Wieder auf dem Vaporetto. Nur für Stehplätze an der Sonne ist noch Raum,
einer Julisonne kann man wohl sagen, und es ist Mittag. Mein
Sonnenschirm ist an der Grenze geblieben, und mein Fächer im Hotel. Es
fällt mir plötzlich ein, daß man damals, als es sich noch ausbreiten
konnte in der ganzen Welt, und seine Schiffe in allen Häfen einliefen,
so oft sagen hörte: Deutschland müsse seinen Platz an der Sonne haben
und er sei ihm verwehrt. Barmherziger Gott! Wie ist es heute
zusammengepfercht! Warum ich gerade heute so viel hinüberdenke? Ist es
das überfüllte Boot?
Es glitt den _Canal Grande_ entlang, und das Auge stillte sich an den
unsterblichen Palästen, den gewaltigen wie den schmächtigen, der Musik
ihrer Formen, dem Zusammenklang ihrer Farben; denn sie sprachen zu ihm.
Ja, es fühlte sich angerufen von diesen geschwungenen Brücken, sie
fingen an, ihm die intimste aller Gefolgschaften zu bilden; diese
Gassen, in den Gewässern aufgetan, die Stufen, die hinab in ihre Stille
führten, und ihre Pforten, so traumhaft umspült, sie zogen alle mit ihm;
und die Gärten, die Mauern, tief von den Ästen überhangen, und jene
Kinder dort, zwischen den Säulen der Terrasse, so schlank, so zart
gekleidet, und die so still hielten ... Und die berückende Dame, die uns
in ihrer Gondel kreuzte, deren Rosenherz vorfrüh gebrochen ist, und
lange vor Sommers Ende den Herbst erlebte. Welcher Stoß hat es
getroffen, und wird es sich erholen? Sie gibt die schweren Kelche ihrer
Augen, die von der Süße und Qual der Rosen beladenen, dem Lichte preis,
fesselnder in ihrem unverminderten, doch schon verfallenen Zauber, wie
alle Jugend. Sie ist vorbeigezogen.
Am Rialto gab es ein Gedränge. Doch jetzt saß ich am äußersten Ende des
Bootes. Das Glück stieg und schwellte in mir empor, und ich gewährte ihm
ganz. Wir hatten im Schatten angelegt, und vor mir war ein schwerer
Palast, die rostbraunen Gardinen herabgelassen. Aber ein Luftzug bewegte
sie; sie blähten sich wie Segel, bereit, dem Winde zu folgen. Warum
erhöhte sich da meine Lust? – Die Welt ist nie so heimatlos, Venedig
noch nie so kostbar gewesen.
Ich hatte beim Einsteigen den _Corriere della Sera_ erstanden, aber
vergessen, ihn zu lesen. Er glitt jetzt von meinen Knien zu Boden, und
ich hob ihn auf. Zuoberst auf der ersten Seite standen die Worte:
_Rathenau assassinato_. Sie setzten das Auge unverzüglich außer Spiel
und schalteten es aus. Von all den Palästen sah es keinen einzigen mehr.
* * * * *
Fürwahr, ihr Freunde, ein wunderbarer Richter ist der Tod. Mit zeitloser
Geschwindigkeit hat er die Maske von uns gerissen, die Schale zerbrochen
und den tauben oder süßen Kern in uns geprüft und kundgetan. Da sind
„gute Bekannte“, von deren Sterben man Notiz nahm, ohne mit der Wimper
zu zucken; da ist ein anderer, scheinbar Fernerstehender, dem wir durch
die Umstände oder durch gewisse Eigenschaften, die uns in Schach
hielten, nie wirklich nähertraten. Und da trifft uns sein Tod wie der
eines nahen Freundes, als hätten wir ihn immer geliebt. Es zeigt sich,
daß alle seine Schuldscheine zerrissen, jeder Schatten durch starke
Wesenheiten überboten sind, und es will plötzlich nicht mehr gelingen,
uns seiner Fehler auch nur zu entsinnen. Was ist geschehen? Es gibt
Fehler, die nichts Inherierendes sind.
Rathenau gehörte, wie der während des Krieges verstorbene Robby
Mendelsohn, zu den ganz wenigen feudalen Juden, die in Deutschland zu
finden sind. Hier ist der Punkt, wo jeder Mensch von Ressentiment (sei
es aus Rasse oder sonstigen Gründen) ihn mißverstehen mußte. Undenkbar –
denn es war nichts Kleinliches in ihm, nicht einmal in seiner Eitelkeit
–, daß er den Nekrolog geschrieben hätte, der ihm von Harden zuteil
wurde. Selbst was er Richtiges enthält, ist daneben. Rathenaus Ehrgeiz
war ohne eine Spur von Subalternität. Als er zur Regierung gelangte,
zeigte es sich, daß er nicht nur seinem Talent, sondern auch seiner
Natur nach dazu berufen war. Dies gab seiner Gestalt das ungemeine
Relief: mochte er diesen oder jenen Fehler begehen, er war an seinem
richtigen Platz. Und die antike Glorie seines Todes entsprach ihm
wirklich.
Daß er übrigens bis in das Jahr neunzehnhundertundachtzehn an den Sieg
Deutschlands glaubte, habe ich von ihm selbst anders gehört. Im Frühjahr
neunzehnhundertundsechzehn besuchte er mich einmal in München, im Herbst
desselben Jahres fuhren wir die Strecke Romanshorn-Buchloe zusammen, im
Januar neunzehnhundertundsiebzehn sah ich ihn zum letzten Male in
Berlin. Es war hier und dort fast dasselbe Gespräch:
„Lassen Sie heute die Hände“, sagte er, „von der Politik. Sie ist des
Teufels Kessel. Sie wissen nicht, was vorgeht, und Sie können nicht
dagegen an.“
„Warum tun _Sie_ nichts?“
„Weil nichts zu machen ist, die Dinge müssen ihren Lauf nehmen. Erwarten
Sie immer das Ärgste, und Sie werden es noch übertroffen sehen. Es gibt
keine Dummheit, die man unterlassen wird. Den Unterseebootkrieg? Ja, der
kommt auch,“ fuhr er in seiner gleichmäßigen Stimme fort, „und dann der
Krieg mit Amerika. Und zuletzt wird man ihn verlieren. Auch das.“
„Das sagen Sie,“ rief ich, „und sehen zu?“
„Weil alles vergebens ist. Später, viel später erst, werde ich
vielleicht eingreifen können. Ich warne Sie“, fing er wieder an – und
nahm seine Belehrungen wieder auf.
Seine Worte, meine Unfähigkeit, die Lage zu übersehen, bedrückten mich
schwer. Doch ich hielt an meiner Hoffnung an ein baldiges Ende fest.
Dieser Allesbesserwisser! Gottlob, daß er nicht recht zu haben brauchte.