Ich traf es unvergleichlich, um über den Gotthardt zu fahren. Er stand
in Verzückung, und die Seen lösten sich als himmlische Dekorationen ab.
Dennoch ist es nicht nur die Schönheit – die Welt ist in Europa fast
überall schön –, sondern der seltene Vorzug der Schweiz ist ihre heutige
Leere. Man kehrt in leeren Gasthöfen ein, speist in leeren Lokalen, kein
Zug ist überfüllt. Wohin du siehst, brauchst du nicht über eine Unzahl
Köpfe hinüberzublicken: die Dinge sind dein. Der hohe Kurs hält nicht
nur den Andrang der Reisenden ab, auch von den eigenen Landeskindern
sind viele ausgeflogen. Schon in Como sitzt man wieder gedrängt. Und
angesichts des immer voll besetzten Vaporettos, der zum Lido fährt,
steigt der Gedanke auf, daß wir zu zahlreich geworden sind, Atem holen,
eine Orgelpause ansetzen, auch in geistiger Hinsicht aufräumen, und uns
besinnen sollten, bevor wir weitergehen. Wir erleben eine Zeit, die sich
nicht mehr überblicken läßt. Vorigen Herbst kam ich in einem sehr
östlichen Lande beim Umsteigen hinter einer dichten Menschenmenge durch
die Untergründe eines Bahnhofs zu gehen, von welchen zwei Treppen zur
Oberfläche zurückführten. Von unten gesehen schienen die langsam nach
oben vorschiebenden Köpfe alle konisch auszulaufen, und also gestaut,
und in solcher Massenauflage kaum noch auf ein persönliches Schicksal
hinzudeuten. Entsetzlich zu sagen: wie Sardinenpackungen nahmen sie sich
aus.
Die Allgemeinheit ist heute jener Wald geworden, den man vor Bäumen
nicht mehr sieht. Sie stiebt hin und her, und nicht mehr dem Führer,
sondern den mannigfachen Verführern eröffnet sich heute ein dankbares
Feld. Es wird immerzu von der Masse gesprochen, nie von der Menge, nie
von der _pacotille humaine_, welche, lediglich weil sie aus allen
Ständen zusammengesetzt und zahlkräftig ist, zum Machtfaktor erhoben
wurde. Die stets lenksame Herde ist es, der man sich unterwirft. Und
diese so unnötige Diktatur der Menge, sie, deren Exponent der
Ramschladen ist, sie ist es, die unserem Gemeinschaftsleben den
gewöhnlichen Stempel aufdrückt.
Ich schreibe diese Zeilen in Venedig, es ist wahr, aber Leute wie ich
haben ja nur für ein paar Gedanken Raum, und alle Wege führen zu ihnen
wie nach Rom. Sie bezahlen ihren partiellen Scharfsinn mit
Unzulänglichkeiten aller Art.
Auf meiner Fahrt hierher stellte ich des öfteren fest, in wie hohem
Grade die Masse sowohl heranzubilden wie zu korrumpieren ist. Ich war
bereit, in Mailand dieselbe angenehme Enttäuschung zu erleben wie bei
meiner ersten Reise nach Italien, vor welcher ich manches von dem
„erledigten und geschmacklosen Rafael“ gehört hatte und seine Stanzen
und Deckengemälde mir dann vor Bewunderung den Atem raubten.
Vielleicht würde es mir mit dem Mailänder Dom ähnlich ergehen.
Allein ich kam über den Krankheitsherd seiner Fassade nicht hinaus; die
schönen Paläste, die sich auch hier vorfinden, kommen dagegen nicht an.
Die in Triangelform ausgehauene Schweizer Stickerei, welche sie
überragt, schlug eine Dominante für Mailand an. Sie ist heute
noch verantwortlich für gewisse Hüte, Kleiderarrangements,
Farbenzusammenstellungen, Loggien und Neubauten, denen man anderorts
nicht begegnet, denn sie hat fortwirkend das Auge der Mailänder so
sicher gefälscht, wie sich das der Venezianer bildete. Die ärmste Frau
aus dem Volke hüllt dort bis an das Ende der Zeiten ihre ungefähre
Kleidung in das Dekorum eines schwarzen Schals, zum Zeichen, daß sie
einen höheren Rang einnimmt als die Kollegin, welche in Schürze und
Kittel zwischen scheußlichen Mietskasernen ihre Sohlen schief tritt,
während die Elektrische hinter ihr daherpoltert. Ihr Bewußtsein ist ein
Reflex der Wundergassen, durch die sie wandelt. Er leuchtet von den
beseelten Stirnen der venezianischen Kinder. Laut sind nur die
melodischen Rufe der Gondoliere. Man erschrickt hier vor groben Stimmen,
oder sie wirken komisch.
Für den Militarismus freilich war diese Stadt wie jede andere lediglich
eine Zielscheibe für erfolgreiche Bombenwürfe, und nichts könnte ihn
besser kennzeichnen, als seine Kanonenauffahrt gegen ihre Fragilität.
Von seinen Bekennern sagte ich ja schon, daß ihre Nasen stumpf
ausliefen, wie die Nasen der Hunde, ebenso unfähig wie Hunde, den
geistigen Gang der Dinge zu spüren.
Ich schreibe diesen Brief im Abendwinde der Piazzetta, nach einem ersten
flüchtigen Rundgang in den _giardini publici_. Dort stehen ein halb
Dutzend Gebäude oder mehr den Bildern aller Länder gastlich, allzu
gastlich offen. Die schon geäußerten Erwägungen drängen sich von neuem
auf: Überschüssiges, Ausschußware, als eine Folge der Quantität, die
sich auf Kosten der Qualität behauptet, infolgedessen höherer, nicht zu
vermeidender Ramsch auch hier. Die guten Bilder, oder wenigstens die
guten Künstler, auch die guten Plastiker kannte man.
Überall läuteten schon die Wächter den Schluß der Ausstellung ein, sehr
verfrüht, wie mir schien, aber sie waren es wohl müde, vor so viel
Bildern herumzustehen. Gott, o Gott! Was sollte ich über diese
Ausstellung schreiben? „Ich komme schon!“ rief ich, England durchrasend,
dem Türhüter zu. Nach Holland fliehend, läutete mich schon wieder einer
hinaus. Aber ein erster Rundgang sollte es ja sein. Also rasch nach
Ungarn, dazu reichte es noch. –
Seid mir gegrüßt, ihr Glocken!
Ich stand wieder auf dem Vaporetto; konnte es etwas Überwundeneres
geben, etwas, das sich in dem Maße überlebt hatte, etwas den Bildern
selbst Unzuträglicheres, wie solche Massendarbietungen? Nur
Separatausstellungen haben noch einen Sinn. Der Eindruck einer Überzahl
von Bildern verschiedensten Ursprungs hingegen ist dem eines großen
Geschreies vergleichbar. Wir möchten uns die Ohren zuhalten: sie reden
alle zugleich und fallen einander ins Wort, wobei die Unwichtigsten, wie
das so geht, am lautesten sind. Welch eine stillere Kunst fürwahr ist
die Musik! Und wäre es nicht an der Zeit, solche Bilderparlamente ein
für allemal zu schließen? Hier geht es doch wirklich nicht um
Demokratie. Lohnt es sich, so weise man diesen und jenen Malern einen
Raum. Wenn nicht, so mögen sie erst ausreifen, sofern sie das Malen
nicht aufstecken; jedenfalls verschone man uns mit ihrem Lärm. Auch dem
Nichtssagenden, wie allem, was es gibt, hat der Weltkrieg neue Lichter
aufgesteckt. Vor Leuten, von welchen sich einer acht Jahre früher anöden
ließ, ergreift er heute erschrocken die Flucht, und die Menschengruppen
sondern sich heute reinlicher ab, es ist wahr.