»Es is Schnee, Lining.«
»Er hat die Fenster schon ganz verklebt.«
»Ja, Lining, ich seh' nur die lütte Stube und dich.«
Sie rückt noch tiefer in die Ecke und starrt auf ihn hin. Dann stützt
sie die Ellbogen auf beide Knie, und während sie zusammenschauert,
vielleicht vor Frost, fragt sie rasch: »Hann, weißt du, woran ich jetzt
denke?«
»Nein, Lining, wie soll ich?«
Jetzt deckt sie langsam die Augen zu: »Hann, ich meine, wenn ich früh
gestorben wär', hätt' ich viel Schlimmes nicht erlebt. -- Du auch -- wir
beide -- armer Hann.«
Es ist das erstemal, daß sie das Wort sagt, das sie nicht mehr verläßt.
Er zuckt zusammen und blickt scheu zu der Zusammengesunkenen hinüber.
Ihre Worte, so seltsam, haben sein Herz mit einem Dorn zerrissen und
doch gleichzeitig das Blut mit einem weichen Blumenblatt fortgenommen.
Aber sie hat den ihr so Nahen längst wieder vergessen.
»Es wär' so gut,« fährt sie stammelnd fort.
»Was, Lining?«
»Wenn man die Junggeborenen vor all dem bewahren dürfte.«
Da hebt Hann sein Haupt. Es ist in der letzten Zeit faltiger geworden.
Aber Line sowohl, wie er, haben es nicht bemerkt. Nur Klara Toll hat es
gesehen.
»Lining, wer soll bewahren?« Und seine Augen, sonst so mitleidig,
blicken ernst.
»Die Mütter, Hann, die Mütter müßten es tun. Oh, solch ein kleiner Sarg,
denk ich mir, ist ebenfalls eine Wiege. Und was würde dann alles mit
einschlafen, all die zukünftigen schlechten Gedanken und all die
schlechten Taten. Denn wer erst denkt, der wünscht, und ein Wunsch ist
schon meistens schlecht.«
Aber da wird Hann zornig. Diese trostlose Ansicht nimmt ihm alles, was
er sich bis jetzt zurechtgezimmert hat an seiner Lebenshütte. Deshalb
wirft er das Netz über das Knie, schüttelt heftig den Kopf, und eilig
geht es ihm über die Zunge: »Lining, das mußt du nich sagen -- sieh, das
mußt du nich. Wirklich! Denn erstens, wenn der liebe Gott das wollte,
wozu schickte er erst die kleinen Kinder!? Und, Lining, werden es etwa
weniger auf der Welt? Mich dünkt nicht. Und dann, Lining, ich hab' mir
schon immer gedacht, mit die Menschens hat das doch der liebe Gott ganz
komisch eingerichtet, ganz furchtbar komisch. Denn sieh eins, Lining, es
geht wohl so das gemeine Gered' umher, ein lüttes Kind, so ein ganz
kleines Würming in den Windeln, das sei eigentlich der allerbeste
Mensch, noch ganz unschuldig, sozusagen aus dem Paradiese. Ich aber sag'
dir, Lining, dieses is gar nich wahr. So ein Neugeborenes is mehr
schlecht als gut. Denn wieso? -- Na, daß es dumm is, wie Bohnenstroh,
das weißt du ja selbst. Aber es is auch noch auf andere Weise schlecht,
es kratzt, wie eine Katz, es nimmt, was ihm nich gehört, es is
habsüchtig und hat keinen Menschen lieb, als sich. Is das wahr? -- Ich
sag dir, es is wahr. Aber was nu weiter? -- Da kommt nun der liebe Gott
und hat von Anfang an in die Menschens diese ganz merkwürdige Kraft zum
Besserwerden reingelegt. Auch zum Schlechterwerden. Aber doch mehr zum
Bessern. Die liegt in uns, Lining, man spürt sie manchmal leibhaftig.
Und nun kuck dir bloß mal an, wie es nun durch diese Kraft mit so einem
Neugeborenen vorwärtsgeht. Meistens vorwärts. Denn das Bessere muß wohl
das Stärkere sein. Erst lernt das sprechen, und dann lernt das lieben,
und dann lernt das denken, und so fort, bis es sich zuletzt ganz große
Dinge aussinnt, die wieder anderen Menschen was nützen. -- Und, Lining,
um dies >Vorwärts< wolltest du solche lütten Dinger bringen? -- So ganz
schlecht und miserabelig, wie sie anfangs sind, wolltest du sie wieder
in die Erde abliefern? Ich sag' dir, da müßte man sich ja rein vor den
Regenwürmern genieren.«
Da hockt Line in ihrer Ecke, in die sie sich immer scheuer zurückzieht,
so daß die Lichtstrahlen sie kaum noch finden. Aber ihre Augen sind groß
geworden, und sie richtet sie mit solch erstauntem Ausdruck auf den
Fischer, wie früher, wenn der Knabe zuweilen etwas geäußert, was mit
seinem blauen Kittel schlecht zusammenstimmen wollte.
Unausgesetzt tickt der Schnee an die Scheiben, Möwen und Raben krächzen
draußen, und an dem Netz wird weitergeflickt.
Ganz still ist es zwischen den beiden geworden.
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Ein paar Tage darauf herrschte Schneesturm.
Da saßen die Einsamen nach dem Abendbrot noch beisammen, denn es war zu
früh, als daß Hann auf seinen Bodenverschlag hinaufgeklettert wäre. Auch
fürchtete Line in letzter Zeit das Alleinsein.
»Soll ich Reuter lesen?« fragte Hann, »hier >Ut de Franzosentid<.«
Sie saß auf ihrem Bett und hatte die Hände müde in ihrem Schoß gefaltet.
Eine Flechte des schwarzen Haares ringelte sich bereits über ihre
Schulter.
Im Nachsinnen hatte sie damit gespielt.
»Nein, Hann, ich bin heut nicht lustig.«
In diesem Augenblick stäubte über das Dach etwas fort, im Schornstein
heulte es auf, und die beiden hörten, wie nebenan Klaus Muchow im Schlaf
laut aufbrummte.
Nach einer Weile fragte Hann, der an dem Licht stocherte: »Wenn ich nich
lesen soll, was soll ich?«
Sie verzog ein wenig die Nasenflügel.
»Steck dir deine Pfeife an, Hann, und bleib noch ein wenig hier.«
»Hier rauchen?«
Er glaubte zuerst, daß er nicht richtig verstanden hätte, denn bis jetzt
hatte sich Line den Tabaksdunst stets verbeten, und auch, als sie
nochmals beistimmend nickte, wagte er nicht gleich, die kurze
Schifferpfeife hervorzuholen. Da stand das Mädchen auf und riß ihm
selbst ein Streichholz an.
»Hier,« sagte sie matt.
»O Lining,« erwiderte er gerührt und streichelte leise ihre Hand.
Dieser Tabak schmeckte köstlich. Ganz vorsichtig blies er die Wolken von
sich und schlug mit der Hand danach, wenn sie ihm zu dick erschienen.
»Heute is es hier schön,« wagte er nach einiger Zeit zu urteilen.
Sie saß wieder auf dem Bettrand und nestelte an ihren Haaren, ohne
sonderlich auf ihn zu achten.
»Heute is es hier gemütlich,« sprach Hann schüchtern weiter.
Da nickte sie abermals, aber zerstreut, während sie auf den Wirbelsturm
lauschte, der an ihrem Katen vorüberzog, und plötzlich entgegnete sie
rasch und mit Betonung: »In der Stube ist es still.«
»In der Stube, Lining?«
Oh, er hatte für sie ein so feines Ohr gewonnen.
»In deinem Geist aber nich? Meinst du das so?«
Jetzt fuhr sie wie ertappt zusammen und rückte auf dem Bettrand hin und
her. »Du solltest dich nicht so viel um mich sorgen,« drängte sie
verlegen, »nicht immerfort. Die Hauptsache ist, wenn du dich wohl
fühlst.«
»Wenn ich -- --?«
War das Spuk? Hatte das eben eine menschliche Stimme geredet? -- Oder
hatte es eine der kleinen weißen Mäuse gewispert, die ja in den
Schifferstuben in den Ecken sitzen sollen, wenn es still und friedlich
hergeht. Und es war friedlich. Wie fein duftete der Tabak, wie wiegten
sich die blauen Wolken um das Licht!
Und diese köstliche Stille.
Und diese schöne schwarze Flechte, die da auf der Schulter ruhte.
Betroffen schlug Hann die Augen nieder und rückte das Licht, als ob es
ihn blende.
Und da fragte seine Gefährtin schon wieder etwas, was sein Herz noch
froher schlagen ließ, weil er es noch vor kurzem nicht für möglich
gehalten hätte.
»Hann, du sagtest neulich was vom Besserwerden.«
Er kratzte sich voller Verwunderung hinter dem Ohr.
»Hast du dir das behalten, Lining?« warf er mit halbem Stolz dazwischen.
»Ja.«
Sie sah ihn nicht an, sondern fuhr mit der kleinen Hand unstet am
Bettrand auf und nieder. Da mußte er zu ihr hinüberblicken und
betrachten, wie die Flechte sich leise bewegte.
Das verwirrte ihn, machte ihn froh und unglücklich.
Diese da war ja die erste, die er sah. Das erste Weib!
So rot die Lippen.
»Kirschen,« dachte Hann, »oder ne, noch besser, Korallen. Solche Brosche
hatte Mudding gehabt.«
»Hann, glaubst du,« fragte sie unsicher dazwischen, »daß sich auch
schlechte Menschen bessern können?«
Da war es!
Er nahm die Pfeife aus dem Munde und faltete beinahe andächtig die
Hände.
Draußen der Wind klang ihm wie Orgelton.
Line, diese schöne Line, mit den schwarzen Haaren, die doch so gut war,
-- nicht ganz gut, verbesserte er sich --, sie wollte in sich gehen.
Hurra -- Viktoria!
Am liebsten hätte er aufgejubelt, aber er bezwang sich und erwiderte nur
eilfertig: »Aber natürlich, Lining. Aber weshalb fragst du?«