II

Seltsame Schwingen, neue Rhythmen trugen ihre Tage jetzt dahin, ihre

Stille so manches Mal durch nichts als den Besuch der Ärzte

unterbrochen. Blumen umgaben sie. Der über ihr Bett geschobene

Krankentisch bot ein reiches Feld der Beschäftigung, und ein Zufall

wollte, daß Leute, mit welchen sie lange nicht mehr in Kontakt war,

plötzlich in der Ferne an sie dachten und ihr schrieben. Eines Morgens

kam ein Stoß der neuesten französischen Bücher für sie an; sie lagen in

großer Evidenz auf Tisch und Decke gebreitet. Jedoch der Zeitungsmann

durfte nicht zu ihr herein. In Tönen der Angst bat sie die Schwester,

ihn von ihr fernzuhalten, und schon früh am Nachmittag sehnte sie sich

nach Morphium. Fing aber der Rollwagen mit dem Verbandzeug, den Alkohol

und Jodoformflaschen durch den Gang zu klirren an, so mußte sie lachen;

denn es ging dann so fühlbar von Zimmer zu Zimmer eine Spannung, es

entstand eine Aufregung, wie wenn Hennen gefüttert werden. „Jetzt werden

die Hennen gefüttert“, sagte sie jedesmal zu Guido, die immer der

Karosserie voranschritt.

Eines Tages fragte sie den Arzt, der sie in ihrer Lektüre unterbrach:

„Würde dieses Buch Sie interessieren, wenn ich fertig damit bin?“

Er warf einen Blick auf den Umschlag und zögerte: „Von Franzosen höre

ich lieber nichts“, sagte er dann.

Da schwieg Geraldine.

Das Buch, das er abgelehnt hatte zu lesen, _Siegfried et le Limousin_,

von Jean Giraudoux, war nicht vollkommen. O nein, es hatte seine Fehler.

Man durfte es ein wenig inkoherent nennen sogar. Aber jede Seite rührte

und entzückte Geraldine. Denn regenbogenartig schlug hier eine Brücke

auf, bebend schwang sie herüber, pulsierte, vibrierte, wie ein

Regenbogen ephemär. So gehörte auch dies Buch einer anderen Wirklichkeit

als die der Ereignisse an; und sie mißachtend, sie verachtend, irisierte

über sie hin die Fülle des sich entziehenden, ach! des werbenden Auges

...

Allein es war umsonst geschrieben, da niemand es in Deutschland las.

Auch die anderen neuen Bücher enthielten kein gehässiges Wort mehr über

„_les Allemands_“, aber sie waren umsonst geschrieben, da niemand sie in

Deutschland las. Geraldine entsann sich der skeptischem aber so

aufhorchenden, so gespannten Mienen ihrer Freunde in Paris, als sie

ihnen von „jenen anderen Deutschen“ erzählte, von welchen nichts mehr

bis zu ihnen gedrungen war. Ob auch einige wie mit Engelszungen

hinüberriefen, man stellte sich ihnen taub, wenigstens solange sie

lebten. Heute war es umgekehrt.

Geraldine schlief mit dem Kopf auf dem offenen Buche ein, aber nicht

lange; ihre Aufregung scheuchte sie auf, und sie las im Scheine ihrer

blauen Lampe weiter.

Als am nächsten Morgen der Chefarzt bei ihr eintrat, warf er einen Blick

auf die Tabelle und ließ Sandsäcke herbeischaffen, in welchen Geraldines

Bein wie in einen Schacht eingedämmt werden sollte, damit es sich nicht

mehr bewege. Man schleppte sie wie etwas gar Wichtiges herbei. „Hier

stimmt etwas nicht!“ dachte sie gequält. Die Ärzte umstanden sie ja, als

ob ihre Gesundung eine wichtige Sache sei. Und das Stück von der

gesitteten Weltordnung wurde hier gespielt, als wisse man nicht, wie es

draußen zugeht. Aber sie selbst, spielte sie nicht mit? Ließ sie nicht

alle fünf gerade sein? Nicht einmal nach dem Wetter mochte sie fragen,

als ginge sie das alles nichts mehr an, als sei alles eins. Und nun? Und

wie lange durfte sie noch ihrer beginnenden Unruhe, ihrer wachsenden

Verwirrung wehren? Die Wirklichkeit. Ja sie war das entfallene Wort, der

Faden, der gerissen war, an dem sie wieder anknüpfen mußte.

In der Nacht fuhr sie an die Klingel, und die Stimme, mit der sie die

herbeieilende Schwester unter Ächzen anflehte, sie aus dem eingestürzten

Tunnel vorzuziehen, war wie ein heiserer Bariton. Es hatten sich aber

nur die Sandsäcke verschoben, und mit ihrem Gewicht die Wunden

beschwert. Vielleicht auch hatte sie nur geträumt. Allein die Schwester

beruhigte sie, räumte die Säcke aus dem Weg, brachte ihr eisgekühltes

Zitronenwasser und reichte ihr Morphium. Sie war mürbe und trug sich

zart wie eine schwanke Wicke im Sommerwind, die ihren letzten Duft, ihre

letzte Süße veratmet. „Welch ein Frühbeet von Schwestern!“ dachte

Geraldine. Und Guido die große Gärtnerin.

Es gäbe vielleicht keine Ärzte in der Welt, wenn nicht so ziemlich

jedermann seinen eigenen Arzt in seinem Innern hätte. Geraldinen war es

am folgenden Morgen klar, daß es nur mehr wenig Tage bis zu ihrer

Herstellung bedurfte. Bei ihrem Einzug in die Klinik richtete sie fürs

erste an alle die Frage, wann sie wieder herauskommen würde, und gleich

und auf die Stunde verlangte sie es zu wissen. Nun sie fast keine

Schmerzen mehr hatte, erkannte sie mit einem Male, welche Ablenkung sie

für sie gewesen waren, und sie vermißte sie; denn diese an sich waren ja

auch eine Betäubung gewesen. Und ihr geschah wie dem flüggen Vogel, der

wohl am liebsten noch einmal in seine Geborgenheit zurückkröche, bevor

er den ersten Flug unternimmt. Draußen wartet seiner die Welt. Das Nest

dagegen war ihr entzogen. So dieses Haus. Wie eine Arche zog es über die

finsteren Wasser dahin und beruhte in sich. Bald mußte nun Geraldine aus

seinem Schutze wieder hervor. Und sie verzagte. Sie bangte nach den

wolkenlosen Tagen der Vergessenheit, der Palliative. Sie waren vorbei.

Andere Wunden waren nunmehr wieder erwacht, unheilbare, die niemand

verband, um derentwillen niemand sie bemitleidete, noch eine Blume

schenkte oder sie umgab. Wie ein Himmel, der sich ganz verhängt, und von

dem es dann unablässig niederrauscht, umzog sich Geraldinens Gemüt, und

erst stoßweise, dann unaufhaltsam flossen ihre Tränen. Zwar konnte sie

jederzeit innehalten, und wenn jemand bei ihr eintrat, ganz vernünftig

schwätzen. Aber sobald sie allein war, setzte der Landregen wieder ein.

Der Geruch der Speisen widerte sie mit jedem Tage stärker an, und sie

weinte vor Ekel bei ihrem Anblick, ob sie auch hungrig zu sein

vermeinte, bevor man sie ihr brachte. „Kaputt ist kaputt!“ sagte sie zur

Schwester, die sich über ihre kaputten Nerven ausließ. Aber vor den

alles sehenden Pupillen Guidos redete sie sich auf eine beunruhigende

Äußerung heraus, die bei der Morgenvisite zwischen den Ärzten gefallen

sei; sie habe sie deutlich gehört. Und sie rückte beiseite, damit Guido

sich zu ihr setze, denn sie erbettelte jede Minute ihres Verweilens.

Der Tag verebbte an den weißen Wänden ihres Zimmers, sie standen im

Widerschein des umgoldeten Laubes, dann erbleichten sie wieder.

Geraldine war schon für die Nacht gerichtet, hielt ihr heiles Knie

umklammert und weinte. Die blaue Lampe warf ihren Schein. Niemand störte

sie mehr. Da klopfte es an ihre Türe und Guido in Begleitung des Arztes

trat herein. Er kam sie zu beruhigen: es handle sich nur um eine

vorübergehende Phase und sie würde die Klinik bald verlassen können. Er

erinnerte sie nicht daran, daß Schwerkranke in den angrenzenden Zimmern

lagen, ohne Aussicht auf Genesung. Ein schwedischer Student war in der

Nacht gestorben. Sie aber mußte noch so spät getröstet werden. Ihr

Schuldbewußtsein machte sie befangen, sie wußte nicht, was sagen. Die

französischen Neuerscheinungen lagen auf ihrer Decke gebreitet. Es war

aber derselbe Arzt, der es abgelehnt hatte, sie zu lesen. Scharmante

Bücher, bemerkte sie, doch ohne sie ihm noch einmal anzubieten. Doch als

er sich jetzt anschickte zu gehen, bat sie mit einer winzigen Stimme um

Morphium. Es wirkte nur langsam bei ihr, und bis dahin konnte sie bequem

schluchzen.

Fürwahr, sie hatte es gut. Selbst in der Nacht war dieses Zimmer

freundlich: der weiße Tisch mit den lichten Messinghähnen für warm und

kalt, wie sie es liebte; der magisch sanfte Schein des Seidenschirmes,

wie blasser Rittersporn so blau. Die Birne war schwach, aber sie genügte

gerade.

Sie dachte an ermordete Freunde, an die grenzenlose Abgeschiedenheit

ihrer letzten Augenblicke. Ja, das war die Wirklichkeit! Feige, feige

Geraldine! Freunde, besser als sie, waren gegangen, früher als sie, und

hatten ihr Tagewerk vollendet. Ihr war noch eine Frist gegeben. Nichts

anderes als eine Frist bedeutete ihr Genesung.

Geraldine hörte der Posaunen viele.

Und dann genoß sie doch wieder die tröstliche, verbrecherische Schale

der Vergessenheit, und es war alles eins.

Jedoch derselbe Arzt kam tags darauf selbst auf das Thema zurück, und

bevor sie ihrerseits sich dazu äußerte, überschlug sie im stillen, wie

oft sie schon dasselbe gesagt hatte, sich, und gewiß auch andern zum

Überdruß. Innerlich seufzend legte sie über „jene anderen Franzosen“

los, wie sie es drüben über „jene anderen Deutschen“ getan hatte. Es ist

nicht mehr zum Anhören, dachte sie dabei. Denn das Wahre, das Rechte,

das Richtige, es verträgt nicht unbeschadet die Geistlosigkeit ständiger

Wiederholung. Diese schlägt vielmehr den widerlegbaren, den falschen

Argumenten vortrefflich an, und entkräftet sie nie; ja sie ist das

Geheimnis ihrer Wirkung: immerzu laut ausgerufen schlagen sie ein, und

wuchern wie jedes andere Unkraut. Indessen sprach Geraldine von dem

versöhnlichen Geist der Intellektuellen, den man unbeachtet ließ; wie

unglücklich sind wir über so vieles gewesen, schloß sie mit schier

lahmer Zunge, was unter unserem Namen geschah, und heute stellen wir uns

unseren Gleichgesinnten gegenüber taub.

„O wirklich?“ sagte er.

Es war aber so ganz und gar derselbe aufhorchende Ausdruck, dieselbe

Skepsis, dieselbe sensible Spannung im Auge, mit welcher auch ihre

Pariser Freunde „_oh vraiment?_“ erwidert hatten, daß sie fürwahr nicht

nur ein ähnliches, nein! ein identisches Gesicht vor sich sah. Und es

war undenkbar, daß mit demselben verschütteten Gefühl, derselben

verdrängten Schmerzlichkeit das „_oh really?_“ eines Engländers, auch

des „deutschfreundlichsten“ gefallen wäre. Denn nicht Sympathie oder

Abneigung sind hier, wie zwischen andern Völkern, das Hin und Her.

Sondern Erotik oder der Haß der Geschlechter, die beseligende Flamme,

oder der Atem des Teufels, der über sie hinbläst.

Seit ihrer Krankheit wechselten ihre Anwandlungen schneller als das

Licht. Was ließ sie jetzt in einer blauen, spiegelklaren Stimmung

untergehen?

Sie hatte unter ihren mitgenommenen Büchern die von Hofmannsthal Anno

1913 so schön und ahnungsvoll eingeleiteten Bände des „Deutschen

Erzählers“. Ein paar Generationen alt und schon antik! Verwunschen,

unerschöpflich, losgelöst! – Und aus ihrer Welt heraus, ebenso zeitfremd

wie sie, war hier ein Deutscher, der Sache so ganz ihrer selbst willen

ergeben, daß eine fühlbare Stille ihn umgab, die ihn allem Getriebe

entzog. Schlecht oder recht dachte Geraldine, wie ist doch der Deutsche

so gründlich! Er ist schlecht fast bis zur Pedanterie, seine Güte ist

unwahrscheinlich. Dieser hier stand an der Spitze einer nunmehr so weit

gediehenen Forschung, daß sicheren Todeskandidaten eine Anwartschaft,

statt auf Rückfälle, auf ein neues Leben verliehen wurde. Da entsann

sich Geraldine, was sie sich vorgenommen hatte, ihm zu sagen. „Mich faßt

eine wilde Freude,“ sagte sie, „wenn ich an solche Verwirklichungen

denke. Denn ein Deutschland als Wohltäter der Menschheit, welch ein

Triumph wäre dies! Welch stolze Absage an seine Schuldigen! Welche

Ehrung seiner Schuldlosen und seiner Geopferten! Welch einzig würdige

Art, der Welt seine Leiden heimzuzahlen!“

Utopien, dachte sie, als er draußen war, Utopien, und weinte in Strömen.

Aber wie eine Bravourarie ging tags darauf das Ausziehen der Fäden vor

sich. Rhythmisch flog die Schere durch die Luft und schoß wieder herab.

Geraldine gab keinen Laut und staunte.

Eine Woche später packte sie ihre Siebensachen mit Hilfe der Schwester,

die französischen Neuerscheinungen obenauf. Dann besann sie sich auf

Zahnschmerzen und bat um Morphium für die letzte Nacht. Im Schein der

blauen Lampe war sie des Augenblicks gewärtig, wo sie sich entfliehen,

noch einmal Urlaub von sich nehmen durfte. Wie ein alter Zwilchrock, der

müde vom Nagel hängt, so harrte ja ihr abgelegtes Sein, daß sie es

wieder überzog. Nur einmal noch wollte sie das Fest der Trennung von ihm

feiern. Als Kind hatte sie sich an Erwachsene geklammert mit der Frage,

ob man denn sein ganzes Leben sich selber bleiben müsse, ohne jemals von

sich fort zu können, ohne je andere sein zu dürfen. Ihr früher Wunsch

war wohl ein Vorgefühl, in welche Zeit ihr Ich hineinwachsen, welche

Last es ihr aufbürden würde. Allein die Möglichkeit, die damals

verneinte, die gab es dennoch. Schon rauschten ihr die Fittiche

entgegen; das Leben war eine holde Landschaft, von verlockenden Linien;

Fernen, sie nicht mehr betreffend, nahmen die beiden Länder ihres

Herzens auf, deren Not war an Ereignisse gebunden, vergänglich wie sie

selbst. In ihrer Wonne ließ sie sich gleiten. Sie sah Gras wachsen über

ihr eigenes Grab, und es war alles eins.

Aber dein Kopf liegt in den Kissen schwer zurückgeworfen, Geraldine, und

dein Gesicht ist fahl, derweil du dir enteilst, melodischen Ufern

entlang, geäugt von Vögeln, deren Staunen Schleier der Lust in deine

erinnerungslosen Augen treibt. Sie sind nicht dein! Und dies ist nicht

das Leben, sondern dein Erwachen, und dein Wissen um die Außenwelt.

Und tags darauf nahm sie Abschied. Und Guido geleitete sie hinab zu dem

offenen Tor, durch das ein Stück Himmel hereinsah. Und wie die Taube,

der Arche entsandt, die vergebens spähte, ob die Wasser noch nicht

fielen, und die nicht wiederkehrte, so flog sie aus.

Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen · 第 18 / 42 题