I
Geraldine, aus dem Häuflein derer, mußte im Spätfrühling des Jahres 1923
in die chirurgische Klinik einer süddeutschen Stadt. Freunde begleiteten
sie. Den Abend durfte sie noch mit ihnen verbringen. Sie war guter Dinge
und trank auf ihr eigenes Wohl. Dann nahm ein helles Zimmer, das ins
Grüne sah, sie auf. Die Schwestern, in der Umrahmung ihrer gesteiften
weißen Flügelhauben, besonders aber deren breite und bejahrte
Vorsteherin, erweckten ihre Zuversicht. Spät trat sie noch bei
Geraldinen ein, um nach der Neuangekommenen zu schauen, und bei ihrem
Anblick streckte die Kranke ihre Füße länger aus, einer Müdigkeit
hingegeben, die sie plötzlich wie von weither überkam. So
schutzverheißend war die erstarkte Weisheit dieser Augen, so geborgen
fühlte sich Geraldine, als sie in diese mächtigen Pupillen sah. Sie
wußte, wie wenig ein Beruf zur Sache tat, wie leicht gerade die
tugendhaftesten zur Klippe werden. Inbegriffen, ganz unausgesprochen
aber war hier alles Fromme, und daß die Pflegerinnen dieses Hauses wie
die Blumen eines gehegten Gartens standen, Unkraut nicht wuchern konnte,
lag an dieser Vorgesetzten. Denn es ist immer das Wichtigste, wer
regiert. Wie eine Mutter, nicht nur der Patienten, sondern irgendwie
auch dieser Ärzte, Geheimräte und Professoren, wie eine Mutter aller
Menschen schritt sie durch die Gänge, homerisch in der Unbeirrbarkeit
ihres Waltens, ehrwürdig wie ein Stück Natur. Und sie hieß Guido, wie
ein Mann.
Aber auch Geraldine kannte die Welt.
* * * * *
Lesend verbrachte sie den nächsten Morgen; am frühen Nachmittag wurde
ihr Morphium gegeben und später noch einmal. Da tönte sich der
Widerschein der grünen Bäume in ihrem Zimmer sanft und immer sanfter ab,
und als eine Bahre hereingezogen kam, bestieg sie sie eilends wie im
Traum. Nach einer kurzen Fahrt befand sie sich zwei Schwestern
gegenüber, und diese trugen ihre weißen Ordensschleier nicht abstehend
und gesteift, sondern gar kleidsam in den Nacken zurückgerafft, und sie
fragte die Schönste um ihren Namen: Ermentrudis. „Meine Zunge ist
schwer, sie ist trocken, sie ist voll Mohn, ich spreche so mühsam“,
sagte Geraldine, und überließ sich ihnen. Ihr war, als würde sie von
Engeln bedient. Da lag sie schon auf einer Bahre, und rechts von ihr gab
sich ein Arzt mit ihr zu tun. Aber seine Gegenwart war ohne Resonanz.
Nur Ermentrudis erfüllte den Raum. Vielleicht ist sie nicht so schön als
ich sie sehe, dachte Geraldine, deren Augen zugefallen waren, vielleicht
ist es Täuschung, wie der Geschmack von Mohn in meinem Munde. Wie ist
sie schön! – Da war sie weg, und Geraldine wieder in der Fahrt. Nur bis
zum nächsten Zimmer dieses Mal. Es dünkte sie aus Glas, und ein anderer
Arzt saß jetzt rechts von ihr, als hätte er auf sie gewartet. Sein
Gesicht schien ihr nicht sein eigenes zu sein, sondern ganz in der
Anspannung seiner Züge statt in seinen Zügen zu beruhen, aber sie
streifte es nur mit einem Blick, dann fielen ihre mohnbeschwerten Augen
wieder zu. Doch alsbald hörte sie sich stöhnen. Und warum riß er ihre
Adern so unbarmherzig auf? Sie fühlte, wie er sich durch nichts beirren
ließ, und sie blieb unbeweglich, aber sie hielt ihm vor, daß er sie
peinige. Fort und fort, wie lange noch? – Da merkte sie plötzlich, daß
er nicht länger rechts, sondern ihr jetzt links zur Seite stand, indes
ein anderer Mann in Szene trat, als wäre dies eine Bühne. Ja, genau so,
war jetzt eine mächtige Form herangetreten, wie ein Dirigent sein Pult
einnimmt, und als schwänge er einen Stab mit den Worten: „_Alla breve_
meine Herren!“ so sagte er: „Klagen Sie nicht!“ und fing an zu
schneiden. Geraldine aber griff da zum Schweigen, wie ein Geiger in sein
Instrument. Sie streckte nur ihre linke Hand schutzflehend ins Leere.
Aber schon war sie von einer andern sanft geborgen und vertröstet, und
sie umklammernd, führte Geraldine ihren stummen Pakt den ersten Stößen
gegenüber aus. Sie wähnte jetzt, es sei Nacht. Doch statt erhöhter
Schmerzen wurden sie mit jeder Sekunde dumpfer. Und war sie denn selbst
ein besaitetes Holz geworden? Sie spürte nur ein virtuoses Kneten, wie
rasche Fingersätze eines Pianisten in ihrem unempfindlichen Fleisch.
_Allegro, vivace, accellerando, presto, tempestuoso_ fuhren die Griffe
wie auf Tasten dahin. Geraldine hatte den Eindruck von _Kunst_. Wie
aber? Wie konnte dies sein? Und doch, welch deutliche, welch aufregende
Beziehung, welch unerhörte Analogie, welch spannende und unvermutete
Sensation! Für einen Augenblick war alles rege in ihr, und sie hätte
sich gern aufgerichtet, um hinzusehen, ihr Kopf aber leistete
Widerstand; er war zu schwer. „Es wird schon genäht, es wird schon
verbunden“, drang es von links, wie aus einem Souffleurkasten zu ihr.
Und schon wurde sie wieder fortgetragen. Unklar diesmal die Fahrt durch
den Gang in ihr Zimmer zurück.
Die Nacht war nicht mehr fern. In ihrem Bette aufgerichtet, ohne eine
Spur von Schmerzen, ließ sie sich ein Buch herüberreichen, wähnend, das
Lesen würde ihr leichter fallen als das Sprechen. Die Vorhänge bauschten
sich sachte in der Frühlingsluft, im Scheine eines blauen Seidenschirmes
lag sie und sann.
Welch freundlicher Dämon hatte die Tafel ihrer Erinnerungen gelöscht,
daß ihre Gelassenheit sich immer mehr vertiefte?
Da, mitten in der Nacht – als klingle es von allen Seiten zugleich –
schlugen die Wunden Alarm. Weggefegt das letzte Stäubchen Morphium; das
ganze Bein entfacht. Schlimmer noch die hohe Stachelkrause, die vom Knie
aufwärts loderte. Aus purer Sympathie erglühten Fuß und Ferse, von
heißer, imaginärer Asche versengt. Geraldine, in den Tumult verstrickt,
hörte ihre eigenen Seufzer nicht.
Am Morgen klirrte der Wagen mit den Verbandwerkzeugen durch den Gang.
Guido war bei Geraldinen. Da öffnete sich die Türe, als sei ihr Zimmer
eine Freistatt. Der Chefarzt trat als erster herein, nach den Schmerzen
dieser Nacht zu fragen. Und es erfolgten sehr genaue Weisungen, um einem
neuen Ansturm vorzubeugen. Da wunderte sich Geraldine zum ersten Male,
ohne sich entsinnen zu können weshalb. Sie grüßte nach rechts und links
die beiden anderen Ärzte von gestern; dann war sie wieder allein.