Wenn ich ein Vöglein wäre, flöge ich natürlich dieser Welt davon. Hätte
ich aber in ihr etwas zu sagen, so führe dieser Tage ein strammer und
himmellanger Besen in den Markusplatz hinein. Die an der Porphyrsäule
Lehnende würde in eine Calle hinter einen Ladentisch mit Mortadella
zurückgefegt. Sodann müßten mir die Konzertprogramme bei Quadri,
Olympia, Florian und Lavena unterbreitet werden. Denn bei schwerer
Geldstrafe dürfte keine Bumsmusik auf der Piazza hin- und herüber tönen.
Ich erlebte folgendes: Eine der dortigen Kapellen – sie bestand aus
Deutschen, Südtirolern und einem Italiener – gab als schüchterne
Konzession an den Karfreitag Paraphrasen aus dem Parsifal. Zum Schluß
rief jemand Bis. Daraufhin entspann sich zwischen den Musikern und mir
folgender Dialog: „Spielen Sie das doch noch einmal.“ – „Wir können
nicht.“ – „Man hat doch Bis gerufen.“ – „Es war ja nur Hohn.“ „_Non li
piace_,“ sagte der Cellist, „_piace a noi, ma non a loro_.“ Ich würde
mir aber das Publikum schon ziehen.
Haben wir, die wir uns in der Welt nicht mehr recht zu Hause fühlen, am
Ende ehrlichere Gesichter von unserem Unbehagen weg? – Ich erstand ein
Fernglas, hatte aber nicht genügend Geld bei mir und ersuchte die
Verkäuferin, es mir zurückzulegen. Da trat aus dem Schatten die Padrona
hervor, bat mich um Namen und Adresse und händigte mir das Fernglas ein.
Und doch bin ich finsterer denn je entschlossen, den nächsten Fund, den
ich mache, zu behalten. Aber ach! Die Menschen teilen sich in Finder und
in Verlierer ein und mir sind die Finder immer an den Fersen. –
_La valigia_
Die Nacht war längst angebrochen, als der Zug, mit dem ich fuhr, sich
Venedig näherte. In meinem Abteil saßen mir zwei Herren gegenüber, auf
meiner Seite niemand. Ich streckte mich also der Länge nach aus und
merkte nicht einmal, daß einer meiner Reisegefährten in Vicenza
ausstieg, der andere in Mestre. In Venedig angekommen, merkte ich aber,
daß an Stelle meiner Handtasche eine viel kürzere, die ihr außer in der
Farbe gar nicht glich, zurückgeblieben war. Die meinige war offen
gewesen. Kofferschlüssel führe ich prinzipiell schon lange keine mehr
mit mir. Wozu auch? Es mußte regelmäßig der Schlosser gerufen werden,
der neue Schlüssel aber war es, der als erster abhanden ging, während
der alte wieder zum Vorschein zu kommen pflegte, zum geänderten Schlosse
aber nicht mehr paßte. Außerdem: was nützen Schlüssel? – Fuhrwerke etwa
ich in Koffern herum, die andern gehören? Wäre ich aber ein Dieb, würde
das bißchen Schloß mich daran hindern? Also.
Übergehen wir aber, ehrlicher und teilnehmender Leser, meine
Fassungslosigkeit, als über das Fehlen meiner Tasche kein Zweifel mehr
bestand. Nichts von angelsächsischer Selbstbeherrschung legte ich an den
Tag; nichts von Stoik. Ungeheuchelt brach sich mein Furor Bahn. Zwar
hatte schon ein Herr aus Vicenza wegen eines Gepäckstückes telephoniert;
aber böse Ahnungen zogen im Sturme in mir auf; den Bettelstab sah ich
grünen in meiner Hand. Denn auch meine Manuskripte, die Arbeit von
Jahren, steckten wohlverschnürt in einer Seitentasche und sollten in
Venedig ihre letzte Reife erfahren. Und nicht nur sie, sondern mein
jüngstes Produkt, mein Benjamin, welcher den Titel führte: veder _Napoli
e partire_. Er war nicht gegen Napoli, nur gegen das schlechte Wetter
gemünzt, das ich dort angetroffen hatte. Wer aber bürgte mir, daß mein
_mal’ occhio_ weiter als diesen Titel lesen und in nationalistischer
Entrüstung den ganzen Bündel nicht ins Feuer werfen würde. Hatte man
nicht wegen Palermo den Maeterlinck gefordert? –
Um zwei Uhr morgens war ich in meinem Hotelzimmer, um neun Uhr schon
wieder auf dem Weg zur Bahn. Über meine Tasche lagen nur höchst
undeutliche Meldungen vor, die des Vicentiners hatte man ihm
zurückgeschickt. Ich begab mich zum _capo di stazione_. Wert im Rate der
Zehn zu sitzen, höchst ritterlich, und noch dazu auffallend schön, nahm
er sich, über jeden _sacro egoismo_ erhaben, sofort meiner an und
telephonierte nach Vicenza. Es sei eine Tasche da, jawohl. Ich wurde
gefragt, was alles drin sei, und ich nannte ein paar Dinge, die mir
gerade einfielen. „Toilettengegenstände, eine Reiseuhr, ein Arbeitssack,
_Delle lettere_“, sagte ich; _scritture_. Der _capo di stazione_
notierte alles und gab seine Orders. Mit dem Sieben-Uhr-Abendzug würde
die Tasche ankommen, wenn ich also um dieselbe Zeit mich einfinden
wollte? ... Doch ach, nur ich traf ein zu diesem Abendzug. Der _capo di
stazione_ begab sich in den Gepäckraum; errötend gab er mir das negative
Ergebnis mit. Er telephonierte und telegraphierte von neuem.
Am nächsten Morgen war die Tasche da.
* * * * *
Verschnürt und plombiert harrte sie meiner im Lagerraum, und ich wurde
aufgefordert, sie zu öffnen und festzustellen, ob nichts fehle. Ich
zerschnitt die Schnüre, sie sprang auf. Ein Griff nach rechts, ein
Befühlen der Rolle, meine Werkstatt war unversehrt. Da genügte ein
flüchtiger Blick auf alles übrige. „_C’è tutto!_“ sagte ich, zog ab mit
meiner Tasche, nahm eine Gondel für die Tasche und mich und blickte
triumphierend den _Canal Grande_ hinab. Die Tasche und ich, wir fuhren
dann ein in die stilleren Seitengewässer und die nur aus ihrer Stille
vernehmbare Musik Venedigs, von den Steinen und den Pforten angestimmt,
ob sie eintauchen in die Flut oder bemoost sie überragen, wie süß drang
sie zu mir.
Erst beim Auspacken trat zutage, was alles fehlte: von drei Scheren
zwei, von zwei Bürsten die zusammenlegbare in einem Etui, der Sack
Pralinés aus Nizza. Allein solche Verluste nimmt man leicht. Als ich
jedoch den Arbeitsbeutel öffnete, wehe! Da fehlte der wertvollste und
teuerste jener Gegenstände, die ich immer mit mir führe: eine schmale,
silberne, einfache, aber wirklich vollkommen schöne Empire-Nadelbüchse,
einzig in ihrer Art, die alle kennen, die meine Sachen kennen. Sie
fehlte. Sie war gestohlen. Der naheliegende Gedanke, daß man so grausam
sein würde, sie mir zu rauben, war mir nie gekommen. Eine Welt von
Erinnerungen umschloß für mich ihr schmaler, schreinartiger Hals. Nie
öffnete ich sie mit gleichgültiger Hand. Ich hing an ihr über mein Leben
hinaus, ich träume von ihr.
Mit welchem Fuge aber hätte ich den Weg zur Bahn von neuem
eingeschlagen, nachdem ich doch ausgerufen hatte: „_C’è tutto!_“
Ihr Herren Eisenbahner aus Vicenza, lohnt mir so nicht mein Vertrauen.
Gebt mir meine Nadelbüchse wieder! Was ist sie für ein verschwindend
Ding inmitten der Pracht, die euch umgibt.
Oder sollten Sie mein Herr, der Sie meine Tasche verwechselten – Ihr
Name wurde ja auf Protokoll genommen –, sollten Sie ein Antiquar sein
und der Versuchung nicht haben widerstehen können, so schicken Sie mir
die kleine Nadelbüchse wieder. Wer sie mir findet und zurückschickt, dem
werde ich ihren vollen Wert zurückerstatten, wer immer es sei. Dem Dieb,
der sie behält, wird sie Unglück bringen, denn sie gehört zu niemandem
als zu mir.
Seltsame Stadt, schwebend gleichsam, nein, wie in sich selbst versunken,
und dem Tode stärker als dem Leben zugewandt. Wie behält sie jedes Echo!
Was läutet sie? – Noch vibrieren heimliche Reflexe jenes Februartages,
an dem der junge d’Annunzio den Sarg des „_Grande Barbaro_“ auf seine
Schultern hob und mit seinen Freunden die Stufen des Palazzo Vendramins
hinabtrug. Noch lauern Schatten jener Gondel, die Wagners Leiche zog,
noch weht am _Canal Grande_ ein Hauch der Stunde, zu der er starb.
Schöner, tiefer, stiller war Venedig vor zwei Jahren inmitten seiner
Junihitze und seiner Leere. Damals klang die trübe Nachricht vom Mord an
Rathenau herüber; dieses Mal der Tod der Duse, und gleich darauf in
seiner schauderhaften Schrille das Ende Helfferichs. Wer hat den Tod mit
einer Geige abgebildet? Wie verschieden moduliert er seine Weisen! Mit
welcher Pracht umleuchtete und steigerte er weithin das Sterben der
Duse. O heilige Kunst! –