III

Die erste, die es erfuhr, war Line.

Fräulein Dewitz kehrte von einem Vormittagsbesuch aus dem Hause des

Konsuls zurück, schloß die Tür hinter sich zu, zwei-, dreimal, als ob

sie sich von einem Polizeibeamten verfolgt wähne, und sank im Hut und

Mantel schreckensblaß auf dem Sofa zusammen.

»Wer hätte das gedacht,« vermochte sie nur geistesabwesend vor sich

hinzumurmeln; »wer hätte das gedacht?«

Und so seltsam mutete das Bild in seiner bizarren Feierlichkeit an, daß

Line in einer jener widerspruchsvollen Launen ein Lachen nicht

unterdrücken konnte, während ihr doch bereits das Herz still stand.

»Lach' nicht,« flüsterte die Handarbeitslehrerin, in Tränen ausbrechend,

und winkte mit der Hand, »es ist zu schrecklich. Ich hätt' auf ihn

geschworen.«

Jetzt lachte das Mädchen nicht mehr.

»Auf wen? -- sag' doch -- auf wen, Tante?« klang es plötzlich so

schrill, so kreischend, daß das alte Fräulein entsetzt in die Höhe fuhr.

Aber sie hatte sich wohl getäuscht, denn das Mädchen stand schon wieder

ganz ruhig vor ihr, nur die Hände wanden sich in ewiger, unruhiger

Drehung umeinander.

»Wen meinst du denn, Tante? Du sagtest doch vorhin -- --«

Und nun begann die alte Dame wie verzweifelt an ihren Handschuhen

herumzuknöpfen und brachte zitternd und verwirrt hervor, was sie eben

erfahren. Unzusammenhängend Bruchstücke. Der Konsul hätte einen Brief

erhalten -- »denke dir, als er noch gar nicht rasiert war, ja, ja, noch

nicht einmal rasiert,« aber das Zimmer Brunos sei bereits leer gewesen,

auch der Koffer verschwunden. -- Und gerade als das alte Fräulein

eingetreten, wären Siebenbrod und Paul gerufen worden. Der neue Herr

Pastor -- ja, wohin sei er doch gewählt? Auf den Walsin oder auf den

Swensin? Ach, es ist ja ganz gleich. -- Und der erste, der es merkte,

wäre der alte Johann gewesen, als er am Abend einen Lichtschein in dem

Kassenzimmer wahrgenommen. Freilich, wer hätte auch glauben sollen, daß

dieser feine, gebildete junge Mann ein Betrüger werden könnte. -- Gott

verzeih es einem, man möge das Wort ja gar nicht aussprechen! Und denke

dir, Lining, fünfundzwanzigtausend Mark soll er auf den Namen des

Konsuls an der Börse verspielt haben, und warum? Am Ganzen, sagen sie,

seien die Amerikaner schuld. »Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist

nicht gut, wenn Republiken so groß werden. -- Ich sagte es ja.«

So sprach und hastete die alte Dame vor sich hin und knöpfte erregt ihre

Handschuhe auf und wieder zu und merkte es gar nicht, wie ihr eine große

Träne die Wange hinunterlief, denn im Herzen trauerte sie um ihren

Liebling, der ihr stets so formvollendet die Fingerspitzen geküßt hatte.

Wie war's doch? Ein cavalier d'ancien régime. Ach, du lieber Gott, und

jetzt ein Betrüger; aber wer kann aus dieser jungen Welt klug werden?

Damit raffte sie sich zusammen, schloß die Tür auf und, einem

bezwingenden Triebe folgend, gedachte sie wieder in das Haus Hollanders

zu eilen, um abermals zu hören, zu ratschlagen und wieder von dannen zu

flattern, als ihr plötzlich auffiel, daß Line sich noch gar nicht

geäußert hätte.

Sie warf einen raschen Blick auf ihre Pflegebefohlene.

Da saß sie auf dem Tritt, auf dem die Lehrerin sonst selbst immer

rastete, und zupfte mit einem verstörten Lächeln an den Fransen des

Fensterkissens herum. Fräulein Dewitz stutzte. Wie merkwürdig zuckten

die Lippen in diesem blassen Gesicht, wie krampfhaft gespreizt hielt sie

ihre Finger, und wie unnatürlich wogte die Brust, als ob sie nur mit

großer Qual laute, wilde Rufe unterdrücke.

»Lieber Gott!«

Fräulein Dewitz erschrak so über diesen Anblick, daß ihr alles andere

nebensächlich wurde und ihre Hand auf der Türklinke zitterte.

»Herrgott, Lining,« stotterte sie.

Doch die Angerufene zupfte weiter. In ihren Zügen fuhr es hin und

wieder. Endlich schien sie ein Wort gefunden zu haben: »Weiß man nicht,«

stieß sie atemlos hervor, »wohin er gegangen ist?«

»Wohin?«

Die alte Dame besann sich. Hatte sie das in der Eile etwa vergessen?

»Nach Amerika natürlich, nach Amerika war er geflüchtet, jenseits des

Wassers, wie es alle diese Leichtsinnigen tun, die ihre Ehre verloren

haben, und -- --«

Die Hast der Erzählerin hatte sie bereits wieder zu weit geführt. Von

neuem mußte sie sich unterbrechen, denn Line stand langsam auf.

»Mein Gott, mein Gott,« dachte das alte Fräulein, »wie wenn ihr die

Glieder nicht mehr gehorchen wollen. Der Schreck muß sie wohl

versteinert haben.«

»Lining,« stammelte sie ängstlich. »Was ist dir?« Da stieß das Mädchen

endlich, endlich einen Schrei aus. Kurz, rücksichtslos, durchdringend,

und fortan fiel alles Erzwungene, Anerzogene von ihr ab, als wenn sie

niemals auf Zehen durch diese Räume gehuscht wäre.

Sie stürzte auf die alte Dame zu und rüttelte diese am Arm, als hätte

das gute Fräulein ein Verbrechen gegen sie begangen.

»Hat er nichts für mich hinterlassen?« schrie sie und ballte die Fäuste.

»Ich will wissen, ob er für mich nichts hinterlassen hat?«

»Für dich?« wiederholte Fräulein Dewitz vor Schreck starr und gänzlich

verständnislos.

»Hat er nichts für mich hinterlassen?« tobte die Verzweiflung noch

einmal aus dem Mädchen. Und als die Handarbeitslehrerin gänzlich

erschüttert hervorbrachte, warum der Entflohene denn gerade an sie, an

Line -- über sein Vorhaben etwas berichtet haben sollte, da lachte die

Entfesselte auf, jenes schrille, tolle Lachen, welches über die

Beschränktheit höhnt, die das Natürliche nicht sehen will, und warf sich

vor ihrer Kommode nieder und begann sie auszuräumen.

Alles klirrte und rollte auf der Erde herum, der alten Dame, die ihren

Augen nicht traute, gerade vor die Füße.

»Da -- und da -- und da.«

»Herrgott, was soll das?«

Dem armen alten Fräulein begannen die Hände zu zittern, vor ihren Augen

flimmerte es, sie mußte sich an der Klinke festhalten, sonst wäre sie

gefallen.

»Lining -- barmherziger Himmel -- woher dast du das alles?«

»Das? -- das?«

Das wußte die Rasende im Moment nicht, woher sollte sie das wissen?

Darauf konnte sie sich nicht besinnen. Sie zerrte an den Ketten und

Ringen herum und schlug mit den Fäusten darauf, und dann -- dann brachte

sie eine Photographie Brunos hervor, um sie in Stücke zu reißen, und die

Fetzen im nächsten Moment wieder an die Lippen zu pressen und sie wieder

wie entsetzt von sich zu schleudern.

Ach, und die gute, alte Dame!

In ihrem Altjungferngemüt dämmerte durch all ihr Entsetzen die einzige

Erklärung auf, die einzige Hoffnung, die der frommen Beschränktheit

möglich erschien: »Lining,« stotterte sie vor Furcht und Überraschung

beinahe gelähmt. »Du hast ihn wohl am Ende gar lieb gehabt?«

»Ja -- nein -- ja.«

»Lining, willst du mir denn nichts davon erzählen?«

»Nein.« -- Das Mädchen erhob sich plötzlich von den Knien, sah sich wirr

um und raffte ihren Schmuck zusammen: »Ich will hier fort.«

»Fort? Fort? -- Doch nicht von mir? -- Warum denn?«

»Weil ich hier nichts mehr zu suchen hab'. Weil ich nicht weggejagt

werden will -- weil ich hier nichts mehr hören und sehen mag!« rief sie

wie in heftigem Zorn, und ohne der alten Dame, die sie als Kind

aufgenommen, die Hand gereicht zu haben, ja ohne ein Wort des Dankes,

nur mit einem einzigen rollenden Blick, in dem die ganze Abneigung

glühte, die diese fromme Engnis jahrelang in ihr aufgespeichert, so lief

Line von dannen, barhäuptig, mit flatterndem Kleide, ähnlich, wie sie

einstmals gekommen.

Die Handarbeitslehrerin aber saß auf ihrem Sofa und knöpfte die

Handschuhe auf und zu und faßte sich an die Stirn und wollte ihrer

Pflegetochter nach und sank wieder zusammen und dachte Anfang und Ende

zu verknüpfen und sann und sann und rang die Hände: Wie war denn das?

Und die gute Erziehung nützte gegen die Sünde nichts mehr? Und

Dankbarkeit gab es auch nicht mehr? -- Kein Wort des Dankes? Und all die

guten Lehren waren umsonst? Und das enge, abgeschlossene Haus hütete

nicht sicher? Und die kleinen Wirtschaftssorgen ließen noch etwas

anderes zu? -- Mein Gott, und Dankbarkeit gab es in der Tat nicht mehr?

Wie ist denn das? -- Junge Welt -- alte Welt -- wie ist denn das?

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Unterdessen lief Line durch die Straßen, mit dem kleinen Bündel in der

Hand und barhäuptig, denn dieser übergewaltige Stoß hatte sie die junge

Dame vergessen lassen, sie war wieder die Lotsentochter, die

Fischerdirne, die da meinte, daß die Welt sich an ihr versündigt habe,

daß sie bitteres Unrecht leide, und zwischen Wut und Scham schoß es ihr

zuweilen unklar durch den Sinn, sie müsse sich rächen.

An wem?

Das wußte sie nicht, aber sie fühlte doch diesen heißen, brennenden

Zorn, diese jagende Wut, die sie vorwärts trieben und die ihr vorläufig

noch das Gefühl ungebändigter Kraft liehen. Und während sie am Fluß

entlang auf Moorluke zueilte, da entlud sie sich in tausend wilden

Schwüren, unaufhörlich murmelte sie es vor sich hin: Oh, sie wollte sich

schon forthelfen, wenn sie auch alle anderen verließen, sie würde schon

triumphieren, sie würde -- -- -- Und stürmisch eilte sie weiter, dem

pfeifenden Winde entgegen, der vom Meere hereinstieß. Sie sah nicht, wie

grau und fahl sich der Himmel umzogen hatte, sie hörte nicht das

Rauschen der Binsen an den Ufern, sie merkte nicht das Knistern der

Staubwolken, die an ihr vorüberjagten, nur vorwärts rannte sie, ohne zu

wissen, zu wem, denn sie wollte weder zu Mudding noch zu Hann, noch zu

sonst jemand anderem, willenlos wurde sie vorwärts getrieben, bis sie

plötzlich dunkle Bäume sich erheben sah, und darüber aufragend von ferne

die Klosterruinen, ebenfalls in einem fahlen, wechselnden Licht.

Als sie das rote, kalte Mauerwerk auftauchen sah, da stand sie still.

Da duckte sie sich, wie geschlagen. Ein Blitz durchzuckte sie,

schmerzhaft, stechend; zum erstenmal in all dieser Zeit überkam sie die

Erinnerung an den Menschen, mit dem sie schon einmal unter den Ruinen

gesessen, damals, als sie sich als kleines Mädchen auf seinem Schoß in

den Schlaf einwiegte, als alles seinen Anfang nahm.

Ja, ja, dort drüben war es gewesen.

Sie hob den Arm und schüttelte die Faust nach den Ruinen, und der Wind

zauste in ihren Haaren. Jämmerlicher Kerl! -- Erst sie in Schande

gestürzt -- in Schande -- Schande, und dann fortgelaufen und sie unter

den höhnischen Gesichtern im Stich gelassen, sie und -- --

Ja, ja, das war es; der erhobene Arm sank ihr, wirr blickte sie um sich,

und in diesem Augenblick achtete sie zuerst darauf, wie ihr der Wind

durch das Jäckchen fuhr, und wie die Binsen sich rauschend bis zu dem

schwarzen, unheimlichen Wasser neigten. Wie das gurgelte, und wie

weltverlassen sie hier stand. Außer ein paar weidenden Kühen jenseits

des Flusses nichts Lebendiges ringsum.

Sie fröstelte und raufte eine der Binsen aus. Wenn doch ein Mensch

gekommen wäre, aber nichts regte sich. Die Einsamkeit umschattete sie.

Brennende Angst wuchs in ihr groß.

So -- ja, so würde sie gemieden sein, denn die Leute hier fürchteten

sich vor der Schande, oh, sie verkrochen sich davor; Line dachte daran,

wie Fräulein Dewitz sich oft davor gesegnet und bekreuzigt hatte, und

die Schande versperrte ihr ja auch anderwärts für die nächste Zeit Pfad

und Unterkommen. Gewiß -- sicherlich, das hatte sie noch gar nicht ins

Auge gefaßt. Sie kaute an dem Binsenhalm, und, nachdem sie ihn

fortgeworfen, trat sie in ihrer Verwirrung laut weinend mit den Füßen

darauf herum, um schließlich wieder die Faust gegen die Ruinen zu

richten: »Jämmerlicher Mensch!«

Aber was war das?

Durch den pfeifenden Wind hindurch antwortete von jenseits des Wassers

ein langgezogener, heulender Ton, der hatte etwas Wildes,

Markerschütterndes. Line war zu aufgeregt, um sich zu sagen, daß der

Laut von einem der weidenden Tiere herrühren müsse, nein, sie stand und

starrte mit weit aufgerissenen Augen über das Wasser auf die fahle

Ebene.

Wie lautete doch ihr letztes Wort? -- Jämmerlicher Mensch? -- Nein, nein,

das war ja nicht die Wahrheit. Sie -- sie allein trug ja alle Schuld.

Sie hatte ja Hexenmittel angewandt, um ihn anzulocken.

Ihre Sinne mußten sich wohl verwirren. Wie spielend schritt sie über das

moorige Ufer, das unter ihr einsank, bis das schwarze Wasser über ihren

Fuß kroch.

Hu, das war eisig.

Ruckartig zuckte sie zurück und stürzte wieder auf den Weg.

Dort drüben, wenige Schritte von ihr, ragte der Moorluker Turm, ganz

dicht ihr zur Seite starrten die Brückenreste aus dem Fluß, und da -- da

bei den Stümpfen, da besorgten verschiedene Fischer einstweilen die

Fähre, und unter ihnen glaubte sie jetzt auch die plumpe Gestalt von

Hann zu erkennen.

Und jetzt? -- Rief da nicht etwas »Lining«?

Nein, nein, nur nicht zu dieser plumpen Ehrlichkeit, das war das

Schlimmste von allem, gerade dagegen empfand sie solchen Widerwillen,

davor solche Furcht. Und jetzt rief es wieder: »Lining!«

Mehr hörte sie nicht. Mit wirbelnden Röcken lief sie den Landweg zurück,

immer vor sich hinsagend: »Nicht Hann -- nicht Hann.«

Vor ihr türmte sich im fahlen, blauen Schein die Stadt auf.

In einer halben Stunde würde sie wieder dort einziehen, von wo sie vor

einiger Zeit gekommen. Wie lange war das wohl her? Und wohin? Zu wem

lief sie jetzt? In ihrer Ratlosigkeit begann sie wild und heftig zu

schluchzen. Ob sie nicht doch zu Fräulein Dewitz gehen und alles

bekennen sollte? -- Nein, nein, lieber zurück in das schwarze Wasser.

Aber plötzlich war ihr das Ziel eingefallen. Paul.

Der neue Pastor. Warum gerade der, darüber vermochte sie sich in ihrer

Aufregung keine Rechenschaft abzulegen, sie fühlte nur, er sei der

Rechte, auf seinem Namen läge Ruhe.

Um die Mittagsstunde trat sie in sein Zimmer. Alles leer. Doch da die

Wirtin meinte, Paul müsse bald zurückkehren, er sei nur von einem Diener

des Konsuls abgerufen worden, so beschloß Line zu warten.

Todmüde sank sie auf einem Stuhl zusammen, und das Bündel, das sie bis

jetzt geistesabwesend getragen, klirrte neben ihr zur Erde.

Sie wunderte sich zwar über den Klang, aber sie rührte sich nicht mehr.

Regungslos, mit festgeschlossenen Augen hockte sie auf dem Sitz,

traumhaft umflossen von dem Gedanken »wie ruhig -- wie ruhig.«

Stunde auf Stunde verging, sie hatte kein Verlangen, sich zu erheben,

nur wenn sie einmal den Kopf hob, dann fiel ihr Blick regelmäßig auf

eine kleine, weiße Christusstatuette, die mit den gastlich geöffneten

Armen auf der Birkenholzkommode stand und sie anzusehen schien.

Wohl fielen ihr die Augen wieder zu, aber immer wieder erhob sich die

weiße Gestalt vor ihrem Blick, und plötzlich mußte sie daran denken, daß

dies die Stellung wäre, in der Er gesprochen: »Lasset die Kindlein zu

mir kommen.«

Hann Klüth: Roman · 第 61 / 76 题