenständen.

Doch die Menschen waren zurückstossend. Schmutzige sonnenverbrannte

Bauern, arabischer Herkunft, schwärzliche Kopten mit mißgestalteten

Gesichtern und struppig krausem Haar. Der Stolz des Europäers regt sich

auf, je weiter er gegen Süden reist, weil sich ihm die Bemerkung

immerhin lebendiger wieder aufdrängt: nur im Norden habe die Natur

menschliche Schönheit erzogen. Das erkennt auch der reiche Afrikaner an,

und läßt Mädchen in Georgien und Cirkassien kaufen. Bei dem allen ist

dem wahren Neger, eine Schönheit eigner Art nicht streitig zu machen;

und in den indischen Kolonien (auch wohl zu London und Paris) zeigt der

Weissen Lüsternheit ebenfalls eine Vorliebe gegen eine Haut, welche

Poesie mit dem Ebenholz gleichen kann; doch was zwischen den Extremen

liegt, kann nur dem rohen eingebornen Sinn gefallen.

Unter der Fortsetzung dieser Fahrt entdeckte man die Pyramiden von

Gizah, wiewohl in einer Entfernung mehrerer Meilen. Bergen gleich ragten

die Steinmassen empor. Die Sehnsucht, sie in der Nähe zu betrachten,

konnte aber noch keine Befriedigung finden.

Endlich erreichte man Cairo, die größte der Städte in Afrika, es sei

denn, daß dieses Welttheils noch unbekannte Mitte Oerter von weiterem

Umfange birgt.

Viertes Kapitel.

Cairo.

Zu Bulak stieg man aus. Es ist eine an den Stromhafen gebaute Vorstadt.

Schöner, könnte sie vielleicht mit den Umgebungen des alten Pyräus bei

Athen verglichen werden, doch in der vorhandenen Häßlichkeit gebührt ihr

eine solche Ehre nicht. Dagegen mögte das Gewühl vom Pyräus nach der

Hauptstadt Griechenlands, wenn schon anständiger, doch nicht so bunt und

mannigfach gewesen sein, wie das, was man auf dem Wege von Bulak nach

Cairo antrifft, am meisten in der Art, wie unsere Reisenden es sahen.

Erst im Hafen ein Wald von Masten, schon lange zuvor erblickt, und von

den Domen und Minarets des afrikanischen Paris überragt. Dann die

zerstreuten Hütten, zwischen den Werften, Plätze mit Schiffbauholz,

Waarenvorräthe und auf nebenliegenden Ebenen die bunten Gezelte der

Araber. Handelsthätigkeit überall. Auf den Häusern dichte Schwärme

Tauben, das am meisten geschätzte, und am zahlreichsten gehaltene

Hausthier, die unaufhörlich ab und zuflattern, am Boden eben solche

Haufen von Gabelgeiern und Krähen, die bald sich auf, bald

niederschwingen, bei der wenigen Verfolgung die ihnen widerfährt, höchst

dreist sind, und die Luft mit ihrem Geschrei füllen. Ebenfalls Tausende

von Hunden, die in allen großen Städten des Orients, wie man zu reden

pflegt, auf ihre eigene Hand leben, und von den, gegen Thiere

sanftmüthigen Muselmännern, keine Störung fürchten dürfen. Nun ein

unabläßiges Wogen zur Stadt und von der Stadt her, ein Drängen, Stossen,

Zanken, Waaren schleppen, Kameeltreiben, Eselführen, Reiten auf

stattlichen Barbarhengsten, Platzmachen durch stolze Diener der Polizei,

mit langen Stöcken -- die Menschenmenge, zusammengesetzt aus Türken,

Kopten, Griechen, Syrern, Arabern, Negern, Juden, und Europäern, die

unter den gegenwärtigen Umständen in ihrer Tracht erscheinen konnten,

und das Schauspiel noch bunter ausschmückten. Und nun unter all dem

Gewimmel hier einen französischen Grenadierkapitän, dort eine reitende

Jägerpatroll, hier eine vorbeiziehende Infanteriewache, den wirbelnden

Tambour an der Spitze, dort einen Ingenieur, der die Straßen aufnimmt,

ein anderer der den Strom nivellirt, wieder ein Gelehrter, der die

Inschrift eines alten Steines prüft, ein zweiter, der den Fang der

Nilfischer naturhistorisch untersucht, ein dritter, der mit einer

egiptischen Bajadere (die so zahlreich vorhanden sind, wie zu Wien auf

dem Graben oder zu Hamburg auf dem Jungfernsteig die europäischen)

scherzt -- und jedermann muß bekennen, daß das Bild davon schon sehr

anziehend ist, und daß ein ähnlicher Anblick durch ganz Europa vergebens

gesucht wird. Weite Reisen müssen aber auch entschädigen, wer würde sich

sonst zu ihren Beschwerlichkeiten verstehn wollen.

Wo möglich fand man dies Gewühl in den Hauptstraßen von Cairo noch

vermehrt, wiewohl andere Gegenden der Stadt öde und menschenleer

erschienen. Sie hatte überhaupt durch die Ankunft der Franzosen manches

an ihrem eigenthümlichen Glanz und ihrer Menschenzahl eingebüßt. Jener

bestand in der üppigen Pracht der Beis und ihrer hohen Beamten, diese in

den Mammelukken, welche sich im Gefolge ihrer Herren entfernten, und

wider die Europäer in den Streit zogen.

Jetzt wurde Cairo nach allen Richtungen durcheilt, um die

Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. Die Freiheit, mit welcher das

jetzt geschehen konnte, war seit Jahrhunderten keinem Franken geworden.

Denn vor Ankunft des europäischen Heeres waren sie großen Beschränkungen

und quälenden Demüthigungen blosgestellt. Sie mußten morgenländische

Kleidungen tragen, doch mit einem Abzeichen, welches in den Augen des

Pöbels Verächtlichkeit hatte. Jedem Mammelukken, Priester oder Beamten,

waren sie schuldig, eine tiefe Ehrenbezeugung zu machen, indem sie von

den Eseln stiegen, sich neigten, und die Hand auf die Brust legten.

Selten würdigte man diese Höflichkeit eines Dankes. Wurde sie vergessen,

so brachten sie unsanfte Stockschläge der begleitenden Diener in

Erinnrung, wobei gar nicht die Frage war: ob der Europäer vom ältesten

Adel stammte, oder nicht? In entferntern Quartieren lief man leicht

Gefahr, ermordet oder geplündert zu werden. Durch willkührliche Abgaben,

Avanien genannt, mußten Sicherheit und Befugniß zum Handel von den oft

wechselnden Herrschern, immer wieder aufs Neue erkauft werden. Man mögte

glauben, unter solchen Umständen hätte jeder Europäer einen so

gehässigen Aufenthalt geflohn, allein was thut die Liebe zum Gewinn

nicht? Man konnte in einem Jahre oder in noch kürzerer Zeit dort reich

werden. Man durfte nur Marseiller Tücher und Turbane, schweizerische

Uhren, englische Eisenwaaren und dergleichen dahin bringen, nun für den

gelöseten Preis Moccakaffee einhandeln, und das Glück haben, daß das

Schiff, worauf sich die Ladung befand, seinen Hafen erreichte. Und welch

einen freundlichen Wink giebt der Reichthum nicht? Man frage die

allerehrenvollsten armen Männer, ob sie sich, wenn sie reich zu werden

hoffen dürfen nicht der Gefahr einiger türkischen Stockschläge

preisgeben wollen, und sie werden sogleich zu erwägen anfangen, daß in

dem morgenländischen Stock die Beschimpfung nicht liegt, die der

mystische europäische in sich enthält.

Ring, der Berlin, Manheim, Carlsruhe gesehen hatte, fand die Gassen in

Cairo unleidlich, in ihrer engen finsteren Krümme, und verwünschte

besonders die quer über, von Haus zu Haus gelegten Bretter, die vollends

jeden architektonischen Prospekt hemmten. Flore aber war seiner Meinung

nicht. Sie behauptete, der allgemeine Baldachin sei da vortrefflich, wo

eine unmäßige Sonnenhitze dadurch abgehalten wird, und eine herrliche

Facade bratend anzuschaun, mache ihr nicht das mindeste Vergnügen. Wie

billig verwies er ihren geringen ästhetischen Sinn.

Diese Ueberdachung der Straßen findet sich auch in Tripolis, Algier u.

s. w. und man muß doch eingestehn, daß, wie sehr die Bewohner dieser

Städte uns in Erfindung anderer Bequemlichkeiten nachstehn, sie hier

doch auf eine fielen, die wieder manche der unsrigen überwiegt. In

Europa, besonders in seiner nordischen Hälfte drückt zwar die Hitze nur

während einer kurzen Zeit, aber wären solche Hülfsmittel gegen unsere

häufigen Regen, gegen unsern Schnee nicht willkommen? Einen hohen Grad

von Vollkommenheit würden sie erreichen, wenn sie, (bei nicht zu breiten

und mit Häusern von gleicher Höhe besetzten Straßen) Zugbrücken gleich,

von den Dächern gegen einander herabgelassen werden könnten, unter der

Neigung eines erhöhten Winkels, und mit Röhren zum Abzuge des Wassers

versehn. Dichtigkeit und Zusammenpassen aller wäre eine unerlässige

Bedingung. So könnten sie wider Sonnenhitze und nasse Witterung

wohlthätig seyn, und bei sonst angenehmer Luft aufgezogen werden. Einige

Fenster müßten die zu große Dunkelheit mindern. Sollten die Plätze auch

den Nutzen theilen, so könnte es freilich nicht anders geschehn, als

mittelst gewaltiger Schirme an hohen Masten. Eine ausschweifende

Einbildungskraft hat sich sogar für Zeiten des größeren

Unternehmungsgeistes die Möglichkeit eines Regen- und Wärmeschirms

gedacht, der ganz Paris decken und nach Belieben entfaltet und zugefügt

werden könnte; auch die Höhe des Thurms berechnet, woran er zu

befestigen wäre, die Natur der Mittelstäbe erträumt (durch Hängewerke

aneinander befestigt, durch Taue von der Thurmspitze aus getragen, von

Mastbäumen gefertigt) und des Zeuges, (einem Gewebe von Strängen nach

Bedürfniß mit Harz getränkt).

Doch Scherz bei Seite! So viel wir uns auf den Vorsprung in

Wissenschaften und Künsten zu Gute thun, so giebts doch in Europa keine

Stadt, der nur eine mäßige Bewunderung zu schenken ist, wenn man

zugleich an das, zu erhabenen Conceptionen so aufgelegte und im

Ausführen so beharrliche Alterthum zurückdenkt. Kleinlichen Flitterstaat

zeigen unsere Hauptstädte gegen die Pracht von Theben, Memphis, Palmyra,

Babilon, oder des _römischen_ Roms. Stände Semiramis wieder auf, sie

würde die Peterskirche im _päbstlichen_ Rom allenfalls noch werth

halten, wie ein kleiner Lustpavillon in einem ihrer Gärten zu stehn,

viel weiter würde sich ihre Achtung nicht erstrecken. Wem fällt es denn

wohl ein, einen Thurm aufzurichten, wie der Tempel des Bel in Babilon,

einer war. Wer will Gärten in der Höhe schweben lassen, wer Schiffe

zwischen den Schenkeln einer Bildsäule durchführen wem sind Strecken von

zwanzig Meilen, durch Berge, die es zu trennen gilt, nicht zu weit, um

nur besseres Wasser daherzuleiten?

Wir erschrecken vor den Gedanken, Hunderttausende von Arbeitern bei

einem Bau anzustellen[1], wüßten nicht die Menschen, die Summen

aufzutreiben. Dagegen erschlugen wir seit mehreren Jahrhunderten, oft um

die albernsten Zwecke Hunderttausende in Kriegen, und manches Volk hob

dieserhalb schon der Kindeskinder Einkünfte, wälzte den noch späteren

Enkeln Schulden auf. Erst wenn die irreligiösen unnützen Fehden werden

geendet haben, wenn die Christenheit einen Staat bildet, und eine

Völkerjustiz der Völker Zwiste entscheidet, wird die Zeit nahen, wo auch

die gegenwärtige Menschheit der folgenden in wahrhaft hohen Denkmälern

sich verkündigen kann.

[Fußnote 1: Da Salomo seinen Tempel bauen wollte, sandte er

Achtzigtausend Zimmerer nach dem Libanon, Zedern zu bereiten, und

Siebenzigtausend Steinhauer aus, (1. B. der Könige Kap. 5. V. 15-18) was

freilich um so unglaublicher klingt, als hernach (1. B. der Könige Kap.

6) gemeldet wird, der Tempel sey nur sechzig Ellen lang, zwanzig breit,

und dreißig hoch gewesen.]

In Einzelheiten legten wir allerdings vor den Ahnen große Strecken Weges

zurück. Jene Memphis, jene Babilon entbehrten an ihren Marmortempeln und

Pallästen der Glasfenster. Metastasio, indem er den Garten von

Schönbrunn besang, wollte poetisch komplimentiren, und verglich ihn mit

dem des Alkynous. Das war aber eine ziemlich prosaische Herabsetzung,

denn bei aller prachtvollen Beschreibung des Homer[2], tauschte doch

kaum ein wohlhabender Pachter mit dem seinigen. Allein desto

wundervoller, wenn jetzt der Geist des Großen einmal große Kräfte zu

einem solchen Zweck vereinen wird. Man kann fragen: aber wozu das am

Ende? Darauf weiß ich keine Antwort. Denn wollt ich sagen: Damit der

Eindruck die Gemüther erhebe, so kann man das gewaltig zu Boden schlage,

da in einer Stadt, welche das neue Palmyra genannt wird, und für die

jetzigen Zeiten, doch schon ein Erhebliches an architektonischen

Prospekten Tempeln, Pallästen, zeigt, die Gemüther -- -- -- -- -- doch

Stille Stille!

[Fußnote 2:

Außer dem Hof erstreckt ein Garten sich, nahe der Pforte;

Einen Huf ins Geviert', und rings umläuft ihn die Mauer.

Dort sind ragende Bäume gepflanzt mit laubigen Wipfeln,

Voll der balsamischen Birne, der süßen Feig und Granate,

Auch gelbgrüner Oliven, und wohlgesprenkelter Aepfel.

Diese tragen beständig im Jahr, nie mangelnd des Obstes,

Nicht im Sommer, noch Winter, vom athmenden Weste gefächelt

Knospen sie hier und blühen, dort zeitigen schwellende Früchte.

Birn reift auf Birn, es röthen sich Aepfel auf Aepfel;

Traub auf Traube verdunkelt, und Feigen schrumpfen auf Feigen.

Dort auch prangt ein Gefilde von edlem Weine beschattet,

Einige Trauben umher auf der Ebene hingeleitet,

Dorren am Sonnenstrahl; und andere schneidet der Winzer.

Andere keltert man schon; hier stehn die Herlinge in Reihen;

Hier entblühn sie zuerst; hier bräunen sich leise die Beeren,

Reich an Gewächs, und stets von Blumen umduftet.

Auch sind dort zwo Quellen, die eine fließt durch den Garten,

Schlängelnd umher, und die andere ergießt sich unter des Hofes

Schwell' an dem hohen Pallast, woher sich schöpfen die Bürger.

Odyssee 2ter Gesang. V. 112--131.

nach Voß Uebersetzung.]

Fünftes Kapitel.

Fortsetzung.

Was werden die Kritiker des Morgenblattes sagen, die sublimen Männer,

welche nur eine mäßige Zahl von Alltagsköpfen in ihre Mitte treten

ließen, daß dies Buch bis hieher noch so wenig That, so viel Betrachtung

enthielt, daß die Kunst auszustellen, zu spannen, einzuleiten, mit so

weniger Sorge gepflegt wurde? Geduld! es wird der Handlung Fülle

erscheinen, ja der Verfasser wird es dahin bringen, daß man sich noch

über Quantität und Qualität der Handlung ereifern soll.

Unser Paar lebte nun eine gute Zeit wohlbehalten in Cairo. Ring hatte

seine Geschäfte beim Commissariat zu versehen, Flore, die immer wieder

Mannskleider trug, suchte hie und da einen erlaubten Gewinn zu erzielen.

Nach ihrer bekannten Aufgewecktheit, Gefügigkeit, nach ihrem schnellen

Auffassungsvermögen, lernte sie bald etwas von der Einwohner Sprache,

und verstand es auch, sich zu ihren sittlichen Ansichten zu bequemen.

Daneben hatte sie bald eine Kenntniß von Dingen, nach denen die

französischen Gelehrten begierig waren, als da sind aufgefundene alte

Münzen, Mumienfragmente und andere Seltenheiten. Oft schwatzte sie

dergleichen den Egyptern um ein Geringes ab, und veräußerte es gut.

Gegenstände der Lieferung, die ihr Mann aufzutreiben hatte, schaffte sie

so herbei, daß ein billiger und nicht unbeträchtlicher Vortheil daran

hing. So gedieh es den beiden Leuten, doch sey es zu Florens Ehre

gesagt, sie trieb es in allen Ehren.

Weltbekannt ist, wie viele treffliche Einrichtungen von den Franzosen in

Egipten gemacht wurden. Man untersagte den Sklavenhandel, stiftete

überall eine geordnete Polizei. Eine Versammlung der Scheiks aus

verschiedenen Provinzen wurde zu Cairo ausgeschrieben, wo man die

Verbesserungen der Gesetzpflege und Finanzverwaltung berathete. Den

bürgerlichen Gewerben und dem Ackerbau ward der nöthige Schutz, und die

Egypter hätten sich nur auf ihren wahren Vortheil verstehn müssen, um

sich auf immer von der rohen Mammelukkentirannei befreit zu sehn.

Allein sie begriffen diesen Vortheil nicht, und unterstützten die gute

Sache nur mit halben Willen. Englischer Einfluß, die Schritte, welche

die Pforte gethan hatte, und Sinn für die alten Gewohnheiten verkehrten

diese Gemüther, und während die französischen Waffen gegen alles, was in

den Provinzen noch Widerstand leistete, glücklich waren, zettelte sich

in der Hauptstadt ein gefährlicher Aufruhr an.

Sechstes Kapitel.

Aufruhr.

Ring hatte die Pyramiden von Gizah immer noch nicht in der Nähe gesehn.

Allein war keine Wallfahrt dahin zu unternehmen, da Räuber in der Gegend

umherschwärmten, die des Landes kundig, zu viele Schlupfwinkel fanden,

um den Truppen erreichbar zu seyn. Nur mit Bedeckung waren Offiziere und

Gelehrten dahin gegangen, Ring hatte aber dann immer der Zeit ermangelt.

Nun fand sich eine Gelegenheit, er konnte einige Tage abkommen, und

wollte nicht säumen, den Gipfel der Spitzsäulen zu erklimmen, und die

alten Pharaonskammern zu durchspähn.

Flore aber hatte keine Lust ihn zu begleiten, ohnehin war sie eben in

einer Handelsverrichtung begriffen, und blieb in Cairo zurück.

Grade nun begab sich aber jener bekannte fürchterliche Aufruhr vom 21.

Oktober, dessen Plan ziemlich von weitem angelegt zu seyn schien, da an

dem nämlichen Tage auch Bewegungen in Alexandrien, und selbst vor dem

Hafen dieser Stadt, sichtbar wurden. Wie einst in Warschau, war es

darauf angelegt, alle fremde Truppen zu morden, die Franzosen entgingen

aber durch größere Wachsamkeit dem Geschick der Russen.

Früh um acht Uhr sah man verschiedene Volkshaufen, deren Vorhaben nicht

zweideutig schien. Der General _Dupuis_, Befehlshaber zu Cairo begab

sich nach dem Platze _Berquetfil_, die Empörer durch gütige Mahnung zu

zerstreuen, wurde aber mit seinen wenigen Begleitern getödtet. Nun

griffen die Franzosen zu den Waffen, pflanzten Kanonen in den Straßen

auf, und brachten die Aufrührer bald dahin, daß sie sich in die Moscheen

retteten, und dort verschanzen mußten. Ihnen wurde auf die Bedingung

Gnade zugesagt, daß sie ihre Oberhäupter auslieferten. Bei ihrer

trotzigen Weigerung war ihre Strafe angemessen. Sie lernten die Macht

europäischer Kriegsführung kennen, und um so befestigter ward der

letzteren Gewalt.

Gleichwohl waren in den Häusern und einzeln auf den Gassen viele

Franzosen umgebracht worden. Einige Gefangenen schleppten fliehende

Araber mit aus der Stadt fort. Ein solches Schicksal erfuhr auch die

gute Flore. Neugier anfangs, und hernach der Vorsatz, bei einer

Truppenabtheilung Sicherheit zu suchen, hatten sie aus ihrer Wohnung

getrieben. Nun sprengten aber einige Reuter vorüber, von welchen der

Vorderste eine Lanze, wiewohl ohne Erfolg nach ihr warf, mehrere andere

Fehlschüsse mit Pistolen nach ihr thaten, der Hinterste sie aber um den

schlanken Leib ergriff, sie vor sich auf das Pferd hob, und so mit der

Beute davon eilte.

Wie die tödtlich Erschrockene flehte, es war umsonst; auch die Hoffnung,

Franzosen würden dem Zuge begegnen, und sie befreien, blieb eitel. Immer

im vollen Sprunge eilten die Reuter durch abgelegene Gegenden, und durch

Lücken der verfallnen Stadtmauer ins Freie.

Man kann sich den Zustand der Armen denken. Der Sitz auf dem Halse des

Gaules höchst unsanft, und am wenigsten freundlich, die Erwartung der

Dinge, die da kommen sollten.

Sie verstand so viel von der Sprache, um ihre wiederholten Bitten um

Freiheit vorzutragen, und auch die Reden der wilden Muselmänner deuten

zu können; auf jene wurde aber nicht gemerkt, und diese weissagten

nichts Gutes.

Eine Strecke von etwa dreitausend Schritten von den letzten Häusern der

Vorstadt hielten die Reuter an, und beratheten hinter Buschwerk, das sie

versteckte. Sie wollten Nachricht abwarten, ob der Versuch, die Franken

umzubringen, nicht etwa noch eine günstige Wendung genommen habe, in

diesem Fall waren sie entschlossen, wieder nach Cairo zurückzukehren.

Sonst hielten sie eine Flucht ins innere Land nöthig, um der Rache zu

entweichen.

Gleich fragten aber die Uebrigen den Ali (so hieß der Entführer Florens)

was er doch mit dem Franken beginnen wolle? Zwei oder drei alte Männer

wollten ihn niedergestoßen wissen, zuckten auch schon die Lanzen, einige

jüngere traten aber mit lüsternem Blick näher, wehrten ab, und

liebkoseten Floren.

Das letzte wollte Ali nicht dulden, und man gerieth in einen hitzigen

Streit. Da aber eben wieder zwei Araber daher sprengten, mit der

Verkündigung, alles sei für die Aufrührer verloren, und die Franken

Sieger, dachte man nur an eine weitere Flucht; die Arme wurde abermals

auf das Pferd geschwungen, und es ging im schnellsten Galopp

querfeldein.

Nur am späten Abend, wie die Thiere vor Ermüdung nicht weiter konnten,

wurde Halt gemacht, und der alte Streit erneuete sich augenblicklich,

und mit größerer Frechheit, da weniger Furcht die Unholde plagte. Flore

wurde dem Ali streitig gemacht, der ihren Besitz lebhaft vertheidigte,

die Alten schrien: was sie vorhätten, sey gegen den Koran, und bald fiel

man mit Säbeln und Dolchen übereinander her.

Während dieses Getümmels benutzte Flore einen günstigen Augenblick, und

sprang davon. Die Dunkelheit unterstützte ihr Beginnen, sie erreichte

ein Gebüsch voller felsigten Schlüfte, wo sie hoffen durfte, nicht so

leicht entdeckt zu werden. Zwar hörte sie bald, daß die Araber wieder

aufgesessen waren, und sie mit vielem Geschrei nach allen Richtungen

aufsuchten, allein in ihre Nähe kamen sie nicht, und bald vernahm sie

kein Geräusch mehr.

Tiefe Nacht brach herein, und schien die Furcht vor den Arabern

verschwunden, so kam bald eine andere über sie, die vor den Thieren der

Wildniß. Sie kroch also, so tief es immer möglich war, in eine Höhle,

und erwartete dort schlaflos den Morgen.

Die einzige Hoffnung, welche ihr aufging, war, vielleicht auf Franzosen

oder gutsinnige Griechen zu treffen, die sie wieder nach Cairo bringen

konnten, und dadurch einigermaßen beseelt, wagte sie sich aus ihrem

Schlupfwinkel hervor.

Siebentes Kapitel.

Eitle Wünsche.

Wie sie aus dem Dattelhölzchen trat, erblickte sie auf einer Seite

grauenvolle unabsehliche Wüste, auf der anderen zwar angebauet Land,

doch kein Dorf, noch weniger Menschen, an welche sie es hätte

unternehmen mögen, sich zu wenden. Indessen konnte sie nicht bleiben wo

sie war, schon überaus entkräftet, würde sie bald dem Hunger erlegen

haben. Sie schritt also in das angebaute Land, traf auch bald eine

Quelle, ihren Durst zu löschen, und fand Früchte mancher Art, um den

Hunger zu sättigen.

Bald sah sie die Moschee eines geringen Städtchens, und weiterhin

mehrere Dörfer. Unschlüssig, ob sie sich hier oder dorthin wenden

sollte, bestieg sie eben einen Hügel, der eine weitere Aussicht darbot,

und entdeckte, daß der Nil etwa eine Meile davon, seine majestätischen

Fluthen vorüberwälzte. Gleich war nun der Entschluß genommen, so

unbemerkt als möglich seinen Ufern zu nahn, weil es bei weitem nicht so

glaublich war, in jenen geringen Ortschaften Truppen zu finden, wie

dort.

Nicht ohne Gefahr setzte sie ihren Weg fort, und stieß auf manche

Arbeiter im Felde, deren Ansehen bösartig genug war. Doch ihre

freundliche Natur, die mit zutraulichem Gruß an ihnen hinging, machte,

daß jene nicht zu der Besonnenheit gelangten, ihr Leid zuzufügen. Eine

köstliche Himmelsgabe, die freundliche Natur. Sie entwindet ohne Mühe

Verlegenheiten, ist eine der ersten Lebensadressen an das Glück. Unter

den Emporkömmlingen sieht man wenig herbe Gesichter, und ein lebensmüder

Soldat, der einstmals ein Verbrechen beschloß, um den Tod zu leiden,

setzte den schon gespannten Hahn wieder in Ruh, weil der erste

Vorübergehende ihm einen heitern guten Tag bot, und tödtete dagegen den

zweiten.

Endlich kam Flore an dem Nil an. Aus den umherliegenden Hütten hatten

sich viele Mädchen versammelt, hier Linnen zu reinigen. Nach Landessitte

war ihr leichtes Gewand bis zum Gürtel aufgeschürzt, dagegen das Gesicht

schamhaft verdeckt. Ein seltsamer Kontrast gegen europäische Meinungen.

Flore nahte lachend, und erkundigte sich, ob keine französische Soldaten

hier herum gesehn worden. Die Mädchen sagten aus: eben wären deren wohl

Hundert des Weges gezogen, die Getreide eintrieben. Flore sah noch in

der Entfernung den Staub, und eilte, alle Kräfte anzustrengen, um das

Kommando zu erreichen.

Es war aber ziemlich weit voraus, Flore sehr ermüdet. Sie keuchte

athemlos, doch spornte sie die Hoffnung der Sicherheit, der Gelegenheit

wieder nach Cairo zu ihrem Gatten zu kehren. Denn wenn gleich das

Commando von der Hauptstadt gekommen schien, da es seinen Weg in der

Richtung nach Oberegypten südlich fortsetzte, so ließ sich doch

erwarten, es würde nach vollzogenem Auftrag wieder dahingehn. Hätte sie

nun keinen Abweg eingeschlagen, so würde der erste sie gewiß an ihr Ziel

geleitet haben. Und vielleicht rasteten auch die Soldaten bald einmal,

desto eher wurden sie eingeholt.

Doch die Abwege! Wären sie nicht auf dem Erdboden! Und die falschen

Lockungen! Wohnte uns nicht eine so leichte Neigung bei, ihnen zu

folgen! Flore blickte von Ungefähr -- ein Ungefähr, an welchem ach! so

Viel hing, nach dem Strome. Sie gewahrte ein Fahrzeug, das ihn

hinaufsegelte. An der Spitze saß ein Mann in französischer

Soldatenuniform, die Kokarde am Hut. Sehr natürlich war der Gedanke, daß

sie vielleicht auf dieser Barke auch Sicherheit finden könne, und die

Sehnsucht, ein wenig Schutz gegen die Sonnenhitze, die in Egyptenland

auch im Oktober drückend genug ist, zu finden, gab jenem Gedanken

destomehr Lebhaftigkeit. Ich will den Landsleuten winken, dachte sie,

daß sie ans Ufer steuern, um mich aufzunehmen. Vielleicht gehören sie

selbst zu dem Commando, bringen etwa Lebensmittel nach. Desto eher wird

mein Wunsch erreicht.

Sie nahm ein weisses Tuch heraus, und gab Zeichen. Bald wurden sie

verstanden, das Fahrzeug nahte, und legte an. Froh saß die Wartende am

Strande. Der Mann in der Uniform steigt aus. Mit Schrecken sieht Flore

ein schwarzbraunes Gesicht, und morgenländische Unterkleider. Der Hut

ist auf einen häßlichen geschornen Kopf gedrückt. Nun will sie fliehn,

der Schwarzbraune hat sie aber bereits mit starkem Arm ergriffen, und

sie wird in die Barke getragen, wo einige Ruderknechte, und lumpigte

bewaffnete Kerle sie mit wildem Lachen empfangen.

Die Eigenthümer waren Flußräuber, deren es auf dem Nil viele giebt, und

welche die neue Polizei bei aller Wachsamkeit noch nicht hatte vertilgen

können. Von einem ermordeten Europäer waren jene Kleider genommen, und

das Oberhaupt der Bösewichter hatte sie angelegt, um Fremde, die man

etwa plündern konnte, sicher zu machen.

Man durchsuchte ihre Taschen nach Geld. Es fand sich wenig. Nun ward sie

entkleidet, um zu untersuchen, ob irgendwo Goldstücke eingenäht wären.

Man fand deren nicht, aber entdeckte mit großer Befremdung und üppigem

Jubel ihr Geschlecht. Flore stockt, wenn sie hier weiter zu erzählen

pflegt, und es ist daher billig, daß auch manches übergangen werde. Die

Hauptsache ist, daß sie mit fort mußte, und die bittere Kränkung erfuhr,

den Truppenhaufen bald darauf am Ufer gelagert zu sehn, während die

Räuber auf der Mitte des Stromes vorübersegelten. Man hatte ihr die

Hände gebunden und den Mund verstopft, so lange die Soldaten sichtbar

waren, damit sie auf keine Art ihre Gegenwart ankündigen konnte.

Dann wurde sie aber von dieser Unbequemlichkeit befreit, und die Räuber

wiesen sie an, ihnen das Essen zu bereiten. Die Nothwendigkeit gebot,

sie mußte aus dem Mehlvorrath egyptische Polenta fertigen, und die

gefangenen Nilfische auf dem kleinen Heerd der Barke rösten.

Achtes Kapitel.

Fernere Abentheuer mit den Flußräubern.

Daß Flehen und Weinen umsonst war, ergiebt sich von selbst. Auch blieb

es ohne Wirkung, daß Flore dem Gesindel eine Loskaufungssumme verhieß,

wenn man sie nach Cairo bringen wollte. Sie fand keinen Glauben, und die

Räuber, denen ihre Kost schmeckte, gewöhnten sich nur mehr an sie.

So mußte Flore sie auf ihren ruchlosen Zügen begleiten, und Zeugin

mancher Unthat sein. Schlau wußten sie drohenden Gefahren zu begegnen,

denn erblickten sie etwa von Weitem ein Fahrzeug, worauf bewaffnete

Mannschaft seyn konnte, so gab es entweder eine Bucht, oder einen Kanal,

wo sie sich verbargen, oder sie fischten ruhig in einiger Entfernung und

wurden dann nicht gestört. Schiffe aber, die ihnen nur geringen

Widerstand leisten konnten, griffen sie mit schneller Gewalt an, oder

überlisteten. In aller Hast wurde dann das Eigenthum geraubt, und nicht

selten die Besitzer ermordet. Bis ein guter Vorrath von Beute gesammelt

war, blieben sie immer auf der Mitte des Stroms. Hatten sie aber Raub

genug erlangt, begaben sie sich nach _Scheik Abade_, ihren

Schlupfwinkel, wo sie die Gegenstände bis auf thunliche Veräußerungen

einscharrten.

Nachdem Flore etwa acht Tage bei ihnen gewesen war, geschah eine solche

Landung. In den Hütten des Oertleins hauseten ihre Gefährten und Weiber.

Zwischen den weitläuftigen Ruinen umher, den Ueberbleibseln der alten

Stadt Antinoe, wurden die Gruben ausgehöhlt. Flore sah es mit an, daß

unter andern hier reicher Schmuck, und eine gute Zahl von Goldstücken,

verborgen wurden. Sie hatte, da sonst sich keine Hülfe darbot, gute

Miene zum bösen Spiel gemacht, und sich mit verstelltem Wohlbehagen, in

den Willen des Taugenichtse gefügt, auch erklärt: sie wünsche für ihr

ganzes Leben kein glücklicher Loos. Das hatte ihr den besondern Schutz

des Oberhauptes erworben, doch gab man nichtsdestoweniger genaue Acht

auf sie, und benahm ihr jede Möglichkeit der Flucht. Bei Tage mußte sie

unter strenger Aufsicht arbeiten, bei Nacht wurde sie zu den Weibern

gesperrt.

Bald schifften sich die Räuber wieder ein, und Flore war ihre

Begleiterin. Man schwamm mehrere Wochen auf dem Nil herum, war aber

diesmal nicht so glücklich wie vorher, und es herrschte dieserhalb

großer Unwille auf dem Fahrzeuge. Flore suchte ihn möglichst zu

bekämpfen, indem sie sich die Bereitung der Polenta, und das Braten der

Fische noch sorgsamer angelegen seyn ließ. Desto mehr gewann sie die

Herzen. Jeder Sterbliche, wäre es der roheste, entartetste, ist auf

irgend eine Weise einzunehmen.

Die Mehlkiste war aber ziemlich aufgezehrt, es mangelte an Hanfgetränk,

womit der Pöbel in jenen Gegenden sich zu berauschen pflegt, man

beschloß also, nach dem Raubneste zurückzukehren, um neue Vorräthe zu

holen.

Etwa eine Meile war die Barke noch davon entfernt, als die Nacht

hereinbrach. Der Wind blies zudem nicht günstig, der Morgen sollte daher

erwartet werden, die Reise zu vollenden. Wie gewöhnlich wurde der Anker

mitten im Strome geworfen, die Unholde legten sich bis auf Einen

schlafen, der Wache hielt.

Flore hatte sich auch unter dem Mattenbaldachin hingestreckt, aber kein

Schlummer wollte sie erquicken. Sie dachte ernsthafter als je dem

traurigen Geschicke nach, das sie in eine so verwünschte Innung geführt

hatte, und die entsetzliche Aussicht, vielleicht nimmer von hinnen zu

kommen, brachte sie der Verzweiflung nahe. Denn wie man denken mag,

hatte sich ihre Einbildungskraft fast mit nichts, als den Mitteln in

Freiheit zu kommen, beschäftigt. Doch unüberwindlich erschienen ihr die

Hindernisse, da die Räuber verschlagen genug waren, sich vor jeder

obrigkeitlichen Hand verborgen zu halten.

Die Liebe zu Ring erwachte unter diesen Umständen desto lebhafter. Was

mag er thun, der Gute? Wie bestürzt wird er gewesen sein, da er seine

Flore bei der Rückkehr von jener Reise nicht mehr gefunden hat! Ich seh

ihn erbleichen, wüthen, suchend umher irren, den Freunden klagen, sich

abhärmen. Aber wenn der erste Sturm des Grams vorüber ist, wird er mich

nicht todt, wenigstens verloren achten? Ach, und dann giebts andere

Mädchen. Er liebt das Sonderbare. Schon um deswillen kann eine Coptin,

eine Griechin, eine Araberin -- o ich mögte in Wahnsinn sinken, bei der

Reihe von Vorstellungen, die dieser folgt! Nein es gelte das Leben, die

nächste Gelegenheit, und wäre sie noch so dornenvoll, werde muthig

ergriffen! Schon manches führt ich Unternehmende aus, wovor das

Alltagsweib schaudern würde, sollte mir denn keine glückliche Flucht aus

Diebeshänden gelingen?

Indem sie sich auf diese Weise mit düsteren Vorstellungen quälte, und so

gern die Gewölke, die das Innere ihrer Seele trübten, durch einen

freudigen Hoffnungsstrahl erhellen wollte, blickte sie unter dem

Ueberhang nach dem Wächter hin, der zu ihrer Befremdung fest

eingeschlafen schien. Auch die übrigen Räuber schnarchten.

Es war grade in der Regenzeit, und das Getöse, indem das Wasser auf die

Decke, auf die Bretter und in die Wogen niederschlug, vermehrte sich

eben, da sich dichtere Ströme niedergossen.

Hinter der Barke war ein kleiner leichter Floß angebunden, der nur aus

einer Bohle bestand, welche durch zwei Reihen ausgehöhlter Kürbisse

gehalten wurde, eine Erfindung, auf welche der Occident noch nicht fiel.

Dem Wetterleuchten in der Ferne gleich, stieg Floren ein rascher heller

Gedanke auf, dem sie aber aus heftiger Furcht kaum Raum zu geben wagte.

Diese Furcht kämpfte mit jenem Gedanken ziemlich lange, endlich aber

verlor sie ihr Spiel, und Flore ermannte sich zu seiner Verfolgung.

»Wie wenn ich beim Geräusch des Regens, mich aufmachte, mich auf das

Floß niederließ; schwerlich würde der Araber erwachen. Unbemerkt knüpfte

ich den leichten Kahn los, und ruderte mich zum Strande.«

»Aber wenn er nun erwachte, dann fiel ich ohne Zweifel ein Todesopfer

des Jähzorns!«

»Das Erwachen steht dahin, mein jetziges Leben ist nicht viel besser,

wie Tod, an die Freiheit muß man es kühn setzen.«

»Gleichwohl, wenn ich nun das Land erreicht habe, was wird dann aus mir

werden? Ich bin ohne Geld, ohne Freund, nach dieser entlegenen Gegend

kommen meine Landsleute selten, was hier herum wohnt, haßt alles, was

nicht an Mahomed glaubt, tödlich. Ich werde immer dem Verderben nicht

entrinnen.«

»Geld wirkt viel, ich wüßte wohl Geld zu finden, und ein Raub an Räubern

verübt, die mir Freiheit und Wohlfahrt entrissen, kann kein Verbrechen

sein. Aber man wird mir folgen, dort mich vielleicht am ersten

aufsuchen, da den Buben ihr Schatz am Herzen liegt, und sie bald

argwöhnen könnten -- -- aber ists am Ende Frevel, Mörder zu morden? Zur

Rettung des eigenen Lebens sie zu morden? Wie manchen Schuldlosen sah

ich nicht schon von ihren Dolchen getroffen, sinken? -- Aber ohnmächtige

Thörin, was sinnst du über das Unmögliche?«

Sie sann gleichwohl länger und länger. Endlich stand der Entschluß fest

vor ihr da, zu ihrer Rettung das Ungeheure zu wagen, führe es auch wohin

es wolle.

Sie empfahl sich den freundlichen Gestirnen, und stand auf. Leise tappte

sie nach dem Steuer zu, hob eine Flinte, einen Mannsanzug, und einen

Bohrer von beträchtlicher Größe, deren Plätze sie in der Dunkelheit zu

finden wußte, so behutsam als es thunlich war, auf, und ließ sie auf das

Floß nieder. Nun folgte sie selbst nach, mit einem Ruder versehn.

Wie gewaltig pochte ihr Herz da draußen, und da beim ersten Schritt in

die Gefahr, oft eine Anwandlung von Kleinmuth und Reue über das Herz

kömmt, so fehlte nicht viel, sie wäre wieder in die Barke

zurückgestiegen.

Doch wurde die Bangigkeit niedergekämpft, und verwegen setzte die

Französin den Bohrer an, das Räuberschiff leck zu machen. Auf diese Art

nur konnte sie sich bei ihrem Vorhaben der nächsten Verfolgung

entziehen.

Sie setzte das Instrument unter dem Wasser an, und arbeitete frisch.

Nach einer Viertelstunde fühlte sie, daß die Bohle durchdrungen sei, und

ging an eine zweite Oeffnung. Diese wurde aber nicht vollendet, da das

Sinken des Fahrzeuges den Fleck, wo sie angefangen hatte, schon zu tief

niederdrückte. O bange Augenblicke! Sie mußte immer erwarten, daß die

einlaufende Nässe die Schlafenden wecken würde. Dennoch bohrte sie noch

an einer höheren Stelle mit aller Macht, und konnte bald das ganze

Werkzeug durchschieben. Jetzt erst schnitt sie den Strang ihres Bootes

los, entfernte sich aber aus guten Gründen nicht von der Barke.

Was sie befürchtet hatte, geschah gleich darauf. Mehrere der Buben

schrien zugleich auf, und mahnten den Wächter, das Regenwasser

auszuschöpfen. Denn nur daran dachten sie. Dieser taumelte schlaftrunken

umher, die Schaufel zu suchen, plätscherte aber schon sehr tief. Nun

mehrte sich aber die Kraft des Sinkens jähling, und nur zwei waren im

Stande, sich noch unter der Decke hervorzuarbeiten. Die andern erhuben

ein gräßliches Geschrei, das aber schon nach einigen Augenblicken

verstummte, denn sie waren mit dem Fahrzeuge schon unter dem Wasser.

Jene zwei, gute Schwimmer, wollten sich ans Ufer retten, aber Flore

ruderte behende hinzu, gewahrte im ersten Grauen des Morgenscheins ihre

Köpfe, und schlug mit desto geringerer Schonung mit der Flintenkolbe auf

sie zu, als sie diese Bösewichter vorzüglich unter der Menge haßte. Denn

sie hatten noch einige Tage zuvor einen coptischen Christen, blos aus

Grimm, weil sie nichts zu rauben bei ihm fanden, mit Marterstreichen

umgebracht.

Sie riefen kaum noch ein _Allah Kerim_, da gingen sie unter in ihr

feuchtes Grab, und über Floren kam ein Gefühl, wie es Ulysses gehabt

haben mag, da keiner seiner übermüthigen Nebenbuhler mehr athmete.

Noch blieb sie eine Weile an der Stelle, durch den ein wenig

hervorragenden Mast der Barke bezeichnet, aus Sorge, es mögte einer noch

aus der Tiefe hervortauchen. Sie nahm aber nichts wahr, und begriff

auch, daß jeder, der nicht bei Zeiten sich unter der Matte hervor hatte

machen können, nothwendig umgekommen sein müsse.

Jetzt fuhr sie dem Strande zu, küßte ihn unter frommen Empfindungen, und

dachte nun erst schaudernd zurück, an die grausenhaft kekke That.

Achtes Kapitel.

Reichthum.

Vernunft und Kühnheit, sind eine nervenschwache Matrone und ein junger

Alcid. Was jene mit allen Berechnungen verloren geben würde, er wagt es,

triumphirt -- wenn nämlich das Glück zur Seite stehn will. Im Frühling

der Jahre straucheln wir oft, es geschieht mancher Fall, der noch im

Alter schmerzt, bei dem allen aber setzen wir in dieser Periode Dinge

ins Werk, vor denen die bedächtige Verstandesreife feig erzittern muß.

Und dennoch gelangen sie. Warum trennen wir uns denn späterhin von dem

kekken frischen Lebensmuth? Er, gepaart mit dem Vortheil der Erfahrung,

müßte uns ja durchaus die Gipfel der Wohlfahrt erreichen lassen. Auch

sehen wir, daß der klug gewordene Mann mit _ersparter_ Jünglingskühnheit

oft hoch steht. Mit ersparter, recht! die Mehrheit hat sie vergeudet,

und hinkt hernach feig umher. -- Zur Geschichte:

Die Heldin legte am Ufer das türkische Gewand an, und eilte, die Flinte

im Arm, dem Raubneste zu. Noch schlief dort alles in den Hütten, und

unbemerkt konnte sie dem Platze nahen, wo das Oberhaupt der Flußräuber

neulich seine Kostbarkeiten verscharrt hatte. Da sie jedoch eines

Spatens ermangelte, und es ihr sauer ankam, die über die Stelle

gewälzten Steine wegzuschaffen, so verging viele Zeit, der Morgen war in

aller Fülle da, und man sah hie und dort Einwohner des Ortes umhergehn.

Da schrieb die Nothwendigkeit vor, von der begonnenen Arbeit zu lassen,

und Flore verbarg sich zwischen dem Gemäuer eines alten Jupitertempels,

entschlossen, nur erst in der folgenden Nacht wieder hervorzutreten.

Eine schauderhafte Einsamkeit! Unaufhörlich schwebte die Phantasie

zurück, und sah immer aufs Neue jene Barke sinken. Mit Recht oder ohne

Recht, Flore zitterte, nunmehr eine Mörderin zu sein. Gleichwohl ließ

sich das Geschehene nicht mehr ändern, sie mußte die Gewissenssprache

nun wieder stumm zu kämpfen suchen. So sind fast immer im Menschen zwei

streitende Stimmen laut, und sie zu versöhnen, ist eigentlich die

moralische Lebenskunst.

Der Abend nahete endlich, und Echo gab des Schakals trauriges Geheul von

den Trümmerwänden zurück. Flore mußte nun wieder an ihre Arbeit. Auch

der Mangel an Nahrung mahnte sie, bald sich in den Besitz von Geld zu

setzen.

Mit den Händen grub sie den Sand auf, nachdem die Felsstücke sie nicht

mehr hinderten, und zog bald mit vieler Mühe eine Kiste zur Höhe. Sie

war bald geöffnet, und volle Beutel mit Goldstücken, mehrere Schachteln

mit Korallen, Perlen und Edelsteinen gefüllt, standen der Abentheurerin

zu Gebot. Ach, dies wohlbehalten in Cairo, in Paris! dachte sie.

Sie konnte aus Ermattung und Furcht wenig tragen, und hätte doch gern

viel mitgenommen. Doch theilte sie weislich ein. In den Turban wurden

Juweelen verborgen, der Gürtel enthielt eine starke Wulst Dukaten, sie

vergaß die Taschen nicht. So ging sie doch mit einem ziemlichen

Reichthum von dannen, nachdem sie das Uebrige von Schätzen an einen

andern Ort bewahrt und ein Zeichen, mittelst in eine gewisse Figur

gelegter Steine, gemacht hatte. Vielleicht, dachte sie, giebt es einst

Gelegenheit, den Rest abzuholen.

Noch in der Nacht wanderte sie von dannen, denn um alles in der Welt

durfte sie den Bewohnern von _Scheik Abade_ nicht sichtbar werden. Sie

tappte im Dunkel zwischen die Ruinen hin, stieß bald an einen

zerbrochenen Obelisk, der im Sande lag, bald fand sie ihren Weg durch

aufgethürmte Säulenstücke gehemmt. Der Vorwelt Geist redete sie schaurig

aus den Trümmern an, das Geheul von wilden Thieren, die es in der Gegend

gab, sträubten ihr das Haar. Das Bild der untergegangenen Unholde war

nicht vom Gedankenspiel zu trennen. Aber die Nothwendigkeit, die ja auch

den entschiedensten Feigling beherzt machen kann, wenn sie nur hinter

ihn eine noch größere Gefahr stellt, wie vorne zu bekämpfen ist,

beflügelte ihre Tritte durch Nacht und Graus.

Wäre sie geschichtskundig gewesen, so hätte sie sich die Langeweile

durch Bemerkungen über die Ruinen der verheerten Stadt tödten können.

Wären sie gleich nicht so tief und sinnig, und dazu so weitschweifig

ausgefallen, wie jene, welche von Palmyras Resten umgeben der König

aller Ketzer, _Volney_, zusammenstellte, so hätten sie doch ein eigenes

Interesse haben können.

Die Ruinen von _Antinoe_! Welch ein Stoff zu der mannigfachesten

Verarbeitung, für den Historiker, den Moralisten, den Dichter!

_Hadrian_, dessen Tugenden in Frieden und Krieg den Ruhm ganz und gar

nicht müßig ließen, besaß -- -- übrigens aber -- einen jungen Freund,

_Antinous_ genannt, dessen Bildsäulen uns noch bis auf diese artistische

Stunde, so der menschlichen Schönheit Ideal versinnlichen, wie die des

Apollon, Göttlichkeit aussprechen. Der Kaiser befand sich eben in

Egypten, und -- was ihm die allerneusten Philosophen nicht verübeln

können, da sie es selbst geschmackvoll finden, zur Veränderung einmal

wieder abergläubisch zu sein, -- fand für gut, die Wahrsager des Landes,

deren Weisheit im Ruf stand, über die Zukunft seines Lebens zu fragen,

was nun freilich in unsrer Zeit nicht geschieht. Die Antwort klang: dem

Weltherrscher drohe nahe schlimme Gefahr. Nur wenn sich Jemand, der ihm

theuer sei, der ihn liebe, für ihn den Opfertod wählte, würde sich das

Schicksal versöhnen. Große Bestürzung, Wehklage und Trauer am Hofe und

im Heere. Es gab Tausende, die recht gern patriotisch schrieben,

patriotisch redeten, wenn sich die Aussicht öffnete, das Vaterland würde

sie lohnen; eben so viele waren bereit das Knie zu beugen, dem Kaiser zu

klatschen, wenn er im Theater erschien, weil sie hofften, diese Zeichen

hoher Anhänglichkeit würden gelegentlich zu Ehrenämtern oder Landgütern

helfen; doch ein Opfertod schien ihnen zu sehr im Charakter der ersten

fabelhaft romantischen Zeiten Roms zu sein, als daß Männer, die

aufgeklärt über Jupiter lachten, noch hätten daran denken können.

Demungeachtet war jeder bereit, dem, der sich dennoch entschließen

wollte, ein Erbtheil von Unsterblichkeit zuzugestehn. Ueberhaupt giebt

es kein besser Mittel, das Verdienst anerkannt zu machen, hätte man

zuvor auch dem Neide und der Afterrede unterlegen, als daß man stirbt.

Der schöne hochherzige _Antinous_ bot sich allein dar. Daß sein

Imperator -- und Freund sich die edle Großmuth (oder den edlen Großmuth,

da man gar nicht einsieht, weshalb das Prädikat Groß den männlichen Muth

in den Harem stoßen soll, um so mehr als Kleinmuth bei dem alten

Geschlechte bleibt) gefallen ließ, mag ein andrer Lobredner erheben.

Genug Antinous stürzte sich von einer Felsenzinne in den Nil, und die

Propheten erklärten das Unheil abgewendet. Hoch wurde nun aber der

Liebling und Retter geehrt. An der Stelle baute Hadrian eine große, mit

allem Kostbaren, was die Kunst aufbringen kann, geschmückte Stadt, und

nannte sie _Antinoe_. Tempel wurden erhöht, die Bildsäulen des schönen

Selbstmörders geheiligt. Opfer und jährliche Spiele wurden angeordnet,

der Kaiser schrieb den Cultus seiner Verehrung in den kleinsten

Umständen vor. So lohnte die Vorzeit.

Schlimm daß ein gehäßiger Nebenbegriff einen sonst schönen historischen

Moment, so in Schatten setzt. Kann denn aber der Nebenbegriff nicht ein

Kind der Verläumdung sein? Dann gäbe es einen gar artigen Stoff zum

Trauerspiele mehr.

Ende des zweiten Buchs.

Zweiter Potpourri.

Antinous,

Trauerspiel in einem Akt.

Personen.

Hadrian, Kaiser.

Antinous, sein Liebling.

Ein Krieger.

Ein Höfling.

Ein Diener.

Egyptische Priester und Volk.

Die Scene in Egypten in einem Garten am Nil.

Erster Auftritt.

Hadrian. Antinous.

(kommen Arm in Arm durch den Garten.)

Hadrian.

Laß in die holde Einsamkeit mich retten,

Vor kniender Völker huldigendem Gruß

Und Jubelruf, der mir das Ohr betäubt.

Hier darf ich nicht durch Kränze Pfad mir bahnen,

Nicht Lied und Blume sinken lastend nieder,

Doch in des Freundes Arme sinkt der Freund.

Antinous.

O bin ichs werth? Erwählt aus Millionen

Hob der Quiriten hoher Cäsar mich,

Der neben Jupiter den Erdkreis lenkt --

Hadrian.

Auch du, auch du? Entweihn soll diese Lippe,

So zart wie Sidons purpurnes Gewebe,

So strahlend wie der Morgenhelle Licht,

Der ecklen Schmeichelei verworfne Rede?

Im Staube laß den Sklavenchor ertönen,

Wohl ziemet er Prometheus niedrer Brut,

Du stammst von Göttern, die Gestalt verkündet

Der seligen Olimpier Geschlecht;

Doch mehr des Herzens reine Himmelsschöne,

Wenn dich der Sterbliche zu sich erhöht,

Was thut er, als im Göttlichen sich ehren.

Antinous.

Erhabener, es ist dein Machtgebot,

Und so erkühn ich mich, der Ehrfurcht

Und der Bewunderung Hymnos zu verschweigen.

Hadrian.

Mein Machtgebot? Und nicht die innre Stimme?

Dir unter Allen will ich nicht befehlen,

Frei mag ich Dich von des Gesetzes Banden,

Sei wie Otan der Perser, was du willst.

Nur laß mich dann, ein Gut, ein Gut erflehen,

Das mein gehört, und nicht dem Diadem.

Antinous.

Ich bin Dein Freund, Dein Freund, o Hadrian.

Hadrian.

Nun endlich --

Tönt mir des Wortes schöne Melodie.

Und lohnen will ich dir des Glückes Wonne,

Wie es dem edlen Tugendsinn gebührt.

Den Feldherrn, der Trophäen mir erhöhet,

Trägt der Triumph zum Capitolium,

Den treuen Bundgenossen schmücken Kronen,

Du sollst das Recht der Bitte bei mir üben

Für den Verbrecher, für verwaiste Frauen

Und vaterlose Kinder -- O, das macht Dich froh!

Antinous.

Wie aber deut ich Dir des Wunsches Kraft,

Des Strebens Feuer dieser Göttermilde,

Mich aus der Ferne nur zu würdigen,

Ein armer Jüngling, den nicht Weisheit schmückt,

Im Rathe Deine Winke vorzutragen,

Den nicht des Feldherrn Genius erhebt,

Noch unbekannte Völker zu besiegen

Nichts nenn ich mein, als wie ein dürftig Leben,

Viel zu gering, wie Dir ein werthes Opfer.

Hadrian.

Schon die Gefühle wägen jede That.

Mein bleibe, bis der Parze Faden bricht;

Die Barke des letheischen Piloten

Soll dann vereint die stillen Schatten tragen,

Zusammen gehn wir Minos dunkle Straße.

Zweiter Auftritt.

Bedienter. Vorige.

Bedienter.

Verzeihe Herr, daß ich Dir störend nahe --

Hadrian.

Mein will ich einen Augenblick nur nennen,

Gleich raubt ihn neidisch mir die Herrscherpflicht.

Bedienter.

Die Priester langten des Osiris an,

Die erst vor kurzem Dein Gebot empfingen,

Nach alt egyptischer geheimer Kunst

Die Sterne um Dein künftig Loos zu fragen.

Hadrian.

Ein andermal, heut gnügt mir Gegenwart.

Bedienter.

Durchwandelt sind sie schon das Heiligthum

Der graubemoosten spitzerhöhten Säulen,

Und alter Tempel Hieroglyphenschrift

Verglichen sie mit himmlischer Erscheinung.

Hadrian.

Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band. · 第 1 / 9 题