Donaueschingen im Sommer 1923

I

Ich glaubte es meinem Interesse für die Musik schuldig zu sein, daß ich

nach Donaueschingen fuhr. Die Hitze war mörderisch, die Züge so

überfüllt, wie sie nur hart vor einer Tariferhöhung zu sein pflegten.

Der Rauch billiger Zigarren mischte sich in den herrschenden Dunst. Tief

verdrossen saß ich in der Dichterklasse. Wo sonst? Zum Lesen war es zu

dunkel in der einbrechenden Nacht, die Beleuchtung spärlich wie für

Sträflinge, und alles winterlich trübe bis auf die Hitze.

In Titisee wurde die Tür aufgerissen, und es quetschten sich noch zwei

junge Leute herein: der eine war blaß und mickerig: erster

Handlungsgehilfe, letzter Bankbeamter, man wußte nicht recht. Auch beim

andern nicht, dessen hübsches, rundes und zierliches Gesicht bunt war

wie eine Forelle.

„Sie Lümmel!“ sagte er plötzlich zu dem bläßlichen Handlungsgehilfen

oder Schaltervolontär. „Sie Lümmel! So ein Lümmel!“ Man horchte auf.

Denn welch ein überraschender Wohlklang, welch bezauberndes Organ! War

er wenigstens ein kommender Bühnenstar, wartete seiner wenigstens ein

Ruf aus der Großstadt? Er sprach das reizendste und geschmeidigste

Deutsch, aber so blitzschnell, daß vieles, was er sagte, im Geräusch des

Wagens und des Gelächters unterging. Wir vernahmen jetzt etwas von einem

Onkel, der dem „Lümmel“ einen Dollar schenkte, worauf vier Kellner

ausgesandt wurden, um nach den Kursen zu schauen. Hitze, Rauch, billige

Zigarren, alles war vergessen: wir saßen im Parkett. Chaplin war nicht

anmutiger. Donaueschingen kam nur zu bald. Die anderen lachten

vielleicht noch bis Mainz, den ganzen Rhein entlang. Wohin fuhr der

junge Mann? Was war er? Vielleicht verkaufte er Handschuhe und Krawatten

die Woche über. Seine übersensible Lustigkeit rührte geradezu. Ein

Künstler unleugbar, aber der arme Kerl ahnte es vielleicht nicht. Die

Laufbahn kam wohl nicht in Frage für ihn. Ja, ja, ein neuer Typ!

Ich dachte noch an ihn, als ich auf dem Bahnhof stand. Donaueschingen

lag in tiefster Schwärze. Die drei Personen, die sich eingefunden

hatten, mich abzuholen, versicherten mir alle zugleich, sie seien drauf

und dran gewesen, im Hotel ein Zimmer für mich zu finden. So war es auch

mit jener Dame, die immer so lange Geschichten erzählte, deren Pointe

immer war, daß sie fast ertrunken, eigentlich nur durch ein Wunder nicht

abgestürzt, bei zweiundvierzig Grad Fieber um ein Haar gestorben wäre

usw. Kurz gesagt: das Wort „Privatquartier“ schlug jetzt an mein Ohr,

und ich mußte nehmen, was sich mir bot, oder die Krönungsmesse des schon

nahenden Morgens versäumen. Um neun Uhr früh, bequem an einen Pfeiler

lehnend, freute ich mich zum erstenmal, daß ich gekommen war. Ein feines

Städtchen dieses Donaueschingen. Die Solisten sangen so schön und

stilvoll, daß ich schon Berühmtheiten in ihnen vermutete, statt dessen

waren es Einheimische, deren Namen niemand kannte.

Von der Kirche weg ging alles im Oberammergauer Passionsschritt auf eine

stimmungslose Turnhalle zu, in welcher die Konzerte abgehalten wurden.

Die des ersten Tages habe ich vergessen. Was den Durchschnitt der

Aufführungen überragte, überragte ihn so bestimmt, daß die Besprechungen

vermutlich recht gleichförmig ausgefallen sind. So wird jeder Kritiker

Hába hervorgehoben haben, aber nicht die überraschende Sinnfälligkeit

seines Quartetts im Vierteltonsystem. Durch seine innere Notwendigkeit

leuchtete es ebensosehr wie durch seine meisterliche Kürze ein. Denn

keine Musik verträgt Längen schlechter als die neue. Wohl haben wir die

der nachwagnerischen Programmusik noch voll im Gedächtnis. Aber bei

ihnen konnte man einschlafen, seine eigenen Gedanken spinnen. Wir kennen

die Klippe der tonalen Kompositionen; die der atonalen heißt

Katzenmusik. Mit halbem Hinhören wird man sie nicht los. Mit Snobismen

führe hier die ganze Hölle auf. Zwar keimen sie bereits, jedoch –

gottlob! – sie wucherten noch nicht. Die Atmosphäre Donaueschingens war

noch sehr sympathisch. Der Dollarstand war fern, von Nationalismen keine

Rede. Es drehte sich wirklich alles nur um die Sache. Diese Jugend, ganz

sich selbst überlassen, war ganz sich selbst. Viel eher schien sie sich

der kontemplativen Landschaft anzupassen, so daß ein fast zeitloses

Stimmungsbild entstand. Einem jungen Belgier wurde zugejubelt, als gäbe

es nur _eine_ Kameradschaft auf der Welt, und als Sieger des

musikalischen Turniers ging der Tscheche Hába und der Spanier Jarnach

hervor.

Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen · 第 21 / 42 题