Seitdem wird es etwas besser in dem Katenhaus. Line nimmt sich vor Hann
zusammen, sie zwingt ihre zornige Laune nieder, so oft sie daran denkt.
Sie streitet sich auch nicht mehr mit Frau Fiek, sondern sitzt bei den
gemeinschaftlichen Mahlzeiten still auf ihrem Holzschemel, und nur, wenn
die Muchows etwas zu dröhnend werden, wenn sie singen oder mit den Füßen
aufstoßen, dann zuckt es in ihren Augen auf.
Ein Feuerfunke, der hinausfliegen will.
Aber die anderen merken nichts davon.
Nur Hann fühlt mit Staunen, allmählich mit Herzklopfen, später mit Angst
und vorzeitiger Freude, daß etwas anders wird.
So merkt's die dumpfe Erdenscholle, daß der Schnee schmilzt und warme
Frühlingswässer zu ihr dringen.
Der Winter kam.
Eines Morgens lag Moorluke im weißen Bann.
Bis zum Schornstein steckte der Katen der Riesen im Schnee.
Manchmal mußten die Männer einen Weg schaufeln, wenn sie ins Freie
wollten. Auch das Meer zeigte Eroberungsgelüste. Mit einem einzigen
Schlage drang es an und schleuderte geborstene Eisstücke gegen Tür und
Mauern des vorgeschobenen Baues. Und eines Morgens, da hatte es den
ganzen Katen gefangen und rings mit einer Eismauer umgeben.
Kalt, stählern, tückisch lag der Feind im Morgenlichte da.
»Stäwelwichs -- Stäwelwichs,« schrie Klaus Muchow erbost, und die Männer
hieben mit Eisäxten dazwischen.
Dadurch wurde es in dem eingeengten Katen wieder einsamer. Von aller
Welt lag er in seinem Schneehaufen abgeschlossen. Die Wege, die über
die Wiesen führten, hatten sich längst verkrochen. Man konnte sich
darüber streiten, an welcher Stelle sie vordem ihr Schlangenspiel
getrieben. Eben und weiß, unberührt und teilnahmlos lag jetzt die große,
leuchtende Fläche, die sich ohne Abzeichen über den Bodden fortsetzte.
Man wußte nicht, wo die Grenze war.
Selbst die Kirchenglocke, die doch früher laut zu den Einsamen
herübergerufen hatte, sie war eingefroren und krächzte zuweilen wie ein
heiserer Riese, der ein dickes Halstuch trägt.
Immer stiller wurd's.
Das aber war Line gerade recht.
Ihre Zeit rückte näher und näher, und damit die Sucht, sich zu
verkriechen; jedes fremde Gesicht zu vermeiden, und den Kopf zu stützen
und nachzusinnen.
Das war ihr etwas ganz Neues.
Früher war sie Genuß suchend durch die Welt gelaufen, und die Erde lag
im Morgenrot -- nun war es finster geworden, Fledermäuse flogen. Das
waren ihre Gedanken, die sich die Welt zu erklären suchten. Da wurde ihr
allmählich Hann, der des dunklen Winters wegen fast immer daheim hockte
--, kimmerischer Dämmerung wegen, die über dem Ostmeer braut, -- da
wurde ihr die plumpe Gestalt, die verkrümmt auf dem Stuhl hing,
riechende Netze in der Hand, da wurde ihr der Nachdenkliche allmählich
ein Schatz.
Dunkler und schneedämmeriger wurden die Tage, düsterer und drängender
wurden die Stunden. Lines Trotz hielt nicht mehr vor; wenn sie so in
einer Ecke kauerte, dann stieg es plötzlich vor ihr auf und griff nach
ihr. -- Angst -- Angst -- Furcht, Grauen vor dem Lebenden, das in ihr
war, und zu dem sie sich nicht gerüstet fühlte.
Dann wirft sie plötzlich die Hand vor. Ihre Stimme schwankt vor
Schrecken: »Hann, bist du noch da?«
»Ja, Lining, ich bin hier.«
»Dann steck' Licht an, Hann.«
Hann erhebt sich, tastet herum, kurz darauf zuckt von dem schmalen Tisch
die gelbe Flamme der Kerze auf. Schwankende Schatten huschen herum.
Aus Lines Ecke dringt ein Atemzug, und Hann sieht bekümmert, wie
flackernd die dunklen Augen aus dem blassen Gesicht hervorbrennen.