_Avec la richesse commence l’avarice_, sagt Balzac in seinen _Illusions
perdues_.
Der Geiz scheint jedoch nicht zur Beobachtung zu reizen, und außer
Molière und Schopenhauer haben sich nur die allerwenigsten mit diesem
hochinteressanten Laster eingehend befaßt. Auch soll hier keineswegs von
seinen ungeheuerlichen Auswüchsen die Rede sein, sondern vom Geiz in
seinem normalen Verlauf, wie die Ärzte sagen.
Vor allen Dingen glaube man nicht, das Geld sei etwas Totes. Es ist ganz
Wahlverwandtschaft, ganz Antipathie, ganz Selbsterhaltungstrieb, ganz
„Seele“ (auf seine Art). Ja, dem Gelde entströmen atmosphärische
Schichten, die sich in feine, aber undurchsichtige Schleier zerteilen,
um sich über das Gemüt des Reichen zu lagern. Es ist, als schöbe sich
ein Milchglas trennend zwischen ihn und seine Welt. Mag der Trinker vom
Weine noch so sehr umnebelt sein: daß er ein Trinker ist, darüber ist er
sich klar. Der Lügner weiß von seiner Verlogenheit, der Zornige von
seinem Haß. Aber der Geiz spinnt so feine und undeutliche Fäden, daß der
von ihm Betroffene ganz im unklaren über sich selbst verbleiben darf.
Dem Geizigen steht überdies ein Überfluß an Mänteln und Mäntelchen zu
Gebote, die ihm sein Spiegelbild bis zur Unkenntlichkeit maskieren,
wobei immer nur er selbst, niemals die anderen über seine wahren Züge
mystifiziert werden. Man denke sich die Freudsche Methode, die meist
einer sinnwidrigen Anwendung verfällt, einmal auf verhärtete Geizhälse
angewandt. Einer psychoanalytischen Behandlung unterzogen, würden diese
Patienten am Ende gar kuriert vor Schreck über die Entdeckungen, welche
sie an sich selber zu machen hätten.
Ein Grund ihres Selbstbetruges liegt darin, daß sie nicht selten mit
Vorliebe geben; ja Geschenke zu machen – freilich niemals entsprechende
– kann bei dem Geizigen fast zur Marotte werden. Denn er weiß so gut wie
ein anderer, daß Geben seliger ist als Nehmen, und er hat es so gut wie
der Freigebige an sich erfahren. Und weil er auch – denn er will alles
haben – des Gebens froh werden will, gibt er nochmal aus seinem Geiz und
seiner Habgier heraus. Und darum schenkt auch er. Aber dabei rächt sich
alsbald sein Laster an ihm und bindet seine Hände, daß er nicht
freigebig, d. h. nicht frei wird zu geben wie er möchte, und schließt
ihn wie mit eisernen Fäden in immer engere Gefangenschaft, bis seine
Miene den inneren Bann, dem er verfiel, auch äußerlich verrät.
Wer wollte denn auch leugnen, daß geizige Leute häufig zu bedauern sind,
und zwar je mehr sie sich bereichern, da ein Zuwachs ihrer Habe eine
Verhärtung ihres Geizes unerbittlich zur Folge hat. Wobei ihm die fremde
Schlechtigkeit vielfach Grund für sein Verhalten zu bieten scheint. Denn
ein sehr reicher Mensch ist ja schlechten Erfahrungen in schlimmster
Weise ausgesetzt. Die anständigen Leute werden es nicht sein, die sich
an ihn herandrängen – seine guten Erfahrungen bleiben somit negativ –,
während er die miserabelste Sorte aus nächster Nähe kennenlernt. Kein
Wunder, daß manch vertrauendes und großmütiges Herz karg und mißtrauisch
wurde. Es kommt unversehens. Der Geiz hat eine unheimlich schnelle
Reife. Dann aber läßt er seine Opfer nicht mehr los. Er hat nur eine
aufsteigende Linie. Er kennt keinen Verfall und er kann nicht sterben.
Das Trübseligste erlebte ich einmal auf der Reise von seiten einer
alten, kinderlosen Dame, deren Nichte mich gebeten hatte, ihr Nachricht
zukommen zu lassen, denn die Greisin schien sich um ihre sämtliche
Verwandtschaft nicht mehr viel zu kümmern. Sie lebte fern von ihr in
einer fremden Stadt, und hatte es glücklich auf sechsundachtzig Jahre
und fünfzig Millionen gebracht. Ich traf sie in ihrem wundervollen Haus,
umgeben von Bildern und Schätzen. – In ihrem Lehnstuhl vergraben, klagte
sie, daß ihr das Schreiben schwer fiele und erkundigte sich alsbald mit
wärmster Anteilnahme nach der Schar ihrer Nichten, Groß- und
Urgroßnichten, insbesondere nach einer gewissen „Hertha“, ihrem Patchen,
das sie am innigsten liebte. Um die handelte es sich eben. Ich malte
also die blasse Schönheit dieser Hertha in den leuchtendsten Farben hin
und erzählte sodann, daß die Ärzte einen längeren Aufenthalt in Ägypten
sehr ratsam für sie hielten.
„Ja mein Gott,“ forschte sie ganz bestürzt und voll aufrichtiger
Besorgnis, „wird sich denn das pekuniär machen lassen?“
„Schwer“, erwiderte ich.
Mehr zu sagen stand mir natürlich nicht zu. Derselbe Gedanke war zwar
gleichzeitig in uns aufgestiegen; aber nichts von Unentschlossenheit
malte sich in dem Gesicht der Greisin – viele Jahre früher hätte sie
wohl gezaudert –, doch nur Schatten des Grams breiteten sich über ihr
melancholisches Gesicht.
Seufzend sprach sie jetzt von ihrem nahen Tode, von der Verlassenheit
und den Enttäuschungen eines zu langen Lebens. Während wir uns
unterhielten, trat die Jungfer ein und fragte leise, ob sie das
Töchterchen des Kutschers, das heute das Haus verließ und in die Lehre
zog, einen Augenblick einlassen dürfe. Die alte Dame empfing das Kind
voll Güte und Wohlwollen, und als es dann schied, hielt sie es noch
einmal zurück. Schränke, Kisten und Truhen wurden nun durchgesehen,
aufgeschlossen und dann wieder abgesperrt. Ein Heer weißer Schachteln in
Seidenpapier, umwickelte Päckchen und Pakete kamen dabei zum Vorschein.
Aber sie zog bald diese, bald jene Schieblade zu Rat, ohne sich
entscheiden zu können. Die Kleine stand indes mitten im Zimmer und
wartete, wie man es ihr gesagt hatte. Plötzlich flog ein Schein, eine
schnelle Röte über ihr Gesicht. Gleich darauf wandte sie erblassend den
Blick nach der anderen Seite hin. Aber ich war ihm schon gefolgt und
gewahrte ein schwarzes Ledertäschchen, das die Greisin gerade in Händen
hielt, öffnete und untersuchte. Innen mit dunkelroter Seide ausstaffiert
und mit Nähutensilien angefüllt, zugleich verschiedene Fächer
enthaltend, war es wohl der kühnste Traum von einem Täschchen für eine
kleine Nähmamsell; im übrigen nichts Kostbares, sondern ein schöner
Dutzendartikel aus einem Warenhaus. Aber nicht lange, und die Besitzerin
hüllte es wieder ein. Ihre Hände waren gebunden, und sie konnte das
Täschchen, das um eine Idee zu schön für die Kleine war, nicht spenden.
Diese stand unbeweglich mitten im Zimmer, aber der Strahl in ihren Augen
war erloschen. Die Alte kramte indes in einem anderen Fach und zog ein
silbernes Armband hervor, auf dem „Gott mit dir“ in schwarzen Lettern
eingetragen war, und damit entließ sie das enttäuschte Kind.
Die Geberin saß nun wieder in ihrem Lehnstuhl zusammengesunken und
schaute mit einem blassen, vergrämten Gesicht vor sich hin. Ein Fest war
ja der kleine Zwischenfall mit dem häßlichen Armband, darauf „Gott mit
dir“ in schwarzen Lettern prangte, für niemanden gewesen, und ein
gesteigertes Bewußtsein hatte sich der Spenderin unmöglich mitteilen
können, vielmehr die Öde des Ereignislosen. Es hatte sich nichts
ereignet. Die Kleine war nur um eine gewaltige Freude betrogen worden,
und die Alte, die gern Freude bereitete, wußte es genau; und wußte
ebensowohl, daß sie niemals anders verfahren würde, selbst wenn sie das
Kind noch einmal zurückriefe. Nebenan hub jetzt ein Papagei, von der
kleinen Passantin aufgeschreckt, zu schreien und über die
Unerfreulichkeit der Welt zu schimpfen an. Schräge Strahlen ergossen
sich durch die weit geöffneten Fenster (die größten der Stadt) und über
die prachtvoll weichen Farben der Teppiche, die Leuchter aus altem
Kristall, die goldumränderten Schalen und silbernen Dosen. Dennoch lag
etwas Drückendes, in seiner Öde unerträglich Akzentuiertes, ja
Unheimliches in der Atmosphäre dieses Raumes. Und plötzlich war mir, als
befände ich mich ganz allein, als sei die halb erloschene Frau vor mir
schon verblichen und nur mehr ein Schemen. Es fehlte so wenig! All die
Päckchen und Pakete, die sich in tadelloser Ordnung in ihren Kästen und
Truhen häuften, waren schon fast herrenlos. Und nicht die kleine
Nähmamsell, nicht einmal die Nichte Hertha schien mir mit einem Male
beklagenswert, sondern die sonst so kluge, ja sympathische, die
unbegreifliche alte Dame, die rettungslos in die Falle geraten war,
welche der Geiz den Besitzenden stellt.
Sie starb bald darauf. Und da ihr Geiz eine lange Geschichte hatte,
ragte er denn auch weit über ihr Leben hinaus. Sie hinterließ ihr
Vermögen ihren _reichen_ Verwandten, den weniger bemittelten, der
Großnichte Hertha, die ihrem Herzen so nahe stand, unbedeutende Legate.