Montag, 26. Juni

Wieder auf dem Vaporetto. Nur für Stehplätze an der Sonne ist noch Raum,

einer Julisonne kann man wohl sagen, und es ist Mittag. Mein

Sonnenschirm ist an der Grenze geblieben, und mein Fächer im Hotel. Es

fällt mir plötzlich ein, daß man damals, als es sich noch ausbreiten

konnte in der ganzen Welt, und seine Schiffe in allen Häfen einliefen,

so oft sagen hörte: Deutschland müsse seinen Platz an der Sonne haben

und er sei ihm verwehrt. Barmherziger Gott! Wie ist es heute

zusammengepfercht! Warum ich gerade heute so viel hinüberdenke? Ist es

das überfüllte Boot?

Es glitt den _Canal Grande_ entlang, und das Auge stillte sich an den

unsterblichen Palästen, den gewaltigen wie den schmächtigen, der Musik

ihrer Formen, dem Zusammenklang ihrer Farben; denn sie sprachen zu ihm.

Ja, es fühlte sich angerufen von diesen geschwungenen Brücken, sie

fingen an, ihm die intimste aller Gefolgschaften zu bilden; diese

Gassen, in den Gewässern aufgetan, die Stufen, die hinab in ihre Stille

führten, und ihre Pforten, so traumhaft umspült, sie zogen alle mit ihm;

und die Gärten, die Mauern, tief von den Ästen überhangen, und jene

Kinder dort, zwischen den Säulen der Terrasse, so schlank, so zart

gekleidet, und die so still hielten ... Und die berückende Dame, die uns

in ihrer Gondel kreuzte, deren Rosenherz vorfrüh gebrochen ist, und

lange vor Sommers Ende den Herbst erlebte. Welcher Stoß hat es

getroffen, und wird es sich erholen? Sie gibt die schweren Kelche ihrer

Augen, die von der Süße und Qual der Rosen beladenen, dem Lichte preis,

fesselnder in ihrem unverminderten, doch schon verfallenen Zauber, wie

alle Jugend. Sie ist vorbeigezogen.

Am Rialto gab es ein Gedränge. Doch jetzt saß ich am äußersten Ende des

Bootes. Das Glück stieg und schwellte in mir empor, und ich gewährte ihm

ganz. Wir hatten im Schatten angelegt, und vor mir war ein schwerer

Palast, die rostbraunen Gardinen herabgelassen. Aber ein Luftzug bewegte

sie; sie blähten sich wie Segel, bereit, dem Winde zu folgen. Warum

erhöhte sich da meine Lust? – Die Welt ist nie so heimatlos, Venedig

noch nie so kostbar gewesen.

Ich hatte beim Einsteigen den _Corriere della Sera_ erstanden, aber

vergessen, ihn zu lesen. Er glitt jetzt von meinen Knien zu Boden, und

ich hob ihn auf. Zuoberst auf der ersten Seite standen die Worte:

_Rathenau assassinato_. Sie setzten das Auge unverzüglich außer Spiel

und schalteten es aus. Von all den Palästen sah es keinen einzigen mehr.

* * * * *

Fürwahr, ihr Freunde, ein wunderbarer Richter ist der Tod. Mit zeitloser

Geschwindigkeit hat er die Maske von uns gerissen, die Schale zerbrochen

und den tauben oder süßen Kern in uns geprüft und kundgetan. Da sind

„gute Bekannte“, von deren Sterben man Notiz nahm, ohne mit der Wimper

zu zucken; da ist ein anderer, scheinbar Fernerstehender, dem wir durch

die Umstände oder durch gewisse Eigenschaften, die uns in Schach

hielten, nie wirklich nähertraten. Und da trifft uns sein Tod wie der

eines nahen Freundes, als hätten wir ihn immer geliebt. Es zeigt sich,

daß alle seine Schuldscheine zerrissen, jeder Schatten durch starke

Wesenheiten überboten sind, und es will plötzlich nicht mehr gelingen,

uns seiner Fehler auch nur zu entsinnen. Was ist geschehen? Es gibt

Fehler, die nichts Inherierendes sind.

Rathenau gehörte, wie der während des Krieges verstorbene Robby

Mendelsohn, zu den ganz wenigen feudalen Juden, die in Deutschland zu

finden sind. Hier ist der Punkt, wo jeder Mensch von Ressentiment (sei

es aus Rasse oder sonstigen Gründen) ihn mißverstehen mußte. Undenkbar –

denn es war nichts Kleinliches in ihm, nicht einmal in seiner Eitelkeit

–, daß er den Nekrolog geschrieben hätte, der ihm von Harden zuteil

wurde. Selbst was er Richtiges enthält, ist daneben. Rathenaus Ehrgeiz

war ohne eine Spur von Subalternität. Als er zur Regierung gelangte,

zeigte es sich, daß er nicht nur seinem Talent, sondern auch seiner

Natur nach dazu berufen war. Dies gab seiner Gestalt das ungemeine

Relief: mochte er diesen oder jenen Fehler begehen, er war an seinem

richtigen Platz. Und die antike Glorie seines Todes entsprach ihm

wirklich.

Daß er übrigens bis in das Jahr neunzehnhundertundachtzehn an den Sieg

Deutschlands glaubte, habe ich von ihm selbst anders gehört. Im Frühjahr

neunzehnhundertundsechzehn besuchte er mich einmal in München, im Herbst

desselben Jahres fuhren wir die Strecke Romanshorn-Buchloe zusammen, im

Januar neunzehnhundertundsiebzehn sah ich ihn zum letzten Male in

Berlin. Es war hier und dort fast dasselbe Gespräch:

„Lassen Sie heute die Hände“, sagte er, „von der Politik. Sie ist des

Teufels Kessel. Sie wissen nicht, was vorgeht, und Sie können nicht

dagegen an.“

„Warum tun _Sie_ nichts?“

„Weil nichts zu machen ist, die Dinge müssen ihren Lauf nehmen. Erwarten

Sie immer das Ärgste, und Sie werden es noch übertroffen sehen. Es gibt

keine Dummheit, die man unterlassen wird. Den Unterseebootkrieg? Ja, der

kommt auch,“ fuhr er in seiner gleichmäßigen Stimme fort, „und dann der

Krieg mit Amerika. Und zuletzt wird man ihn verlieren. Auch das.“

„Das sagen Sie,“ rief ich, „und sehen zu?“

„Weil alles vergebens ist. Später, viel später erst, werde ich

vielleicht eingreifen können. Ich warne Sie“, fing er wieder an – und

nahm seine Belehrungen wieder auf.

Seine Worte, meine Unfähigkeit, die Lage zu übersehen, bedrückten mich

schwer. Doch ich hielt an meiner Hoffnung an ein baldiges Ende fest.

Dieser Allesbesserwisser! Gottlob, daß er nicht recht zu haben brauchte.

Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen · 第 30 / 42 题