I
Ich glaubte es meinem Interesse für die Musik schuldig zu sein, daß ich
nach Donaueschingen fuhr. Die Hitze war mörderisch, die Züge so
überfüllt, wie sie nur hart vor einer Tariferhöhung zu sein pflegten.
Der Rauch billiger Zigarren mischte sich in den herrschenden Dunst. Tief
verdrossen saß ich in der Dichterklasse. Wo sonst? Zum Lesen war es zu
dunkel in der einbrechenden Nacht, die Beleuchtung spärlich wie für
Sträflinge, und alles winterlich trübe bis auf die Hitze.
In Titisee wurde die Tür aufgerissen, und es quetschten sich noch zwei
junge Leute herein: der eine war blaß und mickerig: erster
Handlungsgehilfe, letzter Bankbeamter, man wußte nicht recht. Auch beim
andern nicht, dessen hübsches, rundes und zierliches Gesicht bunt war
wie eine Forelle.
„Sie Lümmel!“ sagte er plötzlich zu dem bläßlichen Handlungsgehilfen
oder Schaltervolontär. „Sie Lümmel! So ein Lümmel!“ Man horchte auf.
Denn welch ein überraschender Wohlklang, welch bezauberndes Organ! War
er wenigstens ein kommender Bühnenstar, wartete seiner wenigstens ein
Ruf aus der Großstadt? Er sprach das reizendste und geschmeidigste
Deutsch, aber so blitzschnell, daß vieles, was er sagte, im Geräusch des
Wagens und des Gelächters unterging. Wir vernahmen jetzt etwas von einem
Onkel, der dem „Lümmel“ einen Dollar schenkte, worauf vier Kellner
ausgesandt wurden, um nach den Kursen zu schauen. Hitze, Rauch, billige
Zigarren, alles war vergessen: wir saßen im Parkett. Chaplin war nicht
anmutiger. Donaueschingen kam nur zu bald. Die anderen lachten
vielleicht noch bis Mainz, den ganzen Rhein entlang. Wohin fuhr der
junge Mann? Was war er? Vielleicht verkaufte er Handschuhe und Krawatten
die Woche über. Seine übersensible Lustigkeit rührte geradezu. Ein
Künstler unleugbar, aber der arme Kerl ahnte es vielleicht nicht. Die
Laufbahn kam wohl nicht in Frage für ihn. Ja, ja, ein neuer Typ!
Ich dachte noch an ihn, als ich auf dem Bahnhof stand. Donaueschingen
lag in tiefster Schwärze. Die drei Personen, die sich eingefunden
hatten, mich abzuholen, versicherten mir alle zugleich, sie seien drauf
und dran gewesen, im Hotel ein Zimmer für mich zu finden. So war es auch
mit jener Dame, die immer so lange Geschichten erzählte, deren Pointe
immer war, daß sie fast ertrunken, eigentlich nur durch ein Wunder nicht
abgestürzt, bei zweiundvierzig Grad Fieber um ein Haar gestorben wäre
usw. Kurz gesagt: das Wort „Privatquartier“ schlug jetzt an mein Ohr,
und ich mußte nehmen, was sich mir bot, oder die Krönungsmesse des schon
nahenden Morgens versäumen. Um neun Uhr früh, bequem an einen Pfeiler
lehnend, freute ich mich zum erstenmal, daß ich gekommen war. Ein feines
Städtchen dieses Donaueschingen. Die Solisten sangen so schön und
stilvoll, daß ich schon Berühmtheiten in ihnen vermutete, statt dessen
waren es Einheimische, deren Namen niemand kannte.
Von der Kirche weg ging alles im Oberammergauer Passionsschritt auf eine
stimmungslose Turnhalle zu, in welcher die Konzerte abgehalten wurden.
Die des ersten Tages habe ich vergessen. Was den Durchschnitt der
Aufführungen überragte, überragte ihn so bestimmt, daß die Besprechungen
vermutlich recht gleichförmig ausgefallen sind. So wird jeder Kritiker
Hába hervorgehoben haben, aber nicht die überraschende Sinnfälligkeit
seines Quartetts im Vierteltonsystem. Durch seine innere Notwendigkeit
leuchtete es ebensosehr wie durch seine meisterliche Kürze ein. Denn
keine Musik verträgt Längen schlechter als die neue. Wohl haben wir die
der nachwagnerischen Programmusik noch voll im Gedächtnis. Aber bei
ihnen konnte man einschlafen, seine eigenen Gedanken spinnen. Wir kennen
die Klippe der tonalen Kompositionen; die der atonalen heißt
Katzenmusik. Mit halbem Hinhören wird man sie nicht los. Mit Snobismen
führe hier die ganze Hölle auf. Zwar keimen sie bereits, jedoch –
gottlob! – sie wucherten noch nicht. Die Atmosphäre Donaueschingens war
noch sehr sympathisch. Der Dollarstand war fern, von Nationalismen keine
Rede. Es drehte sich wirklich alles nur um die Sache. Diese Jugend, ganz
sich selbst überlassen, war ganz sich selbst. Viel eher schien sie sich
der kontemplativen Landschaft anzupassen, so daß ein fast zeitloses
Stimmungsbild entstand. Einem jungen Belgier wurde zugejubelt, als gäbe
es nur _eine_ Kameradschaft auf der Welt, und als Sieger des
musikalischen Turniers ging der Tscheche Hába und der Spanier Jarnach
hervor.