Florens Abentheuer
in Afrika,
und ihre Heimkehr nach Paris.
Romantisches Seitenstück
zu den
Begebenheiten des Herrn von Jalonsky,
von
Julius von Voß.
Erster Band.
Mit Kupfern und Vignetten.
Berlin, 1809.
Bei Johann Wilhelm Schmidt.
Erstes Buch.
Erstes Capitel.
Wohin?
Nichts ist geheimnißvoller, wie eine Seefahrt, bei der man das Reiseziel
nicht kennt.
Da sammelten sich im Frühjahr 1798, Fahrzeuge, Piloten, Truppen,
Gelehrte, in Toulon. Jeder hatte nur den Befehl empfangen, sich
einzufinden, einen der allgemeinsten die es giebt. Aber vergebens
zerbrach man auf Caffeehäusern, oder Lustwandlungen am Seegestade den
Kopf, wohin Steuer und Seegel lenken würden. Nur dem großen Haupte war
das Geheimniß bekannt. Das Ohr der Neugier hing an jedem Munde, doch die
Lippen, von denen Befriedigung ertönen konnte, schwiegen.
Der Matros wünschte, es mögte nach Jamaika gehn, weil es dort den besten
Rum giebt.
Dem Krieger wäre die Fahrt nach den Brittischen Küsten, die
willkommenste gewesen, um seine Uniform aus dem besten Tuche der Welt
gefertigt, und ihre Taschen mit Guineen gefüllt zu sehn.
Nach Peru wäre lieber der Geometer gesegelt, dort einen Meridian zu
messen.
Der Mineralog sehnte sich nach Ländern voller Ur- Gang- Flötz- und
vulkanischen Gebürge, um erdige, salzige, metallische und gemengte
Fossilien zu sammeln, und noch neue zu entdecken.
Dem Botaniker konnte der Zug nicht weit genug gehn, denn er wollte die
Mooshirse in Afrika, die Schaukelpflanze auf den Südseeinseln, den
Kannenträger in Zeilon, den Asant in Persien, die Mimose in Amerika, und
den Bonanapas-Giftbaum in Java suchen.
So dachte der Zoolog, denn der Macacco in Angola, wie der Ai in Guiana,
der fliegende Hund in Polinesien, und Vampyr in Chili, der Springhase in
der Barbarei, und die Genethkatze in Syrien, die Hyäne, der Taguar, der
Löwe, Känguruh, Purna, Schakal, Zobel, Zebra, Bison, Cingalo, dann die
Schwimm- Sumpf- Strausartigen- Hühnerartigen- Sperlingartigen-
Rabenartigen- Spechtartigen- Geier- und Aarartigen Vögelgeschlechter,
die denkwürdigen Amphibien, die Insektenheere mit und ohne Fittig, die
seltsamen Conchilien, die Würmlein, Mikroscopthiere, Petrefakten, mußten
sie ihm nicht von gleichem Interesse seyn? Gab es nicht viele noch
unerforschte Gegenden, wo sich vielleicht, fast gewiß ein noch nie
gefundenes Geschlecht ausmitteln ließ. Auch schwamm er gleich willig
auf dem Oceane umher, da die Ichtyologie dort ihre reichen
Entdeckungsgefilde fand.
Die Alterthumskenner sehnten sich nach Inscriptionen und Gemmen, die
Architekten nach Tempelruinen, die Geographen wollten um den Erdball,
die Sternkundigen weit an den Südpol, die Chemiker überall hin, um
überall die Dinge mit Elementarkräften in einfache Stoffe zu zerlegen.
Wer die Begebenheiten des Herrn von Jalonski las, und guten
Gedächtnisses ist, muß sich erinnern, daß Ring und Flore durch die
Wirbelstrudel des Geschicks, auch nach Toulon geworfen wurden, und die
Unternehmung zu theilen dachten. Sie vertrauten sich muthig dem
Lebensgestirn, mogte es sie führen.
Ring machte die Bemerkung: es sei höchst befremdend, daß ein Feldherr
gegen Hundert Gelehrte in seinem Gefolge zählte. Deutsche Helden hätten
gegen Niemand eine größere Abneigung.
* * * * *
Man schiffte sich ein, lichtete die Anker, und mied den Hafen. Die blaue
Küste schwand, das helle Meer küßte überall den ätherischen Saum.
Gen Südost wendet sich der Cours, die Nauten erblicken die kleinen
Hierischen Eilande, bald darauf des Gebieters bergigte Heimath, dann
gings an die Königsinsel vorüber, deren Herrscher den Stolz der
beleidigten Republik schwer empfand.
Nach einigen Tagen nahte man den fruchtreichen Gestaden, wo des tiefen
Alterthums Legende die Polyphem hausen ließ. Aus ihrer Mitte stieg der
drohende Vulkan zur Höhe.
Werden wir hier landen, finden wir der Orangen die Fülle. Nein, es geht
vorbei.
Sollen vielleicht die Raubstaaten Afrikas der Neufranken Besuch
empfangen? Nein, dem heiterem Morgenlande zu, steuert der Pilot. Gilt
vielleicht dem Großherrn in Stambul der Besuch?
Doch man stationirt vor Malta. Eine Convoy von sechzig Segeln aus
Civitavecchia vereint sich mit der Flotte. Der Felsen, den Priestern von
altem Adel gehörig, wird angegriffen.
Hilf Himmel, wie erschraken die Ritter da droben, als die Kanonade
begann. Der warf die Pücelle, welche er eben las, in einen Winkel, jener
stieß seine Mätresse unsanft von sich. Alles lief durcheinander. Man
hörte Flüche in allen Zungen.
Sie hatten Recht. Eine Kanonade, lustig anzuhören im Theater oder bei
Musterungen, gellt unerträglich ins Ohr, wenn die scharfgeladenen
Schlünde uns zugekehrt sind.
Capitulation! ruft alles, in Bombenfesten Klüften versteckt. Die Fahne
des heiligen Johann galt nicht mehr, die weiße Fahne.
O ihr Rhodiser, die ihr einst euch so tapfer wehrtet, was sagt ihr im
Himmel droben, zu den Stiefenkeln? Doch tröstet euch! Der Zorn tapfrer
Ahnen im Todtenreich über die untapfre Nachkommenschaft ist nicht
selten.
Nach zwei Tagen waren die Unterschriften vollzogen, die Franzosen liefen
in den Hafen, und organisirten das Land. Wie weinten die Kinder der
Ritter!
Flore und Ring stiegen, wie der Schiffer spricht, auch an den Wall, und
besahen allerhand Merkwürdigkeiten. Rings Phantasie schwebte wonnig in
die Tiefen der Vorzeit zurück, als er die kirchlichen, griechischen, ja
phönicischen Alterthümer erblickte, die man hier vorzeigt; Flore hätte
aber lieber einen neuen Anzug aus dem Palais-Royal gesehn, und war oft
der Frage nahe, welche ein naiver Knabe, den sein Hofmeister unter
herrlichen Versprechungen nach Rom geleitet hatte, im Museum des
Vatikans that: ^Est ce que je m'amuse?^
Die unkriegerischen Ritter hatten, wie man weiß, ewigen Krieg
beschworen, und mußten also dem Pflichteide nach, ein wenig gegen die
Türken kreuzen. Da hatte man denn hie und da über Kauffahrer einen
stolzen Sieg getragen, und Gefangne gemacht, die sich zur Sklaverei auf
Maltha bequemen mußten. Man fand deren einige Hundert vor, und nahm sie
an Bord, um ihnen die Freiheit da zu geben, wo sie ihnen nützlich seyn
konnte. Nicht wenig befremdete die armen Teufel eine wohl nie erwartete
Großmuth.
Unter ihnen befand sich ein junger Muselmann Namens Coraim, von
freundlichem gutmüthigem Ansehn, und aufgewecktem Sinn. Er hatte in La
Valette etwas italienisch und französisch reden gelernt, und unterhielt
die Gesellschaft des Schiffes, auf welches er gebracht worden war, das
nämliche, wo sich Ring und Flore befanden, mit mancherlei Erzählungen.
Man erfuhr auch bald, daß er ein Mährchenerzähler war, deren es im
ganzen Morgenlande giebt, und welche die Stelle der Bücher vertreten. In
Deutschland hat bekanntlich vor einigen Jahren ein großes Genie das Wort
Kindlichkeit ausgesprochen, und wie gewöhnlich, wird ein so
ausgesprochenes Wort von Tausend kleinen Genies nachgesprochen. Wohlan,
man könnte wohl behaupten, daß die muselmännische Kindlichkeit in dem
Behagen an Mährchen, keine geringe Nahrung finde, und von da bis zu dem
Vorschlag einen solchen Gebrauch auch unter uns einzuführen, ist nur ein
kurzer Schritt. Auch leuchtet ein, daß eine Mährchenerzählung bequem in
derselben Stunde in Hundert Ohren zu tragen ist, wogegen das Buch, wenn
es nicht in vielen Abdrücken gekauft wird, eine langsame Wanderung
machen muß.
Der Wind blies nicht erwünscht, die Flotte wurde ziemlich im Meere
aufgehalten. Desto mehr gab es der Langeweile, und jeder suchte einen
Zeitvertreib. Denn der Blick ins Meer hinaus empfindet bald
Einförmigkeit.
Flore lag dann meistens den Coraim um eine Erzählung an, und fand ihn
immer willfährig, es mogte Tag oder Nacht seyn. Er glich darin nicht dem
Verfasser der Tausend und Einen Nacht, bei dem die anmuthige
Scheherazade immer angeredet wird: Wenn sie nicht schlafen, so erzählen
sie uns doch eine von ihren allerliebsten Historien. Da aber einige
junge Pariser noch spät an seinem Hause vorübergingen und riefen: Herr
Galland, wenn sie nicht schlafen, so erzählen sie uns doch eine von
ihren allerliebsten Historien, war der Mann sehr aufgebracht.
Zweites Capitel.
Coraims Erzählung.
Nachdem der Sklave einen ziemlichen Vorrath unglaublicher Berichte
erschöpft, und seiner Hörer Einbildung mit Geistern, Riesen, Zauberern,
Derwischen überfüllt hatte, theilte er auch die wahre Geschichte einer
schönen Europäerin mit, die sich vor einiger Zeit in Cairo zugetragen
hatte.
Ein Spanier segelte von Barzellona nach Egypten, weil er zu Cairo als
Consul seiner Nation wohnen sollte. Man hatte nicht Frieden mit Algier,
ein Corsar griff das spanische Schiff an, und ward Sieger. Die gefangene
Mannschaft wurde nach seiner Heimath geführt, und auf dem Sklavenmarkte
feil geboten.
Der Spanier wäre gefaßt gewesen, da er überzeugt seyn durfte, bald von
seiner reichen Familie losgekauft zu werden, aber er führte seine
neunjährige Tochter mit sich, und hatte schon auf dem Raubschiffe
gefleht, sie nicht von ihm zu trennen. Dies war aber umsonst gewesen,
wie das Winseln der ihn umklammernden Isabelle; der Corsar hatte Weiber
und Männer theilend, sie im Hafen auf zwei verschiedene Chaluppen
gesetzt, die nicht weit von einander dem Strande zuruderten.
Isabelle, so kühn wie zärtlich, hatte sich aber in einem Augenblicke, wo
beide Fahrzeuge fast mit den Borden zusammenstießen, aufgerafft und
einen Sprung gewagt, um zu ihrem Vater zu gelangen. Indem aber waren die
Boote wieder nach zwei Seiten gewichen, und die Unglückliche in die
Wogen gesunken. Das Bestreben, sie zu retten, blieb unbelohnt, um so
mehr, als die Dunkelheit des hereinbrechenden Abends, und die Strömung
der See hinderlich waren. Der trostlose Vater hörte nichts mehr von der
geliebten Isabelle.
Nach einem halben Jahre langte die Ranzionsumme an, und frei, doch
traurig und gebeugt begab sich der Spanier an den Ort seiner Bestimmung.
--
Sechs Jahre darauf langte eine Caravane von Fezzan zu Cairo an. Unter
vielen mitgebrachten verkäuflichen Gegenständen, sah man auch den
Sklavenmarkt durch diese Caravane gefüllt. Man fand dort Eunuchen und
glänzende Negerinnen, mit perlweissen Zähnen. Doch vor allen fesselte
ein funfzehnjähriges europäisches Mädchen, die Aufmerksamkeit der
Käufer. Wuchs, Auge, Haar, alles bezauberte an ihr, wie sich von selbst
versteht, und gegen die Sitte, war sie bekleidet, weil sie dem
Sklavenhändler erklärt hatte, daß sie sich den ersten gelegenen Tod
geben würde, wenn er sie, gleich den andern Mädchen, ohne Hülle
ausstellte.
Die Beis waren grade in Krieg verwickelt, und dachten nicht an den
Harem, die reichen Muselmänner versteckten ihr Geld, deshalb konnten
sich Europäer auf dem Bazar einfinden.
Unter andern befand sich eben ein Italiener zu Cairo, der egyptische
Seltenheiten einkaufte, Namens Signor Perotti. Alte Münzen von den
Ptolemäern, kleine Götzenbilder aus der Pharaonenzeit, Steine mit
Hieroglyphen, hatte er schon in Menge zusammengebracht. Schon öfter
hatte er vordem eine solche Handelsreise gethan, war denn mit seinen
Waaren nach Neapel, Rom und Venedig gegangen, wo er sie meistens an
reiche reisende Britten, mit unerhörtem Vortheil abgesetzt hatte.
Signor Perotti erschien auch auf dem Bazar, das lüsterne Auge an den
Reizen der enthüllten Mädchen zu weiden. Da er aber Isabellen sah, deren
Verhüllung grade die lieblichsten Ahnungen erweckte, ward ihm der
glühende Wunsch nach Besitz rege, und er fragte zitternd um den Preis.
Es wurden Tausend Piaster gefordert. Viel für einen Geitzhals, doch
überwand die Leidenschaft, und da der Verkäufer nichts ablassen wollte,
so zahlte Signor Perotti.
Isabelle rang weinend die Hände, da sie ihren Käufer betrachtete. Sie
redete ihn an, er verstand sie aber nicht. Wohl hatte sie erst
gewünscht, ein Europäer mogte sie erstehn, dem sie sich entdecken, und
ihn bewegen mögte, an ihre Familie zu schreiben, allein das ganze Wesen
dieses Pantalons deutete ihr nichts Gutes.
Eben aber, da der Handel abgeschlossen wurde, trat auch ein junger
Franzose hinzu, wurde plötzlich von des holden Mädchens Schönheit
bewegt, und fragte den Welschen mit Ungestüm, ob er sie mit hohem
Vortheil ihm überlassen wollte? Nein, versetzte Jener, und so ich
zehntausend Piaster gewönne. Das Mädchen blickte vielsagend nach dem
Franzosen, und er begriff, daß sie sich lieber in seinen Händen befinden
würde. Eine Entdeckung, die das Feuer seiner Liebe natürlich noch um so
mehr anfachte.
Er schlich dem Italiener nach, seine Wohnung zu erkunden, holte dann
eine bedeutende Summe, und begab sich wieder zu ihm. Dieser schlug aber
alles fest ab, und der Franzose ward, da er wieder erschien, nicht ins
Haus gelassen.
Trostlos berathete dieser mit seinem Diener, was hier anzufangen sei.
Das Haus hatte nach morgenländischer Sitte keine Wohnzimmer vorne
heraus, es bestand also nicht einmal die Hoffnung, die Schöne im
Vorübergehn zu erblicken, weit weniger ihr ein Billet zuzuwenden. Ins
Haus zu gelangen, das war ein Problem, welches er vollends nicht zu
lösen wußte. Wie die Eifersucht ihn unter solchen Umständen quälte,
fühlt auch jedermann.
Indessen hatte man sich genau um das Treiben des Signor Perotti
erkundigt, und Michelet, des Franzosen verschlagener Diener, entwarf
einen Plan, seinen Herrn zu dem Mädchen zu bringen, es koste was es
wolle.
Er begab sich nach des Italieners Wohnung, und pochte an. Der Herr
erschien vor der Thür, nachdem er das Haus vorsichtig wieder geschlossen
hatte, und fragte nach des Fremden Begehren. Dieser vertraute ihm
geheimnißvoll, er habe sich in eine der Pyramiden von Gizah gewagt, und
sei mittelst der mühvollen Hinwegwälzung eines großen Steines tiefer
eingedrungen als wohl noch jemand zuvor. Hier habe er eine kostbare ganz
unversehrte Mumie gefunden, und sie bei Nacht, und unter vielen Gefahren
nach Cairo geschafft. Wenn Signor Perotti Lust habe, könne er sie
kaufen.
Dieser war gleich dazu geneigt, und fragte: wo er die Seltenheit sehen
könne? Bei mir nicht, antwortete Michelet, da würde es Verdacht
erwecken, und ich würde um die Entwendung bestraft. Da aber in eurer
Wohnung kein Eingeborner lebt, so können wir dort alles ordnen, und ich
bin bereit, diesen Abend die Mumie in ihrem Sarge zu euch zu bringen.
Zwei vertraute Landsleute sind mir behülflich.
Der Italiener, in Hoffnung großer Vortheile, war es zufrieden, und
erklärte, daß er ihn am Abend erwarten werde.
Nun ward ein Mumiensarg, deren es in Cairo viele giebt, angeschafft, und
wie der Leser wohl schon erwarten mag, der junge Franzose hineingepackt.
Liebe, und Intriguengeist ermannten ihn, das Abentheuer zu bestehn, und
die Qual der beengten Lage zu dulden. Viele Luftlöcher sicherten ihn
gegen Erstickung.
Es war Abend, Michelet und einige Bekannten trugen die Last an den Ort
ihrer Bestimmung. Signor Perotti, ließ nur den Ersteren mit ein, und
trug sammt ihm den schweren Sarg in eine Kammer mit Gitterfenstern. Eben
sollte er nun geöffnet, und die Mumie geprüft werden, als es draußen mit
großem Getöse an die Hausthür pochte. Der Italiener ging mit Michelet
aus der Kammer, verschloß sie, und fragte: wer sich am Hause befände?
Diener vom Bei des Quartiers, lautete die Antwort. Man mußte öffnen.
Zwei Mamelucken standen da, und forderten, daß der Frank unverzüglich zu
ihrem Herrn käme. Gegen solchen Befehl gilt im Morgenlande keine
Einwendung, Signor Perotti beschied also den Mumienverkäufer nach
einigen Stunden wieder, schärfte seinem Bedienten Wachsamkeit ein,
versah die Hausthür noch mit einem überflüssigen Vorhängeschloß, und
folgte den Mammelucken.
Der junge Franzos öffnete nun sein ängstliches Behälter, und stieg leise
hinaus. Dunkel war die Kammer, das Fenster wohl verwahrt. Aber
Liebesritter versehn sich auf solche Fälle. Eine Quantität Scheidewasser
und eine scharfe Feile setzten ihn in Stand, durchs Fenster sich Raum zu
verschaffen.
Freilich konnte das nicht ohne Geräusch vollzogen werden. Doch jener
Bediente des Signor Perotti, der einen Sarg hatte ins Haus tragen sehn,
und nun das Bewegen und Klirren vernahm, ward furchtsam, und wagte nicht
nach dem Fenster zu eilen. Er wollte aus dem Hause, hinter seinen Herrn
laufen, und diesem berichten, was vorging, doch die Thür war zu.
In dieser Angst schloß er das Zimmer Isabellens auf, (gegen ihn, da er
alt war, argwohnte der Italiener nicht) und begehrte von ihr, sie sollte
mit ihm in den Hof kommen, damit er jemand bei sich hätte, und Muth
behielt.
Natürlich fragte Isabelle: was es gäbe? Entweder ward die Mumie
lebendig, oder in dem Sarge steckt ein Dieb, erwiederte Antonio.
Es war, als ob Isabellen etwas ahnte, und sie ging um so williger nach,
als ihr die Freiheit willkommen war, ihr Zimmer verlassen zu können,
denn bisher war sie immer eng eingesperrt gewesen.
Man kam in den Hof, und hörte die Feile. Isabelle nahte dem Fenster,
weil Antonio noch nicht dazu sich bewegen ließ. Der Franzose inwendig,
indem er wahrnahm, daß von Außen jemand heranschlich, sah sich
verrathen, und versuchte, was eine Geldsumme bewirken mögte. Er sagte
leis: Hundert Piaster sind zu gewinnen, so ihr mich zu der Sklavin
lasset.
Isabelle erkannte augenblicklich die Stimme des liebenswürdigen jungen
Mannes wieder, der so theilnehmend herangetreten war, als sie neulich
verhandelt worden. Besonnen flüsterte sie dem bebenden Diener zu: Hier
ist ein Räuber, eile auf mein Zimmer, da wirst du einen Dolch finden,
bringe ihn schnell hieher.
Antonio stolperte davon, kaum war er aber auf des Mädchens Zimmer
angelangt, als dieses hinter ihm verriegelt wurde, denn Isabelle war
nachgeeilt.
Jetzt kam sie wieder vor jenem Gitter an, und fragte: was das heimliche
Beginnen deute? Der Franzos hörte die Mädchenstimme froh überrascht, und
vernahm auch bald, daß die, welche sein leidenschaftlicher Ungestüm
suchte, ihm nahe sei. Er malte ihr mit den glühendsten Farben, seine
Liebe, und bat sie, mit ihm davon zu eilen. Eben hatte er auch einige
Eisenstäbe weggebracht, und konnte sich in den Hof hinausschwingen.
In starrer Verwunderung weilte das Mädchen; ihr Abscheu vor dem
Italiener siegte aber gleich über die Bedenklichkeiten, und sie fragte
schon, wie eine Flucht möglich sei? Zugleich berichtete sie, daß der
einzig im Hause vorhandne Diener in ihrem Zimmer verriegelt wäre.
Die Beiden hatten nun immer Spielraum gewonnen; die Treppe nach dem
Dache ward gesucht, das Schloß daran mit Gewalt zerstört, und der
Franzos stieg mit Isabellen hinauf. Es war platt, wie in ganz Cairo der
Gebrauch besteht. Nun gab er ein Zeichen, das unten von der Gasse
beantwortet wurde. Eine Strickleiter ward mit einer Stange dargereicht,
der Franzos befestigte sie, und ließ mit Hülfe Michelets, Isabellen und
sich hinab.
Zuvor hatte er aber noch Tausend Piaster auf den Mumiensarg gelegt, und
daneben geschrieben: Französische Intrigue.
Signor Perotti war unterdessen den Mammelucken gefolgt, die ihn aber
unter allerlei Vorwand auf der Gasse aufhielten. Bald gab es dies bald
jenes zu sehn, und es verging um so viel mehr Zeit, da in Cairo die
Straßen mit Thoren versehen sind, die erst geöffnet werden müssen.
Endlich aber gingen sie nach dem großen Canal hinab, und gaben dem
Signor Perotti auf, nur ihrer am Ufer droben zu harren, da sie einen
ihrer Kameraden, der unten die Wache bei den Barken des Beis hätte, zu
sprechen hätten. Allein sie kamen nicht zurück, und nur nach einer
ungeduldig ausgeharrten Stunde, wagte der zaghafte Italiener
hinabzusteigen, wo er denn keine Barke und keinen Mammelucken mehr
gewahrte.
Zitternd schlich er nach des Beis ihm wohlbekannter Wohnung, allein die
Dienerschaft wußte von keinem solchen Befehl, und er lief was er konnte
nach Hause, denn ihm leuchtete nun wohl ein, er hätte es mit vermummten
Betrügern zu thun gehabt.
Zuerst ward er die noch herabhängende Strickleiter inne. Grausenhaftes
Zeichen! Im Hof rief er den Antonio vergebens, und fand ihn endlich
statt Isabellen auf ihrem Zimmer. Heulend verkündigte er das Auferstehn
der Mumie, und empfing Mißhandlungen seiner unvorsichtigen Furcht wegen.
Endlich schlug Signor Perotti neben dem Sarge die Hände über den Kopf.
Sein Schmerz war ernstlich, und die Tausend Piaster trösteten ihn nicht.
Er hatte durch seinen Handel nach der Levante während zwanzig Jahren
etwas namhaftes erworben, und wollte sich nun auch einmal gütlich thun.
Der junge Franzos, Coutances war sein Name, war unterdessen mit der
reizenden Beute in seiner Wohnung angekommen, und Michelet bereitete ein
Mahl. Der Mann besaß eben keine Reichthümer, sondern fing meistens mit
aufgenommenem Capital eine Kaufmannschaft an. Die Tausend Piaster, im
Rausch der Liebe hingezahlt, konnte er eigentlich nur schwer missen.
Isabelle warf sich, wie sie sich allein befanden, zu seinen Füßen hin,
und bat um Schonung. Zugleich sagte sie ihm: ich gehöre einem reichen
Geschlechte in Spanien, und wurde von Corsaren geraubt. Suchen sie
Erkundigungen einzuziehn, ob mein Vater vielleicht losgekauft, und nach
Cairo gekommen ist. Wo nicht, so lassen sie uns nach Spanien reisen, und
empfangen dort meine Hand mit einem ansehnlichen Vermögen. Das sei der
Lohn ihrer Großmuth. Die Versicherung, daß mein Herz schon im ersten
Augenblicke für sie sprach, das Vertrauen, womit ich ihnen folgte, gnüge
bis dahin ihrer Liebe.
Coutances hörte ihr mit Befremdung zu, empfand Ehrfurcht für Isabellen,
und schwur ihr Begehren zu heiligen. Er fragte noch: warum in Algier
keine Anstalten zu ihrer Befreiung getroffen worden, und erfuhr: nachdem
sie durch Fischer aus dem Meere gerettet wäre, hätten sie diese nach
einem Landhause gebracht, und einer alten Dame verkauft, die große
Anhänglichkeit für sie gefaßt habe, und sich durchaus nicht hätte von
ihr trennen wollen. Bei einem innerlichen Kriege sei sie aber aufs Neue
geraubt, und endlich in die Gewalt des Sklavenhändlers gekommen, der sie
nach Cairo gebracht.
Der Geliebte ging am folgenden Morgen zu einem Bekannten, und fragte
nach den Lebensumständen des spanischen Consuls. Zu seinem größtem
Vergnügen hörte er, daß der Mann sich beinahe sechs Jahr in Egypten
befände, und auf der Reise den Unfall erlebt habe, Algierischer Sklave
geworden zu seyn. Kein Zweifel weiter. Auf der Stelle eilt er zu ihm,
und theilt schon im Geiste das Entzücken Isabellens.
Vor der Hausthür steht ein Mann, den Coutances fragt: ob der Consul
daheim wäre? Nein, ist die Antwort, er bringt einige Zeit in seinem
Garten zu, da er an der Augenkrankheit leidet, und hier so viel Staub
ist. Wißt ihr den Garten Freund? Könnt ihr mich auf der Stelle dahin
führen? -- Warum nicht.
Jetzt kömmt ein Diener mit zwei gesattelten Eseln die Gasse her. Sie
gehören dem Consul, sagt jener Mann, besteigen wir sie, der Herr würde
es übel nehmen, wenn man einem Fremden den weiten Weg zu Fuße machen
ließe. Coutances läßt sich das gefallen, nimmt das eine Thier, der
Andere das zweite, und so trabt man fort.
Ein kleiner artiger Garten nimmt den Franzosen auf, der nun in den
Pavillon geführt wird. Die Fenster sind grün verhangen, ein Augenkranker
sitzt, das Gesicht umschirmt, auf dem Sopha. Sind sie der spanische
Consul, mein Herr? -- Zu Dienst. -- Besaßen sie eine Tochter? -- O Gott,
warum mahnen sie mich daran? Sie ertrank im Hafen von Algier. Sie lebt,
glücklicher Vater, sie ist in Cairo!
Der rasche Ungestüm der freudigen Ankündigung bringt ihn einer Ohnmacht
nahe. Coutances unterstützt ihn, muß nun erzählen, wieder erzählen, soll
hin zu ihr -- noch bleiben -- dann wieder eilen, da der Spanier den
glücklichen Moment nicht erwarten kann.
Der Franzose wird eingeladen, auch seine Wohnung in dem Garten
aufzuschlagen, was ihm allerdings nicht unwillkommen ist. Der Alte
drängt. Eine Sänfte soll sogleich Isabellen holen, Coutances seine
Habseligkeiten ohne Zaudern mitbringen. Man giebt ihm deshalb noch
einige Packesel mit, und er eilt von dannen.
Wer ist froher wie Isabelle bei so freudiger Botschaft! Sie fliegt zur
Sänfte, kaum kann der Geliebte die Träger zurückhalten, die sie so
heftig antreibt. Er und Michelet laden alle Sachen, so schnell es
thunlich ist, auf, und folgen der Sänfte.
Man kömmt wieder in dem Garten an, Coutances führt Isabellen in den
Saal, die entzückt vor dem Alten niederfällt. Indem ruft der Mann
draußen, die Eseltreiber hätten einige Stücke von dem Gepäcke verloren.
Coutances, der Isabellen beim Vater weiß, springt zurück, denn an dem
Umstand ist ihm gelegen. Die Eseltreiber sind mit den Thieren
zurückgeeilt, auch der Mann. Coutances und Michelet folgen zu Fuße, denn
ihre Reitesel sind bei Seite geführt.
An einer Ecke hatte man jene im Getümmel aus dem Gesichte verloren.
Höchst verdrießlicher Umstand. Man eilt aus einer Gasse in die andere.
Umsonst! Man erreicht zuletzt die alte Wohnung. Da stehen die
Eseltreiber mit dem Gepäcke. Es fehlt nichts wie jener Mann. Die Kerle
erklären, er habe ihnen angedeutet zurückzukehren. Sonderbar! Seid ihr
denn nicht im Dienste des Consuls? Nein, wir wurden gedungen.
Coutances übergiebt sie seinem Diener, und eilt wieder nach jenem
Garten. Darüber aber sind bei der weiten Entfernung, und manchem
hinderlichen Aufhalt, einige Stunden vergangen. Der Pavillon ist leer.
Er fragt nach dem spanischen Consul. Den kennt der Wirth dieses
öffentlichen Gartens nicht. Einige Unbekannte haben ihn nur auf heute
gemiethet.
Er eilt zur Wohnung des Consuls in der Stadt. Der Mann, durch den er
neulich in der Thür Bescheid erhielt, findet sich nicht mehr vor;
dagegen erfährt er im Hause von der Dienerschaft, der Consul sei weder
krank, noch in einem Garten gewesen.
Schnell fliegt der Franzos wieder zu Signor Perotti. Der ist heute
ausgezogen, man weiß nicht wohin? Ein Mütterchen, die jenen von oben bis
unten besieht, spricht: ja es trifft zu, und führt ihn in die Kammer wo
der Mumiensarg noch steht. Er ist versiegelt, und hat auf dem Deckel
eine Aufschrift an Coutances. Eröffnet findet sich darin ein Beutel mit
Tausend Piastern, und auf einem Papiere die Worte: Italienische
Intrigue.
Wer malt den Zorn des Betrogenen! Er konnte sich alles deuten, da
Isabelle ihm gesagt hatte, sie habe dem Perotti ihre Geschichte
vertrauen wollen, weil er aber das Spanische nicht verstanden, so habe
sie alles zu Papier gebracht, und jener sich es wollen übersetzen
lassen.
Coutances lief nun abermals zum Consul, und erbat sich abermals eine
Unterredung. Nachdem es sich erwiesen hatte, daß Isabelle vollkommen
wahr geredet, und Entzücken über den wahren Vater kam, berichtete er nun
weiter, wie er so planmäßig durch den Italiener gefoppt sei.
Alle Mühe, die eben sowohl der Spanier wie Coutances anwandten, Signor
Perotti und Isabellen zu entdecken, blieb mehrere Tage unbelohnt. Dann
aber empfing der Vater durch einen Unbekannten ein Schreiben ohne
Anzeige des Aufenthaltes. In demselben zeigte Perotti an, wie er durch
seltsamen Zufall, Isabellen aus der Sklaverei gekauft habe. Er setzte
hinzu: Die Landessitte gäbe ihm ein unbestrittenes Recht auf das
Mädchen, und dies würde er auch üben, und sie auf seinen weiteren Reisen
mitnehmen, ohne daß der Vater sie zu Gesicht bekäme, es sei denn, dieser
wolle ihn zu seinem Eidam machen. Wäre dies etwa sein Entschluß, so
mögte er ihn mittelst eines Anschlags an eine gewisse Mauer in
italienischer oder französischer Sprache kund thun.
Hierdurch fand sich der alte Mann ziemlich gepreßt. Wie konnte er einem
Unbekannten, von dem dazu des Franzosen Schilderung sehr unvortheilhaft
war, so rasch sein einzig Kind zusagen. Gleichwohl besaß dieser dieses
Kind in seiner Gewalt, und ein andres Mittel, ihn zur Auslieferung zu
bewegen, entdeckte sich so leicht nicht. Doch wurde zuvor ein Anschlag
versucht, in welchem der Spanier erklärte: Wenn Isabelle es zufrieden
sei, würde er auch seine Einwilligung nicht zurückhalten; wäre das aber
nicht, so hoffte man von dem Zartgefühl des Italieners, er werde von
selbst keinen Zwang begehren, und ein reicher Lohn andrer Art wäre immer
für ihn bereit. Es wurden dringende Bitten angefügt, des Vaters
zärtliche Wünsche schnell zu befriedigen.
Signor Perotti wollte das aber nicht eingehn. Er verlangte in einem
anderweitigen Briefe, die runde nette Erklärung. Sonst, hieß es weiter,
reisete er ab, und nimmer würde der Spanier sein Kind an die Brust
drücken.
Was blieb letzterm nun übrig, wie eine bestimmte Zusage? Er bat zugleich
Coutances, zur Erhaltung des Friedens, sein Haus zu meiden, denn
letzterer hatte in der Erzählung wohl entdeckt, wie er sich schmeichele,
von Isabellen geliebt zu seyn.
Dieser schwur aber, das Mädchen um jeden Preis dem Italiener zu
entwinden, denn er konnte den Gedanken nicht tragen, auf sie Verzicht zu
thun. Ein Kaufmann seiner Landsmannschaft versprach ihm Gelddarlehne, um
weitschichtige Anstalten zu treffen, und Michelet bot, ein anderer
Scapin, allen Erfindungsgeist der List auf. Das Haus des Spaniers wurde
vorerst durch tiefvermummte Beobachter von allen Seiten umlagert.
Nicht lange so kam Signor Perotti, wiewohl noch alleine, an. Er ließ
sich nun noch von dem Spanier eine förmliche Handschrift aushändigen,
und nach dieser neuen und festen Sicherheit versprach er das Mädchen zu
bringen. Es war aber schon gegen Abend; in der Dunkelheit sollte nichts
geschehn, am andern Morgen erst, setzte er hinzu, dürfte der Consul die
Tochter erwarten. Eine Marter für seine väterliche Sehnsucht.
Am andern Morgen kam Signor Perotti die Gasse daher. In einer
wohlverschlossenen Sänfte wurde Isabelle getragen, und um ja keinem
Unfall blosgestellt zu seyn, hatte er sich von dem Bei seines Distriktes
sechs Soldaten zur Wache erbeten, und diese gut bezahlt. Er traute dem
Franzosen nicht, und fürchtete, dieser mögte ihm seine Beute allenfalls
mit Gewalt entreissen.
Ein etwas schmaler Canal lief queer durch diese Gasse. Eben als die
Sänfte auf der hölzernen Brücke angelangt war, entstand vor derselben
ein dickes Gedränge von Franken und Egyptern, die über einen
Kameelhandel in Zank gerathen waren. Das streitige Thier stand so, daß
in der schmalen Gasse fast kein Raum mehr blieb, vorüber zu kommen, um
so mehr, als so viele Menschen hinderlich waren, es in eine andere
Richtung zu bringen. Dem Italiener war das aufs Aeußerste verdrießlich;
er ließ die Sänfte niedersetzen, stand an einer Seite derselben, Antonio
an der anderen, die Soldaten mußten einen dichten Kreis um ihn ziehn,
und ins Volk rufen, damit bald Raum gemacht wurde. Bald schwand eine
Viertelstunde hin. Dann aber konnte man vorwärts dringen.
Der Consul stand voller Erwartung an seiner Thür. Endlich kam die
Sänfte, wurde durchs Haus in den Hof getragen, und Signor Perotti eilte
aufzuschließen. Mit offnen Armen stand der Vater da, wollte nun die
Langentbehrte glühend umfassen, doch die Thür öffnete sich, und zeigte
eine leere Sänfte. Auf dem Sitze lagen Tausend Piaster, und ein
Zettelchen, mit den Worten: Französische Intrigue.
Signor Perotti tobte wie unsinnig, der Alte sank bleich zurück. Ersterer
versicherte Isabellen in den Tragsessel gehoben, mit eigner Hand die
Thüren verschlossen zu haben, das wurde von Antonio, den Soldaten, und
Trägern bezeugt, wie auch, daß unterwegs an keine Oeffnung derselben zu
gedenken gewesen wäre.
Man lief zurück, tobte, lärmte, setzte Prämien aus, nichtig. Endlich
gerieth der Consul in Zorn wider den Italiener, und verbat seine
ferneren Besuche.
Nach einiger Zeit schrieb Coutances, daß er sich im Stande fühle, ihm
Vaterglück zu bereiten, doch würde er denselben Punkt feststellen, der
vorhin dem Italiener bewilligt sei.
Froh war der Vater, daß sein Kind sich in des Franzosen Händen befand,
er schlug gern ein.
Es muß nun erzählt werden, welche Mittel Coutances angewandt hatte.
Die Späher waren dem Italiener nachgeschlichen, und hatten so seine
Wohnung entdeckt. Dieser ließ sich auf keine Weise beikommen, denn hohe
Mauern waren zu übersteigen, die in ein Gehöft führten, unter dessen
vielen Häuschen, denn bei Nacht das rechte sich nicht erkennen ließ.
Dagegen berathete man, daß ohne Zweifel am Morgen eine Sänfte für
Isabellen würde gemiethet werden, und besah den Weg, der zu nehmen war.
Weil nun viele Sänften an einem nahen Eckplatze standen, so begab sich
Michelet mit einigen Handwerkern in Holz, während der Nacht dorthin, und
an der einen wurde der Fußboden losgemacht, unten aber mit einem
Schieber versehn. Zugleich wurde ein Mechanismus angebracht, nach
welchem von unten ein kleiner Zettel in die Sänfte zu bringen war, des
Inhalts: Isabelle mögte nichts befürchten, wenn die Sänfte still stände,
und der Boden sich nach unten öffnete, sondern sich muthig der Liebe
vertrauen. Ihr Vater hätte sie dem Perotti als Gattin zugesagt, besser,
sie erblickte jenen um einige Tage später, wie unter einer so schnöden
Bedingung.
Nun hatte man sich zu der Brücke begeben, und mit so wenigem Geräusch
als möglich, eine Fallthür gezimmert, die von Außen mit Staub beworfen,
aber sehr genau bezeichnet ward. Als nun die Sänfte auf der Brücke
anlangte, war das hindernde Getümmel durch bestochene Leute aus dem
Pöbel erregt, bereit; und der verkleidete Michelet, mit einigen
Landsleuten ruhte nicht, bis die Sänfte auf den rechten Punkt gedrängt
war. Da wurde es nun das Werk einiger Minuten, Isabellen durch die
Fallthür in die unter der Brücke harrende Gondel, in welcher sich
Coutances mit zwei Freunden befand, zu schaffen. Allerdings hatte man
auch alle übrigen Sänften weggemiethet, daß nur die rechte noch für
Signor Perotti übrig blieb. --
Dieser schnob nun Wuth und Rache. Nimmer schwur er, soll der Franzose
das Mädchen besitzen, und sollt ich mein halbes Vermögen aufwenden. Auch
er that das seinige, den Aufenthalt desselben zu erspähn, wie dieser
wieder keine Maasregeln versäumte, um das Mädchen zu sichern. Er schlief
keine Nacht, sondern wachte mit Michelet auf das Sorgsamste. Da ihm des
Consuls Antwort, Isabellens Besitz verhießen hatte, traf er Anstalten,
sie ungefährdet in das väterliche Haus zu bringen. Man baute eigens eine
geräumigere Sänfte, in welche er sich neben Isabellen setzen konnte.
Michelet umgab sie mit mehr als zwölf Wächtern, und so trat man den Weg
durch entlegene Gassen an.
So kam denn Isabelle zwar zu ihrem hocherfreuten Vater, und die
Liebenden glaubten, in dem gutverwahrten Hause, und bei der zahlreichen
Dienerschaft des Spaniers, nichts befürchten zu dürfen, demungeachtet
war aber Isabelle am andern Tage wieder aus dem mit starken Gittern
gesicherten Zimmer verschwunden, ohne daß jene oder die Thüren im
mindesten zerstört gewesen wären. --
_Land_, _Land_, rief es hier, und die kleine Gesellschaft, die der
Erzählung Coraims mit großer Theilnahme gehorcht hatte, sprang eiligst
zum Verdeck hinauf. Seitdem man die Spitze der Insel Candia vor einigen
Tagen erblickt hatte, und der Cours immer wieder nach Südost ging, war
die Vermuthung allgemein geworden, Egypten sei das Reiseziel des
französischen Heeres. Um desto reger hatte auch die Einbildungskraft
gearbeitet, während der Türke erzählte.
Nun vergaß man ihn und Isabellen. Der Anblick jener weißen Küste, zog
unwiderstehlich an. Von allen Seiten her schimmerten die Seegel, und die
Fahrzeuge sammelten sich vor dem Thurm der Araber, unweit Alexandrien.
Da man die Engländer vermuthete, nahmen die Kriegsschiffe eine
Vertheidigungsstellung, während dessen bald vier bis fünftausend Mann
gelandet wurden, die nach der Pompejussäule vormarschirten.
Der Feldherr, treu der Maxime des Tacitus: »Bei einer Entschließung, die
erst _vollführt_ Lob verdient, findet keine Bedenklichkeit statt!«
marschirte sogleich nach Alexandrien, nahm es mit Sturm ein, und
verjagte die Mammelucken und Araber. Dadurch gewann man hinterwärts
Sicherheit, und alle Truppen, und was zum Heere gehörte, konnten nun ans
Land treten.
Wie war Ring bezaubert, wie er den alten urklassischen Boden unter
seinen Füßen fühlte. Er erklärte Floren das Alterthum dieser Erdgegend,
und bereitete sie vor, des Merkwürdigen unendlich viel zu sehen, ob sie
gleich mit etwas offnen Munde dastand, und sich höher erfreute, den
Meerstürmen, und den Gefahren einer immer erwarteten Seeschlacht
glücklich entgangen zu seyn.
Drittes Kapitel.
Reminiscensen.
Da sind also unsre Reisenden in dem lieblichen Lande, dessen Bild schon
tausend Erinnrungen weckt. Der hellsten von allen dachte Ring unter
einen Dattelbaum hingestreckt nach. Es ist die Reise jener Cleopatra,
die Shakespear wohl mit Unrecht eine Zigeunerin nannte, da sie von dem
griechischen Königsstamme, nach Alexanders Tode gepflanzt, war.
Gleichwohl beschrieb der so lebendig malende Britte, die Fahrt dem
Cydnus bezaubernd:
Cydnus Wogen trugen sie, die Gondel
Brannt' ein Feuerthron auf Lazurfluthen,
Und die Purpurwimpel Sidons hauchten
Sabas edlen Zauberduft, daß Eurus
Nur mit ihnen, nicht um Flora buhlte.
Silberruder schlugen nach dem Takte,
Süßer Flöten, die verwandten Wellen,
Deren Perlschaum ihnen tanzend folgte.
Aber sie, die Charitin Canopens,
Unter ihres Baldachins Gewölbe,
Die Anmuthge höhnte Pinsel, Lyra,
Und zur Bettlerin wird die Beschreibung;
Ein Gemäld', ein Bildniß, dem getroffnen
Blicke, das Protogenes Cythere,
Wo Natur der Dichtung Kraft erlegen,
Selbst verdunkelte. Mit Wangengrübchen
Lächelten den Amorn gleich, zur Seite
Schöne Knaben, die mit bunten Fächern
Kühlung ihrem Rosenantlitz wehten,
Und doch nur die Glut erhöhten, Feuer
Schürten, das ihr Hauch vernichten sollte.
Gleich den Nymphen und den Töchtern Nereus
Harreten der Göttin Wink verschämte
Zarte Mägdlein, wurden reizender
Wenn sie sich vor ihr gewärtig beugten.
Eine liebliche Syrene steurte,
Leicht erblähten seidne Seegelthaue,
Vom Berühren Blumumwundner Hände,
Der geschäftgen holden Schifferinnen.
Unsichtbarer Himmelswohlgeruch,
Strömte weit auf die beblümten Ufer --
Auf sie goß die weite Stadt ihr Volk,
Die Bewunderung sank froh zu Füssen,
Und die Luft verwundete ihr Jubel,
Die, wenn sie nicht ewig Leere haßte,
Weggezogen wär aus ödem Raume,
Freudig vor Cleopatra zu staunen. --
Ha, nun tritt die Zauberin ans Land,
Und der stolze Held der sieben Hügel
Schmachtet ewig in der Feindin Kette. --
Er wurde bald unterbrochen, von dem lustigen Gewimmel rund umher. Alles
drängte sich zu der nahen Pompejussäule, einer maaß, einer erklärte ihre
Geschichte, ein andrer wollte hinauf, von dort weit umher die Gegend zu
erspähen. Das ging aber nicht leicht, da die Steinmasse achtundachtzig
Fuß hoch, und mit keiner Treppe versehn war.
Demungeachtet erzählte ein Matros, der schon ehedem Egypten besucht
hatte, tranken Engländer oben eine Bowle Punsch. Zugleich theilte er
mit, wie sie das, ohne ein Gerüst zu fertigen, vollbracht hätten. Man
machte nämlich einen Drachen aus Papier, wie ihn die Kinder steigen
lassen. An einem langen dünnen Strang wurde er hoch in die Luft
gefördert, und der Wind so genommen, daß der Lenker die Säule zwischen
sich und den Drachen brachte, ihn nun niedersinken ließ, worauf der
Strang an dem Capital hing. Nun wurde ein dicker Schiffstau an den
Strang geknüpft, hinübergezogen, worauf ein Seemann sich an das Ende
band, und sich auf die Säule bringen ließ. Dieser traf nun Anstalten,
eine förmliche Winde zu befestigen, und die das Seltsame liebenden
Britten übten ihren Willen.
Viertes Capitel.
Alexandrien.
Nun ging es nach dieser großen Stadt mit platten Dächern und runden
Moscheen. Nicht wenig waren die Bürger ob des unerwarteten Einspruches
der Europäer bestürzt. Sonst hatten sie sie wohl auch in ihrer Mitte
gesehn, doch in geringer Zahl, demüthig entweder auf den Handel, oder
Notizen zu Reisebeschreibungen ausgehend, in morgenländische Kleider
gesteckt, und den Namen Christenhund, ohne eben die Justiz zu
überlaufen, hinnehmend. Nun brachten sie aber Waffen, und da ist der
Europäer allen Nationen überlegen. Und das macht allein die Cultur, die
zu einer glücklichen Schwäche führt, in welcher es nothwendig wird, sich
so lange nach Kraft in der Kunst umzusehn, bis man sie findet.
Die Soldaten lagen in Alexandrien auf den Straßen umher, ein sehr
beschwerlicher Zustand, wo man eine Hitze von 26 Graden duldet. Der Stab
und die mitgenommenen Gelehrten wurden blos in die Häuser mehrerer
Europäer gelegt.
Ring traf jenes Loos, und er wünschte daher sehnlich, daß man bald
tiefer ins Land dringen mögte.
Eines Tages wanderte er mit Floren eine Gasse hinauf, um den großen
Obelisk zu sehen. Plötzlich rief sie ein sehr wohlgekleideter junger
Muselmann. Verwundert sehen sie auf, und entdecken in der schönen
Kleidung den Sklaven Coraim aus Malta, der ihnen erzählte: wie er an der
Küste freigelassen worden, und seinen Vater, der bei seiner Abreise ein
Wasserträger gewesen, als einen Richter der höheren Klasse angetroffen
hätte. Ein nicht seltener Gebrauch im Morgenlande, plötzlich aus dem
Staube zu erheben, den man wenigstens bisweilen auch in der Christenheit
nachahmen sollte. Es käme so der nüchterne Sinn in die hohen Regionen,
der dort oft ganz ausstirbt.
Coraim blieb aber nicht bei den nackten Freudenbezeugungen stehen,
sondern nöthigte sie in das elterliche Haus. Die Truppen wurden bei
keinen Türken einquartirt, daher auch das Innere ihrer Haushaltung nicht
gefährdet war.
Coraims Vater, indem er hörte, der Frank und die Frankin hätten seinem
Sohne auf dem Schiffe Gutes erwiesen, zeigte sich sehr bereit zur
Erwiederung, und ließ dabei vielen orientalischen Luxus schimmern von
welchem beide nicht wenig eingenommen waren, und in manchem Stücke, den
europäischen ihm nachsetzten.
Man trennte nach der Landessitte Ring und Floren. Letztre wurde in den
Harem zu den Weibern des Ali (so hieß Coraims Vater) geführt.
Ring wurde zuförderst durch ein Bad gelabt, das ihm an und für sich nach
vielen Beschwerden würde höchst willkommen gewesen seyn, wie vielmehr
bei einem Raffinement, das London und Paris nicht kennen.
Das Badgebäude bestand aus drei hintereinandergelegenen großen Zimmern.
Das erste, _Burani_ genannt, war prachtvoll und mit Marmor gepflastert.
An der Mauer lief eine Erhöhung hin, mit kostbaren Teppichen bedeckt. In
der Mitte stand ein Brunnen. Die Diener luden den Gast ein, hier die
Kleider abzuwerfen.
Aus diesem Zimmer oder Saale gelangte er in ein zweites, das _Wustami_
hieß. Hier fanden sich viele Becken von Stein, rund und länglich, etwa
zwei Schuh im Durchmesser, in welchen sich zwei Röhren mit messingnen
Hähnen zu warmen und kaltem Wasser öffneten. Am Fuße derselben standen
metallene Becher, um das Wasser auf die Badenden zu gießen. Schöne
Blumen dufteten aus artig gearbeiteten Vasen.
Von diesem mittleren Gemache, wurde Ring in das innerste, das in dem
Morgenlande den Namen Dschuani führt, gebracht. Es war durch eine Kuppel
von oben erleuchtet. Ein dämmerndes Licht brach durch gemalte
Fensterscheiben in die heitre Rotunde. Sie war geheizt, um den Badenden
in Schweis zu bringen, doch merkte man das bei dem allmähligen
Uebergange nicht. Auch sind die Oefen in solchen Bädern theils unter dem
Fußboden angebracht, theils ihre Röhren in die Wände vertheilt. Das
Thermometer pflegt etwa in dem ersten Gemache auf 60, im zweiten auf 80
und 90, und im letzten gegen 100 Grad zu stehen.
Wohlriechende Dünste umgaben ihn, während er in der wollüstigsten
Hingebung auf einem Kissen ruhete. Der Badeknecht erschien nach dortigem
Gebrauch, und fing seine Glieder gleichsam an, zu kneten. Nachdem sie
durch dies Drücken und Streichen erweicht waren, zog jener einen wollnen
Handschuh an, und reinigte die Haut völlig. Die Fußsohlen rieb er mit
Bimsstein ab. Hierauf führte er Ring in ein Cabinet, goß ihm parfümirten
Seifenschaum über das Haar, wickelte ihn dann in gewärmte Tücher, und
führte ihn durch einen Seitengang, in welchem die Hitze nach und nach
abnahm, in das erste Zimmer.
Hier fühlte er sich wie zu einem neuen Leben erwacht. Alle Sinnen
schienen ihm feiner, alle Empfindungen süßer geworden.
Floren brachten junge Mädchen während der Zeit in das Weiberbad, einen
sehr niedlich ausgezierten Saal, in dessen Mitte ein ziemlich großes
Marmorbassin befindlich war, rund mit köstlichen Blumen und
Spezereigesträuchen umstanden, deren Töpfe so in den Boden verborgen
waren, daß es schien, hier wäre alles gewachsen. Kristallhelles Wasser
rieselte in dem Bassin, und der Sand des Grundes schien übersilbert, wie
Caligula die Gerste übergolden ließ, welche sein Leibpferd bekam.
Nachdem Flore entkleidet, und mit Essenzen parfümirt war, erschienen die
türkischen Weiber, alle jung, schlank und reizend, denn die älteren
ziehen sich meistens von solchen Parthien zurück.
Alles stieg nun in das Bassin hinab, und kostete die Fülle der
Erfrischung. Wie viel enthüllte Schönheiten! Welche Freiheit! Wie
glücklich müßte sich der Mann fühlen, dem es vergönnt wäre, in das
Heiligthum zu dringen! Aber nach Florens Behauptung ging es nicht ganz
unschuldig zu, und sie, obwohl einst in dem berühmten Pallaste wohnhaft,
den der Herzog von Orleans erbauen ließ, fand doch manche Szene
anstößig.
Nachher ging es zur Tafel. Ring wurde in einen Saal des Gartenhauses
gebracht, der nach Norden zu offen war, um die abkühlende Luft von daher
zu genießen. Er war mit prächtigen Stoffen tapezirt. Längs den Mauern
waren kleine Nischen angebracht, in denen porzellanene und silberne
Gefäße standen. Auf dem Boden lagen Teppiche von Brokat. Am anderen Ende
des Saales sahe man ein Kabinet, das auf mehreren Seiten offen war, in
welchem zwei große Springbrunnen Kühle verbreiteten.
Der Tisch war mit Brokatstücken von mehreren Farben bedeckt. Am Ende
desselben prangte ein silberner Schenkstuhl mit schönen kristallenen
Flaschen und Silbergeschirr angefüllt. Sorbet fand sich hier für die
Muselmänner, und Cyper und andre hitzige Weine für die Christen.
Flüssige und trockne Confituren machten das erste Gericht, als Ingwer,
Muskatnüsse, Orangen in Geleen, Marzipan. In viereckigen Schüsseln von
lakirtem und vergoldetem Holze, wurden diese Leckereien aufgetragen, die
immer ein Dutzend kleiner Tellerchen enthielten. Jeder Gast bekam eine
dieser Schüsseln vor sich zur Auswahl, und treffliche Liqueure wurden
dazu herumgereicht.
Nach diesem Gerichte nahm man die Brokatdecken ab, und legte Tischtücher
von feinem Musselin auf. Die Europäer bekamen Messer, Löffel und Gabel.
Befremdend war es diesen (denn ohne Ring hatte Coraim noch mehrere
Franzosen geladen) nun eine Menge Salate erscheinen zu sehn. Sie
bestanden aus Rosinen, Aepfeln und andern Früchten von feinem Geschmack,
mit Weinessig und Zucker. Rettige und Zwiebeln lagen darum, eine
sonderbare Mischung, die aber gegen das Erwarten nicht widerlich
schmeckte. Das Brot bestand aus ganz dünnen Reiskuchen.
Jetzt folgten zwei große silberne Schüsseln mit harten Eiern und
Lämmernieren, über welche eine scharfe Sauce gegossen war. Ferner zwei
andere große Schüsseln mit zwei Dutzend gebratnen Tauben, und noch zwei
andre mit zwölf Schöpskeulen. Bald nachher kamen gebratene Capaunen,
Fische, Eier, Geflügel, Consommees, Bouillons, Ragouts, gefüllte Gurken,
in außerordentlicher Mannigfaltigkeit. Zugleich wurden vor jeden Gast
zwei porzellanene Schaalen mit Sorbet gesetzt, der beinahe einen
Punschgeschmack hatte.
Zuletzt kam endlich der Pilau, das bekannte morgenländische Gericht, in
zehn großen Schüsseln auf mehrere Art zubereitet. Man sah weissen,
rothen, gelben und veilchenblauen, mit Limonen, Zucker, Safran,
Granaten, Maulbeeren, Orangen u. s. w. Während der ganzen Mahlzeit wurde
eine Tafelmusick aufgeführt, die allein den Europäern nicht gefiel.
Nachdem die Tafel etwa drei Stunden angehalten hatte, und jedermann
gesättigt schien, gab endlich der Wirth das Zeichen zum Aufstehen, und
führte die Gäste in das luftige Nebenkabinet. Hier fanden sie ein
herrliches Desert von Konfekturen, trockenen und frischen Früchten,
Caviar, Pasteten u. s. w. Sie hatten unter andern fünf Sorten von
Weintrauben, und Melonen von grüner, rother, gelber und blauer Farbe.
Hierzu wurden süße und äußerst starke Weine gegeben, welche freilich nur
allein für den Gaumen der Europäer hatten bestimmt seyn sollen, allein
in der Freude nahm auch ein Moslem nach dem andern ein dargebotenes
Glas. Desto munterer wurde die ganze Gesellschaft.
Zwerge, Taschenspieler und Mährchenerzähler traten nunmehr auf, die
Gäste durch allerhand Spiele und Erzählungen zu belustigen. Coraim
erinnerte Ring an jenen Tag, wo er ihm die Geschichte der Isabelle
mitgetheilt hatte. Hier dachte Ring erst wieder daran zurück, und
fragte, ob man denn keine Nachricht von dem Mädchen erhalten hätte?
Potpourri.
als Zugabe zum ersten Buche.
Polemon, ein griechischer ausschweifender Elegant, kehrte von einem Saus
und Braus zurück, und ging an der ernsten Schule des Xenokrates vorüber.
Die Thür stand offen, der junge Herr, glühend vom Chiosweine, den
Blumenkranz in den Locken, betrat den Saal, nicht der Weisheit zu
horchen, sondern ihrer zu spotten. Den Lehrer entrüste dies Betragen
nicht, er umwandelte nur seinen Vortrag, und hielt, die Völlerei
strafend, der Mäßigkeit eine Lobrede. So mächtig trafen seine Worte
Polemons Gefühl, daß er den weichlichen Hauptschmuck von sich warf, das
Antlitz beschämt in den Mantel hüllete, und völlig gebessert, das rohe
Leben, von Stunde an, einstellte. -- Warum sehen wir keine solche
Erscheinungen mehr? Antwort: die Weisheit verschmäht Rekruten, wie sie
unter uns zu werben wären. --
Wie kömmt es doch, daß die weisen Deutschen so wenig über die klugen
Franzosen vermögen, und wieder die weisesten im Nord Germaniens bei
weitem weniger, als die minder weisen gen Rhätium? Antwort: Die Bücher
überbilden bei uns die Gebildeten, und dringen nicht bis zu den
Ungebildeten hin. Die ersten sind durch das viele Wissen zum Nichtwissen
gedrungen, leiden nun an einer indirekten Hirnschwäche (durch
Ueberreitz) die andern machten sich mit keinem Wissen vertraut, kranken
demnach an dem direkten Uebel (Reitzmangel.) Nicht also in Frankreich.
Dort hielt man die Klassiker seit Hundert oder Hundertfunfzig Jahren
fest. Es giebt immer wieder neue Ausgaben derselben. Einige höchst
wohlfeil, auf schlechtem Papier, mit schlechten Lettern, wo ein
Trauerspiel von Racine um vier fünf Sous zu geben ist, Rousseau Emil um
zehn oder zwölf Sous. Alte Mütterchen sitzen in den Städten und haben
dergleichen an den Ecken feil. Der Bauer nimmt gelegentlich einen
Candide mit, der kleinstädtische Bürger, der schon seinen Vater über den
^Esprit des loix^ reden hörte, welcher seit Grosvaters Zeit auf dem
Schranke liegt, kann ihn fast auswendig. Was seht ihr bei uns in den
Zimmern geringer Leute? An der Thür den Haussegen, hinterm Ofen, neben
einigen staubigen Familiengesangbüchern, Eulenspiegel oder eine Parthie
in diesem Jahr gedruckter Lieder. --
Ein alter Berliner, der beim Glase Medok immer viel zuhört, und wenig
spricht, wurde neulich redselig, da die Unterhaltung auf das jetzt viel
abgehandelte Thema der Vaterlandsliebe kam. Seit zwanzig Jahren, hub er
an, beobachtete ich zwei patriotische Männer in unserm Staate. Der eine
mag X der andere Y heißen. Als 1788 das Religionsedikt erschien,
besuchte Herr X, früherhin ein lustiger Dogmenspötter, sogleich die
Kirchen, und hörte die Vorträge der Herren Woltersdorf, Brumbei,
Ambrosius mit Andacht. Herr Y fragte aber wohl im vertraulichen
Gespräch: Wo schadete denn das von Friedrich angezündete Licht, daß wir
es schon wieder auslöschen wollen? -- Da 1790 die friedliche
Ausgleichung mit Oesterreich erfolgte, pries Herr X die lieblichen
Blüthen des Oelzweigs, Herr Y aber weinte. -- 1792 war Herr X heftig
wider die Franzosen ergrimmt, nannte seinen Zorn Patriotismus, Herr Y
fürchtete die Folgen eines solchen Krieges. -- 1793 jubelte Herr X bei
der Staatsvergrößerung durch Südpreußen, Herr Y rechnete bedenklich
nach, wie viel mehr Land Oesterreich und Rußland gewonnen hatten, und
wie viel gefährlicher nun ihre Gränzlage geworden war. -- 1795 pries
Herr X den Baseler Frieden, und lachte, daß Oesterreich stecken blieb.
Herr Y erinnerte sich zurück, daß es früherhin bei einem ernsten Verein
Deutschlands gegen Frankreich sehr schwer geworden war, etwas
auszurichten, und besorgte viel von dem getrennten Bunde. -- 1799 und
1800 wußte Herr X abermals viel poetisches über das friedliche System zu
sagen, Herr Y aber meinte, es dürfte die höchste Zeit seyn, den
militärischen Charakter in einer großen Kraftäußerung, und demjenigen
Bunde, den der Augenschein empföhle, zu zeigen. Herr X war für das
System der sogenannten Physiokraten, Herr Y meinte, der Ackerbau sey die
Wurzel, aber doch nicht der ganze Stamm. -- 1805 erhob Herr X den Grafen
Haugwitz bis in die Wolken, daß er unter so kritischen Verhältnissen
dennoch den Krieg zu vermeiden gewußt habe, Herr Y erkrankte vor
Schmerz, daß das Schwert noch nicht ergriffen worden sei. -- 1806
weissagte Herr X lauter Triumphe, Herr Y konnte seine Thränen nicht
zurückhalten. Herr X las Kriegslieder vor, Herr Y entwarf Plane für den
Feldzug, die der Zeit angemessen waren, und suchte ihnen, aber
vergeblich, Gehör zu verschaffen. Als der Feind sich der Residenz
näherte, eilte Herr X nach Königsberg, Herr Y bot sich an, als
Freiwilliger die Waffen zu nehmen, und trug dann die Bürde des Kriegs
gleich den andern Mitbürgern. Wer war der redlichste Patriot? fragte
hier der Erzähler.
Ein Anwesender meinte: hm, man muß den Willen der Regierung vollziehn.
-- O das that Herr Y auch überall gewissenhaft. Hier ist von seinen
Gefühlen und Ideen die Rede. -- Ein Dritter rief: o wäre der brave Mann
gehört worden. -- Ein Vierter: _Ich entscheide nicht wer der beste
Patriot war, aber ich verwette Kopf und Kragen, Herr X ward korpulent
und Herr Y blieb mager!_ --
Ein Rezept zu unfehlbarer baldigen Sittenverderbniß eines Volkes ist:
Leitet Kunsttheurung ein! Sie bringt große Reichthümer in wenige Hände.
So werden Einige Vornehmen glänzenden Luxus zeigen. Der Mittelmann
gereizt, und nicht vermögend auf rechtem Wege nachzuahmen, wird
betrügen, der Arme, der das Brot nicht mehr bezahlen kann, stehlen. --
Als Eduard III von England, mit einer großen Macht in Frankreich
eingedrungen war, rückte er vor Calais, welches ihm die Thore nicht
öffnen wollte. Nach einer langen Belagerung, schickte er sich zum Sturme
an. Nun begehrten die Einwohner zu unterhandeln, was er aber nur auf
eine Bedingung eingehen wollte, über die sie noch dazu nur drei Stunden
Bedenkzeit erhielten. Die Bedingung hieß: Die Stadt sollte dem Könige
Sechs der vornehmsten Bürger ausliefern, ein Hemd, einen Strang um den
Hals, die man sogleich an den Thoren aufknüpfen würde. Durch ein so
schauderhaftes Beispiel wollte er alle Städte erschüttern, die er
ohnehin im Gesichtspunkt rebellischer Unterthanen betrachtete, und sich
daher herbe Strenge erlaubte.
Verzweifelnd liefen die Bürger der Stadt umher, niemand wollte eine so
verhaßte Wahl treffen, als Sechs der angesehensten Männer aus eigenem
Antriebe hervortraten, und sich als Opfer stellten. Dank und
Freudenthränen folgten ihnen aus den heimatlichen Mauern, der
schreckliche Feind konnte seine Bewunderung ihnen nicht versagen.
Eduards Gemahlin erflehte ihre Gnade. --
Half, ein alter Norwegischer König, machte sich durch glückliche Züge
zur See berühmt. Kein Krieger ward in seinem Heere aufgenommen, er hätte
denn zuvor gültige Beweise von Kraft und Tapferkeit abgelegt. Bei ihm
fanden sie nun erst eine Schule, wo alles dahin strebte, ihnen
Todesverachtung zu erziehn.
Viele Jahre waren im Kriegsgetümmel dahin gewichen, und nun beschloß
Half in die Heimath zurück zu segeln. Unterwegs traf ihn ein heftiger
Sturm. Sein Schiff war mit Menschen überladen und drohte zu sinken. Kein
anderes Mittel blieb, als einige über Bord zu werfen, um die andern zu
retten. Half that also den Vorschlag, daß man loosen wollte, und schloß
sich selbst nicht aus. Aber kaum hatte er ausgeredet, als sich ein jeder
ohne Loos anbot. Es sprangen um die Wette so viele über Bord, bis das
Fahrzeug die gehörige Leichtigkeit hatte.
Wenn man staunend diese Geschichten der Vorwelt liest und dann auf die
nächsten Zeitgenossen hinblickt, scheint es, eine ganz entartete
Menschheit bewohne nunmehr den Erdball. Entartet ist sie nun freilich,
doch der Stoff der Kraft keinesweges erstorben. Langes Unheil des
Krieges, und die Menschen werden wieder groß.
Ende des ersten Buches.
Zweites Buch.
Erstes Capitel.
Coraims weitere Erzählung.
Ring bat Coraim nunmehr, die Neugier nicht auf dem halben Wege der
Geschichte stehn zu lassen. Der Türk theilte ihm also in kurzem mit, was
ihm selbst weiter von der schönen Isabelle bekannt war.
Die Bestürzung in des Spaniers Hause ergriff alle. Der Vater raufte das
graue Haar, Coutances schwur dem Räuber furchtbare Rache, das Gesinde
weinte, da Isabelle jedermanns Liebe gewonnen hatte. Doch keiner von
ihnen konnte das unbegreifliche Räthsel lösen. Jeder Eisenstab der
Fenstergitter hatte die alte Festigkeit, die Thür zeigte keine Spur von
gewaltsamer oder listiger Oeffnung, auf beide hatte auch um so weniger
etwas unternommen werden können, als im Hofe sowohl, wie im Hausflur
Wache gehalten worden war.
Untersuchung über Untersuchung. Endlich fiel es jemand bei, den Kasten
einer Flötenuhr zu öffnen, die der Consul vor einiger Zeit aus Europa
bekommen hatte. Ein lauter Schrei! Was ist das: Alles stürzt hinzu.
Man ward mit Schrecken inne, daß das Uhrwerk aus dem Kasten genommen
war, daß sein Boden fehlte, und ein Ausbruch des Fußbodens in den Keller
hinabging.
Alles eilte jetzt zu der Stiege, die in den Keller führte. Mit mühsamer
bewundernswerther Kunst, waren sowohl Stützen wie andere Geräthschaften
angebracht worden, um die Oeffnung in das Gewölbe zu brechen, nächstdem
die Cederplatten, womit der Zimmerboden getäfelt war, zu durchschneiden,
und so in den Kasten der Uhr zu gelangen. Die Hauptarbeit mußte immer
bei Tage vollendet worden sein, wo Isabelle sich nicht auf diesem Zimmer
befunden hatte, der Platz unter der Uhr war gewählt, daß man nicht etwa
etwas von Verletzung des Bodens zu früh wahrnähme, (der, wie sich
deutlich zeigte, mit breiten glühenden Messern durchschnitten war.) Das
Herausnehmen des Uhrbodens und Räderwerks hatte man zum Geschäft der
letzten Nacht aufgespart, dann das unglückliche Mädchen im, trauriger
Weise, grade so tiefen Schlaf überfallen, durch Knebel ihren Hülferuf
gehindert, und sie so in den Keller gebracht, wo sicher ein Ausweg
weiter führte.
Dieser wurde auch sogleich entdeckt. Nach dem Keller des Nachbars fand
sich ein gewaltsamer Durchbruch.
Indem die Versammelten wehklagten, tobten, Verwünschungen ausstießen und
jeder der Meinung war, es müsse ein Schelm im Hause stecken, der
Mittwisser sei, da Fremden die Gelegenheit nicht so kundig hätte sein
können -- vernahm man in einem Winkel ein leises schmerzliches Aechzen.
Eine Fackel in der Hand eilt Coutances nach der Stelle. Wer malt sein
Erstaunen, da er -- Signor Perotti erblickt!
Der Italiener liegt am Boden mit gebundenen Händen und Füßen, ein dickes
Tuch in den Mund gewürgt.
Seine ersten Worte, da man ihm die Sprache befreit hat, sind: Erstecht
mich! Schlagt mich todt, ich will nicht leben!
Auch Wuth und Rache erfüllen solche Forderung nicht. Wie konnte sie hier
aber gehört werden, wo es vor allen Dingen ja die Entschleierung eines
ganz unerklärlichen Geheimnisses galt, die von Niemand als dem Italiener
erwartet werden konnte?
Du sollst meinem Zorn nicht entfliehen, rief Coutances, erst aber
erkläre: wohin Isabelle kam?
Es fiel schwer, Signor Perotti zu andern Worten zu bringen, als: Ich
will sterben. Er schien ganz von Verzweiflung zerrissen, durch seine
peinliche körperliche Lage sowohl, als durch gequälten Seelenzustand
höchst entkräftet. Er bedurfte Erfrischungen, mit Gewalt sogar ihm
eingeflößt, denn er weigerte sich, sie zu nehmen.
Endlich entschloß er sich zur Erklärung. Wohl hab ich Isabellen rauben
wollen, hub er an, sie ist meine Sklavin, und mir auf widerrechtlichem
Wege entrissen. Ich übte daran kein Unrecht. Doch sollte sie dem Vater
nicht vorenthalten bleiben. Um den Preis ihrer Hand, den er mir zusagte,
der mir gebührt, um den des Franzosen Hinterlist mich bringen will, sah
er sein Kind gleich wieder im Hause. Nur versichern wollte ich mich
ihrer Person, um meine gerechten Bedingungen von Neuem aufstellen zu
können.
Coutances machte eine Bewegung der Wuth gegen ihn, die Alonzo (der
Spanier) zurückhielt, und Signor Perotti aufforderte, fortzufahren.
Es geschah. Mit großer Mühe, und mehr als Dreihundert Piastern Aufwand,
setzte ich meinen Entschluß ins Werk. Bei dem nebenan wohnenden Kopten
miethete ich den Keller. Der Mann, meistens nach dem Gebrauch von Cairo,
in seinem Arbeitsladen vor der Thür, bemerkte nicht, was in dem Keller
vorging. Meine Leute löseten aber einander ab, Tag und Nacht wurde die
emsige behutsame Arbeit fortgesetzt. Ich selbst befand mich einst als
verkleideter Araber in Isabellens Zimmer, wo ich Spezereien feil bot,
und alles erspähte. Unvermerkt ging ich darin umher, und maß mit
Schritten die Abstände, wobei ich über meine Erwartung richtig verfahren
war, denn es gelang vollkommen, von unten her die Stelle der Uhr zu
treffen. Im Ganzen hat mich ja mein Nebenbuhler, durch den Streich,
welchen er mir auf jener Brücke spielte, selbst an diesen Gedanken
gemahnt.
Weiter, weiter! rief Coutances schäumend.
Auch Isabelle mußte so fest schlummern, daß es leicht fiel, sie durch
ein, übrigens in der artigsten Weise vorgehaltenes Tuch, zum Schweigen
zu bewegen, und die liebenswürdige Beute wurde unter Beistand einiger
Helfershelfer, glücklich in den Keller gebracht.
Welch ein Schrecken aber befiel mich, als ich nun plötzlich durch einige
Unbekannte, die hinter den Waarenkisten, welche der Kopte noch im Keller
liegen hatte, hervorsprangen, gepackt und gebunden in den Winkel
geworfen wurde! Man ließ mich, den Hülflosen, liegen, und entfernte sich
schnell mit Isabellen. Nichts anderes konnte ich denken, als dem Vater
und Geliebten sei mein Beginnen kund geworden, und von ihnen nun das
Gegenabentheuer bereitet. Da dies doch aber ein Irrthum zu sein scheint,
so haben ohne Zweifel meine Arbeiter hie und da geplaudert; ein reicher
Muselmann, durch das entworfene Bild von Isabellen hingerissen, und von
der Unternehmung benachrichtigt, hat beschlossen, das schöne Mädchen dem
glücklichen Entführer zu entführen. Welch ein Fall könnte noch sein? Die
Arbeiter sind alle davon. Antonio bracht ich nicht mit, da er krank, und
überhaupt bei solchen Gelegenheiten wenig zu brauchen ist.
Du sollst das Mädchen zur Stelle schaffen, oder es gilt dein Leben! rief
Coutances.
Eile, suche, bring sie mir zurück, fiel der bekümmerte Vater ein, und
mein gegebenes Versprechen sei dir gehalten.
So fürchterlich die Drohung klingt, so süß der Lohn schmeichelt, ich
vermag nichts, erwiederte Perotti. Macht euch auf, selbst zu forschen,
gern will ich behülflich sein. Doch was läßt sich hoffen, in der großen
nicht polizeilich geordneten Stadt?
Alonzo fragte händeringend: wo denn die Arbeiter zu finden wären, die
ihm geholfen hätten?
Jener zeigte den Platz an, wo er sie ausgewählt, und auf acht Tage in
seinen Dienst gedungen habe, setzte aber gleich hinzu, daß er fürchte,
sie würden sich jetzt nicht mehr dort sehen lassen.
Er mußte aber, von Coutances und dem Spanier begleitet, augenblicklich
dahin. Man durchkroch alle Ecken, weilte eine Stunde umsonst.
Jetzt wollte man dennoch Rache an ihn nehmen, und führte ihn zu dem Bei
des Bezirks. Dieser ergötzte sich höchlich, wie ihm die Klage
vorgetragen wurde. Sein Urtheil fiel aber dahin aus, daß sich Coutances
zu einer Abfindung wegen des erlittenen Ungemachs zu verstehen hätte;
denn da er die Jungfrauräuberei begonnen, sei er auch Schuld, daß der
Italiener billiger Weise gesucht habe, wieder zu seinem Eigenthum zu
gelangen, und folglich auch Ursache, daß der Italiener bei dieser
Gelegenheit gemißhandelt worden. Uebrigens solle man letzteren sogleich
freilassen.
War Signor Perotti mit dieser Entscheidung zufrieden, so entrüstete sie
die andern nicht wenig. Was war aber zu thun? Eine Instanz, an welche
vom Bei zu appelliren gewesen wäre, fand sich in Cairo nicht. Man mußte
sich beruhigen.
Gebeugt schlich Alonzo, der Verzweiflung nahe, Coutances davon. Der
Italiener raufte die Haare, verzichtete aber mit Stolz auf die
Strafsumme, welche der Richter ihm zugesprochen hatte.
Ueberall gab man Aufträge, Isabellen zu suchen, verhieß Belohnungen in
öffentlichen Anschlägen, Coutances durchirrte jeden Winkel der
winklichten Stadt. Alles das war aber vergeblich, und man mußte sich
endlich in das Unabänderliche finden.
Der alte Vater legte aus Gram alle Amtsgeschäfte nieder, übergab sie
einem andern, und zog sich in das engste Privatleben zurück. Von Cairo
wollte er sich dennoch nicht entfernen, da die süße Hoffnung, seine
Tochter noch einmal wieder zu erblicken, nur in seinem Grabe enden
sollte. So verstrichen nun schon mehr als zwei Jahre. Der Franzos hat
den Schwur, nimmer zu heirathen, wenn Isabelle nicht die seinige werden
könnte, treu gehalten, führt einen kleinen Handel, und träumt seinen
Lieblingsgedanken ohne Zweifel noch.
Hier war Coraims Erzählung zu Ende, wiewohl sich niemand befriedigt
fand, weil man eine freudige Entwicklung des Schicksals der jedem
interessant gewordenen Isabelle geahnt hatte.
Die Gesellschaft verließ nun das Haus des gastlichen Ali, und jedermann
begab sich wieder an den Ort seiner Bestimmung. Flore erfuhr unterwegs
von Ring das Weitere über Isabellen, denn sie war bei der Erzählung
nicht gegenwärtig gewesen, und erneute den lebendigen Antheil an dem
spanischen Mädchen, den sie schon auf dem Schiffe gefühlt hatte.
Es ist vergessen worden, zu sagen, daß Flore sich gewöhnlich der
Mannskleider bediente, und für Rings Schreiber galt, allein da man ihr
Geschlecht dennoch erkannte, so gab das zu vielem Scherz Anlaß, und sie
läugnete vor der näheren Umgebung die Wahrheit nicht. In Alexandrien
legte sie aber mehrmals den weiblichen Anzug an, um so ihre Neugier über
die Verhältnisse mahomedanischer Weiber besser befriedigen zu können.
Es wurde nunmehr Anstalt zu einem etwas bequemeren Bivuak getroffen, und
Dattelzweige beschatteten der Soldaten Hütten. Die Commissairs, zu denen
Ring gehörte, traten in einen ausgedehnten Wirkungskreis und wurden zur
Herbeischaffung der nöthigen Vorräthe gebraucht.
Bald trafen in Alexandrien die frohen Siegesnachrichten ein: wie die
unterdessen vorgerückten Truppenabtheilungen Raschid genommen, sich
Cairo bemeistert, und Murat Bei, unter Anführung ihres unbezwinglichen
Helden, in der ewig denkbaren Schlacht bei den Pyramiden überwältigt
hatten. Eine große That war der andern auf den Fuß gefolgt, und
Schwierigkeiten, vor denen die Einbildung schon zurückbebt, waren mit
Leichtigkeit hinweggeräumt worden.
Wie aber Mavor auf dem Lande lächelte, zürnte Poseidon. Er hatte das
Schicksal noch Einmal für seine alten Lieblinge gewonnen.
Mehrere Couriere vom Obergeneral gesandt, waren von Beduinen in der
Wüste aufgefangen worden, daher kamen dem Admiral der Flotte, nicht die
nöthigen Befehle zu. Immer noch lag er mit den Kriegsschiffen auf der
Rheede, die Transportfahrzeuge waren in den alten Hafen der Stadt
gelaufen. Nach dem Willen des Feldherrn sollten jene nun auch in
Sicherheit gebracht werden, und wäre es thunlich, der Admiral mit der
Flotte nach Malta gehn.
Da er aber keine Depeschen erhielt, blieb er in der gefährlichen
Stellung. Man wußte, daß eine beträchtliche, an Zahl überlegene
englische Armade sich in See befand, sie war sogar vor Ankunft der
Franzosen bei Alexandrien gewesen, hatte sich aber nach dem Archipel
gewandt, wohin sie vermuthete, daß die Toulonner Flotte gesegelt wäre.
Wo der Neufrankenheld war, da weilte auch das Glück, darum mußte seine
Landung während der Abwesenheit jener Britten vor sich gehn. Doch:
Es sollen Land und Meer nicht Einem dienen!
sagt Wrangel in Wallenstein. Wie der Liebling des Glücks Lorbeern brach,
wo seit Saladins Zeiten man keine europäische Waffen gefürchtet hatte,
thürmte sich des Geschicks Ungewitter über die Schiffe, wenn schon kein
Orkan drohte.
Man konnte von den platten Häusern in Alexandrien hinaus ins Meer, und
die Ordnung der Fahrzeuge übersehn. Täglich ahnte man eine große
Begebenheit, doch blieb wider Vermuthen lange alles ruhig, und kein
fremdes Seegel ließ sich in den egyptischen Gewässern sehn.
Aber am bedeutungsvollen 23ten Juli bemerkte man eine englische
Fregatte, welche die Stellung der Flotte untersuchte, und dann wieder
verschwand.
Nun konnte man desto sicherer auf einen nahen Besuch des Admiral Nelson
zählen, denn jene Fregatte hatte ohne Zweifel den Gebieter aufgesucht,
und den Zustand der Dinge vor Alexandrien gemeldet.
Zweites Kapitel.
Die Seeschlacht.
Am ersten August, Nachmittags, erblickte man den furchtbaren Wald
besegelter Masten. Näher und immer näher trieb ein günstiger Wind die
schwimmenden Kasteele. Es war vorauszusehen, daß eine Schlacht beginnen
werde, und der Admiral Bruyes hielt seine Flotte in tapferer
Bereitschaft.
Nirgend wirkt der Gott der Heerscharen so unwiderstehlich mit ein, wie
bei den Kämpfen auf Poseidons Flur, da so viel Erfolge an dem Luftstrom
hangen. Auf dem Lande, wählt sich der Feldherr lange vor dem
Zusammentreffen der Streitenden, die Schlachtgegend. Klugheit kann die
natürlichen Hindernisse vermeiden, und nur ihre Säumniß, läßt ihn eine
Stellung eingehn, wo Gebirge, Flüsse oder Moräste ihm nachtheilig
werden. Ein anderes auf der See.
Admiral Bruyes hätte von einem plötzlich eintretenden Südwinde ein
unzuberechnendes Heil erfahren, er hätte den englischen Angriff gelähmt,
und ihn dagegen in Stand gesetzt, mit vollkräftiger Bewegung vorwärts zu
dringen. So mußte er sich gefährlich leidend verhalten, und der kühne
Nelson konnte jedes beliebige Manöver vollziehn.
Wer will die despotische Gewalt der Zufälle ableugnen? Welche Gesetze
befolgt der Wind? Wie viel hing hier an einer Drehung des Wimpels? Ja,
langte nur ein Courier richtig an, so fanden die Britten diese Flotte
nicht mehr im Meere. Sie lag in der Sicherheit des Hafens, und
Landbatterien wehrten jede Annäherung zu diesem ab.
Die Engländer umsegelten die französische Flotte, und die Schlacht, die
mörderische, begann.
Von allen Decken her spien die Feuerkrater ihre vernichtenden Bälle.
Nichts blieben die Neufranken schuldig. Die Gestade Egyptens, die Mauern
von Alexandrien und Abukir dröhnten wie vom Erdbeben bewegt, die nur
leiswogende See empörte sich, wie im wilden Orkan, Gebirge von Dampf
verhüllten die Atmosphäre.
Kecke Verwegenheit lenkte die Steuer, auf Nähen, wo fast kein Schuß
fehlen konnte, rückten die Gallionen an einander heran. Der Konstabler
keuchte bei der immer fortgesetzten Mordarbeit, nur die rothe Glut der
Stücke konnte sie auf Minuten einstellen. Der Matros hing im Tauwerk,
von Kugeln umsaust, und mußte auf der leichten Chaluppe ins Meer, von
außen seinem Schiffe Hülfe zu leisten. Der Flintenschütz feuerte über
den Bord, und harrte wuthschäumend des Befehls zum Entern. Ermuthigend,
der Signale gewärtig, aufmerksam, jedem schlimmen Ereigniß kräftig zu
begegnen, standen die Offiziere an ihren Posten, Hüte und Kleider
durchlöchert, nicht achtend leichter Wunden, im Sterben noch gebietend,
mit starrer eiserner Kälte die Britten, in heißer Glut enthusiastischer
Tapferkeit, die Söhne Frankreichs.
Hier krachte ein getroffner Mast aufs hohe Verdeck nieder, und
zerschellte das menschliche Gebein, dort drangen Kugeln durch die
Bohlenmauern der Meerfesten, und das nachstürzende Wasser überschwemmte
ihren Raum. Kein Schrecken lähmte den Seekrieger. Taue wurden gekappt,
die Trümmer hinüber geschleudert, neue Seegel an den übrigen Masten
emporgezogen, und das Fahrzeug wieder mächtig regiert. Pfropfen
verbanden, Wunden gleich, den gefährlichen Leck, rüstig befreite die
strömende Pumpe den überfüllten Bauch von den drohenden Fluten.
Hier schlug eine Kartätschenlage in das Linnen und gleich Vögeln im
Strauchwerk, die des Jägers verstreutes Schrot traf, sturzten die
Arbeiter aus Mastkörben, und von Strickleitern. Dort eine neue Lage, und
Verwundete und Todte deckten den obern Boden. Kein Entsetzen hemmte der
vorgezählten Ordnung Lauf. Auf den Wink flogen andere Söhne des Neptun
wieder zur Höhe, Aerzte harrten mit eiliger Hülfe der Verwundeten; was
kein Leben mehr hatte, wanderte ins feuchte Grab.
Hier warf eine Chaluppe, von einem mächtigen Steuer oder fallenden Baum
berührt, um, und sendete ihre Lenker in den Meeresgrund, dort fiel ein
wichtiger Befehlshaber, ein jähling Opfer der Schlacht. Keine Verwirrung
im regen Gang des erhabnen Verderbens. Andere Boote senkten sich in die
Wellen, der Hintermann sprang an des Entseelten Platz, und weiter
kämpften die ungeheuren Kräfte.
Alles nur geringe Vorboten riesenhaft gräßlicherer Szenen. Bald eilten
hie und da Fregatten und Hundertstücker, Brust an Brust zusammen, und
ketteten durch Hacken und Taue die Borde aneinander. Mit Furienungestüm
sprang die wilde, sich durch Schlachtruf begeisternde Mannschaft hinüber
auf die feindlichen Bretter, und die enge fluchtgehemmte Metzelei
wüthete ein. Es galt jede Waffe, doch gebrach in kurzer Zeit selbst dem
Flintenkolben und dem Säbel Spielraum. Geballte Fäuste boxten mörderisch
auf den Gegner, nervigte Arme umrankten ihn, strebten ihn ins Meer zu
schleudern, ihn in des Schiffraums Balken hinab zu stürzen. In Kajüten
und Magazinen dauerte das Gewürge, bis den Offizieren der Obermacht
gelang, einer kleinen übrigen Zahl, noch Leben von den ergrimmten
Würgern zu erflehen.
Linienschiffe hatte der Kugeln zu dichter Haufe durchwühlt. Zu Ende ging
die Hülfe der Kunst, die Geistesgegenwart fand keine Rettungsmittel
mehr. Durch Hundert Risse drängten sich die Wogen, gleich Wasserfällen
stürzten sie in die Tiefe hinab. Umsonst der Versuch, noch zu stopfen.
Die erschöpfendste Anstrengung der Pumpen verrieth ihre Ohnmacht, da in
schauderhafter Langsamkeit das Gebäude sich hinabsenkte. Immer höher kam
der Seerand, immer schmäler ward der Bord, eine Kanonenreihe nach der
andern verbarg sich dem Auge. -- Was vermag noch der Mensch? Die
Chaluppen sind ausgesetzt, weggedrängt, verloren! Wären sie auch da, wie
mögten sie die Hunderte auffassen, die die Hände jammernd ausstrecken?
Die andern Schiffe sind in Arbeit. Rauch deckt den Zwischenraum. Auch zu
spät, wenn sie schon Hülfewinkend nahten, denn der Schwere Gesetz eilt
zur Vollziehung! Schon bis zum Rand ist die See gestiegen! Der Befehl
hört auf, bereitet euch zum Tode, hallt des Gebieters letztes Wort.
Stiere bleiche verzerrte Gesichter wenden den gräßlich trockenen Blick
gen Himmel, sie verlängern ihre Gestalt, wie sie schon die Nasse fühlen;
noch ein Gedanke an die Lieben daheim, eine Frage an den Tod -- die
Arche ist verschwunden, ihre meisten Bewohner, hie und da noch ein Kampf
der Schwimmkundigen, von denen es nur Einzelnen gelingt, ein ander
Fahrzeug zu erreichen.
Dort hat die Flamme die betheerten Planken, die trockenen Stangen, das
dürre Werg ergriffen. Sie trotzt dem Verein zur Tilgung, bricht aus
dieser, aus jener Kammer, und lodert durch die Region der Seegel empor.
Schon fallen Erstickte nieder, der rauchende Gestank hemmt den Athem.
Noch hoffen die gern Lebenden, Todesangst verdoppelt die Kraft. Es
gelingt an einem, an dem andern Ende, die brennenden Balken
loszubrechen, fortzuwälzen, zu löschen die höllische Glut. Nur nicht zum
Pulvervorrath! heißt aller Gedanke. Aber zu den Kanonen dringt die
Flamme an vielen Orten heran, auch dort liegt die Schwarzische Mischung
Pulver, die Stücke lösen sich von selbst, ihre Kisten fahren gleich
entzündeten Minen auseinander, verletzen, zerbrechen, stecken in Brand.
Die Verheerung spottet endlich jeder Ermannung. Vorn, hinten, auf der
Seite, überall Flammentod, die Kleider brennen schon, lieber
untergegangen in dem feuchten Element, die meisten stürzen sich
verzweifelt hinab, während in Pracht des Orkus, den bretternen Pallast
Gluten auflösen.
Nach halb sieben Uhr hatte die Schlacht begonnen, schon währte sie
anderthalb Stunden, aber trotz der so vortheilhaften Stellung der
Engländer, und der nachtheiligen ihrer Feinde, war noch nichts
entschieden. Doch um acht Uhr wurde der französische Admiral verwundet,
und die Signale erfolgten unregelmäßiger. Noch eine Stunde des
erbitterten Kampfes, und die Waage neigte sich wenig. Aber um neun Uhr
ward Bruyes durch eine Kanonenkugel zerrissen, und die Unordnung im
Commando begann, während dessen Nelson unverletzt blieb, und das große
Werk fortregieren konnte. Hätte die Parze ihm das Loos geworfen, würde
vielleicht der Ausgang ganz verändert gewesen sein. Um halb zehn Uhr
genossen die Engländer den Triumph, das Admiralschiff der Franzosen in
Brand gerathen, und eine Viertelstunde darauf es in die Luft fliegen zu
sehn.
Dies feurige Schauspiel, das Lärmen und Prasseln in der Höhe, das
Herabfallen vieler umhergeschleuderten Gegenstände, machten, daß des
Streites Hitze eine Viertelstunde lang nachließ; dann erneute sich aber
das rasende Getümmel bis zur Morgenröthe hin, und von dem Augenblicke
an, wo Bruyes gefallen war, lächelte die Siegesgöttin der brittannischen
Flagge. Neun ihrer Schiffe waren entmastet, mehrere hart beschädigt,
aber die meisten französischen genommen, oder zerstört.
Beider Nationen Tapferkeit war sich gleich gewesen, Nelson hatte mehr
Erfahrungsgeschicklichkeit gezeigt, wie Bruyes, aber überall hatte jenen
das zufällige Glück auch wie einen erwählten Liebling umarmt. Ihm
gebührt der Nachwelt Ruhm, doch dürfen jene Umstände nicht dabei
verschwiegen werden, eben so wenig wie die so hartnäckige kräftige
muthige Gegenwehr der Franzosen, fast zwölf Stunden lang.
Wer kann sich wohl der ernsthaftesten Bemerkungen bei dieser Schlacht
enthalten?
Sie war viel mörderischer wie die von Actium, wo Cleopatra gleich davon
segelte, und Antonius bald der Geliebten folgte. Jene entschied die
Herrschaft der Welt unter Individuen sehr schnell, aber eine
Geschichtsübersicht nach hundert Jahren wird vielleicht erst entscheiden
können, ob die Schlacht bei Abukir nicht noch wichtigeren Ausschlag im
Allgemeinen gab.
Nimmt man an, des Feldherrn Eilboten hätten den Seeherrn glücklich
erreicht, und Bruyes die Flotte in den Hafen von Alexandrien geborgen,
so gewann die egyptische Expedition ein anderes Ansehn. Die Franzosen
blieben wenigstens stärker an Mannschaft und wie auch die Britten sich
vor den Hafen stationirten, so konnten sie doch schwerlich durchaus
hinderlich sein, daß nicht von den zahlreichen Schiffen der
französischen Flotte hin und wieder bei guter Gelegenheit des Windes
einige nach Frankreich ausgelaufen wären, und neue Hülfe an Truppen und
Kampfmitteln zu den Ufern des Nils geschafft hätten. Das wäre um so eher
der Fall gewesen, wenn Bruyes die Flotte vorerst nach Corfu oder Malta
geführt hätte.
Wäre aber der Strom des Windes bei jener Schlacht den Franzosen
freundlich gewesen, hätte die tödliche Kugel statt Bruyes Nelson
erreicht, so liegt die Vermuthung nicht weit, daß jene den Lorbeer des
Kampfes würden davon getragen haben. Dann spielten sie die Meisterrollen
in den mittelländischen Gewässern, das egyptische Heer konnte leicht
verdoppelt werden, Gizzar Pascha, späterhin so nachdrücklich von Sidney
Smith unterstützt, wurde leicht überwunden, und die Hindernisse, welche
man im Orient vorfand, verringerten sich. Die Pforte war gezwungen,
einen Bund mit Frankreich einzugehen, Egypten, das reiche Land, eine
Kolonie der neuen Republik, über welche sie ihr Domingo immerhin
vergessen konnte.
Allein der große Mann, der die hochromantische, weitberechnete, im
Charakter antiker Heldenzüge entworfene Unternehmung nach Egypten
leitete, würde gehörig verstärkt, vielleicht die Angelegenheiten in
Paris mit einiger Gleichgültigkeit behandelt haben, wenn sein Blick
schon mehr wie einen Welttheil umfaßt. Er hätte Europens Kultur nach
Afrika verpflanzt, die Zeiten der Ptolemäer in großen Unternehmungen
wieder zurückgerufen, den Kanal von Suez hergestellt und den alten
Handel durchs rothe Meer geleitet, den stolzen Britten in Bengalen
angegriffen, ein Alexander am Ganges.
England hätte nur einen schwächeren Einfluß auf die europäischen
Kabinette üben können, die Kriege wider Frankreich würden eingestellt
worden seyn. Das in Gefahr schwache Direktorium hätte in unbedrängten
Zeiten noch lange an der Geschäfte Spitze weilen können.
Doch die _verlorene_ Schlacht von Abukir rief endlich den Helden zurück.
Er ging nach Europa und ward Cäsar. Im Erdtheil der Kultur sollte er
zuvor den Herrscherstab erheben, denn konnte er ihn mächtiger einst über
die Meere tragen. Also ließ sein cäsarisch Glück die Armade von Egypten
untergehn.
Ist es recht, in einem Roman von dem Helden zu reden? Wer kann aber von
_ihm_ schweigen, der die Bewunderung der Welt durch immer erneute
Großthaten auf sich lenkt?
Drittes Kapitel.
Einlenken von der Abschweifung.
Die Franzosen, welche von den Häuserzinnen ihrer Brüder tragisches Loos
beobachtet hatten, geriethen in tiefe Trauer, und fürchteten grauenvoll
für das eigne Schicksal. Getrennt, abgeschnitten vom Vaterlande, wenige
Hoffnung, neue Verbindungsmittel bald wieder erscheinen zu sehen, und in
einem Lande eingeengt, wo man der Feinde viel, und der Anhänger wenige
zählte, konnten ihre Aussichten wohl nicht beruhigend sein. Dazu ließ
sich fürchten, daß die Engländer nunmehr auch landen und einen Angriff
auf Alexandrien machen würden, während des Heeres größter Theil tiefer
eingedrungen war, um die Mammelukken zu bekämpfen; mindestens konnten
sie in den Hafen dringen und die dort noch liegenden Transportfahrzeuge,
von großer Wichtigkeit für den Augenblick, zerstören.
Aber der heroische Geist offenbart sich am edelsten, in den
feindlichsten Anfällen der Gefahr. Wenn ihn Verzweiflung umgiebt, tritt
er mit neuer Thatkraft hervor, und erbaut den Rettungstempel aus Ruinen.
Der muthige Kleber ließ plötzlich am Gestade Batterien emporsteigen.
Ueberall kreuzte sich ihr Feuer. Der Eingang in den Hafen ward
unzugänglich, kein Landungspunkt blieb unbewacht von der zeitigen
Vorkehrung, worin der denkende Held furchtsam, aber der unverständige
Praler sorglos ist.
Der hohe Feldherr, nachdem er erfuhr, was vorgegangen war, rief aus:
Wohlan, so sind wir denn zu desto größeren Thaten gezwungen!
Es giebt eine Menge Gründe, womit sich der Mensch über die
hereingebrochenen Unglücksfälle zu trösten sucht. Aber mag sie
Philosophie oder Religion liefern, Leichtsinn thut dennoch mehr. Dieser
glückliche Gemüthszug ward dem Franzosen vor allen Erdensöhnen, darum
ist er auch mehr wie alle geeignet, das Widerwärtige zu bestehn. --
Nach einiger Zeit brach eine Truppenabtheilung nach Cairo auf, mit der
Ring und Flore zogen. Sie bedienten sich der Esel, Postkutschen kennt
man in Egypten noch nicht, wo man in vielen Bequemlichkeiten des Lebens
nur wenige Schritte vorrückte. Bei dem allen brachte es der Europäer im
angenehm Reisen eben auch noch nicht weit. Nur in Frankreich und England
giebt es erträgliche Wege, Rußland und Schweden haben mindestens
Anstalten, schnell fortzukommen. Doch in späteren Jahrhunderten wird man
kleine Häuschen auf Räder stellen, deren Zimmer nach Art der
holländischen Gondeln eingerichtet sind, und worin man sitzen und gehn,
schlafen und lesen, schreiben und Clavier spielen kann. Oefen für den
Winter, und chemische Küchen dürfen nicht fehlen. Ein lebhaftes
Vergnügen wohnt schon in der Vorstellung einer solchen Reise, von
einigen hundert Meilen; nichts wird sie übertreffen, als die noch später
angelegte Luftpost, die auch das leiseste Stuckern vermeidet.
Es ging durch die Wüste. Die Natur hat die Laune gehabt, in Egypten
viele Landstriche mit einer hundertfältigen Fruchtbarkeit auszustatten,
dagegen öde, ewig unwirthliche, brennende Sandmeere zwischen die kleinen
Elysäen hingeschlängelt. Es scheint, sie fürchtet aus ihrem Charakter zu
fallen, wenn sie des Guten zu viel thut, denn die Weltregel will des
Schlechten überall daneben. Ein ganz neuer, sonderbar ergreifender
Anblick, solche Wüste, dies berichten alle, welche sie sahen. So weit
das Auge reicht, eine starre weiße Fläche ohne anmuthigen Wechsel der
Gegenstände, ohne erquickende Vegetation, ohne Zeugen des Lebens. Tief
ist der heiße Sand, und qualvoll zu durchschreiten. Stürme, dort
besonders die südlichen, wirbeln oft ungeheure Staubsäulen empor, die
sich, dicken Nebeln gleich, über die geängsteten Pilger breiten. Dann
unterscheidet man kaum das Nächste, gleich dem Schnee des Nordens hängt
der Sand an den Kleidern, dringt aber weit feiner noch durch. Man athmet
Sand, genießt Sand mit den Speisen, muß unaufhörlich die Augen davon
reinigen. In einigen seltenen Fällen soll er sogar Caravanen begraben
haben. Peinigt nun grimmiger Durst die Pilger, und sind die auf Kameelen
fortgeführten Vorräthe erschöpft, so werden sie oft grausam getäuscht,
da der Wüste ferner Horizont, mittelst salpetriger Ausdünstungen das
vollkommene Bild eines klaren Sees darstellt. Hoffnungsvoll eilen nun
die Lechzenden weiter, träumen das süße Labsal der Erfrischung, wie sie
dort schöpfen, trinken, die Schläuche wieder füllen, die Glieder im
stärkenden Bade erfreuen wollen. Doch sie reisen, und reisen, und
erreichen des Sees Ufer nicht. Immer in dem alten Abstand glänzen sie
vor ihren Augen. Sie sind schon lange in dem vermeinten Gewässer, da
Nähe die Täuschung vernichtet, und sehen es doch immer wieder vor sich,
bis sie endlich die Gränze der Wüste erreicht haben, und ein wirklicher
Quell, zwischen blumigen Auen ihnen rieselt.
Ring und Flore unterhielten sich viel über ihre Zukunft und die
Schicksale, welche sie erwarten dürften. Jener freute sich auf alle die
hohen Seltenheiten, die es weiterhin zu sehen gäbe, sprach mit
Begeisterung von den alten Königsgräbern, von Thebens Ruinen, die er in
Kupfer gesehen, von denen er im Strabo und Herodot gelesen hatte; diese
fürchtete die Wuth der Mammelukken, und bezeugte, wie Lessings Just,
kein Verlangen, sich von einem Säbel den Kopf spalten zu lassen, wäre er
auch mit Diamanten besetzt. Jener meinte, es würde ihm willkommen sein,
lebenslang in dem warmen Klima zu wohnen, diese wünschte nur Gelderwerb
im Handel, um einst in Frankreich im Wohlstande zu frieren.
Sie gelangten nach einer vierzigstündigen Reise zu jenen zauberischen
Gefilden bei Raschid, im Contrast gegen die durchwanderte Oede, um so
reicher an entzückender Anmuth. Die Reisfluren wogten üppig, die Reihne
dufteten von Blumen, Jasminen rankten sich am Wege hin, die Häuser der
Dörfer waren durch Akazien, Datteln und Sykomoren verdeckt, nur die
Tempelartigen Moscheen ragten aus dem frischen Grün empor. Die Gärten
prangten mit Orangen- Feigen- und Granatbäumen. Fette Heerden weideten
im hohen Gras und auf dem majestätischen Nyl wimmelte es von bunten
Fahrzeugen. Ueberall rege Geschäftigkeit.
In Raschid ergötzte Floren ein egyptischer Postmeister höchlich. Der
Mann hatte einige kleine Briefe zur Bestellung nach mehreren Orten
empfangen, und nun stieg er auf seinen Taubenboden, hing verschiedenen
der geflügelten Boten die Papierchen um den Hals, und ließ sie durch die
Luft ihre Straße ziehn. Es langten auch einige andere an, die
Billetdoux, oder was es sein mogte, überbrachten. Warum sucht man das
nicht auch in Europa nachzuahmen? Die Geschwindigkeit der Beförderung
ist doch angenehm.
Jetzt schifften sich die Reisenden auf dem Nil ein, und fuhren mit einem
günstigen Winde gegen den eben nicht reissenden Strom. Flore hatte viel
von den Krokodilen im Nil gehört, und wagte daher keinen Finger ins
Wasser zu stecken, aus Furcht, eine dieser Rieseneidechsen mögte Appetit
darnach verspüren. Man beruhigte sie aber durch den Bericht, daß seit
dem Gebrauch des Feuergewehrs die Krokodile sich immer höher hinauf nach
Oberegypten zurückgezogen hätten, wie sich überhaupt die gefährlichen
Thiere des Landes immer mehr verminderten.
Ein befremdendes Schauspiel zog aller Augen auf sich. Viele Wasservögel
schwammen ruhig auf der Fläche dahin. Nicht weit von ihnen wurde man
aber mehrere große Kürbisse gewahr, die in den Strom geworfen zu sein
schienen. Mancher Vogel nahte unbesorgt der Frucht. Eh man sichs aber
versah war er gepackt. In den Kürbissen steckten nemlich Menschenköpfe,
die Tauchern gehörten, welche sich dieses listigen Mittels bedienten,
die Thiere unter dem Wasser an den Beinen zu erhaschen.
Schöne Landschaft im morgenländischen Charakter zu beiden Seiten der
Ufer. Angebaute Terrassen, Kanäle zum Bewässern gegraben, viel Spuren
des Fleisses aus dem hohen Alterthum, und merkwürdige Ruinen. Ueberall
hing das Auge des Reisenden an ihm neuen Gegenständen.
Doch die Menschen waren zurückstossend. Schmutzige sonnenverbrannte
Bauern, arabischer Herkunft, schwärzliche Kopten mit mißgestalteten
Gesichtern und struppig krausem Haar. Der Stolz des Europäers regt sich
auf, je weiter er gegen Süden reist, weil sich ihm die Bemerkung
immerhin lebendiger wieder aufdrängt: nur im Norden habe die Natur
menschliche Schönheit erzogen. Das erkennt auch der reiche Afrikaner an,
und läßt Mädchen in Georgien und Cirkassien kaufen. Bei dem allen ist
dem wahren Neger, eine Schönheit eigner Art nicht streitig zu machen;
und in den indischen Kolonien (auch wohl zu London und Paris) zeigt der
Weissen Lüsternheit ebenfalls eine Vorliebe gegen eine Haut, welche
Poesie mit dem Ebenholz gleichen kann; doch was zwischen den Extremen
liegt, kann nur dem rohen eingebornen Sinn gefallen.
Unter der Fortsetzung dieser Fahrt entdeckte man die Pyramiden von
Gizah, wiewohl in einer Entfernung mehrerer Meilen. Bergen gleich ragten
die Steinmassen empor. Die Sehnsucht, sie in der Nähe zu betrachten,
konnte aber noch keine Befriedigung finden.
Endlich erreichte man Cairo, die größte der Städte in Afrika, es sei
denn, daß dieses Welttheils noch unbekannte Mitte Oerter von weiterem
Umfange birgt.
Viertes Kapitel.
Cairo.
Zu Bulak stieg man aus. Es ist eine an den Stromhafen gebaute Vorstadt.
Schöner, könnte sie vielleicht mit den Umgebungen des alten Pyräus bei
Athen verglichen werden, doch in der vorhandenen Häßlichkeit gebührt ihr
eine solche Ehre nicht. Dagegen mögte das Gewühl vom Pyräus nach der
Hauptstadt Griechenlands, wenn schon anständiger, doch nicht so bunt und
mannigfach gewesen sein, wie das, was man auf dem Wege von Bulak nach
Cairo antrifft, am meisten in der Art, wie unsere Reisenden es sahen.
Erst im Hafen ein Wald von Masten, schon lange zuvor erblickt, und von
den Domen und Minarets des afrikanischen Paris überragt. Dann die
zerstreuten Hütten, zwischen den Werften, Plätze mit Schiffbauholz,
Waarenvorräthe und auf nebenliegenden Ebenen die bunten Gezelte der
Araber. Handelsthätigkeit überall. Auf den Häusern dichte Schwärme
Tauben, das am meisten geschätzte, und am zahlreichsten gehaltene
Hausthier, die unaufhörlich ab und zuflattern, am Boden eben solche
Haufen von Gabelgeiern und Krähen, die bald sich auf, bald
niederschwingen, bei der wenigen Verfolgung die ihnen widerfährt, höchst
dreist sind, und die Luft mit ihrem Geschrei füllen. Ebenfalls Tausende
von Hunden, die in allen großen Städten des Orients, wie man zu reden
pflegt, auf ihre eigene Hand leben, und von den, gegen Thiere
sanftmüthigen Muselmännern, keine Störung fürchten dürfen. Nun ein
unabläßiges Wogen zur Stadt und von der Stadt her, ein Drängen, Stossen,
Zanken, Waaren schleppen, Kameeltreiben, Eselführen, Reiten auf
stattlichen Barbarhengsten, Platzmachen durch stolze Diener der Polizei,
mit langen Stöcken -- die Menschenmenge, zusammengesetzt aus Türken,
Kopten, Griechen, Syrern, Arabern, Negern, Juden, und Europäern, die
unter den gegenwärtigen Umständen in ihrer Tracht erscheinen konnten,
und das Schauspiel noch bunter ausschmückten. Und nun unter all dem
Gewimmel hier einen französischen Grenadierkapitän, dort eine reitende
Jägerpatroll, hier eine vorbeiziehende Infanteriewache, den wirbelnden
Tambour an der Spitze, dort einen Ingenieur, der die Straßen aufnimmt,
ein anderer der den Strom nivellirt, wieder ein Gelehrter, der die
Inschrift eines alten Steines prüft, ein zweiter, der den Fang der
Nilfischer naturhistorisch untersucht, ein dritter, der mit einer
egiptischen Bajadere (die so zahlreich vorhanden sind, wie zu Wien auf
dem Graben oder zu Hamburg auf dem Jungfernsteig die europäischen)
scherzt -- und jedermann muß bekennen, daß das Bild davon schon sehr
anziehend ist, und daß ein ähnlicher Anblick durch ganz Europa vergebens
gesucht wird. Weite Reisen müssen aber auch entschädigen, wer würde sich
sonst zu ihren Beschwerlichkeiten verstehn wollen.
Wo möglich fand man dies Gewühl in den Hauptstraßen von Cairo noch
vermehrt, wiewohl andere Gegenden der Stadt öde und menschenleer
erschienen. Sie hatte überhaupt durch die Ankunft der Franzosen manches
an ihrem eigenthümlichen Glanz und ihrer Menschenzahl eingebüßt. Jener
bestand in der üppigen Pracht der Beis und ihrer hohen Beamten, diese in
den Mammelukken, welche sich im Gefolge ihrer Herren entfernten, und
wider die Europäer in den Streit zogen.
Jetzt wurde Cairo nach allen Richtungen durcheilt, um die
Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. Die Freiheit, mit welcher das
jetzt geschehen konnte, war seit Jahrhunderten keinem Franken geworden.
Denn vor Ankunft des europäischen Heeres waren sie großen Beschränkungen
und quälenden Demüthigungen blosgestellt. Sie mußten morgenländische
Kleidungen tragen, doch mit einem Abzeichen, welches in den Augen des
Pöbels Verächtlichkeit hatte. Jedem Mammelukken, Priester oder Beamten,
waren sie schuldig, eine tiefe Ehrenbezeugung zu machen, indem sie von
den Eseln stiegen, sich neigten, und die Hand auf die Brust legten.
Selten würdigte man diese Höflichkeit eines Dankes. Wurde sie vergessen,
so brachten sie unsanfte Stockschläge der begleitenden Diener in
Erinnrung, wobei gar nicht die Frage war: ob der Europäer vom ältesten
Adel stammte, oder nicht? In entferntern Quartieren lief man leicht
Gefahr, ermordet oder geplündert zu werden. Durch willkührliche Abgaben,
Avanien genannt, mußten Sicherheit und Befugniß zum Handel von den oft
wechselnden Herrschern, immer wieder aufs Neue erkauft werden. Man mögte
glauben, unter solchen Umständen hätte jeder Europäer einen so
gehässigen Aufenthalt geflohn, allein was thut die Liebe zum Gewinn
nicht? Man konnte in einem Jahre oder in noch kürzerer Zeit dort reich
werden. Man durfte nur Marseiller Tücher und Turbane, schweizerische
Uhren, englische Eisenwaaren und dergleichen dahin bringen, nun für den
gelöseten Preis Moccakaffee einhandeln, und das Glück haben, daß das
Schiff, worauf sich die Ladung befand, seinen Hafen erreichte. Und welch
einen freundlichen Wink giebt der Reichthum nicht? Man frage die
allerehrenvollsten armen Männer, ob sie sich, wenn sie reich zu werden
hoffen dürfen nicht der Gefahr einiger türkischen Stockschläge
preisgeben wollen, und sie werden sogleich zu erwägen anfangen, daß in
dem morgenländischen Stock die Beschimpfung nicht liegt, die der
mystische europäische in sich enthält.
Ring, der Berlin, Manheim, Carlsruhe gesehen hatte, fand die Gassen in
Cairo unleidlich, in ihrer engen finsteren Krümme, und verwünschte
besonders die quer über, von Haus zu Haus gelegten Bretter, die vollends
jeden architektonischen Prospekt hemmten. Flore aber war seiner Meinung
nicht. Sie behauptete, der allgemeine Baldachin sei da vortrefflich, wo
eine unmäßige Sonnenhitze dadurch abgehalten wird, und eine herrliche
Facade bratend anzuschaun, mache ihr nicht das mindeste Vergnügen. Wie
billig verwies er ihren geringen ästhetischen Sinn.
Diese Ueberdachung der Straßen findet sich auch in Tripolis, Algier u.
s. w. und man muß doch eingestehn, daß, wie sehr die Bewohner dieser
Städte uns in Erfindung anderer Bequemlichkeiten nachstehn, sie hier
doch auf eine fielen, die wieder manche der unsrigen überwiegt. In
Europa, besonders in seiner nordischen Hälfte drückt zwar die Hitze nur
während einer kurzen Zeit, aber wären solche Hülfsmittel gegen unsere
häufigen Regen, gegen unsern Schnee nicht willkommen? Einen hohen Grad
von Vollkommenheit würden sie erreichen, wenn sie, (bei nicht zu breiten
und mit Häusern von gleicher Höhe besetzten Straßen) Zugbrücken gleich,
von den Dächern gegen einander herabgelassen werden könnten, unter der
Neigung eines erhöhten Winkels, und mit Röhren zum Abzuge des Wassers
versehn. Dichtigkeit und Zusammenpassen aller wäre eine unerlässige
Bedingung. So könnten sie wider Sonnenhitze und nasse Witterung
wohlthätig seyn, und bei sonst angenehmer Luft aufgezogen werden. Einige
Fenster müßten die zu große Dunkelheit mindern. Sollten die Plätze auch
den Nutzen theilen, so könnte es freilich nicht anders geschehn, als
mittelst gewaltiger Schirme an hohen Masten. Eine ausschweifende
Einbildungskraft hat sich sogar für Zeiten des größeren
Unternehmungsgeistes die Möglichkeit eines Regen- und Wärmeschirms
gedacht, der ganz Paris decken und nach Belieben entfaltet und zugefügt
werden könnte; auch die Höhe des Thurms berechnet, woran er zu
befestigen wäre, die Natur der Mittelstäbe erträumt (durch Hängewerke
aneinander befestigt, durch Taue von der Thurmspitze aus getragen, von
Mastbäumen gefertigt) und des Zeuges, (einem Gewebe von Strängen nach
Bedürfniß mit Harz getränkt).
Doch Scherz bei Seite! So viel wir uns auf den Vorsprung in
Wissenschaften und Künsten zu Gute thun, so giebts doch in Europa keine
Stadt, der nur eine mäßige Bewunderung zu schenken ist, wenn man
zugleich an das, zu erhabenen Conceptionen so aufgelegte und im
Ausführen so beharrliche Alterthum zurückdenkt. Kleinlichen Flitterstaat
zeigen unsere Hauptstädte gegen die Pracht von Theben, Memphis, Palmyra,
Babilon, oder des _römischen_ Roms. Stände Semiramis wieder auf, sie
würde die Peterskirche im _päbstlichen_ Rom allenfalls noch werth
halten, wie ein kleiner Lustpavillon in einem ihrer Gärten zu stehn,
viel weiter würde sich ihre Achtung nicht erstrecken. Wem fällt es denn
wohl ein, einen Thurm aufzurichten, wie der Tempel des Bel in Babilon,
einer war. Wer will Gärten in der Höhe schweben lassen, wer Schiffe
zwischen den Schenkeln einer Bildsäule durchführen wem sind Strecken von
zwanzig Meilen, durch Berge, die es zu trennen gilt, nicht zu weit, um
nur besseres Wasser daherzuleiten?
Wir erschrecken vor den Gedanken, Hunderttausende von Arbeitern bei
einem Bau anzustellen[1], wüßten nicht die Menschen, die Summen
aufzutreiben. Dagegen erschlugen wir seit mehreren Jahrhunderten, oft um
die albernsten Zwecke Hunderttausende in Kriegen, und manches Volk hob
dieserhalb schon der Kindeskinder Einkünfte, wälzte den noch späteren
Enkeln Schulden auf. Erst wenn die irreligiösen unnützen Fehden werden
geendet haben, wenn die Christenheit einen Staat bildet, und eine
Völkerjustiz der Völker Zwiste entscheidet, wird die Zeit nahen, wo auch
die gegenwärtige Menschheit der folgenden in wahrhaft hohen Denkmälern
sich verkündigen kann.
[Fußnote 1: Da Salomo seinen Tempel bauen wollte, sandte er
Achtzigtausend Zimmerer nach dem Libanon, Zedern zu bereiten, und
Siebenzigtausend Steinhauer aus, (1. B. der Könige Kap. 5. V. 15-18) was
freilich um so unglaublicher klingt, als hernach (1. B. der Könige Kap.
6) gemeldet wird, der Tempel sey nur sechzig Ellen lang, zwanzig breit,
und dreißig hoch gewesen.]
In Einzelheiten legten wir allerdings vor den Ahnen große Strecken Weges
zurück. Jene Memphis, jene Babilon entbehrten an ihren Marmortempeln und
Pallästen der Glasfenster. Metastasio, indem er den Garten von
Schönbrunn besang, wollte poetisch komplimentiren, und verglich ihn mit
dem des Alkynous. Das war aber eine ziemlich prosaische Herabsetzung,
denn bei aller prachtvollen Beschreibung des Homer[2], tauschte doch
kaum ein wohlhabender Pachter mit dem seinigen. Allein desto
wundervoller, wenn jetzt der Geist des Großen einmal große Kräfte zu
einem solchen Zweck vereinen wird. Man kann fragen: aber wozu das am
Ende? Darauf weiß ich keine Antwort. Denn wollt ich sagen: Damit der
Eindruck die Gemüther erhebe, so kann man das gewaltig zu Boden schlage,
da in einer Stadt, welche das neue Palmyra genannt wird, und für die
jetzigen Zeiten, doch schon ein Erhebliches an architektonischen
Prospekten Tempeln, Pallästen, zeigt, die Gemüther -- -- -- -- -- doch
Stille Stille!
[Fußnote 2:
Außer dem Hof erstreckt ein Garten sich, nahe der Pforte;
Einen Huf ins Geviert', und rings umläuft ihn die Mauer.
Dort sind ragende Bäume gepflanzt mit laubigen Wipfeln,
Voll der balsamischen Birne, der süßen Feig und Granate,
Auch gelbgrüner Oliven, und wohlgesprenkelter Aepfel.
Diese tragen beständig im Jahr, nie mangelnd des Obstes,
Nicht im Sommer, noch Winter, vom athmenden Weste gefächelt
Knospen sie hier und blühen, dort zeitigen schwellende Früchte.
Birn reift auf Birn, es röthen sich Aepfel auf Aepfel;
Traub auf Traube verdunkelt, und Feigen schrumpfen auf Feigen.
Dort auch prangt ein Gefilde von edlem Weine beschattet,
Einige Trauben umher auf der Ebene hingeleitet,
Dorren am Sonnenstrahl; und andere schneidet der Winzer.
Andere keltert man schon; hier stehn die Herlinge in Reihen;
Hier entblühn sie zuerst; hier bräunen sich leise die Beeren,
Reich an Gewächs, und stets von Blumen umduftet.
Auch sind dort zwo Quellen, die eine fließt durch den Garten,
Schlängelnd umher, und die andere ergießt sich unter des Hofes
Schwell' an dem hohen Pallast, woher sich schöpfen die Bürger.
Odyssee 2ter Gesang. V. 112--131.
nach Voß Uebersetzung.]
Fünftes Kapitel.
Fortsetzung.
Was werden die Kritiker des Morgenblattes sagen, die sublimen Männer,
welche nur eine mäßige Zahl von Alltagsköpfen in ihre Mitte treten
ließen, daß dies Buch bis hieher noch so wenig That, so viel Betrachtung
enthielt, daß die Kunst auszustellen, zu spannen, einzuleiten, mit so
weniger Sorge gepflegt wurde? Geduld! es wird der Handlung Fülle
erscheinen, ja der Verfasser wird es dahin bringen, daß man sich noch
über Quantität und Qualität der Handlung ereifern soll.
Unser Paar lebte nun eine gute Zeit wohlbehalten in Cairo. Ring hatte
seine Geschäfte beim Commissariat zu versehen, Flore, die immer wieder
Mannskleider trug, suchte hie und da einen erlaubten Gewinn zu erzielen.
Nach ihrer bekannten Aufgewecktheit, Gefügigkeit, nach ihrem schnellen
Auffassungsvermögen, lernte sie bald etwas von der Einwohner Sprache,
und verstand es auch, sich zu ihren sittlichen Ansichten zu bequemen.
Daneben hatte sie bald eine Kenntniß von Dingen, nach denen die
französischen Gelehrten begierig waren, als da sind aufgefundene alte
Münzen, Mumienfragmente und andere Seltenheiten. Oft schwatzte sie
dergleichen den Egyptern um ein Geringes ab, und veräußerte es gut.
Gegenstände der Lieferung, die ihr Mann aufzutreiben hatte, schaffte sie
so herbei, daß ein billiger und nicht unbeträchtlicher Vortheil daran
hing. So gedieh es den beiden Leuten, doch sey es zu Florens Ehre
gesagt, sie trieb es in allen Ehren.
Weltbekannt ist, wie viele treffliche Einrichtungen von den Franzosen in
Egipten gemacht wurden. Man untersagte den Sklavenhandel, stiftete
überall eine geordnete Polizei. Eine Versammlung der Scheiks aus
verschiedenen Provinzen wurde zu Cairo ausgeschrieben, wo man die
Verbesserungen der Gesetzpflege und Finanzverwaltung berathete. Den
bürgerlichen Gewerben und dem Ackerbau ward der nöthige Schutz, und die
Egypter hätten sich nur auf ihren wahren Vortheil verstehn müssen, um
sich auf immer von der rohen Mammelukkentirannei befreit zu sehn.
Allein sie begriffen diesen Vortheil nicht, und unterstützten die gute
Sache nur mit halben Willen. Englischer Einfluß, die Schritte, welche
die Pforte gethan hatte, und Sinn für die alten Gewohnheiten verkehrten
diese Gemüther, und während die französischen Waffen gegen alles, was in
den Provinzen noch Widerstand leistete, glücklich waren, zettelte sich
in der Hauptstadt ein gefährlicher Aufruhr an.
Sechstes Kapitel.
Aufruhr.
Ring hatte die Pyramiden von Gizah immer noch nicht in der Nähe gesehn.
Allein war keine Wallfahrt dahin zu unternehmen, da Räuber in der Gegend
umherschwärmten, die des Landes kundig, zu viele Schlupfwinkel fanden,
um den Truppen erreichbar zu seyn. Nur mit Bedeckung waren Offiziere und
Gelehrten dahin gegangen, Ring hatte aber dann immer der Zeit ermangelt.
Nun fand sich eine Gelegenheit, er konnte einige Tage abkommen, und
wollte nicht säumen, den Gipfel der Spitzsäulen zu erklimmen, und die
alten Pharaonskammern zu durchspähn.
Flore aber hatte keine Lust ihn zu begleiten, ohnehin war sie eben in
einer Handelsverrichtung begriffen, und blieb in Cairo zurück.
Grade nun begab sich aber jener bekannte fürchterliche Aufruhr vom 21.
Oktober, dessen Plan ziemlich von weitem angelegt zu seyn schien, da an
dem nämlichen Tage auch Bewegungen in Alexandrien, und selbst vor dem
Hafen dieser Stadt, sichtbar wurden. Wie einst in Warschau, war es
darauf angelegt, alle fremde Truppen zu morden, die Franzosen entgingen
aber durch größere Wachsamkeit dem Geschick der Russen.
Früh um acht Uhr sah man verschiedene Volkshaufen, deren Vorhaben nicht
zweideutig schien. Der General _Dupuis_, Befehlshaber zu Cairo begab
sich nach dem Platze _Berquetfil_, die Empörer durch gütige Mahnung zu
zerstreuen, wurde aber mit seinen wenigen Begleitern getödtet. Nun
griffen die Franzosen zu den Waffen, pflanzten Kanonen in den Straßen
auf, und brachten die Aufrührer bald dahin, daß sie sich in die Moscheen
retteten, und dort verschanzen mußten. Ihnen wurde auf die Bedingung
Gnade zugesagt, daß sie ihre Oberhäupter auslieferten. Bei ihrer
trotzigen Weigerung war ihre Strafe angemessen. Sie lernten die Macht
europäischer Kriegsführung kennen, und um so befestigter ward der
letzteren Gewalt.
Gleichwohl waren in den Häusern und einzeln auf den Gassen viele
Franzosen umgebracht worden. Einige Gefangenen schleppten fliehende
Araber mit aus der Stadt fort. Ein solches Schicksal erfuhr auch die
gute Flore. Neugier anfangs, und hernach der Vorsatz, bei einer
Truppenabtheilung Sicherheit zu suchen, hatten sie aus ihrer Wohnung
getrieben. Nun sprengten aber einige Reuter vorüber, von welchen der
Vorderste eine Lanze, wiewohl ohne Erfolg nach ihr warf, mehrere andere
Fehlschüsse mit Pistolen nach ihr thaten, der Hinterste sie aber um den
schlanken Leib ergriff, sie vor sich auf das Pferd hob, und so mit der
Beute davon eilte.
Wie die tödtlich Erschrockene flehte, es war umsonst; auch die Hoffnung,
Franzosen würden dem Zuge begegnen, und sie befreien, blieb eitel. Immer
im vollen Sprunge eilten die Reuter durch abgelegene Gegenden, und durch
Lücken der verfallnen Stadtmauer ins Freie.
Man kann sich den Zustand der Armen denken. Der Sitz auf dem Halse des
Gaules höchst unsanft, und am wenigsten freundlich, die Erwartung der
Dinge, die da kommen sollten.
Sie verstand so viel von der Sprache, um ihre wiederholten Bitten um
Freiheit vorzutragen, und auch die Reden der wilden Muselmänner deuten
zu können; auf jene wurde aber nicht gemerkt, und diese weissagten
nichts Gutes.
Eine Strecke von etwa dreitausend Schritten von den letzten Häusern der
Vorstadt hielten die Reuter an, und beratheten hinter Buschwerk, das sie
versteckte. Sie wollten Nachricht abwarten, ob der Versuch, die Franken
umzubringen, nicht etwa noch eine günstige Wendung genommen habe, in
diesem Fall waren sie entschlossen, wieder nach Cairo zurückzukehren.
Sonst hielten sie eine Flucht ins innere Land nöthig, um der Rache zu
entweichen.
Gleich fragten aber die Uebrigen den Ali (so hieß der Entführer Florens)
was er doch mit dem Franken beginnen wolle? Zwei oder drei alte Männer
wollten ihn niedergestoßen wissen, zuckten auch schon die Lanzen, einige
jüngere traten aber mit lüsternem Blick näher, wehrten ab, und
liebkoseten Floren.
Das letzte wollte Ali nicht dulden, und man gerieth in einen hitzigen
Streit. Da aber eben wieder zwei Araber daher sprengten, mit der
Verkündigung, alles sei für die Aufrührer verloren, und die Franken
Sieger, dachte man nur an eine weitere Flucht; die Arme wurde abermals
auf das Pferd geschwungen, und es ging im schnellsten Galopp
querfeldein.
Nur am späten Abend, wie die Thiere vor Ermüdung nicht weiter konnten,
wurde Halt gemacht, und der alte Streit erneuete sich augenblicklich,
und mit größerer Frechheit, da weniger Furcht die Unholde plagte. Flore
wurde dem Ali streitig gemacht, der ihren Besitz lebhaft vertheidigte,
die Alten schrien: was sie vorhätten, sey gegen den Koran, und bald fiel
man mit Säbeln und Dolchen übereinander her.
Während dieses Getümmels benutzte Flore einen günstigen Augenblick, und
sprang davon. Die Dunkelheit unterstützte ihr Beginnen, sie erreichte
ein Gebüsch voller felsigten Schlüfte, wo sie hoffen durfte, nicht so
leicht entdeckt zu werden. Zwar hörte sie bald, daß die Araber wieder
aufgesessen waren, und sie mit vielem Geschrei nach allen Richtungen
aufsuchten, allein in ihre Nähe kamen sie nicht, und bald vernahm sie
kein Geräusch mehr.
Tiefe Nacht brach herein, und schien die Furcht vor den Arabern
verschwunden, so kam bald eine andere über sie, die vor den Thieren der
Wildniß. Sie kroch also, so tief es immer möglich war, in eine Höhle,
und erwartete dort schlaflos den Morgen.
Die einzige Hoffnung, welche ihr aufging, war, vielleicht auf Franzosen
oder gutsinnige Griechen zu treffen, die sie wieder nach Cairo bringen
konnten, und dadurch einigermaßen beseelt, wagte sie sich aus ihrem
Schlupfwinkel hervor.
Siebentes Kapitel.
Eitle Wünsche.
Wie sie aus dem Dattelhölzchen trat, erblickte sie auf einer Seite
grauenvolle unabsehliche Wüste, auf der anderen zwar angebauet Land,
doch kein Dorf, noch weniger Menschen, an welche sie es hätte
unternehmen mögen, sich zu wenden. Indessen konnte sie nicht bleiben wo
sie war, schon überaus entkräftet, würde sie bald dem Hunger erlegen
haben. Sie schritt also in das angebaute Land, traf auch bald eine
Quelle, ihren Durst zu löschen, und fand Früchte mancher Art, um den
Hunger zu sättigen.
Bald sah sie die Moschee eines geringen Städtchens, und weiterhin
mehrere Dörfer. Unschlüssig, ob sie sich hier oder dorthin wenden
sollte, bestieg sie eben einen Hügel, der eine weitere Aussicht darbot,
und entdeckte, daß der Nil etwa eine Meile davon, seine majestätischen
Fluthen vorüberwälzte. Gleich war nun der Entschluß genommen, so
unbemerkt als möglich seinen Ufern zu nahn, weil es bei weitem nicht so
glaublich war, in jenen geringen Ortschaften Truppen zu finden, wie
dort.
Nicht ohne Gefahr setzte sie ihren Weg fort, und stieß auf manche
Arbeiter im Felde, deren Ansehen bösartig genug war. Doch ihre
freundliche Natur, die mit zutraulichem Gruß an ihnen hinging, machte,
daß jene nicht zu der Besonnenheit gelangten, ihr Leid zuzufügen. Eine
köstliche Himmelsgabe, die freundliche Natur. Sie entwindet ohne Mühe
Verlegenheiten, ist eine der ersten Lebensadressen an das Glück. Unter
den Emporkömmlingen sieht man wenig herbe Gesichter, und ein lebensmüder
Soldat, der einstmals ein Verbrechen beschloß, um den Tod zu leiden,
setzte den schon gespannten Hahn wieder in Ruh, weil der erste
Vorübergehende ihm einen heitern guten Tag bot, und tödtete dagegen den
zweiten.
Endlich kam Flore an dem Nil an. Aus den umherliegenden Hütten hatten
sich viele Mädchen versammelt, hier Linnen zu reinigen. Nach Landessitte
war ihr leichtes Gewand bis zum Gürtel aufgeschürzt, dagegen das Gesicht
schamhaft verdeckt. Ein seltsamer Kontrast gegen europäische Meinungen.
Flore nahte lachend, und erkundigte sich, ob keine französische Soldaten
hier herum gesehn worden. Die Mädchen sagten aus: eben wären deren wohl
Hundert des Weges gezogen, die Getreide eintrieben. Flore sah noch in
der Entfernung den Staub, und eilte, alle Kräfte anzustrengen, um das
Kommando zu erreichen.
Es war aber ziemlich weit voraus, Flore sehr ermüdet. Sie keuchte
athemlos, doch spornte sie die Hoffnung der Sicherheit, der Gelegenheit
wieder nach Cairo zu ihrem Gatten zu kehren. Denn wenn gleich das
Commando von der Hauptstadt gekommen schien, da es seinen Weg in der
Richtung nach Oberegypten südlich fortsetzte, so ließ sich doch
erwarten, es würde nach vollzogenem Auftrag wieder dahingehn. Hätte sie
nun keinen Abweg eingeschlagen, so würde der erste sie gewiß an ihr Ziel
geleitet haben. Und vielleicht rasteten auch die Soldaten bald einmal,
desto eher wurden sie eingeholt.
Doch die Abwege! Wären sie nicht auf dem Erdboden! Und die falschen
Lockungen! Wohnte uns nicht eine so leichte Neigung bei, ihnen zu
folgen! Flore blickte von Ungefähr -- ein Ungefähr, an welchem ach! so
Viel hing, nach dem Strome. Sie gewahrte ein Fahrzeug, das ihn
hinaufsegelte. An der Spitze saß ein Mann in französischer
Soldatenuniform, die Kokarde am Hut. Sehr natürlich war der Gedanke, daß
sie vielleicht auf dieser Barke auch Sicherheit finden könne, und die
Sehnsucht, ein wenig Schutz gegen die Sonnenhitze, die in Egyptenland
auch im Oktober drückend genug ist, zu finden, gab jenem Gedanken
destomehr Lebhaftigkeit. Ich will den Landsleuten winken, dachte sie,
daß sie ans Ufer steuern, um mich aufzunehmen. Vielleicht gehören sie
selbst zu dem Commando, bringen etwa Lebensmittel nach. Desto eher wird
mein Wunsch erreicht.
Sie nahm ein weisses Tuch heraus, und gab Zeichen. Bald wurden sie
verstanden, das Fahrzeug nahte, und legte an. Froh saß die Wartende am
Strande. Der Mann in der Uniform steigt aus. Mit Schrecken sieht Flore
ein schwarzbraunes Gesicht, und morgenländische Unterkleider. Der Hut
ist auf einen häßlichen geschornen Kopf gedrückt. Nun will sie fliehn,
der Schwarzbraune hat sie aber bereits mit starkem Arm ergriffen, und
sie wird in die Barke getragen, wo einige Ruderknechte, und lumpigte
bewaffnete Kerle sie mit wildem Lachen empfangen.
Die Eigenthümer waren Flußräuber, deren es auf dem Nil viele giebt, und
welche die neue Polizei bei aller Wachsamkeit noch nicht hatte vertilgen
können. Von einem ermordeten Europäer waren jene Kleider genommen, und
das Oberhaupt der Bösewichter hatte sie angelegt, um Fremde, die man
etwa plündern konnte, sicher zu machen.
Man durchsuchte ihre Taschen nach Geld. Es fand sich wenig. Nun ward sie
entkleidet, um zu untersuchen, ob irgendwo Goldstücke eingenäht wären.
Man fand deren nicht, aber entdeckte mit großer Befremdung und üppigem
Jubel ihr Geschlecht. Flore stockt, wenn sie hier weiter zu erzählen
pflegt, und es ist daher billig, daß auch manches übergangen werde. Die
Hauptsache ist, daß sie mit fort mußte, und die bittere Kränkung erfuhr,
den Truppenhaufen bald darauf am Ufer gelagert zu sehn, während die
Räuber auf der Mitte des Stromes vorübersegelten. Man hatte ihr die
Hände gebunden und den Mund verstopft, so lange die Soldaten sichtbar
waren, damit sie auf keine Art ihre Gegenwart ankündigen konnte.
Dann wurde sie aber von dieser Unbequemlichkeit befreit, und die Räuber
wiesen sie an, ihnen das Essen zu bereiten. Die Nothwendigkeit gebot,
sie mußte aus dem Mehlvorrath egyptische Polenta fertigen, und die
gefangenen Nilfische auf dem kleinen Heerd der Barke rösten.
Achtes Kapitel.
Fernere Abentheuer mit den Flußräubern.
Daß Flehen und Weinen umsonst war, ergiebt sich von selbst. Auch blieb
es ohne Wirkung, daß Flore dem Gesindel eine Loskaufungssumme verhieß,
wenn man sie nach Cairo bringen wollte. Sie fand keinen Glauben, und die
Räuber, denen ihre Kost schmeckte, gewöhnten sich nur mehr an sie.
So mußte Flore sie auf ihren ruchlosen Zügen begleiten, und Zeugin
mancher Unthat sein. Schlau wußten sie drohenden Gefahren zu begegnen,
denn erblickten sie etwa von Weitem ein Fahrzeug, worauf bewaffnete
Mannschaft seyn konnte, so gab es entweder eine Bucht, oder einen Kanal,
wo sie sich verbargen, oder sie fischten ruhig in einiger Entfernung und
wurden dann nicht gestört. Schiffe aber, die ihnen nur geringen
Widerstand leisten konnten, griffen sie mit schneller Gewalt an, oder
überlisteten. In aller Hast wurde dann das Eigenthum geraubt, und nicht
selten die Besitzer ermordet. Bis ein guter Vorrath von Beute gesammelt
war, blieben sie immer auf der Mitte des Stroms. Hatten sie aber Raub
genug erlangt, begaben sie sich nach _Scheik Abade_, ihren
Schlupfwinkel, wo sie die Gegenstände bis auf thunliche Veräußerungen
einscharrten.
Nachdem Flore etwa acht Tage bei ihnen gewesen war, geschah eine solche
Landung. In den Hütten des Oertleins hauseten ihre Gefährten und Weiber.
Zwischen den weitläuftigen Ruinen umher, den Ueberbleibseln der alten
Stadt Antinoe, wurden die Gruben ausgehöhlt. Flore sah es mit an, daß
unter andern hier reicher Schmuck, und eine gute Zahl von Goldstücken,
verborgen wurden. Sie hatte, da sonst sich keine Hülfe darbot, gute
Miene zum bösen Spiel gemacht, und sich mit verstelltem Wohlbehagen, in
den Willen des Taugenichtse gefügt, auch erklärt: sie wünsche für ihr
ganzes Leben kein glücklicher Loos. Das hatte ihr den besondern Schutz
des Oberhauptes erworben, doch gab man nichtsdestoweniger genaue Acht
auf sie, und benahm ihr jede Möglichkeit der Flucht. Bei Tage mußte sie
unter strenger Aufsicht arbeiten, bei Nacht wurde sie zu den Weibern
gesperrt.
Bald schifften sich die Räuber wieder ein, und Flore war ihre
Begleiterin. Man schwamm mehrere Wochen auf dem Nil herum, war aber
diesmal nicht so glücklich wie vorher, und es herrschte dieserhalb
großer Unwille auf dem Fahrzeuge. Flore suchte ihn möglichst zu
bekämpfen, indem sie sich die Bereitung der Polenta, und das Braten der
Fische noch sorgsamer angelegen seyn ließ. Desto mehr gewann sie die
Herzen. Jeder Sterbliche, wäre es der roheste, entartetste, ist auf
irgend eine Weise einzunehmen.
Die Mehlkiste war aber ziemlich aufgezehrt, es mangelte an Hanfgetränk,
womit der Pöbel in jenen Gegenden sich zu berauschen pflegt, man
beschloß also, nach dem Raubneste zurückzukehren, um neue Vorräthe zu
holen.
Etwa eine Meile war die Barke noch davon entfernt, als die Nacht
hereinbrach. Der Wind blies zudem nicht günstig, der Morgen sollte daher
erwartet werden, die Reise zu vollenden. Wie gewöhnlich wurde der Anker
mitten im Strome geworfen, die Unholde legten sich bis auf Einen
schlafen, der Wache hielt.
Flore hatte sich auch unter dem Mattenbaldachin hingestreckt, aber kein
Schlummer wollte sie erquicken. Sie dachte ernsthafter als je dem
traurigen Geschicke nach, das sie in eine so verwünschte Innung geführt
hatte, und die entsetzliche Aussicht, vielleicht nimmer von hinnen zu
kommen, brachte sie der Verzweiflung nahe. Denn wie man denken mag,
hatte sich ihre Einbildungskraft fast mit nichts, als den Mitteln in
Freiheit zu kommen, beschäftigt. Doch unüberwindlich erschienen ihr die
Hindernisse, da die Räuber verschlagen genug waren, sich vor jeder
obrigkeitlichen Hand verborgen zu halten.
Die Liebe zu Ring erwachte unter diesen Umständen desto lebhafter. Was
mag er thun, der Gute? Wie bestürzt wird er gewesen sein, da er seine
Flore bei der Rückkehr von jener Reise nicht mehr gefunden hat! Ich seh
ihn erbleichen, wüthen, suchend umher irren, den Freunden klagen, sich
abhärmen. Aber wenn der erste Sturm des Grams vorüber ist, wird er mich
nicht todt, wenigstens verloren achten? Ach, und dann giebts andere
Mädchen. Er liebt das Sonderbare. Schon um deswillen kann eine Coptin,
eine Griechin, eine Araberin -- o ich mögte in Wahnsinn sinken, bei der
Reihe von Vorstellungen, die dieser folgt! Nein es gelte das Leben, die
nächste Gelegenheit, und wäre sie noch so dornenvoll, werde muthig
ergriffen! Schon manches führt ich Unternehmende aus, wovor das
Alltagsweib schaudern würde, sollte mir denn keine glückliche Flucht aus
Diebeshänden gelingen?
Indem sie sich auf diese Weise mit düsteren Vorstellungen quälte, und so
gern die Gewölke, die das Innere ihrer Seele trübten, durch einen
freudigen Hoffnungsstrahl erhellen wollte, blickte sie unter dem
Ueberhang nach dem Wächter hin, der zu ihrer Befremdung fest
eingeschlafen schien. Auch die übrigen Räuber schnarchten.
Es war grade in der Regenzeit, und das Getöse, indem das Wasser auf die
Decke, auf die Bretter und in die Wogen niederschlug, vermehrte sich
eben, da sich dichtere Ströme niedergossen.
Hinter der Barke war ein kleiner leichter Floß angebunden, der nur aus
einer Bohle bestand, welche durch zwei Reihen ausgehöhlter Kürbisse
gehalten wurde, eine Erfindung, auf welche der Occident noch nicht fiel.
Dem Wetterleuchten in der Ferne gleich, stieg Floren ein rascher heller
Gedanke auf, dem sie aber aus heftiger Furcht kaum Raum zu geben wagte.
Diese Furcht kämpfte mit jenem Gedanken ziemlich lange, endlich aber
verlor sie ihr Spiel, und Flore ermannte sich zu seiner Verfolgung.
»Wie wenn ich beim Geräusch des Regens, mich aufmachte, mich auf das
Floß niederließ; schwerlich würde der Araber erwachen. Unbemerkt knüpfte
ich den leichten Kahn los, und ruderte mich zum Strande.«
»Aber wenn er nun erwachte, dann fiel ich ohne Zweifel ein Todesopfer
des Jähzorns!«
»Das Erwachen steht dahin, mein jetziges Leben ist nicht viel besser,
wie Tod, an die Freiheit muß man es kühn setzen.«
»Gleichwohl, wenn ich nun das Land erreicht habe, was wird dann aus mir
werden? Ich bin ohne Geld, ohne Freund, nach dieser entlegenen Gegend
kommen meine Landsleute selten, was hier herum wohnt, haßt alles, was
nicht an Mahomed glaubt, tödlich. Ich werde immer dem Verderben nicht
entrinnen.«
»Geld wirkt viel, ich wüßte wohl Geld zu finden, und ein Raub an Räubern
verübt, die mir Freiheit und Wohlfahrt entrissen, kann kein Verbrechen
sein. Aber man wird mir folgen, dort mich vielleicht am ersten
aufsuchen, da den Buben ihr Schatz am Herzen liegt, und sie bald
argwöhnen könnten -- -- aber ists am Ende Frevel, Mörder zu morden? Zur
Rettung des eigenen Lebens sie zu morden? Wie manchen Schuldlosen sah
ich nicht schon von ihren Dolchen getroffen, sinken? -- Aber ohnmächtige
Thörin, was sinnst du über das Unmögliche?«
Sie sann gleichwohl länger und länger. Endlich stand der Entschluß fest
vor ihr da, zu ihrer Rettung das Ungeheure zu wagen, führe es auch wohin
es wolle.
Sie empfahl sich den freundlichen Gestirnen, und stand auf. Leise tappte
sie nach dem Steuer zu, hob eine Flinte, einen Mannsanzug, und einen
Bohrer von beträchtlicher Größe, deren Plätze sie in der Dunkelheit zu
finden wußte, so behutsam als es thunlich war, auf, und ließ sie auf das
Floß nieder. Nun folgte sie selbst nach, mit einem Ruder versehn.
Wie gewaltig pochte ihr Herz da draußen, und da beim ersten Schritt in
die Gefahr, oft eine Anwandlung von Kleinmuth und Reue über das Herz
kömmt, so fehlte nicht viel, sie wäre wieder in die Barke
zurückgestiegen.
Doch wurde die Bangigkeit niedergekämpft, und verwegen setzte die
Französin den Bohrer an, das Räuberschiff leck zu machen. Auf diese Art
nur konnte sie sich bei ihrem Vorhaben der nächsten Verfolgung
entziehen.
Sie setzte das Instrument unter dem Wasser an, und arbeitete frisch.
Nach einer Viertelstunde fühlte sie, daß die Bohle durchdrungen sei, und
ging an eine zweite Oeffnung. Diese wurde aber nicht vollendet, da das
Sinken des Fahrzeuges den Fleck, wo sie angefangen hatte, schon zu tief
niederdrückte. O bange Augenblicke! Sie mußte immer erwarten, daß die
einlaufende Nässe die Schlafenden wecken würde. Dennoch bohrte sie noch
an einer höheren Stelle mit aller Macht, und konnte bald das ganze
Werkzeug durchschieben. Jetzt erst schnitt sie den Strang ihres Bootes
los, entfernte sich aber aus guten Gründen nicht von der Barke.
Was sie befürchtet hatte, geschah gleich darauf. Mehrere der Buben
schrien zugleich auf, und mahnten den Wächter, das Regenwasser
auszuschöpfen. Denn nur daran dachten sie. Dieser taumelte schlaftrunken
umher, die Schaufel zu suchen, plätscherte aber schon sehr tief. Nun
mehrte sich aber die Kraft des Sinkens jähling, und nur zwei waren im
Stande, sich noch unter der Decke hervorzuarbeiten. Die andern erhuben
ein gräßliches Geschrei, das aber schon nach einigen Augenblicken
verstummte, denn sie waren mit dem Fahrzeuge schon unter dem Wasser.
Jene zwei, gute Schwimmer, wollten sich ans Ufer retten, aber Flore
ruderte behende hinzu, gewahrte im ersten Grauen des Morgenscheins ihre
Köpfe, und schlug mit desto geringerer Schonung mit der Flintenkolbe auf
sie zu, als sie diese Bösewichter vorzüglich unter der Menge haßte. Denn
sie hatten noch einige Tage zuvor einen coptischen Christen, blos aus
Grimm, weil sie nichts zu rauben bei ihm fanden, mit Marterstreichen
umgebracht.
Sie riefen kaum noch ein _Allah Kerim_, da gingen sie unter in ihr
feuchtes Grab, und über Floren kam ein Gefühl, wie es Ulysses gehabt
haben mag, da keiner seiner übermüthigen Nebenbuhler mehr athmete.
Noch blieb sie eine Weile an der Stelle, durch den ein wenig
hervorragenden Mast der Barke bezeichnet, aus Sorge, es mögte einer noch
aus der Tiefe hervortauchen. Sie nahm aber nichts wahr, und begriff
auch, daß jeder, der nicht bei Zeiten sich unter der Matte hervor hatte
machen können, nothwendig umgekommen sein müsse.
Jetzt fuhr sie dem Strande zu, küßte ihn unter frommen Empfindungen, und
dachte nun erst schaudernd zurück, an die grausenhaft kekke That.
Achtes Kapitel.
Reichthum.
Vernunft und Kühnheit, sind eine nervenschwache Matrone und ein junger
Alcid. Was jene mit allen Berechnungen verloren geben würde, er wagt es,
triumphirt -- wenn nämlich das Glück zur Seite stehn will. Im Frühling
der Jahre straucheln wir oft, es geschieht mancher Fall, der noch im
Alter schmerzt, bei dem allen aber setzen wir in dieser Periode Dinge
ins Werk, vor denen die bedächtige Verstandesreife feig erzittern muß.
Und dennoch gelangen sie. Warum trennen wir uns denn späterhin von dem
kekken frischen Lebensmuth? Er, gepaart mit dem Vortheil der Erfahrung,
müßte uns ja durchaus die Gipfel der Wohlfahrt erreichen lassen. Auch
sehen wir, daß der klug gewordene Mann mit _ersparter_ Jünglingskühnheit
oft hoch steht. Mit ersparter, recht! die Mehrheit hat sie vergeudet,
und hinkt hernach feig umher. -- Zur Geschichte:
Die Heldin legte am Ufer das türkische Gewand an, und eilte, die Flinte
im Arm, dem Raubneste zu. Noch schlief dort alles in den Hütten, und
unbemerkt konnte sie dem Platze nahen, wo das Oberhaupt der Flußräuber
neulich seine Kostbarkeiten verscharrt hatte. Da sie jedoch eines
Spatens ermangelte, und es ihr sauer ankam, die über die Stelle
gewälzten Steine wegzuschaffen, so verging viele Zeit, der Morgen war in
aller Fülle da, und man sah hie und dort Einwohner des Ortes umhergehn.
Da schrieb die Nothwendigkeit vor, von der begonnenen Arbeit zu lassen,
und Flore verbarg sich zwischen dem Gemäuer eines alten Jupitertempels,
entschlossen, nur erst in der folgenden Nacht wieder hervorzutreten.
Eine schauderhafte Einsamkeit! Unaufhörlich schwebte die Phantasie
zurück, und sah immer aufs Neue jene Barke sinken. Mit Recht oder ohne
Recht, Flore zitterte, nunmehr eine Mörderin zu sein. Gleichwohl ließ
sich das Geschehene nicht mehr ändern, sie mußte die Gewissenssprache
nun wieder stumm zu kämpfen suchen. So sind fast immer im Menschen zwei
streitende Stimmen laut, und sie zu versöhnen, ist eigentlich die
moralische Lebenskunst.
Der Abend nahete endlich, und Echo gab des Schakals trauriges Geheul von
den Trümmerwänden zurück. Flore mußte nun wieder an ihre Arbeit. Auch
der Mangel an Nahrung mahnte sie, bald sich in den Besitz von Geld zu
setzen.
Mit den Händen grub sie den Sand auf, nachdem die Felsstücke sie nicht
mehr hinderten, und zog bald mit vieler Mühe eine Kiste zur Höhe. Sie
war bald geöffnet, und volle Beutel mit Goldstücken, mehrere Schachteln
mit Korallen, Perlen und Edelsteinen gefüllt, standen der Abentheurerin
zu Gebot. Ach, dies wohlbehalten in Cairo, in Paris! dachte sie.
Sie konnte aus Ermattung und Furcht wenig tragen, und hätte doch gern
viel mitgenommen. Doch theilte sie weislich ein. In den Turban wurden
Juweelen verborgen, der Gürtel enthielt eine starke Wulst Dukaten, sie
vergaß die Taschen nicht. So ging sie doch mit einem ziemlichen
Reichthum von dannen, nachdem sie das Uebrige von Schätzen an einen
andern Ort bewahrt und ein Zeichen, mittelst in eine gewisse Figur
gelegter Steine, gemacht hatte. Vielleicht, dachte sie, giebt es einst
Gelegenheit, den Rest abzuholen.
Noch in der Nacht wanderte sie von dannen, denn um alles in der Welt
durfte sie den Bewohnern von _Scheik Abade_ nicht sichtbar werden. Sie
tappte im Dunkel zwischen die Ruinen hin, stieß bald an einen
zerbrochenen Obelisk, der im Sande lag, bald fand sie ihren Weg durch
aufgethürmte Säulenstücke gehemmt. Der Vorwelt Geist redete sie schaurig
aus den Trümmern an, das Geheul von wilden Thieren, die es in der Gegend
gab, sträubten ihr das Haar. Das Bild der untergegangenen Unholde war
nicht vom Gedankenspiel zu trennen. Aber die Nothwendigkeit, die ja auch
den entschiedensten Feigling beherzt machen kann, wenn sie nur hinter
ihn eine noch größere Gefahr stellt, wie vorne zu bekämpfen ist,
beflügelte ihre Tritte durch Nacht und Graus.
Wäre sie geschichtskundig gewesen, so hätte sie sich die Langeweile
durch Bemerkungen über die Ruinen der verheerten Stadt tödten können.
Wären sie gleich nicht so tief und sinnig, und dazu so weitschweifig
ausgefallen, wie jene, welche von Palmyras Resten umgeben der König
aller Ketzer, _Volney_, zusammenstellte, so hätten sie doch ein eigenes
Interesse haben können.
Die Ruinen von _Antinoe_! Welch ein Stoff zu der mannigfachesten
Verarbeitung, für den Historiker, den Moralisten, den Dichter!
_Hadrian_, dessen Tugenden in Frieden und Krieg den Ruhm ganz und gar
nicht müßig ließen, besaß -- -- übrigens aber -- einen jungen Freund,
_Antinous_ genannt, dessen Bildsäulen uns noch bis auf diese artistische
Stunde, so der menschlichen Schönheit Ideal versinnlichen, wie die des
Apollon, Göttlichkeit aussprechen. Der Kaiser befand sich eben in
Egypten, und -- was ihm die allerneusten Philosophen nicht verübeln
können, da sie es selbst geschmackvoll finden, zur Veränderung einmal
wieder abergläubisch zu sein, -- fand für gut, die Wahrsager des Landes,
deren Weisheit im Ruf stand, über die Zukunft seines Lebens zu fragen,
was nun freilich in unsrer Zeit nicht geschieht. Die Antwort klang: dem
Weltherrscher drohe nahe schlimme Gefahr. Nur wenn sich Jemand, der ihm
theuer sei, der ihn liebe, für ihn den Opfertod wählte, würde sich das
Schicksal versöhnen. Große Bestürzung, Wehklage und Trauer am Hofe und
im Heere. Es gab Tausende, die recht gern patriotisch schrieben,
patriotisch redeten, wenn sich die Aussicht öffnete, das Vaterland würde
sie lohnen; eben so viele waren bereit das Knie zu beugen, dem Kaiser zu
klatschen, wenn er im Theater erschien, weil sie hofften, diese Zeichen
hoher Anhänglichkeit würden gelegentlich zu Ehrenämtern oder Landgütern
helfen; doch ein Opfertod schien ihnen zu sehr im Charakter der ersten
fabelhaft romantischen Zeiten Roms zu sein, als daß Männer, die
aufgeklärt über Jupiter lachten, noch hätten daran denken können.
Demungeachtet war jeder bereit, dem, der sich dennoch entschließen
wollte, ein Erbtheil von Unsterblichkeit zuzugestehn. Ueberhaupt giebt
es kein besser Mittel, das Verdienst anerkannt zu machen, hätte man
zuvor auch dem Neide und der Afterrede unterlegen, als daß man stirbt.
Der schöne hochherzige _Antinous_ bot sich allein dar. Daß sein
Imperator -- und Freund sich die edle Großmuth (oder den edlen Großmuth,
da man gar nicht einsieht, weshalb das Prädikat Groß den männlichen Muth
in den Harem stoßen soll, um so mehr als Kleinmuth bei dem alten
Geschlechte bleibt) gefallen ließ, mag ein andrer Lobredner erheben.
Genug Antinous stürzte sich von einer Felsenzinne in den Nil, und die
Propheten erklärten das Unheil abgewendet. Hoch wurde nun aber der
Liebling und Retter geehrt. An der Stelle baute Hadrian eine große, mit
allem Kostbaren, was die Kunst aufbringen kann, geschmückte Stadt, und
nannte sie _Antinoe_. Tempel wurden erhöht, die Bildsäulen des schönen
Selbstmörders geheiligt. Opfer und jährliche Spiele wurden angeordnet,
der Kaiser schrieb den Cultus seiner Verehrung in den kleinsten
Umständen vor. So lohnte die Vorzeit.
Schlimm daß ein gehäßiger Nebenbegriff einen sonst schönen historischen
Moment, so in Schatten setzt. Kann denn aber der Nebenbegriff nicht ein
Kind der Verläumdung sein? Dann gäbe es einen gar artigen Stoff zum
Trauerspiele mehr.
Ende des zweiten Buchs.
Zweiter Potpourri.
Antinous,
Trauerspiel in einem Akt.
Personen.
Hadrian, Kaiser.
Antinous, sein Liebling.
Ein Krieger.
Ein Höfling.
Ein Diener.
Egyptische Priester und Volk.
Die Scene in Egypten in einem Garten am Nil.
Erster Auftritt.
Hadrian. Antinous.
(kommen Arm in Arm durch den Garten.)
Hadrian.
Laß in die holde Einsamkeit mich retten,
Vor kniender Völker huldigendem Gruß
Und Jubelruf, der mir das Ohr betäubt.
Hier darf ich nicht durch Kränze Pfad mir bahnen,
Nicht Lied und Blume sinken lastend nieder,
Doch in des Freundes Arme sinkt der Freund.
Antinous.
O bin ichs werth? Erwählt aus Millionen
Hob der Quiriten hoher Cäsar mich,
Der neben Jupiter den Erdkreis lenkt --
Hadrian.
Auch du, auch du? Entweihn soll diese Lippe,
So zart wie Sidons purpurnes Gewebe,
So strahlend wie der Morgenhelle Licht,
Der ecklen Schmeichelei verworfne Rede?
Im Staube laß den Sklavenchor ertönen,
Wohl ziemet er Prometheus niedrer Brut,
Du stammst von Göttern, die Gestalt verkündet
Der seligen Olimpier Geschlecht;
Doch mehr des Herzens reine Himmelsschöne,
Wenn dich der Sterbliche zu sich erhöht,
Was thut er, als im Göttlichen sich ehren.
Antinous.
Erhabener, es ist dein Machtgebot,
Und so erkühn ich mich, der Ehrfurcht
Und der Bewunderung Hymnos zu verschweigen.
Hadrian.
Mein Machtgebot? Und nicht die innre Stimme?
Dir unter Allen will ich nicht befehlen,
Frei mag ich Dich von des Gesetzes Banden,
Sei wie Otan der Perser, was du willst.
Nur laß mich dann, ein Gut, ein Gut erflehen,
Das mein gehört, und nicht dem Diadem.
Antinous.
Ich bin Dein Freund, Dein Freund, o Hadrian.
Hadrian.
Nun endlich --
Tönt mir des Wortes schöne Melodie.
Und lohnen will ich dir des Glückes Wonne,
Wie es dem edlen Tugendsinn gebührt.
Den Feldherrn, der Trophäen mir erhöhet,
Trägt der Triumph zum Capitolium,
Den treuen Bundgenossen schmücken Kronen,
Du sollst das Recht der Bitte bei mir üben
Für den Verbrecher, für verwaiste Frauen
Und vaterlose Kinder -- O, das macht Dich froh!
Antinous.
Wie aber deut ich Dir des Wunsches Kraft,
Des Strebens Feuer dieser Göttermilde,
Mich aus der Ferne nur zu würdigen,
Ein armer Jüngling, den nicht Weisheit schmückt,
Im Rathe Deine Winke vorzutragen,
Den nicht des Feldherrn Genius erhebt,
Noch unbekannte Völker zu besiegen
Nichts nenn ich mein, als wie ein dürftig Leben,
Viel zu gering, wie Dir ein werthes Opfer.
Hadrian.
Schon die Gefühle wägen jede That.
Mein bleibe, bis der Parze Faden bricht;
Die Barke des letheischen Piloten
Soll dann vereint die stillen Schatten tragen,
Zusammen gehn wir Minos dunkle Straße.
Zweiter Auftritt.
Bedienter. Vorige.
Bedienter.
Verzeihe Herr, daß ich Dir störend nahe --
Hadrian.
Mein will ich einen Augenblick nur nennen,
Gleich raubt ihn neidisch mir die Herrscherpflicht.
Bedienter.
Die Priester langten des Osiris an,
Die erst vor kurzem Dein Gebot empfingen,
Nach alt egyptischer geheimer Kunst
Die Sterne um Dein künftig Loos zu fragen.
Hadrian.
Ein andermal, heut gnügt mir Gegenwart.
Bedienter.
Durchwandelt sind sie schon das Heiligthum
Der graubemoosten spitzerhöhten Säulen,
Und alter Tempel Hieroglyphenschrift
Verglichen sie mit himmlischer Erscheinung.
Hadrian.