Ich habe von der Vogelperspektive aus noch keine schönere Stadt gesehen
als Marseille. Die sehr nennenswerte Kälte und ein strömender Regen
beeinträchtigten den Eindruck nicht. Freilich, das Meer war tonlos bis
in alle Fernen. Doch um so berückender leuchteten inmitten des Dunstes
die Dächer und die schmalen Fronten der Häuser. Eines stand ganz allein
für sich in seiner Feinheit, von einem rührenden Garten umzogen, der ein
flaches Viereck bildete. Sonst nirgends ein grüner Fleck. Aber durch
geheimnisvolle Vorgänge der Sonne und der Luft war hier im Laufe der
Zeiten ein Werk von Menschenhänden selber zur Natur geworden. Diese
Dächer, diese Steine überboten die Natur.
Als wir zu Tale fuhren, dem alten Hafen zu, blieben wir in dessen
handbreiten Gassen natürlich hängen. Es dunkelte. Schon brannten die
Lichter überall. Ich sprang aus dem Wagen hinter einem grauen Kater her
und erhaschte ihn. Doch ich war der französischen Katzensprache nicht
mehr mächtig, und er riß mir aus. Trotz des Regens setzte ich mich zum
Chauffeur. Wir blieben lange festgefahren. Ein wunderhübsches junges
Mädchen schlug im Vorübergehen leise auf seine Hand, sah sich dann um
und lächelte. Auf der andern Seite schwang sich ein kleiner Junge
herauf, starrte mich an und wartete, daß ich lachte über seinen Spaß.
Dann erst sprang er wieder ab. Diese schwarzäugigen, grauäugigen
Gesichter unter dem nächtlichen Haar waren alle auf der Lauer. Auf ein
Lächeln, ein lustiges Wort des Nächsten lauerten diese dunkeln und
verspielten Gesichter. Im Restaurant, in dem wir aßen, servierte nicht,
es zelebrierte der Kellner.
Ich fuhr am nächsten Morgen wieder auf den Berg, um die Stadt noch
einmal von der Höhe aus zu sehen. Aber die Dächer lagen wie entkräftet
im Sonnenlicht. Dafür schlug das Meer tiefblaue Pulse zu ihm auf. In den
Gassen des alten Hafens baumelten bis zu den obersten Mansarden hinauf
farbenfrohe Kleider übereinander und wehten bunte Schürzen hin und her.
Fasse dich, Leser, Geduld. Ich komme bald zu dem, was ich sagen will.
Sieh, schon verlasse ich Marseille.
Paris-Lyon-Méditerranée hieß mein Zug. Im Mittagglanze dampfte er los.
Wieviel Inspiration niedrigen Bergen innewohnen kann, ahnte ich nicht,
bevor das weiße, lebhafte Arles vor mir aufblitzte, bevor ich die
niedrigen Berge um Arles, die einfachen Terrainwellen der schaukelnden
Erde um Tarascon, die unaufdringliche und wunderbare Schönheit der
Provence gewahrte.
Freunde. Eure Hände. Wie oft schwur ich mir, keine Betrachtungen mehr
über Frankreich anzustellen. Denn es ist mir nicht gegeben, sie anders
als auf Deutschland zu beziehen. Aber heute ist man verwachsen mit
seinem Kreuz. Und die Unkenntnis wahrzunehmen, die ein Stockwerk um das
andere dem Turm Babel anreiht, zwingt uns immer wieder, unsere nie
vernommenen Stimmen zu erheben.
Laßt uns ganz unsentimental sein. Auch ohne Liebhaberei müßte uns der
Anblick Frankreichs die Worte: „Es lebe Frankreich!“ entreißen. Denn
Frankreich mit seinem rar gewordenen Blute ist unser Wein. Sein Leben
ist der Welt notwendig. Deutschland – denn immer nur um diese beiden
geht es –, Deutschland wäre aller Brot, wenn es doch endlich die Dinge
gehen ließe. Die Stärke seiner geistigen Existenz ist eine Großmacht
geblieben, intangibel und der Welt notwendig.