Dezember 1923

Ich habe von der Vogelperspektive aus noch keine schönere Stadt gesehen

als Marseille. Die sehr nennenswerte Kälte und ein strömender Regen

beeinträchtigten den Eindruck nicht. Freilich, das Meer war tonlos bis

in alle Fernen. Doch um so berückender leuchteten inmitten des Dunstes

die Dächer und die schmalen Fronten der Häuser. Eines stand ganz allein

für sich in seiner Feinheit, von einem rührenden Garten umzogen, der ein

flaches Viereck bildete. Sonst nirgends ein grüner Fleck. Aber durch

geheimnisvolle Vorgänge der Sonne und der Luft war hier im Laufe der

Zeiten ein Werk von Menschenhänden selber zur Natur geworden. Diese

Dächer, diese Steine überboten die Natur.

Als wir zu Tale fuhren, dem alten Hafen zu, blieben wir in dessen

handbreiten Gassen natürlich hängen. Es dunkelte. Schon brannten die

Lichter überall. Ich sprang aus dem Wagen hinter einem grauen Kater her

und erhaschte ihn. Doch ich war der französischen Katzensprache nicht

mehr mächtig, und er riß mir aus. Trotz des Regens setzte ich mich zum

Chauffeur. Wir blieben lange festgefahren. Ein wunderhübsches junges

Mädchen schlug im Vorübergehen leise auf seine Hand, sah sich dann um

und lächelte. Auf der andern Seite schwang sich ein kleiner Junge

herauf, starrte mich an und wartete, daß ich lachte über seinen Spaß.

Dann erst sprang er wieder ab. Diese schwarzäugigen, grauäugigen

Gesichter unter dem nächtlichen Haar waren alle auf der Lauer. Auf ein

Lächeln, ein lustiges Wort des Nächsten lauerten diese dunkeln und

verspielten Gesichter. Im Restaurant, in dem wir aßen, servierte nicht,

es zelebrierte der Kellner.

Ich fuhr am nächsten Morgen wieder auf den Berg, um die Stadt noch

einmal von der Höhe aus zu sehen. Aber die Dächer lagen wie entkräftet

im Sonnenlicht. Dafür schlug das Meer tiefblaue Pulse zu ihm auf. In den

Gassen des alten Hafens baumelten bis zu den obersten Mansarden hinauf

farbenfrohe Kleider übereinander und wehten bunte Schürzen hin und her.

Fasse dich, Leser, Geduld. Ich komme bald zu dem, was ich sagen will.

Sieh, schon verlasse ich Marseille.

Paris-Lyon-Méditerranée hieß mein Zug. Im Mittagglanze dampfte er los.

Wieviel Inspiration niedrigen Bergen innewohnen kann, ahnte ich nicht,

bevor das weiße, lebhafte Arles vor mir aufblitzte, bevor ich die

niedrigen Berge um Arles, die einfachen Terrainwellen der schaukelnden

Erde um Tarascon, die unaufdringliche und wunderbare Schönheit der

Provence gewahrte.

Freunde. Eure Hände. Wie oft schwur ich mir, keine Betrachtungen mehr

über Frankreich anzustellen. Denn es ist mir nicht gegeben, sie anders

als auf Deutschland zu beziehen. Aber heute ist man verwachsen mit

seinem Kreuz. Und die Unkenntnis wahrzunehmen, die ein Stockwerk um das

andere dem Turm Babel anreiht, zwingt uns immer wieder, unsere nie

vernommenen Stimmen zu erheben.

Laßt uns ganz unsentimental sein. Auch ohne Liebhaberei müßte uns der

Anblick Frankreichs die Worte: „Es lebe Frankreich!“ entreißen. Denn

Frankreich mit seinem rar gewordenen Blute ist unser Wein. Sein Leben

ist der Welt notwendig. Deutschland – denn immer nur um diese beiden

geht es –, Deutschland wäre aller Brot, wenn es doch endlich die Dinge

gehen ließe. Die Stärke seiner geistigen Existenz ist eine Großmacht

geblieben, intangibel und der Welt notwendig.

Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen · 第 26 / 42 题