Die erste, die es erfuhr, war Line.
Fräulein Dewitz kehrte von einem Vormittagsbesuch aus dem Hause des
Konsuls zurück, schloß die Tür hinter sich zu, zwei-, dreimal, als ob
sie sich von einem Polizeibeamten verfolgt wähne, und sank im Hut und
Mantel schreckensblaß auf dem Sofa zusammen.
»Wer hätte das gedacht,« vermochte sie nur geistesabwesend vor sich
hinzumurmeln; »wer hätte das gedacht?«
Und so seltsam mutete das Bild in seiner bizarren Feierlichkeit an, daß
Line in einer jener widerspruchsvollen Launen ein Lachen nicht
unterdrücken konnte, während ihr doch bereits das Herz still stand.
»Lach' nicht,« flüsterte die Handarbeitslehrerin, in Tränen ausbrechend,
und winkte mit der Hand, »es ist zu schrecklich. Ich hätt' auf ihn
geschworen.«
Jetzt lachte das Mädchen nicht mehr.
»Auf wen? -- sag' doch -- auf wen, Tante?« klang es plötzlich so
schrill, so kreischend, daß das alte Fräulein entsetzt in die Höhe fuhr.
Aber sie hatte sich wohl getäuscht, denn das Mädchen stand schon wieder
ganz ruhig vor ihr, nur die Hände wanden sich in ewiger, unruhiger
Drehung umeinander.
»Wen meinst du denn, Tante? Du sagtest doch vorhin -- --«
Und nun begann die alte Dame wie verzweifelt an ihren Handschuhen
herumzuknöpfen und brachte zitternd und verwirrt hervor, was sie eben
erfahren. Unzusammenhängend Bruchstücke. Der Konsul hätte einen Brief
erhalten -- »denke dir, als er noch gar nicht rasiert war, ja, ja, noch
nicht einmal rasiert,« aber das Zimmer Brunos sei bereits leer gewesen,
auch der Koffer verschwunden. -- Und gerade als das alte Fräulein
eingetreten, wären Siebenbrod und Paul gerufen worden. Der neue Herr
Pastor -- ja, wohin sei er doch gewählt? Auf den Walsin oder auf den
Swensin? Ach, es ist ja ganz gleich. -- Und der erste, der es merkte,
wäre der alte Johann gewesen, als er am Abend einen Lichtschein in dem
Kassenzimmer wahrgenommen. Freilich, wer hätte auch glauben sollen, daß
dieser feine, gebildete junge Mann ein Betrüger werden könnte. -- Gott
verzeih es einem, man möge das Wort ja gar nicht aussprechen! Und denke
dir, Lining, fünfundzwanzigtausend Mark soll er auf den Namen des
Konsuls an der Börse verspielt haben, und warum? Am Ganzen, sagen sie,
seien die Amerikaner schuld. »Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist
nicht gut, wenn Republiken so groß werden. -- Ich sagte es ja.«
So sprach und hastete die alte Dame vor sich hin und knöpfte erregt ihre
Handschuhe auf und wieder zu und merkte es gar nicht, wie ihr eine große
Träne die Wange hinunterlief, denn im Herzen trauerte sie um ihren
Liebling, der ihr stets so formvollendet die Fingerspitzen geküßt hatte.
Wie war's doch? Ein cavalier d'ancien régime. Ach, du lieber Gott, und
jetzt ein Betrüger; aber wer kann aus dieser jungen Welt klug werden?
Damit raffte sie sich zusammen, schloß die Tür auf und, einem
bezwingenden Triebe folgend, gedachte sie wieder in das Haus Hollanders
zu eilen, um abermals zu hören, zu ratschlagen und wieder von dannen zu
flattern, als ihr plötzlich auffiel, daß Line sich noch gar nicht
geäußert hätte.
Sie warf einen raschen Blick auf ihre Pflegebefohlene.
Da saß sie auf dem Tritt, auf dem die Lehrerin sonst selbst immer
rastete, und zupfte mit einem verstörten Lächeln an den Fransen des
Fensterkissens herum. Fräulein Dewitz stutzte. Wie merkwürdig zuckten
die Lippen in diesem blassen Gesicht, wie krampfhaft gespreizt hielt sie
ihre Finger, und wie unnatürlich wogte die Brust, als ob sie nur mit
großer Qual laute, wilde Rufe unterdrücke.
»Lieber Gott!«
Fräulein Dewitz erschrak so über diesen Anblick, daß ihr alles andere
nebensächlich wurde und ihre Hand auf der Türklinke zitterte.
»Herrgott, Lining,« stotterte sie.
Doch die Angerufene zupfte weiter. In ihren Zügen fuhr es hin und
wieder. Endlich schien sie ein Wort gefunden zu haben: »Weiß man nicht,«
stieß sie atemlos hervor, »wohin er gegangen ist?«
»Wohin?«
Die alte Dame besann sich. Hatte sie das in der Eile etwa vergessen?
»Nach Amerika natürlich, nach Amerika war er geflüchtet, jenseits des
Wassers, wie es alle diese Leichtsinnigen tun, die ihre Ehre verloren
haben, und -- --«
Die Hast der Erzählerin hatte sie bereits wieder zu weit geführt. Von
neuem mußte sie sich unterbrechen, denn Line stand langsam auf.
»Mein Gott, mein Gott,« dachte das alte Fräulein, »wie wenn ihr die
Glieder nicht mehr gehorchen wollen. Der Schreck muß sie wohl
versteinert haben.«
»Lining,« stammelte sie ängstlich. »Was ist dir?« Da stieß das Mädchen
endlich, endlich einen Schrei aus. Kurz, rücksichtslos, durchdringend,
und fortan fiel alles Erzwungene, Anerzogene von ihr ab, als wenn sie
niemals auf Zehen durch diese Räume gehuscht wäre.
Sie stürzte auf die alte Dame zu und rüttelte diese am Arm, als hätte
das gute Fräulein ein Verbrechen gegen sie begangen.
»Hat er nichts für mich hinterlassen?« schrie sie und ballte die Fäuste.
»Ich will wissen, ob er für mich nichts hinterlassen hat?«
»Für dich?« wiederholte Fräulein Dewitz vor Schreck starr und gänzlich
verständnislos.
»Hat er nichts für mich hinterlassen?« tobte die Verzweiflung noch
einmal aus dem Mädchen. Und als die Handarbeitslehrerin gänzlich
erschüttert hervorbrachte, warum der Entflohene denn gerade an sie, an
Line -- über sein Vorhaben etwas berichtet haben sollte, da lachte die
Entfesselte auf, jenes schrille, tolle Lachen, welches über die
Beschränktheit höhnt, die das Natürliche nicht sehen will, und warf sich
vor ihrer Kommode nieder und begann sie auszuräumen.
Alles klirrte und rollte auf der Erde herum, der alten Dame, die ihren
Augen nicht traute, gerade vor die Füße.
»Da -- und da -- und da.«
»Herrgott, was soll das?«
Dem armen alten Fräulein begannen die Hände zu zittern, vor ihren Augen
flimmerte es, sie mußte sich an der Klinke festhalten, sonst wäre sie
gefallen.
»Lining -- barmherziger Himmel -- woher dast du das alles?«
»Das? -- das?«
Das wußte die Rasende im Moment nicht, woher sollte sie das wissen?
Darauf konnte sie sich nicht besinnen. Sie zerrte an den Ketten und
Ringen herum und schlug mit den Fäusten darauf, und dann -- dann brachte
sie eine Photographie Brunos hervor, um sie in Stücke zu reißen, und die
Fetzen im nächsten Moment wieder an die Lippen zu pressen und sie wieder
wie entsetzt von sich zu schleudern.
Ach, und die gute, alte Dame!
In ihrem Altjungferngemüt dämmerte durch all ihr Entsetzen die einzige
Erklärung auf, die einzige Hoffnung, die der frommen Beschränktheit
möglich erschien: »Lining,« stotterte sie vor Furcht und Überraschung
beinahe gelähmt. »Du hast ihn wohl am Ende gar lieb gehabt?«
»Ja -- nein -- ja.«
»Lining, willst du mir denn nichts davon erzählen?«
»Nein.« -- Das Mädchen erhob sich plötzlich von den Knien, sah sich wirr
um und raffte ihren Schmuck zusammen: »Ich will hier fort.«
»Fort? Fort? -- Doch nicht von mir? -- Warum denn?«
»Weil ich hier nichts mehr zu suchen hab'. Weil ich nicht weggejagt
werden will -- weil ich hier nichts mehr hören und sehen mag!« rief sie
wie in heftigem Zorn, und ohne der alten Dame, die sie als Kind
aufgenommen, die Hand gereicht zu haben, ja ohne ein Wort des Dankes,
nur mit einem einzigen rollenden Blick, in dem die ganze Abneigung
glühte, die diese fromme Engnis jahrelang in ihr aufgespeichert, so lief
Line von dannen, barhäuptig, mit flatterndem Kleide, ähnlich, wie sie
einstmals gekommen.
Die Handarbeitslehrerin aber saß auf ihrem Sofa und knöpfte die
Handschuhe auf und zu und faßte sich an die Stirn und wollte ihrer
Pflegetochter nach und sank wieder zusammen und dachte Anfang und Ende
zu verknüpfen und sann und sann und rang die Hände: Wie war denn das?
Und die gute Erziehung nützte gegen die Sünde nichts mehr? Und
Dankbarkeit gab es auch nicht mehr? -- Kein Wort des Dankes? Und all die
guten Lehren waren umsonst? Und das enge, abgeschlossene Haus hütete
nicht sicher? Und die kleinen Wirtschaftssorgen ließen noch etwas
anderes zu? -- Mein Gott, und Dankbarkeit gab es in der Tat nicht mehr?
Wie ist denn das? -- Junge Welt -- alte Welt -- wie ist denn das?
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Unterdessen lief Line durch die Straßen, mit dem kleinen Bündel in der
Hand und barhäuptig, denn dieser übergewaltige Stoß hatte sie die junge
Dame vergessen lassen, sie war wieder die Lotsentochter, die
Fischerdirne, die da meinte, daß die Welt sich an ihr versündigt habe,
daß sie bitteres Unrecht leide, und zwischen Wut und Scham schoß es ihr
zuweilen unklar durch den Sinn, sie müsse sich rächen.
An wem?
Das wußte sie nicht, aber sie fühlte doch diesen heißen, brennenden
Zorn, diese jagende Wut, die sie vorwärts trieben und die ihr vorläufig
noch das Gefühl ungebändigter Kraft liehen. Und während sie am Fluß
entlang auf Moorluke zueilte, da entlud sie sich in tausend wilden
Schwüren, unaufhörlich murmelte sie es vor sich hin: Oh, sie wollte sich
schon forthelfen, wenn sie auch alle anderen verließen, sie würde schon
triumphieren, sie würde -- -- -- Und stürmisch eilte sie weiter, dem
pfeifenden Winde entgegen, der vom Meere hereinstieß. Sie sah nicht, wie
grau und fahl sich der Himmel umzogen hatte, sie hörte nicht das
Rauschen der Binsen an den Ufern, sie merkte nicht das Knistern der
Staubwolken, die an ihr vorüberjagten, nur vorwärts rannte sie, ohne zu
wissen, zu wem, denn sie wollte weder zu Mudding noch zu Hann, noch zu
sonst jemand anderem, willenlos wurde sie vorwärts getrieben, bis sie
plötzlich dunkle Bäume sich erheben sah, und darüber aufragend von ferne
die Klosterruinen, ebenfalls in einem fahlen, wechselnden Licht.
Als sie das rote, kalte Mauerwerk auftauchen sah, da stand sie still.
Da duckte sie sich, wie geschlagen. Ein Blitz durchzuckte sie,
schmerzhaft, stechend; zum erstenmal in all dieser Zeit überkam sie die
Erinnerung an den Menschen, mit dem sie schon einmal unter den Ruinen
gesessen, damals, als sie sich als kleines Mädchen auf seinem Schoß in
den Schlaf einwiegte, als alles seinen Anfang nahm.
Ja, ja, dort drüben war es gewesen.
Sie hob den Arm und schüttelte die Faust nach den Ruinen, und der Wind
zauste in ihren Haaren. Jämmerlicher Kerl! -- Erst sie in Schande
gestürzt -- in Schande -- Schande, und dann fortgelaufen und sie unter
den höhnischen Gesichtern im Stich gelassen, sie und -- --
Ja, ja, das war es; der erhobene Arm sank ihr, wirr blickte sie um sich,
und in diesem Augenblick achtete sie zuerst darauf, wie ihr der Wind
durch das Jäckchen fuhr, und wie die Binsen sich rauschend bis zu dem
schwarzen, unheimlichen Wasser neigten. Wie das gurgelte, und wie
weltverlassen sie hier stand. Außer ein paar weidenden Kühen jenseits
des Flusses nichts Lebendiges ringsum.
Sie fröstelte und raufte eine der Binsen aus. Wenn doch ein Mensch
gekommen wäre, aber nichts regte sich. Die Einsamkeit umschattete sie.
Brennende Angst wuchs in ihr groß.
So -- ja, so würde sie gemieden sein, denn die Leute hier fürchteten
sich vor der Schande, oh, sie verkrochen sich davor; Line dachte daran,
wie Fräulein Dewitz sich oft davor gesegnet und bekreuzigt hatte, und
die Schande versperrte ihr ja auch anderwärts für die nächste Zeit Pfad
und Unterkommen. Gewiß -- sicherlich, das hatte sie noch gar nicht ins
Auge gefaßt. Sie kaute an dem Binsenhalm, und, nachdem sie ihn
fortgeworfen, trat sie in ihrer Verwirrung laut weinend mit den Füßen
darauf herum, um schließlich wieder die Faust gegen die Ruinen zu
richten: »Jämmerlicher Mensch!«
Aber was war das?
Durch den pfeifenden Wind hindurch antwortete von jenseits des Wassers
ein langgezogener, heulender Ton, der hatte etwas Wildes,
Markerschütterndes. Line war zu aufgeregt, um sich zu sagen, daß der
Laut von einem der weidenden Tiere herrühren müsse, nein, sie stand und
starrte mit weit aufgerissenen Augen über das Wasser auf die fahle
Ebene.
Wie lautete doch ihr letztes Wort? -- Jämmerlicher Mensch? -- Nein, nein,
das war ja nicht die Wahrheit. Sie -- sie allein trug ja alle Schuld.
Sie hatte ja Hexenmittel angewandt, um ihn anzulocken.
Ihre Sinne mußten sich wohl verwirren. Wie spielend schritt sie über das
moorige Ufer, das unter ihr einsank, bis das schwarze Wasser über ihren
Fuß kroch.
Hu, das war eisig.
Ruckartig zuckte sie zurück und stürzte wieder auf den Weg.
Dort drüben, wenige Schritte von ihr, ragte der Moorluker Turm, ganz
dicht ihr zur Seite starrten die Brückenreste aus dem Fluß, und da -- da
bei den Stümpfen, da besorgten verschiedene Fischer einstweilen die
Fähre, und unter ihnen glaubte sie jetzt auch die plumpe Gestalt von
Hann zu erkennen.
Und jetzt? -- Rief da nicht etwas »Lining«?
Nein, nein, nur nicht zu dieser plumpen Ehrlichkeit, das war das
Schlimmste von allem, gerade dagegen empfand sie solchen Widerwillen,
davor solche Furcht. Und jetzt rief es wieder: »Lining!«
Mehr hörte sie nicht. Mit wirbelnden Röcken lief sie den Landweg zurück,
immer vor sich hinsagend: »Nicht Hann -- nicht Hann.«
Vor ihr türmte sich im fahlen, blauen Schein die Stadt auf.
In einer halben Stunde würde sie wieder dort einziehen, von wo sie vor
einiger Zeit gekommen. Wie lange war das wohl her? Und wohin? Zu wem
lief sie jetzt? In ihrer Ratlosigkeit begann sie wild und heftig zu
schluchzen. Ob sie nicht doch zu Fräulein Dewitz gehen und alles
bekennen sollte? -- Nein, nein, lieber zurück in das schwarze Wasser.
Aber plötzlich war ihr das Ziel eingefallen. Paul.
Der neue Pastor. Warum gerade der, darüber vermochte sie sich in ihrer
Aufregung keine Rechenschaft abzulegen, sie fühlte nur, er sei der
Rechte, auf seinem Namen läge Ruhe.
Um die Mittagsstunde trat sie in sein Zimmer. Alles leer. Doch da die
Wirtin meinte, Paul müsse bald zurückkehren, er sei nur von einem Diener
des Konsuls abgerufen worden, so beschloß Line zu warten.
Todmüde sank sie auf einem Stuhl zusammen, und das Bündel, das sie bis
jetzt geistesabwesend getragen, klirrte neben ihr zur Erde.
Sie wunderte sich zwar über den Klang, aber sie rührte sich nicht mehr.
Regungslos, mit festgeschlossenen Augen hockte sie auf dem Sitz,
traumhaft umflossen von dem Gedanken »wie ruhig -- wie ruhig.«
Stunde auf Stunde verging, sie hatte kein Verlangen, sich zu erheben,
nur wenn sie einmal den Kopf hob, dann fiel ihr Blick regelmäßig auf
eine kleine, weiße Christusstatuette, die mit den gastlich geöffneten
Armen auf der Birkenholzkommode stand und sie anzusehen schien.
Wohl fielen ihr die Augen wieder zu, aber immer wieder erhob sich die
weiße Gestalt vor ihrem Blick, und plötzlich mußte sie daran denken, daß
dies die Stellung wäre, in der Er gesprochen: »Lasset die Kindlein zu
mir kommen.«