Er rief leise: »Siebenbrod.«

Nichts regte sich.

Aber das war er doch? Dort stand er doch in der Ecke, den breiten Rücken

dem Beobachter zugekehrt und so sonderbar groß?

Noch einmal rief Hann mit halber, heiserer Stimme, die ihm nicht recht

aus der Kehle wollte, jedoch der riesige Fischer regte sich nicht. Er

stand, um zwei Haupteslängen höher als Hann, den struppigen Kopf mit den

schwarzen Haaren, von denen die Mütze heruntergeglitten war, eng der

Ecke zugekehrt, wie wenn er sich schäme.

»Jesus -- Christus,« sprach Hann ganz langsam, und mit vorgestreckten

Armen, als ob er sich gegen Spuk schützen wolle, schlich er näher, bis

er mit dem Finger scheu den Rücken des Riesen berühren konnte.

»Siebenbrod.«

»Siebenbrod, warum bist du heut so groß?«

»Gott erbarm sich, Siebenbrod, du stehst ja in der Luft?«

Aber als keine Antwort kam, sondern die Gestalt unter dem Druck von

Hanns Finger unmerklich hin und her schaukelte, da versuchte der Bursche

in seinem Entsetzen das letzte Mittel, das, wie er sich erinnerte, oll

Kusemann als untrüglich gepriesen hatte.

Mit raschem Griff riß er dem Hängenden drei Haare aus und legte sie ihm

in Kreuzform auf die Füße. Allein Siebenbrod hatte bereits die Klänge

seiner Musikdose vernommen, nach denen er sich schon als Kind so

leidenschaftlich gesehnt hatte, und schaukelte deshalb unempfindlich

gegen Hanns Zauber weiter, ja, er begann sich jetzt sogar um sich selber

zu drehen. Da schnitt ihn Hann kurz entschlossen herunter.

Als der Morgen graute, da lag vor dem blauen Koffer, den der Bootsmann

einst als einziges Gut in die Ehe mitgebracht hatte, ein braunes Stück

Segeltuch, unter welchem sich undeutlich die Umrisse eines

hingestreckten Körpers abhoben, und auf dem Koffer saß Hann und hielt

lautlos die Leichenwacht. Und immer wieder guckte er hinunter und fragte

sich: »Da liegt er nun so still, so mucksenstilling, und soll doch mal

auferstehen? -- Und wenn Mudding man in den Himmel kommt, dann findet

sie nun zwei Männer vor. -- Wie das wohl is? -- Und ob der liebe Gott

wohl kleiner würd', wenn das Wiederfinden man solch ein Trostmärchen von

die Pastoren wäre? -- Ich weiß es nich. -- Aber hör', da draußen kräht

all der Hahn -- und da noch einer und wieder einer.

O Siebenbrod, jetzt takeln die anderen Fischer ihre Boote ab und gehen

zur Ruhe. Und du hast dich all so viel früher hingelegt. Darin liegt

wohl das, was unrecht is, und was die Menschen nich verzeihen mögen.

Denn ich denk mich man, durch das Leben kriegen wir doch erst all die

anderen Gottesgeschenke. Und sieh, jetzt kommt es mich auch so vor, als

ob das Leben selbst doch wohl mit das höchste Glück sei. Denn die Sonne

und die Sterne und das Wasser nie gesehen und niemals eine menschliche

Stimme gehört zu haben, wie zum Beispiel Line ihre, das is wohl das

Aller -- -- Allerschlimmste. Kuck, Siebenbrod, und all das wegwerfen,

nein, ich muß dich sagen, darin liegt mehr als Sünde, darin liegt

Dummheit.«

Und als er das sagte, da schmetterte laut und lebensvoll der Hahn, und

immer heller fiel das Morgenlicht auf das braune Segeltuch.

V

Zwei Monate später.

Die Herbst- und Reisemonate sind vorüber. Oll Chronos schmierte um diese

Zeit seine Karre. Er will den Sommer abholen und nebenbei die fauligen

Ähren von den Feldern lesen, denn in solch mürbegewordenen Sommertrieben

liegt neuer Dung.

In der Küche der kleinen Katenhütte, in der Hann und Line jetzt zur

Miete wohnen, sitzt der Besitzer des Hauses, der riesige Fischer Klaus

Muchow, auf seinem Schemel und hält sich mit weit ausgespannten Armen an

zwei eisernen Haken der lichtblauen Mauer fest, weil ihm seine Frau

sonst unmöglich die gewaltigen Transtiefel ausziehen könnte, die wie

Pech an seinen Füßen kleben.

»Ne,« atmet Frau Fiek[8] nach einigen vergeblichen Versuchen, und die

starkknochige Frau, die ebenfalls eine blonde Riesin ist, wischt sich

den Schweiß, »nein, wenn ich dich das nich seit dreißig Jahren angewöhnt

hätt', und du mir nich bis jetzt jeden Stiefelzieher zerbrochen hättest,

hör', Mann, ich würd's nich mehr tun. Da gehört ja ne Maschine dazu oder

doch zwei Pferde.«

Der Riese grinst wohlgefällig, verzieht das blondumbärtete Maul und

versucht, sich fester an den Haken zu klammern, wobei er aber das

fußlange Eisen ausreißt.

Jetzt gerät er in Zorn, besieht sich das Eisen, schleudert es in den

Holzkorb und brüllt, daß der kleine, kaum sieben Fuß hohe Raum

erzittert: »Stäwelwichs -- Stäwelwichs!«[9]

»Hast recht,« antwortet darauf Frau Fiek ruhig, »der Schmied hat sie

nich ordentlich eingehauen.«

Hier könnte man nun einsenden, daß Frau Fiek ihrem Klaus ganz unlogisch

antwortete, denn der Riese hat doch augenscheinlich Stiefelwichse

verlangt, von deren Anwendung er vielleicht eine Erlösung von seinen

Transtiefeln erwartete. Aber wer das denkt, der zeigt eben, daß er das

stärkste Moorluker Ehepaar gar nicht kennt, denn eben hat Frau Fieks

eiserne Faust das Leder dennoch heruntergezogen, und der Gatte brüllt

nun in allen Tönen der Freude: »Eierkauken -- Eierkauken.«[10]

Damit ist Klaus Muchows Wortschatz beendet, denn das blonde Neptunshaupt

ist taubstumm, und erst nach langen Mühen hat ihm Frau Fiek diese beiden

Worte beigebracht, die er nun für jede Gemütsregung anwendet.

Klaus Muchow ist seelensgut, er hat alles lieb, mit Ausnahme einer

Büchse Stiefelwichse, die ihm einstmals in der Dunkelheit und in der

Abwesenheit seiner Frau an den Mund geriet, um dann allerdings von ihm

in höchstem Grimm in den Rick geschleudert zu werden. Dieser

Gemütserschütterung verdankt er das Wort.

»Stäwelwichs.«

Stäwelwichs bedeutet seitdem alles, was ihm schlecht dünkt. Der Teufel

-- ein zerrissenes Netz -- ein betrunkenes altes Weib -- Leibschmerzen --

alles ist Stäwelwichs.

Dagegen haben ihm sein Magen und seine Leckerzunge auch das Wort für

alle Idealität und die Erscheinung des Guten geliefert.

Eierkauken stellt nämlich Klaus Muchows Leibgericht dar, denn der Riese

ist ein Leckertähn, und da dieser Kuchen nirgends so lieblich mit Butter

und Eiern bereitet wird, als bei Frau Fiek, so drückt Eierkauken jedes

gute Prinzip aus, zum Beispiel den Himmel -- einen scharfen Priem --

einen Bummelschottschen mit Frau Fiek, denn sobald der Fußboden und die

Decke fest sind, dann tanzt das Riesenpaar gern miteinander; Eierkauken

ist ferner ein schattiger Platz in der Kirche -- die Sparbüchse, und ein

Faustschlag, den oll Kusemann wegen seiner Lügen und Neckereien zu

empfangen hat.

Das Merkwürdigste aber in dieser Ehe bleibt, daß Klaus Muchow nur seiner

Riesin auf die Lippen zu sehen oder ihren heftigen Gebärden zu folgen

braucht, um tatsächlich jedes Wort zu verstehen.

»Na, Männing,« fragt Frau Fiek, nachdem ihr Gatte mit den Füßen in ein

Paar Holzpantoffel gefahren ist und nun den Kaffeetopf in der Hand hält:

»Schön was gefangen heut?«

Klaus Muchow schlürft laut den Kaffee und schüttelt mißmutig das

struwlige Lockenhaupt.

»Na,« tröstet die Riesin und schlägt ihm dabei schallend aufs Knie, was

aber eine Liebkosung bedeuten soll, »schadet nich -- wir haben ja erst

gestern aus der Räucherei Geld bekommen; man muß auch nich zuviel

verlangen.«

Jetzt grunzt der Fischer zum Zeichen der Zustimmung ein bißchen, während

das Schlürfen erstirbt. Dann setzt er den Topf hin, zeigt auf die

Seitenwand, schließt die Augen und beginnt einen Augenblick laut zu

schnarchen, worauf Frau Fiek, die bereits am Herd hantiert, den Kopf

schütteln und antworten muß: »Nein, sie is noch nich aufgestanden. Kann

sich das Langschlafen aus ihre vornehme Zeit noch immer nich

abgewöhnen.«

»Eierkauken,« murmelt Klaus mitleidig und macht mit der Hand die Gebärde

des Streichelns.

»Ja, ja, ich weiß woll,« fährt Frau Fiek fort, »du magst sie gern

leiden, und die beiden haben ja auch viel Unglück gehabt. Erst ihr

bißchen Hab und Gut verloren, dann das Unglück mit dem Stiefvater, der

sich aufgehangen hat. Zwei Tage später noch eine zweite Leiche im Haus.

Die gelähmte alte Frau Klüth -- der ja der Tod von Siebenbrod den Rest

gegeben haben soll, zum Schluß das mit dem jungen Ding selbst -- o je, o

je -- was soll man dazu sagen? Aber ich mein, nun könnte sie sich doch

auch ein bißchen in die Verhältnisse schicken und sich nich mehr so

vornehm aufspielen. Nu hör' bloß! Schlägt all sieben. Und sie schläft

noch immer. Nimmt doch von einem Fischer ihr Brot an, da müßt sie sich

auch so haben, wie eine Fischerfrau.«

Sie unterbricht sich, denn ihr Klaus grunzt laut und vollführt mit

seinen Händen derartige Bewegungen, als wenn er zwei Stricknadeln in der

Hand hielte.

»Ja, ja,« versteht ihn die Riesin sofort, »ich weiß all, was du willst.

Sie strickt seit ein paar Tagen neue Strümpfe für Hann. I, ja, das is

aber auch man so ne Arbeit für vornehme Damens. Ihr Fräulein Dewitz war

ja ne Handarbeitslehrerin. Weshalb soll sie denn so was nich verstehen?«

»Huh -- huh,« brummte hier Klaus Muchow laut auf und fuhr mit dem

rechten Arm eng im Kreise herum, dann fuscherte er unter den Kochtöpfen

des Herdes.

»Ach so,« sagte Frau Fiek und legte den Finger an die Nase, »du meinst,

daß sie neulich für ihn gekocht hat. I, das war auch danach. Hat mir ja

allein ein halbes Pfund Butter verbraucht. Und seitdem hat sie sich auch

nich wieder daran gewagt. Und überhaupt« -- hier wandte sie sich und

setzte beide Hände in die Seiten -- »ich muß dich man was sagen. Aber du

bist mucksenstill und hast keine Widerwörter! Gestern war die Frau

Hafenmeistern bei mich, hat mich wieder Klein-Kinderzeug zum Waschen

gebracht. Und bei die kleinen Hemden, da kamen wir auch auf das -- nun

auf das, was bei der da --« jetzt zeigte die Riesin ebenfalls auf die

Seitenwand -- »erwartet wird. Und da fragten wir uns so, ob so was

überhaupt für mich im Hause paßlich wäre? Und die Frau Hafenmeistern

meinte, daß das für ne Frau wie mich un -- unmorastig wär'! Und nun frag

ich man, bin ich nich immer ne reinliche Frau gewesen auch beim Waschen?

Und nun soll ich mit einmal Morast im Hause haben? Ne, Klaus, entweder,

oder -- mehr sag' ich nicht; ich sag' bloß -- entweder -- oder.«

Aber Klaus Muchow, dem es das zarte, schmale Gesichtchen seiner

Mieterin angetan hatte, erhob sich, so daß sein Haupt hart an die Decke

stieß, streckte die Faust vor und brüllte: »Stäwelwichs!«

»Ne,« schrie jetzt auch Frau Fiek, »diesmal geb' ich nich nach. Die Dirn

soll mir aus dem Hause.«

»Stäwelwichs!« schrie Klaus kirschbraun im Gesicht und schmetterte einen

Kochtopf auf die Erde.

»Is mir auch recht,« lachte die Riesin wütend, ergriff ebenfalls einen

Topf, aber vorsichtigerweise einen kleineren, und schleuderte ihn

ebenfalls auf den Boden.

»Soll mir aus dem Hause,« tobte sie. »Und ich weiß es jetzt auch -- die

hat der Teufel hier hereingeführt -- kein anderer as de Düwel.«[11]

Das war die besondere Eigenart der guten Riesin, daß sie felsenfest an

den Teufel glaubte, ja, daß sie ihn überall herumschleichen sah, in

ihrem Schrank, auf der Straße, ja sogar in ihrem Bett.

»De Düwel -- de Düwel.«

»Stäwelwichs.«

Der Streit der Riesen hätte diesmal ausarten können. Aber plötzlich

begann auf der Dorfstraße eine Leier zu spielen. Und der Italiano sang

dazu:

»Du, du liegst mir im Herzen,

Du, du liegst mir im Sinn« --

Klaus Muchow sah ihn zuerst durch das Küchenfenster. -- Er riß die Augen

weit auf.

Musik hat etwas Versöhnendes, besonders aber bei dem Riesenpaar, dessen

Herzensbedürfnis Lied und Tanz ausmachte.

Zuerst zog ein seliges Lachen über des Mannes Züge. Obwohl er die

Melodie nicht hörte, hob er das rechte Bein.

Da konnte auch die Riesin nicht länger widerstehen; sie ließ den

Kochlöffel fallen und lehnte sich an die Schulter des Fischers:

»Du, du machst mir viel Schmerzen,

Weißt nicht, wie gut ich dir bin.«

Sie lachten, faßten sich an den Händen und drehten sich.

Line und der Teufel waren vergessen.

Sie tanzten.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

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Eine Stunde später erhob sich Line von ihrem Lager. Sie sah sich

mißmutig in dem engen Verschlage um, den Hann nach dem Beispiel von Frau

Fiek ein »Stübing« nannte, schüttelte verächtlich die Betten des

Wandschragens zurecht, der ihr als Lagerstatt diente, während Hann in

einer Bodenkammer hauste, und setzte sich dann vor einem Stückchen

zerbrochenen Spiegelglases nieder, das auf einer rohen Fichtenkommode

stand, um sich die Haare aufzustecken.

Sie beeilte sich sehr damit, denn der Tag schien bereits hell in ihre

Kammer, und jeden Augenblick konnte Hann von der See heimkehren. Hastig

fuhr sie in ihre Bluse und zog den Stoff seufzend stramm. Draußen auf

der Dorfstraße hörte man aus der Ferne noch immer die Leier spielen.

Rasch öffnete sie das niedrige Fenster und lehnte sich einen Augenblick

hinaus.

Aber das Katenhäuschen der Muchows lag weit ab vom Dorfe, und seine

Fenster gingen direkt auf die Seewiesen und den Bodden hinaus.

Line verzog die Stirn.

Hier vernahm man die Leier nur ganz verschwommen.

Blauschimmernd wiegte sich wohl die See, im grellen Sonnenschein

glitzerten die feuchten Wiesengräser, und eine Wolke gelber und brauner

Schmetterlinge gaukelte in der stillen Luft umher, aber Line bemerkte

das alles nicht.

Diese Einsamkeit!

Sie verschränkte die Hände, drückte sie gegen die Stirn und wandte sich

heftig ab, als hätte die Ruhe draußen sie verletzt.

Aus dem Nebenraum war inzwischen ein scharfer Fischgeruch gedrungen.

Das roch so schlecht.

Schon als Kind hatte sie eine Abneigung gegen den Duft empfunden; und

jetzt, wo sie ihn immerfort roch -- jetzt schien er ihr beinahe

unleidlich.

Sie setzte sich auf einen Schemel am Fenster und starrte auf die See

hinaus.

Oh, wie schön und vornehm hatte es doch bei Fräulein Dewitz geduftet.

Jeden Sonnabend nach dem großen Säubern hatte sie Lavendelessenz

sprengen müssen. Und hier? --

Dieses verwünschte kleine Katenhaus! Und diese ungebildeten Riesenleute.

Oh, sie wußte ganz gut, daß sie der Frau ein Dorn im Auge war, denn das

Schicksal Lines hatte sich bereits herumgesprochen.

Man munkelte, ohne zu wissen.

Line biß sich auf die Lippen und ballte langsam die Faust.

Warum? Warum krochen die Monate so? Wie lange mußte sie hier noch

sitzen? Wann war sie endlich frei und erlöst? Sie rechnete an den

Fingern. Denn hier -- hier blieb sie keinen Tag länger, als sie mußte.

Hier war ja nur ein Versteck für sie, ein Unterschlupf. Hier band sie ja

nichts! -- Oder Hann vielleicht?

Sie zuckte die Achseln.

Freilich, sie wußte sehr genau, daß es Hanns größte Freude im Leben

ausmache, ihr ins Gesicht schauen zu dürfen. Es war lächerlich -- sie

tat nichts dazu -- aber es war einmal die Angewohnheit des ihr so

ungleichen Bauern.

Und dann dachte sie sich auch, dabei könne man ihn lassen, das schadete

ja keinem, und Hann müsse ihr schließlich noch dankbar sein, wenn sie

diese elende Hütte mit ihm teile.

»Tag, Fräulein,« klang es von draußen.

Line fuhr auf.

Über den Wiesenweg zur Mole schritt oll Kusemann vorüber, der

übertrieben tief seine zierliche Lotsenmütze zog und mit den Augen

zwinkernd, wohlwollend fragte: »Na, ümmer noch gut zu Wege, Mamselling?«

Line sah ihn an, wurde blutrot und schlug klirrend die Scheiben zu.

»Kuck, wie nett,« sprach der Lotse, unbekümmert um ihre Wut, und

dienerte rückwärts, wie ein Krebs, an ihr vorüber. »Na, solche

Zornigkeit verschwindet aber bald wieder. Das bringen manchmal die

Umstände mit sich. Ich komm und kuck mich mal abends nach dem Mamselling

um.«

Damit ging er ehrbar seines Weges.

»Solch ein Kerl!«

Line kratzte mit den Nägeln an ihrer Schürze herum.

Das war nun der einzige, der sich nach ihr erkundigte. Paul, der neue

Pastor, der jetzt auf dem Walsin amtierte, hatte seinen Bruder wohl

schon einigemal besucht, aber immer wenn er eintrat, war Line rasch in

Hanns Bodenkammer hinaufgesprungen oder durch die Küche auf die

Seewiesen hinausgelaufen, um nicht mit dem Geistlichen

zusammenzutreffen. Auch zu Siebenbrods wie Muddings Leichenbegängnis war

sie nicht mitgegangen, sondern hatte sich, wie erschreckt, auf dem Boden

des alten Hauses, das nun auch bereits dem Barbier gehörte, verkrochen.

Und niemand hatte nach ihr gefragt. Selbst Hann schien dies Verstecken

natürlich gefunden zu haben, denn er war nie mehr darauf zurückgekommen.

Die Einsame stieß ein zorniges Lachen aus.

Warum wohl Fräulein Dewitz nicht einmal herauskam? -- Ach die! Die mochte

bleiben, wo sie war! -- Aber nicht ein einziges Mal sich erkundigen

lassen? Das alte Fräulein hätte doch die Verpflichtung gehabt! -- Und

nun gar der Konsul Hollander oder Dina?

Line bedeckte plötzlich die Augen mit der Hand, denn das Gefühl des

Ausgestoßenseins war übermächtig über sie hereingebrochen, dann jedoch,

als ob sie sich dieses kurzen Nachgebens schäme, griff sie ebenso

schnell nach dem Scherben von Spiegelglas und schleuderte ihn heftig auf

die Erde.

An allem war nur Hann und dieses Katenhaus schuld.

»Da lieg.«

Die Splitter flogen herum.

»Lining,« sprach der eintretende Hann vorwurfsvoll und blieb breit unter

der niedrigen Tür stehen.

Er trug noch ein feuchtes Netz in der Hand. Das Wasser lief an seinen

großen Transtiefeln herunter.

»Guten Tag, Lining,« fuhr er nach einiger Zeit des Wartens fort.

»Guten Tag,« entgegnete sie gleichgültig, ohne sich nach den Trümmern

umzublicken, und hob die Arme, um sich die gelockerten Flechten wieder

zu festigen.

»Du hast wohl Ärger gehabt?« fragte Hann von neuem, indem er

unausgesetzt die Scherben betrachtete, und ohne das Netz hinzulegen.

Line rückte auf ihrem Stuhl hin und her. Wollte er sie etwa

ausschimpfen?

»Nein,« erwiderte sie abgewandt, während sie zum Fenster hinaussah, »ich

tat es nur aus Langerweile.«

»Aus Langerweile, Lining?«

Langsam ließ Hann das Netz zu Boden gleiten, fuhr sich schwerfällig

durch die Haare und senkte dann in Gedanken das Haupt.

So lange lebten sie nun schon beieinander, Tag und Nacht war es sein

eifrigstes Bestreben gewesen, sie auf bessere Wege zu bringen, und immer

hatte er es nicht gewagt, ihr ein Wort der Mahnung vorzuhalten. Sie war

so kurz angebunden, und sie stand ja auch so hoch über ihm, wenn auch

jetzt das Unglück über ihr war. Aber heut, wo er wieder nur ein paar

Heringe gefangen -- kümmerlichen Pfennigerwerb -- heute, wo ihm das

Drückende seiner Armut immer deutlicher wurde, da beschloß er, ihr

seine Lage zu beschreiben.

Vielleicht, daß das junge Weib, das er so gern ansah, einer Bitte

zugänglich war.

»Langeweile, Lining?« hob er nochmals mit Anstrengung an: »Sieh, Lining,

wenn du dich nun beschäftigen wolltest. Zum Beispiel mit Kochen für uns

beide. Das wäre recht gut. Sieh, ich fang nun mal so wenig, ich bin eben

viel ungeschickter, als die anderen Fischers. Und den Muchow-Leuten muß

ich für unseren Unterhalt auch bezahlen. Aber wenn du zum Beispiel

kochen wolltest, dann wäre mir schon geholfen. Natürlich, es is bloß so

eine Idee von mir,« setzte er sofort besorgt hinzu, als er bemerkte, wie

Line die weiße Stirne kräuselte.

»Nur eine Idee, Lining,« wiederholte er besänftigend. Aber sie warf

bereits den Stuhl herum und rieb an ihren Händen.

»Wozu soll das erst?« fragte sie ärgerlich dagegen. »Hann, sag' selbst,

wozu soll ich mich erst hier in der Katenküche mit der Fischersfrau

zusammenstellen und den Trangeruch riechen, der mir so widerlich ist, da

ich ja doch nur kurze Zeit hier bleibe? -- Lieber verkaufe ich die

Kleider und die paar Schmucksachen, die mir Fräulein Dewitz nachgesandt

hat. -- Hörst du? Da -- in dem Schrank, nimm sie.«

»Gott soll mich bewahren, Lining, wo werd' ich?«

»So nimm dir den Plunder doch.«

»Aber wo werd' ich mich denn an deinen Sachen vergreifen?« wehrte er mit

beiden Händen ab. »Nein, Lining, wenn du nich willst, dann wird es ja

auch so gehen. Ich meinte nur, Beschäftigung bringt den Menschen so

schön auf andere Gedanken.«

Sie sah ihn beinahe feindselig an. »Ich mach' mir aber gar keine

Gedanken, Hann. -- Über nichts! Und nun nimm dir die Sachen und hör' mit

solchen Ermahnungen auf. Mich machst du doch nicht anders, als ich mal

bin.«

Der Fischer senkte den Kopf auf die Brust. Dann seufzte er tief auf.

»Nimm's nich übel, Lining,« brachte er endlich hervor, »ich hab' mich

das bloß so gedacht.« Dann sah er sich schüchtern nach einem Stuhl um,

der in der Ecke stand.

»Darf ich mich hier ein bißchen bei dir niedersetzen, Lining?« fragte er

nach einer Weile des Schweigens.

Sie hatte bereits den Arm wieder auf das Fensterbrett gestützt und

nickte kurz.

Er ließ sich auf den knarrenden Stuhl nieder. Und eine Pause trat ein,

in der er darüber nachdachte, warum er ein ganzes Leben daransetzen

wollte, um ein Geschöpf willfähriger zu machen, das doch gewiß nicht

mehr zu ändern war. Aber das war ja gerade das Verhängnis dieses

unpraktischen, versonnenen Naturkindes, daß es zu dem Schluß gekommen

war, das Glück ruhe in einem Weibe.

Und dies -- gerade dies Weib mußte es sein. Zu ihr leitete ihn der

dunkle, unerkannte Trieb.

»Lining,« begann er endlich wieder leichthin, »hast du all Kaffee

getrunken?«

»Ja,« murmelte sie durch die Finger.

»Is für mich auch welcher geblieben?«

»Das weiß ich nicht. Aber,« setzte sie achselzuckend hinzu, »ich kann ja

mal nachsehen.«

»Ja, ja, tu das,« stimmte Hann heimlich erfreut bei.

Nach einer Weile kehrte das Mädchen aus der anstoßenden Küche mit einer

Tasse zurück, die ihr Hann sorglich abnahm.

»Sieh, ordentlich eine Tasse,« lobte er geschmeichelt, und in seiner

Dankbarkeit machte er eine unbeholfene Bewegung, als wollte er leise

über ihre Hand streichen, aber Line zuckte hochmütig zurück.

»Laß.«

»Ich wollt auch nichts, Lining,« murmelte er erschrocken.

Eine Zeitlang hörte man nichts als das Schlürfen von Hann und das Summen

der Fliegen, die unter der Decke herumkrochen. Dann wandte sich Line

ruckartig vom Fenster zurück und stieß heraus: »Bist du nicht gestern in

der Stadt gewesen?«

»Ja, warum, Lining?« fragte Hann, verwundert über diese neue Teilnahme.

»Damit man einmal etwas anderes hört,« fuhr sie in halber Verzweiflung

fort. Dabei sprang sie auf und reckte die Arme: »Damit man mal wieder

etwas hört, für das man sich interessieren kann.«

Hann sah sie betrübt an.

»Hier kannst du dich wohl nich einleben, Lining?« brachte er bedrückt

hervor.

»Nein, Hann, das weißt du ja. Hier hab' ich schon als Kind nichts leiden

mögen.«

»Ja, ja, Lining, das weiß ich.«

Seine Lippen bebten leise. Und als er jetzt seine Tasse unter den Stuhl

stellte, wie das Fischerart ist, da blieb er in der gedrückten Stellung

sitzen. Aber Line konnte ihre Wildheit nicht länger in sich

verschließen, sie stampfte vor Leidenschaft mit den Füßen und fuhr noch

heftiger fort: »Manchmal möcht ich mit den Fäusten an die Wand schlagen,

daß ich das alles von dir annehmen muß. Ja, muß -- ja, muß,« wiederholte

sie in vollem Zorn. »Und daß du so viel für mich aufgegeben hast, die

ich das doch alles gar nicht will. Zum Beispiel deine Braut, Klara Toll.

Ist das nicht so?«

Hann rührte sich nicht in seiner Ecke.

»Laß Klara,« bat er nur, »laß Klara Toll.«

»Nein, warum? -- Du paßt doch so gut zu ihr. Warum kommt sie gar nicht

mehr her?«

»O Lining, das is doch so natürlich.«

Das konnte sie nicht verstehen.

»Wieso? -- Was hat sich deine Braut um mich zu kümmern? -- Was hast du

ihr denn eigentlich gesagt?«

Langsam hob Hann sein Haupt in die Höhe: »Ich hab' ihr gesagt -- Lining,

nimm es nich übel -- ich hab' ihr gesagt, daß ich nun für dich sorgen

müßt, und da würd' es zu lange mit Klara und mir dauern.«

Line bekam ganz große Augen und sank halb unbewußt auf ihren Stuhl

zurück.

»Und sie?« fragte sie darauf und zupfte verstört an ihrer Schürze, »was

hat sie gemeint?«

»Sie hat alles eingesehen. Und morgen tritt sie in der Stadt ihre

Stellung als Krankenschwester an.« Damit stand Hann auf, raffte sein

Netz zusammen und schritt langsam zur Tür.

Einen Augenblick war es, als wollte Line von ihrem Platz aus die Hand

vorwerfen, um ihn zurückzuhalten, dann aber mußte sie sich wohl anders

besinnen, denn sie wandte sich kurz ab, um wieder verstimmt zum Fenster

hinauszusehen.

Dort draußen gewahrte sie bald den Riesen Klaus Muchow, sowie dessen

Frau, die mit Hann zu den Booten gingen und anfingen, die gefangenen

Heringe in Kisten zu schütten.

Wieder trug der Wind einen scharfen Geruch herüber.

»Dabei soll ich vielleicht helfen?« dachte Line bitter. »Und was dies

Weib wohl wieder alles auf mich zu klatschen hat? -- Nein, nein, wenn's

nur erst vorüber wäre. Nur hier erst fort.«

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Das Mittagbrot wurde in der Muchowschen Küche gegessen. Auf etwas

anderes hatte sich Frau Fiek nicht eingelassen. »Ne,« hatte sie

widersprochen, »ich will doch sehen, wie der vornehmen Dirn' mein Essent

smeckt. Deshalb muß sie in die Küche raus.«

Man saß um den Herd, hielt die Näpfe in der Hand, und Frau Fiek wie ihr

Klaus versicherten stets umschichtig, daß alles prachtvoll geraten sei.

»Eierkauken,« murmelte Klaus Muchow sehr befriedigt, während er einen

ganzen gebratenen Hering verschlang. »Eierkauking.«

Er fuhr mit seiner Riesenfaust in die Schüssel, fuscherte in ihr herum

und hob endlich den größten Brathering heraus, den er zum Zeichen seines

Wohlwollens Line direkt an den Mund hielt.

»Eierkauken!« lobte er nochmals, klopfte sich auf den Leib und machte

die Gebärde des Überbeißens.

Allein Line erhob sich rasch, stellte ihren Napf hin, lief eilig und

ohne Gruß hinaus und warf die Tür hinter sich zu.

»Kuck,« sprach Frau Fiek gereizt, »ganz as ne Prinzeß. Hann, das is

nichts für dich.«

»Oh, Frau Muchow,« entschuldigte Hann, »sie ist ja krank.«

»Ganz gleich.«

»I nein, Frau Muchow, sie wird schon anders werden. Ich glaub's ganz

bestimmt.«

Damit erhob sich Hann gleichfalls, sagte Frau Fiek ein paar lobende

Worte über ihre Küche und schritt hinter Line her.

Klaus Muchow aber saß noch lange mit offenem Munde da und besah sich

abwechselnd den Fisch in seiner Hand, sowie die Tür, hinter welcher Line

verschwunden war. Endlich kam er zu sich, schüttelte sich, und nachdem

er den Hering in seinen eigenen Schlund geworfen, sprang er auf und

trippelte ein paarmal mit überzierlichen Bewegungen zur Tür, womit er

Line nachahmen wollte. Dann zeigte er mit dem Finger an seine Stirn und

brüllte verächtlich: »Stäwelwichs -- Stäwelwichs.«

Und Frau Fiek nickte diesmal zustimmend und entschied: »Dor hest du nu

wedder eins ganz recht, Klaus.«

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Nachmittags saß Hann unter dem Fenster auf der Bank, die er sich selbst

aus rohen Pflöcken zusammengeschlagen hatte, und putzte mit einem

stumpfen Messer seine Netze. Es war ihm trotz des Schweigens, das

zwischen ihnen herrschte, ein angenehmes Gefühl, daß auch Line seit

einiger Zeit ihren dunklen Kopf in beide Hände gestützt hatte und hinter

dem offenen Fenster auf das Meer und die Wiesen hinausschaute.

Ein schlaffer Tanggeruch kam vom Wasser. Auf der Oberfläche schossen

Scharen von Möwen umher und spritzten zuweilen mit ihren Fängen

glitzernde Tropfen in die Höhe. Aus den sonnenumdunsteten Binsen drang

eifriges Gezirpe von Grillen und Heimchen.

Hann nahm ein zweites Netz zur Hand. Dabei fiel ihm auf, wie

unausgesetzt seine Gefährtin in den wolkigen Dunst hineinstarrte, als ob

sie versuche, weit, weit über das verschleierte Meer zu spähen.

»Ob sie nun wohl an ihn denkt?« fragte er sich beklommen, »an den Mann,

der so schlecht gegen sie gehandelt hat?«

Wie oft hatte er sich schon mit geheimem Bangen diese Frage vorgelegt!

-- Aber das Verhalten Lines erteilte keine Antwort darauf. Gänzlich

schien sie den Fernen vergessen zu haben. Sie sprach nie von ihm. Hann

überkam wieder das Mitleid mit ihr.

»Willst du nich rauskommen, Lining?« fragte er.

Sie schüttelte das Haupt.

»Es is doch recht schön hier draußen,« drängte er weiter. Allein sie

lehnte ab. Sie wolle nicht draußen sitzen, wo sie alle Leute sehen

könnten.

Da war es wieder, dieses scheue Verstecken, das Hann so sehr rührte.

Der Fischer beugte sich noch tiefer über seine Arbeit und faßte sich

endlich ein Herz.

»Lining,« begann er stockend, indem er eifrig weiterstocherte, um seine

Befangenheit zu verbergen. »Du denkst wohl viel daran?«

»Woran, Hann?«

»An -- an --« Der Name, der ihr so weh tun mußte, wollte kaum über

seine Zunge. »An Bruno, Lining.«

Sie antwortete nicht, sondern stützte ihr Haupt noch schwerer auf die

kleine Hand. Und ihre Blicke gingen wieder suchend durch das sonnige

Gewölk hindurch. Nach einiger Zeit fragte er weiter: »Und an das, was

kommen wird?«

Über ihr Gesicht ging ein Schatten, und doch saß sie ohne Bewegung, als

sie sich nun kurz erkundigte: »Habt ihr seitdem nichts mehr von ihm

gehört?«

»Nein, gar nichts, Lining, sonst hätt' ich dir's ja auch gesagt.«

Sie verharrte noch immer mit weitgeöffneten Augen. Plötzlich jedoch

verzog sie die Stirn und warf herb ein: »Er hat es gewiß inzwischen zu

was gebracht und lebt wieder herrlich und in Freuden. Und ich -- -- --?«

Hier brach sie ab und preßte die Lippen zusammen und wandte ihren Blick

zornig auf Hann, als ob der an all dem Scheitern ihrer Pläne schuld

wäre.

Das verwirrte den braven Burschen vollends. »Aber ich dachte -- -- ich

wollte fragen,« stotterte er, »ob du ihm noch gut bist? Lining, darf ich

das fragen?«

Da erhob sie sich rasch, warf den Kopf in den Nacken, und während sie

rasch das Fenster schloß, lachte sie ärgerlich auf: »Du bist und bleibst

ein Dummerjahn, Hann. Laß mich zufrieden.«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Auch in anderen Dingen stellte sich immer mehr heraus, daß Line für das

innerste Sinnen und Trachten des ihr so ergebenen Fischers gar keinen

Sinn besaß. Ja, daß sie es förmlich darauf anlegte, die Scheidewand

zwischen sich und dem Dorfphilosophen immer höher aufzurichten.

Bei zwei Ereignissen empfand dies der arme Hann, dessen harter Kopf es

durchaus durchsetzen wollte, daß seine Märchenprinzessin sich bei ihm

wohl fühle, besonders bitter.

Der August neigte sich bereits seinem Ende.

Eines Sonntags nachmittags -- Hann saß gerade in einem Winkel seines

Bodenverschlages und las mit Behagen Fritz Reuter, den ihm der

Hafenmeister geborgt hatte, da bemerkte er aus der Ferne, wie eine

schöne Frauengestalt in blauer Krankenschwestertracht den Wiesenpfad

einschlug, und an seinen eigenen mächtigen Herzschlägen fühlte er, daß

es Klara Toll sein müßte. Rasch sprang er auf, lief mit hochrotem Kopf

zu Line hinunter, die müßig, wie stets, auf ihrem Lager schlummerte, und

so groß war seine Erregung, daß er seine Scheu vor der Hingestreckten

vergaß und sie leise am Arm zupfte.

Der Schlaf hatte ihre Wangen rosig gefärbt, es sah lieblich aus, als sie

jetzt langsam die schwarzen Augen öffnete.

Sie mußte gut geträumt haben, denn sie lächelte ihn an.

»Was willst du, Hann?«

»Lining, ich hab' eine Bitt'.«

Sie richtete sich auf: »Jetzt?« fragte sie erstaunt.

Doch er ließ sich nicht abbringen, sondern drängte weiter: »Lining,

Klara Toll kommt zu uns. Sie hat mir nich adschö gesagt, als sie damals

in die Stadt ging, und nun will sie es wohl nachholen. Du tätest mir

einen großen Gefallen, wenn du nich wieder fortgingest, sondern sie mit

mir zusammen aufnähmst. Ja?«

Er bat so dringlich, daß Line von ihrem Lager herunterstieg.

Achselzuckend strich sie sich die verwirrten Haare zurecht und mußte

lächeln, als sie wahrnahm, wie Hann trotz seiner Bedrängnis, gebannt und

mit offenem Munde, ihre Bewegungen verfolgte.

Ach, ihr Zauber bestärkte ihn täglich mehr in seinem Irrwahn.

»Nich wahr, Lining, du tust's doch?« brachte er sich endlich selbst auf

andere Gedanken.

Aber die Angeredete schüttelte den Kopf.

»Wozu, Hann? -- Was hat es für einen Zweck, wenn ich euch beiden

zuhöre?«

In seiner Not griff er nach ihrer Hand und preßte sie, als wenn er sie

zwingen wollte.

»Oh,« schrie sie unmutig auf.

»Lining, ich wollte dir nich wehtun. Aber du mußt dableiben!«

»Aber welchen Zweck hätte das?«

»Lining, kannst du dir das nich denken?«

»Nein, wie sollte ich das?«

»Nun denn -- ich -- ich -- ich hab' solche Furcht vor Klara. Toll.«

»Du?«

»Ja, Furcht,« murmelte er in sich hinein und schloß die Augen.

Da sah sie ihn einen Moment starr an, dann trat sie zurück und lachte

böse auf: »Du bist nicht recht klug, Hann,« gab sie zur Antwort. »Was

geht mich deine Krankenschwester an? Ich sag's dir voraus. In ein paar

Monaten, wenn ich hier fort bin, dann ist alles wieder zwischen euch,

wie zuvor. Dann kann sie auch hierher ziehen, und pass' mal auf, Hann,

wie schön sie dir dann die Netze flicken und mit Frau Fiek draußen Suppe

kochen wird. Aber warum sagst du ihr das nicht gleich? Das wäre doch so

einfach.«

Sie machte eine schnippische Handbewegung und übersah es, wie er mit

tiefgebeugtem Haupte vor ihr stehen blieb. Noch einmal streckten sich

seine großen Finger nach ihrer Hand aus. Doch sie legte die ihren

sogleich auf den Rücken.

»Also in wenigen Monaten schon?« kam es stückweise von seinen Lippen.

»Ja,« nickte sie nervös, »ich zähle jeden Tag.«

»Ja, ja -- das tust du. Ich weiß es woll. Und wohin gehst du dann?«

»Dummer Hann, wo es mich gerade hinweht, nur recht weit von hier. Aber

sieh, da biegt Klara Toll um das Haus. Hu, wie feierlich sie aussieht.

Ganz wie eine Nonne. Ich gehe an den Binsensteg. -- Und du vertrag dich

wieder mit ihr. Das ist das beste, was du tun kannst.«

Damit wand sie sich an ihm vorüber, und er starrte auf die weißen Dielen

und schlug sich mit der Faust vor die Brust. Dann griff er sich an den

Kopf und sah sich wirr um: »Dummer Hann,« quoll es von ungefähr aus ihm

heraus. »Jawoll, dummer Hann. -- O Gott, weshalb hast du mich da

reingebracht? -- Und weshalb muß das Weib grade das Glück sein? -- Und

warum muß diese da, die doch so schlecht is, für mich die allerbeste

sein? -- Ach, und warum hast du uns solch kleinen Kopf gemacht und

solch große Rätsel da reingeschlossen? -- Wozu soll das alles gut sein?«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

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Aber Line war nicht bis zur See hinabgeschritten, wie sie vorgegeben

hatte.

Hinter dem großen Holzzaun, von dessen Zacken allerlei bunte

Wäschestücke der Katenleute herabflatterten, weiße, blaue und rote, war

sie stehengeblieben und drückte sich jetzt eng gegen das Holz an, so

lange, bis sie dachte, daß das junge Mädchen in der blauen Tracht den

Vorderflur erreicht haben müsse.

Jetzt läutete die Türglocke ihren rostigen Klang, und nun schlich Line

auf den Zehen in die Küche zurück, die zu ihrer Freude leer stand, und

legte ihr Ohr an die anstoßende Tür.

Muß doch mal hören, dachte sie im Innern belustigt, was die beiden

dummen Menschen eigentlich miteinander vorhaben.

Und dann blinzelte sie durch den Türritz hindurch.

Drinnen stand Hann in seinem Sonntagsstaat und machte in seiner

Verlegenheit eine Art Verbeugung, als Klara zu ihm eintrat.

»Guten Tag, Hann,« sagte die Besucherin freundlich.

Line hörte, wie Hann keine Antwort fand, sondern wortlos auf die

schmucke Tracht des Mädchens starrte, die ihr in seinen Augen wohl etwas

Vornehmes und Heiliges verlieh.

»Ja,« sagte Klara, die seine Bewunderung bemerkt haben mußte, »das ist

unsere Sonntagskleidung -- in der Klinik gehen wir einfacher.«

Auf eine Bewegung des Fischers ließ sich nun das Mädchen auf den Stuhl

am Fenster nieder, auf dem Line sonst immer zu sitzen pflegte, während

er vor ihr stehen blieb. Fast ohne Bewegung verharrte die plumpe Gestalt

so, nur die Haare strich sie sich ein paarmal mühsam zurück.

»Nun hat er wieder Furcht, der dumme Peter,« dachte die Lauscherin an

der Tür. »Welch ein unbeholfener Mensch.«

Schon wollte sie ihren Beobachtungsposten aufgeben, da nahm Klara

endlich das Wort: »Ich wollt mich wieder einmal nach dir umsehen, Hann.«

»Du, Klara?«

Er sah sie groß an, sein Herz war voll Dankbarkeit, denn er war es nicht

gewohnt, daß man sich viel um ihn kümmere.

Wie zierlich kräuselten sich nicht ihre braunen Haare unter dem weißen

Latz der Kappe hervor. Wie still und friedvoll sah sie aus.

»Ich dachte, Klara,« hob er mit einem schweren Entschluß an, »du würdest

-- gar nich mehr kommen,« wollte er sagen, aber es fiel ihm ein, daß es

wohl besser wäre, alle Erinnerung an das Gewesene zu unterdrücken, und

so gab er ihr denn ernsthaft die Hand und fragte nur: »Klara, ich wollt'

fragen, wie geht es dir da bei all den Kranken? Is das nich zu schwer

für dich?«

Da ging ein Lächeln über das Gesicht, von dem er fand, daß es die

schönen, roten Farben verloren hätte, und die blauen Augen leuchteten,

als sie zur Antwort gab: »Hann, ich weiß gar nicht, wie andere das eine

Arbeit nennen können. Mir nämlich ist es so, als wenn mir nun erlaubt

wäre, beständig in der Kirche zu wohnen.«

»In der Kirche, Klara? -- Wird denn dort gebetet?«

»Das auch, Hann. Viele beten da, und ganz anders, als die Gesunden

beten. Wenn du das einmal hören könntest. Aber das ist es nicht allein.

Aber wenn man so neben den Schwerkranken sitzt, die von den Ärzten

bereits aufgegeben wurden, und bei denen nun alles von der Hilfe des

lieben Gottes abhängt, und wenn man nun sieht, wie bei dem einen alles

Sträuben nichts nützt und alles Hoffen, und wie plötzlich eine höhere

Macht an dem Bett steht und den Kopf schüttelt, o Hann, das ist, als

sollte einem das Herz erfrieren vor Hilflosigkeit und Ehrfurcht. Aber

dann wieder das andere, sobald das Unmögliche geschieht, und es kommt in

die halb gebrochenen Augen, die schon in den Himmel sahen, wieder Licht,

und man merkt ordentlich, daß da etwas sein müsse, was durch die

vertrockneten Lippen Leben eingießt, Hann, ich kann dir nicht

beschreiben, welche Freude dann in solch kleines Zimmer dringt. Man

meint förmlich, aus der Ferne Engelsgesang zu hören und horcht darauf,

ob man nicht den Tritt des lieben Gottes spüren könnt'.«

Bei diesen Worten lächelte die Krankenschwester ganz glücklich, und ihre

Augen strahlten, als ob sie in einen nahen, friedvollen,

sonnenbeschienenen Garten sähen.

Bewundernd, halb neidisch, blickte Hann auf sie hin. Dann sagte er

einfach: »Wie fromm du bist.«

»Das ist nicht fromm, Hann, das hab' ich doch alles erlebt.«

»Ja, aus dem Leben so die Frömmigkeit zu ziehen, das is woll das Wahre.«

Dabei nickte er versonnen in sich hinein.

Eine Zeitlang hörte Line draußen kein weiteres Wort. Und wieder mußte

sie spöttisch darüber die Lippen verziehen, weil die beiden über nichts

weiter zu verhandeln hätten, als über Kranke und über Beten.

»Pfui,« raunte sie vor sich hin, »es riecht ordentlich nach Klinik. Das

ist mal eine langweilige Person.«

Aber gleich darauf preßte sie von neuem das Ohr an das Schlüsselloch,

denn sie vernahm, wie Klara nach einigem Zögern ihren ehemaligen

Verlobten nach seinem Leben, seinen Plänen, seinem Dasein fragte.

»Jetzt kommt's,« dachte Line, »sie ist gar nicht so dumm.«

»O Klara,« erwiderte Hann, »wie gut das von dir is, daß du dich danach

erkundigst.«

»Wieso, Hann? -- Mir ist es, als wenn ich mich immerfort um dich kümmern

müßte.«

Er atmete auf, dann entgegnete er erfreut: »Ganz genau so geht es mir

mit dir, Klara.«

»Das weiß ich, Hann, und ich kann auch nicht aufhören, dir herzlich gut

zu sein.«

Er nahm ihre Hand und stammelte dabei: »Siehst du -- gut sein -- ja, das

is es -- gut sein, das bin ich dir auch, Klara, wie ich es mit gar

keinem anderen sein könnte. Aber sieh -- ich schäme mich so, wenn ich es

aussprechen soll, is es nich schrecklich eingerichtet in den

menschlichen Herzen, daß man der einen Frau so herzlich gut sein kann,

und die andere hat den Zauber?«

»Welchen Zauber, Hann?«

Er fragte sie, ob sie sich der Geschichte oll Kusemanns nicht mehr

erinnere, von der Liebeshexe. Die sollt' mal Venus geheißen haben oder

auch Freiin. Genau wußte das der Lotse selber nicht. »Jedenfalls jetzt

is sie ein altes Weib und sitzt irgendwo auf einem Kreidefelsen unter

einer geborstenen Tanne. Und wenn sie ein rechtes Stück ausüben will,

dann schneidet sie bei Vollmond aus dem Unterschuß des Triebholzes zwei

saftige Stäbchen, schält sie ab und schreibt zwei Namen darauf. Immer

solche, die gar nich zueinander passen. Wie Lines und meinen. Und dann

bindet sie sie zusammen und schleudert sie ins Meer und murmelt etwas

dabei in ihren Bart, damit ein Hecht kommt und die Stäbchen verschluckt.

Und solange der Hecht nich gefangen und aufgeschnitten wird, auf daß das

liebe Tageslicht wieder auf die Hölzer scheint, so lange, Klara, kommen

die beiden Menschen nich auseinander und wollen auch nich.«

Sie wandte ihren klaren Blick auf ihn.

»Und das ist alles so bei dir?« forschte sie. Ein tiefes Mitleid

zitterte aus ihrer Stimme.

Er holte tief Atem und rang die Hände.

»Ja, Klara,« gab er dumpf zurück. »Das is so bei mir. Das Tageslicht

will nich auf mich fallen.«

»Und die Hölzer passen nicht zusammen?«

»Nein, Klara, sie passen nich.«

»Und das weißt du?«

»Das weiß ich ganz genau.«

»Armer Hann.«

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Ja, Klara, was hilft das? -- Da hilft kein Beten. Ich will dir was

Geheimnisvolles sagen, hör' zu. Was sie mir auch antut, so viel

Schlimmes und Herzwehes, es is, als ob ich ihr deswegen nur noch mehr

dienen müßt. Und das hat kein Ende. -- Gar kein Ende.«

»Kein Ende, Hann?«

In dem Auge der Krankenschwester begann eine Träne aufzuperlen. Die sah

aus wie ein Tautropfen, der auf einem dunklen Veilchen liegt. Dann nahm

das Mädchen die Hand des Freundes und streichelte sie sanft.

»Hann, ich will wünschen, daß es ein glückliches Ende wird.«

Da schüttelte er düster das struwelige Haupt.

»Klara, das siehst du ja selbst. Es kann gar kein rechtes Ende nehmen.

Ich will auch nur, es bleibt alles so, wie es jetzt is.«

Sie stand auf.

Beide reichten sich die Hände zum Abschied.

»Kommst du bald wieder?« forschte er scheu.

Sie nickte verhalten.

»Ja, Hann, wenn es dir recht ist. Ich fühle so, als wärst du auch einer

von meinen Kranken.«

Da legte er beide Fäuste auf ihre Schultern, daß es ihr weh tat, und

gequält drang es endlich hervor: »Ich wollt', du säßest an meinem Bett.

Und das Heilige, von dem du vorhin erzähltest, schüttelte den Kopf, und

du drücktest mir mit deinen lieben Fingern die Augen zu. -- Adschö,

Klara.«

Damit schob er sie gewaltsam von sich.

Als die Türglocke über ihrem Haupte läutete, schluchzte die Enteilende

leise auf.

An der Küchentür aber lehnte ein anderes Weib. Das streckte wie

abwehrend ihre Hand gegen den anstoßenden Raum, aus dem etwas gegen sie

anzog, wie eine zwingende Macht, und ein paar blutlose Lippen murmelten:

»Nicht -- nicht --«

Am Abend saß Line auf einem Strandstein. Der ragte massig und einsam

über die Wiesen hinaus. Am Himmel zitterten die Sterne, zu ihren Füßen

plätscherten kleine Wellen. Die liefen geschwätzig zu ihr hin, und wenn

sie von ihrem Fuß zurückgestoßen wurden, dann drängten sie sich doch

wieder heran, immer lispelnd, flüsternd, immer dasselbe eintönige Wort:

»Armer Hann.«

Das junge Weib seufzte und strich sich die Haare zurück, die der Seewind

löste, und sah in die runde, matte Scheibe hinauf.

Der Mond stand voll.

Jetzt war's also die Zeit, wo die Hexe ihre Stäbchen zusammenband.

Das junge Weib schüttelte sich und stieß wiederum einen lauten Seufzer

aus.

Eine Stimme rief aus der dunklen Katenhütte: »Lining -- Lining -- wo bist

du? -- Die Abendluft tut dir nich wohl.«

Da sprang die Versteckte auf, führte den Finger empor und schleuderte

unmutig einen Tropfen von sich, der sachte durch die Wimpern geronnen

war.

Dann lief sie auf Umwegen, und zwar so, daß die herantappende dunkle

Gestalt sie nicht halten konnte, in das Haus.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Von dem Strandstein rinnt langsam der Tropfen herab. Er glitzert im

Mondlicht.

»Eine Träne?« fragt irgendwas im Wind.

»Eine Träne!« wispern die Wellen und nehmen sie mit sich ins Meer.

Hann Klüth: Roman · 第 64 / 76 题