Abschied von Venedig 1924

Von der Einnahme Venedigs durch die Deutschen in der Osterwoche 1924

werden die Annalen dieser Stadt vermutlich nichts berichten. Wer hätte

es auch gedacht? So schnell, nicht wahr? Ohne Schwertstreich. Infolge

der schönen Verordnung, daß ihnen bei der Ausreise eine hohe Summe

abzufordern sei, sprangen, kletterten, überrannten, stürmten sie in

ihrer Torschlußpanik scharenweise die Grenzpfähle – und waren da. Man

sah mit einem Male auf unbemittelte Deutsche, welchen man die Spuren der

letzten zehn Jahre anmerkte, und die billigen Alberghi waren nicht

minder angefüllt als wie Danieli, Grünwald usw. – Bleibt es bei jener

Verordnung, dann werden – ausgerechnet – nur mehr jene Typen, welche uns

dies Frühjahr so blamierten und durch ihren Aufwand so viele Spenden an

ihre notleidenden Landsleute rückgängig machten, sie allein werden

dieselben fürderhin vor dem Auslande repräsentieren.

In jener Osterwoche jedoch sah man, wie gesagt, so manch sympathisches

Gesicht mit dem Gepräge einer geistigen Existenz. Wie eine Springflut

stürzte auch die heute so zurückgedämmte Sprache über ganz Venezien hin,

und deutsche Speisekarten lagen in allen Ristorante auf. Mehrfach habe

ich „Wurstl mit Cren“ gelesen; hyperdeutsch; nur Münchner mochten auf

den ersten Blick erfassen, daß hiermit kein Hanswurst gemeint ist, kein

Wurstl, sondern Wurst mit Meerrettig.

Die Osterglocken läuten über den Markusplatz, die Sonne leuchtet und

lockt ans Meer; es gurren die Tauben im verstärkten Chor, und nie war

die Welt so gemein. Restbestände aus der Arche Noah sind natürlich

überall noch anzutreffen, aber mehr als „Souvenirs“, nicht daß sie ins

Gewicht fallen; bewahre! Ausschlaggebend ist durchaus die dicke Krämerin

aus dem Grand Hotel, die an einer Porphyrsäule der Markuskirche lehnt

und behufs photographischer Aufnahme mit ihrem Mispelgesicht zu einer

Taube wie eine Mispel niederlächelt, wenn eine Mispel lächeln könnte.

Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen · 第 35 / 42 题