Der Schnellzug nach Straßburg verließ Lyon frühmorgens. Auf dem andern
Geleise lief einer, auf den ich hatte verzichten müssen, um die gleiche
Stunde nach Paris. Lyon trug sich in Nebeln, vielfach noch in Lichtern.
Es gab viel Reisende, und bei mir zog gleich eine ganze Gesellschaft
ein: zwei ältere Herren, der eine sehr schön gewesen, der andere sehr
lustig geblieben, ein Herr von vierzig Jahren und eine noch
wunderhübsche Dame mit einem schon siebzehnjährigen Söhnchen, der in
einem großen, weiten Eisbärpelz schier zerging. Sie waren guter Dinge,
und kurzweilig kündete sich meine Fahrt. Der lustig Gebliebene lachte
über eine Komödie aus der „_Illustration_“, und die Weise, in welcher
der schöne Nestor der Dame aus ihrer Jacke half, sprach Bände für seine
Vergangenheit. Als sie das erste Mittagessen wählten, wählte ich auch
das erste Mittagessen, und im Speisewagen behielt ich sie erst recht im
Auge. Die Dame trug eine Bluse aus weißer Chinaseide zu einem grauen
Rock. Ihre schlanken Füße in den hellen Strümpfen und den offenen
Schuhen hatten eine feste Art aufzutreten. Munter speiste sie, trank
munter Wein, derweil sie munter sprach, und blieb zart und blaß dabei
wie eine Narzisse. Das Reizendste vielleicht war doch ihr Mund, der, ein
bißchen schief gezogen, ein bißchen schmerzlich, eben diese
Schmerzlichkeit jener leisen Verzogenheit verdankte. Es war ein
schwärmerischer, bitterer, glückseliger Mund, man wußte nicht recht, wie
er sich zu ihrem lebhaften und sicheren Wesen verhielt. Aber sie war
sich bewußt, glücklich zu sein.
Vor den breiten Scheiben floh eine Landschaft dahin, die mich nicht
fesselte. Hin und wieder Hügel, von Schnee gestreift: der Winter, mir
von jeher verhaßt, der von der Erde Besitz ergriff, und ein toter,
mißgelaunter Himmel. Lieber sah ich zu jenem Tische hin. Als sie dort
Kaffee nahmen, nahm ich auch Kaffee, denn ich wollte erst aufbrechen,
wenn sie aufbrechen würden. Mein Eckplatz befand sich an der Seite des
Ganges. Dort pflanzten sie sich bei ihrer Rückkehr auf; sie setzten sich
nicht gleich herein, aber sie blieben bei mir, und ich hörte alles, was
sie sagten. In aufgeregtester Debatte standen sie beisammen: denn das
Essen hatte nichts getaugt. Dieses _Fricandeau_, was das wohl hatte
bedeuten sollen? Gab es Worte für so unzulängliche Kartoffeln und eine
so nichtssagende _Omelette_? „_Cependant les petits pois_“, sagte der
Mann von vierzig Jahren ... „_Les petits pois étaient bons_“, sagte die
hochstielige Narzisse. „_C’étaient ma foi d’excellents petits pois_“,
sagte Nestor. „_Ils étaient même étonnants_“, sagte mit großem Ernst der
lustig Gebliebene. Das Söhnchen hatte im Speisewagen sein Zigarettenetui
vergessen, kam jetzt herzu und sagte lebhaft: „_Il n’y avait de bon que
les petits pois_.“ Und nun wurde noch eine ganze Weile intensiv, wie in
den Wandelgängen der Kammer, über die, wie mir dabei kund wurde,
keineswegs leichte Kunst der Erbsenzubereitung verhandelt. Von den
Erbsen kam man auf die Wicken, von den Wicken auf die Gewinnung des
Lavendels. Der echte ist sehr schwer vom wilden zu unterscheiden.
Nestor, müde vom Stehen, nahm als erster wieder Platz. Er fragte mich,
ob mich der Rauch nicht störe, und mein „_oh non_“, die einzigen Worte,
die ich an diesem Tage sprach, wollte sagen: „Kommt alle herein, setzt
euch. Ich bin entzückt.“
Das Geheimnis der Franzosen, was ist es, wenn nicht, daß sie bei so
starker Animalität so wenig materiell sind. Hier ist der Schlüssel zu
ihrem Wesen wie zu ihrer Kunst. Es ist der Augenblick, der, wenn auch
nicht verweilen, sich voll auslösen darf, weil er nie vorgreift, auch wo
er überfließt, und weil sein Rhythmus sich genügt. Unüberlegtes Volk,
tragisch in seiner Kindlichkeit. Wem würde es einfallen, die Deutschen
Kinder zu nennen? Frankreich ist der Wein der Welt, Deutschland wäre
aller Brot, wenn es doch endlich die Dinge treiben ließe.
Ich kann freilich nicht verlangen, daß ein Militarist von dem, was hier
gemeint ist, auch nur ein Wort versteht. Denn Militaristen sind
Geschöpfe ohne Hirn, an sich also nur grotesk. Allein, solche Wesen ohne
Kopf durften sich zu Herren der Welt erheben, und streben vollen
Ernstes, es noch einmal zu werden. Auf die Weise zwingen sie denkende
Kreaturen, im Harnisch zu bleiben und weiterhin zu buchstabieren.