Die Pflegerin ließ ihre Arbeit ruhen und sah auf. --

»Klara, woran arbeitest du da?«

»Es sind Strümpfchen für den Kleinen, Line.«

Die Kranke besah sich die Arbeit und legte einen Augenblick ihre Wange

darauf.

»Ja, ja,« begann sie dann mit eilender Stimme. »Du wirst sie ihm auch

später stricken.«

»Wieso, Line, ich werde doch nun bald gehen.«

Die Liegende lächelte eigentümlich und wandte sich dann wieder zur See,

über deren Eisfläche der Wind graue Schneewolken jagte.

»Hörst du,« sagte sie mit seltsamer Befriedigung, während sie mit dem

Finger zeigte, »wie es heult?«

Da legte Klara ihre Arbeit fort, und ihre stillen, offenen Züge kehrten

sich ganz gegen ihre Gefährtin: »Line,« bat sie, »willst du mir nicht

einmal erklären, weshalb du so stundenlang auf das Eis siehst?«

»Weshalb willst du das wissen?«

»Wir ängstigen uns alle deshalb.«

»Oh,« lächelte Line, und es war so, als wollte sie wieder alles in sich

verschließen, allein plötzlich führte sie ihre Lippen an Klaras Ohr und

raunte: »Ich war so schlecht, Klara, so schlecht, wie du dir's gar

nicht denken kannst. Du weißt's ja, du bist mir ja auch nicht gut

gewesen. Ich hab' nur immer an mein Vergnügen gedacht, und wenn andere

darüber hätten verbluten sollen. Das ging eine lange Zeit, und ich

wollt' auch gar nicht anders werden. Sieh, da ist nun die Zeit mit Hann

gekommen, und ich weiß auch nicht, wieso, aber das Ehrliche in ihm muß

wohl eine Kraft haben, denn ganz allmählich, Stück für Stück ist mir der

Wunsch aufgestiegen, ich möcht' auch so werden wie er, so ohne Lüge, und

ganz zuletzt ist diese Sehnsucht rein übermächtig in mir geworden.

-- Aber sieh, da ist so viel, was mich an das Frühere erinnert. Der

Gedanke an das Kind und an seinen Vater -- das stößt mich immer wieder

zurück. Und da weiß ich nicht, soll ich leben, oder soll ich sterben?

Und deshalb lieg' ich und warte auf das Wasser. Es wird kommen, Klara,

und wenn es mich dann nicht mitnimmt, pass' auf, dann gelingt's mir.«

Klara schüttelte das Haupt. »Das sind Phantasien,« entgegnete die

Pflegerin, an sich haltend. »Die See wird nicht kommen. Aber wenn du

hier jemanden lieb hast, so darfst du ihm nie von dergleichen reden.

Versprich mir das.« Sie rückte ihr sanft die Kissen zurecht. »Nicht

wahr, du hast Hann doch lieb?«

Line zuckte und sah starr auf die Decke.

»Nicht so wie du,« gab sie endlich mühsam zurück.

»Aber du bist ihm doch gut?« drängte die andere.

Leise nickte die Gefragte und faltete die Hände.

Die Pflegerin rückte noch näher. Jetzt wollte sie erkunden, was ihr

schon lange des armen Hann wegen auf der Seele lag: »Und an Bruno,

Lining, denkst du noch an den? Es ist nicht Neugierde, die mich treibt.«

Da lag Line ausgestreckt und führte beide Hände an die Stirn, eine

innere, heftige Unruhe ging durch ihre Glieder, und wieder flog ein

langer irrender Blick auf die See hinaus.

»Und das Kind,« mahnte die andere eindringlich, »das wird dich doch ans

Leben fesseln?«

»Du mußt mich nicht quälen,« stöhnte es aus den Kissen auf. »Das Wasser

weiß allein, wie alles enden wird.«

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Um sechs Uhr nachmittags kam ein fremder Mann zu Hann, der einsam mit

seinen schweren Wasserstiefeln an der Wiege des Kindes saß. Der Fremde

blieb eine geraume Zeit. Als später Frau Fiek in ihre Küche trat, fiel

es ihr auf, wie ihr Mieter noch immer gebückt neben dem kleinem Lager

harrte, mechanisch mit dem Fuß den Gängel tretend, einen Bogen Papier in

der Hand und verstört darauf niederschauend.

Frau Fiek wurde neugierig.

»Hann, was liest du da?«

Wohl horchte der Mann nach dem Klang der Stimme, aber den Sinn schien er

nicht zu fassen. Erst ganz spät tönte es zurück: »Einen Brief.«

Das sah Frau Fiek selbst, deshalb zuckte sie über Hanns Dummheit ein

wenig die Achseln, denn gar zu gern wollte sie mehr wissen.

»Von wem is der woll?« examinierte sie freundlich lächelnd weiter und

streckte zutraulich die Hand aus, als hoffe sie, eine Ecke des

Schreibens zu erwischen.

»Von weit her,« erwiderte Hann, noch tief in seinen Gedanken, und dabei

faltete er still das Papier zusammen und steckte es zu sich.

»Kuck, wie schlau,« platzte die Riesin heraus, als das Ersehnte in der

weiten Tasche verschwand. Aber nach einiger Zeit grinste sie wieder und

fragte recht herzlich, ob Hann etwa eine Erbschaft gemacht oder

vielleicht etwas gewonnen hätte.

»Wie würd' ich mich freuen,« setzte sie hinzu, wobei sie sich den Mund

wischte. »Und es is nich etwa deswegen, weil du uns noch zehn Taler

schuldig bist, Hanning. Ne, das mußt du nich glauben. Man ja nich.«

Dabei nahm sie die Küchenlampe vom Herd und leuchtete ihrem Mieter ins

Gesicht. Aber wie erschrak sie, als dieser seine Augen gegen sie erhob.

Da sprach nichts von Freude, wohl aber erkannte die Erfahrene Gram,

Verzweiflung und völlige Ratlosigkeit. -- Und wie faltig die Furchen

sich in diesem frühgealterten Gesicht eingegraben hatten.

Jetzt stand er auf, schwerfälliger als sonst, sah sich um und griff an

seine blaue Schifferjacke, bis er das Papier knistern hörte. Dann nickte

er. Plötzlich sagte er etwas. Mit einer Stimme, die nur dumpf aus der

Brust schlich.

»Frau Muchow?«

»Jawolling?«

»Wird es mit Line besser werden?«

»Hann, wer kann das sagen? -- Aber mir will es bald so vorkommen.«

»Ja -- ja.«

Nochmals beugte er den schweren Kopf, dann blickte er lange vor sich

nieder. »Ja, ja, nun wird sie gesund werden und wieder wie früher, und

ich hab' -- -- --«

»Was hast du?« drängte rasch die Frau, als er stockte. Aber geschah es,

weil unvermutet vom Meere etwas heulte, oder war es, weil das Kind laut

schrie, Hann schüttelte den Kopf und warf nur hin: »Sehen Sie hier ein

bißchen nach dem Kind, Frau Muchow, ich will noch raus und mein Boot

höher ziehen. Wer weiß, was heut nacht geschieht? Vielleicht kriegen wir

noch was.«

Damit stülpte er sich die Mütze auf und ging Schritt für Schritt in die

Dunkelheit.

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Das war eine böse Stunde, die über Hann eingebrochen war.

Der Teufel focht mit dem lieben Gott, alles was Gutes in ihm lebte, war

von Nacht zugedeckt, von allen Seiten stürmten die bösen Geister heran,

in den Krallen die roten flatternden Fähnchen der Sünde, als wollte

jeder zuerst in diesem stillen, reinen Herzen das höllische Banner

aufpflanzen.

Er saß auf dem Kiel des Bootes, das er fast bis unter die Mauern des

Katens geschoben hatte, und wie in ihm, so tobte auch draußen eine

lärmende, unheimliche, nicht erkennbare Nacht.

Was knallte dort?

Schüsse?

Da und dort, von überall her drang das dumpfe Platzen; mächtiger, immer

länger, bis es ein Donner ward, wie wenn eine Schlachtflotte den Katen,

in dem Line lag, und die Küste und die ganze Welt in Trümmer schießen

wolle.

Und über Hanns Lippen flog ein schweres, fast unheimliches Grinsen: Gut,

gut, wenn das Eis so platzte, war dann nicht schon öfter die Flut

hinterhergedrungen? Erst vor zwei Jahren war doch auf dem Darst eine

kleine Halbinsel mit Menschen und Vieh zur Winterszeit verschlungen

worden?! -- Gut, gut, was aber schadete das? -- Dann ging der Katen

unter, mit allem, was drinnen hauste, dann war es morgen hier still,

dann hatte er eben den Brief, dies verfluchte Papier, das drinnen in

seiner Tasche bei jeder Bewegung knisterte, nicht mehr abgeben können,

dann war er zusammen mit ihr untergegangen, und keiner hatte mehr etwas

zu fordern. -- Ne, keiner!

Bei dem Gedanken, daß dort hinten, weit hinter der Nacht, jemand lauere,

der ihm das fortnehmen wollte, was er mit seinen plumpen, fiebernden

Händen auch über den Abgrund festgehalten, da hob Hann plötzlich in

Wildheit die Faust und schüttelte sie drohend gegen das schwarze,

lärmende Meer!

Es war eine rohe, gewaltsame Bewegung.

»Du -- du Halunk. -- Was willst du? -- komm ran -- komm bloß ran -- dann

wirst du mir ja nich mehr lang im Weg sein. Was? Hast sie nich schon

einmal in Schande gebracht? Möchtst sie nun wohl ganz zugrund richten,

wie?«

Drüben auf der See riß etwas -- ein langer, weiter Spalt mußte es sein,

der sich auftat. An der Molenmauer krachte es.

»Immer näher kommt's,« murmelte Hann, »da -- da fliegen schon die

Eisstücke; und nun -- das muß das Wasser sein, was da durchbricht. Da

schäumt etwas, da an dem Steg; der wird nich lange halten -- ganz gut --

ganz gut --«

Auf ihrem Lager in der Kammer richtete sich Line in die Höhe,

schneebleich war sie vor Erwartung und Furcht geworden, und doch rief

und forderte sie immer wieder, Klara solle das Rouleau fortziehen,

hinaus müsse sie spähen können, nach draußen, woher der Donner rollte.

Nichts nützte es, daß die Pflegerin die Hände rang und anführte, daß

draußen nichts als Dunkelheit herrsche.

»Das schadet nichts, Klara, dann will ich hören --«

»Mein Gott, Lining, fürchtest du dich denn nicht?«

»Ja, ja, ich fürchte mich -- aber zieh fort -- ah jetzt.«

Das Rouleau war in die Höhe gegangen.

Sie erhob sich aus den Kissen und starrte mit aufgerissenen Augen

hinaus. Draußen ritt Hann auf dem Kiel des Bootes, lehnte sich an die

Mauer des Katens und hielt sich an einem Vorsprung fest.

Leise, verstohlen begann der Wind zu ziehen -- allmählich wurde ein

Winseln daraus. Ein heftiger Zug fuhr um die Hausecke und schüttelte

Hanns Schifferjacke, so daß Brunos Schreiben drinnen knisterte und

rauschte.

Verfluchter Zettel -- willst du wohl still sein?

Am besten wär's, er zerrisse ihn, dann wüßte keiner etwas davon. »Aber,«

so tönte eine ganz ferne Stimme, »wenn der andere nun doch, wie er

schrieb, von Reue erfüllt wäre und wieder hinauf wollte und Line ihm

dazu nötig wäre, Line und das Kind -- von dem er nichts ahnte -- was

dann?«

Der Schiffer fuhr sich in die Haare.

Hölle und Teufel, wem gehörte sie denn eigentlich -- ihm oder dem

Fernen, der sie betrogen, der sie unglücklich gemacht -- --?

»Ich find' da nich raus,« schrie er auf, »wenn Gott mir nich helfen

will, dann soll der Teufel kommen, dann soll er kommen.«

Und er kam.

Leiblich, mitten in der donnernden Nacht.

Was war das?

Von dem Fenster, hinter dem Line lag, hob sich etwas, ein gelber

Lichtschein fiel heraus, fort über den Bootskiel, fort über den trüben

Schnee, fort über die nasse, kotige Wiese, bis hinab, wo etwas

Unheimliches, Rauschendes plätscherte. Und der Teufel nahm Hann, so daß

er auf dem Kiel fortkriechen mußte bis zum Fenster, und daß er sich

duckte und hineinstarrte.

Und der Teufel riß Line weiter aus dem Bett hervor und stieß ihr die

Decke fort, so daß der Mann draußen sie sah, wie er den schönen weißen

Leib noch nie geschaut. Noch niemals ein Weib.

Da schlug die Flut des Bösen schallend in sein Herz, das bis dahin eine

Kirche war, und Altar und Orgel versanken, und die Glocken klangen aus

den schwarzen Wassern nicht mehr hervor. Ja, und morgen schon wollte er

den Brief verbrennen, und dann wollte er bei dem Weib in der Kammer

hausen, das ihm gebührte, ihm allein -- -- und --

»Lining?«

»Herr Gott!«

Was schrillte dort drinnen für ein heiserer Schrei?

Das Rouleau wurde herabgerissen, der Lichtschein schwand. Überall

Dunkelheit. Aber nein, da und da -- überall auf der Mole feurige Punkte,

Laternen. Auf dem Leuchtturm plötzlich weithin grellendes Notfeuer! In

blutiger Helle blitzen, von dem Scheinwerfer getroffen, da und dort

Küstenstriche auf. Aber nein, das ist ja keine Küste mehr, was schiebt

sich dort vor? Was zischt so? --

»Hann, Hann,« ruft Frau Fieks Stimme oben aus der Bodenluke. Verworrene

Stimmen aus dem Dorf schreien dazwischen, sie dringen näher, sie eilen

wieder fort. Und nun über die Dächer fort vom Kirchturm Glocken. -- Wie

das dröhnt und wimmert. Und vom Meer stöhnt das Nebelhorn eines

Schiffes, das dort in Not sein muß.

»Gut -- ganz gut.«

Hann rührt sich nicht. Lang ausgestreckt liegt er auf dem Kiel und hat

die Bootsrippen umklammert und beißt die Zähne zusammen. Nein, er rettet

nichts. Da er dieses schöne Weib, das er eben gesehen, von deren Anblick

ihm das Blut summt, nicht behalten soll, dann mag das Wasser nun ruhig

alles holen.

Ganz ruhig.

Was ist das? -- Sein Kahn beginnt sich zu heben. Es muß also schon da

sein. Es schwankt, es stößt -- --

»Hann -- Hann!«

»Ja -- wer ruft da?«

Das Fenster vor ihm wird aufgerissen -- Licht und dasselbe Bild wie

vorhin. Auf den Knien in ihrem Bett hockt Line und starrt ihn an.

Ja, sie hat ihn erkannt, sie sieht ihn, aber sie winkt nicht, daß er sie

holen solle.

Da saust und braust in Hann alles durcheinander.

Wie darf sie sterben, die Freundin seiner Jugend? Mit einem

verzweifelten Sprung, mit einem einzigen, schwingt sich der Fischer ins

Fenster. -- Vergessen ist alles, der Zettel, sein Wunsch und ihre

Nacktheit.

Hinter ihm her schießt das Wasser.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Nun hocken sie alle in den Bodenkammern. Auf Hanns elendem Schragen

liegt Line, ausgestreckt und starr, aber die Augen offen, und um die

Lippen ein merkwürdiges Lächeln. So lauscht sie auf das Gurgeln, das

leiser und leiser um das Haus tönt. Denn nach dem ersten Anprall ziehen

die Wasser schon wieder von dannen.

Das Kind in seiner Wiege hat Klaus Muchow heraufgetragen, und nun

schleppt er es ungeschickt in seinen Riesenarmen herum und will es

nicht wieder abgeben und küßt es und wiehert ihm ins Ohr: »Eierkauking,

Eierkauking.«

Sonst spricht keiner ein lautes Wort.

Bis an den frühen Morgen steht Hann an der einzigen Bodenluke und

betrachtet die ablaufenden Wasser -- da und dort, überall tauchen wieder

die Wiesen auf, das Eis ist verschwunden, ringsherum spiegelt sich die

Morgensonne in freier, unbehinderter See; schneeweiß rollt der erste

Schaum ans Ufer.

Hann atmet kaum die frische Luft, ihm klopft das Herz so bang, und wenn

das Papier in seiner Brusttasche knistert, dann wird er fahl und

erinnert sich seiner Nachtgedanken.

Als er noch sinnt, weckt ihn Klara Tolls Stimme.

»Hann!«

»Ja, Klara.«

»Line verlangt nach dir.«

Hann schüttelt sich und rafft sich zusammen.

»Wie geht's?«

»Besser. Sie erzählt und lacht und hat ihr Kind gestreichelt -- und jetzt

will sie dir etwas sagen.«

»Komm, Klara.«

An dem Bett steht Hann, steif und unbeweglich, wie immer, bis ihn Line

sachte, sachte sich näher zieht. -- Mein Gott, wie leuchten und blitzen

ihre Augen. Hann erkennt, das ist dieselbe Line, die zu Malljohanns

Handharmonika so zierlich getanzt hat.

»Beug dich tiefer,« sagt sie.

Er neigt sich herab.

Sie zaust in seinem struppigen Haar und lacht dazu: »Und in einer Decke

hast du mich heraufgetragen, du großer Kerl? -- Willst wohl gern, daß ich

lebe?«

Da schlägt er die Augen nieder und ringt sich ab: »Ja, Lining, und wenn

ich dir jeden einzelnen Tag von meinen eigenen dazulegen müßte.«

Als er das sagt, mit einer Stimme, die schwankt und unsicher wird,

blickt sich Line blitzschnell nach Klara Toll um. Die ist jedoch

gegangen, und die beiden Jugendfreunde sind allein.

Da legt sie sanft ihren Arm um seinen Hals, obwohl der Mann zittert

unter der weichen Berührung. »Du,« flüstert sie, »du lieber, dummer

Mensch, ich hab' dir noch niemals gedankt, aber heute will ich's tun,

denn ich hab' das Leben wieder lieb, ach, so lieb.«

Hann Klüth: Roman · 第 70 / 76 题