Nicht wie eine Dichterin, wie eine Schwerkapitalistin, in einem Coupé
erster Klasse, durchfuhr ich Frankreich der ganzen Länge nach. So etwas
will ausgekostet werden. Allein, ich war zu krank. Und welche Not, Arles
mit seinen kleinen Bergen vor sich zu sehen, ohne auszusteigen. Denn die
mir zuerteilte Jungfer kam aus ihrem Abteil hervor und parlamentierte so
eindringlich dagegen, daß ich im Zuge blieb. Aber in Avignon sprang ich
doch heraus und ließ meine Suite vorausreisen.
Ich fuhr – denn sobald ich zu Fuße ging, neigten sich die Häuser höflich
vornüber und der Boden beschrieb unsichere Kurven –, ich fuhr also die
lange Straße, die zum Palast der Päpste führt. Er war geschlossen. Was
blieb mir da, als die Zeit mit einer Rundfahrt auszufüllen in dieser
gewesenen Stadt mit ihrem Vorgeschmack des Nordens, ihrer herbstlichen
Sonne, ihrer kälteren Luft und ihrer Schwermut? Wie eine Orgel nach
allen Richtungen braust, so erfüllte der Palast der Päpste überallhin
den Raum. Als ich mit dem nächsten Zuge weiterfuhr, glühte er feenhaft
im Abendschein in seiner Weitläufigkeit wie zum Tanze geschlossen, gebot
er über die Rhone, die breiten Laufes sich dem Meer entgegenwand. Der
Gang, von dem aus ich zu ihm hinüberschaute, war leer. Auch kein
Schaffner zeigte sich, und die Bangigkeit des Abends umspann mich ganz.
Mein einziger Reisegefährte war ein Herr, der sehr viel Zeitungen mit
sich führte. Aber die Dämmerung kam schnell, das Licht war zu trübe, um
dabei zu lesen, und so gerieten wir in ein Gespräch. Langsam und
beschaulich war manch ein Wort gefallen, als in Valence eine
fremdsprachige Familie, mit starken Nüstern, hereinbrach. Ein
ungebärdiges, der hintersten kleinen Entente entstammendes Französisch
um sich werfend, zog sie gleich darauf wieder ab, größere
Ausbreitungsmöglichkeiten zu suchen.
„_Que de mines étrangères quand on traverse la France, nous ne sommes
plus chez nous._“
Ich war es, die so gesprochen hatte, und ob ich auch alsbald über meine
Worte sehr erschrak, so war es doch zu spät, um sie zurückzunehmen.
Dieser Tag, bisher so stumm verbracht, hatte mich in seine Falten
eingeschlagen, bis ich, voll eines sanften Übermutes, heimisch in ihm
wurde, geborgen und betäubt. Nun war er zu Ende. Es war Nacht. Der Fluß
zog im Dunkeln hart an uns vorbei. Das Rauschen des Zuges glich einem
Monolog, wir aber waren eines Sinnes, und mit sepulchraler Melancholie
unterhielten wir uns über Frankreich. Beide, weit zurückgelehnt, sahen
wir einander nicht. Ich sehnte Lyon herbei, denn eine grauenvolle
Erschöpfung kam jetzt zu ihrem Recht. Der Wagen schien mir hin und her
gestoßen wie ein Schiff, das im Sturm auf Grund gerät. Wir sprachen von
der Notwendigkeit, sich zu vertragen, und daß wir alle nur eine einzige
Aufgabe hätten, einen neuen Krieg zu verhindern. Alles andere sei
unwichtig. Wann aber kam Lyon? Wenn ich bewußtlos wurde, bevor wir es
erreichten, was dann? Als erstes würde man suchen, mich zu
identifizieren. Gleich zuoberst in meinem Täschchen aber lag mein Paß.
So so; ei ei. Ich rieb mir die Schläfen mit Kölnischem Wasser, saß jetzt
mit gefalteten Händen und schwieg. Wann kam Lyon? Hinter meiner Lehne
verschanzt, sprach ich mir Mut zu. Endlich gab ich es auf und bat ihn,
das Fenster zu öffnen. Nebel und Kälte strömten herein. „_Nous voilà_“,
sagte er, und kramte seine Zeitungen zusammen. Wir waren in Lyon.
* * * * *
Auch in England, daß ich es nur gestehe, habe ich mich vor dem Kriege
manchmal heimisch gefühlt. Wer jedoch die Geschicke dieses Kontinents
mit starker Anteilnahme verfolgt, der kann heute kein Herz fassen zu
England. Auch durchschauen die Besten dort wohl, und weisen die
Heuchelei eines Axioms zurück, das sich als eine „Parteinahme des
Schwächeren“ formuliert, in Wirklichkeit aber nur den Hader auf diesem
Erdteil zu perpetuieren beabsichtigt. Der falsche Bruder hatte vor dem
rabiaten Gegner ohne weiteres den Vorzug für die leichtgläubigen
Deutschen. Der Politik Frankreichs zuzusehen, ist ja ein Alpdruck für
sich, aber Englands Rolle in diesen Tagen war viel finsterer. Die Besten
dort erkennen wohl, daß es sich in seiner Rechenkunst überschlug; denn
der Rest wäre zu trübe, um darin fischen zu können; so daß letzten Endes
es nicht mehr in Englands eigenstem Interesse läge, seinen säkularen,
aber nicht ehrwürdigen Kurs in Europa beizubehalten. Die Besten dort
wissen es wohl.