VI

Seitdem wird es etwas besser in dem Katenhaus. Line nimmt sich vor Hann

zusammen, sie zwingt ihre zornige Laune nieder, so oft sie daran denkt.

Sie streitet sich auch nicht mehr mit Frau Fiek, sondern sitzt bei den

gemeinschaftlichen Mahlzeiten still auf ihrem Holzschemel, und nur, wenn

die Muchows etwas zu dröhnend werden, wenn sie singen oder mit den Füßen

aufstoßen, dann zuckt es in ihren Augen auf.

Ein Feuerfunke, der hinausfliegen will.

Aber die anderen merken nichts davon.

Nur Hann fühlt mit Staunen, allmählich mit Herzklopfen, später mit Angst

und vorzeitiger Freude, daß etwas anders wird.

So merkt's die dumpfe Erdenscholle, daß der Schnee schmilzt und warme

Frühlingswässer zu ihr dringen.

Der Winter kam.

Eines Morgens lag Moorluke im weißen Bann.

Bis zum Schornstein steckte der Katen der Riesen im Schnee.

Manchmal mußten die Männer einen Weg schaufeln, wenn sie ins Freie

wollten. Auch das Meer zeigte Eroberungsgelüste. Mit einem einzigen

Schlage drang es an und schleuderte geborstene Eisstücke gegen Tür und

Mauern des vorgeschobenen Baues. Und eines Morgens, da hatte es den

ganzen Katen gefangen und rings mit einer Eismauer umgeben.

Kalt, stählern, tückisch lag der Feind im Morgenlichte da.

»Stäwelwichs -- Stäwelwichs,« schrie Klaus Muchow erbost, und die Männer

hieben mit Eisäxten dazwischen.

Dadurch wurde es in dem eingeengten Katen wieder einsamer. Von aller

Welt lag er in seinem Schneehaufen abgeschlossen. Die Wege, die über

die Wiesen führten, hatten sich längst verkrochen. Man konnte sich

darüber streiten, an welcher Stelle sie vordem ihr Schlangenspiel

getrieben. Eben und weiß, unberührt und teilnahmlos lag jetzt die große,

leuchtende Fläche, die sich ohne Abzeichen über den Bodden fortsetzte.

Man wußte nicht, wo die Grenze war.

Selbst die Kirchenglocke, die doch früher laut zu den Einsamen

herübergerufen hatte, sie war eingefroren und krächzte zuweilen wie ein

heiserer Riese, der ein dickes Halstuch trägt.

Immer stiller wurd's.

Das aber war Line gerade recht.

Ihre Zeit rückte näher und näher, und damit die Sucht, sich zu

verkriechen; jedes fremde Gesicht zu vermeiden, und den Kopf zu stützen

und nachzusinnen.

Das war ihr etwas ganz Neues.

Früher war sie Genuß suchend durch die Welt gelaufen, und die Erde lag

im Morgenrot -- nun war es finster geworden, Fledermäuse flogen. Das

waren ihre Gedanken, die sich die Welt zu erklären suchten. Da wurde ihr

allmählich Hann, der des dunklen Winters wegen fast immer daheim hockte

--, kimmerischer Dämmerung wegen, die über dem Ostmeer braut, -- da

wurde ihr die plumpe Gestalt, die verkrümmt auf dem Stuhl hing,

riechende Netze in der Hand, da wurde ihr der Nachdenkliche allmählich

ein Schatz.

Dunkler und schneedämmeriger wurden die Tage, düsterer und drängender

wurden die Stunden. Lines Trotz hielt nicht mehr vor; wenn sie so in

einer Ecke kauerte, dann stieg es plötzlich vor ihr auf und griff nach

ihr. -- Angst -- Angst -- Furcht, Grauen vor dem Lebenden, das in ihr

war, und zu dem sie sich nicht gerüstet fühlte.

Dann wirft sie plötzlich die Hand vor. Ihre Stimme schwankt vor

Schrecken: »Hann, bist du noch da?«

»Ja, Lining, ich bin hier.«

»Dann steck' Licht an, Hann.«

Hann erhebt sich, tastet herum, kurz darauf zuckt von dem schmalen Tisch

die gelbe Flamme der Kerze auf. Schwankende Schatten huschen herum.

Aus Lines Ecke dringt ein Atemzug, und Hann sieht bekümmert, wie

flackernd die dunklen Augen aus dem blassen Gesicht hervorbrennen.

Hann Klüth: Roman · 第 65 / 76 题