Es ist die Liebenswürdigkeit Molières, welche wir bei aller sonstigen
und eingebürgerten Würdigung seines Genies übersehen. Geistige
Verwandtschaften konstruieren sich ebenso bestimmt wie die Ausläufer und
Nebenlinien eines Stammbaumes. Es gibt Familien hier wie dort.
Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe – ganz unswedenborgisch
natürlich – ich sehe immer Pascal mit Hebbel und Brahms eingehängt
daherkommen, und ich sehe, wie Molière und Mozart „_mon cousin_“
zueinander sagen und ein Lächeln an sich tragen wie Brüder; eines selben
Hauses und von selbem Adel: zwei lichte Gestalten auf dunklem Grund.
Molières ausgelassene Augen haben sehr melancholische Wimpern. Es
verhält sich ähnlich mit Mozarts vielgerühmter und doch so beschatteter
Heiterkeit, seinem beiläufigen, aber grandiosen Ernst. Sie sind beide zu
scharfblickend, um sich mit dem leichtsinnigen Rossini oder dem trotz
chronisch unglücklichen Verliebtseins bei Gelegenheit so fidelen
Schubert zu verzweigen. Molière und Mozart haben die ähnlichen Nerven,
den ähnlichen geistigen Charme und jene charakteristischen Merkmale,
welche nur den Lieblingen der Götter eigen sind: selbst der unheilbar
erkrankte Molière, der, in der Sänfte getragen, seinen hohen Gönnerinnen
Besuch abstattet, ist noch von Jugend umweht. Selbst der sterbende
Molière ist unvorstellbar als ein Gealterter.
Sie haben eine ähnliche Haltung ihrer Zeit gegenüber, die ihnen teils
eine bevorzugte Stellung einräumt und sie kajoliert, teils mit letzter
Roheit ihre Vorurteile ihnen gegenüber aufrecht hält.
So trägt Mozart den berühmten Fußtritt jenes Grafen davon, an dessen
Wappen er dann haftenblieb, und Molières Leiche wird einer Bestattung in
geweihter Erde nicht für würdig erachtet.
Sollte man da nicht doch versucht sein, an einen Fortschritt zu glauben?
Aber nichts beleuchtet ihn besser als die unbestreitbare Tatsache, daß
in unserer Zeit Molière und Mozart auf ihre Felddiensttauglichkeit
geprüft worden wären. – Wolfgang Amadäus Mozart im Schützengraben!
Molière als Poilu! – Es ist also schon besser, nicht wahr, sie lebten im
_Dix-septième_ und _Dix-huitième_.
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