Da schlug sie bereits ungeduldig auf das Kissen. »Oh, nur so.«

»Ganz leicht is es, Lining -- ganz leicht,« fiel er wieder ein, »aber

freilich mit Strafen und Zuchthaus nich.«

»Wodurch denn?«

»Lining, ich muß immer an Mudding denken, wieso die so gut war. Beinah

all bei lebendigem Leib ein Engel. Pastor Witt aber hat's am Grabe

erklärt. Weil sie gar keine Gedanken an sich selbst hatte, sondern weil

sie nur den ganzen Tag saß und an uns andere dachte. Siehst du, Lining,

darin steckt's. Ein schlechter Mensch kann wohl einen neuen Menschen

anziehen, i ja, aber dann muß er erst an sich selbst vergessen, über

Bord mit allem, und muß irgend eine Liebe haben, zu 'ner Sache oder zu

'nem andern Menschen. Und wenn er dann ganz voll davon is, dann is das

Neue in ihm reingekommen, dann is er verwandelt. -- So hab' ich Pastor

Witt verstanden.«

Das Mädchen war aufgesprungen.

»Eine Liebe?« sprach sie erschreckt nach. Eine düstere Röte lief über

ihre Stirn.

»Ja, Lining, so erklär' ich mich das,« schloß er glücklich, während er

sich die Hände rieb.

Da wandte sie sich mit einer ihrer raschen Bewegungen, die aber doch

bereits schwerfälliger wurden, zum Fenster, und während sie in den

stäubenden Schneesturm hinausstarrte, verschränkte sie beide Hände vor

der Stirn, um darauf in ein so schmerzliches Stöhnen aufzubrechen, daß

er sich entsetzte.

»Eine Liebe,« stammelte sie vor sich hin, »o Gott.«

»Lining -- Lining -- is dir was?«

Nach seinem Anruf wandte sie sich und kehrte ihm ihr blasses Antlitz zu.

Dabei war es, als ob sie ihn lange betrachte. Dann scheuchte sie wieder

etwas von ihrer Stirn, schritt langsam auf ihn zu, zögerte abermals, und

während ihre Lippen zuckten, streichelte sie ein paarmal sanft über

seine struppige Wange.

Er erstarrte. Breit und plump ragte er vor ihr auf. So etwas Holdes war

ihm noch nie geschehen!

»Du bist ein guter Mensch, Hann,« sagte sie einfach, aber ohne daß ihre

Züge an Düsterkeit verloren.

Da wurde er wieder ganz glücklich.

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Aber nicht immer war Line so sanft. Alte Wünsche schlichen um den Katen

und jagten die Verstörte auf.

Da war zuvörderst eine Kiste, mit deren Inhalt sie gleichsam ihr

früheres Leben wieder auspackte. Als ihr die ersten bunten Schleifen in

die Hände fielen und die ersten, dünnen Reclamhefte -- Schillers »Kabale

und Liebe« -- schrie sie laut auf. Da warf sie sich vor der Truhe auf

die Knie und umklammerte das Holz.

Und woher kam diese Sendung?

Von der ehrbarsten Seite, die nur das Moralische wollte und immer nur

das Moralische.

An einem Dezembermorgen, kurz vor Weihnachten, in den Straßen blitzte

fußhoher Schnee, da hing sich Fräulein Dewitz ihre Pelzkappe um, die ein

Erbstück von Hollanders verstorbener Gattin war, zog sich die perlgrauen

Handschuhe auf, die sie allein für vornehm hielt, und ließ sich von

ihrem kleinen Aufwartemädchen eine Mietsdroschke holen.

»Nach Moorluke,« sagte sie beim Einsteigen zum Kutscher und sah ihn

dabei ganz ängstlich an.

Der Kutscher im Schafpelz kratzte sich hinter dem Ohr.

»Je, Madamming,« warf er ein, »wenn wir man hinkommen. Das erste Mal

sind wir grad bis zum Steinbeckertor gekommen, dann hieß es: umkehren!

Das zweite Mal bis an den Rick, das dritte Mal bis an die Räucherhäuser.

Soll mich wundern, wie weit 's heute geht?«

»Nein, nein,« beharrte das alte Fräulein, »heute tu ich's. Und achten

Sie mir ja auf die Kiste da vorn.«

»Na, denn hü!« brummte der Kutscher.

Aber als die weiße Bahn des Flusses vor ihr aufblitzte, da begann der

Handarbeitslehrerin das Herz zu klopfen.

Noch hielt sie sich. Sie preßte ihr Antlitz in den Muff, als ob sie

nichts hören und sehen wollte.

»Es ist sehr schwer,« flüsterte sie in sich hinein, »für eine, die sich

ihr ganzes Leben vor so etwas gehütet hat, -- -- -- aber die Ärmste ist

ja beinah eine Kranke, und man braucht ja auch nicht von dem

Schrecklichen zu reden. Nein, das braucht man schließlich nicht. Man hat

ja auch ein bißchen gesellschaftliche Kunst, Savoir vivre! -- Gott, wie

ich sie bloß finden werde?«

Draußen wieherten die Pferde.

Fräulein Dewitz erschrak.

Waren das nicht bereits die Räucherhäuser, die dort vorbeiflogen?

Ja, ja, das waren sie wohl.

Lieber Himmel, was wird man aber im Logengarten dazu sagen? Wird man

nicht meinen, ich billige solche -- hm, das Wort flößt mir bereits Angst

ein. Ich bin schon alt, aber darin doch ganz unerfahren. Und wenn Dinas

Tante sich nun von mir zurückziehen würde? -- Draußen donnerten die

Pferde über die Moorluker Notbrücke.

»Herr Bals -- Herr Bals.«

»Madamming?«

»Ich fahre nicht weiter.«

»Kuck, was sagte ich gleich?«

»Nein, nein, es geht nicht, mir ist schlecht worden. -- Aber die Kiste,

die bringen Sie gleich dahin. -- Sie wissen schon! Herrgott, da drüben

wohnt sie. In diesem Katen. -- Nein, sagen Sie gar nicht, daß ich da

bin.«

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So kam die Kiste in Lines Besitz.

Sie lag vor dem Holz, als Hann auf See weilte, auf den Knien und wühlte

in den Andenken und Büchern herum, wie in einem anderen, reicheren

Leben. Immer tiefer!

Ja, Fräulein Dewitz hatte recht geurteilt. Diese Bücher kamen der

Verlassenen jetzt wie vornehme Herren vor, die in die Fischerhütte

traten, um mit der schönen Dirn Kurzweil zu treiben.

Als Hann abends nach einem Sturmtag müde zu ihr ins Zimmer trat, wie ein

borstiges, nasses Ungeheuer, tief in Pelze gehüllt, da fand er sie mit

glühenden Wangen auf der Tischkante sitzen, ein Heftchen in der Hand.

Das Licht stand neben ihr. Ihre Augen blitzten.

Hann blickte sich um. Diesem Anblick gegenüber fühlte er sich hilflos.

Was bedeutete das?

»Hann,« stammelte sie, noch völlig verwirrt.

In seiner Unsicherheit dachte er ihr etwas zu erzählen. Er fuhr an

seinem triefenden Pelzwerk herunter, stotternd: »Unser Boot hat Wasser

gezogen. Klaus Muchow und ich, wir haben beinah eine Stund' im Eis

gelegen -- ich möcht' was Warmes.«

Aber sie verstand die Seenot im ersten Augenblick gar nicht.

Da regte sich bei dem Frierenden Unwillen über ihre Teilnahmlosigkeit.

»Was hast du da zu lesen?«

»Ein Theaterstück.«

Er ballte die Faust.

»Denkst du noch immer an solche Schauspielerstücke?« brach es rauh aus

ihm heraus. »Ich meinte -- --« Aber er unterdrückte das übrige, wandte

sich schwerfällig und verließ mit Geräusch die Kammer, um nebenan bei

den Muchows eine warme Erquickung zu suchen.

Line starrte hinter ihm her, dann ließ sie langsam, zögernd das Heft

sinken und blinzelte träumerisch in das Flämmchen der Kerze.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Doch der Beruf, der sie anzog, der leichte Flittertand, sollte noch

dichter an ihr vorbeistreifen.

Oll Kusemann humpelte in die Küche.

Nur wenige Tage fehlten noch zum Fest, es war ein Morgen, an dem ein

Frost herrschte, daß die Fugen des Katens krachten, und an den Wänden

der Muchowschen Küche ein feiner Eisüberzug flimmerte. Oll Kusemann aber

greinte über das ganze Gesicht und hob einen kleinen gedruckten Zettel

in die Höhe, den er in der Hand trug.

»Kinnings,« schmunzelte er und lehnte sich an den Herd, denn das

Riesenpaar trank gerade gemeinschaftlich mit seinen Mietern Kaffee. »Ich

komm', euch einzuladen. Die Schauspielers sind angekommen. Mein Alwining

hat die Bodenkammer wieder an den Direktor Türkow und seine Braut

vermietet. Oder auch seine Frau. Genau weiß ich das nich. Aber es sind

sehr anständige Leute. Haben nich mal einen Ofen verlangt. Und was sie

is, sie is umgänglich. Und in dem Päplowschen Saal wird heute gespielt.

Sie belernen sich schon, daß es bloß so raucht. Kuckt! Alpenkönig und

Menschenfeind. Ich spiel auch mit. Einen Geist oder so was. Und mein

Alwining macht eine Hex'. Alles ganz natürlich.«

»Eierkauken,« sprach Klaus Muchow, der inzwischen den Zettel angestaunt

hatte und jetzt zärtlich über das Papier strich: »Eierkauking.«

»Ja, ja,« nickte Frau Fiek, »so was mag er gern. Und wenn es man halb so

graulich is, als die Geschicht' von dem alten Räubervater im Hungerturm

-- weißt noch, Klaus, wo wir unsere Latern dazu haben borgen müssen? --

denn kann es mich auch gefallen. Dazu kommen wir.«

Am Nachmittag begann sich Line zu putzen. Ganz verstohlen vor dem

Spiegel, hier ein Schleifchen und dort eine Brosche. Währenddessen saß

Hann hinter dem Ofen und krümmte sich vor Reißen. Die Stunde im Eise

hatte es ihm angetan. Er sah auf seine Gefährtin hin und sprach kein

Wort.

Jetzt flimmerte draußen auf der Dorfstraße eine einsame Petroleumlaterne

auf. Sie warf ihren Schein in die halbdunkle Kammer.

Da hielt sich Line nicht länger.

»Kommst du nicht mit?« begann sie abgewandt, wobei sie sich an der

Kommode etwas zu schaffen machte. Hann rieb an der schmerzenden

Schulter.

»Wohin?« fragte er kurz.

»Nun, du weißt doch. Ins Theater.«

Er rieb weiter, geduckt, ohne eine Silbe zu entgegnen.

»Hann,« mahnte sie scharf.

Diese Art war ihr neu.

Da murrte es aus der dunklen Ofenecke hervor: »Ich hab' Trauer um meine

Mutter und auch um Siebenbrod. Und du -- --«

Es schien ihr, als ob seine Augen sich halb verächtlich von ihr

abwandten.

»Nun, und ich?« forderte sie herb.

»Ich meinte, du brauchtest dich nich so offen vor den Leuten zu zeigen,«

quoll es ohne Rücksicht über seine Lippen.

Dann stöhnte er wieder und rieb an seinem Knie.

Da war es gesagt, das Wort, das die Ausgestoßene von den andern Menschen

schied. Ihre körperliche Schönheit war angetastet, ihr letzter Trost,

ihre letzte Zuflucht.

Zuerst sah sich Line um.

Wo befand sie sich eigentlich? -- Und war das Hann, der ewig

freundliche, dienstwillige Hann, der dort so verkrümmt in der Ecke

hockte und ihr eben so roh ihr Schicksal enthüllt hatte?

Sie tastete mit den Händen umher. Ihre Brust stieß, ein leiser,

unartikulierter Ruf wurde hörbar.

»Lining -- is dir was?«

Keine Antwort. Mit tiefgesenktem Haupte stand sie da und scharrte mit

den Nägeln auf der Tischplatte herum.

»Lining, ich hab' solche Schmerzen -- ich meinte das nich so.«

Das Scharren erstarb. Sie stand regungslos, aber Hann, der sie besorgt

beobachtete, nahm wahr, wie über das geneigte Antlitz große Tränen zu

fließen begannen. Das hatte er bei seiner Schutzbefohlenen noch nie

gesehen.

Trotz seiner Pein hinkte er auf sie zu.

»Lining -- Lining.«

»Lining, ich will dich ja nur hüten.«

»Lining, ich sagt es ja nur zum Guten. Der Mensch muß sich doch in jeder

Lage zuerst ein richtiges Bildnis von sich selbst machen. Das ist doch

das erste. -- Lining, wenn du mir nich bös wärst, würdest du mir dann

woll die Hand geben?«

Er wartete eine Zeitlang, dann bemerkte er, wie sich langsam ihre Finger

ihm entgegenreckten, und plötzlich schoß Siedehitze in ihre Wangen, sie

griff nach seinem Arm, um mit fiebriger Stimme zu fragen: »Bin ich schon

lange so häßlich, Hann?«

»Du, Lining? -- O Gott --« Er getraute sich nicht, von seinem vollen

Herzen mehr zu verraten.

»Sonst hab' ich dir immer gefallen,« fuhr sie nachdenklich fort und

unter Tränen schmerzlich lächelnd.

»Ja, ja, Lining, und das wirst du auch bis an mein Lebensende.«

»Armer Hann -- dir glaub' ich's -- armer Hann.«

Dann legte sie ihre Schleife ab und die Brosche. Die Schublade knarrte,

als sie alles hineinlegte. Darauf suchten sie wieder ihre Plätze auf,

sie an dem Tisch und er an seiner Ofenbank, und ein langes, banges

Schweigen senkte sich herab.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Seitdem war Line wie gebrochen. Sie verließ ihre Kammer nicht mehr. Sie

saß und dachte über sich und Hann nach. Lag vor ihrem Bett und weinte

und konnte es dann gar nicht erwarten, daß Hann heimkehrte. Denn seine

dummen, ehrbaren Vernunftsgründe waren das einzige, was ihr die Furcht

vertrieb.

Manchmal sprach sie ganz sonderbar zu ihm.

»Warum sprichst du nicht zu mir, Hann?«

»Lining, was soll ich?«

»Deine Stimme vertreibt mir die Angst. Es ist, als ob das bißchen Gute

aus mir spräche. Nicht wahr, Hann, es mag doch auch Gutes in mir sein?«

»O Lining -- du -- du.«

»Ich geb' mir auch Müh', an mich selbst zu vergessen, wie du mir geraten

hast. Merkst du das, Hann?«

»Ja, Lining, wie sollt' ich nich?«

»Hann, nicht wahr, ich werd' nicht sterben? Es kann noch ein besserer

Mensch aus mir werden?«

Er lachte und weinte in einem Atem: »Lining, du bist gar nich mehr so

klug, wie früher. Wie kannst du jetzt woll von uns gehen?«

»O Hann, ich träum' jede Nacht davon. Denn ich steh' auf der Schwelle.

Aber nicht wahr, wenn ich auch nicht so klug bin, wie früher, so bin ich

doch auch nicht mehr so trotzig? Bist du jetzt mit mir zufrieden?«

»Lining -- Lining -- du zerreißt mir rein das Herz.«

»Still -- still.«

Und dann saßen sie wieder zusammen, lautlos, als ob sie auf das Geschick

warteten.

Hann Klüth: Roman · 第 67 / 76 题