VII

Ein verzweifelter Mensch läuft über den Schnee. Er erreicht die Straße,

zieht an der Klingel, sieht sich wirr in dem kahlen Vorraum um und

stürzt dann auf die Krankenschwester zu, die mit verhaltener Erregung

hereintritt.

»Hann, du?«

»Line stirbt.«

»Da sei Gott vor.«

»Klara, Klara, es darf nich -- das kleine Kind -- und ich -- und, und --

warum soll ich es vor dir verschweigen? -- mir is, als ob du und ich und

die ganze Welt mit ihr zusammen sterben müßten.«

»Das weiß ich, Hann, das weiß ich.«

Mit Hast wird nun allerlei durcheinander gefragt. Nach dem Doktor, nach

Rezepten, und dann eilen der Mann und das Mädchen durch den Schnee von

dannen, beide Hand in Hand, ohne daß sie es fühlen.

»Klara, sie is gut -- du mußt mir glauben, sie is gut,« stammelt er im

Laufen.

»Und du auch, Hann -- du auch. -- Gott wird helfen.«

»Ja, wenn er sie sieht, wie sie daliegt, dann hilft er ganz gewiß, es

geht nich anders.«

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Dicht bei Neuyork, am Strande von Long Island, sitzt an demselben Abend

der Buchhalter der Bootsbaufirma Richards & Co. auf seinem Kontorsessel

und sieht durch die grünen Sprossen eines Weingeländers auf den Ozean

und die hinabtauchende Sonne.

Blauer und blauer wird's, an dem Spalier rüttelt der Wind; und der

junge Beamte klammert sich mit seinen Blicken an einen fernen, fernen

Dampfer an, der winzig, wie eine Schwalbe, über das Meer enteilt. Dann

ist er zwischen Schaum und Duft zerflossen.

Versonnen schüttelt der Einsame das Haupt und will eben seine Papiere

zusammenraffen, da tritt ein Schiffszimmermann in den Verschlag, der mit

zufriedenem Stolz seine Löhnung fordert, um dann seine Tatze

abschiednehmend durch das Geländer zu recken.

»Na, adjüs ok, Herr.«

»Adjüs?« -- Bei dem Klang horcht der andere hoch auf: »Sind Sie denn ein

Plattdeutscher, Schmidt?«

»I, jawoll, jung Herr,« sagt der rotblonde Bursche breit. »Ut de Gegend

von Wolgast.«

Das Wort muß den Buchhalter treffen, denn er tritt rasch aus seinem

Gehege heraus.

»Das wußt' ich nicht. Und trotz des hohen Lohns,« fragt er rasch,

»wollen Sie wieder nach Deutschland zurück? Aus welchem Grunde? Haben

Sie dort eine Braut?«

»Ne, Brüdjam bünn ick dor nich grad. As ich fortführ, wir sei irst

föfteihn.«[12]

»Aber Sie haben vielleicht Geschwister?«

»Ne, dei sünd all dot -- aberst Herr, ick -- ick --« und der Zimmermann

reibt sich verlegen an seiner Hose. »Nach den ganzen Lann'n heww ick

Sehnsucht. Nach de Felder und de Minschen und unsre Sprak.«

Still wird es zwischen den beiden. Und da die Winterabendsonne rötlich

den Raum überzittert, so kann der Scheidende nicht merken, wie sein

Vorgesetzter erblaßt ist.

Zögernd schreitet der Buchhalter endlich an sein Pult und öffnet es. Mit

zitternder Hand nimmt er einen Brief hervor.

»Schmidt,« beginnt er mit niedergeschlagenen Augen, »hier hab' ich seit

vielen Monaten ein Schreiben liegen, das ich aus schwerwiegenden Gründen

nicht abgesandt habe. Wollen Sie das an seine Adresse befördern? Der Ort

liegt ganz in Ihrer Nähe. Wollen Sie den Weg machen?«

»I, woll, Herr,« erklärte sich der Abreisende bereit, und dabei

buchstabiert er die Adresse: »Hann Klüth. -- Oh, das is woll ein

Verwandter? Na, den will ich grüßen, Herr.«

»Und das Land auch,« sagt der andere an sich haltend und blickt auf die

spielende See.

»Versteht sich. Das Land auch. Adjüs!«

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Das Meer war Lines Feind. Das Meer wollte nicht, daß die Kranke gesunde.

Das Meer, welches das Mädchen schon als Kind gehaßt hatte.

»Heut' abend knackt das Eis,« meinte oll Kusemann.

»Und dann gibt es wieder einen Tanz,« setzte Frau Fiek hinzu, die mit

Hann in der Küche weilte, um das Kind in einem Korbe zu wiegen. »Kuck,

Hann, was er für schwarze Augen hat. Grad als Line. Und da -- jetzt

sieht er direkt auf die See raus.«

»Kinder können den Sturm sehen,« kaute oll Kusemann, während er an dem

Türpfosten lehnte. »Hann, du solltest die jugendliche Mutter von hier

fortbringen. Was tust du, wenn das Wasser hier nun hereinläuft.«

Aber Frau Fiek schüttelte ihre Riesenfaust nach der See, über der sich

noch die Eisdecke spannte. »Das wird sie wohl bleiben lassen,« schrie

sie -- »wird sich hüten. Solche Waschschüssel voll Wasser. Werden uns

hier gerade fürchten.«

»Stäwelwichs,« polterte Klaus Muchow und schlug auf den Herd.

Und das Kind begann laut zu schreien.

»So,« murmelte der Lotse, »da habt ihr's, das Gör ahnt es.«

Und Hann, der mit gesenktem Haupt an der Wiege stand, wo er geraume

Zeit auf das rosige Gesichtchen geblickt hatte, fing ebenfalls an, sich

zu fürchten vor dem Meer, das dort unter der Eisdecke schlief, und vor

der großen Stille, die um den Katen lauerte, und vor dem Unbekannten,

das täglich einen Fuß auf die Schwelle setzte und ihn wieder zurückzog.

Ein Schauer lief dem plumpen Manne über den Rücken. Er zitterte einen

Moment, daß es den anderen auffiel. Die vielen Nachtwachen hatten ihn

bereits erschöpft.

»Hann,« sagte Frau Fiek aufsehend, »du solltest dich mal hinlegen.«

Er schüttelte das Haupt.

»Nich eher, als bis Line geschlafen hat.«

Damit ging er an die See und maß die Stärke des Eises.

Hann Klüth: Roman · 第 68 / 76 题