Venedig 1922

Ich traf es unvergleichlich, um über den Gotthardt zu fahren. Er stand

in Verzückung, und die Seen lösten sich als himmlische Dekorationen ab.

Dennoch ist es nicht nur die Schönheit – die Welt ist in Europa fast

überall schön –, sondern der seltene Vorzug der Schweiz ist ihre heutige

Leere. Man kehrt in leeren Gasthöfen ein, speist in leeren Lokalen, kein

Zug ist überfüllt. Wohin du siehst, brauchst du nicht über eine Unzahl

Köpfe hinüberzublicken: die Dinge sind dein. Der hohe Kurs hält nicht

nur den Andrang der Reisenden ab, auch von den eigenen Landeskindern

sind viele ausgeflogen. Schon in Como sitzt man wieder gedrängt. Und

angesichts des immer voll besetzten Vaporettos, der zum Lido fährt,

steigt der Gedanke auf, daß wir zu zahlreich geworden sind, Atem holen,

eine Orgelpause ansetzen, auch in geistiger Hinsicht aufräumen, und uns

besinnen sollten, bevor wir weitergehen. Wir erleben eine Zeit, die sich

nicht mehr überblicken läßt. Vorigen Herbst kam ich in einem sehr

östlichen Lande beim Umsteigen hinter einer dichten Menschenmenge durch

die Untergründe eines Bahnhofs zu gehen, von welchen zwei Treppen zur

Oberfläche zurückführten. Von unten gesehen schienen die langsam nach

oben vorschiebenden Köpfe alle konisch auszulaufen, und also gestaut,

und in solcher Massenauflage kaum noch auf ein persönliches Schicksal

hinzudeuten. Entsetzlich zu sagen: wie Sardinenpackungen nahmen sie sich

aus.

Die Allgemeinheit ist heute jener Wald geworden, den man vor Bäumen

nicht mehr sieht. Sie stiebt hin und her, und nicht mehr dem Führer,

sondern den mannigfachen Verführern eröffnet sich heute ein dankbares

Feld. Es wird immerzu von der Masse gesprochen, nie von der Menge, nie

von der _pacotille humaine_, welche, lediglich weil sie aus allen

Ständen zusammengesetzt und zahlkräftig ist, zum Machtfaktor erhoben

wurde. Die stets lenksame Herde ist es, der man sich unterwirft. Und

diese so unnötige Diktatur der Menge, sie, deren Exponent der

Ramschladen ist, sie ist es, die unserem Gemeinschaftsleben den

gewöhnlichen Stempel aufdrückt.

Ich schreibe diese Zeilen in Venedig, es ist wahr, aber Leute wie ich

haben ja nur für ein paar Gedanken Raum, und alle Wege führen zu ihnen

wie nach Rom. Sie bezahlen ihren partiellen Scharfsinn mit

Unzulänglichkeiten aller Art.

Auf meiner Fahrt hierher stellte ich des öfteren fest, in wie hohem

Grade die Masse sowohl heranzubilden wie zu korrumpieren ist. Ich war

bereit, in Mailand dieselbe angenehme Enttäuschung zu erleben wie bei

meiner ersten Reise nach Italien, vor welcher ich manches von dem

„erledigten und geschmacklosen Rafael“ gehört hatte und seine Stanzen

und Deckengemälde mir dann vor Bewunderung den Atem raubten.

Vielleicht würde es mir mit dem Mailänder Dom ähnlich ergehen.

Allein ich kam über den Krankheitsherd seiner Fassade nicht hinaus; die

schönen Paläste, die sich auch hier vorfinden, kommen dagegen nicht an.

Die in Triangelform ausgehauene Schweizer Stickerei, welche sie

überragt, schlug eine Dominante für Mailand an. Sie ist heute

noch verantwortlich für gewisse Hüte, Kleiderarrangements,

Farbenzusammenstellungen, Loggien und Neubauten, denen man anderorts

nicht begegnet, denn sie hat fortwirkend das Auge der Mailänder so

sicher gefälscht, wie sich das der Venezianer bildete. Die ärmste Frau

aus dem Volke hüllt dort bis an das Ende der Zeiten ihre ungefähre

Kleidung in das Dekorum eines schwarzen Schals, zum Zeichen, daß sie

einen höheren Rang einnimmt als die Kollegin, welche in Schürze und

Kittel zwischen scheußlichen Mietskasernen ihre Sohlen schief tritt,

während die Elektrische hinter ihr daherpoltert. Ihr Bewußtsein ist ein

Reflex der Wundergassen, durch die sie wandelt. Er leuchtet von den

beseelten Stirnen der venezianischen Kinder. Laut sind nur die

melodischen Rufe der Gondoliere. Man erschrickt hier vor groben Stimmen,

oder sie wirken komisch.

Für den Militarismus freilich war diese Stadt wie jede andere lediglich

eine Zielscheibe für erfolgreiche Bombenwürfe, und nichts könnte ihn

besser kennzeichnen, als seine Kanonenauffahrt gegen ihre Fragilität.

Von seinen Bekennern sagte ich ja schon, daß ihre Nasen stumpf

ausliefen, wie die Nasen der Hunde, ebenso unfähig wie Hunde, den

geistigen Gang der Dinge zu spüren.

Ich schreibe diesen Brief im Abendwinde der Piazzetta, nach einem ersten

flüchtigen Rundgang in den _giardini publici_. Dort stehen ein halb

Dutzend Gebäude oder mehr den Bildern aller Länder gastlich, allzu

gastlich offen. Die schon geäußerten Erwägungen drängen sich von neuem

auf: Überschüssiges, Ausschußware, als eine Folge der Quantität, die

sich auf Kosten der Qualität behauptet, infolgedessen höherer, nicht zu

vermeidender Ramsch auch hier. Die guten Bilder, oder wenigstens die

guten Künstler, auch die guten Plastiker kannte man.

Überall läuteten schon die Wächter den Schluß der Ausstellung ein, sehr

verfrüht, wie mir schien, aber sie waren es wohl müde, vor so viel

Bildern herumzustehen. Gott, o Gott! Was sollte ich über diese

Ausstellung schreiben? „Ich komme schon!“ rief ich, England durchrasend,

dem Türhüter zu. Nach Holland fliehend, läutete mich schon wieder einer

hinaus. Aber ein erster Rundgang sollte es ja sein. Also rasch nach

Ungarn, dazu reichte es noch. –

Seid mir gegrüßt, ihr Glocken!

Ich stand wieder auf dem Vaporetto; konnte es etwas Überwundeneres

geben, etwas, das sich in dem Maße überlebt hatte, etwas den Bildern

selbst Unzuträglicheres, wie solche Massendarbietungen? Nur

Separatausstellungen haben noch einen Sinn. Der Eindruck einer Überzahl

von Bildern verschiedensten Ursprungs hingegen ist dem eines großen

Geschreies vergleichbar. Wir möchten uns die Ohren zuhalten: sie reden

alle zugleich und fallen einander ins Wort, wobei die Unwichtigsten, wie

das so geht, am lautesten sind. Welch eine stillere Kunst fürwahr ist

die Musik! Und wäre es nicht an der Zeit, solche Bilderparlamente ein

für allemal zu schließen? Hier geht es doch wirklich nicht um

Demokratie. Lohnt es sich, so weise man diesen und jenen Malern einen

Raum. Wenn nicht, so mögen sie erst ausreifen, sofern sie das Malen

nicht aufstecken; jedenfalls verschone man uns mit ihrem Lärm. Auch dem

Nichtssagenden, wie allem, was es gibt, hat der Weltkrieg neue Lichter

aufgesteckt. Vor Leuten, von welchen sich einer acht Jahre früher anöden

ließ, ergreift er heute erschrocken die Flucht, und die Menschengruppen

sondern sich heute reinlicher ab, es ist wahr.

Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen · 第 29 / 42 题